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Gutenberg > Heinrich Leopold Wagner >

Die Kindermörderin

Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Kindermörderin
authorHeinrich Leopold Wagner
year1999
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005698-5
titleDie Kindermörderin
pages1-85
created20001218
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Erster Akt.

(Ein schlechtes Zimmer im Wirthshaus zum gelben Kreutz: die Art, wie es meubliret seyn muß, ist aus dem Akt selbst zu ersehn: auf der Seite eine Thüre, die in eine Nebenkammer fährt. Lieutenant von Gröningseck führt Frau Humbrecht an der Hand herein. Evchen ihre Tochter geht hinterdrein: die Frauenzimmer haben Domino, Er eine Wildschur an, alle noch ihre Masken vor.)

Marianel (setzt ein Licht auf den Tisch, im Abgehn.) Sie haben schon befohlen? (Lieutenant winkt ja, Magd ab.)

Fr. Humbrecht. (die Maske vom Gesicht ziehend.) Herr Hauptmann! sie stehn mir doch –

v. Gröningseck (wirft Wildschur, Maske und Hut hin.) Für alles, liebe Frau Humbrecht! für alles! – Ein Mäulchen, Kleine! das ist Ballrecht: (zieht Evchen die Maske auch ab) sey doch nicht so kleinstädtisch; ein Mäulchen! sag ich: (küßt sie; zur Mutter) Noch aber bin ich nicht Hauptmann, und ich laß mich nicht gern mehr schelten, als ich bin.

Fr. Humbrecht (verneigt sich) Wie sie befehlen: sie stehn mir doch, Herr Major –

v. Gröningseck. Bravo! bravo! immer besser! ha ha ha!

Evchen. Ey, Mutter, stell sie sich doch nicht so artig; Major ist ja noch mehr als Hauptmann, sie weiß ja gar nichts. – Der Herr Lieutenant wohnt schon einen ganzen Monat bey uns –

v. Gröningseck. Einen Monat und drey Tage, mein Kind! ich hab jede Minute gezählt.

Evchen. Denk doch! ist ihnen die Zeit so lang geworden.

v. Gröningseck. Noch nicht! aber bald möchte sie mirs werden, wenn du nicht –

Evchen. Du! seit wann so vertraut?

v. Gröningseck. Zank nicht Evchen! zank nicht! müßt mir heut nichts übel nehmen Leutchen, ich hab ein Gläschen Liqueur zuviel.

Fr. Humbrecht. Was ich fragen wollt, Herr Leutenant, sie stehn mir doch davor, daß wir in einem honetten Haus sind?

v. Gröningseck. So soll mich der Teufel lebendig zerreißen, Frau Humbrecht! wenn hier nicht täglich alles, was beau monde heißt, zusammenkommt: – sehn sie nur an, wie schlecht das Zimmer meublirt ist. –

Fr. Humbrecht. Ebendrum!

v. Gröningseck. Eben drum! freilich, eben drum! Das macht die guten Zimmer sind alle schon besetzt. Meynt sie denn pardieu! der Lieutenant von Gröningseck würde sich sonst in einen solchen Stall weisen lassen. Drey Stühl, und ein Tisch, den man nicht anrühren darf! (er stößt daran, der Tisch fällt um, das Licht mit, geht aus.)

Fr. Humbrecht. Herr Jemine das Licht! Herr Leutenant, das Licht!

v. Gröningseck (ihr nachäffend.) Das Licht! das Licht! hat der Henker das geholt, so gibts noch andre. – Wo ist der Leuchter? – (sucht.)

Evchen. Hier hab ich ihn schon.

v. Gröningseck. Wo? wo?

Evchen. Ey hier! sie greifen ja dran vorbey – pfuy! –

Fr. Humbrecht. Was ist? was giebts?

v. Gröningseck. Gar nichts! (nimmt den Leuchter ab, und geht nach der Thüre) Hola, des flambeaux!

(Ein altes Weib hält ihm ohne sich recht sehn zu lassen ein Licht hin, er steckt seines an.)

