Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Die Kinder des Kapitän Grant - 2

Jules Verne: Die Kinder des Kapitän Grant - 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDie Kinder des Kapitän Grant - 2
publisherA. Hartleben's Verlag
addressWien. Pest. Leipzig.
year
firstpub
translator
seriesCollection Verne
volumeBand 12
printrunVierte Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100712
projectidccf718c0
Schließen

Navigation:

Erstes Capitel.

Die Rückkehr an Bord.

Die ersten Augenblicke wurden dem Glücke des Wiedersehens gewidmet. Lord Glenarvan wollte nicht durch den Mißerfolg der Nachforschungen die Freude in den Herzen seiner Freunde abkühlen. Daher waren auch Folgendes seine ersten Worte:

»Vertrauen, meine Freunde, Vertrauen! Noch ist zwar Kapitän Grant nicht bei uns, doch haben wir die Gewißheit, ihn aufzufinden.«

Es bedurfte auch nichts Geringeres, als einer solchen Versicherung, um die Hoffnung der Passagiere des Duncan wieder zu erwecken.

Wirklich hatten Lady Helena und Mary Grant, wahrend das Boot sich der Yacht wieder näherte, tausend Qualen der Erwartung empfunden. Vom Hinterverdeck herab versuchten sie die an Bord Zurückkehrenden zu zählen. Bald verzweifelte das junge Mädchen, bald glaubte sie im Gegentheil Harry Grant zu sehen. Ihr Herz klopfe; sie vermochte nicht zu sprechen und kaum hielt sie sich aufrecht. Lady Helena umschloß sie mit den Armen. John Mangles, der nahe bei ihr hinausblickte, schwieg still; seine Seemannsaugen, die so gewöhnt waren, ferne Gegenstände zu unterscheiden, entdeckten den Kapitän nicht.

»Er ist da! Er kommt! Mein Vater!« sagte das junge Mädchen.

Als sich aber die Schaluppe nach und nach näherte, wurde jede Täuschung unmöglich. Die Reisenden waren keine hundert Klafter mehr vom Bord entfernt, als nicht nur Lady Helena und John Mangles, sondern auch Mary selbst, deren Augen in Thränen schwammen, jede Hoffnung verloren hatten. Es war hohe Zeit, daß Lord Glenarvan ankam und seine beruhigenden Worte hören ließ.

Nach den ersten Umarmungen wurden Lady Helena, Mary Grant und John Mangles über die Hauptereignisse der Expedition unterrichtet, und vor Allem theilte Glenarvan die neue Auslegung des Documentes mit, die man dem Scharfsinn Jacques Paganel's verdankte. Er pries auch Robert's Lob, auf den Mary mit gutem Rechte stolz sein konnte. Sein Muth, seine Ergebenheit, die Gefahren, die er durchgemacht hatte, Alles wurde von Glenarvan in helles Licht gesetzt, so daß der junge Mensch nicht wußte, wo er sich verbergen sollte, wenn er nicht in den Armen seiner Schwester eine Zuflucht gefunden hatte.

»Da ist Nichts zu erröthen, sagte John Mangles, Du hast Dich eines Sohnes des Kapitän Grant würdig betragen!«

Er streckte seine Arme nach dem Bruder Mary Grant's aus, und preßte ihm seine Lippen auf die Wangen, die noch von den Thränen des jungen Mädchens feucht waren.

Erwähnen müssen wir auch, welcher Empfang dem Major und dem Geographen zu Theil wurde, und wie ehrenvoll man des edelmüthigen Thalcave gedachte. Lady Helena bedauerte, die Hand des braven Indianers nicht drücken zu können. Mac Nabbs hatte gleich nach den ersten Herzensergießungen seine Cabine aufgesucht, wo er sich mit ruhiger, sicherer Hand rasirte. Paganel flog wie eine Biene von Einem zum Andern, und erntete Ehrenbezeigungen und freundliches Lächeln ein. Er wollte die ganze Gesellschaft des Duncan umarmen, und da seiner Ansicht nach Lady Helena ebenso dazugehörte, wie Mary Grant, so begann er damit bei diesen und hörte endlich bei Mr. Olbinett auf.

Der Steward glaubte eine solche Höflichkeit nicht besser erwidern zu können, als mit der Ankündigung des Frühstücks.

»Das Frühstück! rief Paganel laut.

