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Die Katzenpfote. Zweiter Band

Bithia Mary Croker: Die Katzenpfote. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorBithia Mary Croker
titleDie Katzenpfote. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1904
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectidc9229a41
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Zwölftes Kapitel.

Es mag auffallend erscheinen, daß ich mich so rasch und fast ohne Kampf in diesen neuen Kreis fand, sozusagen darin unterging, als sei ich von einem Morast verschlungen worden. Und doch hielt ich mich noch immer kampfesmutig über Wasser; mein Ehrgeiz war durchaus nicht tot, er schlummerte nur. Aber was kann ein mittelloses, alleinstehendes junges Mädchen, das zu stolz ist, eine Unterstützung zu erbitten, in Indien anfangen? Sie ist wie eine Gefangene, der man die Hände gebunden hat und die vergebens gegen die sich vor ihr auftürmenden Hindernisse ankämpft.

Meine Tante war gestorben, eines raschen Todes, so schrieb mir Linda in einem kurzen förmlichen Briefe, der mich erst erreichte, nachdem er nach Lohara, dann zurück zu Mr. Evans nach England und ein zweites Mal nach dem Osten geschickt worden war, und den ein herzliches Schreiben Mr. Evans' sowie ein glänzendes Zeugnis begleitete. Meine Tante hatte mir vergeben, wie Linda versicherte, allein ich fühlte aus dieser steifen Anzeige deutlich heraus, daß Linda sich durch diese Nachsicht ihrer Mutter zu nichts weiter verpflichtet fühlte. Diese Türe war mir also für immer verschlossen, und die der Tregar hatte ich mir mit eigener Hand versperrt.

Dem ersten Briefe Mr. Evans' war bald ein zweiter gefolgt, worin er mich dringend bat, das Haus in der Crundallstraße sofort zu verlassen, da er einen wahren Abscheu vor allen Eurasiern habe. Wenn ich nun aber wirklich meine gutherzige Frau Rosario, die mir den Lohn für drei Monate schuldete, im Stiche ließ, so würden mir diese hundert Rupien auch nicht weit geholfen haben. Mr. Evans hätte mir ja wohl auch Geld geliehen, aber ich kannte seine Vermögensverhältnisse zu gut, als daß ich mich an seine Großmut hätte wenden mögen.

Ein halbes Jahr wohnte ich jetzt in Vepery, und diese Zeit war nicht ohne besondre Ereignisse verflossen, wenn diese auch nicht mich persönlich betrafen. Tante Gam, das arme alte Wesen, hatte man eines Morgens tot in ihrem Bett gefunden und sie dann mit viel Aufwand begraben. Gwendoline, deren Vertrag mit der Dovetonschule nahezu abgelaufen war, hatte sich mit einem netten jungen Kaufmann, der zugleich einem Freiwilligenregiment angehörte, verlobt. Fitz Alan war sterblich verliebt in die Tochter eines Eisenbahnbeamten, und da seine Werbung nicht recht vorangehen wollte, quälte er seine Umgebung nicht wenig durch schlechte Laune. Lola hatte, wie nicht anders anzunehmen war, ihre Prüfung mit großen Ehren bestanden, und John war, wie ebenfalls zu erwarten, mit leeren Händen und in gedrückter Stimmung zurückgekehrt, während Eulalie noch immer unentschlossen unter der Schar ihrer Verehrer hin und her flatterte.

Ibrahim, der nicht abließ, ihr seine Huldigungen darzubringen, fand sich nun fast täglich als Besucher in Nummer sechzehn ein. Bald nach dem Balle war er einmal als Gast Friedrichs, der diesen reichen Herrn mit seiner ganz besondern Gunst auszeichnete, zum Abendessen gekommen, und da hatten wir ihm zu Ehren großartige Vorbereitungen treffen müssen. Auf der Tafel brannten zwei Lampen, und dem Essen wurden Süßigkeiten, Rotwein und sogar Büchsensalm hinzugefügt. Dazu entlehnten wir eine Menge Gegenstände von unsern Nachbarn rechts und links. Frau Gardozos Glasschalen und Löffel, Frau Josephs' Tischtuch und Gläser, und noch viele andre Dinge mußten zum Glanze des Hauses beitragen.

