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Die Kanopen

Hugo de Clercq: Die Kanopen - Kapitel 2
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authorH. de Clercq
titleDie Kanopen
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I.

Nicht sehr weit von Paris und ziemlich nahe bei Etampes liegt das Dörfchen Bourceville – ganz im Wald versteckt, so daß die bösen Pariser es noch nicht ausfindig gemacht haben. Und das ist gut für seine Kirche, die einer Scheune ziemlich ähnlich sieht und sicherlich ihre Spottlust reizen würde; aber es ist schade für La Herse (die Egge), denn dies alte Schloß entbehrt nun auch ihrer Bewunderung. Es stammt noch aus dem Mittelalter; das sieht man an den hohen Mauern mit gotischen Bogen und dem niedrigen Thor, das von zwei massigen dicken Türmen flankiert wird. Alles ist von breiten Gräben umgeben, und für manchen Raritätenfreund und Altertumsforscher würde es ein rechter Fund sein, über den er sich verwundern, und an dem er lange herumstudieren könnte. Im Hofe steht ein moderner Bau, Schloß oder Villa, wie man's nehmen will, der ganz stattlich aussieht. Er paßt zwar nicht recht zu dem alten Kastell, aber sein Stil ist so einfach, daß man mit dem jetzigen Besitzer nicht darüber rechten mag.

Hier wohnt Madame Varley mit ihrer Tochter Johanna beinah das ganze Jahr unter Bildern, Stickereien und Kunstsachen aller Art, und es macht ihnen Vergnügen, sie in reizender Unordnung immer wieder neu zu stellen und zu gruppieren.

Madame Varley ist eine gescheite Frau mit gutem Geschmack. Sie stammt aus einer angesehenen Bürgerfamilie in Paris und ist früh Witwe geworden. Die Sorge für ihr Schloß hat ihr über die stillen Jahre der Vereinsamung hinweggeholfen. Wenn ihr auch noch viel zu thun bleibt, damit La Herse wieder aussieht wie ein feudaler Adelsitz, so ist es doch nicht mehr wie ehedem nur ein Pachthof, ganz für den Ertrag eingerichtet, wo der Wald nur ausgerodet wurde, damit man Korn säen konnte. Und wenn Herr Varley, der nur ungern solchen Liebhabereien seiner Frau nachgab – sie brachten ja nichts ein – wieder aus dem Grabe gekommen wäre, so würde er wohl den Kopf geschüttelt und gedacht haben, mit seiner Frau sei es nicht ganz richtig.

Einen Ehrenplatz nehmen jetzt im Schloß die Blumen ein, sie machen ja das Leben so heiter und schön; und dann kommen beständig Verwandte und Freunde als liebe, willkommene Gäste der Schloßfrau und ihrer reizenden Tochter. Johanna paßt besser zur liebenden Gattin wie zur Nonne; ihr Geschmack ist noch feiner wie der ihrer Mutter, ihr Kunstsinn ist noch mehr ausgebildet und vertieft. Die Mutter liebt ihre Tochter nur umsomehr deshalb, sie vergöttert sie, und die Leute finden diesen Kultus der Mutterliebe ganz reizend, ohne sich dabei großen Zwang anthun zu müssen.

Mit achtzehn Lenzen geschmückt, war Johanna in das Alter gekommen, wo in dem jungen Mädchen das Weib aufwacht. Das ist die Zeit des ersten Balles im weißen Kleid, wo das unbedeutendste Wort seine Wichtigkeit, die leiseste Anspielung einen tiefen Sinn hat. Da reden die Blicke und regieren unser Thun und Lassen: da fallen oftmals schon beim leisesten Hauch alle Blüten unsrer Illusionen ab.

