Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maria Buol >

Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
Schließen

Navigation:

9

Es war ein schöner Sommerabend. Kandidus hatte beim Nachtmahle den Vorsitz geführt und dann den Rosenkranz vorgebetet; denn er mußte immer die Rolle des Hausvaters übernehmen, wenn Meister Bachmann früher zu Bette ging.

Die Gesellen saßen jetzt in der Stube drin und spielten Watten. Gewöhnlich hielt Kandidus, dem sonst am Kartenspiele nicht viel gelegen war, aus Kameradschaft mit; aber heute galt keine Kameradschaft, heute mußte er einmal ganz sich selbst angehören nach des Tages Mühe. Darum hatte er sich verstohlen auf den Grasplatz hinter dem Hause geschlichen, und da saß er nun still und einsam, blickte zum Nachthimmel hinauf und lauschte auf das Rauschen des vorbeistürmenden Sextenbaches.

Heute war es zur Sprache gekommen, was er so lange vermieden hatte! Er hatte den Meister für den folgenden Tag um Urlaub gebeten, weil er nach Toblach zu einer Taufe müsse; auch wolle er bei dieser Gelegenheit seiner Mutter Schwester besuchen, die in Niederdorf wohne.

Bachmann erinnerte sich dieser Verwandten. Ob es dieselbe sei, fragte er, die Kandidus so eifrig zugeredet habe, die Werkstätte in Toblach zu übernehmen. Der junge Mann bejahte kurz. Nach einer Pause fuhr der Meister fort: »Mit Toblach hast's versäumt, gelt? Aber wenn noch einmal ein Plätzlein auskäme, solltest's nicht wieder versäumen um meinetwillen. Auf was denkst denn jetzt eigentlich?«

»Auf nichts.« Kandidus wurde rot dabei.

»Ja, das scheint mir völlig auch. Derwegen mag schon ich denken anstatt deiner. Wie mein Bub – Gott tröst ihn! – so jäh gestorben ist, bin ich freilich froh gewesen um deinen Beistand. Und ich sag' auch heut noch nicht, daß ich dich leicht entraten könnt', aber die neuen Gesellen sind brav und zur Not könnt 's gehn. Du kannst Meister werden, wann du willst und ich darf's nicht leiden, daß du dich für mich zu Grund richtest. Oder wenn du beim alten Vater Jackel bleiben willst, nachdem sollt's auf so eine Weis sein, daß du keinen Schaden hast. Kandel, ich möcht' mit dir reden, wie man von einem Geschäft redet. Wenn du »meintswegen« sagst, ist mir's lieb, aber wenn du's nicht sagst, hab' ich dir's auch nicht für übel. Das einfachste für uns alle zusammen wär' halt, wenn du meine Vrena nehmen tätest. Ein böses Weibele, mein' ich, tätest grad nicht kriegen, und du mußt beim Heiraten auf eine denken, die's mit dem Liesele gut meint. Weißt, solche Weiberleut, wie die Kramsacherin, laufen schon mehr in der Welt umeinander. Aber wenn dir's Heiraten nicht paßt, sag's frisch heraus. Es ist eine ernste Sach' und muß überlegt werden.«

Auf einen solchen Antrag war Kandidus nun zwar längst gefaßt; ja, seit er sich entschlossen hatte, dem beraubten Vater den Sohn zu ersetzen, hatte er sich gewöhnt, eine Verbindung mit Veronika Bachmann als ein Ding zu betrachten, das nicht ins Bereich des Unmöglichen gehörte. Hundertmal hatte er alles überdacht, was für und wider eine solche Verbindung sprach, und dennoch fiel ihm jetzt keine andere Antwort ein, als die ängstlich gestammelte Bemerkung: er wisse nicht, ob Veronika die Wünsche ihres Vaters teile.

»Da tät' ich wohl nicht zweifeln; auf wen wollt' sie denn warten?« meinte Bachmann. Doch versprach er die Neigungen seiner Tochter zu erforschen; Kandidus möge inzwischen die Sache überdenken.

Diese Weisung hätte Kandidus nun gerne befolgt, während er in nächtlicher Einsamkeit auf dem Rasenplatze saß. Doch da trippelte Liese herbei und nahm neben ihm auf der Holzbank Platz.

