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Die Kleinbürger

Honoré de Balzac: Die Kleinbürger - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Kleinbürger
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn325720468X
translatorHugo Kaatz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20180124
projectidf5e4c325
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In diesen Quartieren ist das Friedensgericht der höchste Gerichtshof, und alle Klagen werden hier endgültig entschieden, besonders seitdem das Gesetz ihm die letzte Entscheidung in allen Streitsachen, wo der Wert des Streitgegenstandes hundertvierzig Franken nicht übersteigt, zugewiesen hat. Man machte dem Gerichtsvollzieher Platz, der ebenso gefürchtet war wie der Friedensrichter. Auf der Treppe sah er Frauen sitzen: eine fürchterliche Ausstellung, ähnlich wie Blumen auf einer Etagere, darunter junge, blasse und kranke, so daß bei den verschiedenen Farben der Halstücher, Hauben, Röcke und Schürzen dieser Vergleich treffender als jeder andere erscheinen dürfte. Dutocq wurde beinahe ohnmächtig, als er die Tür zu dem Raum öffnete, in dem schon sechzig Personen ihre Ausdünstungen zurückgelassen hatten.

»Ihre Nummer, Ihre Nummer!« schrien alle.

»Haltet die Schnauze!« rief eine rauhe Stimme von der Straße her, »das ist ja die Feder des Friedensrichters.«

Es entstand ein tiefes Schweigen. Dutocq fand seinen Sekretär in einer Weste aus gelbem Leder, wie die Handschuhe der Gendarmerie, über der Cérizet eine häßliche gestrickte Wolljacke anhatte. Man kann sich das kranke Gesicht vorstellen, das aus einem solchen Futteral herausguckte, über dem ein schlechtes seidenes Käppchen die Stirn und den haarlosen Hinterkopf sehen ließ und so diesem Antlitz einen ebenso scheußlichen wie drohenden Ausdruck, zumal beim Licht einer Kerze, von denen zwölf aufs Pfund gehen, verlieh.

»So geht das nicht, Vater Lantimèche«, sagte Cérizet zu einem, der siebzig Jahre auf dem Rücken zu haben schien und vor ihm mit seiner rotwollenen Mütze in der Hand stand; sein Kopf war kahl und seine weiß behaarte Brust zeigte häßliche rote Pickel. »Sie müssen mir erklären, was Sie unternehmen wollen! Hundert Franken, auch wenn Sie mir hundertzwanzig wiedergeben wollen, die läßt man nicht davonlaufen, wie einen Hund in die Kirche . . .«

Die fünf übrigen Anwesenden, darunter zwei Frauen, beide mit Säuglingen, von denen die eine strickte, die andere nährte, brachen in ein Gelächter aus.

Als er Dutocq erblickte, erhob sich Cérizet respektvoll, ging ihm rasch entgegen und sagte noch zu dem Alten:

»Sie können sich die Sache noch überlegen; denn, sehen Sie, was mich dabei beunruhigt ist, daß ein alter Schlossermeister eine Summe von hundert Franken verlangt.«

»Aber es handelt sich doch um eine Erfindung!« rief der alte Arbeiter aus.

»Eine Erfindung und hundert Franken?! . . . Sie kennen die gesetzlichen Vorschriften nicht; dazu sind zweitausend Franken erforderlich«, sagte Dutocq; »man muß ein Patent haben und Protektion.«

»Das ist wahr,« sagte Cérizet, der sehr auf solche günstige Gelegenheitsgeschäfte rechnete, »also kommen Sie morgen früh um sechs Uhr wieder, Vater Lantimèche, dann wollen wir weiter darüber sprechen: in Gesellschaft kann man nicht gut über eine Erfindung reden . . .«

Das erste Wort, das Cérizet von Dutocq hörte, war: »Wenn es eine gute Sache ist, dann Halbpart! . . .«

»Sind Sie vielleicht deshalb so früh aufgestanden, um mir das zu sagen?« fragte der mißtrauische Cérizet, der sich über das »Halbpart« geärgert hatte. »Sie hätten mich ja auf dem Gericht getroffen.«

Und er sah Dutocq verstohlen an; dieser, obwohl er ihm nichts vorlog und von Claparon und der Notwendigkeit, die Angelegenheit mit Theodosius zu beschleunigen, sprach, schien sich dabei zu verwickeln.

»Sie hätten mich jedenfalls heute früh auf dem Gericht sprechen können . . .« wiederholte Cérizet, während er Dutocq bis zur Tür begleitete.

