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Die Katzenpfote. Zweiter Band

Bithia Mary Croker: Die Katzenpfote. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorBithia Mary Croker
titleDie Katzenpfote. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1904
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectidc9229a41
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Neunzehntes Kapitel.

Das reizende, an die malerische Hügelkette gelehnte Kunur mit dem Blick auf die tief unten liegenden lieblichen Täler schien mich zu neuem Leben zu erwecken. Wenn ich auf die Veranda des entzückenden Landhauses hinaustrat und mein Blick über die baumhohen Farnkräuter, die bunte Blumenpracht und die in blaue Ferne sich ausdehnende Ebene hinglitt, so war ich glücklich, nun im doppelten Sinne des Wortes eine andre Luft zu atmen.

Bei meiner Ankunft aber, als ich, aus meiner Tonga herauskrabbelnd, zum ersten Male diesen lieblichen Ort betrat, hatte ich meiner Freundin einen entsetzlichen Schrecken eingejagt.

»O Gott, Pamela!« schrie sie auf. »Wie sehen Sie denn aus? Wie Ihr Geist! Was ist Ihnen zugestoßen?« Dann schloß sie mich in ihre Arme. »Ist das die Wirkung Ihrer Verlobung mit Max?«

»Ich bin nicht mehr mit ihm verlobt.«

»Ach was, Unsinn!« Und scherzend fügte sie hinzu: »Ei, ei, kaum verlobt und schon uneins! Da soll ich wohl Frieden zwischen euch stiften?«

»Nein, nein,« antwortete ich erregt, »das ist alles vorüber.«

»Nun, lassen wir das vorläufig ruhen; ich will Sie jetzt nicht quälen, liebes Kind. Kommen Sie rasch herein und legen Sie ab. Vor allem müssen Sie jetzt eine Tasse von unserm guten Neilgherrytee trinken und dann ausruhen. Sie sehen aus, als ob Sie eine ganze Woche nicht mehr ins Bett gekommen wären.«

Als ich dann in Mrs. Dalrymples geschmackvollem, auf die Veranda hinausgehendem Zimmer saß, die kühle, von den Bergen herüberwehende Luft spürte und die mir so wohl bekannten Nippsachen und Photographieen, die zutraulichen Hunde und vor allem ihre eigene liebe Persönlichkeit wieder um mich sah – da hätte ich mir zu gern eingebildet, daß alles, was ich während der letzten Tage in Royapetta erlebt hatte, ja mein ganzer Aufenthalt dort nur ein Traum, ein böser Traum gewesen, oder daß ich dort unten gestorben sei und mich nun im Himmel befinde. Mein Gehirn befand sich in einem seltsam überreizten Zustand, um meine Augen lagen blaue Ringe, die Pupillen hatten sich unheimlich erweitert, und meine einst so viel gerühmten gesunden Nerven gehörten einer vergangenen Zeit an.

Aber zwölf Stunden tiefen, ununterbrochenen Schlafes verfehlten ihre gute Wirkung nicht, so daß ich mich nach dem Erwachen doch schon wieder eher als mein eigenes Ich fühlte. Als ich darauf in dem entzückenden Garten saß und keine unberufenen Ohren zu befürchten hatte, erzählte ich Mrs. Dalrymple ausführlich meine Erlebnisse. Als ich damit zu Ende war, stand sie rasch auf, beugte sich stillschweigend zu mir und küßte mich herzlich.

»Sie denken natürlich, daß ich mich wieder recht dumm und ungeschickt benommen habe?« fragte ich.

»Ich denke, daß Sie zwar nicht immer gerade klug handeln, aber daß Sie eine Heldin sind und einen Mut haben, dessen ich niemals fähig wäre. Sie haben der Rani getrotzt und Max das Leben gerettet!«

»Ja, und mich verpflichtet, Ibrahim zu heiraten, einen Menschen, der die Laster beider Rassen, denen er entstammt, in sich vereinigt.«

»Nein, Sie werden diesen Schurken nicht heiraten!« rief Mrs. Dalrymple heftig. »Es war ein erpreßtes Versprechen. Und er hat ja Max gar nicht gerettet, sondern der englische Doktor! Nur ein armes, überreiztes Gehirn, wie das Ihrige, kann überhaupt auf einen solch schauerlichen Gedanken kommen.«

»Aber er hat bei Max geprahlt und ihm den Ring gezeigt, und Max verachtet mich nun.«

