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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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2

Kommst endlich?« murrte Scholastika, des Silvesterbauern ältere und alternde Tochter, als sie, unter der Haustür stehend, die heimkehrende Stiefschwester erblickte. »Der Rosenwirt ist schon eine Weil' in der Stuben, er möcht mit dir reden, sagt er.«

»Er wird grad' noch ein bissel warten müssen, bis ich mein Feiertagsgewand abgezogen hab'.«

»Für so einen wirst dein gutes Gewand wohl etwa behalten können.«

Moidl warf die Lippen trotzig auf. Vielleicht hätte sie auch eine dieser Miene entsprechende Antwort gegeben, wäre nicht in diesem Augenblicke ein hochgewachsener blonder Mann mit dem freundlichen Gruße: »Ah, Jungfrau Marie, wie geht's Leben?« auf der Hausschwelle erschienen.

Während er diese alltägliche Frage stellte, ließ er sein stahlgraues Auge so fest und herausfordernd auf dem jungen Mädchen ruhen, daß Moidl wie gebannt seinen Blick erwiderte. Doch faßte sie sich rasch und entgegnete, er möge sie nur »Moidl« nennen, denn sie sei kein Stadtfräulein.

»Sei sie nur nicht gleich so aufgebracht,« beschwichtigte sie der Rosenwirt. »Mein's ihr ja gut; bin extra ihretwegen heraufgekommen, wo ich doch zu Haus alle Hände voll Arbeit hab'. Bei mir geht's heuer schon wirklich zu wie im ewigen Leben. Von Innsbruck kommen die Leut' und von Südtirol und gar aus der Welsch herauf ... mir surbelt's im Kopf. Und jetzt wird mir zu allem Unglück die Kellnerin krank, die Sefi, die im Herrenstüblein bedient! Da hab' ich mir gedacht, die Silvestermoidl tät' grad passen, das wär' eine Flinke. Ich tät' ihr schon was Schönes geben für die Aushilf', und die Trinkgelder kämen noch extra.«

Moidls Augen blitzten, doch entgegnete sie ruhig: »Machen Sie keine dummen Spässe, Herr Wirt.« Zugleich schob sie ihn beiseite und trat ins Haus.

Im Augenblicke aber, da sie ihre Hand auf die Klinke ihrer Kammertür legte, fühlte sie sich am Arm erfaßt.

»Moidl, sei gescheit!« sagte der Rosenwirt hastig und halblaut. »Was hast du Gutes da beim Vater? Ein Mädel wie du sollt' nicht versauern auf einem Berghof. So oft ich dich seh', denk' ich mir: die Moidl ist herziger als ein Sommerröslein ...«

Halb betäubt vor Zorn und Schrecken hatte Moidl die Schmeichelworte des Rosenwirtes und sein vertrauliches »Du« über sich ergehen lassen. Aber als er sich zu ihr neigte und sein heißer Odem ihr Gesicht streifte, warf sie hastig den Kopf zurück, entriß ihm ihren Arm und im nächsten Augenblicke brannten seine Wangen von der unsanften Berührung einer kräftigen Mädchenhand. Ehe er sich's versah, war Moidl in ihre Kammer gehuscht und hatte den Riegel zugeschoben.

Der Rosenwirt war erst feuerrot geworden, dann bleich bis in die Lippen hinein. Er biß die Zähne aufeinander, daß sie knirschten. Einige Sekunden stand er unbeweglich, den unheimlich glühenden Blick auf Moidls geschlossene Türe geheftet.

»Du kommst mir nicht aus!« murmelte er.

Es klang wie ein Racheschwur; aber gleich nachher, als er vors Haus hinaustrat, wo Scholastika auf ihn zu warten schien, blickte er so heiter und freundlich darein wie gewöhnlich.

»Die Moidl ist eine Resolute!« äußerte er in scherzendem Tone.