Das Entlehnen war überhaupt an der Tagesordnung in Vepery und Blacktown. Vom Klavier bis herab zu einer Pastetenschüssel, von einer Fadenrolle hinauf bis zu einem Ballkleid liehen und entlehnten wir. Auch ich lieh fortwährend meine Sachen aus. Wie hätte ich mich wohl von den allgemeinen Sitten ausschließen können? Allerdings beschränkte ich mich dabei auf unsern eigenen kleinen Kreis. So schrieb Gwendoline ihre Eroberungen vornehmlich meiner Federboa und meinem seidengefütterten Rocke zu, Eulalie trug meine Lieblingsbluse, und andre Sachen wurden überhaupt als Gemeingut betrachtet. Dabei muß ich allerdings sagen, daß mir, wenn ich es gewünscht hätte, stets dieselbe Aushilfe zu teil geworden wäre.

Daß zum Empfang eines so vornehmen Gastes wie Ibrahim auch ganz besonders sorgfältige Toilette gemacht wurde, läßt sich denken. Frau Rosario fühlte sich so sehr geehrt und gehoben, daß sie sich zu dieser Gelegenheit sogar mit einem leuchtend-grünen Atlaskleid schmückte, wozu sie aber einen Umhang trug, um einen großen Riß in der Taille zu verdecken. Sie streute eine doppelte Lage Puder auf ihr Gesicht, ließ sich von einer entlehnten Ajah das Haar kunstvoll aufstecken, und mit etwas Einbildungskraft und gutem Willen konnte man wohl sehen, daß die in Vepery verbreitete Kunde von ihrer einstigen Schönheit keine bloße Sage war.

Als Mr. Ibrahims Besuche sich dann häufiger folgten, konnten wir uns natürlich nicht immer auf der Höhe dieses ersten Abendessens halten. Es war unvermeidlich, daß der vornehme Gast uns auch so zu sehen bekam, wie wir wirklich waren, das heißt, die andern, denn ich wich ihm sorgfältig aus. Er sah Frau Rosario in ihrem alten, fettigen Hausrock, dem sie den Namen »Teekleid« beizulegen beliebte; er sah Gwendoline und Lola mit aufgewickelten Haaren und Mardie in ihrer allerschmutzigsten Verfassung. Nichtsdestoweniger folgten seine Besuche einander mit unverminderter Regelmäßigkeit. Er holte Eulalie zu Spazierfahrten in seinem Wagen ab, und so verhaßt ihr auch seine Gesellschaft war, wie sie uns laut versicherte, so fuhr sie doch mit, um die Mädchen der Nachbarschaft zu ärgern, vor deren Häusern niemals solch vornehme Privatwagen hielten. Auch Teegesellschaften wurden öfters auf dem dürftigen, mit Steinen übersäten Rasen vor dem Bungalow abgehalten, wobei Ibrahim niemals fehlte. Er brachte dann Blumen, Bücher, Süßigkeiten und Schmuckgegenstände mit, die er alle Eulalie zu Füßen legte.

Dennoch hatte ich die ganze Zeit über im geheimen das abscheuliche Gefühl, daß der reiche Perser in Wirklichkeit nur meinetwegen kam. Mir galten seine Blicke, mit mir suchte er zu sprechen, so selten ihm auch Gelegenheit dazu wurde. Ganz allmählich und verstohlen schlängelte er sich unter der Maske seiner Verehrung für Eulalie zu mir heran, und so geschickt ging er dabei zu Werke, daß kein Mensch etwas davon merkte außer Jocasta, die stets auf der Lauer lag, ihre Beobachtungen machte und hinter alles kam.

