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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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1

Weihrauchduft erfüllte noch die dunklen Schiffe der Stiftskirche von Innichen und umwob das tausendjährige Kreuzbild auf dem Hochaltare mit geheimnisvollem Schleier. Die Vesper war eben verklungen. Dennoch hatten sich die meisten Andächtigen schon entfernt; nur einzelne Frauen, die dem lieben Gott wohl mehr zu sagen hatten als die anderen Leute, knieten noch da und dort in den leeren Kirchenstühlen.

Aufrecht unter dem uralten Hauptportale, an das sich ein Anbau aus späterer Zeit schließt, stand ein junger Mann und spähte forschend hinein in die düstere Kirche. Es war eine mehr kräftige als schöne Jünglingsgestalt, breitschulterig, mit einem mächtigen Krauskopf auf kurzem Nacken. Auch die Gesichtszüge waren unregelmäßig; aber es lag etwas Gewinnendes im treuen, ernsten, fast sorgenvollen Blicke der tiefblauen Augen.

Jetzt erhob sich vorn in der Kirche ein junges Mädchen von den Knien, bekreuzte sich mehrmals und wandte sich langsam dem nördlichen Seitenportale zu, wo sie den Boden reichlich mit Weihwasser besprengte. Dann verließ sie die Kirche. Rasch schlüpfte nun auch der junge Mann hinaus. Als er aber sah, welche Richtung sie einschlug, blieb er mit traurigem Kopfschütteln am Kirchhofe zurück.

Es war das nahe Spitalgebäude, dem das Mädchen zueilte.

»Ah, Moidele, bist du's!« begrüßte die alte Magd, die öffnete, den jugendlichen Besuch. »Heut früh hat's ihn wieder tüchtig gepackt.«

Moidl erwiderte nichts. Mit einer Sicherheit, als sei sie hier zu Hause, stieg sie die Treppe hinan, wanderte einen Gang entlang und betrat, ohne anzuklopfen, eines der Krankenzimmer. Es war ein echtes Spitalzimmerchen: zwei schmale Betten nebeneinander und darüber ein Kruzifix; ein Weihbrunnkrüglein neben der Türe, ein Tisch und zwei Stühle – das war alles.

Auf einem der Betten saß ein Mann mit grauem Haare. Seine stark geröteten Augen blickten starr; die halb geöffneten Lippen ließen eine zerfleischte, geschwollene Zunge sehen.

Moidl trat zu ihm und berührte ihn an der Schulter. »Wie lebt Ihr, Vetter Michel?«

Der Mann sah sie verständnislos an, doch sie schien an solchen Empfang gewöhnt. Sie nahm einen Stuhl und setzte sich zu ihm.

Moidl, die jüngste Tochter des Silvesterbauern vom Innichnerberge, war der ausgesprochene Typus der Pustertaler Frauenschönheit: groß und stattlich mit rotleuchtenden Wangen und lebhaften dunklen Augen. Die reichen braunen Flechten trug sie um einen silbernen Haarpfeil geschlungen, der seine schöne Bürde kaum zu halten vermochte; darüber saß ein schwarzer Filzhut mit schmaler Krempe. Das lichtblaue Seidentuch um ihren Hals verriet, daß sie eines wohlhabenden Mannes Kind war; im übrigen trug sie die schlichte dunkle Tracht des Pustertales, die ihrer Erscheinung etwas jungfräulich Ernstes verlieh und doch ihre blühende Jugend schön hervorhob.

Aber auch der Unglückliche, den sie jetzt mitleidig betrachtete, war nicht immer solch ein Bild des Elends gewesen; ja, vor Jahren hätte man im ganzen Hochtale zwischen Bruneck und Sillian keinen flinkeren und fröhlicheren Burschen gefunden, als den Michel vom Silvesterhofe. Beim großen Waffengange im Jahre 1809 war er unter den Verwegensten gewesen. »Er schießt die Leute zusammen wie Schnepfen!« äußerte sich einst ein ergrauter Schütze über den der Kindheit kaum Entwachsenen, der sein Ziel so kaltblütig ins Auge faßte. Und halb bewundernd, halb schaudernd raunten sich andere zu: »Ja, die vom Silvesterhofe, die sind halt eine eigene Gattung!«