– Ja, Herr Paganel, erwiderte Mr. Olbinett.

– Ein wirkliches Frühstück, auf einem wirklichen Tische, mit Gedeck und Servietten?

– Ja wohl, Herr Paganel.

– Und wir werden kein Charqui, keine harten Eier und kein Straußfilet zu essen bekommen?

– Oho, mein Herr! entgegnete der Wirthschaftsmeister, der sich in seinem Fache gekränkt fühlte.

– Ich wollte Sie nicht beleidigen, lieber Freund, sagte lächelnd der Gelehrte. Einen Monat lang war das bei uns so das tägliche Brod, und wir speisten, nicht etwa an einem Tische sitzend, sondern auf der Erde liegend, wenn wir nicht gar dabei auf den Aesten eines Baumes ritten. Das Frühstück, welches Sie eben anmeldeten, erschien mir demnach wie ein Traum, eine Einbildung, wie eine Chimäre!

– Nun wohlan denn, Herr Paganel, fiel Lady Helena ein, die sich des Lachens kaum erwehren konnte, wir wollen schnell die Wirklichkeit desselben bestätigen.

– Hier, mein Arm, sagte der galante Geograph.

– Ew. Herrlichkeit haben mir keine Befehle in Betreff des Duncan zu ertheilen? fragte John Mangles.

– Nach dem Frühstücke, lieber John, erwiderte Glenarvan, werden wir das Programm unserer neuen Expedition mit Ruhe besprechen.«

Die Passagiere der Yacht, nebst dem jungen Kapitän derselben, gingen die Treppe hinunter. Dem Maschinenmeister wurde aufgegeben, gespannten Dampf zu halten, um auf das erste Zeichen abfahren zu können. Der Major, der frisch rasirt war, und die Reisenden, welche oberflächlich Toilette gemacht hatten, nahmen an der Tafel Platz.

Man that Mr. Olbinett's Frühstück alle Ehre an. Es wurde für ausgezeichnet und vorzüglicher als die splendidesten Festmahle in den Pampas erklärt. Paganel langte von jeder Schüssel, »aus Zerstreuung«, wie er sagte, zweimal zu.

Dieses unglückselige Wort veranlaßte Lady Glenarvan zu der Frage, ob der liebenswürdige Franzose nicht einige Male in seinen Erbfehler verfallen sei. Der Major und Lord Glenarvan sahen sich lächelnd an. Paganel selbst brach ganz freimüthig in Lachen aus und verpflichtete sich auf Ehrenwort, wahrend der ganzen Reise keine Zerstreutheit mehr zu begehen. Dann erzählte er sehr anziehend von seinem Unglück und von seinen tiefen Studien über Camoen's Meisterwerke.

»Alles in Allem, fügte er zum Schluß hinzu, ist doch jedes Unglück zu Etwas gut, und ich bedaure meinen Irrthum nicht.

– Und warum nicht, mein werther Freund, fragte der Major.

– Weil ich nun nicht allein das Spanische, sondern auch das Portugiesische kenne! Ich spreche zwei Sprachen, statt einer!

– Meiner Treu! Daran hatte ich nicht gedacht, antwortete Mac Nabbs. Meinen Glückwunsch, Paganel, meinen aufrichtigen Glückwunsch!«

Alle sprachen Paganel ihren Beifall aus, wobei dieser sich keinen Bissen entgehen ließ. Er aß und plauderte gleichzeitig; er bemerkte aber eine besondere Erscheinung nicht, welcher Glenarvan nicht entgehen konnte: Die Aufmerksamkeiten, welche John Mangles seiner Nachbarin Mary Grant erwies. Ein leichter Wink von Seiten der Miß Helena belehrte ihren Gemahl, daß es »richtig war«. Mit liebevoller Theilnahme sah Glenarvan die beiden jungen Leute an und richtete eine Frage, aber ganz andern Inhalts, an John Mangles.

»Nun, und Ihre Fahrt, John, fragte er, wie ist sie abgelaufen?

– Ganz vortrefflich, erwiderte der Kapitän. Ich habe Ew. Herrlichkeit nur zu melden, daß wir nicht durch die Magelhaensstraße gefahren sind.

– Ei! rief Paganel, Sie sind um das Cap Horn gefahren und ich bin nicht dabei gewesen!

