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Die Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorGustav Wied
titleDie Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
illustratorA. Gestwicki
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080827
projectid4c9e67a2
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I.

Villa Rörholm, Kopenhagen, den 6. Mai.

Lieber Oberclausen!

Du hast im Laufe des Winters mehrmals davon gesprochen, daß Du, wenn es nach dem Kalender, an den wohl kein Teufel mehr glaubt, Sommer würde, ein wenig hinauswolltest, um Dein pädagogisches Skelett zu lüften.

Nun hat mir ein verrückter Doktor geraten, Karlsbad zu besuchen. Mein Magen ist ja schon lange, ebenso wie die Landwirtschaft und die Frauenzimmer, nicht so gewesen, wie er sollte. Du weißt, ich habe Dir erzählt, daß er – nun Du liebst ja die Details nicht, aber kurz, das Leben ist hart!

Natürlich halte ich eine Karlsbader Kur für Humbug. Da aber auch ich das Bedürfnis habe, andere Tiere und Menschen zu sehen, so reise ich.

Willst Du mit?

Ich mache mich hierdurch mit Namensunterschrift verantwortlich, Deine sentimentalen Knochen nach Gammelköbing zurückzubringen!

Lebend oder tot!

Und solltest Du momentan nicht im Besitze des erforderlichen Betriebskapitals sein, obwohl Gott und alle Welt weiß, daß Du einer der schlimmsten Geizkragen in Gammelköbing bist, will ich Dir gern das Nötige vorschießen.

Jedoch innerhalb gewisser Grenzen.

Ich habe gedacht, ich wollte alle Transportkosten, Übergewicht, Droschke, Straßenbahn eingerechnet, tragen. Essen, Trinken, Logis und Frauengunst dahingegen mußt Du selber bestreiten.

Als Gentlemen, die wir sind, reisen wir selbstredend erster Klasse.

Aber das schert Dich ja also nichts.

Heute in vierzehn Tagen, morgens 10 Uhr 10 Minuten, starten wir von dem schönen Hauptbahnhof in Kopenhagen. Aufenthalt in Berlin und Dresden; und dann weiter über Bodenbach nach der Schwemme!

Willst Du also mit?

Antwort umgehend erbeten.

Alles überflüssige Getratsche verbeten!

Dein getreuer
H.P.G. Knagsted.

»Die »Villa Rörholm« liegt draußen an einem der kleinen Frederiksberger Seitenwege, wohlgeborgen in einem großen alten Garten mit einem morastigen, schleimigen Wasserloch in der Mitte.

In dem Wasserloch wächst in günstigen Sommern außer Schafgarben und Entenflott ein kleiner niedlicher Wald von drei- bis vierundzwanzig langen, bleichsüchtigen Röhrichtpflanzen (davon Wohl der Name der Villa) sowie fünf Wasserrosen und ein Schwan. Sowohl der Schwan wie auch die Wasserrosen sind von Blech und werden jeden Frühling um Pfingsten angemalt. Die Wasserrosen sind mit Blumen und Blättern an langen Stöcken befestigt, die in den Boden »des Sees« hineingebohrt werden ... und der Schwan schwimmt auf einem hölzernen Bricken, der mit Hilfe von Rollen und Steinen ein paar Zoll unter dem Wasserspiegel schwimmend gehalten wird. Das Ganze sieht außerordentlich zierlich aus. Und wenn man mit einem Ruder kräftig in das Wasser schlägt, bewegen sich das Tier, die Blumen und die Rohrhalme auf außerordentlich lebhafte Weise.–

Knagsted hatte den Besitzerinnen des Hauses vorgeschlagen, eine Diana mit erhobener Lanze an dem einen Ufer des Sees anzubringen und an dem andern ein mechanisches Reh, das aufgezogen werden und dann umherspringen und zwischen den Johannisbeerbüschen verschwinden könnte. Und die Damen interessierten sich lebhaft für den Plan.