»Das ist einer,« sagte er zu sich und setzte sich wieder auf seinen Platz, »der mir die Laterne ausgeblasen zu haben scheint, damit ich nicht klar sehe. Na, dann werden wir unsere Sekretärstelle aufgeben . . . Sie sind dran, Mütterchen!« rief er; »Sie erfinden Kinder . . . Das ist lustiger, obgleich das eine bekannte Sache ist!«

Es ist um so weniger erforderlich, über die Zusammenkunft der drei Spießgesellen zu berichten, als die dabei getroffenen Verabredungen die Grundlage für die vertrauliche Unterhaltung zwischen Theodosius und Fräulein Thuillier bildeten; aber es ist nötig, darauf hinzuweisen, daß die Gewandtheit, die la Peyrade dabei entwickelte, Cérizet und Dutocq beinahe verblüffte. Seit dieser Konferenz war bei dem Bankier der Armen der Gedanke aufgetaucht, seine Hand aus dem Zusammenspiel zu ziehen, da er sich so klugen Gegenspielern gegenüber sah. Eine Partie um jeden Preis zu gewinnen und die geschicktesten Gegner zu überwinden, sei es auch durch eine Schurkerei, das verlangt die den Freunden des grünen Tisches eigene Eitelkeit. Das wurde der Anlaß zu dem fürchterlichen Schlage, der la Peyrade treffen sollte.

Dieser kannte übrigens seine beiden Spießgesellen genau; daher strengte ihn, trotz der beständigen Anspannung seiner Geisteskraft, trotz des andauernden Aufpassens, die seine zehn verschiedenen Masken verlangten, nichts so sehr an, wie die Rolle, die er vor seinen beiden Komplizen zu spielen hatte. Ein unbewegliches Gesicht à la Talleyrand hätte ihren Bruch mit dem Provenzalen zur Folge gehabt, der sich in ihren Klauen befand, und er mußte ein argloses, vertrauliches Wesen und ein offenes Spiel vortäuschen, was sicher den Höhepunkt der Schauspielerkunst darstellte. Das Parterre in die Illusion versetzen, diesen Triumph kann man alle Tage haben, aber Fräulein Mars, Frédéric Lemaître, Potier, Talma, Monrose täuschen, das ist der Gipfel der Kunst.

Diese Konferenz verursachte la Peyrade, der ebenso scharfsinnig wie Cérizet war, eine heimliche Angst, die ihm während der letzten Periode dieses Riesenkampfes das Blut erhitzte und ihm zeitweilig das Herz derart in Flammen setzte, daß er sich in dem krankhaften Zustande eines Spielers befand, der mit dem Auge das Kreisen der Roulette verfolgt, nachdem er seinen letzten Einsatz gewagt hat. Die Sinne besitzen dann eine Hellsichtigkeit beim Handeln, und die Scharfsinnigkeit erreicht eine Höhe, für die die menschliche Wissenschaft noch kein Maß gefunden hat.

Am Tage nach der Besprechung erschien la Peyrade zum Essen bei Thuilliers; und unter dem üblichen Vorwande, daß sie Frau von Saint-Foudrille, der Gattin des berühmten Gelehrten, mit der er sich befreunden wollte, einen Besuch abstatten müßten, nahm Thuillier seine Frau mit sich fort und ließ Theodosius mit Brigitte allein. Weder Thuillier, noch seine Schwester, noch Theodosius wurden durch diese Komödie getäuscht, die der alte Beau der Kaiserzeit ein diplomatisches Manöver nannte.

»Junger Mann, mißbrauche die Unschuld meiner Schwester nicht, respektiere sie«‹, sagte Thuillier feierlich, bevor er sich entfernte.

»Haben Sie schon daran gedacht, mein Fräulein,« sagte Theodosius und zog seinen Sessel an das Sofa heran, auf dem Brigitte strickte, »die Kaufmannschaft des Bezirks für Thuillier nutzbar zu machen?«

»Wie denn?« sagte sie.

»Sie stehen doch in Geschäftsverbindung mit Barbet und Métivier.«

»Ach richtig! . . . Sie sind wahrhaftig ein Schlauberger!« sagte sie nach einer Pause.

»Wen man gern hat, dem macht man sich nützlich!« erwiderte er in wohlgesetzten Worten nach einer Weile.

Brigitte herumbekommen, das bedeutete in diesem langen seit zwei Jahren geführten Kampfe dasselbe, wie die große Schanze an der Moskowa erstürmen, den Höhepunkt. Aber man mußte von diesem Mädchen Besitz ergreifen, wie der Teufel, wie man im Mittelalter glaubte, Leute besessen hat, und zwar so, daß jedes Auflehnen dagegen unmöglich würde. Seit drei Tagen schlug sich la Peyrade mit dieser Aufgabe herum, und er hatte sie in ihrem ganzen Umfange durchdacht, um sich über ihre Schwierigkeiten klar zu werden. Schmeicheleien, dieses in geschickten Händen unfehlbare Mittel, verfingen bei einem weiblichen Wesen nicht, das seit langem wußte, daß ihm jede Schönheit mangelte. Aber für den willensstarken Mann gibt es nichts Unbezwingliches, und die Lamarques verstehen immer, Capri zu erobern. Es darf daher nichts von der denkwürdigen Szene, die sich an diesem Abend abspielte, weggelassen werden; alles hat dabei seine Bedeutung, die Ruhepausen, die zu Boden gesenkten Augen, die Blicke, die Betonung der Worte.

