Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Die Kinder des Kapitäns Grant

Jules Verne: Die Kinder des Kapitäns Grant - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDie Kinder des Kapitäns Grant
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
translatorWalter Heichen
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida52e80ec
created20070403
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel:
Das Bergwerk im Alexandergebirge.

Im Jahre 1814 fand Sir Roderick Impen Murchison, zur Zeit Vorsitzender der königlichen geographischen Gesellschaft zu London,Zur Zeit also, als Jules Verne diesen Roman schrieb (Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts). A. d. Ü. in den Gebirgsformationen Australiens, mit deren Studium er sich befaßte, in gewissen Verhältnissen und Beschaffenheiten auffällige Uebereinstimmung mit der Uralkette Rußlands, und zwar vornehmlich in derjenigen Gebirgskette, die sich unfern der Südküste Australiens von Norden nach Süden erstreckt. Da nun der Ural eine goldhaltige Gebirgskette ist, beschäftigte sich der gelehrte Geologe mit der Frage, ob sich das kostbare Metall vielleicht auch in der australischen Cordillera finden lasse? Er sollte sich nicht irren. Zwei Jahre später wurden ihm nämlich aus Neu-Süd-Wales einige Goldproben zugesandt; demzufolge verfügte er die Auswanderung einer großen Anzahl von Bergwerksarbeitern aus Cornwallis nach den goldhaltigen Regionen Neuhollands.

Francis Dutton hieß der Mann, der die ersten Goldkörner im südlichen Australien gefunden, und Forbes und Smyth waren die ersten, die die ersten »Placers« oder goldhaltigen Adern in Neu-Wales gefunden haben.

Als der erste Anstoß gegeben war, strömten die Goldsucher aus allen Teilen der Erde nach Australien, Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen, Deutsche, Chinesen. Indessen entdeckte wirklich bedeutende Goldlager erst Hargraves am 8. April 1851 und machte dem Gouverneur der Kolonie Sydney, Sir Charles Fitz-Roy, das Anerbieten, ihm das Goldlager, das er entdeckt hatte, für die mäßige Summe von 500 Pfund Sterling zu nennen. Sein Anerbieten wurde nicht angenommen, aber das Gerücht von der Entdeckung hatte schnell seinen Weg in die große Menge gefunden. Der Goldsucher-Strom lenkte sich nach Summerhill und Leni's Pond. Die Stadt Ophir wurde gegründet und der Reichtum ihrer Goldlager erwies sie bald ihres biblischen Namens für würdig.

Bis dahin war noch mit keinem Worte von der Provinz Victoria die Rede gewesen, die indessen Ophir durch den ungeheuren Reichtum ihrer Goldlager schlagen sollte. Bereits wenige Monate nachher, im Jahre 1851, sollten die ersten Goldbarren in dieser Provinz gefunden werden, und alsbald wurde in 4 Distrikten im großen Stile nach Gold gegraben. Diese 4 Distrikte waren: Bellarat, Ovens, Bendigo und das Alexandergebirge, alle von ungeheurem Reichtum; aber am Ovensflusse machten die großen Wassermengen die Arbeit höchst beschwerlich; in Bellarat machte eine ungleiche Verteilung der Goldadern häufig alle Berechnungen der Goldsucher illusorisch; in Bentigo erschwerte das Erdreich den Abbau außerordentlich; im Alexandergebirge dagegen fanden sich sämtliche Erfolgsbedingungen zusammen, und dieses kostbare Metall, das bis zu 1441 Francs pro Pfund wertete, erreichte den höchsten Taxwert auf allen Marktplätzen der Welt.

Genau zu dieser an unheilvollem Verderben und an märchenhaften Glücksfällen so überfruchtbaren Oertlichkeit hin führte die Route des 37. Parallelkreises die auf der Suche nach dem Kapitän Grant begriffenen Reisenden.