»Ich kann nur gar nicht begreifen, warum Sie ihm nicht sogleich die ganze niederträchtige Geschichte erzählt haben, anstatt wie eine Schuldbeladene vor ihm zu stehen.«

»Auch ich begreife es jetzt nicht. Allein alles kam so unvorbereitet, ich befand mich wie in einem Nebel, in einer Art Betäubung. Die Zunge war mir wie gelähmt. Dann fiel er plötzlich in Ohnmacht und Doktor Flemming schickte mich fort.«

»Arme Pamela! Und vor seiner Erkrankung schrieb Max mir einen solch glückseligen Brief, worin er mir seine Verlobung mitteilte, mir von seiner Pamela vorschwärmte und mir versprach, Sie so bald als möglich zu einem langen Besuche zu mir heraufzuschicken.«

»Und nun bin ich, wie Sie sehen, auf eigene Faust zu Ihnen gekommen, um mich zu verstecken.«

»Schadet nichts, meine Liebe, Sie werden Ihr Köpfchen bald wieder hoch tragen. Ich bitte Sie, überlassen Sie Ihre Angelegenheiten nur ganz mir.«

Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Was könnte sie tun? Wie könnte sie den Knoten lösen, den ich mit eigenen Händen geknüpft hatte?

»Daß ich es nicht vergesse: neulich bekam ich auch einen Brief von der hübschen Eurasierin, Ihrer Freundin Eulalie, worin sie sich voller Besorgnis nach Ihrem Ergehen erkundigt. Ich antwortete ihr sofort, daß Sie sich mit Mr. Thorold verlobt hätten und ich auf Ihren baldigen Besuch hoffte.«

»Die gute Eulalie! Sie ist so leidenschaftlich und anhänglich. Ich schrieb ihr öfters, aber natürlich bekam sie meine Briefe nicht. Ich selbst weiß ja nächstens nicht mehr, wie ein Brief aussieht.«

»Nun, diesem Übel wird hier wohl bald abgeholfen werden, denn wir bekommen täglich sogar zweimal die Post ... Da sehen Sie einmal mein Pärchen Peguponys, die eben dort ums Haus herumbiegen! Sind sie nicht allerliebst?« fügte sie, auf einen niedrigen, mit zwei kräftigen kleinen Ponys bespannten Wagen zeigend, hinzu. »Romeo und Julia heißen sie; sie bleiben immer beisammen und sind äußerst artig und gehorsam. Ich werde nun eine Rundfahrt mit Ihnen um die sogenannte Acht und vielleicht bis zum Bleakhouse machen.«

Diese Fahrt tat mir ebenso gut wie der lange Schlaf. Die herrliche Luft, der Anblick so vieler heiterer Gesichter, der Klang heimatlicher Laute, die zuversichtliche Stimmung meiner Gefährtin – das alles zusammen wirkte auf mich wie ein belebender Zaubertrank.

###

»Was für ein dicker Brief!« rief Mrs. Dalrymple, als der Briefträger die Stufen heraufkam und mir einen Brief übergab. »Nun können Sie nicht mehr sagen, daß Ihnen der Anblick eines Briefes etwas Fremdes sei. Und für mich ist nichts gekommen, als einige Musterpäckchen und die Zeitung! Nun, ich gönne Ihnen Ihr Glück, mein liebes Kind.« Damit zerriß sie das Kreuzband der »Madras Mail«.

Der Briefumschlag enthielt nicht nur einen, sondern mehrere Briefe aus der Crundallstraße: lauter Glückwunschschreiben. Sie machten mir den Eindruck wie eine Familie, die in corpore ihren Besuch abstattet. Frau Rosario, Gwendoline, Lola und Eulalie, alle hatten geschrieben, und auch ein von England an mich eingetroffener Brief war eingeschlossen, der sehr abgegriffen aussah und eine mir unbekannte Handschrift aufwies.

Diesen legte ich vorerst beiseite, um Frau Rosarios Brief zu lesen, der von Liebe und guten Wünschen überfloß und die herzliche Freude der Schreiberin bekundete.

Der zwei Bogen lange Brief Eulalies aber soll für alle reden, weil er mir so viel Spaß machte:

 

»Liebe, süße, herzige, goldene Pamela!

