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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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15

Zwei Tage später erreichte Moidl den letzten Ruhepunkt ihrer Reise, das reizend gelegene Dorf Saifnitz. Von dort ist es für gewöhnliche Fußgänger noch ungefähr drei Stunden Weges bis zur Kirche Maria Luschari; für Moidl würde es eine Tagreise sein, eine mühevolle, aber die letzte.

Nachdem sie im Orte genächtigt hatte, trat sie zu guter Stunde den Weg an. In das halblaute Gebet der Pilgerin mischte ein vorbeirauschender Bach seine wilde Melodie. Dann ging es steil aufwärts durch stämmigen Hochwald. Später gelangte sie an eine Lichtung, wo prächtiges Klafterholz, wie zum Verkaufe bereit, in großen Stößen aufgeschichtet lag. Einzelne größere Blöcke lagen zerstreut umher. Die Kirchfahrerin setzte sich auf einen Block, um zu ruhen, denn der Boden war feucht.

Während sie Rast hielt, holte ein Wanderer sie ein, ein ältlicher Bauersmann, der wohl das gleiche Ziel verfolgte, denn er murmelte leise Gebete. Gerade vor Moidl blieb er stehen, doch schien er sie kaum zu bemerken, sondern musterte eifrig das am Boden verstreute Holz. Auf einmal zog er einen Strick hervor, schlang ihn um einen der größten Holzblöcke und warf die schwere Last über seinen Rücken. Dann setzte er betend den Weg fort.

Da verstand Moidl, daß dies ein Bußwerk sei, das sich eifrige Luscharipilger auferlegten, etwa wie solche, die bußfertigen Herzens zur Schmerzensmutter nach Weißenstein wallen, schwere Steine den steilen Berg hinauf schleppen. Im ersten Jahre ihres Pilgerlebens, da sie noch munter und kräftig war, hatte sie es mit einem solchen Steine versucht. Aber auch jetzt wollte sie nicht zurückbleiben. Sie ergriff ein Holzstück und lud es sich auf; es war eines von den kleineren; dennoch litt sie unter der Bürde.

Langsamer noch ging es jetzt aufwärts. Ihre Knie bebten, ihr Kopf war schwer und müde. Sie konnte kaum einen anderen Gedanken fassen als den einen trostlosen: Für mich ist alles umsonst! Die ermutigenden Worte, die sie zu Windischeck gehört, hatten weniger Kraft, seit sie wußte, von wessen Lippen sie gekommen waren. Und doch, sie hatte recht, die arme Magd des Zehentmaiers: Moidl durfte nicht umkehren, ehe sie nicht der Königin des heiligen Berges Zeit gelassen hatte, ihre milde Macht zu zeigen.

Nach und nach wurde der Bergwald lichter, die Bäume niedriger. Langes, eisgraues Moos hing von den Zweigen, und den knorrigen Stämmen sah man an, welch harte Kämpfe sie mit den Winden des Hochgebirges bestanden hatten. Endlich hörte der Wald auf. Es folgten steile Wiesenhänge; nur da und dort fristete noch eine zerzauste Kieferföhre ein kümmerliches Leben. An den schattigen Stellen lag alter Schnee, und wo ihn die heitere Maiensonne weggefegt hatte, war der Boden zerrissen von den Schneemassen, die der rauhe Hochlandswinter aufgetürmt und die sich tief hineingesenkt hatten in die vom Frost erlöste Erde. Hier begann der Rasen zu grünen, und zwischen den polsterartigen Erhöhungen des weichen Alpenbodens sprang eine Quelle empor, deren reichliches Wasser sich in ein kleines Becken sammelte. So kunstlos war dies Behältnis, daß man kaum sagen konnte, ob Natur oder Menschenhand es gebildet hatte. Der Kirchfahrerin galt das gleich; mit herzlicher Dankbarkeit trank sie von dem reinen Bergquell, als habe die milde Herrin dieser Gefilde ihr einen Labetrunk gereicht.

