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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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7

Wird's bald, Roman?« fragte Vater Bachmann, von seiner Schnitzarbeit aufblickend.

»Geschwind, Vater, geschwind bin ich fertig, und nachdem ist's nur mehr ein Sprung hinauf auf die Burg.«

Unter dem Namen »Burg« versteht man zu Innichen einen niederen Hügelrücken, der sich zwischen dem Haupt- und dem Sextental bis zum westlichen Abhange des Helmberges hinzieht. Woher der Name kommt, weiß niemand, denn wenn je eine Burg dort stand, so muß es zu einer Zeit gewesen sein, die dem Gedächtnisse des Volkes entschwunden ist. Die Anhöhe ist bewaldet, besonders auf der dem Orte zugewendeten Nordseite. Dort hatte Meister Bachmann kürzlich ein paar schöne Stämme gekauft, und seit jenem Morgen waren zwei Holzhauer für ihn am Werke. Aber Bachmann hatte keine Ruhe, ehe nicht einer seiner »Buben« an Ort und Stelle war, um die Arbeit zu beaufsichtigen.

Jetzt schnellte der Alte empor. »Will sehen, ob du die Tür findest, du damischer Kerl du!« Und die Faust auf die Armlehne seines Stuhles stützend, wandte er sich mit blitzenden Augen nach dem Sohne um, der eben mit seinem Leimpinsel einem invaliden Tische auf die Beine zu helfen versuchte.

Lachend erhob sich Roman von seiner knienden Stellung. »Brennt's, Vater?«

»Wo soll's denn brennen?« erkundigte sich Kandidus, der eben eintrat.

»O, der Vater und ich haben schon wieder einmal zu streiten,« versetzte der junge Bachmann in seiner ruhig fröhlichen Art, während er zum Alten trat und sich fast zärtlich über ihn neigte.

Der aber brummte: »Da patzt mir der dumme Bub eine Glockenstund an so einem Krüppel herum, wo's schad ist um die Zeit und um den Leim, und es wär' not, ich ging derweil selber zu den Hackern hinauf!«

Daß Bachmanns Poltern und Brummen nicht ernst gemeint sei, wußte Kandidus so gut wie Roman; wohl aber fiel es ihm auf, daß der junge Bachmann in der Tat ein gewisses Zögern verriet. Er erbot sich daher an seiner Stelle auf die Burg zu gehen.

»Was fällt denn dir ein?« fuhr ihn Bachmann an. »Was treibst denn du überhaupt da? Nette Manier das, die Arbeit stehen lassen und auf Allotria gehen! Oder das wirst mir nicht sagen, daß du beim Mehlhofer drüben schon fertig bist?«

Lachend entschuldigte sich Kandidus, er sei nur herübergekommen, um ein Handwerkszeug zu holen. Aber Bachmann unterbrach ihn:

»Nichts da! still sein: Allons, marsch hinüber! Aber zuvor tust noch Halbmittag halten. Vrena geschwind, bring ihm etwas; sie lassen ihn sonst drüben rein verhungern. Die Mehlhoferin kenn' ich gut; das ist eine Sparsame.«

Veronika brachte den jungen Leuten Käse und Brot. Dann griff Roman zu seinem Beil und schickte sich zum Gehen an. Auf der Schwelle der Werkstätte wandte er sich noch einmal um: »B'hüt Gott, Vater! b'hüt Gott Vrena! Tut etwa nicht mit dem Essen auf mich warten! Weiß der Himmel, wann ich wieder komm'.«

»Roman, ist dir nicht gut?« fragte Kandidus, als sie beide draußen waren. Denn daß sein Freund ungern auf die Burg gehe, schien ihm gewiß.