– Nein! Da hängte ich mich auf! sagte der Major.

– Egoist! Sie ertheilen mir diesen Rath? Ich sollte Ihnen den Strick zum Aufhängen schicken.

– Sehen Sie, mein lieber Paganel, fiel Glenarvan ein, wenn man nicht gerade die Eigenschaft der Allgegenwart besitzt, kann man eben nicht überall dabei sein. Und, da Sie die Ebene der Pampas mit durchwanderten, konnten Sie doch nicht gleichzeitig das Cap Horn umschiffen.

– Das hindert mich aber nicht, es zu bedauern«, erwiderte der Gelehrte.

Man setzte dieses Gespräch nicht weiter fort und ließ es bei letzterer Antwort bewenden. John Mangles ergriff wieder das Wort und erstattete über seine Fahrt Bericht. Auf dem Wege längs der amerikanischen Küste hatte er alle westlichen Inselgruppen durchforscht, ohne eine Spur von der Britannia zu finden. Als er am Cap Pilares, dem Eingange in die Magelhaensstraße, ankam, war dort widriger Wind, so daß man nach Süden zusteuerte; der Duncan fuhr an der Insel Désolation vorbei, ging bis zum siebenundfünfzigsten Grade südlicher Breite, umsegelte Cap Horn, lief durch die Straße Lemaire, an Feuerland vorüber, und folgte dann der Küste Patagoniens. In der Höhe des Cap Corrientes hatte das Schiff furchtbare Windstöße auszuhalten, dieselben, welche den Reisenden während des Gewitters so sehr zusetzten. Die Yacht hielt sich sehr gut, und seit drei Tagen lavirte John Mangles auf hoher See, als ihm die Schüsse des Carabiners die Ankunft der so ungeduldig erwarteten Reisenden verkündete. Bezüglich der Lady Glenarvan und Miß Grant hätte der Kapitän des Duncan sehr ungerecht sein müssen, wenn er deren seltene Unerschrockenheit hatte verkennen wollen. Der Sturm erschreckte sie nicht, und wenn sie einige Zeichen von Furcht gaben, so rührten diese von dem Gedanken an ihre Freunde her, welche noch durch die Ebenen der Republik Argentina zogen. So endete John Mangles Berichterstattung, welche ihnen die Glückwünsche Lord Glenarvan's einbrachten. Dann wendete sich dieser an Miß Grant:

»Meine liebe Miß, sagte er, ich sehe, daß der Kapitän John ihren hervorragenden Eigenschaften alle Ehre widerfahren läßt, und ich bin glücklich in dem Gedanken, daß es Ihnen ebenfalls an Bord seines Schiffes nicht mißfällt.

– Wie sollte das auch anders sein? erwiderte Mary, die Lady Helena und vielleicht auch den jungen Kapitän ansah.

– O, meine Schwester liebt Sie gar sehr, Herr John, rief Robert, und ich, ich liebe Sie auch!

– Und ich erwidere Dir diese Zuneigung, mein lieber Junge«, antwortete John Mangles, der durch die Worte Robert's etwas verlegen wurde, wie denn auch eine leichte Röthe über Mary Grant's Antlitz flog.

Dann setzte John Mangles, der das Gespräch auf einen weniger verfänglichen Gegenstand lenken wollte, hinzu:

»Nachdem ich nun über die Reise des Duncan berichtet habe, möchte Ew. Herrlichkeit uns nicht einige Einzelheiten von Ihrer Ueberlandreise durch Amerika, und von den Thaten unseres jungen Helden mittheilen?«

Nichts konnte Lady Helena und Miß Grant angenehmer sein, als diese Erzählung. Lord Glenarvan beeilte sich, ihre Neugier zu befriedigen. Er erzählte, ohne etwas zu übergehen, die ganze Reise von einem Ocean zum andern. Die Uebersteigung der Anden, das Erdbeben, das Verschwinden Robert's und seine Entführung durch den Condor, den Schuß Thalcave's, die Episode mit den rothen Wölfen, die Aufopferung Robert's, die Geschichte mit dem Sergeant Manuel, die Überschwemmung, die Zufluchtsstätte auf dem Ombu, ferner die Erzählung von dem Blitzstrahl, der Feuersbrunst, den Kaimans, der Trombe, der Nacht am Ufer des Atlantischen Oceans – alle diese erfreulichen oder schrecklichen Einzelheiten erregten wechselweise die Freude oder den Schrecken seiner Zuhörer. Mancher Umstand wurde berichtet, der Robert die Zärtlichkeiten seiner Schwester und der Lady Helena einbrachten; nie fühlte sich ein Knabe so innig und von so enthusiastischen Freundinnen umarmt.

