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Die Katzenpfote. Zweiter Band

Bithia Mary Croker: Die Katzenpfote. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorBithia Mary Croker
titleDie Katzenpfote. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1904
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectidc9229a41
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Dreizehntes Kapitel.

Der größte alljährliche Feiertag in der Crundallstraße Nummer sechzehn war nächst dem Weihnachtsfeste Frau Rosarios Geburtstag, der auf den 5. Oktober fiel und von allen Seiten mit ungewöhnlichem Eifer begangen wurde. Man überschüttete die gute Frau förmlich mit Blumen, Glückwünschen und kleinen Gaben, die, wenn sie an sich auch nur von geringem Wert sein mochten, doch von der großen Liebe und Verehrung Zeugnis ablegten, die Frau Rosario genoß. Ich glaube wirklich, sie war die beliebteste Persönlichkeit von ganz Vepery.

Für den Abend hatte man ihre persönlichen Freundinnen feierlich zu Kaffee und Kuchen eingeladen; den Glanzpunkt des Tages aber sollte eine Fahrt zur Strandmusik bilden. Ein alter, mit zwei Schimmeln bespannter Landauer war gemietet worden, und wir alle mußten uns in den höchsten Staat werfen. So gern ich zu Hause geblieben wäre, so konnte ich mich dieser Festlichkeit doch nicht entziehen, ohne Frau Rosario zu verletzen. Wir waren sechs Personen außer dem Kutscher. Ich mußte den Ehrenplatz zur Rechten Frau Rosarios einnehmen, die drei Mädchen saßen uns gegenüber und Jocasta thronte neben dem Kutscher. So gelangten wir nach heißer Fahrt durch die Stadt an den Strand, wo eine gute Militärkapelle gerade den Geishawalzer spielte, als unser Kutscher auf Jocastas Antrieb mitten unter die vornehmsten Wagen in die vorderste Reihe drängte. Die Europäer waren größtenteils aus der Sommerfrische zurückgekehrt, und Jocasta, dieses enfant terrible, die jedermann zu kennen und über jedermann eine boshafte Klatschgeschichte zu wissen schien, machte uns auf verschiedene hohe Persönlichkeiten aufmerksam.

Gleichgültig und zerstreut hatte ich die an uns vorüberziehende Menge beobachtet, unter der nicht ein einziges mir bekanntes europäisches Gesicht war. Hübsche Frauen in hellseidenen Kleidern, reizende, junge Mädchen, tadellos gekleidete junge und würdige ältere Herren, Offiziere, geschminkte Eurasierinnen und sonnverbrannte wetterharte Seeleute: alles flutete durcheinander. Eine bildschöne Dame in wundervollem weißem Kleid mit dem Profil einer römischen Kaiserin fiel mir besonders auf. Ihr Wagen war prächtig und ihre Stimme – sie sprach das reinste Englisch – entzückend. Ich konnte sie deutlich hören, als sie mit einem in Grau gekleideten Herrn kaum einen Meter von mir entfernt vorüberging. Zufällig warf ich auch auf diesen einen Blick – es war Mr. Thorold!

Er war so hingenommen von seiner Begleiterin, daß er mich nicht erkannte, und ich ließ mich unter dem Schutze meines einst weiß gewesenen Sonnenschirmes, von den verschiedenartigsten Gefühlen bewegt, in die Wagenecke zurücksinken.

Wie das Herz mir klopfte! Wie viele schlummernde Erinnerungen, Gefühle und nur halb überwundene Enttäuschungen weckte in mir der Anblick dieses ausdrucksvollen Gesichtes – das mich nach dem fernen Osten gelockt hatte und die Ursache all meines Mißgeschickes war.

Nun mußte ich vor allem wünschen, daß er mich in meinem heruntergekommenen Zustand nicht entdecken möchte. Verstohlen schaute ich unter meinem Sonnenschirm hervor, allein das auffallende Paar erschien nicht mehr unter der auf und ab wogenden Flut der Vorübergehenden. Unsre Mädchen waren ausgestiegen und gingen mit ihren Bekannten spazieren, und eine alte Freundin Frau Rosarios kam, um mit dieser zu plaudern.

Endlich wagte ich es, meinen Schirm zu schließen. Die Sonne schickte sich an, ins Meer zu versinken, und träumerisch starrte ich auf die ruhelose Brandung und nach den vor Anker liegenden hochmastigen Schiffen hinaus. Als ich meinen Blick aber wieder dem Lande zuwandte, erblickte ich Mr. Thorold zum zweiten Male – er kam allein zurück und hatte mich erkannt. Ohne einen Augenblick zu zögern, schritt er auf den Wagen zu und zog den Hut.

»Guten Tag, Miß Ferrars. Wie freue ich mich, Sie zu sehen! Welch unverhofftes Zusammentreffen!« Und er streckte die Hand zur Begrüßung aus.

»Ja,« stammelte ich mit schwacher Stimme.

»Hoffentlich geht es Ihnen gut, obwohl ich nicht sagen könnte, daß Sie wohl aussehen.«

»Daran ist sie ganz allein selbst schuld,« warf Frau Rosario, sichtlich entzückt über diese vornehme Begegnung, ein. »Sie will ja niemals ausgehen und ein bißchen Vergnügen haben wie andre junge Mädchen. Weder zur Musik, noch zum Tanz, noch zu sonst einer Zerstreuung kann ich sie bewegen. Heute habe ich sie fast mit Gewalt aus den vier Wänden herausgezogen. Bei ihr heißt es nur immer arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten!«

»Nur Arbeit und gar keine Freude, das verträgt kein Mensch,« stimmte Mr. Thorold bei.