»Sagen Sie lieber eine Zuwidere,« verbesserte Scholastika, der das abweisende Benehmen ihrer Schwester mißfiel. Vertraulich fügte sie hinzu: »Sie hats von ihrer Mutter, Herr Wirt. Wir größeren Kinder, ich und der Veitl, wir sind ganz anders. Wir sind zur Moidl nur Stiefgeschwister, das werden Sie schon wissen.«

Er nickte. »Ja, das merk' ich, daß sie eine andre ist als die Moidl. Wenn ich mich getrauen dürft', nachdem tät ich wohl sie ersuchen –«

Er hielt inne und sah sie einen Augenblick forschend an. Daß die Scholastika vom Silvesterhofe etwas einfältiger Art sei, war ihm bekannt, nur wußte er nicht genau, wie weit er dieser Einfalt vertrauen dürfe. Verschämt und halblaut fuhr er fort: »Aber weiß sie, Jungfrau Scholastika, ich wär' grad verzagt, daß sie meinen Gästen den Kopf verdrehen tät'.«

»O gehn Sie, gehn Sie, Herr Wirt,« kicherte Scholastika in sich hinein, während helles Rot in ihre vierzigjährigen Wangen stieg. Dann wurde sie noch zutraulicher, klagte, daß sie im Vaterhause kein angenehmes Leben habe und schloß daran den trefflichen Rat, der Herr Wirt möge sich doch bald nach einer Frau Wirtin umsehen.

»Ja mein,« seufzte Finkenberger, »ich bin halt ein so viel genierter Mensch und trau' mich zu keinem Mädel etwas zu sagen.«

Sein Gesicht zuckte bei diesen Worten, doch ehe Scholastika antworten konnte, wandte er sich rasch und sprang mit dem Rufe: »Aufs Wiedersehen!« hinab über das steile Brachfeld vor dem Hause.

Von unten herauf klang noch sein Trutzlied:

»Und nix ist so traurig.
Und nix so betrübt,
Wie wenn sich a Mausfall'
In an Kirchturm verliebt.«

Die alte Silvestertochter aber stand aufhorchend Sa mit breitem Lächeln und dachte bei sich, es sei doch schade, daß ein so hübscher und so reicher Mann den Mädchen gegenüber so gar »geniert« sei.

Hübsch war Hans Finkenberger, der jetzige Rosenwirt, immer gewesen, aber nicht immer reich. Mit einem winzigen Ränzchen am Rücken war er einst übers Joch aus dem Zillertale gekommen und hatte Jahre hindurch als armer Hütbube, später als Bauernknecht in Taufers gedient. Zuletzt war er bei der Rosenwirtin zu Innichen als Hausknecht eingetreten. Aus dem Zillertalerbüblein war inzwischen ein bildschöner Mann geworden mit einschmeichelndem Wesen und glockenheller Stimme, die zur Unterhaltung der Sonntagsgäste im Rosenwirtshause nicht wenig beitrug. Da wurde das Herz der Wirtin weich und sie trug ihm ihre Hand an. Als die schon betagte Frau nach kurzer Ehe starb, war der junge Rosenwirt ein gemachter Mann. Er vergrößerte sein Haus, zog von allen Seiten Gäste herbei und entfaltete in seinem Berufe eine fieberhafte Tätigkeit. Dennoch konnte ers in Innichen nie zu einem rechten Ansehen bringen: man nannte ihn dort kurzweg den Zillertaler, und das bedeutete, daß er für die Innichner ein Eingewanderter sei und bleibe. Sicher war das eine, daß es im Rosenwirtshause oft recht anstößig herging, und wenn der kaum dreißigjährige Wirt sich bisher zu keiner zweiten Ehe entschlossen hatte, so schrieb dies wohl niemand der Trauer des Witwers um seine Selige zu.

Droben auf dem Berge, wo die Menschen so still und einsam hausten, kümmerte man sich im allgemeinen weniger um das, was im Markte drunten besprochen wurde; aber Moidl wußte doch genau, was sie von Finkenberger zu halten habe, und zwar war es Veronika Bachmann gewesen, die sie vor ihm gewarnt hatte.

