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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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16

Früh am folgenden Morgen war Moidl schon munter. Die erste heilige Messe in der Gnadenkirche wurde um sechs Uhr gelesen, da hatte sie vollauf Zeit, zuvor eine Wanderung bergab zu machen. Wie gestern löschte sie ihren Durst an der Quelle; dann aß sie ein Stücklein Brot zum Frühstück, füllte den Krug bis zum Rande und wandte sich aufwärts.

Ihre freudige Stimmung dauerte an. War es deshalb, daß ihre Füße leichter waren und ihr Kopf freier? In ihrem Herzen jubilierte und musizierte es, als seien alle Lerchen und Nachtigallen und all die sangesfrohen Lenzesboten der wiedererwachenden Natur darin eingeschlossen; und hätte sie nicht auf ihren vollen Krug achten müssen – sie hätte hüpfen mögen wie ein Kind.

Droben ging die Wasserverteilung von neuem an, nur daß ein paar Gäste mehr hinzu kamen. Den übrigen Tag brachte Moidl in der Kirche zu, und wenn sie vom Beten müde wurde, wanderte sie umher und besah die Votivtäfelchen, diese rührende Bildergalerie, die zwar nicht das Auge des Künstlers, wohl aber das der gläubigen Einfalt erfreut. Und dann kam es über sie wie ein heiteres Traumgesicht, wie eine süße Ahnung, daß es auch ihr gegönnt sein würde, hier ein Zeichen ihrer Dankbarkeit zu hinterlassen.

Am folgenden Tage hatte sich Moidls Kundenschar wieder vermehrt: die armen Leute begannen schon auf sie zu zählen. Ein bißchen müde machten sie ihre Wanderungen freilich, aber das war eine wohltuende, keine schmerzliche Müdigkeit. Nur daß sich solch jugendliche Eßlust in ihr regte, erschreckte sie. Ihre Vorräte gingen zur Neige, und doch wäre sie gern noch lange hier geblieben.

Da fand sich ein Ausweg. Im Gasthause erhielt sie Arbeit am Herde und am Waschzuber, und dafür reichte man ihr die Kost. Da ihre neuen Pflichten sie nur einen Teil des Tages in Anspruch nahmen, blieb ihr noch Zeit für ihre dürstenden Armen. Denn mit Sehnsucht harrten die Alten und Leidenden unter den Pilgern ihrer unbekannten Wohltäterin, wenn sie frühmorgens beim ersten Sonnenstrahl oder bei hereinbrechender Abenddämmerung von der Quelle heraufstieg, den vollen Krug im Arme. Viele hatten sich allmählich an die Wasserträgerin gewöhnt und dankten ihr kaum, aber das achtete sie nicht. War sie doch überreich belohnt durch die Freude des Wohltuns und mehr noch durch ein wonniges Gefühl, das täglich in ihr wuchs. Es war das Gefühl sich erneuender Kraft, wiederkehrender Gesundheit!

Und so blieb sie am Luschariberge Tag um Tag als die Dienerin der Pilger und der Armen.

*

Der Sommer kam und rief aus dem öden Felsgesteine schüchterne Blumenkinder hervor; drunten aber, wo die Quelle rauschte, erblühte ein Paradiesesgarten voll Alpenrosen und blauen Gentianen. Aber das dauerte nur kurze Zeit. Dann begannen die Lüfte wieder rauher zu wehen; der feine, kalte Regen, der aus den grauen Wolken fiel, vermischte sich mit einzelnen Flocken, und wenn Moidl zur Quelle hinabstieg, fand sie das muntere Wässerlein von glänzendem Kristall umsäumt.