Aber es war nun wirklich ein herrlicher Garten mit großen, grünen Rasenplätzen und mächtigen Bäumen und einem breiten, schattigen Nußgang am Wege entlang.

Und das Haus selber war traulich und gemütlich: ein langes, ockergelbes, einstöckiges Gebäude mit großer, dreifenstriger Mansarde in der Mitte, rotem Ziegeldach und Schlingrosen um die perlgrauen Türen und Fenster.

Im Erdgeschoß wohnten die Besitzerinnen, zwei alte Fräulein Paludans, Karoline und Emmy, Töchter eines Propstes. Und in der Mansarde wohnte »Esau« Knagsted, benamset »die leibhaftige Bosheit«.

Wie »Gott und alle Welt« weiß, war Knagsted Zollkontrolleur in Gammelköbing gewesen. Aber als der alte Konsul Mörch starb und ihm etwas Geld hinterließ – viel Geld, sagte man –, hatte er seinen Abschied genommen und war in die gelobte Stadt Kopenhagen gezogen.–

Gleich nachdem er dort hinzog, hatte er in einem Pensionat am Vaernedams-Wege gewohnt, aber das konnte er nicht lange aushalten, da das Pensionat seiner Aussage nach hauptsächlich mit »verrückten Frauenzimmern« bevölkert war und die Pensionatsdame selber eine Klappe vor dem linken Auge trug. – Und dann eines Tages, als er seine allmorgendliche Radeltour machte, war er an dem Garten der Villa Rörholm vorübergekommen, und an der Gitterpforte war mit Briefmarkenpapier ein kleiner Zettel befestigt, auf dem zu lesen stand: Mansarde von drei Zimmern und Bodenkammer p.p. zu vermieten.

Augenblicklich ging er hinein, fand Gefallen an der Wohnung und den Damen – namentlich weil die eine taubstumm war – und mietete die Mansarde auf fünf Jahre.

Es wären jedoch noch beinahe Schwierigkeiten entstanden, bevor der Mietskontrakt ordnungsmäßig abgeschlossen war. Denn als Knagsted die drei Zimmer und die Bodenkammer besichtigt hatte, verlangte er, was durchaus billig war, zu wissen, was dies p.p. verberge, das unten auf dem Plakat stand. Damit wollte indessen Karoline, die redefähige Schwester, nicht heraus. Sie errötete, zitterte und schlug die Augen nieder. Und als Emmy die taubstumme, ihre Verlegenheit sah, holte sie schnell eine Tafel und einen Griffel hervor, um die Ursache aufzuschreiben. Kaum aber hatte sie das Rezept gelesen, als sie errötend und zitternd kehrtmachte und wie ein kleiner, sausender Windstoß die Treppe hinunterfuhr.

»Na,« sagte Knagsted ein wenig ungeduldig, »was soll denn daraus werden?«

Karoline stotterte:

»Aber mein Herr – Sie – Sie – es ist ja – Sie können doch recht verstehen –«

»Nein,« sagte Knagsted, »ich verstehe keinen Muck! Warum haben Sie p.p. auf das Plakat gesetzt, wenn da kein p.p. ist?«

»Ja, da ist eins! Ja, da ist eins!« nickte die Dame. Und plötzlich machte sie kehrt wie die Schwester und eilte die Treppe hinab, indem sie im Vorübereilen auf eine kleine Tapetentür am Ende des Ganges zeigte und sagte:

»Da! da!«

Knagsted ging still hin und öffnete die Tür.

Es war das niedlichste Klosett mit Dachfenster, weißer Gardine, Luftrohr, Seidenpapier auf einer Rolle ... und so weiter.

Verständnislos schüttelte er den Kopf.

