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Die Katzenpfote. Zweiter Band

Bithia Mary Croker: Die Katzenpfote. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorBithia Mary Croker
titleDie Katzenpfote. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1904
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectidc9229a41
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Vierzehntes Kapitel.

Major Dalrymples Wohnung lag im Fort mit der Aussicht auf die See. Es war ein seltsames, uraltes, kühles und luftiges Gebäude mit bombensichern Mauern und steinernen Treppen und Gängen, jedoch mit einer geschmackvollen Eleganz eingerichtet, wie man sie eher in einer modernen Stadtwohnung gesucht hätte, als in dem vorübergehenden Heim einer Dame, die das veränderungsreiche Los eines Linienregiments teilt. Die ganze Einrichtung war neu und hübsch, und so viele Bewohner diese altertümlichen Räume während der letzten zwei Jahrhunderte auch gehabt hatten, so waren sie sicherlich niemals so geschmackvoll ausgestattet gewesen als jetzt.

Für mich war der plötzliche Übergang von der Crundallstraße zum Sankt Georgsfort fast wie die Versetzung auf einen andern Planeten. Hier herrschte militärisch lebhaftes Treiben, Tätigkeit, Ordnung, Pünktlichkeit – Hornsignale ertönten, Soldaten exerzierten, Musikkapellen spielten. Säbelrasselnd und sporenklirrend eilte Major Dalrymple die Gänge auf und ab; Ordonnanzen, Telegraphenboten und Diener kamen und gingen. Dort in der Crundallstraße dagegen herrschten Müßiggang, Erschlaffung, Vergnügungssucht und – Staub. Und welcher Unterschied zwischen der mich bedienenden reizenden, in schneeweiße, goldumsäumte Gewänder gehüllten Ajah mit dem kurzärmeligen seidenen Jäckchen, den goldenen Ohrringen und goldener Halskette, und Frau Rosarios schmutziger Chinna Ajah!

Die zehn Tage, die ich bei Mrs. Dalrymple verbrachte, vergingen mir wie im Fluge. Noch nie in meinem ganzen einundzwanzig Jahre langen Leben hatte ich mich so von Grund aus heiter und glücklich gefühlt. Gleich vom ersten Augenblick an faßte ich eine herzliche Zuneigung zu meiner heiteren, lebhaften, verständigen Gastgeberin, mit der zu plaudern mir einen hohen Genuß gewährte. Schon ihr Anblick in den frischen weißen Kleidern und mit dem hochaufgesteckten braunen Haar war eine Freude. Sie bezauberte durch ihre liebenswürdigen Eigenschaften ihre ganze Umgebung; alle ihre Bekannten, sowie die Eingeborenen, kurz wer immer in ihre Nähe kam, bis herab zu den Hunden, alles erlag dem Reize ihrer Persönlichkeit.

Mrs. Dalrymple war aber auch praktisch veranlagt. Mit liebenswürdigem Eifer half sie mir meine sauer erworbenen Rupien in hübschen indischen Seidenstoffen, weißem Musselin und Stickereien anlegen. Sie ließ sechs im Kleidermachen erfahrene Männer kommen, die unter Leitung ihres eigenen Schneiders, eines bärtigen, turbangeschmückten alten Indiers, tagelang auf dem Boden hockten und mir meine Kleider nach Mrs. Dalrymples Modellen anfertigten. Auch zu Gartenfesten, Tennispartieen und Konzerten mußte ich sie begleiten.

Einmal kam Mr. Thorold zu uns ins Fort und blieb zwei Tage, während deren wir beide die bisher zwischen uns übliche geschäftlich-ernste Haltung aufgaben und einen leichten Gesellschaftston anschlugen. Wir plauderten, scherzten und lachten miteinander, stritten und versöhnten uns wieder. Zwei kleinere Essen wurden ihm zu Ehren gegeben, und eines Abends machten wir in seiner Begleitung eine wundervolle Fahrt am brausenden Meeresgestade entlang.