Seltener ging sie jetzt den gewohnten und liebgewonnenen Weg, denn mit jedem Tage verminderte sich die Zahl der Pilger. Am Rosenkranzfeste, als sich schon die erste dünne Schneedecke auf das Haupt des heiligen Berges legte, ging es noch einmal laut und feierlich her in der Luscharikirche. Dann aber wurde das Gasthaus geschlossen; die Verkäufer, die schon lange fröstelnd in ihren offenen Buden gesessen waren, räumten Bilder, Medaillen und Rosenkränze beiseite; und die Priester verlöschten das Licht vor dem öden Tabernakel, schlossen die Kirche und wanderten talwärts.

Denn wenn einmal der Winter mit voller Gewalt hereinbricht, dann wagt es niemand mehr, auf dem Luschariberge zu hausen. Das Gnadenbild bleibt allein zurück, bewacht von dem Zorn der Elemente und von den Schneestürmen, die den Bergkegel umbrausen. Kein Pilger wird ihm nahen, aber auch keines Frevlers Hand wird sich an ihm vergreifen.

Nun mußte Moidl den Ort verlassen, der ihr so lieb geworden war, und den Heimweg antreten; was sie aber mitnahm, war nicht die Hoffnung nur, sondern die Gewißheit ihrer Heilung. Überall, wo man sie, die kranke Pilgerin, gütig aufgenommen hatte, kehrte sie nun ein, um laut ihre Seligkeit und die Wundermacht der Gottesmutter zu verkünden. Nur in Windischeck hielt sie sich nicht auf; sie hätte es nicht über sich gebracht, des Zehentmaiers Schwelle zu überschreiten.

Und doch, als sie an dem schmucken Hause vorbeiging, unter dessen Dache so wenig Glück und Friede wohnte, blieb sie stehen und sprach ein kurzes, leises Gebet. Aus innigem, dankbarem Herzen kam es. Ohne die Arme, die hier wohnte, wäre sie umgekehrt – umgekehrt an der Schwelle ihrer Erlösung!

Als sie aber noch am nämlichen Tage zum evangelischen Pfarrhause kam, trat sie mutig ein mit dem festen Schritte eines Kindes der Berge, begrüßte den Pastor wie einen Bekannten und verkündete froh und offen ihre Genesung. Sie zweifelte gar nicht, daß das Wunder ihrer Heilung auf den alten Herrn tiefen Eindruck machen würde: vielleicht würde er nun gar katholisch, hoffte sie. Er aber zog die Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. »Mein gutes Kind, ich kann mich Ihrer nicht im mindesten erinnern,« versicherte er kalt.

Das war eine herbe Enttäuschung, aber anderwärts wurde Moidl dafür reichlich entschädiget. Und als sie wieder Tiroler Boden betrat und überall die Macht und Güte der Gottesmutter vom Luschariberge pries, freute sich alles mit ihr und wünschte ihr Glück.

Auch im Sillianer Pfarrhause hielt sie Einkehr, und die Wirtschäfterin wie die geistlichen Herren wurden nicht müde, sie auszufragen.

Dann begleitete die Wirtschäfterin sie ein Stück Weges gen Innichen, und da kam allmählich das Gespräch in andere Bahnen.

Geheimnisvoll berichtete die Wirtschäfterin, man habe erst vor wenigen Tagen auf dem Sillianer Kirchhofe einen Mann aus Innichen beigesetzt. »Du kennst ihn gut, Moidele: den Rosenwirt.«

Moidl fuhr auf. War es Schrecken, war es ein Gefühl der Erleichterung? Doch ihr gutes Herz gewann schnell die Oberhand. »Hat er gebeichtet?« fragte sie rasch.

Gebeichtet? Nein; es war alles ganz plötzlich gekommen, just wie er mit der Tochter des Sillianer Sternwirts Handschlag Verlobung. hielt. Mit einem Male sei er zusammengebrochen, in Zuckungen verfallen, und Priester und Arzt hätten ihn nicht mehr am Leben getroffen.

