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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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12

Als Moidl heimkam und durch den engen Hausgang schritt, bemerkte sie Scholastika, die sich mit ihrem Spinnrade gemächlich in der Küche niedergelassen hatte. Der Abend war empfindlich kalt; da war es schön, am warmen Herde zu sitzen, auf dem die Kohlen heimlich fortglimmten.

»Komm nur herein, Moidl, da ist's fein!« lud Scholastika die Heimkehrende ein. Die ältere Silvestertochter fühlte sich wohl erlöst, der Sorge um den Vater enthoben zu sein.

Doch dann fing sie gleich zu brummen an, daß die Schwester so spät gekommen sei. Das Nachtessen sei längst vorbei und der Bruder schon zu Bette gegangen. »Ich hab extra auf dich denken und dir etwas aufheben müssen!« klagte sie und zeigte auf eine Schüssel auf dem Herde mit nicht sehr einladenden Speiseresten.

Moidl hörte kaum, was sie sagte. Sie lief in ihr Kämmerlein, sank auf die Knie und rang die Hände. Offen gestand sie sich, daß sie anderes, ganz anderes von Kandidus erwartet habe, ein hartes, entschiedenes und doch beruhigendes Nein! Er aber hatte Ja gesagt, er, der ihre Pilgerfahrten so streng mißbilligt hatte. Jetzt hatte er Ja gesagt, hatte sein Verbot zurückgenommen im Augenblicke, wo sie es am wenigsten erwartete.

Und nun mußte sie gehen. Ihr war, als ginge sie in den Tod, aber sie mußte und sie wollte. Und trotz allem Widerwillen, den sie empfand, erwachte ihre alte Entschlossenheit, und das Gefühl körperlicher Schwäche trat zurück vor der Kraft des Willens. Und doch war es wieder nicht ihr Wille, der sie trieb, sondern ein anderer, höherer, dem sie sich fügte.

*

Die folgenden Tage ging Moidl schweigsam und ernster als sonst im Hause um, ihren neuen Entschluß tief im Herzen. Keiner ihrer Hausgenossen durfte ihre Absicht erraten. Sie wollte nur warten, bis die Totenmessen für den Verstorbenen gelesen wären, und dann heimlich aufbrechen. Niemand im Silvesterhofe würde sich die Füße wund laufen nach der Verschwundenen; der einzige, der sich um sie gegrämt hätte, war ja nicht mehr.

Auch in diesen ersten Tagen gemeinsamer Trauer ließen es die Stiefgeschwister an Lieblosigkeit nicht fehlen. »Wenn ich so eine junge Person wär' wie du,« sagte Scholastika, »tät ich mir um einen Dienst schauen und nicht alleweil auf dem Hofe hocken.«

Diese Rede wiederholte sie mehrmals, bis Moidl darüber in Tränen ausbrach. Da riß dann Scholastika die Augen weit auf und fand, daß die Kramsacherin recht habe, und daß es ein hartes Kreuz sei, mit einem »so aufgeregten Mensch« unter einem Dache zu wohnen.

Moidl wurde in diesen Tagen mehrmals von ihrer Krankheit befallen und fühlte sich schwächer und elender als je; dennoch wankte ihr Entschluß keinen Augenblick. Den Samstag, der diese traurige Woche schloß, hatte sie zur Abreise bestimmt. Am Abende vorher betete sie länger als sonst im Silvesterkapellchen, und nach dem Nachtmahle nahm sie von den Geschwistern Abschied: sie wolle am folgenden Morgen zur Frühmesse in die Stiftskirche hinab und werde so bald nicht zurückkehren.

Dann ging sie in ihre Kammer. Sie hatte das verwahrloste Schreibzeug, das einzige, das sich im Silvesterhofe befand, schon früher dorthin gebracht und schrieb nun beim unsicheren Talglichte zwei kurze Briefe an Liese und an Scholastika. Der Schwester schrieb sie, sie wisse wohl, welche Last sie ihren Geschwistern gewesen sei, doch das sei nun vorbei, denn die Gottesmutter werde ihr auf die eine oder andere Weise Erlösung schicken. Scholastika möge es ihr nicht übel nehmen, wenn sie einige Vorräte mitnehme; es sei ja ohnehin das letzte, was sie vom Silvesterhofe beanspruche.

Ihre Freundin Liese bat sie, es möge weder Kandidus noch sonst jemand nach dem Ziele ihrer Wanderung forschen; sie werde weit weggehen und lange ausbleiben. Sie hoffe mit Gottes Hilfe geheilt zurückzukehren; sollte man aber nach Verlauf eines Jahres nichts mehr von ihr hören, dann möge man sie als eine Verstorbene betrachten und um Gottes willen Messen für ihre Seelenruhe lesen lassen.

Als Moidl mit dem Schreiben zu Ende kam, war es still geworden im Hause. Sie schlich in die Küche und holte etwas Brot und Käse und ein Stück geräucherten Fleisches. Dann kehrte sie leise in ihre Schlafkammer zurück, öffnete ihre Truhe und wählte sich das Notwendigste für die Reise aus, ein paar Schuhe, etwas Wäsche und ein großes Gebetbuch. All das wollte sie samt den Mundvorräten mittels eines großen Tuches zu einem Bündel zusammenbinden.

Während sie in der Truhe kramte, berührte ihre Hand etwas, das sich wie Seide anfühlte. Verwundert zog sie das Ding hervor: es war das Münzbeutelchen, das sie für Kandidus gestrickt hatte. Da lag es in ihrer Hand, das kleine Geschenk ihrer großen Liebe, und die Glasperlen, die in regelmäßigen Zwischenräumen unter die lichtgrünen Maschen verteilt waren, glitzerten im matten Kerzenschein ...