Hier hielt sie wieder Rast und lieh manchen Pilger an sich vorüberziehen. Gar wechselvolle Gestalten waren es, die da den Berg hinan schritten, stattliche Leute mitunter, die froh und behäbig aussahen, andere wieder verwahrlost und struppig wie Zigeuner. Moidl hätte sich fürchten mögen, hätte sie nicht bemerkt, daß auch diese rauhen Leute beteten. So saß sie lange und blickte still neidisch auf die rüstig hinanschreitenden Wanderer, bis auch sie sich endlich aufraffte und ihren Weg fortsetzte.

Immer dünner wurde die weiche, von flüssigem Schnee durchsickerte Erdschichte. Darunter zeigte sich Felsgestein, schlüpfrig von der Feuchtigkeit, und zwischen den Felsen erschien hier und dort blaugrüner Bergwachholder, der sich dicht und breit mit seinen stacheligen Zweigen an den Boden schmiegte. In solch einem Wacholderbusche hatte ein Schafhirte vor vielen hundert Jahren das wundertätige Marienbild gefunden. Umsonst hatte man das kleine Holzbild dreimal ins nächste Dorf gebracht, damit es der Verehrung der Gläubigen näher sei: dreimal war es auf geheimnisvolle Weise an dieselbe Stelle zurückgekehrt mitten in die schaurige Bergesöde.

Und nun auf einmal, da die Kirchfahrerin einen Augenblick inne hielt, um Atem zu schöpfen, erblickte sie hoch oben auf einer noch schneebedeckten Kuppe eine Kirche mit breitem Glockenturm und darunter einige Häuser, das Ganze ein unwirtlicher Adlerhorst mitten in der Einsamkeit des Hochgebirges – das war ihr Ziel!

Hinter dem Heiligtum, durch eine tiefe Schlucht vom Luschariberge getrennt, hoben sich starre Felsenriesen empor, die wild und schauerlich in den freundlich blauen Maienhimmel hineinragten. Eben sank die Sonne hinter den glitzernden Schneehäuptern, und eisige Abendwinde empfingen die Ankommende. Gleich am ersten Hause erkundigte sie sich, was sie mit ihrer Holzlast beginnen solle. Man wies sie an das Pfarrhaus und belehrte sie, daß der Holzbedarf der Wallfahrt nicht zum geringsten Teile durch diese freiwilligen Beiträge der Pilger gedeckt werde. Freilich sind es meist nur Männer, die sich solcher Last unterziehen.

Nachdem Moidl, der erhaltenen Weisung gehorchend, sich ihrer Bürde entledigt hatte, betrat sie die Kirche.

Todmüde, mit klopfenden Schläfen und fliegendem Atem sank sie nieder auf die Steinfliesen des Bodens.

Hier war sie nun! Zwei lange Wochen war sie gewandert, die Schwerkranke, Schritt für Schritt. Würde sie hier ihre Erlösung finden ... wenigstens die Erlösung durch den Tod?

»Laß mich sterben, Muttergottes!« schluchzte sie leise.

Ferne, süße Töne schlugen an ihr Ohr. Unwillkürlich erhob sie den Kopf und lauschte. Noch nie hatte sie so Schönes gehört. Langsam wogte es näher, wie rauschende, tönende Fluten. Erst nach geraumer Zeit wurde es der Horchenden klar, daß das Gesang sei, aber trotz allen Horchens vermochte sie kein Wort aufzufangen. Je näher die Singenden kamen, desto unverständlicher dünkte sie die Sprache, und nur eines war verständlich, die großartige Harmonie der Töne, die ihr wie eine Offenbarung klang.

Jetzt zogen die Sänger durch die weit geöffnete Kirchentüre, und mit ihnen der Feuerschein der sinkenden Sonne. Es waren Männer mit wirren Bärten, Frauen mit seltsamen Kopfhüllen. Alle sahen arm, elend, fast verlumpt aus. Sie sangen ihr Lied zu Ende, während sie einzogen; dann warfen sie sich schweigend auf die Knie. Viele breiteten die Arme aus, andere neigten sich, daß ihre sonngebräunte Stirne den Boden berührte.