»Aber 's Schrecklichste kommt erst,« fügte die Erzählerin eilfertig bei. »Er ist noch nicht zwei Tag' in der Erde gelegen, so haben die Gerichtsherren ihn ausgraben lassen. Vergiftet sei er worden, haben sie gesagt, und ich hab' erzählen hören, daß sie eine Kellnerin eingesperrt haben. Gnad' ihm Gott, dem Finkenberger! Man soll nicht richten und urteilen, aber so ein End'! Es ist zum Schaudern!«

Gedankenvoll ob des Gehörten nahm Moidl von der Erzählerin Abschied. Als sie aber, talaufwärts ziehend, den Turm der Stiftskirche hinter dem Innichnerberge hervortreten sah, kam wieder eine friedliche, freudige Stimmung über sie: die rechte Stimmung für eine heimkehrende Pilgerin. Wie lange war sie weggewesen! Beim schmelzenden Schnee war sie gegangen, und schon hatte der Spätherbst neue Flocken über das Hochtal ausgestreut!

Als sie in den Markt einzog, vernahm sie hier und dort den Ruf: »Die Silvestermoidl ist da! Die Kirchfahrtmoidl ist heimkommen!« Sie aber hielt sich nirgends auf, sondern eilte geradeaus zu Meister Bachmanns Hause.

War es Ahnung, war es Zufall, was ihr als Ersten Kandidus entgegenführte? Mitten im Hausflur blieb er stehen wie festgebannt. Dann erhob er die Arme und streckte sie wortlos der Kommenden entgegen.

Sie trat auf ihn zu und nahm seine Hände in die ihrigen. »Ich komm' vom Luschariberg,« sagte sie, wie um eine stumme Frage zu beantworten.

»O Moidl, was hab' ich deinetwegen ausgestanden!«

»Du hast mich ja selber weggeschickt, mein guter Kandidus,« versetzte sie lächelnd. »Besinnst dich, wie ich dich gefragt hab' wegen meiner Kirchfahrt, und du hast »Ja« gesagt, und ich bin gegangen, und jetzt ... bin ich gesund!«

»Moidl!« rief er, und seine Stimme klang fast schmerzlich, als habe das Übermaß der Freude ihm wehgetan.

»Wundert's dich?« entgegnete sie schlicht. »Wahr ist's, ich hab's nicht verdient, so ein Mirakel! Es muß rein dir zu lieb geschehen sein, Kandidus.«

»Mir zulieb?« Dann senkte er seine treuen blauen Augen tief in die ihren, als wolle er noch eine Frage an sie stellen.

Sie aber ließ plötzlich seine Hände fahren und trat einen Schritt zurück, wie um sich loszureißen. »B'hüt Gott auf morgen! Ich muß noch ins Spital zum Vetter Michel.«

»Zum Michel?« Er sah sie groß an. Aber freilich, sie war ja so lange Zeit weggewesen! »Moidl«, sagte er, »den Michel triffst bei deinem Vater am Gottesacker.«

Rasche Röte schoß in des Mädchens Gesicht, Tränen traten ihr in die Augen.

»Mußt ihm die ewige Ruhe gönnen!« tröstete Kandidus.

»O mein Gott, meinst, ich gönn' sie ihm nicht?« Das Mädchen schlug die Hände in einander. »Derwegen bin ich ja kirchfahrten 'gangen in Müh' und Not und Elend, daß wir beide erlöst werden ... er und ich. O Kandidus, jetzt kann ich dir offen ins Gesicht schauen, der Fluch ist weg.«

Er zog sie an sich. Sie wehrte es ihm nicht, und laut schluchzend barg sie ihr Gesicht an seiner Schulter.