Ich schicke diesen Brief nach Kunur zu Ihrer Freundin, Mrs. Dalrymple, da ich annehme, daß Sie jetzt bei ihr sind. Sie hat mir die große Neuigkeit mitgeteilt. Ach, ich habe mich ja so gefreut, daß ich im Zimmer herumtanzte, bis mir die Schuhe von den Füßen flogen. Nun werden Sie wieder sagen: Eulalie hat eben doch Augen im Kopf!

Ach, dieser schöne, reiche, hochangesehene und kluge Mr. Thorold! Was für eine Partie! Und doch kein bißchen zu gut für unsre liebe, süße Pamela! O Pamela, nun werden Sie wirklich eine vornehme Dame sein und in einem prächtigen Wagen fahren! Sicherlich haben Sie zwei Araber mit langen Schwänzen!

Ich bin ganz stolz, wenn ich mir das vorstelle. Welch ein Glück, daß Sie Ibrahim immer so kalt behandelt haben! Er wollte Sie nämlich heiraten, so sagte er zu Frau Rosario, und als Sie nach Royapetta gingen, war er ganz außer sich. Was ist aber so ein Ibrahim im Vergleich zu Mr. Thorold? Er sagte uns auch, daß er zu seinem Bedauern nicht beim Vizegouverneur verkehren könne wegen einer zwischen seiner Familie und ihm bestehenden Verstimmung. Aber Sie werden jetzt überall Zutritt haben, zu allen großen Bällen und Festlichkeiten im Bankettsaal des Regierungspalastes. Da werde ich mich dann einmal unter die Tür schleichen und Sie beobachten!

Daß wir die gute Neuigkeit sogleich unsern Freunden mitteilten, können Sie sich vorstellen. Ich wollte, Sie hätten die Gesichter der Cardozos und Josephs gesehen! Und denken Sie nur – ist es nicht köstlich? – Friedrich Augustus bedauert jetzt lebhaft, Sie nicht geheiratet zu haben.

Sie müssen mir recht ausführlich über alles schreiben, besonders von Ihrer Ausstattung. Ich fange jetzt auch an, meine Sachen in Ordnung zu bringen, denn Melville hat eine Anstellung im Arsenal bekommen mit hundert Rupien Gehalt monatlich. Ich schaffe mir ein weißes Atlaskleid an mit langer Schleppe, dazu zwei Taillen und ein blaues Straßenkleid, auch sind verschiedene von Ihren Kleidern aufgefrischt worden, die nun wieder wie neu aussehen.

Frau Rosario hat Ihren Verlust noch immer nicht verschmerzt, er ging ihr fast ebenso nahe als der Tod ihrer Nellorekuh. Ich sage Ihnen, das war ein Schlag! Man munkelte, es sei Gift in den Futtertrog gestreut worden, aber ich glaube nicht an solchen Unsinn. Als ob sich heutzutage noch ein Mensch mit Vergiftungen abgäbe!

Wir sind immer noch gleich viele Kostgänger; eine Cousine von Frau Rosario, Constantia de Castria, eine häßliche alte Jungfer, führt die Haushaltung. Natürlich kann sie Ihnen das Wasser nicht reichen. Gwendoline wird im August Hochzeit haben, und die greuliche Jocasta hat nun tatsächlich auch einen Verehrer gefunden, einen von den Cardozos. Wenn wir sie doch erst los wären! Ich lege Ihnen einen Brief bei, der schon vor einer Ewigkeit angekommen ist, aber Frau Rosario hat ihn in die Tasche ihres grünseidenen Atlaskleides gesteckt, das sie fast niemals trägt, und darin vergessen. Er sieht übrigens nicht aus, als ob er gerade sehr wichtig wäre. Schreiben Sie recht bald, liebe, süße Pamela, und seien Sie tausendmal geküßt von

Ihrer Sie liebenden Eulalie.«

Ich öffnete nun den »nicht sehr wichtig aussehenden« Brief. Er trug oben auf der ersten Seite die Adresse: 415 Grosvenor Square, London W. und war schlecht mit blasser Tinte geschrieben.

»Liebe Pamela Ferrars!

Ich weiß nicht, was Sie von mir denken, meine Gedanken aber beschäftigen sich häufig mit Ihnen. An jenem Morgen vor Abgang unsres Dampfers fand ich keine Zeit mehr, Ihnen zu schreiben. Man drängte und hetzte mich derart von allen Seiten, daß ich nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand. Später konnte ich Ihre Adresse nicht mehr finden, und schon fürchtete ich, Sie für immer aus dem Gesichte verloren zu haben. Heute aber, als ich meine in Indien gemachten Einkäufe ordnen wollte, kam mir auch ein Buch in die Hand, und sofort erinnerte ich mich, daß ich Ihre Adresse ja dort hineingeschrieben hatte. Richtig, da steht sie, und noch in derselben Stunde schreibe ich diesen Brief.