Ganz ohne geschäftliche Unterredungen ging es dabei nicht ab. Verschiedene mit meiner neuen Stellung verknüpfte Förmlichkeiten waren zu erledigen. Ich mußte eine telegraphisch von England eingetroffene Beglaubigung meiner Person unterschreiben, die in München erhaltenen Diplome vorlegen und eine Photographie einschicken. Ich verpflichtete mich auf zwei Jahre, wenn auch mit der Einschränkung, daß mir im Krankheitsfalle ein früherer Austritt bewilligt werden sollte. Nachdem dies alles erledigt war, fuhr Mr. Thorold nach Royapetta, um dort das Nötige zu meinem Empfange vorzubereiten.

Ich muß indes gestehen, daß ich mich gar nicht danach sehnte, meine neue Stellung anzutreten, denn das Leben in meiner jetzigen Umgebung gefiel mir gar zu gut. Wie schön war das bißchen Faulenzen! Auch das für mich so neue bunte militärische Treiben hatte einen großen Reiz für mich, und mit Mr. Dalrymple, einem schlanken, dunkeln Mann mit lustigen Augen und frischem Wesen, der sterblich in seine Frau verliebt war, stand ich bald auf freundschaftlichem Fuße.

Als wir eines Abends von einer Spazierfahrt zurückkehrten, erzählte Mrs. Dalrymple mir von ihrer ersten Begegnung mit ihm, die bei einem Cricketwettspiel der jungen Offiziere stattgefunden hatte. »Da kam der nette, hübsche Mann zu mir und blieb den ganzen Nachmittag mit verschobener Krawatte mir zu Füßen sitzen, so daß natürlich jedermann sofort behauptete, ich hätte ihm den Kopf verdreht. Zehn Tage später hielt er um meine Hand an.«

»Das nennt man kurzen Prozeß machen!« rief ich.

»Ja, ja, wir besannen uns nicht lange. Meiner Ansicht nach sollte das Sprichwort heißen: Schnell gefreit, hat noch keinen gereut.«

»So glauben Sie wohl auch an eine Liebe auf den ersten Blick?«

»O ja, gewiß. Sie natürlich nicht; Sie sind viel zu sittsam und gesetzt zu einer solchen Tollheit.«

»Ich habe aber doch auch schon manche Tollheit begangen.«

»Allerdings und sich dadurch in die Klemme gebracht. Wenn ich damals mit meinem Rat zur Hand gewesen wäre, hätten die Dinge einen besseren Verlauf genommen. So würde ich Sie zum Beispiel ohne weiteres mit Lady Elisabeth nach England geschickt haben. Die alte Dame hätte Sie sicherlich liebgewonnen und zu ihrer Erbin eingesetzt.«

»Ich will aber niemandes Erbin sein.«

»Das sieht Ihnen wieder so recht ähnlich. Niemand wollen Sie sich verpflichtet fühlen. Sie zogen es vor, in Blacktown Sklavendienste zu verrichten, und wer hatte den Vorteil davon?«

»Frau Rosario,« antwortete ich lachend. Jetzt konnte ich ja wohl über das Vergangene scherzen!

»Übrigens versichere ich Ihnen, daß es recht angenehm ist, eine reiche Erbin zu sein. Sie dürfen nicht so verächtlich über diese armen Geschöpfe urteilen: denn ich bin selbst eine. Das war übrigens nicht die einzige Gelegenheit, die sich Ihnen bot, nach England zurückzukommen,« fügte sie bedeutungsvoll hinzu. »Max erzählte mir nämlich alles. Er und Arthur stehen sich so nah wie Brüder, und somit bin ich sozusagen seine Schwester. Er ist ein offener und zuverlässiger Charakter, der das Leben bei allem jugendlichen Frohsinn stets ernst genommen hat. Unserm Geschlecht ist er von jeher aus dem Wege gegangen, und deshalb erscheint es mir etwas hart, daß man einen ganzen Palast voll Weiber seiner Obhut unterstellt hat. Er ist der Pate unsres Jungen.«

Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. Ob Max Thorold ihr wirklich alles gesagt hatte? Ob er in jener peinlichen Angelegenheit wohl selbst ganz genau Bescheid wußte?

»Anfangs dachte ich, Sie hätten doch lieber nach England zurückkehren sollen, nun aber glaube auch ich, daß Ihr Hierbleiben das Richtige war.«

»Warum? Was wollen Sie damit sagen?«

Sie zögerte einen Augenblick, dann antwortete sie in etwas gezwungenem Tone: »Ich kann das nicht so recht erklären, allein ich bin nun auch überzeugt, daß Sie sich hier glücklich fühlen werden. Ihr Leben wird freilich etwas einförmig und die Umgebung Ihnen ungewohnt sein, auch können Sie sich nicht freimachen, wenn Sie es wünschen.«

»Allerdings, aber dafür werde ich ja auch gut bezahlt.«

»Hu! Sind Sie so sehr aufs Geld aus?« fragte die Majorin lachend.