Die Tirolerin war tief ergriffen von diesen Bezeugungen vertrauender Ehrfurcht. Gern hätte sie es wie diese Pilger gemacht, aber sie hatte dergleichen nie gesehen und wagte es nicht. Nur ein wundervolles Gefühl der Andacht kam über sie, und die sinkende Hoffnung schien sich neu zu beleben. Ihr war, als ob sie trotz aller Erschöpfung sich nicht satt beten könne und nicht satt sehen an dem ersehnten Gnadenbilde, dessen juwelenbesetztes Mantelkleid in den roten Strahlen des Unterganges funkelte.

Aber endlich mußte sie doch die Kirche verlassen und daran denken, eine Herberge zu suchen. Ein Gasthaus war freilich da, aber das war nicht für sie! Glücklicherweise war sie nicht die einzige Arme am Luschariberge. Man wies sie an das sogenannte Pilgerhaus, eine weitläufige Baracke, die drei Räume enthielt. Der Vorraum diente als gemeinsame Küche; dahinter befanden sich die Schlafstätten für Männer und Frauen. Dieses Haus bot unentgeltlich Schutz gegen Regen, Sturm und Schnee. Das war schon viel. Für das Lager mußte jeder selbst sorgen. Die Leute lagen eng beisammen auf Decken, die Armen wohl gar auf Heidekraut, das sie im Walde drunten zusammengerafft hatten. Aber niemand war so arm wie die Silvestertochter: die hatte nichts als die bloße Erde und als Kopfkissen ihr kleines Bündel.

Unter den Weibern, die hier zusammengedrängt waren, erkannte Moidl jene malerisch wilden Gestalten, die sie vorhin in die Kirche hatte einziehen sehen. Auch die zunächst bei ihr lag, war eine solche. Gar zu gern hätte Moidl mit ihr Bekanntschaft geschlossen vor dem Einschlafen. Sie fragte, woher sie sei und ob sie weit her komme, aber alles vergebens. Kein deutsches Wort schien sie zu verstehen, diese Fremde! Und endlich wandte sich Moidl von ihr ab und versuchte zu schlafen.

Nun aber merkte sie erst, wie feucht und kalt die Erde war, worauf sie lag. Sie warf sich hin und her, doch ihre starren Glieder wollten nicht warm werden. Der Schlaf floh von ihr, obwohl sie todmüde war. Vielleicht würde sie die ganze Nacht so liegen müssen, schlaflos und frierend.

Plötzlich fühlte sie sich am Ärmel gezupft. Die Nachbarin war's. Die hatte eine dicke Wollendecke unter sich gebreitet, und nun fuhr sie fort zu zupfen und zu zerren, zu ziehen und zu reißen, bis Moidl endlich, der stummen, aber kräftigen Einladung folgend, neben ihr auf der Decke Platz nahm. Und dann lagen diese beiden, die sich nie zuvor gesehen hatten, die kein Wort mit einander wechseln konnten, warm an einander geschmiegt wie Kinder, die Mutterhand aufs gleiche Lager gebettet hat. Und Moidl schlief ein.

Beim Morgengrauen war sie schon wieder auf den Beinen, ordnete ihre Kleidung, glättete ihre Haare und trat dann hinaus in die kalte Morgenluft.

Zunächst suchte sie nach einem Brunnen, konnte aber weit und breit kein noch so kleines Wässerlein finden.

Dann erstieg sie langsam die kahle Höhe, den eigentlichen Gipfel des Luschariberges, der die Wallfahrtskirche überragt. Da blieb sie stehen, festgebannt von der wundervollen Großartigkeit des Anblicks: hier weißgraue Felsenriesen, ähnlich den Dolomiten ihres Heimattales, die sich mit zackigen Umrissen vom sanft geröteten Morgenhimmel abhoben, dort ungeheure Schneehäupter, die schon der erste Sonnenstrahl verklärte. Schweigen lag noch über die Täler gebreitet. Leichte graue Wolken glitten an den Felswänden hin; gen Osten breitete ein See seine stahlblaue Fläche aus. Doch all diese Tiefe lag noch, in geheimnisvolles Zwielicht gehüllt, vor dem Blicke der Pilgerin. Da mit einem Male blitzte es auf hinter den Bergriesen und der erste Sonnenpfeil traf ihr Auge, daß sie wie aus sinnverlorenem Zustande emporfuhr.