Evchen (sich die Hände am Schnupftuch abwischend) Ey da hab ich mir die Hände am Inschlitt beschmiert. (Wirft dem Lieutenant heimlich einen drohenden Blick zu: er lächelt)

Fr. Humbrecht. Wenns sonst nichts ist –

v. Gröningseck. (stellt den Tisch wieder auf, das Licht drauf.) Das war ma foi ein Hauptspaß! eben red ich von dem krüpplichten Hund, da stürzt die Kanaille zu Boden – Bald hätten wir das Beste übersehn, le diable m'emporte, c'est charmant! c'est divin! seht doch das Stellagie da an, halb Bett, halb Kanape; ich glaub gar es ist ein Feldschragen, den sie aus dem Spital gestohlen haben; ha ha ha! – Was wett ich, sie haben kein so schönes Brautbett gehabt, Frau Humbrecht? – Zwar nur ein Strohsack – (drückt mit der Hand drauf) aber doch gut gefüllt, – elastisch! –

Fr. Humbrecht (halb böse.) Ey was, Herr Leutenant! in Gegenwart meiner Tochter –

v. Gröningseck. Muß ich sie küssen – guckst scheel Evchen? – noch einmal, dem Evchen zum Possen! – so! aller guter Ding sind drey. – (geht auf Evchen los, bietet ihr die Hand, sieht ihr starr in die Augen, sachte zur Tochter) Das war Strafe für dein unzeitiges Pfui! (Evchen lacht, schlägt ein.)

Fr. Humbrecht (während obiger Pantomime) Er ist zum Fressen der kleine Narr! man muß ihm gut seyn, nicht ob man will: wie Quecksilber, bald da, bald dort.

Marianel (kommt) Befehlen sie, daß man aufträgt?

v. Gröningseck. Das versteht sich pardieu! je eher je besser, und je mehr je lieber!

Fr. Humbrecht. Komm Eve! ich muß den Domino ein wenig ausziehn, es wird mir so warm ums Herz.

Evchen. Mir auch Mutter! (nimmt der Magd die Lampe ab, und geht mit ihrer Mutter ins Nebenzimmer.)

v. Gröningseck. Desto besser! (sachte) für mich. (ruft ihnen nach) Soll ich die Kammermagd vorstellen? ich kann perfekt mit umgehn. –

Fr. Humbrecht. Ey ja! das wär mir schön. Nein so eine Kammermagd wär uns viel zu vornehm.

Evchen. Wir könnens ohne sie, Herr Blaurock! (schabt ihm hinterrücks der Mutter ein Rübchen, und schlägt die Thür zu.)

v. Gröningseck. Wo führt denn dich das Donnerwetter hierher, Marianel? bist nicht mehr im Kaffehaus dort an der Eck? – das kleine Stübchen war sehr bequem –

Marianel. Gar recht, daß du selbst davon anfängst, du Teufelskind – gar recht! bist mir auch noch's Christkindel schuldig, gleich gib mirs, oder ich verrath dich. –

v. Gröningseck. Ich – dir schuldig? hab ich dir nicht jedesmal deinen kleinen Thaler gegeben, wenn –

Marianel. Ja schön allemal bezahlt! wie oft hab ich dir borgen müssen? gelt du weist es nit du Saufigel, wie er den Sonntag vor Weihnachten noch des Nachts um zwölf einen Lerm machte, als wollt er das Haus stürmen, und wie ich ihn heimlich zur Hinterthür herein ließ, und wie ich ihm Thee kochte, und wie er mich über und über bespie, und –

v. Gröningseck. Und – und – halts Maul zum – hier sind sechs Livres du Schindaas – Aber eins must du mir zu Gefallen thun –

Marianel. Alles, alles mein Kostbarle! sag! red! (will ihn liebkosen.)

v. Gröningseck (stößt sie von sich.) Das ist heut überflüßig: wenn der Soldat Eyerweck hat, frißt er kein Kommißbrod.

