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Die Katzenpfote. Zweiter Band

Bithia Mary Croker: Die Katzenpfote. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorBithia Mary Croker
titleDie Katzenpfote. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1904
translatorAlwina Vischer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180308
projectidc9229a41
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Achtzehntes Kapitel.

Ein Tag um den andern schlich dahin, ohne mir ein Lebenszeichen von Max oder eine neue Vorladung der Rani Sundaram zu bringen. Die ganze Angelegenheit war spurlos verrauscht, als ob sie ein Traum gewesen wäre, und wie von selbst, wie ein die Mühle treibendes Pferd, kam ich meinen täglichen Verpflichtungen nach. Ich mühte mich gewissenhaft mit Tonleitern und Vokabeln ab, und es gelang mir sogar, den kleinen Radscha ohne Tränen durch seine Unterrichtsstunden zu bringen, obwohl mir selbst das Weinen nahestand.

Täglich wurde ich noch zu der Rani Gindia befohlen, die stets gütig, ja mehr als das, fast liebevoll gegen mich war. Allein ich konnte deutlich bemerken, daß sie ihren eigenen Kummer hatte und unter dem Druck irgend einer schweren Sorge stand. Da fiel mir denn das Amt Davids bei König Saul zu: ich mußte scherzen und lachen, Geschichten erzählen, ihr mit Gitarrebegleitung vorsingen, kurz sie zerstreuen und aufheitern. Ach, was für eine Pein war das für mich! Ich möchte wohl wissen, ob es ihr jemals auffiel, wie gezwungen mein Lächeln, wie fade meine Scherze und wie zitternd meine Stimme war. Das Herz tat mir weh von dem endlosen Hangen und Bangen, von der qualvollen Ungewißheit, die doppelt fühlbar ist, wenn man sich zu untätiger Ohnmacht verurteilt sieht. Immer unerträglicher wurde mir die furchtbare Spannung, während im Palast die Hochzeitsvorbereitungen ihren ununterbrochenen Fortgang nahmen. Viele fremde Gesichter kamen und gingen; Hausierer, Wahrsager, Musikanten und Bänkelsänger drängten sich in den äußern Höfen.

Als ich einmal auf meinem Weg in den Garten durch den Audienzsaal ging, traf ich auch Mr. Ibrahim, der sich nicht wenig über das Wiedersehen zu freuen schien, und mir lebhaft die wie immer feucht-klebrige Hand reichte.

»So sind Sie also noch immer hier?« fragte ich, mich zu einem höflichen Ton zwingend.

»O ja, ich bin noch immer hier,« antwortete er mit vielsagendem Lächeln.

»Und wie steht es mit den Perlen?«

»Ich glaube, die Sache macht sich nun doch allmählich. Die Rani Sundaram kann nun einmal nicht darauf verzichten. Sie hat ja auch gewöhnlich so ihre eigenen Mittelchen und ...«

»Nun, und?« Ich wollte auch das Schlimmste erfahren.

»Sie hat die Perlen augenblicklich in Verwahrung,« – er hielt inne und lächelte bedeutungsvoll, wobei seine langgeschlitzten Augen unheimlich funkelten – »zur Probe!«

»So, wirklich?« stammelte ich und setzte eilig meinen Weg fort. Allein mir war, als müßten die Füße mir den Dienst versagen, lange bevor ich den weißen Pavillon erreicht haben würde.

Das tagelange Fernbleiben meines Max, sein vollständiges Schweigen, der Rani Zuversicht bei anscheinender Untätigkeit: was hatte dies alles zu bedeuten? Auf keinen Fall etwas Gutes. Ach ja, ich fühlte es, der Himmel hing voll schwarzer, drohender Wolken, und die augenblickliche Ruhepause war nur die Stille vor dem Sturm.

###

Als ich am selben Tage, gegen sieben Uhr abends, mein Wohnzimmer betrat, gewahrte ich Munasawmy, der, mit dem langen, schmalen Ausgabebuch in der Hand, mich erwartete, um mir die Tagesabrechnung zu übergeben. Es war allerdings eine etwas ungewöhnliche Stunde dafür, doch würde die Sache ja in wenigen Minuten abgetan sein. Ich setzte mich, tauchte die Feder ein, rückte mit müder Bewegung mein Ausgabebuch zurecht und bedeutete ihm, zu beginnen.

»Die Rechnung war heute früh nicht fertig, Miß Sahib, deshalb ich sie jetzt erst bringe.«

Mit einem Nicken forderte ich ihn auf, fortzufahren.

»Sechs Eier ein Anna,« begann er, und flüsternd fügte er hinzu: »Die alte Spionin Stadt gegangen.« Dann fuhr er fort, laut: »Eine Kokosnuß zwei Anna,« und flüsternd: »Punkah-Kuli eingeschlafen. Ein Seefisch eine Rupie ... Hab' viele wichtige Neuigkeiten für die Miß Sahib. Ein Hühnchen vier Anna ... Thorold Sahib bald sterben. Ein Büschel Gemüse ...«

»Was?« stieß ich keuchend hervor, indem ich das Buch zuschlug.