»Er kommt nur Ihretwegen,« flüsterte sie mir eines Tages zu, indem sie mir in ihrer frechen Weise einen Puff versetzte und mich boshaft anblinzelte. »Bis über die Ohren sei er in Sie verliebt, heißt es im Bazar und in ganz Vepery.«

»Pfui, Jocasta! Wie kannst du auf solches Geschwätz hören!« erwiderte ich ihr zornig. »Wenn du mich etwas angingest, würde ich dich jetzt tüchtig durchprügeln lassen.«

»Durchprügeln? Ha, ha, ich bin fast Fünfzehn und möchte es niemand raten, mich anzufassen, obwohl jedermann sagt, Oberst Bilters Frau bekomme von ihrem Manne heute noch Prügel.«

###

Der Monat August war gekommen. Die meisten Regierungsbeamten, die vornehmen Damen von Madras und wer von den Offizieren irgendwie Urlaub bekommen konnte, war hinauf nach den Neilgherries entflohen, während wir armen Tröpfe in der staubigen Ebene mühsam nach Luft schnappten. Abends kam allerdings eine frische Brise vom Meere herüber, und die Sonnenuntergänge waren unbeschreiblich herrlich – so wunderbar farbenprächtig, wie man sie wohl nur im südlichen Indien zu sehen bekommt.

An einem dieser schönen Abende verfiel Friedrich Augustus plötzlich auf den Einfall, er wolle ein Mondfest in einem der alten, am Abhang von Palaveram gelegenen Bungalows geben, ein Gedanke, der natürlich mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurde.

Da die Stellung des Mondes kein langes Zögern zuließ, sollte die Sache sogleich vor sich gehen. Es mochte eine Gesellschaft von etwa fünfzig Personen sein, zu der auch ich gehörte, denn mein Versuch, mich zu drücken, war erfolglos geblieben. Frau Rosario blieb fest, ich mußte mitgehen, weil ich ja doch so wenig Vergnügen hätte.

Palaveram war einst eine bedeutende Garnisonstadt gewesen, und noch heute standen die verlassenen und zum größten Teil zerfallenen Kasernen, Baracken und Bungalows an den grasüberwucherten, von Feigenbäumen beschatteten Straßen. Mitten aus der weiten Ebene ragten Pyramiden gleich zwei eigentümliche, tausend Fuß hohe Bergkegel empor, auf deren Spitze je ein großer Bungalow stand. Unternehmungslustige Einwohner hatten diese Gebäude ohne Zweifel einst in der süßen, aber trügerischen Hoffnung erbaut, sich dort oben gewissermaßen im Gebirge zu befinden. Bei der großen Entfernung von den Bazaren, der Post und den Wasservorräten und bei den steigenden Arbeitslöhnen waren sie jedoch bald mit ihrer ganzen Einrichtung im Stich gelassen worden. Die große Zahl solcher leerstehenden und vollständig eingerichteten Bungalows ist eine der unerklärlichen Eigentümlichkeiten des südlichen Indiens. Angefüllt mit seltsamen alten Möbeln, Bildern, Lampen, Porzellan und Nippsachen stehen sie sich selbst überlassen da und werden nur hin und wieder bei Picknicks oder sonstigen ländlichen Festen benützt.

Friedrich, der in Palaveram geboren war, hegte eine große Ehrfurcht vor diesen alten Gebäuden und konnte sich auch tatsächlich noch der Zeit erinnern, da eines davon vorübergehend bewohnt war. Der Weg, den wir zu Fuß nach dem von ihm in Aussicht genommenen Bungalow zurücklegen mußten, erwies sich nun allerdings als höchst interessant. Zwischen Palmen und Gujavabäumen und von der Sonne versengten kahlen Abhängen kletterten wir hinauf, bis wir endlich zu einem zwischen zwei Anhöhen liegenden, uralten Hindutempel gelangten. Ein ungeheurer Feigenbaum überschattete ihn, und im Mittelpunkt des inneren Hofes stand ein riesiges steinernes Götzenbild, eine scheußliche Gestalt auf einem seltsam geformten Pferde, das übrigens ebensogut eine Kuh vorstellen konnte. Das ganze Gebäude, obwohl von solider Bauart, machte einen verfallenen Eindruck.

Ich war hineingetreten, um mich etwas umzusehen, als ich plötzlich beim Klang einer Stimme neben mir erschrocken zusammenfuhr.