»Nein, ich bin gesund, nur einen Fuß hab' ich mir heut' früh überstreckt, aber das vergeht schon. Das Auftreten tut halt ein bissel weh.«

»Hättest's doch dem Vater gesagt!«

»Zu was denn? Du weißt wohl selber, wie er sich kreuzigt, wenn einem von uns etwas fehlt.«

Die jungen Leute trennten sich. Kandidus blickte dem Freunde nach, der, die Axt auf der Schulter, rasch, wenn auch mit weniger elastischem Schritte als sonst den Wiesenplan durchquerte. Dann ging er an seine Arbeit. Der Bäckermeister Mehlhofer hatte seinem Wohnhause ein neues Stockwerk aufgesetzt, und da mußten die Fensterflügel eingefügt werden, »ein heikles Geschäft«, wie der alte Bachmann versicherte. Man mußte schon so schwindelfrei und so fest auf den Beinen sein, wie Kandidus, um dabei noch seinen Gedanken nachhängen zu können.

Es war seine bevorstehende Abreise, die ihm im Sinne lag. Der Grödener Meister hatte ihm kürzlich geschrieben, um sein Kommen zu betreiben. Es seien zahlreiche Bestellungen eingelaufen, die eine Vermehrung seines Arbeitspersonals dringend notwendig machten. Herr Neunhäusler – so nannte er Kandidus nach seinem Familiennamen, und dem bescheidenen Sohne vom Kramsacherhofe schien der Titel »Herr« ganz seltsam – Herr Neunhäusler möge doch trachten, bereits im Spätsommer zu kommen. Er habe aus den eingesendeten Zeichnungen gesehen, daß der junge Mann Talent habe, und er hoffe, sie würden miteinander zufrieden sein. Meister Bachmann hatte diesen Brief gelesen und gemeint, er wolle Kandidus nicht länger aufhalten: die dringendsten Bestellungen seien einmal erledigt und Roman könne die Arbeit zur Not wohl bewältigen, bis man einen Gesellen aufgetrieben habe. Er hatte das ganz frisch herausgesagt, als handle es sich um eine Geschäftssache; aber gleich nachher ging ein furchtbares Schnäuzen an und ein Schimpfen über den Stockschnupfen, den ihm die feuchte Witterung verursacht habe, zugleich mit der Beteuerung, daß das »Vieh« viel erträglicher sei als solch ein Kopfkatarrh, bei dem der ganze Mensch zu Wasser werde.

Kandidus wußte genau, was er vom Katarrh des Meisters zu halten hatte. Ihm war eben so weinerlich zu Mute wie dem Alten. Aber wie er sich die Sache auch wendete, es mußte sein. In acht Tagen spätestens wollte er abreisen. Wie würden die Leute dreinschauen! Denn außer dem Propste und der Familie Bachmann wußte niemand um sein Vorhaben. Viele würden ihn für undankbar halten – und Moidl, was würde die sagen? Würde sie erraten, daß sie, daß seine Neigung es war, die ihn in die Ferne trieb?

*

Ehe die Uhr auf dem Turm der Michelskirche elf Uhr zeigte, war Kandidus mit seiner Arbeit zu Ende, und nachdem er zu Hause in Eile sein Mittagmahl verzehrt hatte, lief er zur Burg, um Roman abzulösen. Von fern schon hörte er den regelmäßigen Klang der Äxte, den der Südwind zu seinem Ohre trug. Droben am waldigen Abhange erbebte eine Lärche in ihrem zartgefiederten Wipfel. Immer rascher folgten die Hiebe; dann verstummten sie plötzlich, und gleich nachher sank der Baum zwischen dem Unterholze hin.

Während Kandidus den Hügel hinanstieg, klang schon wieder ein Axthieb durch die Luft, scharf und hart, ein Zeichen, daß sich die Holzfäller an einen anderen Stamm gemacht hatten. Ein zweiter, ein dritter und vierter Hieb – dann fuhr es wie Todeszittern durch einen hohen Wipfel, der die Waldung überragte. Nur zwei Sekunden – und es war kein Zittern mehr, sondern ein mächtiges Schwanken, wie das eines Mastes im Sturm – dann kam ein Krach und der Riese stürzte.