Johannas Seele hatte auf einmal Flügel bekommen, nachdem sie bislang geschlafen, wie der Schmetterling, der seine Puppenhülle sprengt. Aber sie behielt ihre jungfräuliche Weihe und blieb frei von jeder verliebten Regung. Sie wurde gesucht und gefeiert ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit wegen; aber kein Tänzer beschäftigte ihre Gedanken längere Zeit. Übrigens machte sie wenig mit. Sie kannte nur die Geselligkeit in der Provinz. Und da hatte sie denn in ihrer feinfühligen Art mit klarem Blick gar bald die Ränke und Schliche dort durchschaut und die Kindereien, die durchaus nicht immer harmlos und unschuldig waren. Doch fiel es ihr nicht ein, nun zu glauben, die Welt habe überall denselben Zuschnitt, so wie sie ihn hier vor sich sah, und daß sie sich dem nun anpassen müsse. Aber ein Gedanke wurde von Tag zu Tag mächtiger in ihr: Paris müsse anders sein, auch die Pariser Gesellschaft sei sicherlich anders. Sie war ja mit ganz liebenswürdigen jungen Leuten zusammen gekommen: aber ihre Liebenswürdigkeit kam ihr so anerzogen vor, ihre Artigkeiten so seicht und flach, ihre Fröhlichkeit nicht anmutig und gewandt genug. Die Gespräche hatten alle eine gewisse Familienähnlichkeit, über das Wetter, Stadtklatsch, fades Geschwätz über Pariser Geschichten, bei dem man es ihnen anmerkte, wie leid es ihnen that, daß sie nicht mit dabei sein konnten. Kurz und gut, Johanna hatte die jungen Herren so nichtssagend gefunden, daß auch nicht einer ihrem Ideal nur annähernd gleich kam. Dieser Held trug indes keine Krone, er besaß auch kein großes Vermögen, er war nur ein lieber Gefährte voll Geist und Witz, dessen Wert von jedem gleich empfunden wurde, dem sie sich gern und freudig unterordnen konnte, ein Mann, der sich im Salon ganz heimisch fühlte und gut zu plaudern verstand. Sie verlangte ja nicht den Mond vom Himmel herunter, wenn sie sich einen Mann wünschte, welcher die Regungen ihres Herzens verstand, der sie zärtlich liebte, ihre Freuden teilte, ihre Schwächen nachsichtig beurteilte, der auch von allem Schweren, welches das Leben ihr bringen mochte, gern und freudig sein Teil auf sich nahm und es ihr tragen half. Übrigens machte sie sich noch wenig Sorge, ob sie alle diese Eigenschaften in einem vereinigt finden würde. Sie lebte nur für ihre Mutter, deren Augapfel sie war, und die sie gern glücklich machen wollte. Sie war von Natur fleißig, und ihre Erzieherin hatte ihre Gaben mehr mit dem Herzen ausgebildet als nach Büchern. Sie hatte an ihr eine zweite Mutter, der nur ein Prinz gut genug für sie war. »Mein Herzblatt,« sagte sie oft zu dem jungen Mädchen, »du bist zum Anbeißen schön. Aber höre, du mußt schon des Morgens, wenn du dein Haar machst, darüber aus sein, deine Augen zu studieren, du mußt machen, daß sie immer einen reizenden Ausdruck haben. Mit den Augen ist es eine gefährliche Sache, sie können uns helfen, sie können uns schaden.« – Die Erzieherin war ja ein Original an Geist und Gemüt, aber sie war doch nicht verrückt; sie hatte einen richtigen, weiten Blick. Johannas reizendes, längliches Gesicht paßte so hübsch zu ihrem kleinen Mund, in dessen Ecken mitunter ein entzückendes Lächeln zuckte; sie hatte tiefe schwarze Augen, welche durch einen leichten Schatten noch größer aussahen. Das gab ihrem Gesicht etwas Berückendes, Rätselhaftes, etwas ungemein Sanftes und dann wieder etwas Festes, als ob sie keine Widerrede duldete, etwas Jungfräuliches und etwas Leidenschaftliches zugleich.

*

II.