»Dies ist der Tempel des Kali. Dort drüben steht der Opferstein ... Sehen Sie nur, wie abgenützt er ist. Vor vierhundert Jahren war er in täglicher, ja stündlicher Benützung.«

Die Stimme und Erklärung kam von dem mir so verhaßten Ibrahim, der Eulalie in seinem Wagen hergefahren hatte. Wie hatte er mich nur so rasch auffinden können? Als ich mich jedoch umschaute, bemerkte ich, wenn auch in angemessener Entfernung, Jocasta, die Spionin. Ein Erröten war bei ihrer Gesichtsfarbe ausgeschlossen, und Verlegenheit kannte sie überhaupt nicht. Vielleicht tat ich dem Mädchen aber auch unrecht, Ibrahims Erscheinen konnte ebensogut Zufall sein. Ob nun aber Zufall oder nicht – gern wäre ich länger hier geblieben, um die Seltsamkeiten näher anzusehen oder mir von hier aus den feuerroten Sonnenball zu betrachten, wie er allmählich in sein purpurnes Bett niedersank und die ganze Ebene, die Spitzen der Palmen und Feigenbäume und das auf dem St. Thomasberge gelegene weiße Gebäude in rosige Glut tauchte. Allein Mr. Ibrahim befand sich in meiner Nähe, und so eilte ich in atemloser Hast weiter, um mich unter die übrige Gesellschaft zu retten, wobei er mir dicht auf den Fersen blieb, stets bereit, mir auf dem unbegangenen, zwischen Gebüsch und Kaktussträuchern hinführenden Wege, den ich emporkletterte, hilfreich beizustehen.

Das Unterhaltungsprogramm des Abends lautete folgendermaßen: kaltes Abendessen im Bungalow, dann Spaziergang nach Belieben im Mondschein, Gesang und Spiele, hierauf Rückkehr in den Bungalow und eine zweite Erfrischung vor dem Nachhausegehen. Zum Glück für mich war kein Klavier vorhanden. Das Essen verlief sehr heiter, jedermann war in bester Stimmung in diesem dumpfen Speisezimmer mit seinen alten Möbeln und Gemälden, die bei niemand außer mir einen Gedanken an verklungene Zeiten weckten. Friedrich Augustus hatte mich zu meiner großen Verwunderung unter seine besondre Obhut genommen. Jetzt war nicht mehr von Armenhaus und Bettelvolk die Rede – wie ein Ehrengast mußte ich zu seiner Rechten sitzen. Wie kam ich nur plötzlich zu dieser Auszeichnung? Sollte etwas von dem Bazargeschwätz an sein Ohr gedrungen sein, oder hatte Ibrahim ihm am Ende gar einen Wink gegeben?

Während die andern sich nach dem Essen ins Freie begaben, blieb ich hartnäckig zwischen Frau Cardozo und Frau Josephs sitzen, bis Ibrahim endlich doch die Geduld verlor und verdrießlich mit Eulalie davonging.

Der Mond leuchtete in strahlender Pracht, allein die Luft wurde allmählich doch recht kühl. Es war schon lange nach Sonnenuntergang und die Glocken auf dem St. Thomasberge hatten bereits das Eintreffen der letzten Post verkündigt und uns gemahnt, uns zum Heimweg zu rüsten.

Wieder war das Eßzimmer dicht mit Menschen gefüllt, die, um den Tisch herumstehend, eisgekühlte Limonade tranken. Da erst erschienen, als weitaus die letzten, Mr. Ibrahim und Eulalie. Sie seien ganz unten am Fuße des Berges gewesen, verkündigte Eulalie heiter, an einem felsigen, »schrecklich romantischen« Platze. Sie trug die Schleppe ihres faltenreichen Kattunkleides über den Arm gehängt und setzte sich nun, gierig die Hand nach dem erfrischenden Getränk ausstreckend, während sie zugleich die Schleppe fallen ließ.