Ein halb erstickter Aufschrei – Kandidus war's, der ihn ausgestoßen hatte – Gott im Himmel, der Baum war innen morsch, sein Fall nicht berechnet gewesen! Einen Augenblick stand Kandidus betäubt, dann stürmte er vorwärts, bergan. Durch pfadloses Buschwerk raste er bis zum Orte, wo der Baum gefallen war.

Und neben dem Baume lag ein Mensch, regungslos, blutüberströmt – o du lieber Gott, das war Roman!

Einer von den Holzhauern, ein ganz junger Bursche, hatte im ersten Schrecken die Flucht ergriffen; der andere stand da, stumm und wie gelähmt. Erst als Kandidus den heiseren Ruf ausstieß: »Um Gottes willen einen Geistlichen!« ermannte sich der Erschrockene und lief bergab dem Markte zu.

Kandidus aber sank wie ins Herz getroffen über die Leiche des Freundes. Ja, die Leiche! Der niederstürzende Stamm hatte die Hirnschale zerschmettert; keine Muskel zuckte mehr in diesem von warmem Blute überströmten Gesichte.

Inzwischen war der Holzhauer auf den Propst gestoßen, der auf einem Feldwege lustwandelnd sein Brevier betete. Unverzüglich eilte der gute Herr zur Unglücksstätte. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß er zu spät gekommen sei, suchte er Kandidus aufzurichten, der in dumpfer Verzweiflung neben der Leiche kniete. Ob sie nicht zusammen ein Vaterunser für den Verstorbenen beten wollten, fragte er; aber weder er selbst noch Kandidus kamen über die ersten Worte hinaus.

Endlich griff sich der Propst an die Stirne, wie um seine Gedanken festzuhalten. »Mein guter Kandel, nimm dir in Gottes Namen ein Herz und lauf ins Spital hinab um eine Tragbahre. Ich geh' unterdessen ...«

Er vollendete nicht, aber Kandidus wußte, wohin er gehe ...

Als Veronika Bachmann, die mit ihrem Nähzeug am offenen Stubenfenster saß, den Propst in fieberhafter Eile auf ihre Haustüre zuschreiten sah, lief sie ihm entgegen und küßte seine Hand. Er möge sich einen Augenblick gedulden, bat sie, gleich wolle sie den Vater wecken.

»Schläft er?« stammelte der Geistliche.

»Es ist sonst wohl nicht sein Brauch, aber gestern ist tief in die Nacht hinein gearbeitet worden.«

»Laß ihn schlafen, laß ihn schlafen!« gebot der Propst, aber das Mädchen widersprach und eilte fort.

Der Propst betrat die Wohnstube. Wie in einem fremden Raume sah er sich um. Welch ein friedliches Heim! Wie nett und traulich sah alles aus! Und um diese stille Fröhlichkeit in Jammer zu verwandeln, war er gekommen! Nein, er würde die schreckliche Botschaft nie über die Lippen bringen ... Fliehen wollte er, ehe Bachmann erschien.

Am Fenster der Stube, die sich im Erdgeschoß befand, gingen jetzt zwei Männer raschen Schrittes und unter lebhaften Gebärden vorbei. War es das blutige Ereignis, das sie besprachen? Jedermann im Markte wußte schon darum, nur die Schwester nicht, nur der Vater nicht. Und wenn er, der väterliche Freund, nicht den Mut fand, dann würde eine andere Hand den Stoß führen und der Schmerz wäre um so furchtbarer ...

Entschlossen tat jetzt der geistliche Herr einen Schritt gegen Bachmanns Schlafstube hin; selbst wollte er ihn wecken. Aber schon ging die Türe auf und lachend trat der Alte ein, von seiner Tochter geführt.

»Küß' die Hand, Gnädiger! Sie haben wohl recht, daß Sie den alten Faulpelz aus den Stauden jagen. Die Vrena hätt' mich längst schon wecken sollen, ich hab's ihr aufgetragen. Aber sie hat alleweil ihren eigenen Kopf.«

»Geht, Vater, tut nicht greinen,« beschwichtigte ihn die Tochter. »Das Schlafen ist eine gute Sach'!«

»Ich geb' der Veronika recht,« versetzte der Propst, um nur etwas zu sagen.

