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Die Kirchfahrerin

Maria Buol: Die Kirchfahrerin - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleDie Kirchfahrerin
publisherVerlagsanstalt Tyrolia
year1923
printrun6. ? 10. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180807
projectid0a858103
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8

Am Silvesterhofe hatte man vor zwei Tagen Brot gebacken, und es war nun eben zäh genug, um hübsch in Würfelchen geschnitten zu werden. Die Pustertaler Bäuerinnen pflegen nämlich sich einen ungeheuren Vorrat solch gewürfelten Brotes zu bereiten, so daß sie monatelang davon Knödel kochen können.

Moidl hatte den ganzen Tag in der großen Stube Knödelbrot geschnitten, bis ihr vom langen Stehen die Knie zitterten und bis die fleißigen Finger schmerzten und brannten. Eine willkommene Unterbrechung war es ihr also, als gegen Abend die Kramsacherliese eintrat.

»Moidl, ich hätt' dir etwas zu sagen,« murmelte Liese geheimnisvoll, nachdem sie sich durch ängstliches Umherschauen überzeugt hatte, daß ihre Freundin wirklich allein sei. Und nun erzählte sie im Flüsterton, Veronika Bachmann habe ihr den Antrag gemacht, ein für allemal zu ihr und ihrem Vater zu kommen. Des Vaters Zustand habe sich seit Romans Tode merklich verschlimmert, so daß sie der Pflege und der Arbeit im Hause nicht mehr genüge; eine Magd wolle sie nicht nehmen, denn sie gewöhne sich schwer an ein fremdes Gesicht, aber eine gute Freundin wie die Kramsacherliese wäre ihr als Helferin gerade recht.

Moidl hätte laut aufjauchzen mögen über diese Nachricht. »Gott sei's gedankt! Mir ist's grad, wie wenn ich eine arme Seele aus dem Fegfeuer fliegen sehe!«

Aber Liese hatte tausend Bedenken. Sie sei zu Hause so notwendig, so beschäftigt in Kammer und Küche; und nun sei zu allem Unglück das Kleinste von heftigen Ohrenschmerzen gepeinigt; sie müsse es nachts bei sich haben und wohl zehnmal aufstehen, um es zu beschwichtigen. Die Schwägerin werde sie gewiß nicht ziehen lassen, wenigstens nicht im Augenblicke. Ob Veronika nicht lieber vorderhand doch eine Magd aufnehmen solle? Später werde man ja sehen.

»Jetzt hör' eins das dumme Gerede!« entrüstete sich Moidl. »Könntest den Himmel auf der Welt haben und willst nicht! Ja, was ist denn dahinter, wenn die Kathl eine Metten Metten machen = Lärm schlagen. macht? Laß sie grad schimpfen: sie hat wohl der Weil'! Oder willst auf dem Hof bleiben, weil du meinst, daß du von Vaters oder Mutters Vermögen ein Kreuzerlein kriegst? So dumm wirst etwa nicht sein! Meinst, ich seh's nicht, wie die Kathl jeden Sonntag Mutters Korallen anlegt? Und du traust dich kein Wort zu sagen, daß die Mutter die Korallen eigens dir vermacht hat! Wie willst du denn etwas verhoffen von dem Weibsbild? Umsonst dienen kannst bei ihr! Wenn ich die Liese wär', heut tät' ich noch ein End' machen!«

»Heut!« wiederholte erschrocken das verschüchterte, unterdrückte Geschöpf. Nein, heute werde sie nichts über die Lippen bringen, beteuerte sie. Übrigens habe Veronika mit dem Bruder und der Schwägerin bereits von der Sache gesprochen, und da sei es wohl besser, zu warten, bis Kathl selber beginne.

Nun wurde Moidl zornig und ließ das zögernde Mädchen scharf an. Liese aber verzog schmerzlich den Mund und war daran, in Tränen auszubrechen. In diesem Augenblicke erhob sich draußen eine wohlbekannte gellende Stimme, die das ängstliche Geschöpf zusammenschrecken machte.