»Als mich nur noch sechzig Rupien vom Hungertode trennten, da lernte ich allerdings den Wert des Geldes schätzen, aber mein Herz hängt nicht daran.«

»Auch das meinige nicht, obwohl das Geld mir die Wege im Leben geebnet hat. Mein alter Großvater, der liebte es vielleicht allzusehr, und ich genieße nun die Früchte. Wenn Sie sich nur nicht gar zu einsam in Royapetta fühlen. Es kommt selten ein Europäer dorthin, höchstens ein Arzt oder Ingenieur und hin und wieder ein Regierungsbeamter.«

»Ich werde zu sehr beschäftigt sein, um mich einsam zu fühlen.«

»Das mag wohl sein, und manchmal werden Sie ja auch Max ...«

Gerade fuhren wir unter lautem Gerassel über die Zugbrücke und durch den Tunnel ins Fort ein, und so ging der Schluß ihres Satzes für mich verloren.

Ehe ich Madras verließ, traf ich Frau Rosario einmal im Bazar. Voll Verzweiflung erzählte sie mir, daß Jocasta sich als durchaus unbrauchbar erwiesen habe. Sie stehle und nasche und hetze die Dienstboten aufeinander, das Essen sei nie zur Zeit fertig und entsetzlich schlecht. Neulich sei abends nicht einmal Öl in der Lampe gewesen und am Morgen kein Zucker im Haus. Tränen standen der guten Frau in den Augen, als sie mir diese Ungeheuerlichkeiten erzählte. Unter diesen Umständen konnte es mich allerdings nicht wundern, daß Friedrich Augustus vor Zorn wüte, und daß er, sowie die van Lede gekündigt hätten und nun alle miteinander in ein benachbartes Kosthaus übersiedeln wollten. Welche Demütigung für die arme Frau Rosario!

»Was soll ich da machen?« rief sie fast weinend.

»Suchen Sie Jocasta so bald als möglich loszuwerden und nehmen Sie selbst die Zügel in die Hand,« lautete der zweifelhafte Trost, womit ich mich von ihr trennen mußte.

###

Endlich schlug die Stunde meiner Abreise. Eines Morgens vor Tagesanbruch verließ ich Madras, um nach dem siebzig Meilen entfernten Royapetta zu reisen. Die Fahrt ging äußerst langsam von statten; nur zwölf Meilen wurden in der Stunde zurückgelegt. Kein Wunder, daß mir die Zeit lang vorkam, während wir gemächlich zwischen den endlosen Kaktushecken und smaragdgrünen Reisfeldern hindampften. Auch die Pagodentempel und riesigen steinernen Götzenbilder vermochten mein Interesse nicht mehr zu wecken.

Es war zwölf Uhr, als ich auf der im Reiche Seiner Hoheit des Radscha von Royapetta gelegenen Eisenbahnstation anlangte. Meine Ankunft war dem indischen Stationsvorstand offenbar mitgeteilt worden, denn er empfing mich mit unterwürfiger Ehrerbietung, während ein stattlicher Diener in gelb und schwarzer Dienstkleidung mir das Handgepäck abnahm. Vor dem Stationsgebäude wartete ein wappengeschmückter, mit zwei Rassepferden bespannter europäischer Landauer mit feinen gelben Lederpolstern und vergoldetem Beschlag, zu dem freilich das abgenützte, mit Stricken zusammengeflickte Pferdegeschirr und das nach indischer Sitte hinten aufgebundene Heubündel nur schlecht paßte.

Bald lag die Station hinter uns. In eine weiße Staubwolke eingehüllt, fuhren wir in halsbrecherischem Tempo einer entfernten Hügelkette zu. Fuhrwerke, Fußgänger und Lasttiere aller Art eilten uns hastig aus dem Wege, und ich fragte mich mit einer gewissen Besorgnis, was wohl aus mir werden würde, wenn das geflickte Geschirr plötzlich reißen sollte. Die Gegend schien reich und fruchtbar zu sein. Üppige Baumwoll- und Reisfelder begrenzten die Straße, und auch an Götzentempeln war kein Mangel – ich befand mich ja jetzt in einem Hindustaate.