Moidl beugte sich über das Beutelchen, küßte es und weinte. Seine Hand hatte es ja berührt, und die paar Kreuzerlein darin hatte er verdient durch saure, redliche Arbeit! O hätte er gewußt, in welch' äußerster Dürftigkeit sie ihre letzte und größte Kirchfahrt antreten mußte, wie gern hätte er mit freigebiger Hand Gulden um Gulden zur winzigen Barschaft gefügt! Aber das sollte nicht sein: nur diese zehn Kreuzer, die wollte sie bewahren als einen Schatz und als ihren Notpfennig betrachten; der Brotvater im Himmel würde es schon mehren.

*

Als der frühe Maienmorgen grau und trüb über dem Innichnerberge emporstieg, brach Moidl auf mit dem Bündel in der Linken, dem Rosenkranze in der Rechten, dem Regenschirm unterm Arm und dem mageren Geldbeutelein in der Tasche. Und nachdem sie der ersten heiligen Messe in der Stiftskirche beigewohnt und dann noch kurze Zeit an ihres Vaters Grab gebetet hatte, trat sie ihre Wanderung gen Osten an.

Es war ein feuchter, kalter Tag. Langsam schlich die junge Drau durch die versumpften Wiesengründe, und schwere, graue Nebel hüllten die Felsenzacken des Sextentales ein. Mit unsicheren Schritten, erschöpft, als habe sie schon viele Tagereisen gemacht, zog die arme Kirchfahrerin die Fahrstraße hinab. Doch aus ihrer äußersten Schwäche sproßte mit verjüngter Kraft die Wunderblume des Vertrauens. Es war ja auch zum ersten Male, daß sie nicht für sich allein kirchfahrten ging, daß sie zugleich mit der eigenen Erlösung auch die Erlösung eines anderen erflehen wollte. Und ob nun diese Erlösung Tod oder Heilung hieß, sie sollte ihr willkommen sein.

Langsam nur kam sie vorwärts; immer wieder mußte sie innehalten. Schon war sie geraume Zeit gegangen, und noch immer grüßte, wenn sie sich umwandte, der breite Turm der Innichner Stiftskirche zu ihr herüber.

Wagenrollen nötigte sie plötzlich, zur Seite zu treten. Ein hochbepackter Fuhrwagen nahte, von vier starken Gäulen gezogen. Der Fuhrmann, ein breiter Geselle mit grauem Schnurrbart, ging, gemächlich eine Pfeife rauchend, neben den Pferden her. Jetzt hielt er an und blinzelte freundlich zu Moidl hin, die still und blaß am Rande des Weges stand.

»Magst nicht aufsitzen, Madel?«

Mit einem »Vergeltsgott« lehnte sie ab.

»Gehst kirchfahrten?« Er hatte wohl den Rosenkranz in ihrer Hand bemerkt.

Sie bejahte und nannte ihr Ziel.

»Das ist ein weiter Weg. Da solltest wohl froh sein, wenn du ein Bröckl fahren kannst.«

»Kirchfahren sollt' man zu Fuß,« widersprach sie.

»Magst recht haben,« gab der Graubart zu. »Aber – nichts für ungut – eine Gespanin hätt'st dir mitnehmen sollen.«

»Ich find' keine, die mit mir gehen möcht'.«

»Ja, nachdem in Gottes Namen! Gute Andacht!« Und er ließ die Peitsche knallen.

Moidl folgte dem Wagen, so schnell sie konnte; sie fühlte sich geborgen in der Nähe des gutmütigen Graubarts. Aber so langsam auch der Schritt der schweren Gäule war, es half nichts; nach einigen Minuten mußte sie sich atemlos am Wege niedersetzen, während Wagen und Fuhrmann ihrem Blicke entschwanden.

Gegen Mittag kam sie nach Sillian. Das stattliche Dorf liegt zwei starke Wegstunden talabwärts von Innichen; Moidl aber hatte mehr als das Dreifache gebraucht, und nun war sie so erschöpft, daß sie für heute nicht mehr weiter konnte. Sie war keine Fremde im Orte. Die Wirtsleute zum Goldenen Stern kannten die Kirchfahrtmoidl, und der Meßner kannte sie, der sie so oft in der Kirche gesehen hatte, und die alten Leute, die sie so freundlich bescheiden gegrüßt und die kleinen Leute, denen sie Wallfahrtsgeschichten erzählt hatte. Am besten aber kannte man sie im Widum, wo man ihr stets Gastfreundschaft geboten hatte.

Auch heute fand sie dort freundliche Aufnahme. »Hab' dich alleweil mängel gehabt, Moidele,« versicherte die Wirtschafterin. Und Moidl erzählte, sie habe seit einem Jahr keinen Gang getan, nun aber wolle sie auf den Luschariberg, nicht für sich selbst allein, auch für den kranken Vetter.

Die Wirtschafterin war nie auf dem Luschariberge gewesen, doch hatte sie eine Kirchfahrerin gekannt, die vor Jahren dorthin gepilgert war; zum Berge gekommen sei sie aber nicht, und nach Hause auch nicht mehr. Erst lange nachher habe man erfahren, daß sie irgendwo tot gefunden worden sei; es müsse sie der Schlag gerührt haben. Der Weg sei weit und beschwerlich; Moidl möge es wohl überlegen, ob eine nähere Wallfahrt nicht ebenso gut sei.

Aber Moidl überlegte nichts mehr und setzte am folgenden Morgen ihre Reise fort.

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