Drunten in der Kirche scholl das erste Glockenzeichen. Sie bekreuzte sich und eilte bergab.

Nachdem sie allen Messen am Gnadenorte beigewohnt hatte, nahm sie sich ein Herz und betrat das Gasthaus. Dort erkundigte sie sich bescheiden, ob denn kein Brunnen in der Nähe sei. Da erfuhr sie nun zu ihrer Bestürzung, daß es am Luschariberge keinen gebe; das Wasser werde von einer Quelle geholt, tief drunten am Wege nach Saifnitz, und Tag für Tag in großen Schläuchen heraufgebracht. Zur Zeit des größten Zulaufs seien zwei Lasttiere nötig, um den Wallfahrtsort mit Wasser zu versehen: dabei gebe es noch immer viele Arme, die sich ihren Bedarf selbst holten.

Moidl überlegte. Gehörte sie nicht auch zu den Armen? Sie besaß zwar Mundvorräte im Überflusse, dank der armen Zenzi von Windischeck; aber wenn sie das Trinkwasser kaufen mußte, dann wäre ihr Beutelchen bald leer, und sie könnte nicht einmal ein winziges Pfenniglein nach Hause bringen als Andenken an die Wallfahrt.

Sie bat also die Aufwärterin, die ihr Bescheid erteilt hatte, sie möge ihr auf einige Zeit leihweise einen Krug überlassen. Gern wurde diese Bitte nicht gewährt, aber Moidl setzte doch ihren Willen durch und zog mit einem großen Kruge, dem freilich der Henkel weggebrochen war, bergab der Quelle zu.

Die Quelle war dasselbe Wässerlein, das sie gestern beim Aufsteigen erquickt hatte, und als sie zur wohlbekannten Stelle kam und ihren Durst gelöscht und sich die Augen recht hell gewaschen hatte, da wurde ihr froh zu Mute.

Plötzlich klangen von oben her die wundervollen Stimmen, die sie tags zuvor gehört hatte. Sie erhob sich und wandte sich um. Ja, da kamen sie bergab, die fremden Kirchfahrer, der Kreuzträger voran, ebenso fromm und gesammelt, wie sie gestern in die Kirche eingezogen waren.

»Gelobt sei Jesus Christus!« rief Moidl, als sie vorüberzogen. Einige blickten sie an und erwiderten etwas in ihrer Sprache. Es war wie ein Verständnis der Herzen.

Als der Zug ihren Augen entschwunden war, füllte sie den Krug und trat den Rückweg an. Ein saurer Gang! Sie hielt den Krug mit beiden Händen fest und achtete ängstlich darauf, daß kein Tropfen aus dem schartigen Rande herausspringe. Doch als der Turm der Gnadenkirche wieder vor ihr auftauchte, fühlte sie sich glücklich wie eine Siegerin. Sie hatte jetzt Wasservorrat für mehrere Tage; nur galt es, den Schatz sorgsam zu bergen. Schon beim Abwärtswandern hatte sie zwischen Felsblöcken eine Mulde erspäht, worin, vor Wind und Wetter geschützt, einige Wacholdersträucher grünten. Zwischen den stacheligen Zweigen versenkte sie nun ihren Krug, und dabei blickte sie umher, ob kein Späherauge sie entdecke.

Was sie zunächst anlockte, war die Doppelreihe von Verkaufsbuden, die wie eine hölzerne Gasse zur Kirche hinauf führten. Nie hatte sie solche Schätze an Devotionalien gesehen und nie bisher hatte sie Bargeld in Händen gehabt. Auch jetzt waren es nur zehn Kreuzer, die sie ihr eigen nannte, aber mit denen wenigstens durfte sie anfangen, was sie wollte, nun da für Trank und Unterhalt gesorgt war.