Nachdem sie am 31. Dezember den ganzen Tag lang über ein sehr zerklüftetes Terrain, das den Pferden und Ochsen stark zusetzte, marschiert waren, erblickten sie die runden Bergkuppen des Alexandergebirges. In einer engen Schlucht dieser kleinen Kette wurde das Lager aufgeschlagen, die Tiere suchten sich, mit der Fessel an den Beinen, zwischen den über den Boden gestreuten Quarzblöcken ihr Futter. Noch befand man sich nicht in der Region der ausgeschachteten Grubenanteile. Erst am andern Morgen, am ersten Jahrestag 1866, gruben die Räder des Wagens ihre Spur in den Straßen dieser reichen Landschaft. Alle Reisegefährten, vor allem Jacques Paganel, waren in Begeisterung über den Anblick dieses berühmten Höhenzugs, der in der australischen Sprache »Gebuhr« genannt wird. Dorthin ergoß sich der ganze Schwarm von Abenteurern, Spitzbuben und ehrlichen Leuten, solchen, die da hängen, und solchen, die gehängt werden. Als die ersten Gerüchte von der großen Entdeckung laut wurden, in jenem goldenen Jahre 1851, wurden Städte, Länder, Schiffe von ihren Einwohnern, Ansiedlern, Matrosen im Stiche gelassen. Das Goldfieber wurde zur Seuche, wirkte ansteckend wie die Pest – und wieviel starben und verdarben, die schon das Glück in Händen zu halten meinten! Die verschwenderische Natur hatte, wie damals die Rede ging, in diesem Wunderlande Australien Gold in Millionen und Abermillionen gesäet über einen Strich von mehr als 25 Breitegraden. Das war die Zeit der Ernte, und diese neuen Schnitter liefen zur Mahd. Das Handwerk des »Digger« oder Goldgräbers stellte jedwedes andere tief in Schatten, und wenn es freilich wohl wahr ist, daß viele der Aufgabe unterlagen und unter den Strapazen elend zu Grunde gingen, so wurden doch auch manche mit einem einzigen Fäustelhiebe zu steinreichen Leuten. Über das, was in Ruinen stürzte, schwieg die Welt; über die Vermögen, die gewonnen wurden, stimmte die Welt Hymnen an, die überallhin drangen, die ein Echo fanden in jedem Winkel ihrer fünf Welten ... Bald strömte die rasende Flut der vom Ehrgeiz Geschlagenen aus allen Klassen und Ständen nach den Küsten Australiens und während der letzten vier Monate des Jahres 1852 bekam allein Melbourne einen Zuwachs von 54 000 Einwanderern – eine Armee! aber eine Armee ohne Führer, ohne Disziplin – eine Armee am Morgen nach einem Siege, der noch nicht errungen war – mit einem Worte: eine Armee von 54 000 Plünderern der schlimmsten Sorte!

Während dieser ersten Jahre wahnsinniger Trunkenheit herrschte ein Tohuwabohu, ein wüstes Durcheinander, für das es keine Worte giebt. Aber die Engländer mit ihrer gewohnten Energie wurden der Situation Herr. Die eingebürtigen Polizisten und Gendarme wandten der Partei der Gauner und Diebe den Rücken und traten über zur Partei des ehrlichen Volkes. Es trat ein Umschwung der Dinge ein. Darum durfte Glenarvan nicht erwarten, die gewaltthätigen Zustände vom Jahre 1852 vorzufinden. 13 Jahre waren seit dieser Epoche verstrichen, und jetzt ging der Abbau der goldhaltigen Distrikte methodisch vor sich, durchaus nach den Gesetzen und Regeln einer strammen Organisation. Uebrigens fingen auch die Anteile bereits an zu versiegen. Man hatte gegraben und gegraben, bis man auf dem Grunde war! Und wie hatte man diese von der Natur hier aufgespeicherten Schätze heraufgeholt! mit welchem Eifer, in welcher Menge! Von 1852–1858 entwanden die Gräber dem Boden Victorias 63 Millionen 107478 Pfund Sterling! also anderthalb Milliarden nach französischen, weit über eine Milliarde nach deutschem Gelde! Die Einwanderung hat dann in auffälligem Maße nachgelassen; wer noch kam, fiel über noch jungfräuliche Gebiete her... So werden zur Zeit die in Otago und Marlborough auf Neuseeland neu entdeckten »Goldfelder« von Tausenden zweibeiniger Termiten ohne Flügel durchwühlt.Indessen kann es auch der Fall sein, daß sich die Auswanderer geirrt haben. Thatsächlich sind die goldhaltigen Lager noch nicht erschöpft, noch bei weitem nicht! Nach den letzten Nachrichten über Australien schätzt man die Menge der Anteile in Viktoria und Neu-Wales noch immer auf fünf Millionen Hektar; approximativ geschätzt, würde also das Goldadern in sich schließende Quarzgewicht noch 20 650 Milliarden Kilogramme betragen, und mit den dermaligen Abbaumitteln würde zum radikalen Abbau dieser Anteile die Arbeit von 100 000 Menschen binnen drei Jahrhunderten notwendig sein. Alles in allem schätzt man den Goldreichtum Australiens auf 664 Milliarden 250 Millionen Francs.