»Ja, man muß halt Geduld haben!« ließ sich die Kramsacherin vernehmen, und unterwürfig wiederholte Scholastika: »Freilich, freilich, man muß halt Geduld haben.«

»Liese, bleib doch da!« wollte Moidl das erschreckte Kind beruhigen, aber schon war Liese in sprachlosem Entsetzen wie ein auf frischer Tat ertappter Verschwörer ins Nebenkämmerlein entwischt, gerade ehe Kathl und Scholastika eintraten.

»Ah, Moidele, grüß Gott!« redete die Kramsacherin Moidl an. »Bist auch einmal daheim, he? Ist ein völlig's Wunder! Ja, ja, 's Kirchfahrten wird dich halt etwa doch verleiden, weils nichts nützt!«

»Ich bin wohl öfters zu Haus und tu' meine Arbeit,« erwiderte Moidl, ohne die Sprecherin anzuschauen.

»O mein!« rief Scholastika. Und mit beredter Gebärde auf die Brotwürfel zeigend, die unter Moidls Messer hervorkamen, fügte sie hinzu: »Siehst wohl, Kathl, das ist die einzige Arbeit, zu der sie imstand ist!«

Und sie seufzte tief.

Moidl kannte das. Bei allem, was sie angriff – und sie war zu Hause doch nie einen Augenblick müßig – seufzte Scholastika stets mit wahrer Duldermiene, gerade das sei die einzige Arbeit, zu der die lästige Schwester verwendet werden könne.

»Ja, ja, ist wohl ein Kreuz!« meinte die Kramsacherin. »Mußt dir grad denken, Scholastika, die Moidl ist auch nicht zu neiden, die arme Hex'! Mit der Krankheit, weißt wohl, ist's kein Spaß. So ein junges Mädel und darf nicht einmal aufs Heiraten denken: es tät sie keiner nehmen.«

»Meint Ihr etwa, ich tät einen nehmen?« fuhr Moidl auf. »Wenn unser Herr mich heimsucht, ist's seine Sach': das geht keinen Menschen nichts an.« Und mühsam das Schluchzen unterdrückend, fuhr sie in ihrer Arbeit fort.

»Wie sich die Moidl aufregt wegen ein paar Worten, die man im Guten sagt!« verwunderte sich die Kramsacherin.

Dann trat sie mit Scholastika in eine Ecke der Stube und fuhr fort – mit unterdrückter Stimme, wie sie meinte –: »Tust mir wirklich erbarmen, Scholastika! Immer ein krankes Mensch im Haus haben und so ein aufgeregtes! Das ist kein kleines Kreuz. Ich könnt' schon auch davon reden. Ist ja gar nicht zu sagen, was man mit der Liese für ein Elend hat. Darfst sie zu keiner Arbeit anstellen, sonst sagt sie gleich, daß ihr schwindlig wird, und wär' not, man tät' ihr eigens kochen, weil sie alleweil vom Magenweh lärmt. Und ich sag's, wie's ist: ich kann sie oft völlig nicht anschauen vor Grausen, und mein Thresele ist ganz wie ich. Ich red' dem Jürgel oft zu, er sollt' die Liese ins Spital tun, aber er ist vor den Unkosten scheu und vor dem Gerede. Ja, was will man machen nachher? Es braucht halt Geduld! Mindestens ist's keine ankommende Ansteckend. Krankheit, die die Liese hat, sonst wüßt' ich mir keinen Rat.« Sie blickte vielsagend zu Moidl hinüber und schloß mit der Beteuerung: »Aber hart ist's auch so, wie's ist: kannst mir's glauben!«

Ihre Stimme war immer lauter geworden in der Erregung über ihr großes Hauskreuz. Moidl hingegen war jetzt ruhig, ja, ein heiterer, fast schelmischer Zug lag um ihren Mund. Gelassen legte sie ihr Brotmesser weg und verließ die Stube.

In der Nebenkammer, die nur durch eine leichte, oben gitterartig durchbrochene Holzwand von der Stube getrennt war, wurde leises Schluchzen vernommen.

»Was ist denn das?« fuhr die Kramsacherin auf.