Sie wanderte eine Zeit lang zwischen den Buden auf und nieder, mit begehrlichen Blicken die bunten Rosenkränze und Täfelchen musternd. Endlich machte sie sich an eine Bude heran, die ihr die bescheidenste schien. Eine Frau saß drinnen, den Kopf in ein dickes Wollentuch gehüllt, aus dem eine spitze Nase und zwei stechende graue Augen hervorblickten.

Und nun ging es an ein Handeln! Alles lockte die arme Moidl, alles hätte sie gern gekauft, zog aber sogleich mit trauriger Miene die Hand vom begehrten Gegenstand zurück, sobald sie dessen Preis erforscht hatte.

Eine so vorsichtige und wählerische Kunde hatte die Frau mit der spitzen Nase noch nie an ihrer Bude gesehen. Nach vielem Hin- und Herfragen und reifer Überlegung klimperten endlich einige Luschari-Pfenniglein in Moidls Beutelchen. Aber die spitze Nase mochte sich's wohl nicht träumen lassen, daß die Barschaft dieser Kauflustigen bereits erschöpft sei, und so fuhr sie fort, ihre Ware anzupreisen und anzubieten.

»Einen Kreuzer, bitt' schön! Um der heiligen Muttergottes willen!« klang es auf einmal in weichem, fremdländischem Tone, und ein altes Weiblein, auf einen Stock gestützt, trat an Moidls Seite.

»Ach, laßt sie geh'n, 's is nur a Windische!« knurrte unwillig die Verkäuferin. Zugleich machte sie eine abwehrende Bewegung gegen die Alte.

Die entfernte sich schweigend; sie schien an solche Behandlung gewöhnt.

»Was ist sie?« fragte Moidl verwundert.

»A Windische! Das is so eine, was nit Deutsch red't,« erklärte die Verkäuferin.

»Sind das auch Windische, die so schön gesungen haben?« fragte Moidl schnell. Aber die Frage wurde überhört.

»Die Leut' betteln immer, 's is a Schand!«

Moidl errötete. »Sie werden halt recht arm sein.«

»Ach was, faul sind's und keck sind's! Wann's kei Geld haben, sollen's daheim bleiben.«

Die Röte auf dem Gesichte des Mädchens wurde tiefer. Rasch wandte sie sich von der Bude ab und ging hinter der alten Bettlerin her, die zum Gasthause hinabgehumpelt war. Dort war die Alte nicht abgewiesen worden; als sie aus dem Hause trat, hielt sie ein Stück Brot in der Hand, freilich ein hartes, garstiges Brot, das man nicht jedem Bettler gereicht hätte.

Mit freundlichem Lächeln trat Moidl auf sie zu. »Habt mir's nicht für übel, mein gutes Weibele, daß ich Euch nichts gegeben hab'. Ich sag' Euch die Wahrheit: ich hab' selber keinen Kreuzer!« Und dann erzählte sie, wie sie die winzige Barschaft, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, eben ausgegeben habe.

Die Windische mochte von all dem nicht viel verstehen; nur so viel wurde ihr klar, daß das schmucke Bauernmädchen nicht Verachtung, sondern Wohlwollen für sie hege. Es flog ein matter Sonnenschein über die welken Züge; dann aber zeigte sie mit einer Bewegung der Enttäuschung das harte Brot, das sie soeben erhalten hatte, und murmelte kopfschüttelnd: »Durstig, durstig!«

In Moidls dunklen Augen leuchtete es auf. »Mögt Ihr etwa trinken, Mütterlein; mögt Ihr Wasser?«

»O Wasser, Wasser!« stöhnte die Alte, fuhr mit der rechten Hand in der Luft herum, machte eine mutlose Bewegung und klagte: »Weit, sehr weit!«

»Wenn's sonst nichts ist, da kann ich Euch schon helfen!« rief Moidl lebhaft. »Wartet ein bissel vor der Kirchtür; ich komm' geschwind.«

Als sie bald nachher mit ihrem Krug im Arm die Plattform vor der Kirche betrat, war die Alte richtig zur Stelle.