»Aber Sie haben uns ja schon bewiesen,« entgegnete Brigitte, »daß Sie uns sehr gern haben . . .«

»Hat Ihr Bruder schon mit Ihnen gesprochen? . . .«

»Nein, er hat nur gesagt, daß Sie mit mir zu reden hätten . . .«

»Jawohl, mein Fräulein, Sie sind ja der Mann in der Familie; aber nach reiflicher Überlegung habe ich die Sache doch zu gefährlich für mich gefunden, man stellt sich bei so etwas nur für seine Nächsten heraus . . . Es handelt sich um ein Vermögen, um dreißig- bis vierzigtausend Franken Rente, ohne die geringste Spekulation . . . um ein Grundstück! . . . Der dringende Wunsch, Thuillier ein Vermögen zu verschaffen, hat mich zuerst verlockt . . . So etwas blendet einen, wie ich ihm sagte; . . . denn, wenn man kein Dummkopf ist, muß man sich fragen: ›Was bezweckt er mit soviel Freundschaftlichkeit?‹ Ich habe ihm deshalb gesagt, daß wenn ich für ihn arbeite, ich mir schmeichle, damit auch für mich selbst zu arbeiten. Will er Deputierter werden, so ist zweierlei absolut nötig: er muß den Zensus bezahlen und sich durch seinen Namen und durch eins gewisse Berühmtheit empfehlen können. Wenn ich meine Ergebenheit so weit treibe, daß ich ihm helfen will, ein Buch über den Staatskredit oder irgend so etwas zu verfassen, . . . dann muß ich auch an ein Vermögen denken, . . . und von Ihnen wäre es töricht, ihm dieses Haus zu geben . . .«

»Meinem Bruder? . . . Aber ich würde es morgen auf seinen Namen eintragen lassen!« . . . rief Brigitte; »Sie kennen mich noch nicht . . .«

»Ich kenne Sie noch nicht ganz,« sagte la Peyrade, »aber ich weiß so viel von Ihnen, daß ich bedaure, Ihnen nicht von Anfang an alles gesagt zu haben, als ich die Schritte tat, denen Thuillier seine Wahl zu verdanken haben wird. Denn schon am Tage nach seiner Aufstellung werden sich die Neider bemerkbar machen und es wird eine harte Aufgabe für ihn werden; man muß sie verblüffen und allen Einwänden seiner Rivalen zuvorkommen!«

»Aber die Geschäftssache,« . . . sagte Brigitte, »worin bestehen denn die Schwierigkeiten?«

»Mein Fräulein, die Schwierigkeiten bestehen in meinen Gewissensbedenken, . . . und ich kann Ihnen hierbei keine Dienste leisten, bevor ich mich nicht meinem Beichtvater anvertraut habe . . . Denn geschäftlich ist es eine absolut legale Sache; wie könnte ich, Sie werden das verstehen, ich, ein in das Register eingetragener Advokat, ein Mitglied dieser Genossenschaft mit ziemlich strengen Grundsätzen, ein Geschäft in Vorschlag bringen, das irgendeine Angriffsfläche böte . . . Ich tue es überhaupt nur, weil ich selbst nicht einen Heller dabei verdiene . . .«

Brigitte saß wie auf Kohlen, ihr Gesicht glühte, sie zerriß ihren Faden, knüpfte ihn wieder zusammen und wußte nicht, wie sie sich verhalten solle.

»Man kann heute aber doch,« sagte sie, »nicht vierzigtausend Franken Ertrag von einem Hause haben, wenn man nicht mindestens eine Million und achtmalhunderttausend Franken dafür bezahlt . . .«

»Oh, Sie sollen es sehen und den Ertrag selber schätzen, und ich garantiere Ihnen, daß ich es Thuillier für fünfzigtausend Franken verschaffen werde.«

»Nun, wenn Ihnen das gelingt,« rief Brigitte, die, von Habgier verzehrt, in die höchste Erregung geraten war, »dann, mein lieber Herr Theodosius . . .«

Sie stockte.