»Wird halt die Moidl sein!« meinte Scholastika achselzuckend. »Heut hat sie wieder einmal ihren üblen Humor. Da wär' not, man tät' den ganzen Tag trösten.«

Jetzt wurden nebenan leise Schritte hörbar, dann das Krachen einer Tür. Dann wurde es stille.

Und nun geriet in der Stube das Gespräch erst recht in Fluß. Eine volle Stunde hindurch beklagten die beiden Nachbarinnen ihre traurige Lage, versicherten, daß es nichts Ärgeres gebe als ein Krankes, das weder gesund werden noch sterben wolle, und beteuerten, jede für sich, daß sie reichlich Gelegenheit hätten, sich den Himmel zu verdienen.

Endlich trat die Kramsacherin den Heimweg an. Sie meinte das Abendessen zu Hause bereit zu finden oder doch wenigstens Liese am Herde. Aber zu ihrer Verwunderung war der Herd kalt, die Küche leer.

»Wo ist denn die krumme Gitsche?« fuhr sie ihren Mann an, der eben des Weges kam. Er aber wußte keinen Bescheid.

Brummend legte sie Feuer an die Kienholzspäne und versprach in lautem Selbstgespräche, der »Krummen«, wie sie Liese liebevoll nannte, bei ihrer verspäteten Rückkehr ihren Zorn fühlen zu lassen.

Der Kessel brodelte bereits über dem Feuer und die Dunkelheit war völlig hereingebrochen, als auf der Schwelle der Küche nicht die verkümmerte Gestalt Liesens, sondern die stattliche der Silvestermoidl erschien.

»Ach, guten Appetit, Bäuerin!« rief sie. »Ich gratulier' dir!«

Rasch und verwundert wandte sich Kathl der Sprecherin zu.

»Schau mich nicht so an,« sagte Moidl und lachte. Es war seit langer Zeit das erste frohe Lachen, das aus ihrer Kehle drang. »Wird etwa nicht zu viel sein, wenn ich dir gratulier', daß du endlich von deinem Hauskreuz erlöst bist, arme Haut, und dich nimmer grausen mußt. Jetzt ist sie wohl weg, die Liese, gelt', Bäuerin?«

»Was sagst?« fuhr die Kramsacherin Moidl an.

»Weg ist sie,« wiederholte Moidl, »zum Meister Bachmann ist sie hinab und zur Veronika, die sie gern sehen. Sie hat sich amerst freilich nicht trauen wollen – erst wie sie's gehört hat, daß sie dir gar so feil ist,« –

»Wer hat ihr das gesagt?« unterbrach Kathl.

»Wer denn? Du selber, Bäuerin. Sie hat's wohl müssen hören, die arme Seel', in der Kammer drin, wenn ihr derweil in der Stuben ein Geschrei macht, daß ein Totes aufwachen könnt'! Nachdem hab' ich sie beim Arm gepackt und in den Markt hinabgeführt zur Veronika. Und die hat gesagt: Vergelt's Gott, Moidl. Aber wie ist's denn, Bäuerin? Krieg' ich von dir kein Vergeltsgott?«

Es hätte wenig gefehlt, so hätte die Kramsacherin ein Holzscheit ergriffen und nach der Silvestermoidl geschleudert. Sie war es nämlich gewöhnt, in Augenblicken heftiger seelischer Erregung nach diesem Mittel zu greifen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie bezwang sich indessen, aber Nachtmahl und Laune der Hausfrau waren an jenem Tage am Kramsacherhofe gleich ungenießbar.

Am folgenden Morgen stieg Kandidus zum Kramsacher hinauf, um Liesens kleine Habseligkeiten zu holen. Doch hatte er sich zuvor die Silvestermoidl als Begleiterin angeworben, denn er wagte es nicht, allein vor die zürnende Schwägerin zu treten.

Beim Kramsacher angelangt, begehrte Moidl mit der ihr eigenen Entschlossenheit den Schlüssel zu Liesens Kammer. Kathl warf ihr zwar einen wütenden Blick zu, reichte ihr aber den Schlüssel ohne Widerrede, und bald war Liesens Eigentum im großen Rucksacke ihres Bruders geborgen.

»So, das wär' ja recht flink gegangen,« meinte Kandidus erleichtert, als er mit Moidl den Hof verließ.