Marianel. Denk doch, Kostbarle bist sehr verschreckt; wirst froh seyn und von selbst wiederkommen.

v. Gröningseck. Das denk ich auch, Narr! so bös ists nicht gemeynt! – sieh, da ist ein Päckchen das nimm, und wenn ich um Punsch ruf, so thu das Pulver, das drinn ist, ins erste Glas voll, das du auf den Tisch stellst. –

Marianel. Geh du zum lüftigen Teufel mit samt deinem Pulver, du tausendsakerment! willst mich die Leut vergiften machen? – meynst ich hab kein Gewissen, du Höllenhund? –

v. Gröningseck. So hör mich doch an Marianchen! sakerment hör mich, oder – Es ist kein Gift, ein kleiner Schlaftrunk ists, wenns doch wissen willst – und hier ist noch ein großer Thaler –

Marianel. Ja so! das ist was anders – so gib nur her. (Sie greift nach dem Geld, er steckte wieder ein.)

v. Gröningseck. Hier ist das Pulver – mach deine Sachen ja klug! wenn ich fortgeh, kriegst du den großen Thaler.

Marianel. Warum nicht gleich?

v. Gröningseck. Einer Hur ist niemals zu trauen –

Marianel (im Fortgehn.) Keinem Schelmen auch nicht, und wenn keine Hurenbuben wären; so gäbs lauter brave Mädels. – Darfts wohl noch schimpfen ihr – erst schnitzt ihr euch euren Herrgott, dann kreuzigt ihr ihn. –

v. Gröningseck. Halts Maul! und thu was ich dir sagte.

Marianel. 'S wird einen Dreck nutzen. (ab)

v. Gröningseck. Das ist meine Sorge! Es müßte toll hergehn, wenn ich die Alte nicht über den Gänsmist führen sollt. – (zu Evchen, die zurück kommt, die Mutter hinter drein.) So, ma chere, das ist recht, das ist schön, sehr schön! – le diable m'emporte – siehst so recht appetitlich aus! so dünn und leicht angezogen! – bist auf mein Ehr recht hübsch gewachsen, so schlank! alles so markirt! –

Fr. Humbrecht. Na, Herr Leutenant, wie seh denn ich aus? gelt! zum Spektakel –

v. Gröningseck (ohne sie anzusehn.) Superb, superb! das Neglische steht ihnen recht gut.

Fr. Humbrecht. Ja, das sagt er so: Gedanken sind zollfrey, denkt er; – wenn nur ein Spiegel da wäre! –

v. Gröningseck. Wie göttlich schön dir das derangirte Haar läßt, mein Liebchen! kann mich nicht satt an dir sehn: – die Zöpfe so flott! (küßt sie und führt sie, den Arm um ihren Leib geschlungen, dem Tisch zu, setzen sich nebeneinander.)

Fr. Humbrecht (sich mittlerweil betrachtend.) Du hast fast recht, Eve, ich hätte den Domino wieder umwerfen sollen – jetzt seh ichs erst, bey der Lampe hab ichs nicht so bemerkt – mein Mantlett ist fast gar zu schmutzig.

Evchen, Habs ihr ja gleich gesagt, aber da hat sie keine Ohren gehabt.

v. Gröningseck. Es ist gut, Leutgen! 's ist gut! Frau Humbrecht 's ist gut, sag ich.

Fr. Humbrecht. Na denn! wenns nur ihnen gut genug ist, – (geht zu ihm und spielt ihm an der Epaulette) – ich hab eben gedacht, unter der Maske sieht mans ja nicht, obs rein oder schmutzig ist, und thust du ein weißes an, dacht ich, so wirds doch auch verkrumpelt.

v. Gröningseck. Eine vortrefliche Haushälterinn, bey meiner Treu! (läßt Evchens Hand gehen, packt ihre Mutter um den Leib, und stellt sie zwischen seine Beine) très bonne ménagère! – sind sie denn nicht müde geworden auf dem Ball, mein Weibchen?

Fr. Humbrecht. Ey wer kann denn da müd werden, es gibt immer etwas zu sehn! immer was neues! ich hätt, glaub ich, noch die ganze Nacht und den ganzen Tag durch ohngegessen und ohngetrunken auf einem Fleck sitzen können.

Evchen. Ich nicht! am Zusehn hätt ich gar keine Freud.

v. Gröningseck. Du machst lieber selbst mit, nicht wahr?

Evchen (unschuldig.) Ja!

Fr. Humbrecht (lacht; sich recht auszulachen bückt sie sich vorwärts an des Lieutenants Brust, das Gesicht von Evchen abgekehrt: Er spielt ihr am Halsband, sie drückt ihm die Hand, und küßt sie.) Das hat sie nicht verstanden: müssen ihr ihre Dummheit nicht übel auslegen. (Sich aufrichtend.) Sie sind auch gar zu schlimm, daß sie es nur wissen.

