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Die Katzenpfote. Zweiter Band

Bithia Mary Croker: Die Katzenpfote. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorBithia Mary Croker
titleDie Katzenpfote. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1904
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectidc9229a41
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Elftes Kapitel.

Lily war glücklich durch ihr Examen gekommen und rüstete sich zur Abreise. Fitz Alan hatte sich endlich herbeigelassen, eine Stellung für dreißig Rupien anzunehmen, und selbst Mr. John war fortgegangen, um sich mit dem Sammeln und Verkaufen alter Ölflaschen einen Verdienst zu verschaffen. Ich wäre somit die einzige Unbeschäftigte in diesem Hause gewesen, wenn ich nicht das Anerbieten angenommen hätte. Es dauerte nicht lange, bis ich in das Hauswesen eingelebt war. Wie die sprichwörtlichen »neuen Besen« glaubte auch ich »gut kehren« zu müssen. Vor allem versuchte ich, die unbezahlten Rechnungen zu begleichen und die täglichen Ausgaben möglichst bar zu entrichten. Ich sorgte für reine Tischtücher und Blumenschmuck, hielt auf Pünktlichkeit und überwachte den Koch. Auch unterrichtete ich Mardie im Englischen und in der Musik. Meine Zeit war durch das alles sehr ausgefüllt, allein je mehr ich zu tun hatte, desto leichter wurde mir ums Herz.

Allmählich kam ich dahinter, daß Lily von den verschiedenen Lieferanten kleine, aber regelmäßige Geschenke angenommen und sich damit und durch den Verkauf von altem Papier, Flaschen und Knochen eine hübsche kleine Summe beiseite gebracht hatte, die sie jetzt mit nach Kalkutta nahm. Wohl konnte ich, was Handeln und Feilschen anbelangt, Lily das Wasser nicht reichen, dafür machte ich aber auch keine Schwenzelpfennige, und so gelang es mir schon nach kurzer Zeit, mit neun zahlenden Gästen das Soll und Haben in Einklang zu bringen. Bald verbreitete es sich, daß bei Rosarios eine englische Dame als Haushälterin angestellt sei, das Kosthaus kam in Mode und die Anfragen mehrten sich.

Wohl hatte ich jetzt ein kleines Zimmer für mich allein, aber ich mußte, wenn ich mich nach den Anforderungen des Tages todmüde auf mein hartes, schmales Lager ausstreckte, stets auf einen Überfall des lustigen Trios: Rosamunde, Gwendoline und Eulalie gefaßt sein. So oft sie irgend eine Neuigkeit zu verkünden, ein neues Kleid zu zeigen hatten oder auf einen Tanz zu gehen beabsichtigten, wurden mein Rat, meine Bewunderung oder aber meine Dienste als Kammerjungfer beansprucht. Es machte mir auch Spaß, die Mädchen in ihrem Staat zu betrachten, besonders Eulalie sah wahrhaft bezaubernd aus in ihrem – natürlich unbezahlten – rosa Atlaskleid.

So war ich denn durchaus nicht erstaunt, als Gwendoline eines Abends, nachdem ich mich soeben in mein Zimmer zurückgezogen hatte, zu mir hereingestürzt kam und ganz aufgeregt rief: »Nun hat Eulalie endlich eine kolossale Eroberung gemacht!«

»Endlich? Geschieht das denn nicht alle Tage?«

»Nein, nein, diesmal ist's nicht wie sonst ein Sergeant, Schreiber oder Schaffner ohne Geld, sondern ein feiner Herr mit eigenem Phaëthon und prachtvollen Pferden! Er ist aus einer vornehmen Familie, die mit dem Schah von Persien verwandt ist, und heißt Nazar Ibrahim. Er handelt mit Edelsteinen, ist aber auch Chemiker und hat in Edinburgh seinen Doktor gemacht.«

»Das klingt allerdings vielversprechend.«

»O ja; ich sah es schon neulich bei der Strandmusik, daß er ein Auge auf sie geworfen hatte und ihr immer wieder in den Weg lief. Eulalie ist aber auch das hübscheste Mädchen von ganz Vepery.«

»Von ganz Madras,« verbesserte ich aus voller Überzeugung.