Lange Zeit hatte im Pustertale der Kampf der Verzweiflung gewütet. Als es aber endlich der Division Macdonald unter namenlosen Verlusten geglückt war, die Lienzer Klause zu stürmen, da gab es keine Schonung mehr. Wie ein Würgengel drang General Broussier vor, sengend und mordend. Auch Innichen, der uralte Markt mit seinem ehrwürdigen Dome, war dem Verderben geweiht. Da ging ein Chorherr des Innichner Stiftes, von Geburt ein Franzose, der seltsamerweise den nämlichen Namen führte wie der Wüterich Broussier, dem Feinde entgegen und flehte weinend um Gnade für den Ort, der ihm, dem Fremdling, zur Heimat geworden war. Seine Bitte fand Erhörung; Innichen wurde verschont, nur seine schuldigsten Söhne sollten sterben. Im Kapitelhause des Innicher Stiftes befindet sich ein Bild des Kanonikus Broussier, das den Retter von Innichen als einen jungen Mann von sanften, einnehmenden Zügen zeigt.

Unter diesen Schuldigen war Michel Piffrader, des Silvesterbauern jüngster Bruder. Aber noch einmal hörte der sonst unerbittliche General auf die Stimme der Menschlichkeit. Aus Rücksicht für seine Jugend wurde Michel begnadigt, nur sollte er zu seiner Strafe der standrechtlichen Hinrichtung seiner Kampfgenossen beiwohnen. Vor der Sankt Michaelskirche am Ausgange der langen Marktstraße wurden die Verurteilten vor die französischen Gewehre gestellt. Ein lautes Knallen – und vier mutige Tiroler lagen in ihrem Blute. Aber mit den Vieren war noch einer gefallen: der kecke Silvesterbube, der im Kampfe mit keiner Wimper gezuckt hatte, wurde vom Orte des Todes ohnmächtig fortgeschafft.

Von jenem Tage an blieb er mit der fallenden Sucht behaftet.

Nach und nach wurde sein Zustand so traurig, daß der ältere Bruder sich gezwungen sah, den Unglücklichen in das Spital von Innichen zu bringen, und nun war Michael für die Seinigen so gut wie tot. Seine Schwestern hatten geheiratet und die Heimat verlassen, und der Silvesterbauer fragte nicht viel nach dem Kranken. Ihm fiel es schon hart genug, Michels Unterhalt zu bestreiten, und weder ihm noch sonst jemand im Silvesterhofe wäre es je in den Sinn gekommen, Michel zu besuchen.

Nur Moidl war von anderer Art. Freilich war es noch gar nicht lange her, seit sie überhaupt um das Dasein des kranken Vetters wußte, denn zu Hause hatte man ihn sorgsam totgeschwiegen; aber seit sie um ihn wußte, besuchte sie ihn häufig, wenn auch ohne Wissen der Ihrigen. Die alte Spitalmagd freute sich stets ihres Kommens, und zuweilen freute sich auch der Kranke. Doch häufiger war er geistig und körperlich zu schwach, um seine junge Verwandte zu beachten. Dann begnügte sich Moidl, den Unglücklichen eine Zeitlang schweigend anzublicken, und beim Fortgehen tauchte sie ihre Fingerspitzen ins Weihwasser und segnete ihn, wie man ein Kind segnet.

Auch heute war der arme Silvester-Michl ganz verwirrt. »Er kennt mich nicht,« murmelte Moidl, indem sie seine Hand fahren ließ, die sie kurze Zeit in der ihrigen gehalten hatte. »Ob ich komm', ob ich nicht komm', es ist ihm alles gleich; aber erbarmen tut er mir, o erbarmen! Und wenn ich denk', daß der auch einmal frisch und jung gewesen ist, und wenn ich denk' ...« Sie unterbrach ihr leises Selbstgespräch. Ein Schauder durchfuhr sie. Es mußte ein furchtbarer Gedanke sein, der ihr gekommen war.

In diesem Augenblicke ging die Tür auf. Ein bleiches, etwas unschönes, aber kluges Gesicht guckte durch die Spalte. »Siehst es, da ist sie akkurat!« rief es herein, und eine säuberlich gekleidete Frauengestalt betrat das Zimmer.

»Weißt wirklich nichts Gescheiteres, als alleweil beim Michel zu hocken?« schalt die Neueingetretene, und erhob lachend und drohend den Finger.

»Laß mich in Ruh, Vrena,« entgegnete Moidl trotzig. »Du weißt schon, ich bin spät genug zum Vetter geraten, und jetzt will ich mindestens emsig mit den Besuchen sein. Und daß ich dir's grad' sag': ich möcht' einmal wissen, wie's ist, wenn ihn seine Krankheit packt. Verstehst, Vrena?!«

»Geh, das sind Dummheiten! Ihm nutzt's ja nichts, und dir könnt's etwas zuziehen. Schau, es wär' ja genug, wenn ich deinen Vetter fleißig heimsuchen tät'. Ich geh ja ohnedies jeden Tag her.«

»Ja, Vrena, du hast auch deinen Teil!« murmelte Moidl nachdenklich.