Gegen 11 Uhr traf man im Mittelpunkte des Abbaudistrikts ein. Dort erhob sich eine richtige Stadt mit Fabrikanlagen, Bankgebäude, Kirche, Villenviertel und Zeitungsredaktionen. Selbstverständlich fehlte es nicht an Hotels, Herbergen, Land- und Bauerngütern. Sogar ein Theater, Eintrittspreis 10 Schilling, war vorhanden und flott besucht. Mit ungeheurem Erfolg wurde gerade ein Zeitstück gegeben: »Francis Obadiah«, oder »der glückliche Goldgräber«. Der Held des Stückes führte am Schlusse im höchsten Stadium der Verzweiflung den letzten Fäustelhieb und traf auf einen »Nugget« oder Klumpen von ganz unglaublicher Schwere.

Glenarvan war neugierig, solchen Abbau im Alexander-Gebirge zu sehen, und ließ das Fuhrwerk unter Ayrtons und Mulradys Führung vorausfahren. Nach ein paar Stunden wollte er es wieder einholen. Paganel war außer sich vor Freude über diesen Beschluß und gab, treu seiner Gewohnheit, den Cicerone für die kleine Truppe ab. Seinem Rate gemäß lenkte man die Schritte zuerst nach dem Bankgebäude. Die Stadt hatte breite, gut asphaltierte Straßen. Mächtige Schilder: Golden Company (Limited), Digger's General Office, Nugget's Union usw., zogen die Blicke auf sich. An die Stelle der Einzelkraft des Goldgräbers war die Vereinigung von Kapital und Arm getreten. Ueberall hörte man die Maschinen arbeiten, welche die Sandmassen wuschen und den kostbaren Quarz zu Pulver zerrieben.

Jenseits der Wohngebäude erstreckten sich die Grubenanteile oder »Lose«, d. h. weite, für den Abbau hergegebene Landstrecken. Dort gruben und schlugen die von den Gesellschaften angeworbenen und gutbezahlten Bergleute für Rechnung weniger Geldleute. Die Unmasse von Löchern und Gruben, die hier den Boden durchsetzen, zu zählen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit für ein menschliches Auge gewesen. Das Eisen der Aexte, Hacken und Fäustel funkelte im Sonnenlicht und warf eine ununterbrochene Menge von Blitzen. Unter den Gräbern sah man Typen aller Nationen. Aber Händel gab es keine, jeder verrichtete als Lohnarbeiter still und ruhig seine Arbeit.

»Man dürfte indessen nicht meinen,« sagte Paganel, »daß sich auf australischem Boden keiner von jenen Vertretern des Goldgräberfiebers mehr fände, die das Glück im Spiel des Zufalls in den Goldbergwerken suchen und wagen. Ich weiß wohl, daß die Mehrzahl der Arbeiter ihre Kräfte den Bergwerkskompagnien vermietet, und daß dies insofern nicht anders geht, weil die goldhaltigen Distrikte von der Regierung sämtlich verkauft oder verpachtet worden sind. Aber wer nichts besitzt, wer weder pachten noch kaufen kann, der hat schließlich noch immer eine Möglichkeit zum Reichwerden.«

»Und die wäre?« fragte Lady Helena.

»Die Chance, es mit dem »Jumping« zu versuchen.« antwortete Paganel; »wir zum Beispiel, die auf Grubenlose keinerlei Anrecht haben, könnten trotzdem – etwas Glück gehört freilich dazu – Vermögen erwerben.«

»Wie? auf welche Weise?« fragte der Major.

»Ich sage es ja doch eben, durch die Ausübung des »Jumping!« versetzte Paganel.

»Was ist denn aber »Jumping?« fragte der Major wieder.