Plötzlich stieß Frau Josephs einen ohrzerreißenden Schrei aus, denn in Eulalies Schleppe aufgerollt lag – eine große Brillenschlange. Wahrscheinlich hatte Eulalie dicht neben ihrem Nest auf dem Boden gesessen, und angelockt von der Wärme des menschlichen Körpers, war das Reptil in ihr Kleid gekrochen und von ihr bis in den Bungalow gebracht worden. Der Fall auf den harten Boden hatte die Schlange dann ohne Zweifel erst aufgeweckt. Eine Sekunde noch, und sie hatte sich, zum Bisse bereit, wohl zwei Fuß hoch vom Boden in die Höhe gerichtet. So lag sie, ein schauerlich schöner Anblick, genau zwischen Eulalie und Ibrahim, während ringsum die Menge zwischen Tisch und Wand eng zusammengedrängt stand. Niemand wagte sich zu rühren, und doch war der Tod in unsrer Mitte.

In nächster Nähe der Schlange befanden sich außer Ibrahim zufällig nur Frauen, und er war sicherlich kein Held. Sein Gesicht hatte eine entsetzliche, erdfahle Farbe angenommen, die Lippen waren von den Zähnen zurückgezogen, und das Glas, das er in der zitternden Hand hielt, floß über. Ein entsetzlicher Auftritt folgte. Einige schrieen, andre waren vor Angst wie erstarrt, ein Mädchen fiel in Ohnmacht, und noch jetzt sehe ich die dicke Frau Cardozo auf ein Seitentischchen klettern, eine Leistung, die unter gewöhnlichen Umständen undenkbar gewesen wäre. Nicht eine Sekunde, nein nicht eine halbe Sekunde war mehr zu verlieren, jeden Augenblick konnte sich das züngelnde Untier auf sein Opfer stürzen. Ich schaute mich nach einer Waffe um, nach einem Stock oder Schirm. Hinter mir auf dem Tisch lag Friedrichs bester Sonnenschirm. Rasch griff ich danach und schlug der Bestie mit meiner ganzen Kraft über den Kopf. Verfehlte ich mein Ziel, oder war der Schlag nicht stark genug, um die Schlange zu betäuben, so mußte ich meinen Mißerfolg, dessen war ich mir vollkommen bewußt, mit meinem Leben bezahlen – die Schlange oder ich!

Allein gestählt durch die Kraft der Verzweiflung, hatte ich ihr das Rückgrat zerbrochen. Unter wütendem Zischen und scheußlichen, ohnmächtigen Windungen und Zuckungen sank sie sofort zurück, jedenfalls zu einem Angriff unfähig. Nun kehrte Ibrahims gewohnte Gesichtsfarbe zurück, und sich den Anschein tollkühnen Mutes gebend, machte er mit Unterstützung des jungen Melville der Schlange vollends den Garaus. Hierauf brach ein wildes Durcheinander von Reden und Gegenreden los. Eulalie warf sich mir in die Arme und fing krampfhaft an zu weinen. Ausrufe des Entsetzens ertönten, und jeder wußte irgend eine schreckliche Schlangengeschichte zu erzählen!

Endlich half man auch der armen Frau Cardozo von ihrem Tisch herunter, und die tote Schlange, die reichlich vier Fuß maß, wurde auf einem Stock hinausgetragen. Ich bin überzeugt, daß die Hälfte der Anwesenden nicht anders glaubte, als Ibrahim habe die Schlange getötet, um so mehr, als er Anspruch auf deren Haut erhob und sie ausstopfen lassen wollte. Friedrich aber konnte sich jedenfalls keiner Täuschung hingeben und war sich des wirklichen Tatbestandes wohl bewußt, als er entdeckte, daß ich ihm seinen schönsten europäischen Sonnenschirm zerschmettert hatte.

###

Wenn die Arbeiten des Nachmittags getan, alles angeordnet und die Vorräte herausgegeben waren, pflegte ich auf dem grasüberwucherten, an den verlassenen Wällen hinlaufenden Pfad, der wenig begangen und durch eine Palmengruppe von der Hauptstraße getrennt war, meinen Spaziergang zu machen. Dort wandelte ich dann wohl eine Stunde lang auf und ab, vergeblich bemüht, mir einen Plan auszudenken. Hatte das angreifende Klima mich bereits stumpf gemacht, mir Verstand und Tatkraft gelähmt? Ich war einundzwanzig Jahre alt, von guter Familie, auch hübsch, wie man mir sagte, und hatte etwas gelernt, und doch war ich hier festgekettet – vielleicht fürs Leben – als die Dienerin eines indischen Kosthauses!