»Da haben Sie recht,« fuhr meine Beschützerin fort. »Nehmen Sie sie jetzt nur zu einem kleinen Spaziergang mit; es wird ihr gut tun. Frau Cardozo wird Ihren Platz neben mir einnehmen, liebe Pamela, und mir so lange Gesellschaft leisten, bis Sie zurückkehren. Ich für meine Person kann nicht auf und ab gehen, ich bin zu schwerfällig.«

»Ich war gerade im Begriff, Ihnen einen kleinen Rundgang mit mir vorzuschlagen,« sagte Mr. Thorold, während er mir aus dem Wagen half, um dann, was eine weit schwierigere Arbeit war, Frau Cardozo beim Ersteigen des Ehrensitzes behilflich zu sein.

Einige Augenblicke gingen wir schweigend nebeneinander her, dann fragte er: »Was haben Sie das ganze letzte Jahr getrieben? Und was tun Sie jetzt? Darf ich es erfahren?«

Er sah mich mit einem so dringend ernsten Blicke an, daß ich mich unwillkürlich zu einer vertraulichen Aussprache bewogen fühlte.

»Ich will nur gleich mit dem Schlimmsten anfangen, damit ich es hinter mir habe. Ich lebe in einem billigen eurasischen Kosthause, wo ich die Haushälterin bin. Jene dicke alte Frau ist meine Herrin, und da heute ihr Geburtstag ist, hat sie mich mit zur Strandmusik genommen, um mir eine Freude zu machen.«

»Großer Gott! Aber wie um des Himmels willen kommen Sie zu dieser Stellung?« fragte Mr. Thorold in schroffem, fast gebieterischem Tone.

»Von der Not gezwungen.«

Und nun erzählte ich ihm, unterstützt von seinen Fragen, in wenigen Sätzen meine Erlebnisse seit unsrer Trennung. Das Bewußtsein, endlich einmal wieder mit meinesgleichen sprechen zu können, trieb mich, ihm mehr zu enthüllen, als ich eigentlich beabsichtigte. Ich berichtete ihm von meinem erfolglosen Versuch, eine Stellung zu finden, und von Lady Elisabeths Anerbieten. Nur einen einzigen Umstand verschwieg ich ihm: Ibrahims verhaßten Antrag. Während wir in lebhafter Unterhaltung auf und ab gingen, kamen wir an verschiedenen Bekannten Mr. Thorolds vorüber, die freundlich grüßten, und mehr als einmal begegneten wir der erstaunten Gwendoline und der kichernden Eulalie, deren Verwunderung über meinen vornehmen Begleiter deutlich auf ihren Gesichtern und in ihrer Haltung zu lesen war.

»Und Sie leben also tatsächlich unter diesen Leuten?« sagte er fast entsetzt.

»Ja, Frau Rosario ist eine gute, freundliche alte Frau, und auch mit ihren Verwandten und den übrigen Kostgängern läßt sich leicht auskommen. Sie alle nehmen das Leben von der heiteren Seite, da gibt es kein Schelten und keine heftigen Auftritte. Ich erhalte zwanzig Rupien Gehalt im Monat.«

»Und was haben Sie dafür zu tun?« (Es klang fast heftig.)

»Den Haushalt zu führen und Einkäufe zu machen. Ich gehe in den Bazar, schreibe die Rechnungen für die Kostgänger und überwache die Dienstboten. Ich unterrichte, begieße den Garten und putze die Lampen ...«

»Nun, ich sehe, daß Sie Ihre Drohung, für sich selbst sorgen zu wollen, gründlich ausgeführt haben.«

»Mir blieb ja doch keine andre Wahl ... Nun sagen Sie mir aber auch, was Sie in diese Stadt geführt hat?«

»Ich bin zu meinem Nachteil emporgestiegen, und zwar zu der schwindelhaften Höhe der Kindsmagd eines jungen Radscha. Er ist sechs Jahre alt und würde mir, wenigstens vorläufig, nicht viel Mühe machen, aber ich habe außerdem noch eine ganze Schar Weiber in Kauf nehmen müssen: keifende, heimtückische, ränkevolle Weiber, Großmütter, Mütter, Tanten, Basen ...«

»So sehr viele Mütter und Großmütter kann er doch wohl nicht haben?« bemerkte ich lächelnd.

