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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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Ein Jahr war vergangen seit Moidls großer Kirchfahrt nach Enneberg. Die schmerzliche Enttäuschung, die sie im Küsterhause zu Sankta Maria überwältigt hatte, war nicht von Dauer gewesen und gar bald hatte sie wieder ihre Wanderungen aufgenommen, den Gruß des Engels auf den Lippen und fromme Zuversicht im Herzen. Es dauerte nicht lange, so hieß sie allgemein die Kirchfahrt-Moidl. Zur Winterszeit war es meist der nahe Gnadenort Aufkirchen, dem ihre Besuche galten. Wenn aber die Tage länger wurden und der Schnee von Wegen und Stegen wich, dann zog sie nach Trens ins Eisacktal hinaus oder das lange Gailtal hinab nach Luckau. Auch Weißenstein und Piné, die großen Marienheiligtümer Südtirols, wurden ihr oft zum Ziele.

Solcher Kirchfahrerinnen gibt es viele in Tirol, besonders im Pustertale, doch sind es meist arme alte Weiblein, die das Brot des Almosens mit dem Almosen des Gebetes vergelten. Daß ein junges Mädchen, die Tochter eines angesehenen Bauern, diesen Beruf erwählte, das war den Leuten neu. Man sprach viel darüber und nicht immer wohlwollend; aber Moidls Stiefgeschwister ließen sie gewähren. »Es wird sie niemand stehlen,« spöttelte Veitl.

Was den alten Piffrader betraf, so war er der letzte, der sich seiner Tochter widersetzt hätte. Stundenlang saß er oft in der Stube oder vor dem Hause, die erloschene Pfeife im Munde, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, während die vorgestreckten Hände zitternd sein Nastuch umfaßten. »Er ist langweilig« tiefsinnig, schwermütig., sagte Scholastika; »er ist kindisch,« sagte Veitl. Vielleicht hatten beide recht.

Veitl war jedenfalls überzeugt, daß er recht habe, und gebärdete sich als unumschränkter Gebieter. Sein Vater war streng und knauserig gewesen; jetzt ließ sich der Sohn die Freiheit schmecken; er stellte einen zweiten Knecht ein und tat sich gütlich. Moidl verstand wohl, daß das nicht so fortgehen könne; der Silvesterhof war zwar ein schönes Anwesen, aber doch nur ein Berghof. Man mußte schon tüchtig arbeiten, um ihm das notwendige Erträgnis abzuringen. Vater Peter war sonst früh und spät mit Haue, Pflug und Sense tätig gewesen; auch der Viehhandel, auf den er sich trefflich verstand, hatte ihm manch schönen Kreuzer eingebracht. Veitl aber ließ den Knecht gewöhnlich allein zu Markte fahren, oder wenn er mitging, dann geschah es, um Geld zu verjubeln, nicht um Geld zu verdienen. Auch Scholastika, obschon sie nicht weitsichtig war, bemerkte, daß der Hof zurückging; aber daran war, wie sie meinte, nur Moidl schuld, die zu keiner Arbeit mehr taugte.

Moidl selbst fühlte wohl, daß ihr trauriger Zustand ihrer Familie zum Nachteil sei; besonders wenn es drängende Arbeit gab. Sonst war es am Berge Brauch, daß die Leute von den Nachbarhöfen einander halfen; aber zum Silvesterbauern mochte jetzt niemand mehr kommen, und die Kramsacher Leute sagten es ganz unverhohlen, daß sie Moidls Gegenwart scheuten. Daher geschah es, daß, wenn der Schnitt oder das Mahd bevorstand, die Geschwister selber Moidl zum Kirchfahren drängten. »Sonst kommt uns kein Mensch ins Haus,« sagte Scholastika mit der ihr eigenen Offenheit.

Aber ob Moidl ging oder blieb, recht machen konnte sie es den Geschwistern nie. War sie im Hause, so klagte man, daß sie ihr Brot müßig esse; zog sie aus, so warf man ihr vor, daß ihre Kirchfahrten kostspielig seien.