Vor allem mußte ich Geduld haben und warten, bis ich dreihundert Rupien zusammengespart hatte, dann konnte ich vielleicht die Überfahrt nach England auf einem Frachtschiff bestreiten. Ich war ja jung und gesund, hatte gute, freundliche Menschen um mich und verdiente mir meinen Unterhalt. Ich hätte mich in viel schlimmerer Lage befinden können – welch ein Glück, daß ich wenigstens nicht Watty Thorolds Frau war! Und doch, wenn mein Blick hin und wieder auf andre englische Mädchen fiel, wenn ich sie wohlbehütet, in heiterer Sorglosigkeit reiten, fahren, rudern oder Einkäufe machen sah und ich ihr Los mit dem meinigen verglich, dann entrang sich mir mehr als ein tiefer, schmerzlicher Seufzer. Ja, es überkam mich manchmal die Angst, ob ich im alleinigen Umgang mit diesen zwar guten und harmlosen, aber oberflächlichen Menschen schließlich nicht auch auf den Standpunkt dieser Mädchen herabsinken würde, denen an nichts anderm lag als an schönen Kleidern, Süßigkeiten und Hofmachern!

Mr. Ibrahim hatte ich seit dem Vorfall mit der Schlange, wo er sich so geschickt mit Lorbeeren zu schmücken verstanden hatte, nicht wiedergesehen. Zu meiner unbeschreiblichen Freude und Erleichterung hörte ich, daß er in wichtigen Geschäften nach Delhi gereist sei. Doch leider wurde diese Freude bald zunichte!

Eines Tages kam Jocasta zu mir herangeschlichen und stieß heftig mit dem Kopf gegen mich – das war die Art, wie sie ihre Zärtlichkeit auszudrücken beliebte.

»Was willst du nun wieder? Ich habe keine Bonbons.«

»Ich will auch gar keine, im Gegenteil, ich habe etwas für Sie.« Dabei öffnete sie langsam die Hand und brachte ein Briefchen zum Vorschein, das die Adresse trug: Miß Ferrars.

»Für mich?« rief ich erstaunt.

»Ja, für Sie! Von Mr. Ibrahim. Er ist von Delhi zurück und bat mich, Ihnen dies hier in die Hand zu stecken, wenn es niemand sehe.«

»Jocasta,« rief ich höchst ärgerlich, »wie kannst du so etwas Abscheuliches tun?«

»Weil es mir Spaß macht.« – Sie war durchaus nicht beschämt.

»Gib Mr. Ibrahim den Brief sofort zurück; ich nehme ihn nicht an.«

»Wie? Warum denn nicht? Eulalie und Josephine gebe ich immer eine ganze Menge solcher Briefchen. Mr. Ibrahim hat mir für die Besorgung eine Schachtel mit kandierten Früchten und auch noch Geld versprochen.«

»Und von mir kannst du dann außerdem noch eine kräftige Ohrfeige bekommen, wenn du dich noch einmal unterstehst, mir Briefe zu bringen. Das ist Sache des Briefträgers.«

»Darf ich Mr. Ibrahim das sagen?« fragte sie schlau.

»Nein! Sage ihm, daß ich keine Briefe von ihm annehme.«

»Aber er ist ja doch so reich und so fürchterlich in Sie vernarrt. Die schönsten Sachen will er Ihnen schenken, wenn Sie nett mit ihm sind ...«

»Mach jetzt, daß du fortkommst, Jocasta!« rief ich, ihr einen Stoß versetzend. »Es ist kein Wunder, daß man dich Jocasta, die Duckmäuserin, nennt.«

»Und Sie nennt man Pamela, die Stolze. Mr. Ibrahim heißt Sie sogar Pamela, die Prinzessin; ich aber heiße Sie Pamela, die Abscheuliche!« Damit rannte Ibrahims Botin wutentbrannt mit fliegenden Zöpfen davon; niemals aber brachte sie mir mehr einen Brief.