»Da mögen Sie wohl recht haben. Mr. Ibrahim ließ sich ihr auf dem Ball vorstellen und ist allem Anschein nach bis über die Ohren in sie verliebt. Fortgesetzt schickt er ihr Blumen, Bonbons und Parfüm mit den reizendsten Briefchen. Eulalie ist aber ein wunderliches Ding und gar nicht stolz auf ihre Triumphe; im Gegenteil behauptet sie, sie mache sich nichts aus dem Herrn. Sie wird Ihnen wohl selbst davon erzählen, jedenfalls aber erfahren Sie es von Jocasta, denn diese abscheuliche Range weiß natürlich schon wieder alles. Er betreibt seine Courmacherei freilich auch sehr auffallend und hat bereits davon gesprochen, hier seine Mahlzeiten nehmen zu wollen. Eulalie hält sich aber immer noch zurück; ihr ist der schwarzlockige Sergeant weit lieber ... eine solche Närrin!«

»Wie sieht denn dieser Mr. Ibrahim aus?« fragte ich ziemlich gleichgültig.

»Dunkel, aber sehr hübsch, etwas klein, mit spitzer Nase und kohlschwarzen, durchdringenden Augen. Er hat Geschäfte in Madras und reist häufig nach Bombay und Delhi, ja sogar nach Europa. Nun hat er Eulalie angeboten, sie in seinem Wagen spazieren zu fahren, und das will sie, glaube ich, auch annehmen, aber nur um die Mädchen in Vepery neidisch zu machen; heiraten wird sie ihn, wie ich fürchte, nicht.«

In diesem Augenblick kam Eulalie strahlend von Schönheit in ihrem hübschen Kleid und ihrem weißen, mit großen Rosaschleifen geschmückten Hut hereingestürmt.

»Hier bist du also!« rief sie ihrer Freundin zu. »Gewiß hat Gwendoline über mich gescholten?« wandte sie sich mir zu. »Sie will nämlich durchaus, daß ich eine reiche Heirat machen soll, aber ich will nicht, ich will nicht!« rief sie fröhlich, in die kleinen Hände klatschend. »Nein, ich will nicht, ich will nicht!«

»Warum denn aber nicht? Du bist bettelarm und wirst auch nicht immer hübsch bleiben. Mit Fünfundzwanzig hast du ein dreifaches Kinn!« lautete Gwendolines düstere Voraussagung.

»Jedenfalls gehöre ich jetzt noch nicht zu den Dicken!« entgegnete sie empört.

»Du kannst dann deine Schulden bezahlen,« drang die Freundin in sie.

»Und die deinigen dazu, wenn du artig bist. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die ums Geld heiraten.«

»Was hast du einfältiges Ding denn an dieser glänzenden Partie auszusetzen?«

»Er ist mir zu alt, zu klug und zu kalt. Seine Augen erschrecken mich, und wenn er mir die Hand drückt, überläuft mich eine Gänsehaut. Ich weiß ja wohl, daß er jetzt sterblich in mich verliebt ist, aber ich habe neulich einen wilden Blick aufgefangen, den er seinem Diener zuwarf ... hu, schrecklich! Er ist sicherlich älter als Dreißig, und wer weiß, ob er in Persien nicht schon ein halbes Dutzend Weiber hat.«

Einen wohlgefälligen Blick in den Spiegel werfend, fuhr sie fort: »Nein, ich will ihn nicht. Ich bin hübsch, warum sollte ich mein hübsches Gesicht verkaufen? Da nehme ich noch eher einen armen Mann, den ich liebe. Der junge Melville ist mir am kleinen Finger lieber als dieser reiche, vornehme Doktor mit all seinen Edelsteinen.«

»Wie töricht!« beharrte die Freundin. »Melville hat nur dreißig Rupien monatlich, womit er kaum für sich allein reicht, wie viel weniger mit dir und deinen Schulden. Wovon wollt ihr denn leben?«

»O, von der Liebe,« lautete die rasche Antwort. »Ich liebe Melville.«

»Willst du ihn wirklich heiraten?«

»Jetzt noch nicht. Vorläufig will ich mich meines Lebens freuen, ich bin ja erst Siebzehn!« Tatsächlich sah sie jedoch wie Zwanzig aus. »Alle wollen mich heiraten, seitdem sie mich in dem Atlaskleide gesehen haben, ha, ha, ha! Der alte Friedrich, Fitz Alan, Eustache Grove, ach, und noch viele andre. Und keiner von ihnen bekommt eine Antwort. Herrje, welcher Spaß!«