»Allerdings hat er nur eine Großmutter, aber diese, die Rani Sundaram, ist so schlimm wie ein ganzes Heer; ein wahrer Drache, mit einer Zunge wie ein zweischneidiges Schwert. Zuerst hat sie ihren Mann, dann ihren Sohn beherrscht. ›Der Staat, das bin ich‹, hieß es bei ihr, und was für ein Staat! Ihre Art, zu regieren, war die des fünfzehnten Jahrhunderts mit Sklaventum, Folterqualen und reiner Willkür.«

»Das klingt freilich nicht sehr anziehend.«

»Nein, die englische Regierung hat sie aber auch jetzt ihres Thrones entsetzt. Ihr Gatte sowohl als ihr Sohn starben mit fünfunddreißig Jahren. Die Leute sagen, es liege ein Fluch auf dem Herrscherhaus, kein regierender Radscha erreiche jemals das sechsunddreißigste Lebensjahr.«

»Was soll denn diesen Fluch heraufbeschworen haben?«

»Die Sage geht, ein Mann, der ungerechterweise und mit der herkömmlichen Grausamkeit hingerichtet worden sei, habe erklärt, zum Beweis seiner Unschuld solle kein Radscha von Royapetta ein höheres Alter erreichen als er selbst, und er war fünfunddreißig Jahre alt. Auffallend ist allerdings die Tatsache, daß die letzten drei Radschas in der Blüte der Jugend gestorben sind. Der letzte Nachkomme und künftige Radscha ist nun aber, wie ich schon sagte, noch ein Kind und war bis jetzt in den Klauen seiner alten Großmutter. Nun ist ihr aber ein Riegel vorgeschoben und das junge Opfer entrissen worden. In ohnmächtiger Wut mußte sie dabeistehen und zusehen, wie der Junge amtlich mir übergeben wurde. Sie können sich denken, wie sie mich liebt! Ich bin jetzt der Regent, Herrscher und Radscha, wenn auch unter dem weniger hochklingenden Namen eines Regierungsbevollmächtigten.«

»Und wo liegt denn Ihr Herrschaftsgebiet?«

»Etwa siebzig Meilen von hier. Royapetta ist die Hauptstadt eines uralten, einst reichen und mächtigen Staates, dessen Rolle aber jetzt ausgespielt ist. Es heißt, die herrschende Dynastie reiche bis ins fünfte Jahrhundert zurück und sei ehemals ungeheuer reich gewesen. Aber schon hat sich der Flächeninhalt des Staates bedeutend vermindert, und würde der jetzigen verschwenderischen Regierung noch eine ähnliche folgen, so wäre der gänzliche Zusammenbruch des kleinen Reiches unvermeidlich. Ich tue nun mein Möglichstes, diesem Zerfall vorzubeugen, indem ich die Steuern vermindere und die Ausgaben des Hofhaltes beschränke. Allein während ich auf der einen Seite spare, wirft die Rani Sundaram auf der andern Seite das Geld wieder mit vollen Händen zum Fenster hinaus. Als ich zum Beispiel zwanzig Pferde abschaffte und fünf dem Staate gehörende Elefanten verkaufte, bestellte sie sofort für die Tempelgötter ein goldenes Bett und drei edelsteinbesetzte Gewänder. Es war zum Verzweifeln. Nun habe ich ihr aber für immer das Handwerk gelegt.«

»Da haben Sie wohl eine Anzeige in die Zeitung setzen lassen: Ich, Mr. Thorold, Regierungsbevollmächtigter von Royapetta, weigere mich, in Zukunft für die Ausgaben und Schulden der Rani Sundaram aufzukommen?« bemerkte ich lächelnd.

»Das denn doch nicht,« antwortete er ebenso; »ich habe andre wirksame Mittel ergriffen. Doch lassen wir jetzt diesen Gegenstand ruhen und sprechen wir von Ihren Angelegenheiten.«

»Leider gibt es da nichts weiter zu besprechen.«

»Sie sind doch gewiß nicht an Frau Rosario gebunden? Haben Sie irgendwelche Pläne?«

»Nein, nur den, bald nach England zurückzukehren.«

»Nun, das planen wir ja alle. Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen? ... Gunst will ich nicht sagen, da Sie mich sonst wie gewöhnlich abweisen würden.«

»Es liegt wohl leider gar nicht in meiner Macht, Ihnen eine Gunst oder auch nur einen Gefallen zu erweisen, aber wenn es in meinen Kräften steht, soll es mit Vergnügen geschehen.«

»Nun denn, so hören Sie. Ich suche eine englische Erzieherin für den kleinen Radscha und seine beiden Schwesterchen ... Das ist eine schwierige Aufgabe für mich, da ich davon ebensoviel verstehe wie etwa von der Herstellung eines Ballkleides,« fügte er lachend hinzu. »Es sieht aus, als solle ich damit bestraft werden, daß ich, der ich so gar kein Damenheld bin, nun in einem Palast stecke, wo es von Frauenzimmern wimmelt, die ich alle beaufsichtigen und vor Schuldenmachen bewahren soll. Doch zur Sache: Sie möchte ich nun gern als Erzieherin dort haben.«

»Mich, Mr. Thorold?« fragte ich, stehenbleibend.

»Ja, denn ich bin überzeugt, daß Sie sich für diese Stellung vorzüglich eignen. Sie sind jung, wohl unterrichtet, aus guter Familie, dabei von achtungswertem Charakter und ausgesprochenem Verständnis für Recht und Unrecht ...«

»Das klingt ja, als diktierten Sie ein Dienstbotenzeugnis!« rief ich verlegen.