»Weißt, Kandel, heut hab' ich den ganzen Tag fest gearbeitet.« Sie hielt inne wie ein Kind, das Lob erwartet.

Kandidus schien das zu fühlen, denn er entgegnete: »Brav, Liesele!« Aber er sagte es so gleichgültig und zerstreut, daß die Belobte sich nicht zufrieden gab.

»Ja, ja, die Manderleut' können sich's nicht vorstellen, was das Flicken ist – und für so ein großes Haus noch dazu – und völlig die ganze Zeit allein bin ich dabei gewesen! Weißt wohl, die Vrena sagt, ich kann's so gut, und dann geht sie ihre Wege und läßt mir die Arbeit.«

All das war in dem einförmig wehmütigen Tone gesprochen, der Liesen eigentümlich war. Ein Lächeln spielte um die Lippen des Bruders. Seine Liebe zur Schwester war nicht blind; er wußte, wie wenig Hilfe man im Hause Bachmann von ihr hatte. Liese gehörte zu jenen matten Naturen, die nur durch Härte zu einer gewissen Tatkraft angespornt werden, die sich aber gehen lassen, sobald es ihnen gut geht. Edle Seelen pflegen sich zwar solch armer Menschenkinder in Liebe und Geduld anzunehmen, aber es sind eben nur edle Seelen, die dies tun.

Warum tat es Veronika? Gott zu lieb, natürlich! Aber wirklich nur Gott zu lieb? »Gelt, Kandel, nachdem bleibst alleweil bei uns?« hatte sie damals gesagt, als sie ihm ihren Entschluß in betreff Liesens mitteilte. Wie hatte er nur vorhin dem Meister gegenüber zweifeln können, ob Veronika ihn lieb habe?

»Aber weißt, Kandel,« fuhr Liese nach kurzer Pause fort, »z'samt aller Arbeit bleib' ich doch gern hernieden im Markt. Das Kirchen ist so viel kommod, und da im Haus dünkt's mich auch fein, grad weil mich die Vrena soviel gern hat.«

Sie hielt einen Augenblick inne, dann fuhr sie gedankenvoll fort: »Die Moidl ist auch gut mit mir gewesen; aber zu Zeiten, weißt, Kandel, ist sie halt doch recht harb, und öfter einmal hat sie mich auch schon angeschnarrt, daß ich hab' weinen müssen. Die Vrena ist mir viel die Liebere.«

Kandidus schwieg. Im ersten Augenblicke empfand er etwas wie Unwillen gegen Liese. Warum stellte sie so unvermittelt Veronika der Silvestertochter entgegen? Moidl war doch so gut gegen Liese gewesen, und wenn ihr zuweilen ein rasches Wort entfuhr, so tat das ihrem goldenen Herzen keinen Eintrag. Freilich, ein wenig reizbar war sie: daran trug die böse Krankheit Schuld. Und Liese war ein Kind; sie mochte selbst fühlen, daß sie eine ruhige, geduldige Leitung brauche. Deshalb war es wohl, daß Veronikas reifes Wesen sie so mächtig anzog.

Aus dem geöffneten Fenster von Bachmanns Schlafstübchen klang die volle, reine Stimme der Tochter, die mit dem Vater betete – dazwischen das minder wohlklingende Organ Meister Bachmanns.

Andere Klänge kamen aus der großen Wohnstube, wo die Spieler am runden Erkertisch saßen. Die Läden waren geschlossen, aber die jungen, lustigen Stimmen drangen doch laut hinaus in die weihevolle Stille der Sommermondnacht.

»Herz ist Trumpf ... Siebener ist Schlager!«

Kandidus lächelte wehmütig. »Ja, ja,« murmelte er: »der Schlager geht über den Trumpf, gelt, Liese?«

Liese aber schüttelte den Kopf und brummte etwas über die »Buben«, die so viel Freude am Kartenspiel hätten. Dann wurde es still. Die beiden Geschwister hatten sich an jenem Abend nicht viel zu sagen.