»Gift!«

»Weiter!« stammelte ich mit leiser Stimme. »Sagen Sie mir rasch alles, was Sie wissen.«

»Die alte Teufelin läßt es ihm beibringen,« murmelte er. »Alles wegen Jasraperlen. Sie will, daß ein andrer Mann kommt für den Staat und die Steuern, der nicht so klug ist ... Sagen Sie: ›Ja, ja,‹ Miß Sahib! Sagen Sie es laut, es könnte jemand oben sein und horchen.«

»O, ja, ja!« schrie ich. »Aber sagen Sie mir alles über Thorold Sahib,« fuhr ich, ihn am Kleid packend, fort. »Was kümmert es mich, ob jemand dort oben ist!« Ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Die Schlaflosigkeit, meine Verlassenheit, meine Angst und Sehnsucht – das alles wirkte mit der entsetzlichen Neuigkeit zusammen.

»Habe ihn sehen durch die Stadt fahren vor sechs Tagen. Sah ganz weiß aus. Habe meinen Freund, seinen Chokra, gefragt, und der mir gesagt, daß sein Herr sehr krank sein. Doktor gar nicht weiß, was ihm fehlt. Welkt hin wie eine Blume ohne Wasser. Keine Rettung; in zwei Tagen wird er sterben ... Der Kuli schläft. Wenn man hört, was ich hier sage, dann auch ich sterben, aber Miß Sahib war gut einmal, und ich nicht vergessen.«

»Wissen Sie gewiß, daß es Gift ist?«

»Ja, ganz gewiß. Vor einer Woche hat sein Koch ihm gekündigt, und ein andrer Mann ist an seinen Platz gekommen. Der alte Koch, früher ein sehr armer Mann, nun ist er reich, hat viel Geld im Basar ausgegeben: für seidene Sarees und Schärpen und Messingkochtöpfe. Seit der neue Koch gekommen, schwindet Thorold Sahibs Leben. Jedermann kennt den neuen Koch. Er ist ein Diener der Rani Sundaram, und sie hat den Befehl gegeben. Ihre Befehle werden ausgeführt, denn« – sein leiser Ton ging mir durch Mark und Bein – »denn nicht tun, heißt: Tod.«

»Gibt es denn aber kein Heilmittel?« fragte ich in qualvoller Seelenangst.

»Doch, wenn nicht zu spät. Kluge Männer es wissen und auch die Zauberwallahs.«

»Wer könnte es ihm verschaffen?« fragte ich atemlos.

»Wer hätte den Mut, zu tun etwas gegen den Befehl der Rani? Jedermann sich zu sehr fürchten. Es ist nur ein Mann in der Stadt, der versteht viel von Gift, und das ist Ibrahim der Perser. Er kann gute Arznei geben.«

»Sie haben recht,« sagte ich überrascht. »Wissen Sie, wo er wohnt?«

»Ja, er hat ein Haus gemietet im Pettahbasar.«

»Dann müssen Sie mich sogleich zu ihm führen! Bringen Sie mir ein Saree. Ich will mir das Gesicht schwärzen, und Sie führen mich dann hinaus als Ihre Frau oder Tochter. Durch die Dienerschaftsabteilung verlassen wir den Palast, mieten eine Jutka und fahren im Galopp nach dem Basar. Keine Sekunde ist zu verlieren. Munasawmy, hören Sie wohl, was ich Ihnen sage: wenn Sie mir helfen, werde ich es Ihnen vergelten, verstehen Sie mich?«

»Und wenn ich verliere mein Leben?«

»Sie werden Ihr Leben nicht verlieren, nicht, solange ich selbst lebe. Gehen Sie jetzt rasch, o gehen Sie, so rasch Sie können!« rief ich, indem ich ihm ein Zeichen machte, mich zu verlassen.

Eine Tatkraft und Entschlossenheit hatte sich meiner bemächtigt, die meine Adern mit neuer Lebenskraft füllte. Zuerst schraubte ich die Lampe in meinem Schlafzimmer niedriger, dann färbte ich mir Gesicht, Hände und Arme mit Tusche, vertauschte meine Schuhe mit weichen Pantoffeln und drehte mein Haar in einen möglichst kleinen Knoten zusammen. Kaum hatte ich die Vorbereitungen vollendet, so kehrte Munasawmy auch schon mit meinem auf einem Präsentierbrett stehenden Abendessen zurück, das er unter lautem Klappern niedersetzte. Fast zu gleicher Zeit schleuderte er mit geschicktem Griff ein dunkles Saree über die spanische Wand herüber. Ich hatte einmal zum Scherz gelernt, wie man sich in solch ein reizendes indisches Gewand hüllt, was eine wahre Kunst ist. Für eine ungeübte Hand hätten diese fünfundzwanzig Meter schmalen Stoffes ohne Haken und Bänder eine unüberwindliche Schwierigkeit dargeboten, so aber war ich in wenigen Minuten bereit. Ich erkannte mich in meiner Verkleidung selbst nicht mehr, und als ich hinter der spanischen Wand hervorkam, fuhr Munasawmy fast erschrocken zusammen.