»Daß die alte Rani Sundaram kein angenehmer Umgang sein wird, sagte ich Ihnen schon. Dagegen ist die Mutter des Knaben, die Rani Gindia, um so sanfter, freundlicher und friedliebender; auch Englisch spricht sie. Sie werden Ihre eigene Bedienung, Ihren eigenen Wagen und vierhundert Pfund Sterling jährliches Gehalt haben.«

»Vierhundert Pfund? Das ist ja mehr als verlockend!«

»Das allerdings nicht, denn Sie werden das Leben einer Gefangenen führen müssen und auf den Verkehr mit faulen, verschlagenen, klatsch- und ränkesüchtigen Frauenzimmern angewiesen sein. Auch mit den sicherlich recht verzogenen Kindern werden Sie gewiß Ihre liebe Not haben. Außer dem meinigen werden Sie wohl kaum je ein weißes Gesicht zu sehen bekommen und mit viel Verdruß und Ärger werden Sie auch zu kämpfen haben. Zudem müßten Sie sich auf zwei Jahre verpflichten. Könnten Sie sich wohl entschließen, dieses Anerbieten anzunehmen?«

»Darf ich es mir wenigstens einen Tag überlegen? Soweit ich die Sache bis jetzt beurteilen kann, sind Sie es, der hierbei einen Gefallen oder eine Gunst erweist, und nicht ich. Sie wollen mich aus einem billigen Kosthaus und halbverfallenen Bungalow in Vepery, worin es von Spinnen und weißen Ameisen wimmelt, in einen Palast versetzen: statt eines Gehalts von zwei Pfund monatlich soll ich vierhundert jährlich bekommen. Wie kann es sich da um einen Gefallen handeln? Das ist mir wirklich unklar.«

»Sie werden meine Gehilfin sein und in dem Teil des Palastes wohnen, in den einzudringen mir nicht gestattet ist. Sie sollen dort Ihren Einfluß in meinem Sinn, für meine Zwecke und zum allgemeinen Besten geltend machen. Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann, und daß Sie diesen schwierigen Posten mit Ehren ausfüllen werden. Sie verstehen es, sich den Umständen anzupassen, Sie werden jeder Eventualität gewachsen sein und die Kraft haben, richtig zu handeln. Ich habe weder Watty Thorold, noch das Pestlager vergessen. Hier wird Ihnen die schöne Aufgabe obliegen, Gutes ins Herz des kleinen Radscha zu pflanzen, und wenn sich auch immer wieder gegenteilige Einflüsse geltend machen werden, so müssen doch wenigstens einige Körnchen von Ehrenhaftigkeit, Wahrheitsliebe und Selbstachtung in seiner Seele zurückbleiben.«

»Welche Freude würde es mir machen, ihn zu unterrichten ... es wenigstens zu versuchen,« stammelte ich. »Ihr Anerbieten ist eine hohe Ehre, es liegt aber auch eine große Verantwortung für mich darin.«

»Ich selbst wohne in der Stadt, in der sogenannten Residenz. Aber ich werde darüber wachen, daß Sie mit der gebührenden Rücksicht und Hochachtung behandelt werden, auch will ich dafür sorgen, daß Sie vollständige Bewegungsfreiheit haben und ein Klavier, Zeitungen und Bücher bekommen.«

»Lauter höchst bestechende Dinge, denn seit Monaten habe ich kein neues Buch gesehen, und mit den Vorkommnissen in der Welt bin ich gar nicht mehr auf dem laufenden.«

»Das ist leicht hereinzuholen. Vorerst handelt es sich nur darum, daß Sie einen Entschluß fassen ... Versuchen Sie es,« bat er eindringlich, »wenigstens für ein Jahr; ich will sehen, daß ich die Frist herabsetzen kann. Und wenn ich Ihnen nun noch einen Vorschlag mache, wollen Sie mir versprechen, mich nicht kurzweg abzuweisen?«

»Ja, ich verspreche es.«

»Falls Sie sich nicht zu dieser Stellung entschließen könnten, wollen Sie mir dann gestatten, daß ich Ihnen das Geld für Ihre Überfahrt nach England vorstrecke? Ich will es Ihnen, wenn Sie es nicht anders tun, als ein Darlehen anbieten, das Sie mir mit Zins und Zinseszinsen zurückzahlen können, denn ich kenne ja Ihren unbeugsamen Stolz.«

»Jedermann hat seinen Stolz.«

»Ja, und ich weiß, wie teuer er manchmal erkauft ist. Miß Ferrars, wenn ich in Ihr schmales, blasses Gesicht schaue, so sehe ich, daß Ihr Stolz Sie fast das Leben gekostet hat.«

»Da täuschen Sie sich,« antwortete ich rasch. »Ein Aufenthalt in der Ebene während der größten Hitze muß jedermann seine frische Farbe rauben.«

»Nun, haben Sie zwischen Palast und Überfahrt gewählt? Denn bei Frau Rosario, so gern Sie sie auch haben, dürfen Sie unter keinen Umständen bleiben.«

»Ich habe mich für den Palast entschlossen, obwohl ich sehr im Zweifel bin, ob ich den Anforderungen dort genügen kann. Wenn Sie jedoch wirklich glauben, daß ich mich für die Stellung eigne, so nehme ich Ihr Anerbieten dankbar an, nur ...«

»Was haben Sie?«

»Ich weiß nicht, was Frau Rosario dazu sagen wird. Es wird ihr nicht leicht werden, einen Ersatz für mich zu finden.«