»Nun, mein Fräulein, was dann?«

»Dann werden Sie vielleicht auch für Ihr eigenes Interesse gearbeitet haben . . .«

»Oh, wenn Thuillier Ihnen mein Geheimnis verraten hat, dann verlasse ich das Haus.«

Brigitte erhob den Kopf.

»Hat er Ihnen verraten, daß ich Céleste liebe?«

»Nein, so wahr ich ein anständiges Mädchen bin!« rief Brigitte aus; »aber ich wollte gerade von ihr reden.«

»Sie wollen sie mir anbieten? . . . Nein, Gott verzeihe mir, ich will sie nur ihr selbst, ihren Eltern, ihrem freien Entschlusse zu verdanken haben . . . Nein, von Ihnen verlange ich nur Ihr Wohlwollen und Ihre Gunst . . . Versprechen Sie mir nur, wie Thuillier, als Preis für meine Dienste Ihre Hilfe und Ihre Freundschaft; sagen Sie mir, daß Sie mich wie einen Sohn behandeln werden . . . Dann werde ich mir Ihren Rat erbitten. Dann kann ich Ihnen die Entscheidung überlassen und brauche nicht mit meinem Beichtvater zu sprechen. Sehen Sie, seit zwei Jahren sehe ich mich nach der Familie um, in die ich eintreten möchte, und der ich als meine Mitgift meine Energie zubringe . . . Denn ich werde meinen Weg machen! . . . Ich habe wohl bemerkt, daß Sie die Ehrenhaftigkeit der alten Zeiten besitzen und eine klare unverwirrbare Urteilsfähigkeit . . . Sie sind geschäftserfahren, und einen so beschaffenen Menschen hat man gern an seiner Seite . . . Mit einer Schwiegermutter von Ihrer Tüchtigkeit wäre ich in meinem häuslichen Leben einer Menge kleinlicher Geldsorgen überhoben, die Einen auf der politischen Bahn hemmen, wenn man sich selbst damit befassen muß . . . Ich habe Sie am letzten Sonntag wahrhaft angestaunt . . . Ach, wie schön waren Sie da! Wie haben Sie das alles arrangiert! Ich glaube, in zehn Minuten war das Speisezimmer ausgeräumt . . . Und ohne daß Sie das Haus zu verlassen brauchten, war alles da, was für Erfrischungen und für das Souper gebraucht wurde . . . Da habe ich mir gesagt: ›So muß eine Frau aussehen, die ihr Hauswesen zu leiten versteht!‹« . . .

Brigittes Nasenflügel hoben sich, und sie sog die Worte des jungen Advokaten ein; er beobachtete sie verstohlen und genoß seinen Triumph. Er hatte ihre empfindlichste Stelle berührt.

»Ach,« sagte sie, »an das Wirtschaften bin ich ja gewöhnt, das verstehe ich!«

»Sich von einem so offenen reinen Gewissen beraten lassen,« begann Theodosius wieder, »ja, das genügt mir!«

Er war aufgestanden; jetzt setzte er sich wieder und fuhr fort:

»Also unser Geschäft, liebe Tante . . . Sie werden ja so etwas wie meine Tante sein . . .«

»Schweigen Sie davon, Sie böser Mensch!« sagte Brigitte, »und nun reden Sie.«

»Ich will Ihnen die nackten Tatsachen unterbreiten, wobei Sie bemerken werden, daß ich mich dadurch bloßstelle, denn ich verdanke diese vertraulichen Nachrichten meiner Stellung als Advokat . . . Sie mögen sich also vorstellen, daß wir zusammen eine Art Roman-Verbrechen begehen! Ein Pariser Notar hat sich mit einem Architekten assoziiert, sie haben Terrains erworben und sie bebaut; jetzt ist die Sache zusammengebrochen; . . . sie haben sich in ihren Berechnungen geirrt . . . aber lassen wir das beiseite . . . Unter den Häusern dieser rechtswidrigen Sozietät – denn Notare dürfen keine Grundstücksgeschäfte machen – befindet sich eins, das, weil es noch nicht fertig ist, so niedrig eingeschätzt ist, daß sein Kaufpreis sich kaum auf hunderttausend Franken stellen wird, obwohl das Terrain und der Bau vierhunderttausend Franken gekostet haben. Da nur noch das Innere fertigzustellen ist und sonst weiter keine Kosten in Frage kommen, und andererseits alles hierzu Erforderliche bei den Unternehmern bereitliegt, die es billig hergeben würden, so kann die Summe, die man noch hineinstecken müßte den Betrag von fünfzigtausend Franken nicht übersteigen. Nun wird das Haus bei seiner Lage nach Abzug aller Unkosten mehr als vierzigtausend Franken Ertrag bringen. Es ist ganz in echtem Stein gebaut, nur die Seitenmauern aus Bruchsteinen; die Fassade ist mit den kostbarsten Skulpturen, für die man mehr als zwanzigtausend Franken ausgegeben hat, ausgestattet. Die Fenster haben Spiegelscheiben und Verschlüsse nach einem neuen System, sogenannte Pasquillschlösser.«