Madame Varley war nicht der Meinung, weil sie selbst einen Kaufmann geheiratet hatte, so müsse sie sich auf der Suche nach einem Gatten für ihre Tochter auf den Kaufmannsstand beschränken. Sie begehrte für ihre Tochter eine Perle von Mann, Johanna war reich und hübsch. So brauchte der Mann nicht sehr vermögend zu sein, er sollte nur nicht zu den Alltagsmenschen gehören; ein Mann mit Titel war der Gipfel ihrer Wünsche. Wenn man auch ihre Ansprüche bekrittelte und von ihrem Dünkel sprach, so ging sie doch ihren Weg ruhig weiter, das Glück ihrer Tochter war ihre alleinige Richtschnur. So gefügig nun auch Johanna sonst dem Willen ihrer Mutter gegenüber war, hier stand es ihr fest, daß sie nicht blindlings aus ihren Händen irgend einen beliebigen Gatten annehmen wolle. Gepaart mit großen geistigen Vorzügen wünschte sie auch gewisse körperliche zu finden. So hatte sie schon manchen Korb gegeben, was ihre Mutter anfangs in Erstaunen setzte; sie sah darin mit Entzücken ein Zeichen ihrer Liebe und Anhänglichkeit. Wenn sie dann aber wieder an sich selbst dachte und erwog, daß ihre Tochter bald zwanzig Jahr alt würde, dann klagte sie sich der Selbstsucht an. Sollte sie sich freuen, daß ihre Tochter Körbe austeilte, oder sollte sie ihr mal die Leviten über das Heiraten lesen?

Sie mußte doch auch an der Tochter Zukunft denken, und sich nicht nur freuen, sie zu behalten. Sie konnte krank werden, konnte sterben. Wo sollte das arme Kind dann jemand finden, der sie liebte und beschützte, der ihr durchhalf durch all die Widerwärtigkeiten des Lebens?

Nachdem Madame Varley so ein aufrichtiges Sündenbekenntnis abgelegt hatte, vollzog sich die Bekehrung schnell in ihr. Die Heiratsgedanken beherrschten sie von nun an ganz. Alles andre war ihr gleichgültig, sie träumte nur noch von einem Manne für ihre Tochter. Seltsame Wandlung! Ihr ein und alles wollte sie hingeben; sie wurde wieder in Gedanken ein junges liebendes Weib, um ihre Tochter zu lehren, wie sie eine gute Mutter werden könne.

Johanna hatte ja auch durchaus nichts dagegen; ihre kindliche Liebe fand sich mit dem Weltlauf ganz gut zurecht. Sie hatte einen frischen heitern Sinn, und es deuchte sie, daß man ein gottgefälliges Leben führen könne auch ohne klösterliche Enthaltsamkeit und beschauliche Abgeschiedenheit. Sie sagte dann wohl: »Mama, sei doch nicht so eilig, mich auf andre Art glücklich zu machen. Ich habe es ja so gut bei dir; ich kann es gar nicht besser bekommen.« Madame Varley erwiderte nur der Form wegen etwas, sie merkte doch, daß sie gewonnenes Spiel hatte, daß ihre Tochter ganz vernünftig war. Sie küßten sich so herzinnig, wie nur Mutter und Tochter sich küssen können, und damit wurde das Heiratskapitel für diesmal wieder geschlossen.

*

III.

Johanna hatte die Freude, ihre beste Freundin Margarete Ternier zum erstenmal zum Besuch bei sich in La Herse zu haben. Sie waren lange zusammen im Park gewesen und hatten geplaudert, und mancher Kuß machte den Schlußpunkt eines Themas. Nun kamen sie in die Bibliothek, eine Art Atelier, reizend und traulich. Alles wurde durchgemustert und besprochen. Auf einmal zeigte Margarete auf zwei längliche Vasen von gelblich gewordenem Alabaster, die sehr alt und ehrwürdig aussahen und ganz mit einer seltsamen Geheimschrift bedeckt waren.