»Es nützt nichts,« hatte sie gesagt; »du bist kein Kind mehr, Moidl, und du mußt wissen, wie's in der Welt zugeht. Ich selber hab's nicht gesehen, aber einer, der nicht lügt, hat mir ernstlich aufgetragen, dir's zu sagen, daß der Zillertaler, wenn du in den Markt kommst, oft hinter dir drein ist, und in der Kirche hat man ihn jetzt auch alleweil in deiner Nähe gesehen. Und weißt, wegen dem Herrgott geht der nicht in die Kirche, und aufs Gernhaben in Ehren denkt er auch nicht.«

Und dann deutete sie der jüngeren Freundin an, wie der Rosenwirt stets leichtfertig und ausgelassen gelebt habe, besonders seit noch zu Lebzeiten der alten Rosenwirtin die Sefi als Kellnerin ins Haus gekommen sei. Moidl möge also auf ihrer Hut sein und den Mann kurz abfertigen, wenn er die Frechheit habe, sich ihr zu nähern.

Moidl brach, nachdem sie sich in ihre Kammer geflüchtet hatte, in tränenloses, zorniges Schluchzen aus. Als sich aber die erste Aufregung gelegt hatte, erwachte in ihr das Gefühl warmer Dankbarkeit wegen der klugen Warnung, die ihr geworden war. Auch ohne diese Warnung hätte sich zwar die stolze Silvestertochter nie zur Bedienerin hergegeben, aber in ihrer harmlosen Unschuld hätte sie Finkenbergers Anerbieten nicht entsprechend gewürdigt; sie wäre ihm freundlich begegnet, sie hätte ihn vielleicht ahnungslos ermutigt. Doch hinter der treuen, warnenden Freundin stand noch einer – »einer, der nicht lügt,« hatte Veronika gesagt. Wer war der?

Moidl saß jetzt ruhig da, die Hände auf den Knien gefaltet, blickte sinnend vor sich hin und murmelte: »Kandidus!«

Als sie beide noch klein waren, der Kramsacherbub und die Silvestermoidl, da hatte sie, wie jedermann am Berge, ihn kurzweg »Kandel« gerufen. Doch seit sie einst am Feste des Kirchenpatrons Sankt Kandidus eine Predigt über die Bedeutung dieses Namens gehört hatte, wollte sie den Nachbarssohn nur mehr bei seinem vollen Namen rufen, der ihr sein ganzes Wesen auszudrücken schien. Gerade jetzt tat es ihr innig wohl, an Kandidus zu denken, aus dessen Augen eine so reine Seele leuchtete. Es mußte doch etwas wunderbar Schönes um solch eine Seele sein, weil der Zillertaler, der bildsaubere Spitzbube, sich neben Kandidus so erbärmlich garstig ausnahm! Ja, bei Kandidus war Ehre, Treue und Schutz, das fühlte sie wohl, und wenn es ihr oft so recht elend zu Mute war, dann dachte sie an ihn. O wie gern hätte die traurige Silvestertochter ihre freudlose Heimat auf dem Berge verlassen, um eine neue, eine rechte Heimat zu finden!

Sie seufzte tief, dann erhob sie sich, zog ihr Werkkleid an, und nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Zillertaler wirklich weg war, ging sie in den Stall, um dort ihre Arbeit zu besorgen.

Scholastika war inzwischen in der Küche tätig. Sie verstand sich schlecht darauf, aber als Älteste war es ihr Recht, die Hausmutter zu spielen.

Es war noch früh am Tage, doch herrschte am Berge der Brauch, des Sonntags früher als sonst die Mahlzeiten einzunehmen, denn das Beten machte den Leuten Appetit. Die Küche am Silvesterhofe war, trotz des Wohlstandes der Besitzer, noch spärlicher bestellt als auf den übrigen Berghöfen; aber heute war es Schutzengelsonntag, da durfte man sich in der Gerstensuppe schon ein paar Würstlein verstatten, die der Innichner Fleischer an den hohen Feiertagen um ein billiges feilbot. Bald saßen alle um den Tisch: der Hausvater, ein großer, hagerer Greis, zu seiner Rechten sein Sohn Veitl und der Knecht, zu seiner Linken die beiden Töchter.

Moidl zitterte, daß der Antrag des Zillertalers während des Essens zur Sprache komme. Ihr lag nämlich alles daran, die Sache im geheimen mit dem Vater zu besprechen. Glücklicherweise verhielt sich Scholastika gegen ihre Gewohnheit heute sehr schweigsam und lächelte nur still vor sich hin wie eine glückliche Liebende. Die artigen Worte des Rosenwirts hatten ihre beschränkte Einbildungskraft entzündet. Zur Kellnerin hatte er sie begehrt, aber von der Kellnerin zur Wirtin ist's oft nur ein Schritt!