»Schön, aber wo steckt die Schwierigkeit?«

»Hierin: der Notar hat sich dieses Stück des Kuchens, den er im Stich lassen muß, vorbehalten, und unter dem Namen eines seiner Freunde gehört er zu den Darlehnsgebern, für die der Konkurs-Syndikus das Grundstück versteigern läßt; es ist keine gerichtliche Versteigerung, die sich zu teuer stellen würde, sondern eine freiwillige; nun hat sich der Notar, um es zu erwerben, an einen meiner Klienten gewandt und ihn gebeten, seinen Namen dafür herzugeben; mein Klient, ein armer Teufel, hat mir gesagt: ›Daran ist ein Vermögen zu verdienen, wenn man das dem Notar wegschnappen könnte . . .‹«

»So was kommt im Geschäftsleben vor«, rief Brigitte lebhaft.

»Wenn es nur diese Schwierigkeit gäbe, so würde es sich damit so verhalten, wie einer meiner Freunde zu einem Schüler sagte, der sich über die Mühseligkeit beklagte, die die Herstellung eines Kunstwerks der Malerei erfordere: ›Wenn das nicht so wäre, Kleiner, da könnten ja die Lakaien auch welche anfertigen!‹ Aber, mein liebes Fräulein, wenn es auch gelingt, diesen üblen Notar zu überlisten, der, das können Sie mir glauben, das reichlich verdient hat, denn er hat viele Privatvermögen geschädigt, so wird es vielleicht sehr schwer sein, ihn noch ein zweites Mal übers Ohr zu hauen. Wenn ein Grundstück veräußert wird und die Gläubiger ihre Hypotheken wegen des unzulänglichen Preises in Gefahr sehen, dann haben sie die Möglichkeit, innerhalb einer gewissen Frist eine Neuausbietung verlangen zu können, das heißt, mehr zu bieten, um das Grundstück selber zu erwerben. Kann man nun diesen Schwindler nicht bis zum Ablauf der für die Neuausbietung gesetzten Frist hinhalten, so muß man zu einer neuen List greifen. Aber ist ein solches Vergehen auch ganz legal? . . . Kann man das für eine Familie tun, deren Mitglied man werden will? . . . Das ist es, was ich mich seit drei Tagen frage . . .«

Brigitte, das muß zugegeben werden, schwankte, und Theodosius rückte nun mit seiner letzten Reserve heraus.

»Überschlafen wir die Sache; morgen können wir weiter darüber reden . . .«

»Hören Sie, mein Junge,« sagte Brigitte und sah den Advokaten mit beinahe verliebtem Blicke an, »vor allem muß man das Haus sehen. Wo steht es?«

»Nahe bei der Madeleinekirche! Und dort wird in zehn Jahren der Mittelpunkt von Paris sein! Schon im Jahre 1819, wissen Sie, hat man diese Terrains ins Auge gefaßt. Das Vermögen des Bankiers du Tillet stammt dorther . . . Der berüchtigte Bankrott des Notars Roguin, der einen solchen Schrecken in Paris verursachte und dem Ansehen des Notariats einen so bösen Schlag versetzte, dieser Bankrott, der den bekannten Parfümhändler Birotteau mit sich riß, hatte keine andere Veranlassung; sie spekulierten ein wenig zu früh auf das Steigen dieser Terrains.«

»Ich erinnere mich daran«, erwiderte Brigitte.

»Das Haus kann zweifellos Ende dieses Jahres fertig sein und von Mitte des nächsten Jahres ab vermietet werden.«

»Können wir morgen hingehen?«

»Ich stehe zur Verfügung, Schwiegertante.«

»Hören Sie, Sie dürfen mich niemals vor den andern so nennen . . . Und was das Geschäft anlangt,« fuhr sie fort, »so kann man sich erst entscheiden, wenn wir das Haus besichtigt haben . . .«

»Es hat sechs Stockwerke, eine Vorderfront von neun Fenstern, einen großen Hof, vier Läden und ist ein Eckhaus. Oh, der Notar versteht sich auf so was, darüber können Sie beruhigt sein! Aber es braucht nur irgendein politisches Ereignis einzutreten, und die Renten fallen und die Geschäfte gehen schlecht. An Ihrer Stelle würde ich alles, was Frau Thuillier besitzt, und alles, was Sie in Staatspapieren angelegt haben, verkaufen und für Thuillier dieses schöne Grundstück erwerben; Sie können dann das Vermögen der armen frommen Seele durch die künftigen Ersparnisse wieder einbringen . . . Kann die Rente denn noch höher steigen, als sie heute steht? . . . Hundertzwanzig, das ist ja fabelhaft! Man muß sich beeilen.«

Brigitte leckte sich die Lippen; sie sah die Möglichkeit vorhanden, ihr Kapital zu behalten und ihren Bruder auf Kosten seiner Frau zu bereichern.