»Ich glaube sogar, daß sie selbst in ihren kühnsten Träumen nicht erwarten kann, wieder einmal eine englische Dame zu finden, die für zwanzig Rupien im Monat Lampen putzt, die Haushaltung führt, den Garten besorgt und Unterricht erteilt. Doch, daß ich es nicht vergesse: noch ein Punkt muß besprochen werden. Ein sehr guter Freund und einstiger Schulkamerad von mir steht hier in Garnison, ein Major Dalrymple, der eine reizende Frau hat, die Sie kennen lernen müssen« – das war jene Dame mit dem Aussehen einer römischen Kaiserin! – »Sie wird Sie bitten, bei ihr zu wohnen, und ich hoffe, daß Sie die Einladung annehmen, da es durchaus notwendig ist, daß Sie vom Hause einer englischen Dame aus an den Hof von Royapetta kommen.«

»Ein eurasisches Kosthaus wäre wahrscheinlich nicht vornehm genug?« sagte ich lächelnd.

»Allerdings. Sie wissen ja, wie sehr die Eingeborenen die Eurasier hassen, und kennen wohl auch den Spruch: Gott schuf den weißen und den schwarzen Menschen, der Mischling aber ist ein Werk des Teufels.«

»Gewiß, aber er ist ebenso falsch wie noch viele andre Sprüche. Vielleicht wünscht aber Mrs. Dalrymple gar nicht, meine Bekanntschaft zu machen.«

»Doch, selbstverständlich!« entgegnete er eifrig.

»Wie wollen Sie das wissen? Sie ahnt ja nichts von meinem Dasein?«

»Doch, ich habe ihr von Ihnen erzählt. Ich entdeckte Sie nämlich schon vorhin,« erklärte er mit einem Lächeln, »und merkte mir genau Frau Rosarios roten Sonnenschirm, ehe ich Mrs. Dalrymple zu ihrem Wagen zurückbegleitete. In ihrer Gesellschaft wagte ich es doch nicht, Sie anzureden, auch konnte ich Mrs. Dalrymple unmöglich allein durch die Menge gehen lassen. Sobald ich jedoch meiner Pflicht genügt hatte, eilte ich zurück. Aber auch wenn Sie inzwischen schon nach Hause gefahren wären, hätte ich Sie doch gefunden, nun ich einmal wußte, daß Sie in Madras sind. Ich habe bereits Mrs. Dalrymples Teilnahme für Sie geweckt: sie brennt jetzt förmlich darauf, Sie kennen zu lernen, und wird Sie demnächst besuchen ...«

»Verzeihen Sie, Mr. Thorold,« fiel ich ihm ins Wort. »Dort drüben sehe ich Frau Rosario im Wagen stehen und aus Leibeskräften winken. Ich muß sogleich zu ihr hin.«

Hoch aufgerichtet stand sie im Wagen und schwenkte mit aller Macht den rosa Sonnenschirm hin und her; die übrigen Mädchen waren alle schon in den Wagen zurückgekehrt.

»O Gott, Pamela! Wie lange Sie fortblieben!« rief Frau Rosario mir entgegen. »Bedenken Sie doch, daß wir heute abend Gäste haben! Sicherlich warten Frau Pereira und Frau Gonzales längst auf uns, und Sie haben die Schlüssel!«

Den Hut ziehend, stellte Mr. Thorold sich vor und sagte dann: »Gestatten Sie, daß ich morgen meine Aufwartung mache?«

»O ja, natürlich! Werde mich sehr freuen. Miß Ferrars empfängt ja sonst niemals Besuch. Leider aber können wir Sie nicht bei uns aufnehmen. Das Haus ist gepfropft voll.«

»Sehr freundlich von Ihnen, allein ich bin nur ganz vorübergehend in Madras.«

»O wie schade!« – Ihr Gesicht verlängerte sich enttäuscht.

Mr. Thorold erwiderte nichts. Sein Blick hing an Eulalies wundervollen Augen, in deren Anblick er ganz versunken schien. Frau Rosario aber, die nie um Worte verlegen war, plapperte ruhig weiter, und ich bin fest überzeugt, daß sie sich hoch beglückt fühlte über das Bild, das sie mit dem neben ihrem Wagen stehenden vornehmen Herrn ihren Nachbarinnen darbot.

»Ach, gewiß sind Sie einer von den Beamten, die wegen der Salzsteuer hierherkommen?« fragte Eulalie mit ihrem strahlendsten Lächeln.

»Nein, ich habe im Gegenteil augenblicklich gar nichts zu tun ... Doch ich darf Sie nicht länger aufhalten,« fuhr er, zu Frau Rosario gewendet, fort, »Sie erwarten ja Besuch. Ich wünsche guten Abend!«

»Guten Abend!« rief sie, ihm mit der gelbbehandschuhten Hand zuwinkend. »Kommen Sie morgen nur recht bald und bleiben Sie zum Essen!« rief sie ihm noch nach, während wir davonfuhren.

»O was für ein schöner junger Mann!« rief Eulalie. »Du meine Güte ... Und Ihr Freund, Pamela!«

»Ich kenne seine Verwandten in England,« erwiderte ich gelassen.