»Hast dich etwa gefürchtet?« scherzte sie. »Ihr Mander seid schon die reinen Hasen!«

Er lachte. Es war sein gutes, kindliches Lachen, das sie stets so gern hörte. Bevor sie sich trennten, reichte sie ihm die Hand; er drückte sie kräftig und dankte für den Beistand.

»Grüß mir 's Liesele,« sagte Moidl lächelnd. »Sie soll Gott danken fürs neue Heimatl!«

Kandidus senkte die Augen. »'s ist freilich ein anders Heimatl, als wie ich gemeint hab' ...« sagte er leise.

Dann wandte er sich rasch und sprang den Berg hinunter.

Moidl setzte ruhig ihren Weg fort, aber das leise Wort des jungen Mannes klang in ihr nach und tat ihr wohl und weh zugleich.

*

Bald nach Liesens Flucht vom Kramsacherhofe brach der Winter mit aller Strenge über das Hochtal herein. Ein stiller, einsamer Winter war es für Moidl. Beim Nachbar hatte sie jetzt nichts mehr zu suchen, und wenn sie bergab stieg, fand sie selten den Mut, bei Meister Bachmann vorzusprechen. Nur den Vetter Michel vergaß sie nie, und auch da war sie am liebsten allein. Dann redete sie mit ihm wie mit einem Kinde und freute sich, wenn er da und dort ein Wort der Erwiderung fand oder mit seinem abstoßend häßlichen Lächeln ihre Bemühungen lohnte. Wenn aber Veronika ins Zimmer trat, wurde sie fast ungehalten. Ohne daß sie sich darüber Rechenschaft geben wollte, war etwas zwischen sie und die Freundin gekommen. Ob auch Veronika das merkte? Vielleicht, denn die Silvestermoidl gehörte nicht zu jenen, die ihre Gefühle verschleiern.

Als dann die schöne Jahreszeit wieder anhub, kam Liese häufig auf den Innichnerberg, um mit Moidl zu plaudern. Die treue Sorgfalt Veronikas, die gute Kost und wohl nicht zum mindesten die Atmosphäre heiteren Friedens, die sie umgab, hatten das arme Geschöpf wunderbar gekräftigt, körperlich wenigstens; denn geistig war sie noch immer das gleiche einfältige Kind, nur daß sie jetzt ein verwöhntes Kind war. Sie hatte es freilich gut bei Bachmann. Zu Hause hatte sie jede Arbeit angreifen müssen, jetzt konnte sie tun, was sie wollte, und meinte dabei erst noch unentbehrlich zu sein. Mit dem Meister konnte sie sich nicht recht befreunden: wenn er sie necke oder rauh anlasse, dann müsse sie weinen und werde überdies noch ausgelacht.

»Aber die Vrena, die redet nie so dummes Zeug,« versicherte sie; »die ist ganz wie der Kandidus.«

Moidl hörte der Freundin zu und lächelte. Aber in ihrem Inneren tobte und stürmte es. Sie verstand, welch starkes Bindeglied dies Kind zwischen Kandidus und Bachmanns Tochter sein mußte; sie hatte gar nicht daran gedacht, als sie im ersten Aufwallen ihrer Teilnahme der armen Liese zur Flucht verholfen hatte.

Moidl war freilich fest entschlossen, sich in alles zu ergeben, was da kommen würde. Sie suchte ruhig zu bleiben und wiederholte sich's täglich im stillen, daß eine Verbindung zwischen Kandidus und Veronika Bachmann nur eine Frage der Zeit sei, daß sie das gelassen hinnehmen und dem Kandidus Glück wünschen müsse.

Aber eines Tages, als Scholastika, die durch den Rosenwirt über die Neuigkeiten im Marktflecken stets im Laufenden erhalten wurde, ganz unbefangen die Bemerkung hinwarf: »Jetzt wird der Kramsacher-Kandel wohl endlich vorwärts machen mit seiner Vrena,« – da fühlte Moidl, wie das Herz in ihr zitterte und schwach wurde. Sie zog sich ganz still in ihr Kämmerlein zurück. Eine Stunde später fand man sie dort in tiefer Ohnmacht.

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