»Mein Bruder hat ganz recht,« sagte sie zu Theodosius, »Sie sind wirklich ein kostbarer Mann, und Sie werden es noch weit bringen . . .«

»Aber er wird mir vorangehen!« erwiderte Theodosius so unbefangen, daß das alte Mädchen gerührt war.

»Sie werden zur Familie gehören«, sagte sie.

»Es wird aber Hindernisse geben,« fuhr Theodosius fort, »Frau Thuillier ist nicht ganz klar im Kopfe, und sie liebt mich durchaus nicht.«

»Na, das möchte ich doch sehen! . . .« rief Brigitte aus. »Aber erst wollen wir das Geschäft abschließen, wenn es annehmbar ist; Ihre Interessen überlassen Sie nur meinen Händen.«

»Wenn Thuillier Mitglied des Munizipalrats und Eigentümer eines Grundstücks ist, das ihm eine Miete von wenigstens vierzigtausend Franken bringt, wenn er dekoriert ist und ein politisches, gediegenes, ernsthaftes Buch publiziert hat . . . dann wird er bei einer der nächsten Wahlen Deputierter werden. Aber, unter uns, Tantchen, solche Dienste leistet man nur seinem Schwiegervater . . .«

»Sie haben recht.«

»Wenn ich auch kein Vermögen besitze, so werde ich dann doch das Ihrige verdoppelt haben; und wenn dieses Geschäft diskret gemacht ist, so werde ich mich noch nach andern solchen umsehen . . .«

»So lange ich das Haus nicht gesehen habe,« sagte Fräulein Thuillier, »kann ich noch nichts darüber sagen . . .«

»Also bestellen Sie morgen einen Wagen, und fahren wir hin; ich werde mir morgen früh die Erlaubnis zur Besichtigung besorgen.«

»Also auf morgen um zwölf Uhr«, erwiderte Brigitte und reichte Theodosius die Hand zum Einschlagen; er aber drückte auf sie den zärtlichsten und respektvollsten Kuß, den Brigitte jemals empfangen hatte.

»Adieu, mein Kind!« sagte sie, als er an der Tür war.

Dann klingelte sie schnell eins der Mädchen herbei und sagte:

»Josephine, gehen Sie sofort zu Frau Colleville und sagen Sie ihr, sie möchte zu mir kommen.«

Eine Viertelstunde später erschien Flavia im Salon, wo Brigitte in furchtbarer Aufregung hin und her ging.

»Hören Sie, Kleine, es handelt sich um einen großen Dienst, den Sie mir leisten können, und der auch unsre liebe Céleste angeht . . . Sie kennen doch Tullia, die Tänzerin an der Oper; seiner Zeit hat mir ja mein Bruder von ihr die Ohren voll erzählt . . .«

»Ja, meine Liebe; aber sie ist nicht mehr Tänzerin, sie ist jetzt die Frau Gräfin du Bruel. Und ihr Mann ist sogar Pair von Frankreich! . . .«

»Steht sie noch so gut mit Ihnen?«

»Wir sehen uns nicht mehr.«

»Nun, ich weiß, daß Chaffaroux, der reiche Unternehmer, ihr Onkel ist . . .« sagte die alte Jungfer. »Er ist alt und reich; besuchen Sie doch Ihre alte Freundin und sehen Sie zu, daß Sie ein paar Zeilen von ihr an ihren Onkel erhalten, des Inhalts, daß er ihr einen ganz besonderen Dienst leisten würde, wenn er ihr in einer Geschäftsangelegenheit, die Sie ihm vortragen würden, einen Freundesrat geben wollte, und daß wir ihn deshalb morgen um ein Uhr aufsuchen würden. Aber die Nichte soll dem Onkel das strengste Stillschweigen auferlegen! Gehen Sie, liebes Kind! Unsre geliebte Céleste wird einmal Millionärin sein, und sie soll, verstehen Sie wohl, aus meiner Hand einen Gatten bekommen, der sie auf die Höhe erheben wird.«

»Soll ich Ihnen seinen Anfangsbuchstaben sagen?«

»Nun? . . .«

»Theodosius de la Peyrade! Sie haben recht. Das ist ein Mann, der mit Unterstützung einer Frau wie Sie Minister werden kann!«

»Den hat uns der liebe Gott ins Haus geschickt«, rief die alte Jungfer aus.