»Ich könnte es begreifen.« sagte er, »wenn das schöne Geschlecht nicht selber genötigt wäre, einen solchen Raum zu besuchen. So aber! ... Wo zum Kuckuck kriegen sie die Affektationen her? Ich glaube, diese Satansdichter und ihre albernen Verse verderben sie.«

Von neuem betrachtete er die Lokalität:

»Und noch dazu dies hier, das geradezu stimmungsvoll wirkt!«

Es war am Morgen zwischen acht und neun, am zweiten Tage, nachdem die sogenannte leibhaftige Bosheit die Karlsbader Epistel nach Gammelköbing abgesandt hatte ... an einem schönen Maienmorgen mit Sonne, blauem Himmel, Vogelgezwitscher und dem Duft harziger Kastanienknospen.

Knagsted hatte seinen Morgenkaffee getrunken und seine zwei mit Butter bestrichene Weizenzwiebäcke gegessen. Das Teebrett mit der Anrichtung hatte er in das Flurfenster vor seiner Tür gestellt und saß nun tief in einer dunklen Sofaecke, aus seiner langen Pfeife paffend. Und über dem Sofa an der Wand hinter seinem Rücken hingen drei wohlgelungene Bilder von seinen drei Idealen: Napoleon, Bismarck und Wilhelm Beck ...Wilhelm Beck ist der Stifter der inneren Mission in Dänemark.

Ein Nebel, ein Tabaksqualm erfüllte das Zimmer, und der Raucher in der Sofaecke glich einem Zauberer aus Tausendundeiner Nacht, der da saß und Bubenstreiche braute, um, wenn sie sich so recht verdichtet hatten, die Fenster zu öffnen und sie in die Sonne hinauszulassen, in die Welt hinaus, über die Menschen ... »das Pack«!

Und doch sah Knagsted jetzt ganz außerordentlich zivilisiert aus. Sein struppiges Haar und der wirre Bart, die ihm in der Gammelköbinger Zeit den Namen Esau verschafft hatten, waren jetzt gestutzt und wohlgepflegt und in den richtigen künstlerischen Grenzen gehalten. Selbst die Haarbüschel in den Ohren waren verschwunden. Nur die buschigen Augenbrauen und die behaarten Hände und Handgelenke verrieten noch seine »satyrischen Neigungen«.

Der Kleidung nach glich er einem recht wohlhabenden Kammerrat oder einem schwedisch-norwegischen Konsul aus einer kleineren Provinzstadt: graubrauner Jackettanzug, weißer Kragen, keine Manschetten, blaupunktierter Schlips und Stiefel mit Gummizügen.

Die Entreetür unten schellte. Und nach einer Weile erschallten Schritte auf der Treppe.

Knagsted runzelte die Stirn. Er mochte nicht gern gestört werden, während er »präparierte«, wie er es nannte.

Es wurde diskret an die Tür geklopft.

Knagsted sagte kein Wort, sondern schielte wütend nach dem Türdrücker hinüber, der sich langsam herumdrehte.

»Wer ist da?«

Die Tür tat sich auf, und Oberlehrer Clausen stand da, lang, mager und lächelnd, in grauen Beinkleidern und Diplomatenrock.

»Was zum Teufel willst du?«

»Guten Morgen, lieber Freund!«

»Was willst du hier um diese Zeit?«

Der Oberlehrer nieste in dem Tabaksqualm.

»Bester Freund, daß du kein Fenster aufmachst! Und es ist doch das herrlichste Frühlingswetter!«

Esau erhob sich langsam von seinem dunklen Sitz und schritt durch den Nebel. Und ohne ein Wort zu sagen, ging er an seinem Gast vorüber und zur Tür hinaus.

»Kann ich nicht ein paar Fenster aufmachen, Knagsted?«

»Ja!« –

Die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, stand Clausen da und sah in den Garten hinab. Der schwarze Schoßrock war zur Seite geglitten und ließ seine mageren Beine in ihrer ganzen eckigen Länge sehen. Von hinten gesehen, glich er einem der alten hölzernen Pferde aus den Zeiten der Leibeigenschaft, dem ein humaner Gutsbesitzer, um es weniger schreckeinflößend zu machen, ein Paar graukarierte Beinkleider hatte anziehen lassen.