»Ein zwischen den Goldgräbern zulässiges Abkommen, das freilich nicht selten zu Gewaltthat und Unordnung führt, das aber die Behörden nie auszurotten vermochten.«

»Aber, Paganel! seien Sie doch vernünftig!« rief Mac Nabbs – »Sie machen uns ja den Mund wässerig!«

»Es gilt nämlich das Gesetz,« erläuterte Paganel, »daß jedes Stück Land im Abbau-Distrikt, an welchem 24 Stunden lang nicht gearbeitet worden ist, – die hohen Festtage ausgenommen – dem Gemeinwohl anheimfällt. In solchem Stück Land kann jeder graben, an solchem Stück Land kann sich jeder bereichern, sofern ihm der Himmel gnädig ist und hilft. Also, Robert! sieh zu, daß Du solch herrenloses Stück Land erwischst, und Du hast es weg!«

»Monsieur Paganel,« bat Mary Grant, »setzen Sie doch meinem Bruder nicht solche Dinge in den Kopf!«

»Ich scherze ja, meine teure Miß.« antwortete Paganel, »und Robert weiß das auch! Er und Goldgräber! nun und nimmer! Erde graben, pflügen, bebauen, säen und ernten im Schweiße seines Angesichtes, läßt man sich gefallen, ist eine edle Sache! Aber in der Erde wühlen nach Maulwurfsart, blind wie diese Tiere, um ihr ein Stückchen Gold zu entreißen, das ist ein trübsäliges Handwerk – bloß für Leute gut, die von Gott und den Menschen verlassen sind!«

Nach Besichtigung des Haupt-Grubenterrains und nach Durchwanderung eines in der Hauptsache aus Quarz, Thonschiefer und Sand, aus der Verwitterung von Felsgestein herrührend, zusammengesetzten Alluvialgebiets verfügten sich die Australien-Reisenden zum Bankgebäude, einem großen Bauwerk, an dessen First der Union-Yack, die britische Nationalflagge, wehte. Lord Glenarvan wurde vom Generalinspektor begrüßt und in dem Gebäude herumgeführt. Das aus dem Boden gewonnene Gold wird von den Gesellschaften gegen einen Empfangschein dort hinterlegt. Jene erste Zeit, in welcher der Goldgräber noch von den Händlern der Kolonie übervorteilt wurde, ist längst überwunden; die bezahlten für die Unze Gold dem Gräber 53 Schillinge und verkauften sie für 65 Schillinge wieder in Melbourne. Freilich lief der Kaufmann die Gefahr des Transports, und da es von Leuten, die in Wegelagerei spekulierten, wimmelte, trug es sich wohl auch zu, daß eine Fracht einmal nicht bis zu ihrem Bestimmungsorte gelangte.

Merkwürdige Goldgruben wurden Besuchern gezeigt, und über die Ausschlachtung dieses Metalls gab der Inspektor die interessantesten Aufschlüsse. Im mineralischen Museum der Bank sahen sie, etikettiert und klassifiziert, alle Produkte, aus denen der Boden Australiens zusammengesetzt ist; denn nicht bloß Gold allein bildet seinen Reichtum. es kann vielmehr mit Fug und Recht als ein Riesenschrein gelten, in welchem die Natur ihre kostbarsten Juwelen birgt. Unter den Glasscheiben der vielen Schränke blitzte der weiße Topas, der Rival der brasilianischen Topase, der Aladin-Granat, der Epidot, eine Art kieselsauren Salzes von herrlichem Grün, der Balas- oder Ballasrubin, vertreten durch scharlachrote Spinelle und durch eine rosenrote Abart von blendender Schönheit, hell- und tiefblaue Saphire, darunter der Korund, begehrte Raritäten wie der malabarische oder der tibetanische Saphir, funkelnde Rutile und endlich einen kleinen Diamantkristall, der an den Ufern des Teron gefunden wird. Alles, was wir unter dem Worte Edelstein begreifen, war in dieser glänzenden Sammlung vertreten, und das Gold zur Fassung dieser kostbaren Juwelen brauchte nicht weit gesucht zu werden. Mehr als sie samt und sonders schon in solch edler Fassung zu sehen, blieb einem hier thatsächlich nicht zu wünschen.