Als Moidl des Abends auf den Silvesterhof kam, wurde sie von der Stiefschwester kaum anders begrüßt, als wenn sie nach kurzer Abwesenheit vom Tale heraufgekommen wäre. Für Scholastika gab es jetzt überhaupt nichts, wovon sie reden mochte, als den Rosenwirt, auf den sie im stillen vielleicht ebenso gehofft hatte, wie Sefi, die unglückliche Kellnerin. An den Erlebnissen der heimkehrenden Kirchfahrerin nahm weder sie noch der Bruder Anteil, und als Moidl mit ihren bescheidenen Andenken herausrückte, meinte Veitl achselzuckend: »Da kriegt man wohl von jedem Sammelpater was Besseres.«

Aber Moidl wußte ja, daß sie nicht lange mehr unter dem Dache der Geschwister zu verbleiben hatte. Kandidus hätte am liebsten gleich »Ernst gemacht«, doch der vorsichtige Propst meinte, bis zum Frühlinge könnten die jungen Leute schon noch warten.

Moidl war damit einverstanden. »Es wird wohl eine Weile brauchen, bis der Kandidus ein eigenes Geschäft hat,« sagte sie zu Veronika.

Die aber lächelte. »Moidl, sein Geschäft hat der Kandidus in der Hand, und je eher ihr heiratet, je lieber ist's mir. Ich kenn' dich gut: du wirst mir auf den Vater schauen und auch meine kranke Mutter nicht vergessen, die arme Seele!«

Moidl blickte verwundert, als habe sie nicht verstanden. Da fuhr Veronika eifrig fort: »O Moidl, von klein auf hab' ich 's Kloster im Kopf gehabt, und am liebsten hätt' ich mich versperrt vor der Welt und nichts mehr gesehen und gehört, aber der Herrgott hat's anders haben wollen. Wie die Mutter so armselig geworden ist und wie ich Tag für Tag ins Spital hinein bin und das Elend gesehen hab' und die schlechte Pfleg', da bin ich auf andere Gedanken gekommen. Weißt, Moidl, draußen im Inntal haben sie Schwestern bei den Kranken, das ist ganz etwas anderes für die armen Leute. Und deswegen will ich nach Innsbruck hinaus, so eine Schwester werden, und will nicht rasten, bevor nicht auch das Innichner Spital Barmherzige Schwestern hat.« »Ich hab' nur immer warten müssen ein Jahr ums andere, bis der Vater eine andere Tochter findet. Jetzt hat er eine, Gott sei's gedankt! Moidl, wie viel hab' ich gebetet, daß du gesund werden sollst!«

»O Vrena,« brach Moidl beschämt hervor, »und ich bin so eifersüchtig auf dich gewesen!«

Veronika lachte herzlich und meinte nur, mit einem Manne wie Kandidus dürfe sich Moidl die Eifersucht sparen.

Einige Tage später, als Moidl in den Markt gekommen war, richtete es Veronika so ein, daß die Silvestertochter mit Vater Bachmann allein blieb. Der nahm sogleich das Wort: »Wie hast's jetzt, Moidele, wirst ein bissel Geduld haben mit dem alten Jackel?«

Dem Mädchen versagte die Stimme; sie fand keine Antwort.

Da fragte Bachmann in einem Tone, der wie Lachen und Schluchzen zugleich klang: »Wundert's dich, Moidele, daß meine Vrena ins Kloster geht? Mich wundert's nicht; ich hab' mir schon seit einer Weil' so etwas gedacht. Ja, was will man machen? Man muß dem Herrgott grad seinen Willen lassen; zuvor gibt er doch keinen Frieden.«

*

Im Frühling standen Moidl und Kandidus vor dem Altare der Stiftskirche. Veronika und Liese begleiteten als Kranzjungfrauen die freudestrahlende Braut. Am folgenden Tage griffen die Neuvermählten zum Wanderstabe und zogen zu Fuß nach dem Luschariberge, um dort den Dank ihres Herzens auszugießen.