Nach mehr als einstündigem tollem Dahinjagen erreichten wir Royapetta. Es war eine große, weit ausgedehnte Stadt mit unzähligen Tempeln, engen, durch Fuhrwerke und »heilige« Kühe oft versperrten Straßen und lebhaften Bazaren. Halbversumpfte Zisternen lagen an der Straße. Die Häuser hatten flache Dächer und waren mit hohen, von Palmen und Bananen überragten Mauern umgeben.

Endlich kamen wir an eine besonders hohe Mauer, bogen dann in einen großen Torweg ein, wo zwei Schildwachen vor uns salutierten, und im nächsten Augenblick rasselten wir durch den Schloßhof. Ich nahm wenigstens an, daß das vor uns liegende Gebäude der Palast sein müsse, obwohl es höchstens wegen seines ungeheuren Umfanges auf diese Bezeichnung Anspruch machen konnte. Hoch oben in der Mauer befanden sich Reihen von vergitterten Fenstern, an den Ecken waren Balkone, Türmchen und Minarette angebracht, und hie und da erhob sich am Ende eines flachen Daches eine Art Pavillon.

Vor einer der Einfahrt gegenüberliegenden Türe wurde mir bedeutet, auszusteigen, der Wagen mit den schaumbedeckten Pferden entfernte sich, und da stand ich nun mit meinem prächtigen Diener allein und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Welche Stille nach dem Wagengerassel und dem lärmenden Stadtgetriebe! Man hätte sich eher in der Umgebung eines Klosters oder auf einem Friedhofe wähnen können, als vor einem Hindupalast mit Hunderten von Bewohnern.

Drückende Hitze herrschte; es war etwa ein Uhr: offenbar die Stunde, wo alle lebenden Wesen in tiefem Schlafe lagen. Schüchtern irrte mein Blick über das riesige graue Gebäude, das mir plötzlich den Eindruck eines fürchterlichen, im Schlummer versunkenen wilden Tieres machte.

Endlich öffnete sich die eisenbeschlagene Türe, und eine große, ältliche Frau in dunklen Gewändern erschien. Sie hatte stechende schwarze Augen, mit denen sie mich verschlingen zu wollen schien, dann aber verneigte sie sich tief und sagte auf Englisch: »Bitte, kommen Sie mit mir.«

Laut dröhnend fiel die große Türe hinter mir ins Schloß – ausgesperrt war der Sonnenschein, und abgeschnitten von der Außenwelt befand ich mich im Innern des riesigen Palastes, wo ich eine Welt für sich finden sollte, eine Welt voll Intrigen und Tyrannei!

Der luftige Raum, den wir betraten, gehörte offenbar zu den Prunkgemächern. Der Boden war vollständig mit dem weißen Baumwollstoff, den man Dosuti nennt, ausgelegt, ungeheure Kronleuchter aus geschliffenem Glas hingen von der Decke herab, und dazwischen baumelten zwecklos eine Menge bunter Kristallkugeln. Die Wände waren mit den roh gemalten Bildnissen der Vorfahren des jetzigen Radscha bedeckt: meist reichgekleidete Reitergestalten, deren Pferde edelsteinbesetzte Staatsgeschirre trugen. Eine Garnitur vergoldeter, mit gelbem Atlas bezogener Polstermöbel bildete die Haupteinrichtung, und, möglichst ins Auge fallend, war ein massiv silberner Tisch aufgestellt. Allein trotz aller Pracht machte der Raum selbst in dem matten Lichte, das von den hoch oben in der Wand angebrachten Fenstern herabfiel, doch einen unsauberen, verwahrlosten Eindruck.

Immer weiter folgte ich der großen, schlanken Frau, deren Füße so lautlos über den Boden hinglitten, daß ich das Gefühl hatte, als würde ich von einem Gespenst geführt. So kamen wir noch durch drei ähnliche, in mattem Glanze schimmernde Zimmer und schließlich in einen ungeheuer großen Saal mit Marmorfußboden und riesigen, in eine eigentümliche buntschillernde Stuckarbeit eingelassenen Spiegeln.