Bitte, antworten Sie mir, teilen Sie mir Ihre Pläne mit und schicken Sie mir Ihre Photographie. Ich kann nicht sagen, wie sehr Ihr liebes Gesicht mich an die Vergangenheit erinnert hat, an den süßen Zauber längst entschwundener Tage! Diese Tage kehren freilich nicht wieder, aber meine liebe Pamela könnte zurückkommen zu einer alten, einsamen Frau – wenn Ihr Stolz nicht wäre. Vergessen Sie es nie, daß Sie stets bei mir eine Heimat haben. Schließlich bin ich doch immerhin Ihre Blutsverwandte, und aus diesem Grunde allein erhebe ich Anspruch auf Sie. Kommen Sie, setzen Sie Ihren törichten Stolz beiseite und leben Sie hier bei mir in einer Ihrem Stande angemessenen Umgebung, anstatt in den Vororten einer indischen Stadt um einen erbärmlichen Lohn zu arbeiten. Überlegen Sie sich die Sache, Pamela, und seien Sie aufs wärmste gegrüßt von

Ihrer Ihnen herzlich zugetanen alten Cousine
Elisabeth Tregar.«

Nicht sehr wichtig und drei Monate alt! Es war ein unendlich gütiger Brief, und am liebsten hätte ich seiner Aufforderung sogleich Folge geleistet, aber ach, es war ja zu spät, diese hilfreiche Hand anzunehmen!

»Nun, Sie scheinen mir gute Nachrichten bekommen zu haben,« sagte Mrs. Dalrymple, als ich die Briefe zusammenfaltete. »Sie sind ja ganz rosig angehaucht. Aber auch ich habe eine gute Nachricht für Sie.«

Damit händigte sie mir die Zeitung ein, indem sie auf einen besondern Artikel deutete:

 

Tod Ihrer Hoheit, der Rani Sundaram.

Wir müssen unsern Lesern hiermit die traurige Nachricht mitteilen, daß Ihre Hoheit, die Rani Sundaram, Mutter des verstorbenen Radscha und Großmutter des jungen Prinzen, am Donnerstag morgen im Palast von Royapetta plötzlich verschieden ist ...

 

Durfte ich meinen Augen trauen? So war sie also wirklich krank gewesen und hatte sich nicht bloß im Zorn in ihre Gemächer eingeschlossen?

»Das wird die Luft bedeutend klären, glauben Sie nicht auch?« sagte Mrs. Dalrymple. »Halten Sie es für möglich, daß der Kummer über die Jasraperlen ihr das Herz gebrochen hat? Oder hatte sie überhaupt keines?«

»Nein, sie hatte wirklich kein Herz. Aber ihr Körper und ihr Geist waren noch immer so frisch, daß ich dachte, sie werde zum mindesten hundert Jahre alt. Kaum kann ich es glauben, daß sie tot sein soll. Welches Ereignis!«

»Künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus,« bemerkte Mrs. Dalrymple bedeutungsvoll. »Ein solches Ereignis steht uns noch diesen Abend bevor! Es ist schon in Mettapollum angekommen und fährt jetzt mit Extrapost den Berg herauf.«

Fragend schaute ich sie an, sie aber sagte lächelnd nur »Max!«

»Woher erfuhr er, daß ich hier bin?« fragte ich leise.

»Auf höchst einfachem Wege: durch eine Depesche.«

»Warum aber kommt er?«

»Wieder eine äußerst leicht zu beantwortende Frage! Um Sie zu sehen.«

»Ach,« sagte ich, und mein zwischen Furcht und Hoffnung schwankendes Herz klopfte stürmisch.

»Ja, dies ist ein ereignisvoller Tag für Sie: Ihre Briefe, die Nachricht vom Tode der Rani und der zu erwartende Gast!«

»Ich habe auch eine Neuigkeit, wenn sie auch nicht so wichtig ist, wie die andern: einen Brief von Lady Elisabeth Tregar.«

»Was?« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Erscheint die wieder auf der Bildfläche? Das ist ja köstlich! Rasch, zeigen Sie ihn mir.«

Ich händigte ihr den Brief ein und sie verschlang förmlich seinen Inhalt im Stehen.