Die Morgensonne hing warm über Bäumen und Rasenplätzen. Unten vom Nußgang am Wege her ertönte das einförmige Kratzen einer Harke, die regelmäßig über den Kies hin und her geführt wurde. Geschäftige, summende Bienen umkreisten die Aurikeln und Tausendschönchen auf den Rabatten der Rasenplätze. Und von den fernen Alleen und Straßen her vernahm man das gedämpfte Klingeln der Straßenbahnen.

Der Oberlehrer sog die warme, feuchte Luft mit innigem Wohlbehagen ein. Den Hut hatte er auf einen Stuhl gelegt, und er erhob das Gesicht und ließ die Sonne seine Stirn, seine Augenbrauen und seine alten, feingeröteten Kinderwangen bescheinen.

Ein Plätschern und einige merkwürdig unartikulierte Laute wurden hörbar. Erschrocken öffnete der Oberlehrer die Augen und sah nach der Seite hin. Es war die taubstumme Emmy, die unten am Ufer des »Sees« stand und mit einem langen Stock in Form eines Ruders im Wasser plätscherte. Die kurzen, bleichsüchtigen Schilfhalme neigten sich, die Wellen gingen hoch, und Wasserrosen und Schwan wiegten sich gar lieblich. Auf einer weißgestrichenen Bank saß die redefähige Karoline unter einem noch ganz kahlen Fliederbusch; sie schaute träumend zu, während die Schwester in ihrer Naturfreude rohrdrosselartige, kleine Schreie ausstieß.

Knagsted kehrte von seinem Ausflug zurück. Über seiner Stirn lag ein finsterer Schatten.

»Das sieht reizend aus!« sagte Oberclausen und zeigte auf das Genrebild im Garten.

»Entzückend! ... Du kannst sicher Erlaubnis bekommen, mitzuspielen.«

Clausen sah ihn bekümmert an:

»Wie ging es da draußen?«

»Z.g.«

»Herrgott! du auch! ... Aber du sollst sehen, es wird besser, wenn du nach Karlsbad kommst.«

»Meinst du?«

»Ja, natürlich!«

»Hm! ... Kommst du denn mit? Warum zum Teufel bekam ich gestern keinen Brief von dir, wie ich dir doch geschrieben hatte?«

»Nein, ich wollte lieber mit dir reden.«

»Kommst du mit, frage ich?«

»Ich finde fast, es ist zuviel, daß du auch für mich bezahlen sollst.«

»Dann bezahl' selber; darüber werden wir uns schon einigen.«

»Nein ... ja ... das heißt ... «

Knagstedt faßte ihn am Rock und versuchte, ihn zu schütteln:

»Kommst du mit, oder kommst du nicht mit?«

Clausens Augen strahlten, und er lächelte durchgeistigt:

»Wie herrlich würde es sein, nach Dresden zu kommen und die Gemäldesammlung zu sehen!«

»Du kommst also mit?«

Der Oberlehrer starrte träumend vor sich hin, als sähe er über ein Meer von Glückseligkeit hinaus.

»Ja, ja!« nickte er. »Hab' Dank, daß du an mich gedacht hast!«

»Keine Ursache. Ich hatte ja sonst niemand.«

»Wenn man sich denkt,« flüsterte Clausen in poetischer Ekstase und preßte seine Hand gegen das Herz, »die herrlichen Kunstwerke zu sehen, von denen man während seiner ganzen Jugend geträumt hat!«

Der Zollkontrolleur packte ihn hart beim Arm:

»Clausen!«

»Ja!«

»Schläfst du?«

»Ob ich schlafe ...?«

»Ja, ich meine, kannst du verstehen, was ich zu dir sage?«

»Verstehen? Warum sollte ich nicht verstehen können?«

»Ach, du machst ein so schafdämeliges Gesicht! Setz' dich da auf den Stuhl hin!«

Clausen setzte sich. Knagsted legte eine Hand auf seine Schulter und sagte:

»Ich will ein kolossales Diner bei Hiller Unter den Linden geben, wenn du mir eins versprechen willst.«

»Und das wäre?«

»Du darfst alle Gerichte selbst wählen; und du brauchst gar keine Rücksicht auf mich zu nehmen.«

»Was soll ich denn versprechen?«

»Und auch den Wein darfst du wählen; alles, was du am liebsten magst!«

Clausen wand sich, denn ihm ahnte etwas Furchtbares.

»Ja, aber was soll ich denn versprechen?«

»Du sollst dich auf Ehre und Gewissen verpflichten, wenn wir nach Dresden kommen, nicht hineinzugehen, um die Raffaelische Madonna zu besehen!«

»Ja, aber liebster, bester Freund ... «

Knagsted hielt ihm die Hand hin:

»Dein Wort?«

»Nein ... nein ... was sollte man dann wohl in Dresden?«

Esau lachte höhnisch:

»Ja, das dacht' ich mir, das dacht' ich mir ja!«

»Ja, aber liebster Freund!«

»Ist dir denn nicht schon längst schlimm und übel geworden, wenn du alle die männlichen und weiblichen Lehrkräfte vor Entzücken über dies Frauenzimmer aufjauchzen hörst?«

»Nein,« lächelte Clausen entzückt, »nein ... nein!«

Und er schloß die Augen und verging fast in der Ekstase der Erwartung.

Knagsted sah finster auf ihn herab:

»Wird sie ohnmächtig, die alte Klosterdame?« fragte er dann. »Da steht Wasser auf der Kommode!«

Und sie fuhren nach dem Strandwege hinaus. –

Die Frühlingssonne hing warm und strahlend über Bäumen und Häusern, und draußen auf den blauen Wogen des Sundes glitten Schiffe und Boote mit Dampf, Segeln und Rudern dahin.

Die meisten Villen standen noch leer mit geschlossenen Läden. Aber ringsumher in den Gärten knospten die Büsche, und geschäftige Männer und Frauen gruben, hackten, säten und pflanzten. – –

Oberlehrer Clausen erhob sein Antlitz gen Himmel wie eine Sonnenblume im August:

»Hier ist es wunderschön!« sagte er. »Wunderschön!«

»Wunderschön!« nickte der Exzöllner. »Und dann riecht es hier so herrlich nach Dünger und verfaultem Tang.«

»Ja, aber das gehört doch gerade zu dem Sommer mit dazu!«

»Hm, ja!«

Zwei Radler sausten vorüber: weißer Flanell, nackte, behaarte Arme und Beine und Gesichter und Hälse wie Hummer in Mayonnaise.

»Das ist eine häßliche Menschenrasse!« sagte Knagsted. »Sie fahren sich die Seele aus dem Leibe und enden voraussichtlich in Zukunft einmal als zwei große, bewegliche Schenkel.«

»Radeln Sie nicht etwa selber, mein Herr?« fragte Clausen schelmisch.

»Ja, das tue ich«, nickte Knagsted ruhig. »Aber ich fahre mit Delikatesse und Anstand! Ich habe mein Gehirn nicht zu einem Kilometeranzeiger gemacht, will ich dir sagen! ... Du solltest dir auch so ein Fuhrwerk anschaffen, kleiner Oberlehrer!« und sah dann wissenschaftlich an seinem langen Freund auf und nieder. »Du würdest dich großartig machen auf einem Waldwege! Namentlich wenn du dir ein Paar kleine weiße Taubenflügel auf den Rücken deines Diplomatrockes nähtest ... Du könntest das Ideal eines Morgenspazierganges personifizieren.«

Clausen lachte laut und herzlich. Er war in strahlender Sommerlaune, so wie die Sonne:

»Und du, womit hast du denn Ähnlichkeit?« fragte er.