»Ich kann euch sagen, wer er ist!« rief Jocasta, sich uns zuwendend. »Er ist der neue Regierungsbevollmächtigte in Royapetta, der die Regentschaft für den kleinen Radscha bis zu dessen Volljährigkeit übernommen hat. Er heißt Thorold, ist sehr klug und wohnt in dem Residenzgebäude. Lula Baker hat es mir erzählt – ihr Bruder ist Uhrenmacher dort.«

Ein ganzer Chor von »Herrje!« ertönte, und das während der Heimfahrt mich umschwirrende Plappern und Ausfragen, das ich über mich ergehen lassen mußte, setzte meine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe. Man stieß mich in die Rippen, zwickte mich in die Arme und nannte mich »verschlossen« und »boshaft«, bis Eulalie mir endlich zu Hilfe kam und zu mir sagte: »Lassen Sie sie nur schwatzen! Ich bewundere Ihren Geschmack. Noch niemals sah ich einen Mann mit einem so anziehenden Gesicht und solch interessanten Augen.«

Vergebens versicherte ich, daß Mr. Thorold nur ein oberflächlicher Bekannter von mir sei, meine schwache Stimme ging sofort im Gekreische von fünf andern unter.

Trotz meiner glänzenden Aussichten mußte ich aber doch zu Hause meinen Pflichten nachkommen, die mich an diesem Abend gründlich in Anspruch nahmen, da die Gesellschaft sich nicht vor Mitternacht trennte.

###

Am nächsten Morgen stand jedermann spät auf, und als ich um ein Uhr erhitzt, staubig und müde vom Bazar zurückkehrte, wurde mir von vier gleichzeitig ertönenden Stimmen mitgeteilt, daß eine vornehme Dame in einem prächtigen, mit zwei arabischen Rappen bespannten Wagen mich habe sprechen wollen. Hier sei ihre Karte: Mrs. Dalrymple stehe darauf geschrieben.

Um vier Uhr kam dann Mr. Thorold in einem hohen Dogcart angefahren, dessen Traber er selbst lenkte. Wie mir nachher gesagt wurde, befand sich auf Wagen und Zaumzeug das Wappen Sr. Exzellenz des Gouverneurs. Zwei Besuche an einem Tage, welches Ereignis! Das Haus Rosario war halb toll vor Freude und Stolz.

Da es früh am Nachmittag war, befanden sich die verschiedenen Hausbewohner noch nicht »in Toilette«. Frau Rosario beaufsichtigte überdies wie gewöhnlich das Melken der Kühe und war natürlich nicht in der Verfassung, sich zu zeigen. So empfing ich denn Mr. Thorold allein, wobei Eulalie, Gwendoline und Jocasta nicht umhin konnten, unter irgend einem Vorwand durchs Zimmer zu gehen, und die Ajah, Maudie und der Koch zum Bambusladen des Eßzimmers hereinlugten.

»Wie schade, daß Mrs. Dalrymple Sie heute vormittag verfehlt hat,« sagte er, sich nach einem nicht wackelnden Stuhle umsehend. »Ich habe Ihnen ein Briefchen von ihr mitgebracht. Sie wünscht, daß Sie morgen zu ihr kommen und dann gleich bei ihr bleiben.«

»Wie freundlich von ihr! Allein das ist wohl unmöglich.«

Meine Gedanken flogen zum Haushalt, zu den Mahlzeiten und zu meiner Garderobe, die sich durch das viele Ausleihen in keinem allzu glänzenden Zustand mehr befand.

»Das Wort unmöglich gibt es in diesem Falle überhaupt nicht. In zehn Tagen schon müssen Sie Ihre neuen Pflichten übernehmen, und eine kleine Ruhepause zwischen den beiden Stellungen ist unumgänglich notwendig. Mrs. Dalrymple wird sich Ihrer annehmen, Sie spazieren führen, aufheitern und Ihnen ein ganzes Heer von guten Ratschlägen geben.«

»Aber Frau Rosario?«

»Überlassen Sie Frau Rosario nur mir,« lautete die zuversichtliche Antwort. »Wenn sie wirklich so gutmütig ist, als sie aussieht, so wird sie Ihnen nicht im Wege stehen. Doch sehen Sie: Wird der Wolf genannt, kommt er gerannt ... hier ist sie schon!«

Frau Rosario hatte sich mit unglaublicher Hast angekleidet; die Tasche hing ihr zum Rock heraus, und die Taille war schief zugehakt. Sie sah erhitzt aus und war außer Atem.

»O Gott! Entschuldigen Sie nur, daß ich nicht gleich kam, aber ich war so beschäftigt. Wie freue ich mich, daß Sie so früh kommen! Hoffentlich bleiben Sie diesen Abend hier und nehmen mit uns und mit dem, was wir eben haben, vorlieb.«

»Sehr freundlich von Ihnen, Frau Rosario. Ich würde mit großem Vergnügen Ihre Einladung annehmen, wenn ich nicht schon versagt wäre.«

Und nun fuhr er fort, sich aufs liebenswürdigste mit ihr zu unterhalten, die sich hochgeschmeichelt fühlte. Ich hätte es ihm niemals verziehen, wenn er diese wirklich seelengute Frau zum besten gehabt hätte. Allein er plauderte ganz ernsthaft und eingehend mit ihr über die verschiedenen Rindviehrassen und ihre Pflege, gerade als sei er selbst ein Viehzüchter. Hierauf lenkte er das Gespräch auf ihr Lieblingsthema: die königliche Familie, und als er schließlich auf meine Person überging, hatte er sich bereits Frau Rosarios höchste Gunst erworben.