»Es ist gut,« sagte er, »ziehen Sie den Schleier übers Gesicht, und ein wenig hinken muß Missy beim Gehen; meine Tochter hat einen kurzen Fuß. Missy gar nichts sprechen, nur immer mir folgen, dann kann alles gut werden, aber eine böse Sache es doch bleiben.«

Lautlos, mit gesenktem Kopf und leichtem Hinken eilte ich hinter Munasawmy her, dessen Schritte sichtlich von der Angst beflügelt wurden. Trotzdem tauschte er hie und da einen Gruß oder einen Scherz aus, während wir durch den von Händlern und Besuchern angefüllten Palast eilten. Nach etwa zehn Minuten kamen wir aus der stickigen Luft heraus und standen nun unter dem kühlen Sternenhimmel. Wie atmete ich auf!

Ungehindert gingen wir an den Schildwachen vorüber, und kaum hatten wir die offene Straße erreicht, so rief Munasawmy eine Jutka herbei. Wir kletterten hinein und jagten, so rasch das Pony laufen konnte, dem innersten Teile von Royapetta zu.

Hier wimmelte es noch immer von Menschen, und ein Leben und Treiben herrschte, als sei es früh am Morgen und nicht neun Uhr abends. Noch nie in meinem Leben hatte ich weder eine solche Menge von Menschen gesehen, die in dichtem Gedränge durcheinander hasteten, noch solch ohrenbetäubendes Getöse vernommen, noch so seltsame Düfte gerochen. Allein ich schenkte diesen Dingen keine Beachtung, denn all meine Gedanken waren auf die mir bevorstehende Unterredung mit Ibrahim gerichtet. Ob er auch zu Hause war? Ob ich ihn zu sehen bekam? Ob er sich dazu verstehen würde, Maxwell Thorold das Leben zu retten?

Nach verschiedenen Umwegen, ärgerlichen Verhandlungen und Überwindung von allerlei Hindernissen, die meine Geduld auf eine harte Probe stellten, bogen wir endlich in ein schmales Seitengäßchen ein, dessen hohe, nach außen fensterlose Häuser mit ihren flachen Dächern von der besseren Klasse bewohnt waren. Vor dem größten darunter machte der Wagen plötzlich halt.

»Hier ist es,« sagte Munasawmy, kletterte heraus und war mir beim Aussteigen behilflich – denn eine Jutka ist ein recht unbequemer kleiner Kasten auf zwei Rädern, der sich allerdings bei den Eingeborenen von Madras großer Beliebtheit erfreut.

Nachdem der Hindu unserm Kutscher zu warten befohlen hatte, traten wir in einen offenen Torweg und stiegen dann die steilste steinerne Treppe hinauf, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist. Wir erklommen sie etwa zur Hälfte und gelangten an einen Absatz, auf den mehrere Türen mündeten und wo verschiedene Männer herumlungerten. Überall herrschte eine heiße, dumpfe, drückende Luft, erfüllt vom Geruch ranzigen Öles, Weihrauchs und getrockneter Ringelblumen. Ein weibliches Wesen war nirgends zu entdecken. Munasawmy flüsterte einem der Männer etwas zu und wandte sich dann wieder zu mir, indem er auf die in starken Windungen weiter emporführende steinerne Treppe deutete: »Er ist oben auf dem Dache.«

Ich muß gestehen, die ganze Umgebung machte alles eher als einen vertrauenerweckenden Eindruck auf mich. Doch was wollten wir machen? Wir kletterten und kletterten also weiter, bis mein Kopf endlich in die freie Luft kam und ein großer, mit einer niedrigen Brüstung umgebener Raum vor mir lag, offenbar das Dach des Hauses. Die eine Seite mußte auf einen Garten gehen, denn die Zweige von Palmen und andern Bäumen neigten sich über die schmale Einfassung und warfen flackernde Schatten auf den steinernen Boden. Über die Mitte des Platzes war ein Teppich ausgebreitet und dort bemerkte ich jetzt auch einen Mann, der, der Länge nach ausgestreckt, auf einem Ruhebett aus Bambusrohr lag und beim Scheine einer verschleierten Lampe las.

Bei meinem Näherkommen richtete er sich auf und schrie ärgerlich auf Hindostanisch: »Mach, daß du fortkommst!« Und als er auch Munasawmys ansichtig wurde, fügte er mit noch lauterer Stimme hinzu: »Runga, warum hast du dieses Schwein nicht unten behalten? Was haben die beiden hier zu suchen?«

»Wir kommen vom Palast,« sagte Munasawmy mit knechtischer Unterwürfigkeit, indem er sich tief verneigte.