»Der Audienzsaal,« murmelte meine Führerin in leicht herablassendem Tone, während sie mich eilig hindurchgeleitete.

Bisher hatte ich nirgends auch nur das leiseste Zeichen von Leben zu entdecken vermocht; es war, als schritten wir durch Dornröschens schlafversunkenes Schloß. Endlich gelangten wir in einen langen, von schmalen Fenstern erleuchteten Gang, stiegen eine breite, ebenfalls mit weißem Baumwollstoff belegte Treppe hinauf und kamen auf einen Vorplatz, auf den eine Menge Zimmer mündeten. Ich warf einen Blick in eines davon und bemerkte ganze Haufen von Kissen und Matten darin. Aber noch immer ging es weiter im schwachen Dämmerlicht über Gänge, Treppen und durch ganze Reihen leerer Räume, bis ich plötzlich aufgefordert wurde, in ein Eckzimmer von ansehnlicher Größe und Höhe einzutreten, dessen Fußboden prächtige Teppiche bedeckten. Dort ruhte auf einem gelben Atlaskissen eine hübsche, jugendliche Gestalt, die mir grüßend mit der Hand zuwinkte und auf einen schäbigen Rohrstuhl deutete, der offenbar zu meinem Gebrauch hereingestellt worden war.

»Sie stehen vor der Rani Gindia, der Mutter Seiner Hoheit,« klärte mich meine Führerin in vortrefflichem Englisch auf, und zu der Rani sagte sie: »Hier ist die Frau.«

Ihre Hoheit war ein hübsches Geschöpf ungefähr meines Alters mit sanftem, teilnahmlosem Ausdruck und schmachtenden Augen; Zähne und Augenlider hatte sie nach Landessitte dunkel gefärbt. Trotz ihres Witwenstandes trug sie ein leuchtend rotseidenes Gewand, Perlenschnüre um den Hals und ein überreich mit kostbaren Steinen besticktes Jäckchen. Den Leib umschloß ein mit Smaragden besetzter Gürtel, und viele Reifen von hohem Wert klirrten an ihren schönen Armen. Freundlich lächelte sie mir zu, während ich mich niederließ und das Gefühl hatte, daß ich von Rani Gindia nichts zu fürchten habe.

Allein sie war nicht das einzige hier anwesende weibliche Wesen. In einiger Entfernung saß, vom Kopf bis zu den Füßen in weiße Gewänder gehüllt, ein hexenartig aussehendes altes Weib, das in finsterem Schweigen aus einer langen, edelsteinbesetzten Huka (türkische Pfeife) rauchte. Plötzlich wandte sie das Gesicht mir zu. Es hatte mehr das Aussehen eines gefangenen, irgend etwas Boshaftes im Schilde führenden Raubvogels, als das eines menschlichen Wesens. Die Nase war stark gebogen, der Mund eingefallen, dabei hatte sie tiefschwarze Augenbrauen, während die Haare schneeweiß waren. Die Haut glich gelbem Pergament, und die Augen mit dem heimtückischen Basiliskenblick erschreckten mich bis in den Grund meiner Seele. Diese entsetzliche alte Frau brach als erste das Schweigen, indem sie einige leise Bemerkungen in einer mir unverständlichen Sprache machte und dann kichernd den langen Schlauch ihrer Pfeife wieder aufnahm, als sei ich überhaupt nicht anwesend.

»Sie sind also die englische Erzieherin?« fragte die junge Rani mit sanfter, leiser Stimme. »Und Mr. Thorold, der Resident wünscht, daß Sie den Unterricht Seiner Hoheit und seiner Schwestern übernehmen?«

»Ja, Hoheit.«

»Er hat viel Schönes von Ihnen zu sagen gewußt. Sie seien klug, aus guter Familie, jung und tugendhaft, auch zuverlässig. Eigentümlich aber ist es immerhin, daß eine Dame Ihres Standes und von Ihrer Schönheit sich heimatlos in diesem Lande befindet und darauf angewiesen ist, ihr Brot zu verdienen.«

Wieder nahm die alte Teufelin die Huka aus dem Munde und machte dann ohne Zweifel irgend eine boshafte Bemerkung, denn die junge Rani lachte belustigt auf.