»Miß Ferrars sieht recht blaß und angegriffen aus,« sagte er plötzlich.

»Sie arbeitet zu viel, das sage ich ihr immer, aber sie will ja nicht auf mich hören.«

»Eine Luftveränderung wird ihr gut tun, und ich hoffe nur, daß es Ihnen nicht gar zu ungelegen kommt, wenn Miß Ferrars eine andre Stellung annimmt.«

»O je!«

Eine lange Pause folgte. Sprachlos starrte Frau Rosario von ihm zu mir. Endlich sagte sie: »Es war zwischen uns verabredet, daß sie von hier fortgehen sollte, sobald sie sich verbessern kann. Nein, ich will ihr nicht im Wege stehen, nein, o nein. Sie muß vorwärts kommen, ich aber ... ich könnte weinen.«

»Auch Miß Ferrars fällt es natürlich schwer, Sie zu verlassen, da Sie immer so ... so ...« – Er suchte einen Augenblick nach dem richtigen Wort, das sie jedoch sofort ergänzte: »Ja, wie eine Mutter habe ich für sie gesorgt, sie wird es Ihnen bestätigen.«

»Und deshalb weiß ich auch, daß Sie sich über die vortreffliche Stellung, die sie jetzt bekommt, freuen werden.«

»Was für eine Stellung? Wohin geht sie?« fragte sie aufgeregt.

»Sie soll die Erzieherin des kleinen Radscha von Royapetta und seiner beiden Schwestern werden. Es bedarf nur noch ihrer Unterschrift, dann ist die Sache abgemacht.«

»Erzieherin des kleinen Radscha! Herrje!«

Nach kurzer, schwerwiegender Pause erhob sich Frau Rosario und stürzte ins Nebenzimmer, indem sie mit schallender Stimme rief: »Eulalie, Gwendoline ... Mädchen, kommt rasch und hört die große Neuigkeit! Pamela geht fort und wird Erzieherin des Prinzen und der Prinzessinnen von Royapetta.«

Fünf Mädchen kamen zu gleicher Zeit hereingeeilt und blieben staunend mitten im Zimmer stehen, während Mr. Thorold gelassen aufstand und sich artig verbeugte.

Und nun flog Eulalie auf mich zu, küßte mich stürmisch und sagte, sich umwendend, mit einem leisen Zittern in der Stimme zu Mr. Thorold: »Sie machen uns alle stolz, aber auch sehr traurig. Wie sollen wir sie entbehren?«

»Ja, wie sollen wir sie entbehren?« – Frau Rosario sank in ihren Stuhl zurück und fächelte sich mit einem Notenblatt Kühlung zu. – »Wie soll alles werden? Sie hat dieses Haus wunderbar in die Höhe gebracht. Die Leute reißen sich jetzt förmlich darum, zu uns zu kommen, sie bezahlen gut und sind sehr zufrieden. Alles ist hier jetzt aber auch so schön und gut und fein,« fuhr sie, auf die Blumen, die geflickten Wände und die Zimmerdecke zeigend, fort. »O, das Mädchen ist wirklich großartig, und das Einkaufen und Handeln versteht sie jetzt auch ausgezeichnet; neulich bekam sie die Buttermilch sogar umsonst.«

»Ja, ich glaube gern, daß Miß Ferrars ein wahrer Schatz ist,« erwiderte Mr. Thorold mit großem Ernst. »Nicht jedermann bringt es fertig, Sachen umsonst zu bekommen. Allein so leid es mir auch für Sie tut, Frau Rosario, so werden Sie sich doch sogleich nach einem Ersatz umsehen müssen, da Mrs. Dalrymple schon morgen kommt, um Miß Ferrars mit Ihrer gütigen Erlaubnis hier abzuholen, damit sie sich vor Antritt ihrer neuen Stellung noch ein wenig ausruhen kann.«

»Morgen!« wiederholte Frau Rosario mit erschrockenem Gesicht und ließ das Notenblatt fallen.

»Miß Ferrars muß schon Ende nächster Woche im Palast sein, und ich bin überzeugt, daß Sie ihr eine kurze Ferienzeit von Herzen gönnen. Nicht wahr, Frau Rosario, Sie willigen ein?« Einschmeichelnd, ja verführerisch klang seine Stimme.

»Sie geht fort,« jammerte sie, »und wir werden sie niemals wiedersehen ... nie, nie mehr.«

»Es ist ja lange nicht so schlimm, als wenn sie nach England ginge; sie geht ja nur nach Royapetta,« sprach Mr. Thorold beruhigend auf sie ein. »Ich weiß, Sie freuen sich über ihr Glück.«

»Die alte Rani Sundaram ist eine schreckliche Frau,« entfuhr es Jocasta. »Die Leute, die erst einmal im Palast sind, kommen nicht mehr lebend heraus.«

»Jocasta, du boshaftes Mädchen, wirst du wohl schweigen!« schrie Frau Rosario. »Wart', ich will dir ...!«

»Vielleicht hat das junge Fräulein die Geschichte von Jack, dem Menschenfresser, gelesen,« warf Mr. Thorold gutmütig ein, »und verwechselt nun die Personen ... Mrs. Dalrymple wird also morgen um fünf Uhr kommen und Sie holen,« sagte er zu mir. »Nicht wahr, Frau Rosario, Sie geben Ihre Zustimmung?«

»Nun ja, es ist schwer, Ihnen etwas abzuschlagen und nein zu sagen,« gestand sie mit tränenfeuchtem Lächeln. »Ich hoffte Pamela recht lange zu behalten, und nun haben Sie sie mir aus dem Haus herausgeschwatzt. Sie sind ein gescheiter junger Herr.«

Der »gescheite junge Herr« erhob sich nun, um sich zu verabschieden. Das war jedoch keine leichte Sache. Jedermann wollte ihm die Hand drücken, Frau Rosario zum mindesten dreimal, endlich aber gelang es ihm doch, sich loszumachen und ins Freie zu gelangen.