Als Lord Glenarvan seine Erzählung beendet hatte, fügte er hinzu:

»Nun, meine Freunde, denken wir an die Gegenwart; was vergangen, ist vergangen. Die Zukunft gehört uns; kommen wir nun auf Kapitän Harry Grant zurück.«

Das Frühstück war zu Ende; die Teilnehmer sammelten sich in dem Privatsalon der Lady Glenarvan; sie nahmen rund um einen Tisch Platz, der mit Karten und Plänen bedeckt war, und bald war das Gespräch im Gange.

»Meine liebe Helena, sagte Lord Glenarvan, als ich au Bord kam, verkündete ich, daß, wenn die Schiffbrüchigen der Britannia auch nicht mit uns zurückkämen, wir doch mehr als je die Hoffnung hätten, sie wieder aufzufinden. Unsere Reise quer durch Amerika hat uns diese Ueberzeugung, oder besser gesagt, die Gewißheit verschafft, daß das Unglück weder an der Küste des Stillen, noch des Atlantischen Occans stattgefunden hat. Daraus folgt natürlicher Weise, daß die aus dem Documente hergeleitete Auslegung, wenigstens was dabei Patagonien betrifft, eine irrige war. Zum Glück hat unser Freund Paganel, durch eine Art plötzlicher Erleuchtung, diesen Irrthum bemerkt. Er legte uns dar, daß wir uns auf falschem Wege befänden, und hat das Document in einer Weise erläutert, die jeden Zweifel in uns niederschlug. Es handelt sich hier um das in französischer Sprache geschriebene Document, welches ich Paganel hier zu erklären bitten möchte, damit in dieser Hinsicht Niemand mehr einen Zweifel hege.«

Als sich der Gelehrte in die Lage gesetzt sah, zu reden, that er's sogleich; er verbreitete sich über die Wortstücke -gonie und ini- in der überzeugendsten Weise; aus dem Stücke austral leitete er mit Notwendigkeit das Wort Australien ab; er zeigte, daß der Kapitän Grant, indem er Peru verließ, um nach Europa zurückzukehren, auf einem rhedelosen Schiffe durch die südlichen Strömungen des Stillen Oceans bis zu den Ufern Australiens habe verschlagen werden können; kurz, seine geistreichen Hypothesen, seine feinen Schlußfolgerungen errangen sich den vollen Beifall selbst John Mangles, der in solchen Dingen ein schwer zu gewinnender Richter war und sich von phantastischen Ausschweifungen nicht hinreißen ließ.

Als Paganel seinen Vortrag geendet hatte, meldete Glenarvan an, daß der Duncan sofort Australien zusteuern werde.

Indessen wünschte der Major, bevor der Befehl ertheilt würde, die Fahrt nach Osten zu beginnen, noch einige Bemerkungen zu machen.

»Sprechen Sie, Mac Nabbs, erwiderte Glenarvan. – Es ist nicht meine Absicht, sagte der Major, die Beweiskraft der Argumente meines Freundes Paganel abzuschwächen, noch weniger, sie ganz abzuweisen; ich halte sie für gewichtig, für weise und unserer ganzen Aufmerksamkeit werth, und sie müssen mit gutem Grunde die Basis unserer zukünftigen Nachforschungen bilden. Ich wünsche aber, daß sie einer letzten Prüfung unterzogen werden, um sie zu ganz unbestreitbarem und unbestrittenem Werthe zu erheben.«

Man konnte oder wollte dem klugen Mac Nabbs nicht entgegentreten, und seine Zuhörer lauschten ihm mit einer gewissen Aengstlichkeit.

»Fahren Sie fort, Major, sagte Paganel, ich bin bereit, alle ihre Fragen zu beantworten.

– Mein Frage ist ganz einfach, begann der Major. Als wir vor nun fünf Monaten im Golf von Clyde die drei Documente durchstudirten, schien uns ihre Erklärung ganz einleuchtend. Keine andere Küste, als die Westküste Patagoniens konnte der Schauplatz des Schiffbruches gewesen sein. Hierüber kam uns auch nicht der Schatten eines Zweifels.