»Na hören Sie mal, Eulalie,« wandte ich ein, »ich wollte, Sie hätten das Feld Ihrer herzbrecherischen Tätigkeit nicht gerade hierher verlegt. Nun werden wir Krieg ins Haus bekommen und unsre Herren verlieren.«

»O nein, ich verschaffe euch noch mehr dazu. Ethelred Jones und Reginald Warren kommen, sobald es Platz gibt. Übrigens bedürfte es nur eines leisen Winkes von mir, so käme auch Ibrahim.«

»Dann bitte ich dringend, daß Sie diesen Wink unterlassen. Dies hier ist nicht der Ort für einen verwöhnten großen Herrn.«

»Nein, er würde jedenfalls sofort bemerken, daß das Fleisch zweiter Güte ist. Vielleicht würde er mich auch entführen und an irgend einen reichen Nabob verkaufen ... Ach, du liebe Zeit, nun habe ich ganz vergessen, daß Frau Josephs und ihre Töchter auf der Veranda sitzen! Sie sind nämlich gekommen, um uns zu einem kleinen Tanzfeste einzuladen und sich dazu von uns Stühle, Lampen und ... Ihre Person zu entlehnen.«

»Aha, ich verstehe, aber ich lasse mich nicht ausleihen.«

»Ach, mein liebes, goldenes, einziges Herzchen! Sie müssen unbedingt hingehen und mir zum Tanz aufspielen. Ich tanze ja ›wie ein Mondstrahl auf dem Wasser‹, so wenigstens wurde mir von Mr. Ibrahim gesagt. Kommen Sie jetzt, man hat mich ja hergeschickt, daß ich Sie holen soll.« Dabei legte sie die Arme um meinen Leib und zog mich mit sich fort.

Frau Josephs war die vornehmste unter Frau Rosarios vielen Bekannten. Ihr Mann hatte einmal eine Stelle bei der Regierung innegehabt, und dieser Würde mußte jedermann stets eingedenk bleiben. Ihre Mädchen waren von bemitleidenswerter Häßlichkeit, aber sie bewohnte einen hübschen Bungalow in der Poonamallee Road.

»Nur ein kleiner Hopser,« sagte sie höflich zu mir, als sie uns zu ihrem Balle einlud. Und dann bat sie mich, ich möchte doch auch meine Noten mitbringen. »Sie spielen so wunderschön,« fügte sie herablassend hinzu.

»Natürlich wird sie kommen und ihre Noten mitbringen,« antwortete Frau Rosario. »Miß Ferrars will außer zur Kirche niemals ausgehen, das kann ich doch aber nicht dulden. Warum soll sie nicht auch fröhlich sein wie die andern?«

Allein Frau Josephs lag durchaus nichts an meiner Fröhlichkeit, ich sollte nur andern zur Fröhlichkeit verhelfen, indem ich ihren Gästen zum Tanz aufspielte. Wozu sollte ich ihr die Kosten eines Klavierspielers ersparen? Da fiel zufällig mein Blick auf Eulalie, deren Augen in angstvollem Flehen auf mich gerichtet waren. Nun ja, es würde mir jedenfalls Spaß machen, sie tanzen zu sehen, und so gab ich denn meine Zusage.

###

»Ein kleiner Hopser« war offenbar nur Redensart gewesen, denn auf Frau Josephs' Einladungskarten stand großartig das Wort: Ball. Wir erfuhren dies bei Tisch, und auch, daß viele junge Herren und die meisten Mädchen aus Vepery eingeladen waren. Das Haus Rosario lieferte neun Gäste, und wiederholt wurde uns von unsrer Hauswirtin versichert, daß ihr Häufchen jedenfalls alle andern Anwesenden in den Schatten stellen würde.

Während ich mich zu dieser Gelegenheit schmückte und mich dabei etwas aufmerksamer im Spiegel betrachtete, fiel es mir auf, daß sich mein Aussehen während der letzten Monate bedeutend verschlechtert hatte. Mein Gesicht war schmal geworden und hatte seine frischen Farben verloren, nur das Haar leuchtete noch in seiner alten Fülle, und ich gab mir Mühe, es nach der neuesten Mode aufzustecken.