Als Eulalie ihn dann auf den Wagen steigen und die Zügel ergreifen sah, schlang sie die Arme um meinen Hals und flüsterte: »Eines Tages werden Sie Mr. Thorold heiraten. O was wird das ein schönes Paar sein!«

»Unsinn!« widersprach ich unwillig. »Mr. Thorold denkt nicht daran, mich zu heiraten; er ist kein Damenfreund.«

»Mag sein, daß er sich aus den meisten nichts macht, dafür aber um so mehr aus einer. Sie sind die Dame seines Herzens. Ich weiß es gewiß, ganz gewiß! Nicht wahr, Sie laden mich zur Hochzeit ein? ... Um Gottes willen! Sehen Sie nur!«

Mr. Thorold war inzwischen in raschester Gangart den Weg durch den Garten gefahren. Wie ein Blitz sauste der elegante Traber dahin, als sein Lenker ihn plötzlich unmittelbar vor dem Gittertor zur Seite reißen mußte, um einen Zusammenstoß mit einem andern Gefährt, worin Ibrahim saß, zu vermeiden. In der Tat, es hätte beinahe ein Unglück gegeben.

Seinem Pferd einen scharfen Peitschenhieb versetzend, kam Ibrahim jetzt zum Bungalow herangejagt, wo er die ganze Gesellschaft auf der Veranda versammelt fand.

»Wer war das?« fragte er, noch ehe er abstieg. »Wer war dieser vornehme Besuch, der mich fast über den Haufen gerannt hätte? Sein Gesicht kam mir bekannt vor.«

Um einige Sekunden rascher als die andern, antwortete Jocasta: »Es ist ein Bekannter Pamelas, der ihr eine wundervolle Stelle verschafft hat. Sie wird Erzieherin bei dem Prinzen und den Prinzessinnen von Royapetta. Ist das nicht großartig?«

Ich hielt es nicht für notwendig, Ibrahims Bemerkungen anzuhören und seine Glückwünsche entgegenzunehmen – die mir übrigens durch Gwendoline nachher doch übermittelt wurden. Hatte ich doch jetzt zu sehr alle Hände voll zu tun.

Vor allem mußte ich Jocasta in die Geheimnisse des Haushalts einweihen, ihr zeigen, wo die Vorräte aufgestapelt waren, und Verhaltungsmaßregeln aufschreiben. Nur den Platz, wo der Zucker und die eingemachten Melonen aufbewahrt wurden, hielt ich vor ihr verborgen; ebenso riet ich Frau Rosario, Jocasta keinen Einblick in die Rechnungsbücher der Kostgänger zu gestatten, da sonst schon in der nächsten Stunde die Geheimnisse des Hauses im Bazar ausgerufen würden. Dann mußte ich nach meiner Garderobe sehen und die traurigen Überreste einer einst recht hübschen Ausstattung einpacken. Schwer beladen kamen die Mädchen zu mir herein, um die von mir entlehnten Hüte und Kleidungsstücke zurückzuerstatten; allein ich bat sie, die Sachen als Andenken an mich zu behalten. Sie waren förmlich sprachlos vor Rührung, Erstaunen und Dankbarkeit. Allein so sehr ich sie auch tatsächlich liebgewonnen hatte, so konnte ich mich doch nicht entschließen, die Sachen wieder anzuziehen, die sie seit Wochen getragen hatten.

Über den Abschied am andern Tag sei mir gestattet einen Schleier zu ziehen. Ich will nur erwähnen, daß Frau Rosarios Tränen so reichlich flossen und ihre Küsse so feucht waren, daß ich mir durch so viel Feuchtigkeit leicht hätte einen Schnupfen zuziehen können; auch kehrten Fitz Alan und Alonzo früher aus ihrem Geschäft zurück, nur um mir noch Lebewohl sagen zu können. Pünktlich um fünf Uhr fuhr dann Mrs. Dalrymple in einem hübschen Viktoriawagen vor dem Hause vor und begrüßte mich aufs wärmste, stieg aber nicht aus.

»Es kommt nachher ein Fuhrwerk für Ihr Gepäck. Jetzt möchte ich mal gleich eine lange Spazierfahrt mit Ihnen machen. Wie ich sehe, haben Sie schon Abschied genommen. Alle Augen sind ja rot vom Weinen.«

Auch die meinigen waren feucht, als ich meinen Platz neben ihr einnahm und den Zurückbleibenden, die alle in einer Reihe auf der Veranda standen, zuwinkte. Selbst den Koch, den Wäschemann und die Chinna Ajah sah ich vor dem Nebenhause stehen, als ich zum letzten Male aus dem Rosarioschen Bungalow hinausfuhr.

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