Marianel (bringt Essen, hernach Wein und Gläser, setzt es hin, geht ab.)

v. Gröningseck. Allons fix! Platz genommen meine Lieben! Das Frühstück ist da; – zugegriffen! (sie setzen sich, er legt vor) Hier Madam –

Fr. Humbrecht. Pfui doch! ich habs ihnen ja schon oft gesagt, ich mag nicht Madam heißen; ich bin halt Frau schlechtweg – sorgen sie aber auch für sich. –

Evchen. Wo denken sie hin? was soll ich mit alle dem Essen anfangen? (will wieder in die Schüssel legen.)

Fr. Humbrecht. Laß nur, behalts! – Kanst ja, was du nicht essen kanst, in die Poschen stecken: – nit wahr? Herr Leutenant! – bezahlt muß es doch werden.

v. Gröningseck. Richtig, mein Weibchen! (kneipt ihr in die Backen, und schielt auf Evchen.) Ma foi sie haben Verstand wie ein Engel; gleich wissen sie sich zu helfen. – Pardieu! der Muskatenwein ist vortreflich! (stößt an) Unsre Gesundheit! – der künftige Mann, Evchen!

Fr. Humbrecht. O das hat noch Zeit; – sie ist erst achtzehn Jahr alt.

v. Gröningseck. Schon drey Jahr verlohren!

Fr. Humbrecht. Denk doch! und ich war nächst an den vier und zwanzigen, als ich meinen Humbrecht kriegte, und doch lachten mich meine Kameräden all aus, daß ich so jung heyrathete.

v. Gröningseck. Gothische Zeiten! Gothische Sitten! – (stößt an) Nun die Brautnacht, Frau Humbrecht!

Fr. Humbrecht. Hi hi hi! sie wollen mir, glaub ich ein Räuschchen anhängen, nein, nein! da wird nichts draus. – Na denn; meinem lieben Mann zu Ehren; ich geb mir die Ehr – (will aufstehn.)

v. Gröningseck (hält sie davon ab.) Ohne Komplimenten! wir trinken noch eine Bouteille, und dann setzen wir ein Gläschen Punsch oben drauf.

Fr. Humbrecht. Behüt und bewahre! Das würde mir eine schöne Wirthschaft geben: – nein, nein! wenns ihnen gefällig ist, wollen wir jetzt aufbrechen –

v. Gröningseck. Aufbrechen? jetzt schon? rappelt dirs Weibchen? – (faßt sie um den Hals.) Wahrhaftig, da würden wir uns schön affigiren. – (sieht auf die Uhr) erst halb drey! die ganze Nachbarschaft würde uns auslachen, wenn wir um halbdrey schon vom Ball nach Haus kämen. – Lassen sie sich nur nichts davon träumen Frau Humbrecht! – Vor einer Stunde kommen sie mir nicht vom Fleck hier, und dann fahren wir noch erst wieder auf den Ball zurück; – ich hab Kontermarken genommen.

Evchen. O ja Mutter! noch auf den Ball wieder!

Fr. Humbrecht. Na so denn! weil ich dir doch eine Freude hab machen wollen; und weil uns der Herr Leutenant so viel Ehr erzeigt, so will ichs denn nur erlauben – dein närrischer Vater läßt dich ja so nie aus dem Haus. –

v. Gröningseck. Das heiß ich geredet: wenn man nur selten ans Vergnügen kommt, so muß mans auch recht genießen, zudem ist heute der letzte Ball für dies Jahr: also – Frisch Evchen! nicht so geleppert, das Glas muß aus: (Evchen leerts.) So bist brav! sollst auch ein Mäulchen haben! – (küßt sie.) Hola! la maison! (Marianel macht die Thür auf) Punsch! (Magd wieder ab.)

Evchen. Was ist denn der Punsch eigentlich für ein Getränk, Mutter?