»Mit einem Stachelschwein, das guter Hoffnung ist.« sagte Esau – »das weiß ich sehr wohl. Aber ich bin auch nur zum Schrecken und zur Warnung hier auf die Welt gesetzt, während du dahingegen in erster Linie veredelnd und begeisternd wirken sollst: Dein weißes Haar, deine klassische Nase, deine kindlichen Augen, kurz, dein ganzer idiotisch-geistiger Ausdruck muß ›den Beschauer entzücken und bezaubern‹, so wie gewisse Überlieferungen aus dem Altertum es einem on dit zufolge tun sollen.«

Clausen schlang einen Arm um die Schulter des Freundes und preßte ihn an sich:

»Na, na, na!« sagte er. »Wollen wir uns jetzt nicht das Versprechen geben, daß wir gut gegeneinander sein wollen, jetzt, wo wir einen Sommer auf uns angewiesen sein werden?«

»Natürlich! ... Aber wollen wir nicht doch, für alle etwaigen Fälle, einige Sicherheitsmaßregeln treffen, einige Eidschwüre ablegen ...?«

»Wie meinst du ...?«

»Ich meine: einige Forderungen aufstellen, die wir respektiert zu sehen wünschen, und dann darauf schwören, daß wir unsere Versprechungen nicht brechen wollen.«

»Hm, ja –«

»Aber ich schlage vor, daß es nur negative Forderungen sein dürfen; ich bin nämlich kein Freund von irgendwelchem Zwang ... Nun kannst du ja anfangen, du bist ja der Älteste.«

»Ja, ich weiß wirklich nicht ... «, lächelte der Oberlehrer sinnend, »ich finde nicht, daß ich –«

»Nun ja! Dann fange ich an! Höre jetzt zu: Erstens mußt du schwören, dich nie mehr zu betrinken, als daß du allein nach Hause gehen kannst.«

»Ja, aber lieber Freund ... «, protestierte Clausen.

»Nun, das kannst du also nicht halten! Dann gehen wir weiter.«

»Nein, nein, du mißverstehst mich!«

»St! Davon reden wir später! ... Zweitens: Ich will unter keiner Bedingung etwas mit deinen eventuellen Frauenzimmergeschichten zu schaffen haben!« (Clausen machte eine ungeduldige Bewegung, Knagsted aber fuhr fort): »Solltest du, sei es in Berlin, Dresden, oder wo wir sonst hinkommen, in irgendeine Art von erotischen Verwicklungen geraten, so mußt du dich unbedingt selbst aus der Patsche ziehen!«

»Aber –«

»Drittens: Du darfst nicht verlangen, daß ich dir immer antworten soll, wenn du es für gut befindest, mit mir zu reden.«

»Ja weißt du was ...«

»Du kannst es ja z.B. lassen, mit mir zu reden!«

»Ja, aber –«

» Viertens – und das ist nun eine mehr positive Forderung – viertens: Du mußt unter Verlustiggehen jeglicher ferneren Reiseunterstützung dich verpflichten, sobald wir in einem neuen Hotel ankommen, dich auf den Gang hinauszubegeben und das jedesmalige W.C, aufzusuchen und mir dann einen Orientierungsplan anfertigen, so daß ich nicht Gefahr laufe, fehlzugehen.«

Clausen schüttelte den Kopf:

» Immer mußt du davon reden!«

Der Exzöllner packte seinen Freund bei der Schulter und drehte ihn zu sich herum:

»Ja, siehst du,« sagte er, »wenn das und einige andere Notwendigkeitsartikel nicht existierten, so endeten du und die Frauenzimmer und ein Haufen anderer ›poetischer Gemüter‹ im Größenwahn im Trallerkasten. Ihr könnt ohnehin schon verrückt genug sein, in dem Maße ist es euch zu Kopf gestiegen, zu den sogenannten ›höchsten Wesen‹ der Schöpfung zu gehören! Aber der Staat hat ganz einfach nicht die Mittel, so viele Wahnsinnanstalten zu gründen, mein Freund ... deswegen solltet ihr und der Staat mir dankbar sein, daß ich hin und wieder einmal die Menschheit daran erinnere, daß sie nicht lediglich aus ›Geist‹ allein besteht!«

Sie kamen nach »Constantia«. Knagsted ließ die Droschke halten und bezahlte den Kutscher.