Eines andern Abends jedoch schlenderte ich ohne Hut mit auf dem Rücken verschlungenen Händen auf meinem Lieblingswege hin und baute, wie gewöhnlich, Luftschlösser. Frau Rosario hatte drei Kälber verkauft und mir mein Gehalt ausbezahlt. Hundert Rupien befanden sich jetzt in meiner Briefmappe; das war doch wenigstens ein Anfang. Als ich am Ende des Weges anlangte, sah ich zu meinem Schrecken Ibrahim in seiner gewohnten unterwürfigen, selbstgefälligen Haltung neben mir stehen.

»Hier ist also Ihr Schlupfwinkel,« sagte er, den Hut ziehend. »Schon häufig habe ich mich gefragt, wo Sie sich eigentlich immer verstecken. Warum laufen Sie denn stets davon, wenn Sie mich sehen, Miß Ferrars?«

»Das tue ich nicht,« antwortete ich mit dem innerlichen Vorbehalt, daß ich ja schon entfloh, wenn ich nur seine Stimme hörte.

»O pfui, ich glaubte, eine englische Dame lüge nicht! Daß Sie mich nicht leiden können, ja, daß ich Ihnen sogar verhaßt bin, weiß ich nur zu gut. Deutlich steht es in Ihren Augen geschrieben, und das ist sehr traurig, denn ich habe Sie gern, o so sehr gern! Sie wissen das auch ganz gut, nicht wahr?«

»Nein.«

»Wie, noch eine Lüge? Ich will aber, daß Sie auch mich gern haben. Ich möchte Sie beschützen, Ihnen dienen, mich Ihnen, wenn möglich, nützlich erweisen.«

»Sie mir dienen, warum?«

»Weil ...« – Eine lange Pause folgte. – »Nun, weil ich mich für Sie interessiere. Sie sind nicht nur schön, sondern Sie haben auch einen starken Charakter und ein gutes Herz.«

In ärgerlichem Schweigen wandte ich das Gesicht ab. Seite an Seite gingen wir jetzt über die Straße.

»An jenem Abend auf dem Balle, als ich Sie zum ersten Male sah, tat ich bei mir einen feierlichen Schwur und faßte dabei einen Entschluß, der mein ganzes Leben ändern wird ... Können Sie ihn erraten? Sind Sie nicht neugierig?«

»Wenigstens nicht bezüglich Ihrer Pläne.«

»Nun denn, so will ich großmütig sein und es Ihnen sagen: ich habe mich entschlossen, Sie zu heiraten.«

»Mich – zu – heiraten?« wiederholte ich langsam.

»Ja, Sie sind der Typus einer Frau, wie er mir gefällt. Ihr goldenes Haar allein schon ist ein wonniger Anblick. Ihre Züge, Ihr weißer Hals ...«

»Genug,« fiel ich ihm heftig ins Wort, »ich verbitte mir solche Reden!«

»Einen Augenblick noch hören Sie mich geduldig an. Nicht allein Ihre Schönheit und Ihr goldenes Haar ziehen mich an, sondern auch Ihre Charaktergröße und Ihre heldenmütige Selbstverleugnung. Oben im Norden, wo ich kürzlich war, erfuhr ich Ihre Geschichte – Bazare sind eine gute Quelle. Einen unwürdigen Bräutigam haben Sie abgeschüttelt, sich dadurch mit Ihren Freunden überworfen und sich auf eigene Füße gestellt, so schlecht es Ihnen auch geht ...« – Wieder machte er mir ein Zeichen, ihn aussprechen zu lassen. – »Sie sind jung, klug, vornehm und tapfer. Warum Ihre Jugend, Ihre Schönheit, Ihr Leben hier vergraben? Erlauben Sie mir, daß ich Sie dieser unwürdigen Umgebung entreiße« – er zeigte verächtlich auf Frau Rosarios Anwesen – »und Sie zu meiner Frau mache.«

»Ihre gute Meinung von mir ist ja recht schmeichelhaft,« antwortete ich kalt, nachdem er endlich zu sprechen aufgehört hatte und nun stehen blieb, »allein ich muß Ihren Antrag ablehnen.«