Fr. Humbrecht. Ich weiß selbst – es ist halt –

v. Gröningseck. Wie Evchen, du weist nicht, was Punsch ist, hast noch keinen getrunken? – Ihr Leute lebt ja, wie die Bettelmönche – schon achtzehn Jahr alt, und heut zum erstenmal auf den Ball gewesen, und weiß nicht, was Punsch ist? – Ein Nektar! ein Göttertrank ists! le diable m'emporte, s'il n'est pas vrai! Wenn ich König von Frankreich wär, so wüßt ich mir dennoch kein delikaters Gesöff zu ersinnen, als Punsch; der ist und bleibt mein Leibtrank, so wahr ich – Ah le voila! (Marianel bringt drey Schoppengläser auf einem Kredenzteller; er nimmt ihr eins nach dem andern ab, beym ersten das sie ihm hinhält, frägt er sie) Ist das vom Rechten?

Marianel (sich tief verneigend.) Ihnen gehorsamst aufzuwarten. – (zwickt ihn ungesehn der andern im Arm, er sieht sie stolz an, und macht eine Bewegung mit der Hand, daß sie fortgehn soll: sie verneigt sich nochmals und geht mit Mühe das Lachen verbeißend, ab.)

Fr. Humbrecht (hält das Glas an die Nase.) Ja da kommen sie mir schön an, beym Blut; da trink ich keinen Tropfen von; – das riecht einem ja, Gott verzeih mirs! so stark in die Nase, daß man vom blosem Geruch besoffen wird.

v. Gröningseck. Grade das Gegentheil, Weibchen! grade das Gegentheil; – ich geb ihnen meine parole d'officier, oder auch meine Parole de maçon, welche sie wollen, daß ich mich schon mehrmals zwey auch dreymal in einem Nachmittag besoffen, und jedesmal im Punsch mich wieder nüchtern getrunken habe.

Evchen. Ja sie: sie haben den Magen schon ausgepicht, aber ich bin gar nichts starkes gewohnt.

v. Gröningseck. Gut! so will ich kapituliren: Evchen trinkt soviel sie will, und ihren Rest nehm ich noch auf mich; die Mama aber leert ihr Glas, so ist hübsch die Proportion gehalten. – Allegro! ins Gewehr! – (Er reicht jeder ihr Glas, nimmt seines, stößt an, sie trinken.)

Evchen (speit aus.) Pfui! das brennt einen ja bis auf die Seele.

Fr. Humbrecht. Du Unart! geht man denn mit Gottes Gab so um? (trinkt wieder fort) – Mir schmekts ganz gut – fast wie Rossoli.

v. Gröningseck. So ungefähr, ja! wenns ihnen nur schmeckt, Weibchen. – Aber eins Evchen, must du mir, wenn wir wieder auf den Ball fahren, versprechen, daß du mir keinen Teutschen mit jemand anders, als mit mir tanzest; Kontertänz so viel du willst.

Fr. Humbrecht. Gelt! sie kann nichts? hats eben wieder verlernt. –

v. Gröningseck. Nicht doch! – sie tanzt nur zu gut, macht ihre Figuren, Wendungen, Stellungen mit zu viel grace, zu reizend, zu einnehmend – ich kanns ohne heimlich eifersüchtig zu werden, nicht mit ansehn.

Fr. Humbrecht. Ey sie belieben halt zu vexiren! sie hat zwar drey Winter hintereinander beym Sauveur Lektion genommen. –

v. Gröningseck. Beym Sauveur! – pardieu! da wunderts mich nicht mehr – ich hab auch bey ihm repetirt: – c'est un excellent maitre pour former une jeune personne! – sein Wohlseyn! (Fr. Humbrecht und er trinken) – aber, comment diable kamen sie an den Sauveur? der hat ja immer so viel mit Grafen und Baronen zu thun –

Evchen. Es waren auch drey Baronen und ein reicher Schweitzer, die beym Herr Schaffner neben uns logirten, und weil sie noch Frauenzimmer brauchten, so luden sie mich auch ein.

v. Gröningseck. Die Kerls hatten, hohl mich der Teufel! keinen übeln Geschmack. – Wie lang ist es?

Fr. Humbrecht (gähnend.) Schon fünf Jahr, glaub ich –

Evchen. Ja so lang ists gewiß, wenns nicht gar sechse sind.

v. Gröningseck. Das laß ich gelten: – da warst du zwölf Jahr alt, und stachst doch schon den Barons in die Augen –

Evchen. Ey Mutter! sie wird doch, hoff ich, nicht einschlafen wollen?

v. Gröningseck (faßt sie mit der einen Hand um den Hals, und hält ihr mit der andern das Glas an Mund.) – Das Restchen noch, Frau Humbrecht!