*

Früh am folgenden Morgen war Kandidus auf den Beinen und wanderte in seinem Feiertagsanzuge gegen Toblach hinauf. Bald erschien auch, von einem Gefolge von Basen und Gevatterinnen umringt, der kleine Täufling, ein Söhnchen des Hirschenwirtes, der zwischen Toblach und Niederdorf einen Gasthof hatte, und dessen Weib mit den Kramsachern verwandt war. Sie war es wohl auch gewesen, die sich Kandidus zum Paten für ihr Kind erbeten hatte; denn der Hirschenwirt war ein stolzer Mann und hatte sich nie viel um seine bäuerlichen Verwandten bekümmert, am wenigsten um den armen Schreinergesellen von Innichen.

Nachdem der Taufakt vollzogen war und Kandidus seinem Patchen ein paar blanke Silbergulden ins rosenfarbene Tragkissen gesteckt hatte, bedeutete er den Frauen, mit dem Kinde voranzugehen, und folgte dem Geistlichen, um seinen Namen ins Register der Pfarre einzutragen.

Darauf aber wanderte er gegen Aufkirchen. Die kleine Wallfahrt konnte ihn nicht weit abbringen von seinem Wege, denn die Kirche lag in gleicher Richtung wie das Hirschenwirtshaus, nur etwas höher als dieses am nördlichen Berghange. Und er hatte sich's vorgenommen, zur Schmerzensmutter zu gehen: hatte er doch niemand sonst auf der weiten Welt, mit dem er sich beraten konnte.

Die schöne Wallfahrtskirche von Aufkirchen, ungefähr eine halbe Stunde westlich von Toblach gelegen, erstrahlt heute in reichem Schmucke. Damals aber, wo man die edlen Bauwerke der Vorzeit wenig achtete, sah sie arg verwahrlost aus. Den Gnadenaltar zierten Holzstatuen von Engeln in den verdrehtesten Stellungen, die sich einbildeten, Marmor zu sein, weil man sie vor Menschengedenken weiß lackiert hatte. Darunter türmten sich pyramidenförmige Sträuße von künstlichen Blumen, die einen in schreienden Farben prangend, vielleicht die kürzliche Spende einer andächtigen Seele; andere verstaubt und vergilbt. Das Marienbild selbst, ein altdeutsches Schnitzwerk, das die Schmerzensmutter umringt von den heiligen Frauen darstellt, wurde von den geistlichen Herren der Umgegend nicht sonderlich bewundert, und vielleicht hätte man es längst von seiner Stelle entfernt, wäre es nicht eben ein Gnadenbild gewesen. Aber ein Gnadenbild war es nun einmal, ein Bild jener Schmerzenskönigin, die auf Erden alles Leid und alle Bitterkeit ausgekostet hat und von Golgathas Höhe mit mütterlicher Teilnahme auf die kleinen Kümmernisse der Menschenkinder niederblickt.

Hier nun kniete Kandidus und überdachte seine Zukunft. Was sollte er tun? Den alten Meister konnte er nicht verlassen, dagegen sträubte sich sein ganzes Herz; aber er konnte auch nicht immer an Veronikas Seite leben, als sei er ihr Bruder. Die Leute hatten längst über sein eigentümliches Verhältnis zur Familie Bachmann zu reden begonnen, und wenn das auch ihn nicht sonderlich anfocht, so wollte er doch um keinen Preis Veronika ins Gerede bringen. Wenn er sich also nicht entschloß, um ihre Hand anzuhalten, dann mußte er weg aus ihrem Hause, mußte einen eigenen Herd gründen, an dem Liese das Plätzchen hätte, das er ihr zudachte. Aber Liese wäre nie im stande, einen Haushalt zu leiten – was war also zu tun? Sollte er trotz allem dem Zuge seines Herzens folgen? Sein Verstand rief ihm ein entschiedenes »Nein« zu.