Ein fast unmerklicher Seufzer entfuhr den Lippen der älteren Freundin. »Was willst machen?« entgegnete sie kurz. »Was der Herrgott schickt, muß man annehmen, und der Vater gibt mir's Beispiel; da tät' ich mich schämen, zu jammern.«

Das »Jammern« war in der Tat Veronikas Sache nicht, noch die ihres Vaters, des Schreinermeisters Jakob Bachmann, obschon sie, wie Moidl eben bemerkt hatte, »ihren Teil« an Kreuz und Leiden hatten. Der alte Bachmann war von häufigen Gichtschmerzen geplagt und sein Weib litt seit Jahren an so furchtbarer Geisteszerrüttung, daß es, um Schlimmeres zu verhüten, notwendig geworden war, sie in einem wohlverwahrten Baume des Spitalgebäudes einzuschließen. Damals gab es noch keine Barmherzigen Schwestern im Spitale. Eine Köchin, deren Laune nicht immer die beste war, und eine gutmütige, aber schwerfällige Hausmagd besorgten die Bedienung der Kranken. Veronika Bachmann kam täglich, zuweilen auch mehrmals des Tages, um nach ihrer unglücklichen Mutter zu sehen, und auf diesem Schauplatze menschlichen Elends hatten sie und Moidl sich gefunden und sich befreundet.

Und wie dankbar war Moidl für diese Freundschaft! Ihre Jugend war einsam und freudlos. Sie war das einzige Kind einer Ehe, die ihr Vater als Witwer in vorgerückten Jahren geschlossen hatte. Die Mutter war ihr früh gestorben, die Stiefgeschwister, die schon erwachsen waren, als Moidl zur Welt kam, mochten sie nicht gern leiden, und der Vater, der sie doch herzlich lieb hatte, war ein ernster Mann und kargte mit seinen Worten kaum minder als mit seinem Gelde. Und das wollte schon etwas sagen, denn einen sparsamem Hauswirt gab es in der ganzen Gegend nicht.

Lange standen die beiden Mädchen an Michels Bett und unterhielten sich flüsternd, obschon niemand sie belauschte. Was sie besprachen, mußte Moidl recht nahe berühren. Ihre Wangen waren gerötet und von Zeit zu Zeit lächelte sie, nur war es kein frohes Lächeln. Endlich erhob sie sich rasch und ging. Draußen aber fuhr sie mit ihrem großen blauen Taschentuche ein paarmal heftig über die Augen. Dann trat sie den Heimgang an.

Der Innichnerberg, dem sie sich zuwendete, bildet das linke Talgelände des nahe bei Innichen entspringenden Drauflusses. Es ist ein freundliches Mittelgebirge voll lieblicher Abwechslung und mit zahlreichen Einzelhöfen besetzt. Der Silvesterhof, Moidls Heimat, galt zu jener Zeit als einer der stattlichsten am ganzen Berge. Mitten in seinen Feldern in froher, sonniger Einsamkeit stand er da, hoch über dem Tale, weitab vom Lärm der Welt. Man mußte flink sein, wenn man ihn vom Markte aus in einer Stunde erreichen wollte.

Moidl war noch nicht lange bergauf gewandert, da merkte sie jemand hinter sich. Sie wandte sich um. Es war ein junger Bursche – derselbe, der sie vorhin beobachtet hatte, als sie aus der Kirche trat.

»Nichts für ungut, Kandidus, ich hab's heut ein bissel g'nötig!« rief sie von oben herab. Und nach dieser höflichen Entschuldigung beschleunigte sie ihre Schritte.

»O, ich halt dich nicht auf!« Und ein paar lustige Sätze brachten den jungen Mann an ihre Seite. »Meinst etwa, ich hab's nicht auch g'nötig?« fuhr er heiter fort. »Hab lang genug auf dich warten müssen, am erst' in der Kirch' und nachher beim Spital.«

»Wer hat's dich denn geheißen?« gab Moidl weniger freundlich zurück.