Fr. Humbrecht (stößt das Glas von sich.) Kein Tropfen mehr. (er setzt es weg.) Ich kann die Augen nicht mehr aufhal – – (fällt schlafend dem Lieutenant an die Brust.)

Evchen. Gerechter Gott! was soll das denn seyn? – (springt ganz erschrocken und besorgt auf, schüttelt ihre Mutter.) – Mutter! was fehlt ihr: – hört sie? hört sie nicht? – Guter Himmel! wenn sie nur nicht krank wird! –

v. Gröningseck. Sey ruhig Evchen! es hat nichts zu bedeuten – in einer Viertelstunde ist sie wieder so wach, als vorher. – Der Punsch hats gethan – sie ist ihn nicht gewohnt.

Evchen (schüttelt sie wieder.) Mutter! – Mutter! sie liegt in Ohnmacht, glaub ich, oder ist gar tod.

v. Gröningseck. Ohnmacht! – Tod! – Narrenspossen! – fühl den Puls hier – sie hat ein wenig zu hastig getrunken, das ist alles. – Komm Evchen! hilf mir sie aufs Bett dort führen, sie wird mir warlich zu schwer so. – (Evchen und er führen sie ans Bett, und legen sie queer über) – Pardieu! vorher machten wir uns über das Stellagie lustig, und jetzt sind wir froh, daß wirs haben.

Evchen (ganz bestürzt.) Noch weiß ich nicht, wie mir geschieht! – hätt ich sie nur zu Hauß!

v. Gröningseck (setzt sich neben die Mutter, zieht Evchen nach sich.) Sey doch kein Kind, ma chere! was ists denn weiter? – wir kommen noch zeitig genug wieder auf den Ball. – (sieht ihr starr unter die Augen.) – Bist du mir gut Evchen?

Evchen. Ums Himmelswillen sehn sie mich nicht so an; ich kanns nicht ausstehn.

v. Gröningseck. Warum denn nicht, Närrchen? (küßt ihr mit vieler Hitze die Hand, und sieht ihr bey jedem Kuß wieder starr in die Augen.)

Evchen. Darum! – ich will nicht. – (Er will sie umarmen und küssen, sie sträubt sich, reißt sich los, und lauft der Kammer zu.) Mutter! Mutter ich bin verlohren. –

v. Gröningseck (ihr nacheilend.) Du sollst mir doch nicht entlaufen! – (schmeißt die Kammerthür zu. Innwendig Getös; die alte Wirthin und Marianel kommen, stellen sich aber als hörten sie nichts; nach und nach wirds stiller.)

Wirthin. Räum gschwind ab; – sieh, wie das alte Murmelthier dort schläft.

Marianel. Hättet ihr mir nur meinen Willen gelassen; weiß wohl, wer jetzt schlafen müßt! – da hätt man doch auch was fangen können.

Wirthin. Ja fangen! – du und der Teufel fang! Die Offizier sind dir die rechten. – Da verlohr einer vom corps royal vorm Jahr einen lumpichten Kugelring, hat mir der Racker nit bald's Fell über die Ohren gezogen! – wollt mirs Haus über dem Kopf anstecken, wenn ihn nicht die Christine noch im Strohsack wieder gefunden hätt. – Geh du an Galgen mit deinem Fangen! – mir komm nit! – – Was steckst im Sack da? he! Staupbesenwaar! was steckst ein? willst reden? –

Marianel. St! st! eine Tobacksbüchs: – wir theilen – gehört dem Marmottel dort. –

Wirthin. Gewiß? – wenn sie dem Leutnant ist! –

Marianel. Nein doch, sag ich. – Ich weiß es –

Wirthin. So mach fort! – marsch! die Bouteillen können noch stehn bleiben. – Wenn er nach der Zech frägt – anderthalb Louisdor – (ab.)

Marianel. Schon gut! und eine halbe für mich, macht zwo. (raumt vollends ab, und schleicht auf den Zehen hinaus.)