Der alte Vater hingegen hatte sich um den liebenswürdigen Besuch gar nicht gekümmert und sein Sohn und der Knecht waren erst vom Tale heraufgekommen und hatten den Rosenwirt gar nicht mehr am Hofe getroffen. So waren denn Moidls Befürchtungen völlig grundlos: niemand sprach vom Zillertaler und seinen Absichten.

Kaum war die Mahlzeit zu Ende, so ging der alte Bauer zur Kapelle neben dem Hause und ließ das Glöcklein im kleinen Holzturm erklingen. Da mußten sich die Töchter nur sputen, die irdenen Schüsseln zu reinigen, und Veitl durfte sich kein Ruhestündlein auf der Hausbank vergönnen, denn Vater Piffrader hielt große Stücke auf die alte christliche Hausordnung.

Die Kapelle am Silvesterhofe war ein uralter Bau und ursprünglich dem heiligen Silvester geweiht, der im Hochpustertale eine besondere Verehrung genießt. Sie mochte einst ein vielbesuchtes Heiligtum gewesen sein, so daß der Name ihres Schutzheiligen auch auf den Bauernhof neben der Kapelle übergegangen war. Doch war der Ehrenplatz auf dem kleinen Altare nun schon seit Menschengedenken der Muttergottes von Loreto eingeräumt, und nur ein halb verwischtes Freskogemälde an der rechten Seitenwand zeigte noch das Bild des früheren Patrones, eine mit der Tiara geschmückte Gestalt.

Zu den Andächtigen, die an jenem Abende im Silvesterkapellchen den Rosenkranz beteten, gesellte sich auch die Liese vom Kramsacherhofe, Kandels jüngere Schwester. Die kam herüber zum Silvesterhofe so oft sie nur konnte, denn zu Hause hatte sie's nicht gut. Liese war ein beklagenswertes Geschöpf, ein seltsames Zwitterding zwischen Kind und Greisin. Ihre Gestalt war gebeugt und verkümmert, ihr Gesicht eingefallen, und um den fast zahnlosen Mund lag ein müder, schmerzlicher Zug. Sie hatte nie gewußt, was Gesundheit ist; dennoch war sie noch glücklich gewesen, so lange ihre Mutter lebte. Und selbst der muntern kleinen Silvestermoidl schien es zuweilen, als müsse es doch recht angenehm sein, so häufig von freundlichen Mutterlippen die Frage zu hören: »Kind, tut's dir weh?«

Manche frohe Stunde hatten die kleinen Mädchen damals zusammen verbracht; am frohesten aber waren sie, wenn Kandidus, der junge Schreinerlehrling, vom Markte heraufkam, wenn er sich zu ihnen setzte und in seiner ruhigen, gemächlichen Art zu plaudern begann. Liese hatte eine Vorliebe für diesen Bruder im Gegensatze zu Jürg, dem Ältesten, der sich nicht viel um sie kümmerte. Und was Moidl betraf, so versicherte sie häufig mit ernster Miene: »So einer, wie euer Kandel, tät' mir passen!«

Sie meinte, daß sie sich solch einen Bruder wünsche, aber als sie größer geworden war, kamen ihr andere, ernstere Gedanken. Was Kandidus betrifft, so hatte er nie gesagt, daß Moidl ihm »passen« würde, einfach, weil es zu selbstverständlich war. Seine Mutter unterhielt er oft von seinen Zukunftsplänen, und dabei ging er stets von der Voraussetzung aus, daß die Silvestermoidl sein Weib werde. Im übrigen wollte er ein geschickter und fleißiger Kunsttischler werden wie Jakob Bachmann, sein Meister. Auch einen neuen Altar für die Innicher Stiftskirche wollte er schnitzen, denn der alte sei gar nicht mehr schön, und das würde ihm gewiß einen guten Ruf machen und viele Bestellungen eintragen, und dann wollte er ein hübsches Haus kaufen und die Mutter und die Liese zu sich nehmen; Moidl würde die beiden schon treulich pflegen. Und die Mutter, die wohl sah, wie lieb und zärtlich die Silvestertochter mit ihrem kranken Kinde umging, meinte dann mit beifälligem Nicken:

»Ja, ja, Kandel, die Moidl wär' freilich die Rechte!« Zuweilen fügte sie ernst hinzu: »Wahr ist's, Kandel, fürs Liesele wirst schon du sorgen müssen. Wenn der Jürg einmal heiratet, weißt wohl, wie's dann geht!«

In der Tat, kaum hatte die alte Kramsacherin die Augen geschlossen, so war es aus mit Liesens guten Tagen. Jürg führte eine reiche, herzlose Bauerntochter aus Sillian heim, und das körperlich und geistig verkümmerte Mädchen war von nun an eine Sklavin im Hause. Liesens einziger Trost in dieser traurigen Lage war Kandidus, der unfehlbar jeden Sonntag auf dem Kramsacherhofe erschien, um sie zu besuchen. Der verstand das arme Geschöpf aufzurichten und verwies sie auf die heitere, sorglose Zukunft, die er und Moidl ihr bereiten würden. Und Moidl wußte genau, um welche Stunde Kandidus auf dem Nachbarhofe einzutreffen pflegte. Sie kam dann herüber und saß munter plaudernd bei dem Geschwisterpaare, und alle drei fühlten, daß sie zusammengehörten. Wenn aber Kandidus wieder talwärts gezogen war, sprachen die beiden Mädchen sich immer wieder ihre felsenfeste Überzeugung aus, daß es auf der weiten Gotteswelt keinen Menschen gebe, der so gut, so brav und so gescheit sei, wie Kandidus.

So war es einst gewesen. Jetzt war es anders. Jetzt ging Moidl dem Kramsachersohn aus dem Wege, so oft sie nur konnte, und wenn jemand von ihm zu sprechen begann, brach sie kurz ab.

Das erfuhr auch Liese. Sie war besorgt, weil sie an jenem Nachmittag keinen Besuch ihres Bruders erhalten hatte, und als Moidl ihr nach der Abendandacht das Geleite gab, fragte sie, ob Moidl drüben im Markte etwa Kandidus gesehen habe.

»Warum sollt ich mich denn alleweil nach dem Kandidus umschauen?« stieß Moidl gereizt hervor.

Betroffen über die unerwartet herbe Antwort brach Liese in Tränen aus.

»Früher hast du den Kandel nicht genug loben können,« klagte sie, »und jetzt willst du nichts mehr von ihm hören, und er hat doch nichts Unrechtes angestellt.«

»Unrechtes hat er nicht angestellt, aber da hast die Wahrheit gesagt, Liese: ich will nichts mehr von ihm hören.«

Fragend blickte Liese zu Moidl empor. »Gehst etwa ins Kloster?«

»Meinst, weil ich nicht aufs Heiraten denk'? Du denkst wohl auch nicht darauf und aufs Kloster doch auch nicht.«

»O, bei mir ist's ganz anders,« seufzte Liese, »ich bin grad zum Kreuztragen auf der Welt.«

»Das sind wir alle,« versetzte Moidl kurz; dann trennte sie sich von der Freundin.

Als sie auf den Silvesterhof zurückkam, fand sie den Vater allein in der Wohnstube über seiner alten Heiligenlegende eingenickt. Sie setzte sich zu ihm, um sein Erwachen abzuwarten. Vielleicht hätte sie aber lange warten müssen, wenn nicht die Hauskatze vom Ofen auf den Tisch herabgesprungen wäre gerade neben das schlummermüde Haupt des Alten.

Während er emporfuhr und sich die Augen rieb, schalt Moidl in scherzhaftem Tone die Katze, daß sie ihn geweckt habe; im Grunde war sie dem Tiere dankbar, denn sie wollte dieses stille Abendstündchen nützen, um sich mit ihrem Vater auszusprechen, seinen Schutz anzuflehen oder doch seinen Rat.

Als der Alte völlig wach geworden, begann sie leichthin: »Gel, Vater, ein kecker Kerl ist er, der Zillertaler?«

Sein unbefangenes »Ah so?« machte es ihr aber gleich klar, daß Finkenberger ihrem Vater gegenüber sein Anerbieten gar nicht erwähnt hatte.