»Und diese hier?« fragte Ibrahim, verächtlich auf mich zeigend.

»Kommt auch aus dem Palast,« antwortete ich, den Schleier zurückschlagend.

»Was? Miß Ferrars!« rief er emporschnellend in schrillem Tone. »Wie kamen Sie aus dem Palast heraus? Das ist ein gefährliches Spiel. Was führt Sie hierher?«

»Eine schwere Sorge.«

Ich machte Munasawmy ein Zeichen, sich zu entfernen, ein Befehl, dem er indes mit sichtlichem Widerstreben und nur so weit nachkam, daß er sich bis zur obersten Treppenstufe zurückzog.

»Mr. Thorold ist vergiftet worden und hat, wie man mir sagte, nur noch wenige Stunden zu leben, wenn Sie ihn nicht retten.«

»Darum also haben Sie dieses Wagnis unternommen?« Dabei huschte sein rascher Blick über mein indisches Gewand und meine gefärbten Hände und Arme. »Was wünschen Sie, daß ich dabei tun soll?«

»Ihm ein Gegengift geben und sein Leben retten.«

»Was liegt mir an seinem Leben?« sagte er, die Achseln zuckend. »Wir alle müssen einmal sterben.«

»Ja, aber nicht auf diese Weise ... nicht vor der Zeit ... durch die Willkür eines andern Menschen!« stieß ich, schwer atmend, hervor. »Bedenken Sie, welch edler Mann Mr. Thorold ist, wie selbstlos er sich der Armen annimmt und die Schwachen und Unterdrückten beschützt ...«

»Das will ich Ihnen alles gern glauben,« unterbrach mich Ibrahim mit einer ungeduldigen Bewegung. »Ich weiß, daß er Miß Ferrars' Gunst genießt, und daß die Presse seine Heldentaten in begeisterten Worten rühmen wird, sobald er das Zeitliche gesegnet hat.«

»Er wird aber nicht sterben, wenn Sie ihm ein Gegenmittel geben,« drang ich ungestüm in ihn.

»Und was würde mein Lohn sein, wenn ich Ihrer Bitte willfahrte?« – Ibrahims stechende Augen durchbohrten mich fast.

»Auf den Knieen will ich Ihnen dafür danken!« rief ich leidenschaftlich. »Ich bin überzeugt, daß Sie gern Ihre Macht und Ihre Kunst um der Menschlichkeit ... um der Liebe Gottes willen anwenden werden ...«

»Nein, und auch nicht um der Liebe Mr. Thorolds willen,« entgegnete er mit häßlichem Auflachen. »Das ist nicht die Art, wie ich Geschäfte abschließe. Gefühlsduselei mag sich für Weiber schicken, ich aber stelle meinen Preis, wie alle Männer.«

So wollte dieser erbärmliche Krämer also selbst aus dieser traurigen Angelegenheit seinen Nutzen ziehen! Es überlief mich eiskalt.

»Was verlangen Sie dafür? Nennen Sie den Preis ...« rief ich mit stockendem Atem.

»Sie selbst! Sie müssen es doch wissen, daß mein Preis kein andrer sein kann als Pamela Ferrars.«

Mir war plötzlich, als lege sich ein Schleier vor meine Augen, ein Schwindel faßte mich, und um nicht umzusinken, stützte ich die Hand so schwer auf den niedrigen Tisch neben mir, daß er zitterte. Ein Schauder durchlief meinen Körper und ich starrte diesen Mann an, der mich zu lieben behauptete, und den Max als einen Betrüger und Schwindler gebrandmarkt hatte. Dabei dachte ich an Maxwells dahinschwindendes Leben, an sein edles Streben, seinen ehrenhaften, fleckenlosen Charakter. Ich stellte mir vor, für wie viele Menschen sein Tod ein unersetzlicher Verlust sein würde, und sagte mir, daß ich gern mein Leben für das seinige hingeben würde.

Aber jetzt mußte ich vor allem klug und kaltblütig sein, alle meine Kräfte, meinen ganzen Verstand aufbieten, um der furchtbaren Sachlage gewachsen zu bleiben. Denn – Max oder ich! – deutlich las ich die Drohung in Ibrahims Augen. Einen Augenblick fiel mir Doktor Flemming ein, von dem Max behauptet hatte, daß er sich auf die Gifte der Eingeborenen verstehe. Aber hatte nicht der Hindu erklärt, der Doktor kenne die Krankheit nicht? Ich überlegte.

»Ich willige ein, wenn es keinen andern Ausweg gibt,« erklärte ich bedächtig, und wunderte mich dabei über den Ton meiner eigenen Stimme: sie klang wie die einer Fremden.

»Es gibt keinen andern Ausweg. Sie werden meine Frau unter der Bedingung, daß ich Thorold rette. Ist die Sache abgemacht?«

Ich nickte, ohne meine zu Boden gerichteten Augen aufzuschlagen.