Mit sehnsüchtigem Schluchzen streckte sie ihre Arme nach dem vollen Kruge aus.

»Das hab' ich mir grad erst geholt beim Brünnl drunten,« erklärte Moidl fröhlich.

Das Mütterlein sagte etwas von jungen Leuten, denen das Laufen leicht werde; dann langte sie hastig nach dem Gefäß und trank wie eine Verschmachtende. Und Moidl hielt ihr den Krug an die Lippen und fühlte sich seltsam, unaussprechlich glücklich.

Als die Alte endlich mit einem Seufzer der Befriedigung innehielt, erhob Moidl die Augen und bemerkte einen zerlumpten alten Mann, der aus geringer Entfernung mit unverkennbarem Verlangen nach dem Wasserkrug blickte.

»Seid's etwa auch durstig, Mannl!« rief sie ihm zu.

»Er versteht nicht deutsch,« erklärte das alte Mütterlein, aber der Mann mußte doch verstanden haben, denn er kam gleich herbei und schlug die Hände ineinander wie ein bittendes Kind. Und während ihm Moidl den Labetrunk reichte, kamen noch andere hinzu: ein Stelzfuß, ein halb blinder junger Bursche, der gar traurig aussah, und ein abgehärmtes Weib mit einem Kind im Arm, und allen teilte Moidl von ihrem sauer erworbenen Schatze mit bis kein Tropfen mehr im Kruge war. Lachenden Mundes tat sie es und frohen Herzens, ohne des morgenden Tages zu denken. Dann nickte sie den Beschenkten noch freundlich zu und betrat die Kirche.

Sie stellte den leeren Krug in eine Ecke und schritt bis in die Nähe des Gnadenaltares vor. Wie war ihr doch so seltsam ums Herz; sie hätte laut aufjauchzen mögen. Zum erstenmale in ihrem Leben hatte sie die Wonne des Gebens empfunden!

Ja, zum erstenmale! Ihr Vaterhaus lag ja so fern vom Getriebe des Tales; nur selten verirrte sich ein Hilfesuchender auf jene einsamen Höhen. Einmal, ein einziges Mal, soweit Moidls Erinnerung reichte, hatte ein Bettler an ihres Vaters Türe geklopft; aber der Vater hatte ihn gleich den Berg hinuntergetrieben und von einem Haushunde gesprochen, den er sich einstellen wolle, um vor dem Gesindel sicher zu sein. Der Abgewiesene hatte auch wirklich wild und verstört ausgesehen, und Moidl, damals noch ein kleines Mädchen, hatte sich vor ihm gefürchtet. Und doch hatte sie dem Verscheuchten mit bitterer Wehmut nachgeblickt und wäre am liebsten hinter ihm hergelaufen mit einem Stück Brot in der Hand.

Eben jetzt tauchte diese Erinnerung aus der Kinderzeit in der Seele der Kirchfahrerin auf, und geheimnisvoll vermengte sich damit der Gedanke an jenes halb sagenhafte Weib mit dem steinernen Herzen, das die Bettlerin aus fremdem Lande von der Schwelle des Silvesterhofes trieb. Wie flüchtige Wolken zogen diese Schattenbilder vorbei. Dann langte Moidl den Rosenkranz hervor – aber umsonst: in ihrem Herzen wogte ein Strom seligen Jubels, daß sie hätte weinen und lachen mögen zugleich, und sie brachte kein Wort über die Lippen.

Als die letzten Strahlen des Tages verglommen waren, als der Abendwind um die Mauern der Kirche pfiff und die Andächtigen sich vor dem Schlüsselgerassel des Küsters langsam zurückzogen, da erhob sich endlich Moidl von den Knien und – fast wie jener Mönch von Heisterbach – blickte sie verwundert um sich und konnte es nicht begreifen, daß ihr die Zeit so rasch verflogen sei.

»Und ich hab' doch keinen einzigen Rosenkranz zustande gebracht,« dachte sie.

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