»Lady Elisabeth ist wirklich ein gutes altes Mädchen!« rief sie, nachdem sie gelesen. »Es tut mir jetzt fast leid, daß Ihr Vater sie seinerzeit im Stiche gelassen hat, aber da läßt sich nun nichts mehr machen. Nun werden Sie also doch einmal eine reiche Erbin werden, hilft alles nichts. Na,« (sie schwang das Blatt Papier vergnügt in der Luft) »dies hier setzt dem heutigen glücklichen Tage vollends die Krone auf. Sie sehen wahrhaftig schon wieder ganz munter aus. Da kann man sehen, was Kunur und ich nicht alles zu stande bringen! Wenn es Ihnen Spaß macht, so pflücken Sie jetzt einige Rosen und Heliotrop für den Speisetisch, und sobald Sie einen tüchtigen Strauß beisammen haben, müssen Sie sich umkleiden.«

»Wozu das alles?« fragte ich mich, während ich ein weißes Kleid anzog und einige Rosen in den Gürtel steckte. Was nützten mir die Briefe und Glückwünsche, wenn die ganze Zeit Ibrahim am Palasttor meiner harrte?

Lange Zeit verweilte ich, zwischen Furcht und Hoffnung kämpfend, in meinem Zimmer, und wie Zentnerlast legte es sich auf mein Denken. Endlich ging ich aber doch in den Salon hinüber, und – hier saß zu meiner großen Überraschung Max schon im Gespräche mit Mrs. Dalrymple. Er stand auf, ging auf mich zu und zog meine Hand an seine Lippen.

»Jetzt habe ich ihn noch vor Ihnen zu sehen bekommen!« triumphierte Mrs. Dalrymple. »Drei volle Minuten ist er schon hier. Er ist im Glenview-Hotel abgestiegen und zu Fuß herübergekommen. Nun aber,« fügte sie aufstehend hinzu, »soll er Ihnen nur selbst den Grund seines Besuches erklären.« Und mit einem freundlichen Nicken ging sie in den Garten hinaus.

»Vor allem, Pamela,« begann er mit vor Erregung heiserer Stimme, »laß dir sagen: ich weiß, daß ich dir allein mein Leben verdanke. Es hat dir immer gehört und ist nun doppelt dein eigen.«

»So ... so weißt du also?« versetzte ich, schwer atmend.

»Ich weiß, daß meine Krankheit es von neuem bestätigt hat, welch unschätzbares Kleinod du bist. Nachdem du aus Royapetta geflohen warst, ist alles ans Tageslicht gekommen: dein mutiges Unternehmen und der entsetzliche Preis, den du für die Rettung meines Lebens zu bezahlen bereit warst, obschon ich nachher Ibrahim keine Gelegenheit gab, seine Kunst zu versuchen. Aber an jenem schrecklichen Tage, als ich, durch die prahlerischen Reden des Persers halb wahnsinnig gemacht, in den Palast kam, um die volle Wahrheit aus deinem eigenen Munde zu hören ... o, Pamela, warum sprachst du da nicht? Es kostete mich beinahe das Leben!«

»Es kam alles so überraschend. Ich war so verwirrt, daß ich die rechten Worte nicht gleich finden konnte. Ich wollte dir alles sagen, aber ehe ich mich zu fassen vermochte, fielst du in Ohnmacht. Wer hat es dir gesagt? Wer hat dir den Sachverhalt erklärt?«

»Die Rani Sundaram selbst. Am Tage, nachdem du Royapetta verlassen hattest, wurde mir ein Brief von ihr überbracht. Hier ist er, lies ihn selbst.«

Damit entfaltete er einen großen, wappengeschmückten Briefbogen. Und während er mir über die Schulter sah, las ich das folgende seltsame, mit zitternder Hand hingeworfene Schreiben:

 

»Von der Rani Sundaram
an den englischen Regierungsbevollmächtigten Thorold.