»Ich habe von dem Falle gehört. Aber wollen Sie sich nicht setzen?« sagte er, einen Stuhl heranziehend, auf den ich denn auch sofort niedersank; denn die Füße versagten mir den Dienst.

»Mr. Thorold ist ein tödliches Gift beigebracht worden,« begann er in kühlem, geschäftsmäßigem Tone. »Die Wirkung dieses Giftes ist Entkräftung, allgemeine Abspannung, Verlust von Schlaf, Gedächtnis, Appetit ... kurz ein zehrendes Fieber: der Mann verhungert bei lebendigem Leibe. Irgend jemand, der einen Groll gegen ihn hat, muß ihm das Gift beigebracht haben, und solche Leute gibt es gewiß genug; denn er ist ein strenger Beamter. Ich kannte einmal einen Koch, der seinem Herrn einen sogenannten Liebestrank eingab, um sich dessen Gunst zu erwerben, aber natürlich tötete er ihn damit. Diese Eingeborenen geben sich für ihr Leben gern mit Giftmischereien ab!« fügte er lachend hinzu.

»So wußten Sie also, daß er sterben würde?«

»Ja, ich wußte, daß er krank war. Sie werden doch gewiß nicht von mir erwartet haben, daß ich hätte eingreifen sollen, um das Leben meines Nebenbuhlers zu retten? Der Mann ist mir zudem zuwider, und ich würde mich freuen, wenn er stürbe. Doch wird er jetzt nicht sterben, da Sie den Preis für sein Leben bezahlen wollen. Aber auch ich bezahle einen Preis. Ich habe jedoch niemals die Kosten gescheut, wenn es ... ein Juwel zu erstehen galt. Habe ich es Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie mir noch einmal erobern werde? Fühlen Sie meinen Fuß nun auf Ihrem Nacken?«

»Ja,« flüsterte ich kaum hörbar.

»Ich werde zehntausend Pfund verlieren, die Kommissionsgebühr für die Perlen; denn Thorold wird niemals in den Kauf willigen, solange er atmet. Außerdem werde ich mir in der Rani Sundaram eine gute Kundin und Gönnerin verscherzen. Sie wird wütender sein, als eine Tigerin, der man ihre Jungen geraubt hat. Dies alles verliere ich ... dafür aber gewinne ich Sie.«

Triumphierend schaute er mich an; eine dick angeschwollene Ader lag auf seiner Stirne. Mir fiel ein, daß dieser von der alten Rani ins Werk gesetzte Versuch, Thorold zu vergiften, wohl nicht der erste war, denn jener frühere Malariaanfall hatte sicherlich auch seinen Grund in der Beibringung eines Giftes gehabt. Hatte Ibrahim auch darum gewußt? Ein Schauder erfaßte mich, wenn ich an die eben getroffene Abmachung dachte. Und noch sah ich keinen andern Ausweg.

Ibrahim ließ mir keine Zeit zum Nachdenken. »Wenn ich aber mein Versprechen erfüllt habe, was bürgt mir dafür, daß Sie auch das Ihrige halten?« fragte er.

»Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben.«

»Bah, das Ehrenwort einer Frau! Nein, ich will ein Unterpfand haben. Geben Sie mir seinen Ring ... Ja, ja, Sie wurden beobachtet, als Sie den Ring von ihm erhielten. Diesen Ring muß ich haben, sonst ist alles vorbei ... das heißt, es ist um ihn geschehen!«

»Ich weiß, daß ich in Ihrer Macht bin. Gott helfe mir!«

Ich glaubte wahnsinnig zu werden, als ich Maxwells Ring von meinem Finger zog, und doch mußte ich auch dieses Äußerste über mich ergehen lassen, und ich ertrug es. Galt es nicht sein Leben?

»Und nun das Gegengift!« sagte ich ungeduldig, endlich von dem etwas zu hören, was all mein Sinnen beschäftigte.

»Werde ich sogleich bereiten. Ich kenne das Samenkorn, das unschätzbare kleine Körnchen, das Mr. Thorold rettet, und verstehe ein Tränkchen davon zu bereiten, das ihn aus den Armen des Todes reißen wird ...«

Ein Geräusch veranlaßte mich, aufzublicken. Ich bemerkte Munasawmy, der aus der Dachöffnung hervorschaute und mir lebhafte Zeichen machte, um anzudeuten, daß es höchste Zeit zum Fortgehen sei. Aufgeregt nickte ich ihm zu. Und plötzlich wandte ich mich an Ibrahim mit der Frage: »Haben Sie eine Ahnung, was für eine Art Gift es ist?«