War es nicht merkwürdig, daß der erste Ball, den ich besuchte, ein in Indien von Eurasiern gegebenes Tanzfest war, bei dem ich aufspielen mußte! Als wir alle bereit waren, zogen wir im Gänsemarsch auf die Veranda, um uns Frau Rosario zu zeigen, die in ihrem alten Rohrlehnstuhle saß, während Sawmy unsre beste Lampe in die Höhe hielt.

»Ihr werdet ganz sicher die Schönsten sein,« erklärte sie von neuem, und ich war derselben Ansicht, als ich Lola, Josephine, Gwendoline und vor allem Eulalie der Reihe nach vor ihr paradieren sah. So billig und flitterhaft ihre Kleider auch im Tageslicht erscheinen mochten, jetzt waren sie jedenfalls reizend und kleidsam. Woher nur diese Mädchen ihren feinen Geschmack hatten? Kam er von Paris auf dem Umweg über Französisch-Vorderindien? Eulalie war natürlich die Krone der kleinen Schar und zeichnete sich außerdem durch ein prächtiges Bukett mit langer Atlasschleife aus.

»Ibrahim hat es vorhin in einer Schachtel geschickt,« flüsterte Jocasta mir ins Ohr.

»Nun möchte ich Sie aber auch sehen, Pamela!« rief Frau Rosario. »Kommen Sie her, mein Kind.«

Ich trug ein schwarzes, am Hals ausgeschnittenes Kleid und hatte eine kleine Perlenschnur umgehängt. In der Hand hielt ich einen gemalten Fächer, ein Überbleibsel der einstigen Ferrarsschen Glanzzeit.

»O je, in Schwarz!« – Frau Rosarios Lieblingsfarbe war leuchtendes Orangegelb.

Dann folgte eine lange Pause, niemand sprach, alle umstanden mich, und Sawmy hielt die Lampe beängstigend schief in die Höhe. Überraschung las ich in aller Augen; Jocasta stand mit offenem Munde da. Ich hätte nicht geglaubt, daß ein Kleid solche Wirkung hervorbringen könnte.

»O Gott!« wiederholte Frau Rosario langsam. »Ja, ja, Sie sind wunderschön mit Ihrem weißen Hals und Ihren weißen Armen! Schönheit ist ein Geschenk Gottes,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

Verwundert blickte ich sie an, als Eulalie plötzlich rief: »Wissen Sie, was uns so sehr in Erstaunen versetzt, Pamela? Sie sehen aus, als seien Sie im Begriff, in einen prächtigen Wagen zu steigen, um nach dem Palast des Vizekönigs zu fahren, und nicht, als sollten Sie sich in einem alten Rumpelkasten mit unsrer Art Leute herumdrücken.«

»Ja, so ist es,« stimmte Frau Rosario bei. »Jedermann würde Sie für eine reiche, vornehme Dame halten.«

»Da hätten diese Leute eben, wie Sie wissen, unrecht. Der Schein trügt. Bitte, Jocasta, gib mir meine Noten, und Sie, Sawmy, nehmen Sie die Lampe in acht und sagen Sie dem Koch, daß er für frischen Speck zum Frühstück sorgen soll.«

»Nun also, Kinder, viel Vergnügen! Recht viel Vergnügen!« rief Frau Rosario uns noch nach, und gleich darauf fuhren wir in dem Gharri davon.

Der Josephssche Bungalow bot ein hübsches Bild dar, als wir, zwischen andern Wagen eingekeilt, warteten, bis an uns die Reihe zum Aussteigen kam. Auf der Veranda waren bunte Lampen aufgehängt und lauschige, durch Windschirme getrennte Sitzplätze eingerichtet. Im festlich erleuchteten Empfangssaal wurden wir von der in einem hochroten Kleide prangenden Frau Josephs und ihren Töchtern in orangegelben Kleidern aufs liebenswürdigste empfangen. Unter der Menge bemerkte ich viele schüchterne, sich an den Wänden herumdrückende Jünglinge und Dutzende von kichernden, dunkeläugigen jungen Mädchen, auch mehrere stattlich aufgeputzte ältere Frauen. Das Klavier war quer vor eine Ecke gerückt worden, und ich begab mich sogleich dahin. Wenn ich den Hals ein wenig streckte, konnte ich von meinem Platz aus über das Klavier hinübersehen, und da es mir schien, daß die Gäste so ziemlich versammelt sein mochten, begann ich einen bekannten Walzer zu spielen. Das lockte die Gesellschaft sofort auch aus den Nebenräumen herbei.