– Eine ganz richtige Bemerkung, fiel Glenarvan ein.

– Später, fuhr der Major fort, als sich Paganel durch eine von der Vorsehung herbeigeführte Zerstreutheit bei uns mit einschiffte, wurden ihm die Documente vorgelegt und er billigte rückhaltslos unsere Nachforschungen an der amerikanischen Küste.

– Das gestehe ich zu, antwortete der Geograph.

– Und doch haben wir uns getäuscht, sagte der Major.

– Wir haben uns getäuscht, wiederholte Paganel. Aber um sich zu täuschen, Mac Nabbs, braucht man nur ein Mensch zu sein, während derjenige ein Thor ist, der in seiner Täuschung beharrt.

– Erlauben Sie Paganel, erwiderte der Major, ereifern Sie sich nicht. Ich verlange gar nicht, daß unsere Nachforschungen in Amerika noch fortgesetzt werden sollen . ..

– Nun, und was verlangen Sie denn? fragte Glenarvan.

– Ein Geständniß, nichts weiter, das Eingeständniß, daß Australien jetzt mit der nämlichen Sicherheit der Ort des Schiffbruches der Britannia ist, wie es vorher Amerika war.

– Das gestehen wir gerne zu, antwortete Paganel.

– Ich nehme davon Act, fuhr der Major fort, und benutze das, um Ihre Gedanken zu veranlassen, daß sie solchen Augenscheinlichkeiten, welche sich hinter einander widersprechen, etwas mißtrauen. Wer weiß, ob uns nach Australien nicht ein anderes Land dieselben Gewißheiten bieten, und ob, wenn diese Untersuchungen vergeblich gewesen, es uns dann nicht »zweifellos« erscheinen wird, sie anderswo von Neuem vornehmen zu müssen?«

Glenarvan und Paganel sahen sich einander an. Die Bemerkungen des Majors machten durch ihre Richtigkeit Eindruck auf sie.

– Ich wünsche demnach, fuhr Mac Nabbs fort, daß wir eine letzte Prüfung vornehmen, bevor die Richtung nach Australien eingeschlagen wird.

– Hier sind die Documente und hier sind Karten. Gehen wir nach einander alle diejenigen Punkte durch, welche der siebenunddreißigste Parallelkreis schneidet, und sehen wir, ob sich nicht ein anderes Land findet, auf welches das Document genau hinweisen möchte.

– Nichts ist leichter und kürzer, antwortete Paganel, denn glücklicherweise ist kein Ueberfluß von Ländern in dieser Breite.

– Nun, wir wollen sehen«, sagte der Major, und breitete einen englischen nach Mercator's Projection entworfenen Planiglob aus, der auf einem Blatt die ganze Erdkugel darstellte.«

Die Karte wurde vor Lady Helena gelegt und Jedermann stellte sich so, um Paganel's Darlegungen folgen zu können.

»Wie ich Ihnen schon mitgetheilt habe, sagte der Geograph, trifft der siebenunddreißigste Breitengrad, nachdem er Süd-Amerika durchschnitten hat, auf die Inseln Tristan d'Acunha. Jedenfalls bin ich der Meinung, daß kein Wort aus den Documenten auf diese Inseln Bezug hat.«

Nach genauester Prüfung der Documente mußte man zugeben, daß Paganel Recht habe. Tristan d'Acunha wurde einstimmig verworfen.

»Weiter, fuhr der Geograph fort. Beim Verlassen des Atlantischen Oceans kommen wir zwei Grad unter dem Cap der Guten Hoffnung vorbei und gelangen in den Indischen Ocean. Nur eine einzige Inselgruppe findet sich dort auf unserm Wege, die der Amsterdam-Inseln. Wir wollen sie derselben Prüfung wie Tristan d'Acunha unterziehen.«

Nach aufmerksamster Durchsicht wurden die Amsterdam-Inseln ihrerseits ausgeschieden.

Kein einziges ganzes oder zerstückeltes deutsches, englisches oder französisches Wort paßte auf diese Gruppe des Indischen Oceans.