Drei Jahre war es nun, daß die Silvestertochter das furchtbare Erbteil ihres Hauses trug. Ihr Zustand hatte sich in all dieser Zeit nur verschlimmert und konnte sich noch verschlimmern. Sie konnte reizbar werden, heftig, geistig schwach; und wenn auch er den Mut in sich fühlte, alles zu ertragen – er wußte jetzt, daß es für Liese wie für Moidl gleich schwer sein würde, miteinander zu leben. Und eines war sicher: er hatte zwar die Silvestertochter von Jugend auf geliebt, aber gebunden war er nicht an sie. Freilich wußte er, wie es um ihr Herz stehe und daß all ihr Abweisen nur ein Ausfluß starker, uneigennütziger Liebe sei. Und auch das wußte er, daß es ihr weh tun würde, wenn er zu einer anderen Wahl schritte. Aber wenn es dazu kam, wenn dieser Schmerz ihr nicht erspart werden konnte, dann sollte wenigstens keine fremde Hand den Schlag führen: alles sollte klar und offen sein zwischen ihm und dieser lieben, mutigen Seele.

Mit solchen Gedanken beschäftigte sich Kandidus, während er betend die Korallen des Rosenkranzes durch seine arbeitsgewohnten Finger gleiten ließ. Als er sich von den Knien erhob, war er voll ruhiger, fester Zuversicht.

Aber die Ruhe verflog schnell, als er draußen zwischen den Friedhofskreuzen die Gestalt der Silvestermoidl auftauchen sah. Unwillkürlich schrak er zusammen.

Vielleicht war ihr das nicht entgangen, denn mit einem kalten: »Grüß Gott!« wollte sie an ihm vorbei. Er aber hatte seine Selbstbeherrschung schnell wiedergewonnen, und auf sie zutretend erklärte er ihr, warum er heute nach Toblach gekommen sei und daß er jetzt zum Gevatter ins Hirschenwirtshaus gehe.

Dann fragte er noch, wie oft sie nach Aufkirchen komme.

»Jede Woche, wenn's anders geht; die weiten Kirchfahrten habe ich aufstecken müssen, ich bin so viel schwach,« fügte sie traurig hinzu.

»Arme Seel',« sagte Kandidus. »Aber laß vom Vertrauen nicht! Die Muttergottes wird schon helfen.«

Moidl schwieg. Sie stützte die Ellenbogen auf die Kirchhofsmauer und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Mit pochendem Herzen stand Kandidus neben ihr. Würde er den Mut finden, dieser Beklagenswerten wehzutun?

Es war Moidl, die zuerst wieder sprach. »Kandidus,« – sie erhob den Kopf – »ich bet' jetzt nicht mehr um den G'sund. Grad um das eine bet' ich, daß ich vor meinem Vater sterben dürft'.«

»Geh, Moidl, das wirst dem Vater nicht antun!«

Ihr Auge hatte ein unwilliges Leuchten. »Bub, red' aufrichtig!« fuhr sie ihn an. »Das weißt recht gut, daß mein Sterben eine Erlösung wär' für den Vater ... und für dich auch.«

Das Blut schoß ihm ins Gesicht. »Moidl, sag' das nicht; es tut mir weh!«

»Weh tun will ich dir nicht; aber die Wahrheit muß heraus bei mir, ist halt schon so meine Manier.«

Nach einer Pause fragte er, obschon er die Antwort von vornherein wußte: »Ist's denn nicht besser mit dir worden, gar nicht besser?«

Sie schüttelte den Kopf. »Mein Hirn ist schwer und dumm, wie wenn ich Steine im Kopfe hätt', und im Mund brennt's wie Feuer und die Knochen sind grad wie zerschlagen und die Füß' so schwach ... o, ich komm' wirklich nicht mehr weiter als wie nach Aufkirchen.«

»Es ist auch besser. Mit dem vielen Herumziehen hätt' dir einmal was Recht's zustoßen können.«

»Zustoßen kann mir daheim auch was. Oder meinst etwa, meine Geschwister kümmern sich um mich? Die wären froh, wenn sie mich einmal tot finden täten.«

Ihr Gesicht hatte einen herben, starren Ausdruck angenommen. Kandidus fand keine Erwiderung.

»Moidl, ich werd' gehn müssen,« bemerkte er nach einigen Augenblicken verlegen; »sonst warten sie mit dem Taufschmaus.«

»Geh nur! Guten Appetit!« rief sie und wandte sich ab.

Wie bitterer Spott klang dies alltägliche Wort.

Als Kandidus bald nachher an der Tafel des Hirschenwirtes saß, brachte er keinen Bissen hinunter.