»Geh, sei nicht geschwind unwirsch!« bat er. »Kein freundlich's Wort mehr redest mit mir, und dem Spital-Michel, der dir nicht einmal »Vergelt's Gott« sagt, läufst alleweil zu.«

»Du glaubst nicht, wie er mich erbarmt, der Vetter Michel,« entgegnen das Mädchen rasch; »aber wahr ist's: ob ich ihn heimsuch' oder nicht, das ist ihm oft grad gleich. Ja, wenn ich ihm etwas Gutes bringen könnte, nachdem wär's freilich etwas anderes. Weißt, er ist wie ein Kind. Heut, wie ich in den Markt herab bin, ist ein Welscher auf dem Platz gestanden mit einem Korb voll Birnen; drei Stück einen alten Kreuzer hätt' er sie gegeben. Aber unsereins, siehst wohl, hat grad 's Essen und 's Gewand und sonst nichts. Den Vater zu bitten, tät' ich mich nie getrauen, für den Vetter schon gar nicht: er brummelt ohnedies alleweil, daß der Michel nie stirbt.«

Der junge Mann langte ein grünseidenes, mit Glasperlen verziertes Münzbeutelchen aus seiner Tasche. »Moidl,« meinte er zögernd, »wenn etwa am nächsten Sonntag wieder so ein Welscher da stünd' ...«

»Unterstehst dich!« rief das Mädchen entrüstet.

Der Abgewiesene seufzte, konnte sich aber nicht entschließen, sein Beutelchen einzustecken.

Mit einem Anflug von Bitterkeit fuhr er fort: »Du bist mir wohl eine Akkurate, daß du von deinem Nachbar nichts nehmen willst. Aber ich mag nachdem auch von meiner Nachbarin auch nichts behalten. Nimm's zurück, das Beutelein, nimm's! Weißt noch, wer mir's gestrickt? Besinnst dich?«

Verräterische Röte trat auf Moidls Wangen. Vor sechs Jahren war es gewesen, da hatte die Meßnerin von Innichen sie gelehrt, solche Münzbeutelchen zu stricken, und hatte ihr etwas Seide gegeben, eben genug für zwei Beutelchen. Das eine hatte Moidl ihrem Vater geschenkt, das andere behalten. Da war bald nachher vom Markte herauf der Kramsacher-Kandel gekommen, der Sohn vom Nachbarhofe, der seit einigen Jahren bei Meister Bachmann in die Lehre ging, und der hatte ihr erzählt, er sei jetzt nicht mehr Lehrling, sondern Geselle, und sein Meister habe ihm einen Lohn versprochen. Das hatte auf die kleine Moidl gewaltigen Eindruck gemacht und ohne sich zu besinnen, hatte sie ihr Beutelchen geholt und es ihm zugesteckt und gesagt: »Geh, Kandel, damit du's Geld nicht verlierst!« und dann waren beide dunkelrot geworden, als sei zwischen ihnen eine richtige Liebeserklärung erfolgt.

Ja, an all das erinnerte sich Moidl, als sei es erst gestern gewesen, und es strahlte wie ein feuchter Schimmer aus ihrem Auge. Aber das war bald überwunden.

»Gib's her!« rief sie heftig und entriß ihrem ungebetenen Begleiter den Gegenstand des Zankes.

»Vergelt's Gott für den armen Vetter!« sagte sie dann etwas sanfter und schob rasch das Beutelchen hinter ihre Schürze.

»Es ist völlig nichts drein, grad nur zehn Neukreuzer.«

Kandidus sagte es in traurigem Tone, denn er verstand nur zu gut, warum sie sich so plötzlich eines andern besonnen habe. Sie wollte ihr kleines Geschenk, das einzige, das sie ihm je gemacht, nicht länger in seinen Händen lassen.

Nach kurzer Pause blieb er stehen und sagte mit einem leisen Seufzer: »In Gottes Namen, Moidl! Ich seh' schon, daß du mich nimmer magst!«

Rasch wandte sie sich nun zu ihm und legte freundschaftlich die Hand auf seinen Arm. »Nein, Kandidus, du darfst nicht glauben, daß ich etwas gegen dich hab'; aber ich merk', was du möchtest, und das geht nicht, es geht halt nicht!«

Kandidus schüttelte den Kopf. »Ich kenn' mich bei dir nimmer aus. Seit einer Weile hast keinen Humor mehr und schaust oft völlig verstört aus.«

»Ja, dann laß mich stehn,« entgegnete sie rauh. »Oder ist's etwa fein, bei einem verstörten Menschen zu sein?«

»Bei dir dünkt's mich immer fein,« versetzte er schlicht.

Das Mädchen aber faltete flehend die Hände und bat mit bebender Stimme: »Geh', Kandidus! Ich bitt' dich gar schön, geh'!«

Da begriff er, daß sie unter seiner Gegenwart leide, und wollte nicht länger in sie dringen. »B'hüt Gott!« rief er hastig und ging den Berg hinab.

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