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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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3

Im Tale drunten wie auf den Einzelhöfen des Berges ging über den Silvesterhof und seine Leute eine seltsame und schauerliche Sage um. Es habe dort einst, so erzählte man sich, eine steinreiche uns hartherzige Bäuerin gehaust, die nie eine Krume Brot für die Armen übrig hatte. Nun sei zu jener Zeit – wie lange es her sei, wußte niemand – eine furchtbare Hungersnot in Friaul ausgebrochen, sodaß die Leute scharenweise über den Kreuzberg ins Tirolerland flüchteten. Allerorts hätten sie dort milde Herzen gefunden, nur die Silvesterbäuerin habe ein armes Weib, das mit einem hungernden Kindlein an der Brust zu ihrer Tür gewankt war, mit rauhen Worten abgewiesen. Manche behaupteten sogar, sie habe ihr erst ein Stück Brot versprochen und ihr dann zum Spott einen Stein gereicht, gerade so wie die böse Frau Hitt auf dem Berge über Innsbruck, die dann selbst zur Strafe in einen Steinblock verwandelt wurde. Dies Los traf nun zwar die Silvesterbäuerin nicht; das aber erzählten die Leute mit Bestimmtheit, daß die Abgewiesene einen furchtbaren Fluch ausgestoßen habe wider sie und das jüngste ihrer Kinder. Und siehe, bald nachher habe das böse Weib ein krankes, verkrüppeltes Kind zur Welt gebracht, das mit der fallenden Sucht behaftet war; sie selbst aber sei bei der Geburt eines elenden Todes gestorben.

Wie viel Wahres an dieser Geschichte war, das läßt sich schwer sagen; der eine erzählte sie so, der andere anders. Das aber stand fest, daß seit Menschengedenken das jüngste Kind am Silvesterhofe die Fallsucht hatte. Michels elender Zustand war allen bekannt, auch wußte man, daß die jüngste Schwester seines Vaters eine Beute jener Krankheit gewesen sei; nur hatte man die Kranke nicht oft zu Gesicht bekommen, weil ihre Familie sie aus Scham vor den Leuten stets im Hause eingeschlossen hielt. Die Alten am Innichnerberge aber, die ganz Alten, die gern das erzählen, was sie in ihren jungen Jahren von Eltern und Großeltern gehört, sprachen mit geheimem Schauder von einem Hüttlein im Bergwalde droben, wo eines jener unglücklichen Silvesterkinder vor Zeiten gehaust hatte, bis ein jäher Tod das ausgestoßene Geschöpf erlöste.

Wer all diese traurigen Geschichten am besten wußte, das war Peter Piffrader, der Silvesterbauer. Er sprach wohl nicht gern davon, aber geglaubt hatte er stets daran. Erst als sein zweites Weib ihn am Feste Mariä Himmelfahrt mit einem schönen, kräftigen Mägdlein beschenkte, da regte sich ein Funken Hoffnung in der Brust des alternden Mannes. Ihm war, als müsse die Himmelskönigin den Fluch abwenden, der über diesem unschuldigen Haupte schwebte. Das Kind wuchs heran, Geist und Körper entwickelten sich aufs glücklichste, alles griff sie geschickt und fröhlich an, kein Gang war ihr zu weit, keine Arbeit zu schwer und mit jedem Tage wuchs des Vaters stille Zuversicht. Indessen war es seine ganze Sorge, daß sie nichts von dem erfahre, was ihr drohte. Und was der alte Silvesterbauer sich in den Kopf gesetzt hatte, das wußte er auch durchzuführen.

Den Stiefgeschwistern, den Nachbarn, allen, die mit Moidl in Berührung kamen, wurde die strengste Verschwiegenheit eingeschärft; durfte sie ja nicht einmal das Dasein des Unglücklichen wissen, der drunten im Spitale hinsiechte.