»Wollen wir jetzt ein wenig in den Charlottenlunder Buchenwald gehen?« fragte er.

»Ja, gern!«

Drinnen im Walde sangen die Vögel und flogen geschäftig mit Strohhalmen und Federn umher. Die Büsche standen mit springenden Knospen da. Der Waldboden war grün. Und die hohen, schlanken Buchen und knorrigen Eichen streckten entzückt die Finger nach der Sonne aus.

»Kannst du wohl sehen, Knagsted, die Anemonen fangen schon an zu kommen«, sagte Clausen und zeigte unter die Bäume.

»Ja,« nickte Knagsted, »die Anemonen kommen schon.«

Der Oberlehrer lächelte glückselig.

»Der Wald wird sicher zu Pfingsten grün! Es ist beinahe unrecht, um diese Zeit außer Landes zu reisen.«

»Es gibt auch wohl anderwärts Wälder.«

»Ja, aber der dänische Frühling, lieber Freund!«

»Na, der kann manchmal recht zweifelhaft sein!«

»Ja, aber dies Jahr läßt er sich so herrlich an!«

»Dies Jahr läßt er sich herrlich an, ja ... Du kannst ja ein paar Photographien davon mitnehmen.«

Aus einer Tannenschonung heraus kamen zwei kleine untersetzte Frauengestalten, jede ihr Rad vor sich hinschiebend. Sie schwitzten, so daß ihnen das Wasser wie glänzendes Öl an den Wangen herablief. Sie hatten weiße leinene Blusen an, trugen kurzes Haar und Radelhosen. Mit dicksohligen Stiefeln stampften sie auf die Erde wie ein Paar Gardisten, und ihre Gesichter waren breit, energisch und sonnengebräunt mit kleinen Schnurrbärten.

Als die Damen vorübergestampft waren, drehte Clausen vorsichtig den Kopf ein wenig um und sah ihnen nach:

»Dieser Frauentypus existierte in meiner Jugend gar nicht«, sagte er.

»Nein, aber damals waren die Frauenzimmer auch noch nicht ›befreit‹! ... Es muß schrecklich sein, so einem Paar Walküren an einem dunklen Abend auf einem einsamen Wege zu begegnen!«

»Hm, ja! Aber glaubst du nicht, daß sie auch einige gute Eigenschaften haben?«

»Sehr wahrscheinlich ... aber man kann es ihnen nur nicht ansehen.«

Der Oberlehrer legte den Kopf ein wenig schelmisch auf die Seite:

»Man kann es dir auch nicht ansehen, lieber Knagsted, daß du eigentlich ein ganz prächtiger und brillanter Mensch bist!«

»Nein, aber man kann es mir ansehen, daß ich ein Mann bin! Man hat eine gewisse Verpflichtung, finde ich, sein Geschlecht zur Schau zu tragen. Das andere ist eine Verwirrung der Begriffe.«

»Hm ...«

»Und dann sind diese hier wohl obendrein Lehrerinnen. Was muß das nicht für eine Jugend werden, die die Frauenzimmer groß – radeln! Die weiß ja schließlich gar nicht mehr, was ein Er und was eine Sie ist! Wenn ich Kultusminister werde (und warum sollte ich es nicht werden?), sollen alle Volksschullehrerinnen mit Perücken gehen, bis ihre eigene natürliche Mähne mindestens eine Elle lang wird! Perücke oder Abschied – ganz nach Belieben!«

Plötzlich hemmte der Zöllner seinen Redestrom und zog den Freund neben sich auf eine Bank nieder, die hinter Buchengestrüpp verborgen stand.