Bald entdeckte ich während des Tanzes Eulalie, und ich mußte mir sagen, daß ich noch nie in meinem Leben etwas Anmutigeres gesehen hatte. Jede Bewegung war Poesie; der Vergleich, sie tanze wie Mondstrahlen auf dem Wasser, war entschieden nicht übertrieben. Auch Fitz Alan in blendend weißer Wäsche, eine Blume im Knopfloch und in weißen Handschuhen sah ich unter der Menge, sowie unsre übrigen Hausgenossen; sogar der stolze Friedrich drehte sich im Kreise.

Mit kurzen Zwischenräumen spielte ich Walzer, Lanciers, Galopps und Masurkas, und bald konnte der im Saale aufwirbelnde Staub sich fast mit dem in unsrer Straße messen. Plötzlich fiel mir ein fein gekleideter, schlanker, tiefdunkler Mann auf, mit dem sich Frau Josephs in fast unterwürfiger Verbindlichkeit unterhielt. Das mußte entschieden der reiche Ibrahim sein, denn seine Augen folgten während der Unterhaltung unausgesetzt Eulalie, die gerade mit Fitz Alan auf und ab ging. Was für Augen dieser Mensch hatte! Sie waren langgeschlitzt und halb geschlossen, und trotzdem funkelten die Pupillen wie Dolchspitzen hervor. Er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, hatte eine olivenfarbige Haut, regelmäßige Züge und einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Ja, ein hübscher Mensch war Ibrahim, und man hätte ihn ohne Frage für einen Italiener oder Griechen halten können. Ich sah, wie er sich nachher mit Eulalie unterhielt und auch verschiedentlich mit ihr tanzte, ebenso mit Gwendoline und einer der Töchter des Hauses, doch war es unverkennbar, daß er sich für etwas Besseres hielt als seine Umgebung und dass seine Umgebung stolz auf diese Tatsache war.

Nach zweistündiger Arbeit hörte ich endlich zu spielen auf. Die Arme taten mir weh, und meine Finger waren ganz steif. Als ich mich erhob, wurde ich von den in meiner Nähe stehenden Personen mit Lob- und Danksagungen überschüttet, und nun begegneten meine Augen auch dem starr auf mich gerichteten Blicke Mr. Ibrahims. Wie der Blick eines zum Sprung bereiten wilden Tieres, so blitzten diese Augen mich an. Sie waren weit geöffnet und mit einem Ausdruck auf mich gerichtet, den ich zwar nicht zu deuten vermochte, aber auch nicht dulden wollte. Ja, Eulalie hatte recht, diese Augen waren abscheulich. Sein Erstaunen mochte allerdings daher kommen, daß ich die einzige Vertreterin der weißen Rasse hier war und vielleicht, wie Eulalie behauptete, wie eine vornehme Dame aussah.

Äußerlich ruhig und hochmütig, hielt ich seinen kühnen Blick aus, allein je länger ich ihn betrachtete, desto unausstehlicher wurde mir dieser hübsche Doktor mit der olivenfarbigen Haut und dem Blute der Perserkönige in den Adern. Zu meinem Verdruß ging er nun raschen Schrittes durchs Zimmer auf Frau Josephs zu und bat sie aufs höflichste, mir vorgestellt zu werden.

»Mr. Ibrahim ... Miß Ferrars, die so überaus gütig war, für uns zum Tanze zu spielen,« verkündigte unsre Wirtin.

»Und die,« vollendete Mr. Ibrahim sich tief verbeugend, »nach ihren bewundernswürdigen Leistungen nun sicherlich einer Erfrischung höchst bedürftig ist ... Wollen Sie mir die Ehre schenken und mir gestatten, Sie ins Speisezimmer zu führen?«

Ich zögerte einen Augenblick, doch ein Entrinnen gab es nicht. So neigte ich denn zustimmend den Kopf, worauf er mir den Arm reichte, auf den ich meine Fingerspitzen legte. Hierauf schritten wir durch eine doppelte Reihe von Zuschauern als der Gegenstand des höchsten allgemeinen Interesses an diesem Abend. Bis dahin war ich vor den Blicken der Gesellschaft verborgen gewesen, nun aber hatte ich das Gefühl, als brennten alle vor Neugierde, zu erfahren, von wo in aller Welt diese Engländerin plötzlich hergeschneit komme. Die unausbleibliche Antwort lautete dann natürlich: »Von Rosarios.« Damit war aber auch das Wissen dieser erschöpft.