Nach der Rückkehr des jungen Paares konnte Veronika endlich ihr Vorhaben ausführen. Es war ein harter Abschied für den kranken Vater, aber bald fand er Trost in der zärtlichen Sorgfalt, womit Kandidus und Moidl sein Alter umgaben. Daß Bachmann vom frühen Morgen bis zum späten Abend über »die junge Wirtschaft« brummte und schalt, versteht sich von selbst, aber Moidl deutete das nur als einen Vollbeweis seiner väterlichen Huld.

Als Gott die junge Ehe mit Kindern segnete, war Bachmanns Zufriedenheit vollkommen, und er konnte gar nicht genug sich Großvater nennen hören.

Kandidus oder Meister Neunhäusler, wie man ihn jetzt nannte, sollte nun auch das Ziel seiner Künstlersehnsucht erreichen, denn der Propst von Innichen hatte sich wirklich zur Errichtung eines neuen Altares entschlossen. Seine ganze Mühe und Kunst verwendete Kandidus auf dies Werk, und als alles fertig war und die goldenen Ranken ihn anblitzten und die rosenroten Engelsgesichtchen ihn anlachten, da dankte er dem lieben Gott aus Herzensgrund für das Gelingen.

Die junge Frau Meisterin aber meinte, auf der weiten Gotteswelt gebe es nichts Schöneres, als den neuen Altar von Innichen.

Meister Bachmann grollte natürlich über den modernen Geschmack und behauptete, solch neues Geschnitz passe nicht in die uralte Kirche. Im Grunde aber war er über die Leistung kaum minder entzückt als Moidl und ahnte nicht im mindesten – daß er mit seinem Geschimpfe den Nagel auf den Kopf getroffen habe.

Ehe noch der Altar aufgestellt war, erlag der alte Bachmann seinem langen Leiden. Bis zum Tode bewahrte er seine unverwüstliche Heiterkeit. Als der Propst ihn ermahnte, der göttlichen Barmherzigkeit zu vertrauen, drückte der Sterbende das Kruzifix an seine Lippen und sagte: »Herrgott, meinst etwa gar, ich tu mich vor dir fürchten? Gesündigt hab' ich wohl, aber bereut auch, und gar zu heiklig darfst halt nicht sein!«

»Der ist ein Heiliger gewesen, aber ein besonderer,« meinte der Propst, als Bachmann ausgerungen hatte. Kandidus und Moidl aber beweinten ihn wie einen Vater.

Moidl blieb die Kirchfahrtmoidl nach wie vor. Jedes Jahr zur Sommerzeit wallte sie zu Fuß nach dem Luschariberge, wo sie ihre Heilung gefunden hatte. Sie schämte sich auch gar nicht, die wohlbestallte Frau Meisterin, zuweilen einen jungen Kandidus oder ein kleines Moidele, in einem Rückkorbe weich gebettet, mit sich zu nehmen, wie es die armen Weiber aus Friaul auf ihren Bettelfahrten tun. Aber auch das ging vorbei; die Kinder wuchsen heran, und durch Moidls reiches, dunkles Haar spannen sich die ersten Silberfäden. Ihre Wallfahrt nahm jetzt schon etwas mehr Zeit in Anspruch, aber sie konnte sich das gestatten, denn ihre älteste Tochter stand inzwischen mit Umsicht dem Hauswesen vor.

Und jetzt – nachdem so viele Jahre hinweggegangen waren über ihre erste Wallfahrt nach dem heiligen Berge des Kärntnerlandes – jetzt wanderte Moidl nie mehr durch Windischeck, ohne Zenzi zu besuchen. Zenzi war längst des reichen Zehentmaiers ehelich Weib geworden. In einer schweren Krankheit hatte er sich die arme Magd antrauen lassen, aber bei wiederkehrender Gesundheit reute es ihn, und er ging rauh und lieblos mit ihr um. Besonders seit Hansi an der Halsbräune gestorben war, hatte er sein Weib satt bekommen, und je älter er wurde, desto mehr hatte sie von seinen Launen zu leiden. Nur eines duldete er nach wie vor: ihre Gastfreundschaft gegen die Luscharipilger. Für Zenzi war es immer ein Freudentag, wenn die Kirchfahrerin aus dem Pustertale bei ihr vorsprach. Da durfte sie so recht ihr Herz ausschütten, und Moidl fand stets neue Worte, um sie zu trösten und zu ermuntern ...