Kathl, die junge Kramsacherbäurin, war es, die das bereits erwachsene Mädchen ihrer glücklichen Unwissenheit entriß. Einst, als sie mit den beiden Silvestertöchtern ein Plauderstündchen hielt, sprach sie ein Langes und Breites über Moidls blühendes Aussehen, sagte mehrmals nacheinander: »Gott erhalt's, wie's ist!« schloß aber mit bedenklichem Kopfschütteln und dem geheimnisvollen Stoßseufzer: »Wird etwa nicht immer so bleiben!« Und als das junge Mädchen stutzig wurde, meinte die Kramsacherin, Moidl stelle sich etwa nur, als wisse sie nichts. Als die Nachbarin weg war, forschte Moidl ängstlich, was denn all ihr Gerede bedeute, und Scholastika, die nur aus Furcht vor dem Vater geschwiegen hatte, war überglücklich, das schon halb verratene Geheimnis völlig preiszugeben. Und nachdem sie mit Entrüstung Kathls Geschwätzigkeit beklagt hatte, erzählte sie eifrig die ganze traurige Geschichte, von der geizigen Urahne angefangen bis herab zum armen Vetter Michel.

Von jener Stunde an – es mochte wohl ein Jahr her sein – war Moidl eine andere. Ihr Vater, dessen Sorge sich völlig gelegt hatte, bemerkte nichts davon, umsomehr aber bemerkte es Kandidus. Moidls Besuche im Spitale legten ihm natürlich den Gedanken nahe, daß sie nun endlich doch um das Gerede der Leute über den Silvesterhof wisse; aber warum sie plötzlich so abweisend, so rauh gegen ihn geworden war, das begriff er nicht. Er hatte Moidls schlimme Zukunft stets als eine traurige Möglichkeit ins Auge gefaßt, aber – so dachte er – irgend ein Kreuz würde der Herrgott ihm und seinem Weibe nun doch früher oder später auferlegen, und wenn es das Kreuz war, das schon jetzt über Moidl zu schweben schien, dann bliebe ihnen eben ein anderes erspart. Dazu kam bei Kandidus das aufrichtige Verlangen, seiner kranken Schwester eine Heimat zu bieten, und er wußte wohl, daß niemand besser als Moidl ihn bei diesem Liebeswerke unterstützen könne. Vielleicht war es eben Moidls fast mütterliche Zuneigung zu diesem hilflosen Geschöpfe, was ihr zuerst den Weg zu seinem Herzen gebahnt hatte.

Vielleicht! Kandidus selbst hätte es kaum sagen können, wann er begonnen habe, die Moidl »gern zu sehen.« Daß Moidl seine Neigung erwiderte, daran hatte er nie gezweifelt. Erst in letzter Zeit waren seine Hoffnungen gesunken. Aber er hielt noch daran fest mit der Zähigkeit eines treuen Herzens.

Am folgenden Morgen nach der Frühmesse, der Kandidus regelmäßig beiwohnte, trat der Silvesterbauer auf ihn zu und teilte ihm knapp und trocken die endgültige Absage seiner Tochter mit. Düsterer als sonst blickte der alte Bauer; er gab keine Gründe an und Kandidus stellte keine Frage. Was er wissen wollte, darum brauchte er sich nicht an Peter Piffrader zu wenden: Moidl selbst sollte es ihm gestehen.

Und so stand er denn, wie so oft, am nächsten Sonntage traurig harrend vor der Türe des Spitals, durch die Moidl ihm schon wieder entschlüpft war.

Plötzlich stürzte die Hausmagd hervor und bat Kandidus, schnell einen Geistlichen zu holen, denn mit dem Silvester-Michel gehe es nun doch wirklich zu Ende. Als dann Kandidus mit dem Priester herbeieilte, hieß es, Michel habe sich schon wieder erholt, nur sei der Anfall diesmal sehr heftig gewesen.

Sorgenvoll und unverrichteter Dinge begab sich Kandidus nach Hause.