»Ihre Hoheit, die Rani Sundaram fragt, ob Mr. Thorold Ihr Liebhaber sei?«

Diese alte Frau hier war also die gefürchtete Rani! »Nein,« – ich errötete tief – »ich habe keinen Liebhaber. Mr. Thorold ist nur ein Bekannter von mir.«

»Sie dürfen den Scherz der alten Rani nicht übelnehmen, sie meinte es nicht böse. Ihr Gesicht gefällt ihr und ebenso auch mir. Wie ich höre, spielen Sie vortrefflich Klavier, unterrichten in Englisch und Französisch, im Sticken und Gitarrespielen?«

»Ja, Hoheit,« antwortete ich kurz, denn derartige fürstliche Scherze waren durchaus nicht nach meinem Geschmack.

»Sie sind also wirklich erst zweiundzwanzig Jahre alt und noch nicht verheiratet? Wie auffallend!«

Wie viel mehr erstaunt wäre sie gewesen, wenn sie gar meine Verlobungsgeschichte gekannt hätte!

»Ich verheiratete mich schon mit acht Jahren,« fuhr die Rani Gindia fort, und darauf überschüttete sie mich mit einer Menge Fragen, während eine Dienerin einen riesigen Fächer aus Pfauenfedern über ihr bewegte und ich wohl ein halbes Dutzend Augen neugierig zur Türe hereinschauen sah.

»Möchten Sie jetzt vielleicht die Kinder sehen?« fragte sie plötzlich.

»Ja, mit großem Vergnügen.«

»Hoffentlich werden sie Ihnen nicht allzuviel Mühe machen. Etwas Englisch haben sie schon gelernt.«

Und nun begann sie über die Welt draußen zu plaudern, wobei eine ausgesprochene Vorliebe für alles Wunderbare und Aufregende zu Tage trat. Welche seltsamen, verzerrten Beschreibungen des europäischen Lebens waren ihr zu Ohren gekommen!

Dann erschienen die Kinder. Sie hatten zarte Gesichtchen mit ziemlich heller Farbe, und es war schwer, den Bruder von den Schwestern zu unterscheiden, da alle die gleichen Atlashosen und mit einem Gürtel festgehaltenen Jäckchen sowie Mützen trugen. Sie starrten mich neugierig an und betrachteten mit fast rührender Aufmerksamkeit meinen Hut und meine Handschuhe. Dann schmiegten sie sich, um Süßigkeiten bettelnd, an ihre Mutter. Allmählich kamen nun noch eine ganze Menge reich gekleideter Damen des Hofes herein, alle anscheinend von dem Wunsche getrieben, mich zu sehen.

Plötzlich wurde die Gesellschaft durch den Ruf: »Purdah! Purdah!« aufgeschreckt, worauf die ganze Schar schwatzender, kichernder Frauenzimmer hastig nach ihren Schleiern griff und durch den Purdah, den Vorhang, entfloh. Die kleine Rani jedoch zog ihren Schleier nur halb übers Gesicht, während die alte Frau unbeweglich sitzen blieb und weiterrauchte.

Nach mehrmaliger zeremonieller Meldung erschienen drei Herren, ein alter Mann, der der Rani Sundaram auffallend ähnlich sah, aber noch magerer, kleiner und so runzelig war, daß man ihn für eine Mumie – oder auch für einen »Hexenmeister« hätte halten können. Leben verrieten nur seine Augen, die wie zwei Flammen blitzten. Er trug einen weißen Turban und ein eng und faltenlos den Körper umschließendes, langes schwarzes Samtgewand sowie einen goldenen, mit schlecht geschliffenen, flachen Rubinen besetzten Gürtel. Der jüngere Mann war groß, hübsch, stattlich und hatte einen freundlichen Ausdruck. Seine Kleidung bestand aus einer kurzen, purpurroten, goldgestickten Tunika und gelbem Turban. Der dritte, ein noch ganz junger Mensch, anscheinend ein Sekretär, folgte als Begleiter. Die älteren Herren waren der Großonkel und der Onkel des Radscha: der »Hexenmeister«, oder vielmehr Durigodana, war der Bruder der Rani Sundaram, der wohlbeleibte, lächelnde Herr derjenige der jungen Rani; er hieß Shumsha-Lal. Beide hatten sich zu meiner Besichtigung hierher verfügt.