In diesem Augenblick kehrten Herr und Frau Thuillier zurück.

Fünf Tage später, im Monat April, wurde im »Moniteur« und durch öffentlichen Anschlag der Tag für die Wahlen zum Munizipalrat auf den 20. dieses Monats anberaumt. Seit einigen Wochen war das sogenannte Ministerium des 1. März am Ruder. Brigitte war in rosigster Laune, sie hatte sich von der Wahrheit der Angaben Theodosius' überzeugt. Der alte Chaffaroux hatte das Haus vom Keller bis zum Dachboden besichtigt und es baulich für ein Meisterwerk erklärt, der arme Grindot, der bei den Geschäften des Notars und Claparons beteiligte Architekt, glaubte für den Unternehmer zu arbeiten; der Onkel der Frau du Bruel dachte, daß es sich um die Interessen seiner Nichte handle, und erklärte, er könne das Haus für dreißigtausend Franken fertigstellen. So war seit einer Woche la Peyrade für Brigitte der Gott; sie bewies ihm mit der harmlosesten Unverfrorenheit, daß man das Glück, sobald es einem begegne, beim Schopfe fassen müsse.

»Und wenn doch irgend etwas Sündhaftes dabei vorkommen sollte,« sagte sie im Garten zu ihm, »nun, dann können Sie es ja beichten . . .«

»Also vorwärts, lieber Freund,« rief Thuillier aus, »Teufel nochmal! Seinen Verwandten ist man das doch schuldig . . .«

»Ich will es ja auch tun,« erwiderte la Peyrade bewegt, »aber ich stelle meine Bedingungen. Ich will nicht, daß man mich, wenn ich Céleste heirate, für habsüchtig und geldgierig hält . . . Wenn ich Ihretwegen Gewissensbedenken auf mich nehme, dann sorgen Sie wenigstens dafür, daß ich vor der Öffentlichkeit nicht anders als bisher dastehe. Also, mein alter Junge, du darfst Céleste nicht mehr zuwenden als das bloße Eigentum an dem Hause, das ich dir verschaffen werde . . .«

»Das ist vernünftig . . .«

»Ihr dürft euch nicht berauben, und mein liebes Tantchen muß es ebenso machen, wenn wir den Ehekontrakt aufsetzen. Das übrige verfügbare Kapital müßt ihr auf Frau Thuilliers Namen ins Staatsschuldbuch eintragen lassen; was sie damit machen will, das soll in ihrem freien Belieben stehen. So wollen wir alle zusammen leben, und ich mache mich anheischig, selber vorwärts zu kommen, sobald ich über meine Zukunft beruhigt bin.«

»Einverstanden!« rief Thuillier. »So spricht ein Ehrenmann.«

»Ich muß Sie auf die Stirn küssen, mein Junge«, rief die alte Jungfer; »aber da doch eine Mitgift genannt werden muß, so wollen wir Céleste sechzigtausend Franken aussetzen.«

»Für ihre Toilette«, sagte la Peyrade.

»Wir sind ja alle drei ehrenhafte Leute«, rief Thuillier. »Also abgemacht, Sie besorgen uns die Sache mit dem Hause, wir schreiben zusammen ein politisches Buch, und Sie werden sich Mühe geben, mir den Orden zu verschaffen . . .«

»Das wird geschehen, sobald Sie Mitglied des Munizipalrats sind, also am 1. Mai. Nur bewahren Sie, lieber Freund, und auch Sie, Tantchen, das strengste Stillschweigen, und hören Sie nicht auf die Verleumdungen, die mich zugrunde richten sollen, sobald alle die, die ich nun hineinlegen werde, sich gegen mich wenden . . . Da werde ich ein Habenichts sein, wissen Sie, ein Schurke, ein gefährlicher Mensch, ein Jesuit, ein Ehrgeiziger, ein Geldjäger . . . Werden Sie solche Anschuldigungen auch ruhig mitanhören können? . . .«

»Darüber seien Sie ganz beruhigt«, sagte Brigitte. Von diesen Tagen an wurde Thuillier das »Freundchen«.