Der alte Vater war, seit er »langweilig« geworden, ein anderer Mensch. Wenn Moidl, ehe sie auf eine längere Pilgerfahrt auszog, sich seinen Segen erbat, dann konnte er ganz weich und zärtlich werden und sie lange auf Haar und Wangen streicheln. Auch forderte er sie auf – er, der sonst an nichts mehr zu denken schien – von zu Hause Mundvorrat mitzunehmen; ja zuweilen brach er in plötzliches Weinen aus, der einst so karge Mann, weil er seinem armen Kinde keinen Zehrpfennig mit auf den Weg geben könne.

Aber das Bargeld, wenn solches auf dem Hofe vorhanden war, lag in Veitls Hand, und diese Hand öffnete sich nicht für andere.

Doch Moidl war es auch so zufrieden, denn eine Pilgerin findet überall Gastfreundschaft. Freilich hätte sie zuweilen gar gern ein kleines Andenken, ein Bildchen oder Pfenniglein, von der Wallfahrt mitgebracht, um ihren Bekannten, besonders dem armen kranken Vetter, Freude zu machen. Denn in ihrem tiefsten Herzen lebte – ein seltsamer Widerspruch bei einem Silvesterkinde – ein unbegrenztes Verlangen, zu geben. Aber sie hatte nichts. Nur kleine Blumensträußchen nahm sie von den heiligen Stätten mit, die sie besuchte, und brachte sie dem Vetter mit der Weisung: »Die Muttergottes laßt Euch schön grüßen.«

Recht lange saß Moidl oft in Michels Zimmer; dann sahen sie sich einander an, ohne sich viel zu sagen. Aber Veronika Bachmann durchfuhr ein Schauder, wenn sie diese Unglücklichen Aug in Auge traf, denn die Ähnlichkeit zwischen den beiden war jetzt unverkennbar: derselbe trübe Blick aus den schmerzlich geröteten Augen, dieselben krankhaften Rosen auf den Wangen der Jungen wie des Alten, dieselbe gebeugte, müde, traurige Haltung, als laste auf ihnen eine Bürde, die zu schwer zu tragen sei. Der beobachtenden Veronika wollte es nach einiger Zeit auch scheinen, als habe Moidl etwas eingebüßt von dem kinderfrohen Vertrauen ihrer ersten Kirchfahrtszeit.

Moidl selbst wollte das freilich keinen Augenblick zugeben, doch verhehlte sie der Freundin nicht, daß ihre Wanderungen oft hart und gefahrvoll seien. Nicht selten geschehe es, daß sie unterwegs ohnmächtig werde und hilflos liegen bleibe, bis sich jemand ihrer erbarme oder bis sie, von der Ohnmacht oft nur halb erwacht, ihren Weg fortsetze. Zuweilen sei sie dabei wohl etwas aus der Richtung gekommen, aber nach Hause gelangt sei sie am Ende doch immer.

Veronika erschrak über diese Mitteilung und beschwor die arme Kirchfahrerin, ihr gefahrvolles Wanderleben aufzugeben. Aber auf alle ihre Mahnungen schüttelte die Silvestertochter den Kopf und lächelte still geheimnisvoll vor sich hin.

Ein süßes Geheimnis war es ja, was sie in ihrem Herzen bewahrte; die Erinnerung an den unsichtbaren Retter, der ihr in jener furchtbaren Nachtstunde beigestanden war. Das gab ihr stets neuen Mut, ja, sie hätte es sich als Undank vorgeworfen, wenn sie nicht auch in Zukunft diesem Engel vertraut hätte. Sie fürchtete niemand, auch den Zillertaler nicht. O beileibe, auslachen hätte sie ihn mögen, den Schelm! Diese heitere Zuversicht war ein Schutz für das einsam wandernde Mädchen, denn zudringlich und lästig war er noch immer, der Zillertaler, und – seltsam; er wußte stets, welche Richtung sie einschlug. Aber das focht sie nicht an. Sie achtete nur darauf, nicht nächtlicher Stunde unterwegs zu sein und einsame Fußwege zu meiden. Und wenn sie ihn sah, schrak sie nicht mehr zusammen wie damals auf dem Wege gen Welsberg, sondern faßte ihn fest ins Auge und drohte ihm wohl auch.

Dies entschlossene Wesen schien den Elenden zurückzuhalten. Aber Moidl wußte, daß er auf sie lauere, daß er vielleicht einen Augenblick abwarte, wo er sie wehrlos finden würde. Rätselhaft schien ihr das häufige Zusammentreffen mit ihrem Bedränger.