»Denkt Euch,« rief sie, »zur Kellnerin hat er mich begehrt!«

Einen Augenblick zogen sich die Brauen des Alten finster zusammen; aber sogleich wurde seine Stirn wieder heiterer, und er meinte bedächtig, der Mann habe sich nur etwa mit der Wahrheit nicht herausgetraut.

»Ich tät' wetten, er spannt auf eine Wirtin!« mutmaßte er.

Moidl fuhr empor, um zu widersprechen. War es möglich, daß ihr Vater den Zillertaler für einen ehrlichen Freier hielt? Aber ein Augenblick der Überlegung, ein Blick auf das schneeweiße, gebeugte Haupt neben ihr, hieß sie schweigen. Sie verstand, daß dieser Greis keine Stütze mehr für sie sein konnte, daß es ihre Pflicht sei, ihn zu schonen, ihm jede Sorge fern zu halten, und sie bereute, von der Sache überhaupt begonnen zu haben.

Dem Alten war indessen ihre heftige Bewegung nicht entgangen. »Wenn dir der Zillertaler nicht zu Gesicht steht, ich nehm's dir nicht übel,« fuhr er bedächtig fort. »Es wollt' schon etwa christlichere Leut' geben als den. Aber weil wir grad von der Sach' reden: weißt, wenn du einen nehmen tät'st, wär's mir lieb.«

»O, ich hab' noch der Weil'!« Sie versuchte zu lachen.

»Glaub's schon, aber ich hab' nimmer der Weil'. Um Lorenzi bin ich fünfundsiebzig worden. Ich tät' dich gern versorgt wissen, eh' mich der Herrgott ruft.«

Moidl blickte zu Boden.

»Du brauchst grad zu winken,« fuhr der Vater fort. »Der Kramsacher Kandl ist ein gelernter Tischler und kann sich eine eigene Werkstätte richten, wo er mag und wann er mag. Und daß er dich gern sieht, wird dir nichts Neues sein, und daß er ein braver Bub ist, wirst mir auch nicht ableugnen.«

»Moidl,« begann der Alte nach einer Pause wieder, als die Tochter in düsterm Schweigen verharrte, »sollt' ich nicht mit dem Kandel reden oder mit dem Liesele?«

Aber jetzt unterbrach sie ihn heftig: »Nein, Vater, fragen muß er zuerst und nicht wir.«

»O mein, wie oft hat er mich schon gefragt! Völlig jeden Sonntag, wenn ich Kirchen geh', paßt er mir auf! Grad heut vor acht Tagen ist's gewesen, da hat er mir erzählt, daß jetzt in Toblach die Tischlerwerkstätte frei werden tät', und daß er nicht ungern dort einstehn möcht! »Grad nur ein Weibele tät ich noch brauchen,« hat er gemeint. »Ja, nimm dir halt Eine,« sag' ich, »Mädeln kriegst ja genug.« »Nein, Vater Peter,« sagt er, »Ihr wißt schon, auf welche ich denk!« So, Moidele, und du weißt's auch: überleg' dir's halt und tu, wie du meinst.«

Ruhig und verständig hatte Vater Peter das alles vorgebracht. Er erschrak, als seine Tochter ihn mit lautem Aufschluchzen unterbrach.

»Heiraten soll ich? Den Kandidus heiraten? Nein, den nicht, den schon gar nicht!«

»Bist närrisch?« Der Bauer betrachtete, die Hände auf die dürren Knie gestützt, verwundert sein trostloses Kind.

Gewaltsam drängte Moidl ihre Tränen zurück. Dann erhob sie sich und stand vor dem Alten, groß, ernst, fast drohend.

»Vater,« – sagte sie mit harter Betonung – »wie könnt Ihr's übers Gewissen bringen, mir zum Heiraten zu raten? Ich kann ja nicht heiraten ... ich darf nicht heiraten, mit mir wär' ein jeder zu erbarmen ... Ich bin die Jüngste vom Silvesterhof!«

In der Stube wurde es still. Der Alte war aschfahl geworden.

»Moidl, wer hat's dir gesagt?« fragte er endlich dumpf.

Sie aber sprach kein Wort mehr; sie schlug die Hände vors Gesicht und stürmte hinaus.

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