Evchen (stürzt wieder aus dem Nebenzimmer heraus, auf ihre Mutter hin.) – Mutter! Rabenmutter! schlaf, – schlaf ewig! – deine Tochter ist zur Hure gemacht. (fällt schluchzend ihrer Mutter auf die Brust; der Lieutenant geht ein paarmal die Stub auf und ab, endlich stellt er sich vor sie.)

v. Gröningseck . So wollen sie denn gar nicht Raison annehmen, Mademoiselle? – wollen Sich selbst fürs Teufels Gewalt prostituiren? – alle Welt wissen lassen, was jetzt unter uns ist?

Evchen (richtet sich auf, bedeckt aber das Gesicht mit dem Schnupftuch.) – Fort, fort! Henkersknecht! Teufel in Engelsgestalt! –

v. Gröningseck. Sie haben Romanen gelesen, wies scheint? – Ewig schade wärs ja, wenn sie nicht selbst eine Heldin geworden wären. (geht wieder auf und ab.)

Evchen. Spott nur, Ehrenschänder, spott nur! – ja ich hab Romanen gelesen, laß sie um euch Ungeheuer kennen zu lernen, mich vor euren Ränken hüten zu können – und dennoch! Gott! Gott! – dein Schlaf ist nicht natürlich, Mutter! jetzt merk ichs. –

v. Gröningseck. Ums Himmelswillen, so komm doch zu dir! – du bist ja nicht die erste. –

Evchen. Die du zu Fall gebracht hast? – bin ichs nicht – nicht die erste? o sag mirs noch einmal.

v. Gröningseck. Nicht die erste, sag ich, die Frau wurde, eh sie getraut war. – Von dem jetzigen Augenblick an bist du die Meinige; ich schwurs schon in der Kammer, und wiederhohls hier bey allem, was heilig ist; – auf meinen Knieen wiederhohl ichs. – In fünf Monaten bin ich majorenn, dann führ ich dich an Altar, erkenne dich öffentlich für die Meine. –

Evchen. Darf ich dir trauen, nach dem, was vorgefallen? – Doch ja! ich muß – ich bin so verächtlich als du, verächtlicher noch! – kanns nicht mehr werden, nicht tiefer sinken! – (die Thränen abtrocknend.) Gut mein Herr Lieutenant, ich will ihnen glauben, – (steht auf.) Stehn sie auf und hören sie meine Bedingung an. – – Fünf Monat, sagten sie? gut! so lang will ich mich zwingen, mir Gewalt anthun, daß man meine Schande mir nicht auf der Stirne lesen soll: – aber! – ist es ihr wirklicher Ernst, was sie geschworen haben? – sind sie stumm geworden? – Ja! oder nein! –

v. Gröningseck. Ja, ja Evchen! so wahr ich hier stehe! –

Evchen (küßt ihn, reißt sich aber, sobald er sie wieder geküßt, gleich los.) Hör weiter! so sey dieser Kuß der Trauring, den wir einander auf die Eh geben. – Aber von nun an, bis der Pfarrer sein Amen! gesagt, von nun an – hören sie ja wohl, was ich sage – unterstehn sie sich nicht, mir nur den Finger zu küssen; sonst halt ich sie für einen Meineidigen, der mich als eine Gefallene ansieht, der er keine Ehrerbietung mehr schuldig ist, der er mitspielen kann, wie er will: – und so bald ich das merke, so entdeck ich Vater oder Mutter – es gilt gleich, wer? – dem ersten dem besten alles was vorgegangen, und sollten sie mich mit Füßen zu Staub treten! – Haben sie mich verstanden? – warum so versteinert, mein Herr? – wundert sies, was ich gesagt habe? – jetzt lassen sie den Kutscher rufen.

v. Gröningseck. Ich bewundre sie, Evchen! – in diesem Ton –

Evchen. Spricht beleidigte Tugend: – muß so sprechen: – Jetzt hängt es von ihnen ab zu zeigen; ob sie wahr geredet haben.

v. Gröningseck (will auf sie loß.) Engelskind! –

Evchen (tritt zurück.) Schimpfst du mich, Verräther? – kannst du Engel sagen, ohne an die Gefallne zu denken? gefallen durch dich! –

(Lieutenant v. Gröningseck ab, der Vorhang fällt.)

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