»Ah, Sie sind also Miß Ferrars?« sagte der Jüngere in freundlichem Tone. »Die englische Dame mit den glänzenden Zeugnissen?«

Ich verbeugte mich schweigend, denn die Zunge war mir wie gelähmt. Wie sie mich aber auch alle anstarrten!

»Sie werden die Stellung gewiß aufs beste ausfüllen. – Glaubst du nicht auch?« wandte sich der stattliche Herr zu seinem Begleiter. Durigodana aber brummte nur etwas Unverständliches.

»Hoffentlich fühlen Sie sich bald behaglich hier; ich habe die nötigen Befehle gegeben. Begur ist dafür verantwortlich, daß es Ihnen an nichts mangelt.«

Er sprach geläufig Englisch und versicherte mir lächelnd, daß Thorold ein famoser Kerl und ein glänzender Polospieler sei: jedermann freue sich über seine Anwesenheit in der Stadt.

Ob die Rani Sundaram und ihr Bruder diese Behauptung wohl bestätigen würden, wenn sie sie verstanden hatten?

Verschiedene feierlich angemeldete, reich gekleidete Gäste erschienen jetzt, und so wurde ich entlassen, worauf Begur, meine Führerin, mich ein zweites Mal durch das endlose Gewirr von Gängen und Treppen des Palastes geleitete. Ich war fest überzeugt, daß ich niemals allein meinen Weg durch dieses Labyrinth finden würde. Als wir dann endlich vor den mir angewiesenen Räumen anlangten, schien es mir, als seien wir wohl eine Meile weit gegangen. Meine Wohnung bestand aus einem großen Zimmer, an dem dicht unter dem Dache eine vergitterte Galerie hinlief. Eine spanische Wand trennte es in zwei Teile; die eine Hälfte enthielt eine Punkah, ein Pianino, Tische, Stühle, Lampen, Porzellan und Nippsachen, die andre ein Bett, Schränke und Waschtisch. Daneben befand sich das Badezimmer. Sogleich wurde mir auch meine Bedienung vorgestellt: sie bestand aus Munasawmy, einem der niedrigsten Kaste angehörenden Hindu, und der Ragee Ajah, die etwa von der gleichen Abstammung wie die Chinna Ajah sein mochte.

Mein Gepäck werde gleich gebracht werden, versicherte mir Begur; auch möchte ich befehlen, was ich zu essen wünsche, und am nächsten Morgen um zehn Uhr kämen die fürstlichen Kinder zu ihren Stunden. Kaum war sie in ihrer geräuschlosen Weise verschwunden, so bestellte ich Tee, der denn auch nach einiger Zeit erschien, sich aber als derart ungenießbar erwies, daß ich voll Dankbarkeit die mir von Mrs. Dalrymple aufgedrungene Spiritusmaschine hervorholte und mir selbst ein vortreffliches Getränk braute, das wirklich den Namen Tee verdiente und mich sehr erfrischte. Hierauf beschäftigte ich mich mit Auspacken und Ordnen meiner Sachen, ohne mich durch das von der Galerie heruntertönende Zischeln und Flüstern stören zu lassen.

Wieviel Augen mochten mich wohl von dort oben belauschen? Auch in meinem Zimmer befanden sich die Fenster hoch oben in der Wand. Ich konnte also weder in den Hof hinuntersehen, noch ein Streifchen blauen Himmels oder die Gipfel der grünen Palmen entdecken. Ich war von Sonne, Luft und allem, was sich in der Außenwelt befand, abgesperrt. Würde ich ein solches Dasein auf die Dauer ertragen können? fragte ich mich während des Auspackens. Nein und ja, antwortete ich mir. Nein, wenn ich mir die Augen der alten Rani, das Grunzen des »Hexenmeisters« und die Schar der neugierigen Weiber vorstellte – ja, wenn ich an das Gehalt, an der kleinen Rani Gindia freundliches Gesicht und an Mr. Thorolds ermutigenden Zuspruch dachte.

Plötzlich entdeckte ich unter meinen Koffern auch einen großen Pack neuer Bücher, und stürmisch klopfte mir das Herz, als ich Mr. Thorolds kräftige Handschrift erkannte. Nun lautete meine Antwort entschieden »ja«.

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