Bald saßen Mr. Ibrahim und ich in einer Ecke des Erfrischungszimmers, wo er mich zuerst diensteifrig mit belegten Brötchen und Limonade versorgte und dann, ohne sein Erstaunen über mein Hiersein auch nur mit einer Silbe zu äußern, ein Gespräch über deutsche Walzer, die Hitze in Madras, Theatervorstellungen und die Staubplage anknüpfte, als sei ich eine alte Bekannte von ihm. Er sprach vorzüglich englisch mit einer kaum merklichen fremden Betonung, und so oft ich den Blick erhob, sah ich seine Augen bewundernd auf mich gerichtet. Mein ganzes Wesen aber bäumte sich auf gegen den Beifall dieses schlauen Persers.

Er war viel gereist, wie er mir sagte; überhaupt tat er durchaus nicht geheimnisvoll mit seiner eigenen Person.

»Ich bin zum Teil in England erzogen worden und habe in Edinburgh mein Doktorexamen gemacht.«

»So beschäftigen Sie sich wohl auch jetzt noch mit gelehrten Studien?« fragte ich gleichgültig.

»O,« entgegnete er mit überlegenem Lächeln, »ich verbringe meine Zeit mit einer einträglicheren Arbeit, obwohl ich mich noch immer für Chemie interessiere. Darf ich fragen, wofür Sie besonderes Interesse hegen, Miß Ferrars?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Früher war es wohl die Musik.«

»Wahrscheinlich gipfeln Ihre Interessen überhaupt mehr in Personen als in Sachen; das wäre für Ihr Alter auch natürlicher,« bemerkte er, sich mit zutraulicher Miene zu mir herüberneigend.

»Nein,« entgegnete ich schroff und versuchte aufzustehen, allein eine dichte, laut schwatzende Menge umschloß mich so eng, daß ich mich hier ebenso allein mit diesem Mann fühlte, als säße ich mit ihm hinter einem der Windschirme auf der Veranda.

Auch er mochte dasselbe empfinden, denn er führte die Unterhaltung plötzlich in persönliche Bahnen. Er legte beide Arme breit auf den Tisch und sagte, mich darüber hinweg mit seinen listigen Augen ansehend: »Wissen Sie, daß ich aufs höchste erstaunt war, eine englische Dame unter dieser Gesellschaft anzutreffen, und nun vollends eine so hochgebildete wie Sie, die schwierige deutsche Walzer vollendet spielt, eine Schönheit und aus guter Familie ist, und doch, getrennt von ihrer Kaste, in einem ärmlichen Kosthause mit den sonst von den Engländern so verachteten Eurasiern lebt? Was ist der Schlüssel zu diesem Rätsel?« fügte er, seine Stimme zu fast zärtlichem Flüstertone dämpfend, hinzu.

Bebender Zorn erfüllte mich. »Wenn Sie überrascht gewesen sind,« antwortete ich nach sekundenlanger Pause, »so überwiegt mein Erstaunen das Ihrige jedenfalls bei weitem.«

»Wieso?« – Seine Augen schienen mich verzehren zu wollen.

»Daß ein Mann – ein mir völlig Fremder – es wagen kann, mich über meine Privatangelegenheiten auszufragen!«

Erschrocken, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten, fuhr er zurück, und ich sah deutlich, daß er wirklich überrascht war. Ich hatte mich zu meiner ganzen Höhe aufgerichtet, ein Gefühl der Überlegenheit der herrschenden Rasse durchströmte meine Adern und hob mich über meine Umgebung und diesen gleißenden, schwarzbraunen Perser hinweg.

»Ich wünsche in den Saal zurückzukehren,« fuhr ich fort. »Verlassen Sie mich jetzt, bitte.«

Da hierdurch unser Streit natürlich sofort bekannt geworden wäre, folgte er meiner Aufforderung nicht, dafür aber bahnte er mir mit einer Unterwürfigkeit, wie sie sonst nur einem gekrönten Haupte zu teil wird, einen Weg durch die Menge, und wenige Augenblicke später befand ich mich in dem jetzt fast leeren Ballsaale.