Am Nachmittag ging er auf den Berg. Er traf Liese allein. Sie sei überfroh, ihn zu sehen, versicherte sie, denn sie fürchte sich, wenn weit und breit keine Menschenseele sei. Seit einigen Tagen sei sie elender als sonst und könne vor Zahnweh nicht schlafen. Auch der Magen sei schwach und Gebackenes vertrage sie nun einmal nicht. Sie müsse oft hungrig vom Tische aufstehen, denn die Schwägerin vergönne ihr nicht so viel wie ein weichgesottenes Ei. Zudem werfe sie ihr alle Tage ihre Kränklichkeit vor und sage es ihr ins Gesicht, daß es ihr vor kranken Leuten ekle.

Während Liese so redete, kam die junge Bäuerin, ein kleines, kräftiges Weiblein mit schwarzen Haaren und lebhaften dunklen Augen, vom »Kirchen« zurück. Ihr ältestes Töchterchen trippelte vor ihr her. Sie begrüßte den Schwager mürrisch, denn sie wußte wohl, daß er und Liese sich nicht eben in Lobeserhebungen über sie zu ergehen pflegten. Und obwohl ihre Kleine gar keine Miene gemacht hatte, dem Besucher zuzulaufen, faßte sie rasch ihr Händchen und sagte: »Kommst grad mit mir, Threse, und laßt den Kandel und die Liese in Fried. Die Zwei haben alleweil so viel zu plodern.«

So blieben denn die Geschwister wieder allein auf der Holzbank vor dem Hause. Mit mehr väterlicher als brüderlicher Geduld hörte Kandidus zum hundertsten Male alle Klagen seiner kranken Schwester an. Während sie redete, schweifte aber sein Auge hinweg über die enge steile Waldschlucht, die den Kramsacherhof vom Silvesterhofe trennte, und seine Gedanken waren drüben. Ob Moidl vom Tale heimgekommen war? Ob sie in diesem Augenblicke wohl herüberspähte? Ob sie wußte, wie weh sie ihm getan hatte?

»Liese, wie lebst? Grüß Gott, Kandidus!« ließ sich auf einmal eine wohlbekannte Stimme vernehmen.

Der junge Mann schrak zusammen: Moidl stand vor ihm.

Sie sah bleich aus, und ihr Gesicht zeigte einen leidenden Zug, der ihm fremd war. Sonst aber war sie unbefangen, beinahe heiter; oder vielleicht wollte sie nur so scheinen.

»Der Liese ist heute recht schlecht,« gab Kandidus zur Antwort auf Moidls vorhergehende Frage.

»Man sieht's ihr an,« versetzte Moidl mitleidig. »Sie hat sich schon die zwei letzten Tage vor Zahnweh nicht zu helfen gewußt. Heut wirst wohl etwa nicht zu uns in die Kapelle kommen?«

Liese schüttelte traurig den Kopf.

»Hab mir's gedacht; bin deswegen herübergekommen. Ich hätt' ein Anliegen ... eigentlich hat's die Scholastika. Es ist wegen dem Leinwandbleichen. Unsere große Wiese ist so viel mitternächtig, und da täten wir halt gern auf der Nazenwiese bleichen; es dauert ja ohnedies höchstens noch vierzehn Tage.«

Die Nazenwiese, die zum Kramsacherhofe gehörte, war die größte und sonnigste am ganzen Innichnerberge, und eine Quelle, die am Wiesenrand entsprang, machte sie wie geschaffen zur Bleiche. Auch war es immer Brauch gewesen, daß die Nachbarn, wenn das Mahd vorüber war, sie zu diesem Zwecke benützten. Zur Zeit der alten Kramsacherin hatte man nicht lange um Erlaubnis gebeten, aber Kathl war genauer und begehrte für die Gefälligkeit gewöhnlich irgend einen Gegendienst.

Liese hatte sich erhoben. Sie ging ins Haus, um mit der Schwägerin zu sprechen und Moidl machte Miene, ihr zu folgen. Aber Kandidus sagte: »Bleib da!«

So übervoll von Bitterkeit war sein Herz, daß es nicht wie eine Bitte klang, sondern wie ein rauher Befehl.