»Was sind das für Altertümer? Davon erzählst du ja gar nichts. Haben die denn keine Geschichte?«

»Ja, freilich. Das sind unsre Kanopen. Ihre Geschichte steckt in der Hieroglyphenschrift, und ich kenne leider niemand, der sie mir übersetzen könnte.«

»Aber ich weiß jemand: Herr von Herbelot, ein ehemaliger Schüler meines Vaters, ist jetzt Professor für ägyptische Sprache am Collège de France. Der wird dir das gern besorgen.«

»Das wäre schön. Aber ich kenne diesen großen Ägyptologen ja gar nicht.«

»Was,« sagte Margarete und stellte sich sehr erstaunt, »den kennst du nicht? Von dem ist ja die ganze vornehme Welt entzückt.«

»So, dann erzähl mir mal noch mehr von Herrn von Herbelot.«

»O, er ist reizend, du liebes Herz. Neunundzwanzig Jahre wenigstens alt, groß und schlank, hoch aufgeschossen, aber doch gut gewachsen. Er hat blaue Augen und einen blonden, herunterfallenden Schnurrbart; er sieht wie ein echter Gallier aus.«

Johanna hörte nicht mehr auf die Schilderung des jungen Gelehrten, sie sah immer wieder ihre Kanopen an. Dann sagte sie zögernd:

»Meinst du, ich könnte dem Herrn von Herbelot, ohne unbescheiden zu sein, die Gefäße mal zuschicken?«

»Ganz gewiß, wenn es dir nicht zu gefährlich vorkommt. Denk dir mal, wenn sie unterwegs zerbrechen würden? Ich würde an deiner Stelle die Inschriften nachzeichnen und dem Herrn Georg von Herbelot zuschicken. Ein paar liebenswürdige Zeilen von dir dazu, die sind besser wie alle Entschuldigungen; und du sollst sehen, daß du ganz bald die gewünschte Übersetzung erhältst.«

»Du verstehst dich auf ein abgekürztes Verfahren. Aber paßt das auch für ein junges Mädchen? Die muß doch immer eine gewisse Zurückhaltung beobachten.«

»Hör mal, liebes Herz, ich habe mir sagen lassen, daß ein schönes Mädchen einem artigen Herrn nie unbescheiden vorkommt.«

So kam es, daß Johanna sich daran machte, ihre Kanopen abzuzeichnen. Als Madame Varley davon erfuhr, war sie nicht wenig von der ganzen Geschichte überrascht. »Nicht wahr, Sie erlauben, daß Johanna ihre Zeichnung dem Herrn von Herbelot zuschickt?«

»Das versteht sich, ich mache mir dabei nur Sorgen darüber, daß wir diesen Herrn zu belästigen wagen, nur darauf hin, daß er mit dir und deiner Familie in freundschaftlichen Beziehungen steht.«

»O, wenn Sie wüßten, wie liebenswürdig Herr von Herbelot ist, so gefällig und einfach – trotz seiner Gelehrsamkeit, gar kein steifer Professor trotz seines Titels, dann würden Sie es gleich thun. Übrigens ist er auch beinah mit uns verwandt.« Madame Varley that so gern alles, was ihrer Johanna Freude machen konnte. Sie hatte auch nur der Form wegen anfangs Einwendungen gemacht. Jetzt versprach sie, persönlich dem Professor ein paar Zeilen zu schreiben, und am Abend schon waren die Kanopen selbst – anstatt der Zeichnung – auf dem Wege nach Paris. Alles entwickelte sich schnell. Herr von Herbelot bekam die Sendung am folgenden Morgen. Er war Margarete Ternier sehr dankbar, daß er durch ihre Vermittelung zwei prachtvolle Kanopen zur Verfügung hatte. Er nahm sich vor, ihr sehr herzlich dafür zu danken, und fand das seltsame Begleitschreiben gar nicht verwunderlich. Dann vertiefte er sich ganz in seine Kanopen und untersuchte sie lange als feiner Kenner. Er blieb an der Inschrift haften und versuchte sofort die gewünschte Übersetzung. Die Neugierde stachelte ihn, und er wünschte sehr, irgend eine interessante Entdeckung zu machen. Die Übersetzung erforderte viel Arbeit und geduldiges Nachforschen. Die vieldeutigen Zeichen, welche entweder schlecht eingeritzt oder schon etwas verwittert waren, hielten ihn lange auf, machten ihn sogar oft schon ganz mutlos. Aber sein beharrlicher Eifer siegte endlich über alle Hindernisse; er kam mit der Übersetzung zustande, und vierzehn Tage, nachdem ihre Sendung abgegangen war, erhielt Frau Varley folgenden Brief:

»Geehrte Frau!