Das war die Anrede, die Theodosius jetzt gebrauchte, und zwar mit so verschiedenartiger zärtlicher Betonung, daß Flavia in Staunen geriet. »Tantchen« aber, eine Bezeichnung, die Brigitte so schmeichelhaft war, wurde nur gesagt, wenn Thuilliers unter sich waren, vor andern nur leise, und zuweilen auch in Flavias Gegenwart. Die Tätigkeit, die Theodosius, Dutocq, Cérizet, Barbet, Métivier, die Minards, die Phellions, Laudigeois, Collevilles, Prons, Barniols und ihre Freunde entwickelten, war ganz außergewöhnlich. Alle, groß und klein, legten Hand ans Werk. Cadenet warb in seinem Bezirk dreißig Stimmen und unterzeichnete für sieben Wähler, die nur ein Kreuz machen konnten. Am 30. April wurde Thuillier zum Mitgliede des Generalrats des Seinedepartements mit imposanter Majorität gewählt; es fehlten nur sechzig Stimmen zur einstimmigen Wahl. Am 1. Mai begab sich Thuillier mit den städtischen Körperschaften in die Tuilerien, um dem Könige die Geburtstagsglückwünsche darzubringen und kehrte strahlend heim! Er war unmittelbar hinter Minard vorgelassen worden.

Zehn Tage später kündigten gelbe Anklebezettel die freiwillige Versteigerung des Hauses an, das zum Preise von fünfzigtausend Franken angesetzt war; der endgültige Zuschlag sollte gegen Ende Juli erfolgen. In bezug darauf wurde zwischen Claparon und Cérizet ein Abkommen getroffen, wonach Cérizet Claparon eine Summe von fünfzehntausend Franken zusicherte, aber, wohlverstanden, nur mündlich, wenn es ihm gelänge, den Advokaten bis über die für das Höherbieten gesetzte Frist hinaus hinzuhalten. Fräulein Thuillier, von Theodosius darüber verständigt, erklärte zu dieser geheimen Klausel unbedenklich ihr Einverständnis, da sie einsah, daß man die Helfer bei einer so nützlichen verräterischen Handlung entschädigen müsse. Das Geld sollte durch die Hände des würdigen Advokaten gehen. Mitten in der Nacht hatte Claparon auf der Place de l'Observatoire eine Zusammenkunft mit seinen Spießgesellen, dem Notar, dessen Amt, obgleich es nach der Entscheidung der Disziplinarkammer der Pariser Notare verkauft werden sollte, noch nicht zum Verkauf gelangt war.

Dieser junge Mensch, der Nachfolger von Leopold Hannequin, hatte ein Vermögen, statt Schritt für Schritt, im Sturm erwerben wollen; da er noch andere Aussichten hatte, mußte er jeden Anstoß vermeiden. Bei der Besprechung war er mit seinen Ansprüchen bis auf zehntausend Franken heruntergegangen, um sich bei dieser unsauberen Angelegenheit in Sicherheit zu bringen: Claparon sollte er sie erst übergeben, nachdem der Erwerber des Grundstücks einen Revers ausgestellt hatte. Der Notar wußte, daß dieser Betrag das einzige Kapital darstellte, mit dem Claparon wieder zu Vermögen gelangen hoffte, und er hielt sich deshalb für sicher vor ihm.

»Wer in ganz Paris könnte mir eine solche Provision bei einem derartigen Geschäft zahlen?« sagte Claparon zu ihm mit gespielter Harmlosigkeit. »Sie können ganz beruhigt schlafen; der nominelle Steigerer wird einer von diesen Ehrenmännern sein, die zu dumm sind, um solche Absichten dabei zu haben, wie Sie . . . Es ist ein alter pensionierter Beamter; Sie werden ihm das Geld zum Bezahlen geben, und er wird Ihnen einen Revers ausstellen.«

Als der Notar Claparon klargemacht hatte, daß er die zehntausend Franken von ihm nicht bekommen könne, bot Cérizet seinem früheren Genossen zwölftausend Franken und verlangte dann von Theodosius fünfzehntausend, wobei er sich vorbehielt, Claparon jedenfalls nur zwölftausend zu geben. Alle Verhandlung zwischen den Vieren wurden mit den schönsten Versicherungen der Freundschaft und der Ehrlichkeit ausgeschmückt und darüber, daß Leute, die zusammenarbeiten und künftig sich wieder zusammenfinden müßten, einander das schuldig wären. Während dieser unterirdischen Bemühungen zu Gunsten Thuilliers, den Theodosius darüber auf dem laufenden erhielt, wobei er seinen Abscheu bezeigte, daß er sich mit so unsauberen Machenschaften befassen müsse, dachten die beiden Freunde über das Werk nach, das »Freundchen« publizieren sollte, und das Mitglied des Generalrates des Seinedepartements gewann die Überzeugung, daß es nie etwas werden könne ohne die Unterstützung dieses genialen Mannes, dessen Geist er bewundern mußte, und dessen Gefälligkeit ihn täglich so in Erstaunen setzte, daß er die Notwendigkeit einsah, ihn zu seinem Schwiegersohn zu machen. Daher speiste seit dem Monat Mai Theodosius einmal in der Woche bei seinem »Freundchen«.

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