Und wieder vergingen Jahre. Moidl war alt geworden. Bei ihrer alljährigen Pilgerreise mußte sie sich zuweilen bequemen, ein Gefährte zu benutzen oder wohl gar die Bahn, deren Schienen nun das Pustertal mit Kärnten verbanden. Nur den letzten Teil des Weges, wo es bergan geht, legte sie zu Fuß zurück, und stets mit der gewohnten Holzlast am Rücken. Und wenn sie heimkam, brachte sie immer einen ganzen Korb voll »Heiligkeiten« mit: den Kindern Pfenniglein und bunte Bildchen, den jungen Leuten Rosenkränze und Andachtsbücher, den Hausmüttern geweihtes Harz, das man bei Krankheitsfällen anzünden soll, den alten Leuten Wachskerzen, um ihnen beim Sterben zu leuchten. Kein Wunder, daß es für Innichen ein freudiges Ereignis war, wenn die Kirchfahrtmoidl heimkam!

Am meisten aber freute sich Meister Neunhäusler ihrer Rückkehr; denn er war in seine Moidl noch ebenso verliebt wie damals, als sie in blühender Jugend am Traualtare stand.

Jetzt haben die beiden die goldene Hochzeit hinter sich und ein stilles, frohes, tätiges Leben. Kein Schatten der Zwietracht hat je ihren Frieden verdüstert, keine schwere Krankheit hat sie aufs Lager geworfen, kein mißratenes Kind ihnen Tränen ausgepreßt.

Nur einen Verdruß, aber einen recht großen, mußte Moidl in ihrem Alter erleben. Ein neuer Propst trat auf, der sich's einfallen ließ, seine Hand gegen das Meisterwerk ihres Kandidus zu erheben. Der geschnitzte Altar wurde durch einen marmornen ersetzt, und die mächtige Apsis des altromanischen Domes mit prächtiger Mosaik ausgelegt, von deren leuchtendem Gold das uralte Kreuzbild sich majestätisch abhob. Ganz Innichen war entzückt, Kunstkenner äußerten rückhaltlos ihre Bewunderung; die Kirchfahrtmoidl allein jammerte über die neuen Zeiten, grollte dem »Gnädigen« und erklärte, es lasse sich in der Stiftskirche jetzt nicht mehr so gut beten.

Da wurde aber Meister Kandidus Neunhäusler zum erstenmale in seinem Leben unhöflich gegen sie. »Red' nicht so dumm, Alte! Stein ist Stein und paßt besser in die Kirche als so ein hölzernes Gestell. Will's Gott, können wir noch etliche Jährlein zusammen vor dem neuen Altar knien; und wenn ich einmal hinüberkomm', werd' ich zum Herrgott sagen: Mein Bestes hab' ich für dich getan; aber – siehst wohl – ich bin halt nur ein einfacher Tischler gewesen!«

Seitdem hat sich Moidl ins Unvermeidliche gefügt und wandert wieder frohgemut jeden Morgen in die Stiftskirche. Was ihre Kirchfahrten betrifft, so gestattet ihr »Alter« jetzt keine weiten Wanderungen mehr. Um so häufiger besucht sie ihr liebes Aufkirchen und die neue Lorettokapelle bei Winnebach.

Und wenn sie so flink und rüstig auszieht, den Schirm unterm Arm und den Rosenkranz in der Hand, dann schauen ihr die jüngeren Leute verwundert nach, und einer sagt zum anderen: »Ja, die Kirchfahrtmoidl, das ist eine! Solche Leut' stehen nimmer auf heutigen Tags!«

*

 

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