»O dann sind Sie eine Törin,« entgegnete er mit vollkommener Selbstbeherrschung. »Es nützt Ihnen übrigens auch gar nichts, denn mit meinem eisernen Willen, der auch noch von einem sprichwörtlichen Glück begünstigt wird, pflege ich durchzuführen, was ich mir einmal vorgenommen.«

»Auch ich habe einen Willen, wenn ich mich auch nicht vielen Glückes rühmen kann. Sie haben meine Antwort gehört, und wenn ich einmal etwas sage, so bleibt es dabei.«

»Das glauben Sie jetzt. Doch lassen wir in diesem Falle die Ausnahme gelten, welche die Regel bestätigt. Hören Sie mich an: ich biete Ihnen Reichtum, kostbaren Schmuck, Freiheit und Rückkehr nach England. Ihnen zuliebe will ich einen Teil des Jahres in London zubringen. Ich bin ein Gentleman und von guter Familie. Jeden Wunsch, soweit er irgend in meiner Macht steht, werde ich Ihnen erfüllen. In Ihrer Kirche, nach der Lehre Ihrer Religion will ich mich mit Ihnen trauen lassen. Sie sollen einen Wagen zu Ihrer Verfügung haben ...«

»Ich bitte, reden Sie nicht weiter,« unterbrach ich ihn zornbebend, denn meine Geduld war erschöpft. »Was Sie auch anführen mögen, nichts kann meinen Entschluß ändern.« Und mit Aufbietung meiner ganzen Willenskraft sah ich ihm fest und stolz in die abscheulichen Augen.

»Nun, so gewähren Sie mir wenigstens die Gunst Ihrer Bekanntschaft und erlauben Sie mir, Ihnen zu einer besseren Stelle zu verhelfen.«

»Meine Bekanntschaft haben Sie bereits gemacht, und ich habe vorläufig nicht im Sinn, Frau Rosario zu verlassen.«

»Dann geht Ihr Streben allerdings nicht hoch.«

»Zunächst wenigstens nicht.«

»Ich aber bin um so ehrgeiziger.«

»Das merke ich.«

»Diesen Spott hätten Sie mir ersparen können, Sie hochmütige Engländerin! Jetzt schauen Sie auf mich herab, aber warten Sie nur, ob nicht noch einmal der Augenblick kommt, wo ich meinen Fuß auf Ihren Nacken setze.«

»Ja, wenn ich einmal tot bin,« erwiderte ich verächtlich.

»Sie haben eine scharfe Zunge und sind sehr mutig. Aber das gefällt mir gerade. Die Frauen sind meistens viel zu sanft und nachgiebig. Diese Eulalie zum Beispiel ...«

»Sie ist meine Freundin, und ich meine, Sie haben ihr allen Grund zu der Annahme gegeben, daß sie Ihnen nicht gleichgültig ist.«

»Bah, sie war nur ein Vorwand. Glauben Sie, daß ein Mann meiner Herkunft auch nur daran denken könnte, sich ernstlich für eine hohlköpfige Eurasierin zu entflammen? Nein, nein, Eulalie war nur eine Leiter, um Sie zu erreichen.«

»Sie werden mich niemals erreichen, Mr. Ibrahim.«

»So halten Sie sich also für etwas unerreichbar Hohes? Nun, bleiben Sie bei Ihrem Glauben, ich schwöre Ihnen aber, daß Sie doch noch mein werden.«

»Hier ist der Eingang zum Hof. Ich kann Ihre Begleitung jetzt entbehren und bitte Sie, mich zu verlassen.«

Damit neigte ich den Kopf und entfernte mich mit so viel Würde, als es die enge Türe zuließ, die eigentlich nur ein Loch war.

Was sollte ich beginnen, wenn Ibrahim mich wirklich verfolgte? Wohin konnte ich gehen, wohin entfliehen, ohne von ihm aufgespürt zu werden? Das Schlimmste von allem war noch, daß er in Frau Rosario eine eifrige Helfershelferin finden würde. Ihr ging nichts über das Heiratstiften, und niemals würde sie mich, soweit es in ihrer Macht lag, einen Mann ausschlagen lassen, in dessen Adern königlich persisches Blut floß und der mich mit Reichtümern und Edelsteinen überschütten konnte.

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