Eines Sonntags mußte Moidl, um eine Bestellung zu machen, notgedrungen am Rosenwirtshaus vorbei. Von ungefähr fiel ihr Blick durch das offene Fenster der Gaststube, und – des Rätsels Lösung lag vor ihr. Mit dem Rücken gegen das Fenster saß der Rosenwirt, an seiner Seite eine Besucherin, beide eifrig, aber leise plaudernd, wenn nicht der Wirt das Gespräch unterbrach, um seinem Gast mit freundlicher Nötigung Kuchen und Wein anzubieten. Moidl überlief kalter Schauder: sie hatte ihre Schwester erkannt! Jetzt verstand sie, warum Scholastika, die sonst an ihrem Tun und Treiben so wenig Anteil nahm, sich stets eifrig nach ihren Wallfahrten erkundigte!

Das Mädchen taumelte vom Fenster zurück, die Röte flammender Entrüstung auf den Wangen. Bald aber legte sich ihre Aufregung. Scholastika handelte nicht aus Bosheit: nur ihre arglose Beschränktheit war es, die der Zillertaler ausbeutete. Und Moidl wußte nun, was sie zu tun hatte. Von jenem Tage an beobachtete sie über ihre Pläne den Geschwistern gegenüber strenges Schweigen, und nun hörten auch die auffallend häufigen Begegnungen mit dem Zillertaler auf.

Monat um Monat verging und Moidls Wandern und Beten blieb fruchtlos. Obwohl sie damit fortfuhr, so sprach sie jetzt doch nicht mehr so häufig und nicht mehr so bestimmt die Hoffnung auf Genesung aus. Wenn Liese sich bei ihr ausweinte, tröstete sie diese nicht mehr: »Liese, ich werd' noch gesund!« sondern sie sagte nur: »Liese, der Herrgott wird schon für dich sorgen.« Denn daß das arme Kind nur über ihr eigenes Schicksal weinte, darüber täuschte sie sich nicht. Auch war es durchaus nicht Mitleid für sich selbst, was Moidl heischte. Oft kam ihr der Gedanke, daß sie ihr Unglück leichter, viel leichter tragen würde, wenn nicht Liese darunter litte, wenn nicht ihr Vater darunter litte und vor allen einer, der ihrem Herzen der nächste und der liebste war. Sobald Kandidus den Gedanken an sie aufgegeben, ein braves Weib genommen und einen glücklichen Hausstand gegründet hätte, wäre ihrem eigenen Leiden der Stachel genommen. So glaubte sie!

Sie traf jetzt selten mit ihm zusammen, nur dann, wenn sie etwa an Bachmanns Hause vorüberkam und Veronika sie erspähte und einzutreten nötigte. Und auch dann suchte sie nicht, Kandidus allein zu sprechen. Stets war Veronika dabei oder Meister Bachmann. Moidl mochte den Alten gut leiden: seine Scherze waren derb, aber niemals verletzend. Er gab allerlei drollige Geschichtlein zum besten; am liebsten erzählte er ihr von einer Wallfahrerin, die der Gnadenmutter ihr Kindlein aus dem Arme gestohlen und erst nach Erhörung ihrer Bitte zurückgegeben habe.

»Ja, ja,« belehrte er Moidl, »so muß man umgehen mit denen da droben: wenn man's alleweil nur im guten probiert, kommt man zu kurz.«

Moidl konnte dann herzlich lachen und neckte ihn zurück: er solle nur einmal das Licht vor seinem heiligen Joseph ausblasen und den Heiligen ein bißchen in den Kasten sperren, dann werde ihm der schon von seinem Böcklein helfen.

So lachten und scherzten die beiden über ihre Leiden, aber in beider Herzen war Mitleid, darum tat der Scherz nicht weh. Wenn Moidl weg war, pflegte der Meister zu sagen: »Sie ist ein gutes Kind!« und manchmal fügte er hinzu: »So ein Herz ist noch gar nie aufgestanden am Silvesterhof droben.«

Und wenn der Meister das sagte, gab ihm Veronika recht und auch Roman gab ihm recht; nur Kandidus fand keine Antwort.

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