»Ja, es wird Atropin sein. Man braucht nur eine Schüssel mit einem Blatt der Tollkirsche zu bestreichen und die Speisen darauf anzurichten, so ist die Wirkung schon da. Damit werden weit sicherere Ergebnisse erzielt, als mit vielen andern ungeschickt zusammengesetzten Mixturen.« – Er sprach mit der Geringschätzung eines Sachverständigen. – »Das Gegengift verfehlt aber seine Wirkung niemals, wenn es beizeiten angewendet wird.«

Ein unwillkürlicher Schauder schüttelte mich. Ich stand auf, und Ibrahim fest ins Auge fassend, sagte ich: »Was würden Sie sagen, wenn ich nun plötzlich von diesem Dach aus die Polizei zu Hilfe rufen, die Stadt in Aufruhr versetzen und das Verbrechen über ganz Indien ausschreien wollte?«

»Was ich dazu sagen würde?« entgegnete er kaltblütig. »Ich sage, daß, noch ehe Sie die Polizei herbeirufen oder die Stadt in Aufruhr versetzen könnten, Sie erdrosselt in irgend einen Brunnen geworfen würden.«

Er lächelte höhnisch. »Sie sehen, so ganz zivilisiert sind wir in Indien immer noch nicht.«

Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich zum Gehen.

»Aber es war ja nur eine Hypothese,« fuhr er fort, dicht an meiner Seite bleibend. »Heute in einem Monat werden wir verheiratet sein, und Thorold soll auch zur Hochzeit eingeladen werden. Doch nun muß ich mich rasch ans Werk machen, und auch Sie, meine schöne, tapfere Pamela, haben keine Zeit mehr zu verlieren.«

Ehe ich ihn daran hindern konnte, hatte er meine Hand erfaßt, die er trotz meines heftigen Sträubens mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Hierauf führte er mich zur Treppe, der Schleier fiel über mein Gesicht, und fünf Minuten später saßen Munasawmy und ich wieder in der Jutka und fuhren rasch davon.

Als wir in die Hauptstraße gelangten, gab ich dem Kutscher einen Befehl, doch hieß ich ihn nicht, wie Munasawmy wohl erwartete, möglichst schnell nach dem Palaste der Radscha fahren, sondern trotz dem heftigen Abraten meines Begleiters mußte jener die Richtung nach der Residenz einschlagen, indem ich ihn zugleich zu höchster Eile anspornte.

Dann hielt der Wagen vor dem Gebäude der englischen Residenz, worin mein Verlobter jetzt krank lag. O wie gern wäre ich zu ihm geeilt, um ihn zu sehen! Aber ohne Besinnen fragte ich den Wachposten nach Doktor Flemming. Der Arzt war jetzt die Hauptperson, und ich hatte auch keine Zeit zu verlieren, schon des armen Hindu wegen, dem aus Angst, seine Entfernung könnte entdeckt werden, die Zähne klapperten.

Aber ich? Konnte ich nicht in der Stadt bleiben? Mußte ich mit Munasawmy in den Palast zurückkehren? ... Ja, sagte ich mir. Jetzt, wo Mr. Thorold krank lag und zur Untätigkeit verurteilt war, durfte ich meinen Posten nicht verlassen, ehe ihm der ganze Sachverhalt bekannt war. Wer weiß, ob es nicht seine Pläne durchkreuzen würde!

Doktor Flemming erkannte ich kaum wieder, einen solch mutlosen und abgematteten Eindruck machte er. Mein Anblick überraschte ihn aufs äußerste.

»Miß Ferrars! Sie! Was ist geschehen?«

In fliegender Eile und nur das Notwendigste berichtend, erzählte ich ihm, auf welche Weise die Rani Sundaram Mr. Thorold langsam vergiften lassen wolle.

»Also durch den Koch? Auch ich dachte immer an Gift, aber vergeblich habe ich mich Tag und Nacht abgemüht, der Krankheit auf die Spur zu kommen ... Atropin! Nun ist unser Freund gerettet! Ich kenne die Gegenmaßregeln, die ergriffen werden müssen ... Aber der Kerl hat zum letzten Male gekocht! Ich lasse ihn sofort verhaften, und der englische Richter wird ihm schon sagen, was auf Giftmischerei steht! ... O Miß Ferrars, verzeihen Sie, wenn ich Sie verlasse, aber Mr. Thorold soll keine Sekunde länger als nötig der Wirkung des Giftes ausgesetzt bleiben!« ...

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Max war gerettet! O dem Herrn sei es gedankt, der mich dem Hindumädchen helfen ließ! Wie reich belohnte sich jetzt die kleine Selbstüberwindung, womit ich in jener Lärmnacht dem einlaßflehenden Mitmenschen die Tür geöffnet hatte! Was hätte mir sonst bevorgestanden! Welches Unheil hätte mich betroffen dadurch, daß Max dem Mordversuch zum Opfer fiel! ... O ich wußte, Doktor Flemming würde ihn retten! Die Zuversicht schaute ihm aus den Augen ... Nun mochte Ibrahim kommen! Seine Hilfe war nicht mehr nötig, und ich brauchte nicht mehr vor der Abmachung zu zittern, deren bloße Erinnerung mich mit Ekel und Schauder erfüllte. Gott sei Lob und Preis!