Die Jasraperlen, die ich mir so sehnlichst wünschte, sind in die Hand des Radscha von Ulu, eines alten Feindes unsrer Familie, übergegangen. Sein Name sei verflucht! Ibrahim, der Pariahund, hat sich als ein Verräter und ein Narr erwiesen. Mein Herz liegt in der Asche, meine Stunden sind gezählt. Ich will nicht leben, um es mit anzusehen, wie meine Feinde lachen, triumphieren und spotten. Wenn dieser Brief in Deine Hände gelangt, so ist seine Schreiberin tot. Das englische Mädchen verschaffte sich von Ibrahim ein Gegengift, wodurch Dein Leben gerettet wurde. Heimlich ging sie bei Nacht in die Stadt, um ihn aufzusuchen. Als Gegendienst für seine Gefälligkeit versprach sie ihm, seine Frau zu werden. Sie opferte sich, um Dich zu retten; zwischen mir und Ibrahims Leben aber steht kein Retter.«

 

Fragend sah ich zu Max auf, der mit ernster Miene meinen Blick aushielt.

»Es ist so, wie sie schreibt,« sagte er leise. »Für ihn fand sich kein Retter.«

»So ist er also tot?« flüsterte ich kaum hörbar.

»Ja, man fand ihn sterbend auf dem Dache seines Hauses. Gestern ist er verschieden.«

Erschüttert sank ich auf einen Stuhl und weinte.

###

Ich hatte England verlassen, um Thorolds Frau zu werden, und Thorolds Frau wurde ich nun auch wirklich. Die Trauung fand in der Kirche von Kunur statt, und, wie die Zeitungen berichteten, war es eine überaus vornehme Hochzeit, mit vielen glänzenden Uniformen und nicht wenigen hübschen Mädchen.

Meiner von einem entsprechenden Scheck begleiteten Einladung folgend, wohnte auch Frau Rosario mit einer ansehnlichen Schar aus der Crundallstraße dem Feste bei. Die blendende Farbenpracht der Kleider der Mädchen verdunkelte fast die in ihrer Nähe befindlichen Uniformen, und Eulalie mit ihrer strahlenden, sieghaften Schönheit stellte unsre reizendsten Gebirgssterne in den Schatten.

Major Dalrymple machte den Brautvater mit großem Vergnügen. Auch Hochzeitsgeschenke erhielten wir in Menge, und manche darunter, besonders die von der Rani Gindia gesandten, waren sehr wertvoll. Die weniger kostbaren wurden deshalb nicht geringer geachtet, nur waren einige derart, daß sie die Empfänger in eine gewisse Verlegenheit setzten, wie zum Beispiel Frau Rosarios drei Monate altes Kalb.

Max nahm einen Erholungsurlaub nach England, und dort angelangt, schlugen wir unser Hauptquartier in London, Grosvenor Square 415, auf. Lady Elisabeth ist so sehr entzückt von Max, daß ich fast glaube, sie hat ihn noch mehr in ihr Herz geschlossen als mich, zumal sie durchaus kein Hehl daraus macht, daß sie die Männer im allgemeinen ihrem eigenen Geschlechte vorzieht. Nun ich mich ihrer Gunst erfreue, werde ich auch von allen übrigen vornehmen Ferrarsschen Verwandten empfangen und mit Liebenswürdigkeiten überschüttet. Selbst meine Cousinen haben ihren Groll begraben, und Mrs. Thorold – Wattys Mutter – hat uns tatsächlich eingeladen, einige Tage in Beverly zuzubringen. Welchen Vorteil hofft sie wohl bei dieser Gelegenheit aus meiner Person zu ziehen?

Der Hof von Royapetta hat sich wohl oder übel nach einer andern Erzieherin umsehen müssen, da die bisherige vom Palast ins Regierungsgebäude übergesiedelt ist. Lady Elisabeth trägt sich mit der Absicht, uns in Indien zu besuchen, und ich glaube auch, daß sie ihren Plan ausführen wird. Sie hat mir wundervolle Diamanten verehrt, die sie bei meiner hohen gesellschaftlichen Stellung für unentbehrlich hält. Max wollte mich durchaus mit einer echten Perlenkette beschenken, allein ich flehte ihn an, es zu unterlassen, da sie mich ja doch nur an jene andern Perlen erinnert hätten, die nun den Stolz der Familie Ulu bilden, und so verehrte er mir statt dessen eine kostbare, mit Rubinen besetzte Halskette, die wohl dazu angetan wäre, in irgend einer indischen »Toscha-Khana« zu glänzen.

Im Innern des Anhängers steht eingraviert: »Royapetta, den 20. März. Ihr Wert steht höher als Gold und Edelsteine.«

 

Ende.

 

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