»Ich habe Sie beleidigt, gegen meine Absicht tief beleidigt. Ich nahm fälschlicherweise an ...«

Fest sah ich ihn an, und das Ende seines Satzes verlor sich in einem unverständlichen Gemurmel.

»Ich wünschte Sie ja nur zu beschützen. Verzeihen Sie mir.«

Er verbeugte sich mit lächerlicher Demut. Ich aber nahm seine Abbitte mit hochmütigem Schweigen in Empfang, ohne seinem Blick auszuweichen. Dann ging ich aufs Klavier zu und begann zu spielen.

Sofort füllte sich der Saal, Staubwolken wirbelten auf, und das Gewoge begann von neuem. Ibrahim hatte sich an der gegenüberliegenden Wand aufgestellt und sprach lebhaft mit Lola, wobei er mich beobachtete, das heißt zu beobachten versuchte, denn er konnte nur einen Teil meines Kopfes von der Seite sehen. Um zwei Uhr erhob ich mich mit der befriedigenden Überzeugung, daß ich meinen Teil zum Gelingen des »kleinen Hopsers« beigetragen hatte.

Mit einiger Mühe sammelte ich meine kleine Schar. Schließlich aber saßen wir doch alle wieder in unserm Gharri eingepfercht, der von den Verehrern der Mädchen und vor allem der Ballkönigin Eulalie umlagert war. Eine große Menge versammelte sich überdies auf der Veranda, um uns abfahren zu sehen, und es konnte kein Zweifel bestehen, daß Frau Rosarios Häuflein an diesem Abend tatsächlich die andern Gäste in den Schatten gestellt hatte. Auch Mr. Ibrahim sah ich etwas abseits von den andern in der Nähe des Wagens stehen. Lebhaft winkte er uns bei der Abfahrt mit der Hand noch einen Gruß zu.

Von dem Geschnatter und Geschwätz aber, das jetzt in unserm Gharri losging, macht man sich keinen Begriff. Eine Schar Elstern und Papageien wäre nichts im Vergleich zu diesen vier Mädchen, die alle gleichzeitig und in den höchsten Tönen zusammenschrieen.

»O Pamela, Sie sahen wirklich großartig aus,« sagte Eulalie, »und Ihr Spiel ging mir bis ins Herz und in die Zehenspitzen. Noch niemals habe ich mich so gut unterhalten!«

»Ich auch nicht!« rief Lola. »Ich habe alle Tänze getanzt, und jedermann fragte mich, woher Sie kämen, Pamela, und wenn ich sagte: von Rosarios, da glaubten sie, ich scherze. Und bei Ibrahim haben Sie Eulalie ausgestochen! Er tanzte schließlich fast gar nicht mehr, sondern sah nur immer Sie an, und ein ganzes Heer von Fragen hat er an mich gerichtet, wann und woher Sie gekommen seien, und ob Sie Herrenbekanntschaften in Madras hätten. Fernandez sagt, er sei furchtbar reich und reise oft nach London und Amsterdam.«

»Meinetwegen kann er ins Pfefferland reisen,« warf Eulalie dazwischen. »Mir ist er unausstehlich ... Ach, und wie schläfrig ich bin, und doch will ich noch gar nicht schlafen, ich bin ja so glücklich!«

Rasch wandte sich Gwendoline um. »Ja, das glaube ich. Ich habe wohl gesehen, wie viel du mit Melville tanztest und wie ihr dann eine Ewigkeit im Garten draußen bliebet. Eulalie, gesteh es nur, er hat dich geküßt!«

»Und ich sage, du bist eine dumme Gans!« rief Eulalie, in ein etwas gezwungenes Lachen ausbrechend. »Ich glaube wahrhaftig, ich habe meine Schuhe durchgetanzt, und hier ist auch ein Kaffeefleck auf meinem schönen Kleide ... Seht nur, da dämmert schon der Morgen« – sie zeigte auf einen schwachen, zwischen den Palmen hindurchschimmernden Lichtstreifen – »heute werde ich wohl sehr spät aufstehen.«

Nun langten wir an und fuhren auf dem holprigen Wege vor den Bungalow. Kaum waren wir dann ausgestiegen, so floh Eulalie, die doch vor lauter Glück nicht zu schlafen gewünscht hatte, uns voraus in ihr Zimmer.

Ich für meine Person war zwar nicht glücklich, schlief aber doch bald tief und ruhig.

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