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»Es ist alles in Ordnung, Missy,« sagte Munasawmy, der sein Möglichstes getan hatte, sich auf dem engen Karren in einer gewissen ehrerbietigen Entfernung von mir zu halten. »Wir werden leicht hineinkommen: alle sind noch ganz verrückt von lauter Hochzeitstrubel.«

Wir waren durch ein Seitenpförtchen in den Palast eingetreten und kamen ohne Anstand an den schläfrigen Schildwachen vorbei, denen Munasawmy, mich unsanft vor sich her stoßend, zurief: »Es ist meine Schwester, die auch etwas von der Tamasha sehen will!«

Im Innern des Palastes trafen wir mit verschiedenen dichtverschleierten Gestalten zusammen, die lautlos durch die Gänge huschten. Sicherlich war ich nicht das einzige weibliche Wesen, das an diesem Abend in der Stadt gewesen war. Sogar Begur entdeckte ich, doch zum Glück noch so zeitig, daß ich mich in den Schatten eines Pfeilers flüchten konnte, bis sie vorüber war. Meinen Punkah-Kuli fand ich noch immer sanft schlummernd; Munasawmy hatte ihm wohl ein Schlaftränkchen beigebracht.

Er war mir bis vor meine Zimmertür gefolgt. Nun flüsterte er mir zu: »Habe meine Sache gut gemacht? Großes Wagnis für Munasawmy. Wie ist es mit dem Lohn?«

Dies war das zweite Mal in dieser Nacht, daß ein Mann einen Lohn von mir forderte. Dieser hier aber hatte sich den seinen reichlich verdient.

»Ich werde mein Wort halten, Munasawmy. Gehen Sie jetzt.«

Kaum hatte ich mein Zimmer betreten, so riß ich das indische Gewand ab, wusch Hände und Arme und warf mich, das Gesicht der Wand zukehrend, aufs Bett. Aufs äußerste erschöpft von der überstandenen Anstrengung und Aufregung versank ich bald in tiefen Schlaf.

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Am nächsten Morgen machte ich mich wie gewöhnlich an die Arbeit, wartete dabei aber in fieberhafter Spannung mit unausgesetzt lauschenden Ohren und zitternden Nerven auf Nachricht – auf irgend ein Zeichen, eine Mitteilung.

Allein fünf endlose Tage verstrichen, ohne mir die leiseste Kunde von draußen zu bringen. Endlich eines Nachmittags spät kam Begur in mein Zimmer geschlichen und legte eine Visitenkarte Maxwell Thorolds vor mich hin.

»Er ist im kleinen Salon, neben dem Audienzsaal, und wünscht die Miß Sahib sogleich zu sprechen.«

Ich stand unverzüglich auf und folgte ihr. Wenn ich es gewagt hätte, wäre ich ihr am liebsten vorausgeeilt; mit solcher Macht drängte es mich zu meinem Besucher.

Ich fand Max in einem kleinen gelben, nach europäischem Geschmack eingerichteten Salon. Bei meinem Eintritt erhob er sich mit sichtlicher Anstrengung, denn er war augenscheinlich noch entsetzlich schwach. Dabei sah er geisterhaft blaß aus und war zum Skelett abgemagert. Aus seinen Augen aber blitzte kühne, wilde Entschlossenheit.

»Ach, geht es dir besser?« fragte ich, ihm beide Hände entgegenhaltend. »Aber du hättest noch nicht ausgehen sollen.«

»Ich mußte kommen, und wenn es mein Leben gekostet hätte. Ich wäre gestorben, wenn man mich daran gehindert hätte. Aufklärung wollte ich mir holen ... hierüber,« sagte er mit stockendem Atem.

Hierauf setzte er sich und hielt mir mit seiner zitternden Hand den Ring entgegen, den er mir geschenkt und den ich weggegeben hatte. In sprachloser Verzweiflung starrte ich den Ring und dann wieder Max an, während sein Blick starr auf mir ruhte.

»Ibrahim rühmte sich, er habe ihn von dir erhalten,« fuhr er mit leiser, matter Stimme fort. »Aber natürlich hat er ihn gestohlen!«

»Nein,« antwortete ich, unwillkürlich zitternd, »ich habe ihm den Ring wirklich gegeben ...« Es drängte mich, ihm alles zu sagen, aber die Zunge war mir wie angeklebt.

»Und du ... du« – er sah aus, als müsse er ersticken – »Es war alles keine Lüge?«

»Nein ...« flüsterte ich.