»Wir gelangen nun zu Australien, fuhr Paganel fort; der siebenunddreißigste Parallelkreis trifft diesen Continent am Cap Bernouilli, er verläßt ihn bei der Twofold-Bai. Sie werden mit mir, und ohne dem Texte Zwang anzuthun, übereinstimmen, daß das englische Wortstück . . .stra und das französische austral sich auf Australien beziehen können. Die Sache ist so einleuchtend, daß ich nicht weiter darauf eingehe.«

Jedermann billigte Paganel's Schlußfolgerungen. Dieses System vereinte alle Wahrscheinlichkeiten zu seinem Gunsten.

»Gehen wir weiter, sagte der Major.

– Recht gern, erwidert der Geograph, die Reise ist sehr leicht. Verläßt man die Twofold-Bai und überschreitet den Meeresarm, der im Osten Australiens hinzieht, so trifft man auf Neu-Seeland. Vor Allem will ich Sie daran erinnern, daß das Wort contin... aus dem französischen Schriftstücke unwiderleglich auf einen »Continent« hindeutet. Kapitän Grant kann also keine Zuflucht auf Neu-Seeland, da dieses nur eine Insel ist, gefunden haben. Doch wie dem auch sei, prüfen Sie, vergleichen Sie, wenden Sie die Worte und sehen, wenn es möglich ist, ob sie auf diese neue Gegend passen könnten.

– Auf keinerlei Weise, antwortete John Mangles, der die Documente und den Planiglob mit möglichster Sorgfalt prüfte.

– Nein, fügten die Zuhörer Paganel's, und der Major selbst, nein, von Neu-Seeland kann keine Rede sein.

– Und nun, fuhr der Geograph fort, durchschneidet der siebenunddreißigste Breitegrad in dem ganzen ungeheuren Raum, der diese große Insel von der amerikanischen Küste trennt, nur noch eine unfruchtbare und verlassene Insel.

– Und diese heißt? . . . fragte der Major.

– Betrachten Sie die Karte. Es ist die Insel Maria Theresia, ein Name, von dem ich in den drei Documenten keine Spur entdecke.

– Keine Spur, bestätigte Glenarvan.

– Ich überlasse es nun Ihnen, meine Freunde, zu entscheiden, ob nicht alle Wahrscheinlichkeiten, um nicht Gewißheiten zu sagen, zu Gunsten des australischen Continentes sprechen.

– Ganz zweifellos, erwiderten einstimmig die Passagiere und der Kapitän des Duncan.

– John, sagte darauf Glenarvan, Sie haben Lebensmittel und Kohle in hinreichender Menge?

– Ja, Ew. Herrlichkeit, ich habe mich in Talcahuano reichlich damit versehen, und übrigens wird die Capstadt uns Gelegenheit bieten, unser Brennmaterial leicht zu erneuern.

– Wohlan denn, so nehmen Sie den Weg . . .

– Noch eine Bemerkung, sagte der Major, seinen Freund unterbrechend.

– Theilen Sie uns dieselbe mit, Mac Nabbs.

– Wie groß nun auch die Garantien des Erfolges sein mögen, die uns Australien bietet, würde es nicht geboten erscheinen, einen oder zwei Tage auf die Inseln Tristan d'Acunha und Amsterdam zu verwenden? Sie liegen in unserem Course, bringen uns also keineswegs von unserem Wege ab. Wir werden auf diese Weise erfahren, ob die Britannia dort keine Spuren ihres Schiffbruches hinterlassen hat.

– Der ungläubige Major! rief Paganel, er besteht auf seinem Kopfe. – Ich bestehe vorzüglich darauf, den Weg nicht zweimal zu machen, wenn Australien zufällig die Hoffnungen nicht erfüllen sollte, die es jetzt erweckt.

– Diese Vorsicht scheint mir gut, meinte Glenarvan.

– Und ich werde Sie nicht davon abzubringen suchen, warf Paganel ein. Im Gegentheil.

– Nun denn, John, befahl Glenarvan, steuern Sie auf Tristan d'Acunha.

– Im Augenblick, Ew. Herrlichkeit«, erwiderte der Kapitän und bestieg sein Verdeck, während Robert und Mary lebhafte Worte des Dankes an Lord Glenarvan richteten.

Bald entfernte sich der Duncan von der Küste Amerikas, und sein schneller Vordersteven theilte, in der Richtung nach Osten, die Wogen des Atlantischen Oceans.

 Kapitel 2 >>