Dann nahm er wie gewöhnlich Platz auf dem Ehrensitze, einem schön geschnitzten Armstuhl aus Großvaters Zeiten, und griff mit bebender Hand in die große, runde Dose, die der Alte ihm schmunzelnd anbot.

Veronika entfernte sich; sie hatte ja immer alle Hände voll Arbeit.

Der Propst wollte sie erst aufhalten; dann plötzlich schien es ihm leichter, seine Jammerbotschaft Aug' in Auge zu entrichten. Kaum aber war Veronika fort, so wurde es ihm schaurig und unheimlich zu Mute und er hätte sie am liebsten wieder zurückgerufen.

In der Stube war es still; man hörte nur den Zeisig, der in seinem kleinen Käfig an der Decke leise zwitschernd von Sprosse zu Sprosse hüpfte. Der Schreiner merkte wohl, daß sein Besucher anders sei als sonst; doch er ahnte nichts Schlimmes. Nach einer Weile kam er auf das frühere Gespräch zurück.

»Ja, ja, wahr ist's, das Schlafen ist eine Gab' Gottes und noch dazu eine fürnehme; das versteht man erst, wenn man so ein Krüppel ist. Sehen Sie, Gnädiger, wenn ich die ganze Nacht zwei Stunden geschlafen hab', nachdem sag' ich: ›Herrgott, heut' bist fein mit mir gewesen.‹«

»Ihr seid wenigstens immer zufrieden, Jackel,« sagte der Propst mit unterdrückter Stimme.

»Ja, was will man denn machen? Der Herrgott tut doch, wie er will,« scherzte Bachmann. »Er hat mir zeitlebens schon oft eins aufs Dach gegeben, und ich sag': recht hat er gehabt! Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Wenn mich zusamt meinem Böckl oft noch der Übermut plagt, wie tät's erst zugehen, wenn ich das Vieh nicht hätt'?«

»Unser Herr hat Euch lieb; darum sucht er Euch heim!« murmelte der Propst.

In Bachmanns Augen blitzte es schelmisch. »Heimsuchen wär' schon recht, wenn er nur nicht so lange sitzen blieb.« Und mit einem Seufzer fügte er bei: »Von meinem Böckl red' ich nicht, Gnädiger, aber wenn mir der Himmelvater grad meine Alte gelassen oder wenn er sie frisch genommen hätt'! So was ist hart; aber in Gottes Namen!«

»In Gottes Namen,« wiederholte leise der geistliche Herr.

»Grad eins tut mich trösten,« hub Bachmann wieder fröhlich an; »wissen Sie, Gnädiger, ich hab' zeitlebens mit dem Holz zu tun gehabt, aber Kreuz hab' ich mir selber nie keins gemacht. Ich hab' mir immer gedacht: Herrgott, das ist deine Sach'! Ja, wenn man oft in ein anderes Haus hineinschaut und es ist kein Frieden drin und keine Lieb' ... Teixel, da denk' ich mir: Mein Bock ist mir lieber! Und gar heutigen Tages, wo die jungen Leute nicht viel mehr wissen wollen vom Folgen und vom Beten, ja, es ist zwar nicht schön, daß ich's sag', aber da denk' ich mir oft: Es sind nicht alle Mädeln so wie die meinige. Und auch der Bub, Gnädiger – ich muß nur Gott danken – der Bub könnt' schlechter sein!«

Der Propst stand auf. Seine Knie bebten, krampfhaft klammerte er sich an die Armlehne seines Stuhles. Er erschien sich wie ein Henker, der die Hand an einen Verurteilten legen soll.

»Ja, Meister« – er sprach leise und zitternd – »dankt Gott, daß Euer Sohn so brav, so christlich, so unverdorben war ...«

Bachmann blickte auf. Das Wörtlein »war« schien ihm aufzufallen.