»Still!«

»Aber was ist denn da?«

»Sieh nur, sieh!«

Zwei junge Menschenkinder, ein Mann und eine Frau, kamen Seite an Seite über die zunächst gelegene Lichtung geschritten. Sie gingen Schritt für Schritt, ohne zu reden. Ihr Kopf war verschämt auf die Brust gesenkt, und in den Händen hielt sie eine Blume, die sie in stiller Verlegenheit in lauter kleine Stücke zerzupfte. Er aber schritt rank und siegesstolz einher und sah lächelnd auf ihre geschäftigen Finger nieder. Eine Studentenmütze saß ihm tief im Nacken, und er hatte sich eine halberschlossene Anemone in das Knopfloch seines Jackenaufschlages gesteckt.

Die Sonne schien golden auf ihr Haar, und die Vögel jubelten in den Bäumen rings um sie her. Die Augen des Oberlehrers leuchteten elegisch.

»Der Lenz!« flüsterte er. »Der junge Lenz!«

Der Exzöllner fand auch, daß die beiden Jungen nett anzusehen seien. Aber er mochte es sich nicht merken lassen, und deswegen kniff er ein Auge satyrisch zusammen und sagte:

»Werden wir erotisch, alter Ziegenbock?«

»Pfui,« sagte Clausen und wandte sich empört ab, »immer mußt Du zynisch sein!«

»Ja, das ist nun einmal mein Beruf.«

Der junge Mann war stehengeblieben und hatte seine Hand weich und zögernd auf den Arm seiner Begleiterin gelegt. Er zog ihn aber sofort wieder zurück, als erschrecke er über seine unerhörte Kühnheit.

Auch sie stand still. Die Blume war ihren Händen entfallen; ihre Arme sanken schlaff an den Seiten nieder, und ihr Kopf senkte sich noch tiefer.

»Sieh doch nur die kleine Zuckerpuppe an, wie sie sich kostbar macht!« flüsterte Knagsted.

»St!« sagte Clausen. Sie saßen dort hinter dem Gebüsch auf der Lauer wie ein paar Faune.

Jetzt erfaßte der Student die herabhängende Hand seiner Dame und führte sie an die Lippen. Und da mußte sie ihm wohl ein holdseliges Wort gesagt haben, denn er schlang plötzlich einen Arm um ihre schlanke Taille und preßte sie wieder und wieder an sich.

»Jetzt kommt's!« sagte Knagsted.

Die Dame machte sich sanft frei und bedeutete dem Kavalier, daß er sich passend aufführen solle. Aber er war ganz wild vor Glück! Er faßte sie mit beiden Händen um die Taille, hob sie empor und schwenkte sie herum, so daß ihre Füße in der Luft zappelten.

Esau konnte nicht länger an sich halten; er sprang hinter dem Gebüsch hervor, klatschte in die Hände und rief: »Bravo! Bravo!«

Das Mädchen riß sich schnell los, nahm ihren Freund bei der Hand und wollte mit ihm entfliehen. Sie zog und zerrte.

Der Student aber stand fest. Und in seiner überströmenden Wonne nahm er die Mütze vom Kopf und schwenkte damit zu den beiden alten Herren hinüber.

» Gratuliere!« rief Knagsted.

»Danke! Danke!« schrie der Student.

Dann aber siegte die Dame und riß ihn mit sich fort ... In schnellem Lauf sprangen sie über das Gras dahin und verschwanden zwischen den Bäumen.

Und Knagsted winkte mit der Hand hinter ihnen drein und zitierte Shakespeare:

Adieu, ihr Kleinen! Euch ward schöner Tage Glück;
Die schönen Nächte habt ihr noch zurück!

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