Glenarvan verabschiedete sich nach herzlichem Danke für die erwiesene Liebenswürdigkeit, von der er ausgiebigen Gebrauch gemacht hatte, von dem Inspektor der Alexander-Bank, um sich abermals der Besichtigung der »Lose« oder Grubenanteile zuzuwenden.

So wenig zugethan auch Paganel den Gütern dieser Welt war, so that er auf diesem Boden doch keinen Schritt, ohne ihn mit den Blicken zu durchstöbern. Die Umstände überwältigten ihn, und alle Witzeleien seiner Kameraden erwiesen sich dieser Thatsache gegenüber als ohnmächtig. Aller Augenblicke bückte er sich, hob einen Kiesel, ein Stück Ganggestein, Quarztrümmer auf, musterte sie aufmerksam und warf sie rasch wieder mit Verachtung weg. Das ging so fort, so lange der Spaziergang dauerte.

»Aber, Paganel!« fragte ihn der Major. »Sie haben wohl was verloren?«

»Ohne Frage,« versetzte Paganel, »in solchem Gold- und Juwelenlande hat man immer verloren, was man nicht gefunden hat. Ich sehe nicht ein, warum ich nicht ganz gern einen Klumpen von ein paar Unzen oder doch einigen 20 Pfund Gewicht mit nach Hause nehmen sollte!«

»Aber was würden Sie denn damit anfangen, lieber Freund?« fragte Glenarvan.

»O! das würde mir keine Verlegenheit machen!« erwiderte Paganel; »meinem Vaterlande würde ich damit huldigen ... in der Bank von Frankreich würde ich meinen Fund hinterlegen... «

»Und die würde ihn nehmen?«

»Zweifelsohne! in Gestalt von Eisenbahn-Obligationen!«

Von allen Seiten wurde Paganel zu der Art und Weise, wie er »seinem Vaterlande« seinen Goldfund darzubieten gedachte, beglückwünscht und Lady Glenarvan meinte, sie wünsche ihm von Herzen den größten »Nugget« auf Erden ... Unter solchen Scherzen durchwanderte die kleine Schar den größten Teil des Abbaudistrikts; überall wurde regelmäßig, maschinenmäßig, aber ohne Feuer und Leben gearbeitet ...

Nach zweistündigem Spaziergang machte Paganel auf ein Gasthaus höchst anständigen Aussehens aufmerksam, in welchem er so lange zu rasten vorschlug, bis das Fuhrwerk zur Stelle sein würde. Lady Helena willigte ein, und da man in einem Gasthause nicht sitzen kann, ohne eine Erfrischung zu sich zu nehmen, bestellte Paganel irgend ein landesübliches Getränk.

Es wurde für jeden ein »Nobler« gebracht, worunter man einen Grog, aber einen verkehrten, zu verstehen hat: während man nämlich sonst in der Welt, um einen Grog zu brauen, ein Gläschen Rum oder Arak in ein großes Glas Wasser schüttet, schüttet man hierzulande in ein Gläschen Wasser ein großes Glas Rum oder Arak, zuckert diese »Melange« tüchtig und läßt sie sich schmecken. Aber ein bischen zu australisch, solches Getränk, und zur großen Verwunderung des Gastwirts machte sich die kleine Gesellschaft mit Zuhilfenahme einer Karaffe Wasser einen echt englischen Grog zurecht.

Dann wurde über Goldgruben und über Goldgräber geschwatzt: ein Thema, wie es jetzt am Platze war, oder nie!

Paganel, höchst befriedigt über alles, was er gesehen hatte, gab indessen zu, daß die Sache in den ersten Abbaujahren am Alexander-Gebirge schließlich noch viel sehenswerter gewesen sein müsse. »Damals,« sagte er, »war das Land förmlich bloß Loch an Loch und von Legionen emsiger Ameisen, und was für Ameisen! – förmlich überschwemmt! Alles, was Auswanderer hieß, hatte wohl den Eifer, das Feuer, nicht aber die Vorsicht, die Fürsorge der Ameisen! Wie wahnsinnig wurde mit dem Golde geaast! versoffen, verjubelt, verspielt wurde es, und die Herberge, wo wir jetzt sitzen, war, wie man damals sagte, eine »Hölle«! Auf Würfelspiel folgte Messerstechen. Die Polizei konnte nichts ausrichten, und nichts seltenes war es, den Gouverneur der Kolonie an der Spitze von regulären Truppen gegen die im Aufruhr befindlichen Goldgräber ausrücken zu sehen. Indessen gelang es ihm immer, sie zur Raison zu bringen; zuletzt griff man zu dem Mittel, jedem Goldgräber die Arbeit bloß auf Grund eines Patents, dessen Erhalt von gewissen Vorbedingungen abhängig gemacht wurde, zu gestatten; im großen und ganzen waren die wirren Zustände hier noch nicht so schlimm wie seinerzeit in Kalifornien.«