Zu seinem Verdrusse war auch Finkenberger unter den Gästen. Er hätte freilich erwarten dürfen, ihn zu finden, denn der Hirschenwirt hielt große Stücke auf den Berufsgenossen aus Innichen, dem sogar seltsamerweise mit Zurücksetzung des Taufpaten der Ehrenplatz zur Rechten des Geistlichen zugewiesen worden war.

Es war eine sonderbare Nachbarschaft. Denn Finkenbergs Reden waren nie erbaulich, aber heute trieb er's besonders arg, so daß der Kaplan, ein junger Herr mit harmlosem Kindergesichte, ganz in Verwirrung geriet. Und so oft seine unschuldige Stirne sich mit dunkler Schamröte bedeckte, brach der Zillertaler in freches Gelächter aus.

»Sie werden sich doch etwa nichts Schlechtes denken, hochwürdig's Herrl,« spottete er; »nein, nein, seien Sie ruhig, es ist nur so und so gemeint.«

Und dann gab er seiner schlimmen Rede eine so harmlose Auslegung, daß der junge Priester betroffen schwieg, während andere Tischgenossen, die nur zu gut verstanden hatten, in lärmende Heiterkeit ausbrachen.

Dem Hirschenwirt begann die Lage allmählich ein wenig unheimlich zu werden, allein dem vornehmen Kollegen gegenüber fühlte er sich machtlos. Es war Kandidus, der endlich vom Stuhle sprang, das flammende Rot der Entrüstung auf den Wangen.

»Herr Finkenberger,« rief er, »solche Reden gehören sich nicht unter Christenmenschen, und wenn ein geistlicher Herr dabei ist, schon gar nicht! Wenn Sie nicht gleich still sind, steh ich auf und geh', damit das Herrl da eine Gesellschaft zum Heimgehen hat. Und nachdem kann's einen Taufschmaus geben ohne Geistlichen und ohne Göt... mir ist's gleich!«

Unter den Gästen erhob sich ein Gemurmel, das wie Beifall klang. Von denen, die vorher gelacht hatten, waren doch manche froh, daß einer Manns genug gewesen war, dem Zillertaler den Mund zu stopfen. Aber eine rechte Gemütlichkeit wollte nicht mehr aufkommen. Finkenberger schwieg jetzt absichtlich, und der Hausvater war verstimmt. Was Kandidus betraf, so war er der letzte, der imstande gewesen wäre, das unterbrochene Tischgespräch wieder in Fluß zu bringen. Er zählte nicht zu den unterhältlichen Kameraden, der gute Kramsacher-Kandel. Nur wenn es sich um die Kunsttischlerei handelte, wurde er zuweilen beredt; aber um das Ergebnis des letzten Scheibenschießens oder um den Raufhandel vom vergangenen Sonntag oder um die häuslichen Auftritte in den Nachbarshäusern durfte man ihn nicht befragen.

Der Rest der Mahlzeit verlief also in düsterm Schweigen. Knödel und Braten, Wildbret und süße Mehlspeisen kamen in glänzender Reihenfolge auf den Tisch, aber niemand wurde dessen froh, und man fühlte sich erlöst, als der Hausvater die Tafel aufhob. Nun wollte der Rosenwirt sogleich sein Einspännerwägelchen in Ordnung bringen, aber mit freundlicher Zudringlichkeit hielt ihn der Hirschenwirt zurück, denn er habe verschiedenes Neue eingestellt, das er Herrn Finkenberger zeigen müsse. Vielleicht hatte er auch den Wunsch, sich unter vier Augen wegen der Ungezogenheit seines Gevatters zu entschuldigen.

Der war sogleich nach Niederdorf aufgebrochen, herzlich froh, dem Rosen- und dem Hirschenwirte zu entkommen. Die alte Base war über die Maßen erfreut, als Kandidus erschien, und stellte ihm tausend Fragen über seine Zukunft. Sie wußte, daß Meister Bachmann den einzigen Sohn verloren und nur mehr eine Tochter habe, und daß diese Tochter ein braves Mädchen sei, wußte sie auch. Die weitere Schlußfolgerung schien ihr einfach.

»Wenn der Meister gescheit ist, gibt er dir sein Mädel,« meinte die gute Alte, »und wenn du gescheit bist, nimmst sie.«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.