»O mein Gott, bin ich denn noch bei Verstand?« rief er und versuchte dabei vergebens, von seinem Stuhle aufzustehen. »Nein, nein, ich muß verrückt sein ... dir verdanke ich ja mein Leben, aber der Schurke behauptet, du habest ihm versprochen, ihn zu heiraten, worauf ich ihn natürlich zur Tür hinauswerfen ließ.«

»Ach, es ist ja alles wahr!« sagte ich, die Hände ringend. »Höre mich nur an!«

Allein Max vermochte nichts mehr zu hören. Noch während ich sprach, sah ich ihn wanken, dann neigte er sich plötzlich nach vorn, fiel mit dem Kopf zwischen die ausgestreckten Arme auf den Tisch und rührte sich nicht mehr.

Hatte ich ihm nur darum das Leben gerettet, um es ihm im nächsten Augenblick wieder zu nehmen? Mrs. Evans' Tod fiel mir plötzlich ein, und es war mir dabei, als dringe ein Schwert durch meine Seele. Brachte ich meinen Freunden stets Unglück? Ich legte meine Hand auf die seinige – sie war schlaff und kraftlos. Nun rannte ich in den Audienzsaal hinaus und schrie wie verzweifelt um Hilfe.

Leute liefen auf mein Rufen zusammen. Auch Doktor Flemming kam aus dem Wagen, wo er gewartet hatte, herbeigelaufen. Seine sonst so lustigen Augen blickten mich nichts weniger als freundlich an, und während er sich dann bemühte, Max zum Bewußtsein zurückzubringen, wandte er sich plötzlich um und sagte barsch zu mir: »Wir bedürfen Ihrer Hilfe nicht, Miß Ferrars. Sobald Mr. Thorold wieder zu sich kommt, bringe ich ihn nach Hause. Dieser Besuch hier kommt einem Selbstmord gleich. Überhaupt ist es besser, er sieht Sie vorerst nicht wieder.«

Das war der grausamste Schlag, der mich bis jetzt getroffen hatte. »Es ist besser, er sieht Sie vorerst nicht wieder!« hatte er gesagt. Und eine Stimme in meinem Innern wiederholte diesen Ausspruch fortwährend.

Verzweifelt, außer mir, halb besinnungslos lief ich, ohne eine Aufforderung zum Eintritt abzuwarten, zu meiner lieben, gütigen Beschützerin, der Rani, und sagte atemlos: »Eure Hoheit. Ich flehe Sie an, erlauben Sie mir, den Palast auf einen Monat zu verlassen. Ich befinde mich in großer Sorge und Bedrängnis und möchte ins Gebirge zu einer Freundin gehen ... O Rani, wenn Sie mich schätzen, wenn Sie finden, daß ich Ihren Kindern von Nutzen war, so helfen Sie mir im Namen Ihrer Götter und meines Gottes!« schloß ich, in Tränen ausbrechend.

»Die Rani Sundaram hat sich in ihre Privatgemächer eingeschlossen,« antwortete sie gütig. »Sie ist krank, mit andern Worten entsetzlich böse und zornig, und ich, ach, ich habe, wie Sie ja wissen, gar keine Macht. Ich will es aber trotzdem versuchen.«

»Sie sind die Mutter des Radscha, die Mutter meiner Schüler. Helfen Sie mir, daß ich noch heute abend den Palast verlassen kann,« flehte ich. »In drei Wochen werde ich wieder hier sein.«

Ich mußte ja zurückkehren, solange ich nicht von meinem Versprechen befreit war, wenn ich aber jetzt im Palast verbleiben sollte, so würde ich sicherlich den Verstand verlieren. Von Mrs. Dalrymple hatte ich einen ungemein herzlichen Brief erhalten, worin sie mir zu meiner Verlobung mit dem besten aller Männer Glück wünschte und mich bat, so bald als möglich zu ihr zu kommen. Sie gab eine reizende Beschreibung ihres von Jasmin umrankten Landhauses, ihres Gartens, wo Veilchen, Nelken, Rosen und Orangenbäume blühten, und rühmte die wundervolle Aussicht und herrliche Gebirgsluft in wahrhaft verlockenden Ausdrücken. Wenn ich mir den Ort vorstellte, wo sie weilte, so schien es mir, als ob dort der Himmel, um mich her aber die Hölle sei.

Meine Tränen, meine eindringlichen Bitten und meine Beredsamkeit trugen gute Früchte. Die kleine Rani faßte den kühnen Entschluß, mir Urlaub zu geben, ohne irgend jemand außer ihrem Bruder etwas davon zu sagen. Es wurde beschlossen, daß ich mich im Morgengrauen nach der Station Bowenpillay auf den Weg machen sollte. Ich packte nur einen kleinen Koffer, beglückte Munasawmy mit einem Geldgeschenk, das für ihn Reichtum bedeutete, und fuhr dichtverschleiert und von Shumsha-Lal persönlich geleitet, mit rasender Geschwindigkeit in einem Staatswagen nach der Station, wo ich rechtzeitig den nach Jollapett und Mettapollum abgehenden Frühzug erreichte.

Für drei Wochen wenigstens war ich frei!

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