Verschüchtert uns schweigend stand die Silvestertochter vor ihm.

»Der Liese hab ich noch nichts gesagt,« begann er wieder mit derselben rauhen, vorwurfsvollen Stimme.

»Ich weiß nicht, wie ich's fürbringen soll.«

»Soll ich's ihr sagen?« fragte Moidl. »Ich meine, sie denkt sich's schon.«

»Dann lassen wir's gut sein,« entschied er. »Ich hätt's der armen Seele wohl vergönnt, daß sie von da fortgekommen wär', aber weil's halt nicht sein soll, reden wir nicht mehr davon.«

»Arme Liese!« murmelte Moidl, aber es war nicht Liese, an die sie dachte.

Nach einer Pause fragte Kandidus mit bebender Stimme: »Moidl, tät'st mir nicht wenigstens sagen, warum?«

Sie schüttelte den Kopf und wieder trat ein Augenblick der Stille ein. Dann aber legte sie die Hand auf seinen Arm. »Wie wir beide klein gewesen sind, hab' ich mir oft gedacht: So einen hätt' ich gern zu meinem Bruder. Könnt's nicht wieder so sein, mein guter Kandidus?«

Er blickte sie an; er wußte nicht, was sagen ... Plötzlich begann ihr Antlitz zu zucken, die Augen rollten seltsam. Sie erhob die Arme wie hilfeflehend und griff mit den Händen in der Luft herum. Dann warf sie den Kopf in den Nacken und wankte.

Aber schon hatten die starken Arme des Jünglings sie umschlungen und ließen sie sanft auf den Rasen gleiten.

Kandidus war längst auf diesen furchtbaren Augenblick gefaßt und verlor nichts von seiner Besonnenheit. Er kannte auch ungefähr die Vorsichtsmaßregeln, die bei solchen Kranken getroffen werden müssen und traf sie kaltblütig. Dann blieb er neben der Bewußtlosen knien, die Hand unter ihrem Kopfe, um dessen gewaltsames Aufschlagen zu verhindern, das Auge fest und furchtlos auf das entstellte Gesicht geheftet, das ihm so teuer war.

Jetzt erschien Liese unter der Haustüre.

Wie erstarrt blieb sie stehen und betrachtete die Ohnmächtige.

»Was hat sie denn?« fragte sie endlich, aber ihr Bruder fand keine Antwort.

»Soll ich Essig bringen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Oder einen Kamillenabsud richten?«

Kandidus legte den Finger auf die Lippen, dann machte er mit der Hand eine abwehrende Bewegung. Er fürchtete, daß seine Schwägerin herbeikomme und Lärm schlage, und wünschte, daß Liese ins Haus zurückkehre. Und Liese gehorchte wie ein williges Kind, aber sie verstand weder, was er meinte, noch was geschehen war.

Eine Viertelstunde verrann. Moidls Augenlider waren jetzt geschlossen wie bei einer Schlafenden. Ihre Züge hatten wieder etwas von ihrer natürlichen Lieblichkeit angenommen, und ihr Kopf lag ruhig auf des Jünglings schützender Hand.

Endlich schlug sie die Augen auf.

»Magst heimgehn, Moidl?« fragte Kandidus sanft, indem er sich über sie neigte.

Dann richtete er sie empor, zog ihren Arm in den seinen und führte sie langsam nach der Schlucht hin. Er war froh, sie vom Schauplatz ihres Unglücks fortzubringen, ehe ein fremdes, teilnahmloses Auge sie erspäht hatte.

In der Waldschlucht drunten hieß er sie auf einem Steine rasten. Da schaute sie mit großen, verwunderten Augen zu ihm auf.

»Wo führst mich hin?« fragte sie.

»Heim führ' ich dich,« beruhigte sie Kandidus.

»O, noch nicht, noch nicht!« stammelte Moidl, »der Vater könnt's merken.«

Dann schlug sie die Augen nieder und flüsterte: »Kandidus, jetzt wirst wissen warum?«

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