»Vater Jackel, Gott wird's Euch lohnen, daß Ihr ihn so christlich erzogen habt! Ich kenn' Euch, ich weiß, Ihr habt Euer Kind Gott geschenkt von klein auf und von ganzem Herzen. Und seht, jetzt hat Euch unser Herr beim Wort genommen ...«

So weit kam der geistliche Herr, dann brach er in Schluchzen aus.

Regungslos saß Bachmann da. Nur seine hagern Hände, die er fest auf die Knie gestemmt hielt, zitterten heftig.

Endlich fragte er mit heiserer Stimme: »Ist er tot?«

Jetzt stürzte Kandidus in die Stube. Sein Haar war wirr, seine Augen blickten verstört; Kleider und Hände zeigten Blutspuren. Veronika folgte, still, aschfahl. Kandidus fiel vor dem Meister auf die Knie und umklammerte die gebeugte Gestalt des Greisen.

Bachmann wiederholte seine Frage nicht; er richtete sich empor. »Ein Baum hat ihn erschlagen!« sagte er mit einer Bestimmtheit, als habe er eine geheimnisvolle Vision des Geschehenen.

Dann neigte er sich zum Knienden: »Und du hast anstatt seiner gehen wollen!« murmelte er.

»O, wär' ich grad gegangen! O, hätt's grad mich erwischt!« Kandidus stöhnte.

»Red' nicht so,« verwies ihm der Meister. »Es hat den erwischt, den unser Herr hat haben wollen.« Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wo ist er denn?«

Kandidus sagte, man habe ihn ins Spital gebracht. Der Propst aber riet, Bachmann möge die Leiche nicht besuchen, ehe sie im Sarge liege.

»Hat's ihn bös zerschlagen? Kann mir's denken! ... Aber in Gottes Namen, in Gottes Namen! Anschauen muß ich ihn doch!«

Kandidus wollte den Meister begleiten; der aber lehnte kurz ab. Nur der Propst ließ sich's nicht wehren und schritt dem alten Manne voran, der am Arme seiner Tochter hinauswankte.

Kandidus blieb allein in der Stube zurück. Er fühlte sich wie angewurzelt. Nach und nach versank er in jenen Zustand dumpfer Fühllosigkeit, der nicht selten auf furchtbare Erregungen folgt.

Stunden verrannen. Der Abend brach herein. Kandidus saß noch immer am großen Tische, an dem er so oft mit Roman gesessen, an dem sie geplaudert und gescherzt und gespielt hatten; er saß, den Kopf in die Hand gestützt, unfähig zu denken. Endlich tönten Schritte im Hausflur. Dann trat Jakob Bachmann ein, allein. Selbst Veronika hatte er jetzt zurückgelassen; jetzt sollte niemand zwischen ihm und seinem Schmerze sein.

Kandidus erhob sich geräuschlos und wollte hinaus. Doch da bemerkte ihn der Alte und fragte, warum er gehe.

»Ich hab' mir gedacht, es ist Euch lieber ...« erwiderte zögernd der junge Mann.

»Nein, bleib' nur da.«

Kandidus faßte ihn am Arm, führte ihn zum Lehnstuhl und hieß ihn sich setzen. Dann das letzte Wort Bachmanns aufgreifend, sagte er leise: »Ja, Vater Jackel, ich bleib' schon da; ganz und für ernst bleib' ich da.«

»Ich will's nicht haben,« erwiderte der Greis mit einem Anflug von Kälte. »Denk' nicht auf mich, du mußt auf dich selber schauen.«

Aber Kandidus ergriff die welke, bebende Hand, die auf der Armlehne lag und sagte mit wehmütigem Lächeln: »Meister, ich bleib' halt, bis Ihr mich hinauswerft.«

»Dummer Bub, nachdem kannst lange warten!« Bachmanns Stimme hatte, als er das sagte, einen seltsam weichen Klang.

Kandidus aber fühlte, daß er von diesem Augenblicke an an Jakob Bachmann gebunden sei wie ein Sohn an den Vater.

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