»Kann denn jedermann dies Handwerk ausüben?« fragte Lady Helena.

»Jawohl, gnädige Dame! Das Abiturium braucht man nicht dazu; wohl aber ein paar kräftige Arme! wer die hat, kommt aus, wenn es jetzt auch derber zugreifen heißt als in den ersten Jahren. Damals freilich, als man die Erde nach Gold noch siebte, wie man das Korn siebt, bloß mit dem Unterschiede, daß man statt Getreidekörner Goldkörner gewann, in diesen ersten Jahren hat mancher Gräber im Handumdrehen Reichtümer erworben, trotzdem ein paar Stiefel mit 150 Francs, ein Glas Limonade mit 10 Schilling bezahlt wurde! Wie überall in der Welt und wie immer in der Welt, hat es eben auch hier geheißen: wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Gold war im Ueberflusse da, lag, wörtlich genommen, auf der Straße; die Bäche flossen in metallenem Bette; mit Goldstaub asphaltierte, mit Goldquarz pflasterte man Gassen und Straßen; vom 26. Januar bis zum 24. Februar 1852 hat man vom Alexandergebirge nach Melbourne unter Eskorte der Regierung Gold im Werte von 8238751 Francs geschafft, also durchschnittlich für 164725 Francs täglich.«

»Fast soviel wie die Zivilliste des Kaisers von Rußland ausmacht,« bemerkte Glenarvan.

»Armer Schächer!« rief der Major.

»Erzählt man auch von jähen Glücksschlägen?« fragte Lady Helena.

»Von einigen, meine Gnädige, ja!«

»Und sind sie Ihnen bekannt?«

»Das will ich meinen!« erwiderte Paganel. »Im Jahre 1852 ist im Distrikt Ballarat ein Klumpen im Gewicht von 573 Unzen, im »Gippsland« einer von 782 Unzen, und 1861 ein Barren von 834 Unzen gefunden worden. Schließlich hat, wiederum in Ballarat, ein Goldgräber einen Klumpen von 65 Kilogramm gefunden – ein Fund, der, zu 1725 Francs das Pfund gerechnet, 223 860 Francs gewertet hat! Ein Fäustelhieb, der 11 000 Francs Rente einbringt, ist schon was!«

»In welchem Verhältnis hat sich die Goldgewinnung seit der Entdeckung dieser Minen vermehrt?« fragte John Mangles.

»In einem ungeheuren Verhältnis, lieber John! Diese Produktion betrug zu Anfang des Jahrhunderts bloß 47 Millionen im Jahr und beträgt gegenwärtig, mit Einbezug der Goldbergwerke in Europa, Asien und Amerika, rundgeschätzt, 900 Millionen, also annähernd eine Milliarde.«

»Also liegt vielleicht an der Stelle, Herr Paganel.« sagte der junge Robert, »wo wir jetzt gehen, unter unsern Füßen, viel Gold?«

»Jawohl, mein Junge, Millionen! Wir laufen drüber weg! Aber – wenn wir drüber weg gehen, so geschieht's, indem wir es verachten!«

»Australien ist also ein begnadetes Land?«

»Nein, Robert,« versetzte der Geograph. »Begnadete Länder sind die goldhaltigen Länder nicht! Sie erzeugen bloß tagediebische Bevölkerungen, niemals kräftige, arbeitsame Geschlechter. Blicke nach Brasilien, nach Mexiko, nach Kalifornien, nach Australien! Auf welchem Standpunkte stehen diese Länder noch im 19. Jahrhundert? Das Land im rechten Sinne, das Land im Superlativ, mein Sohn, ist nicht das Land, das Gold birgt, sondern das Land, das Eisen birgt!«

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.