Da ich nächste Woche zum archäologischen Kongreß nach Etampes komme, so werde ich mir die Ehre geben, Ihnen persönlich Ihre kostbaren Kanopen wieder zu bringen, um Ihnen, wenn Sie es gestatten, mündlich die Übersetzung zu geben, um welche sie so gütig waren, mich zu befragen. Hoffentlich kommt Ihnen dies, mein Vorhaben, nicht zu unbescheiden vor, und erlauben Sie mir, dann, Ihnen meine ehrfurchtsvollen Huldigungen darzubringen.«

»Das ist schlimm,« jammerte Johanna, als ihre Mutter den Brief vorgelesen hatte, »nun kommt der Herr von Herbelot hierher! Großer Gott, was sollen wir da mit ihm anfangen? Mit der Übersetzung wird er schnell fertig sein, die ist sicherlich kurz; und wenn er dann unsre Einladung zum Mittagessen annimmt, wird er ganz heldenhaft sein Gähnen unterdrücken müssen.«

Margarete lächelte in sich hinein, daß sie die Sache so gut in Gang gebracht hatte, und daß der Zufall ihnen eine so hübsche Wendung gab. Sie wurde von Herrn von Herbelot halb als Freundin und halb noch als kleines Mädchen behandelt, sie empfand für ihn eine lebhafte Bewunderung und Zuneigung, und nun sollte er ihr sein Lebensglück verdanken! Sie junges, schüchternes, unerfahrenes Mädchen sollte gleich auf den ersten Schlag etwas fertig bringen, was ihren Eltern schon mehrmals mißglückt war.

So viel war klar, der junge Professor würde ihre Freundin kennen lernen, und wenn er sie kennen lernte, dann mußte er sich auch in sie verlieben. Sie freute sich dieser Lösung, die für Johanna und Herrn von Herbelot eine durchaus glückliche sein würde. Es fiel ihr gar nicht ein, zu denken, wie uneigennützig sie dabei war, daß sie gar nicht an sich selbst dachte.

*

IV.

Einige Tage später fand Madame Varley, als sie vom Spaziergang zurückkamen, die Karte des Herrn Georg von Herbelot vor. Johanna war sehr verstimmt, daß sie um seinen Besuch gekommen waren, dem sie doch vorher so ängstlich entgegen gesehen hatte. Sie war so gespannt auf die Übersetzung der Inschriften, und es verdroß sie, daß es nun noch wieder langer dauern werde, bis sie dieselbe bekommen sollte. So ging sie sehr enttäuscht in ihr Zimmer hinauf und fürchtete nun niemals die Lösung ihres ägyptischen Rätsels zu erfahren. Unwillkürlich dazu gedrängt, öffnete sie die Bibliothekthür und erblickte dort zu ihrer Überraschung ihre lieben Kanopen auf der alten Stelle. Mit zärtlicher Liebe stürzte sie auf ihre Freunde und Vertrauten zu, um sie mal wieder so recht zu betrachten und zu bewundern. Während sie die Krüge von außen und innen gründlich besah, entdeckte sie auf dem Boden des einen einen offenen Zettel, welcher mit festen, klaren Schriftzügen bedeckt war. Mit fieberhafter Hast nahm sie ihn heraus und fand nun folgende seltsame Dichtung darauf niedergeschrieben:

 

I.

»Der Sonnengott mit seinem Glutenhauch,
Der Phtah, kommt aus der Wüste hergerannt.
Schnell hat die Bambusstauden er verbrannt
Und der Retakas königlichen Strauch,
Schon naht dem Fellah das Verderben auch,
Da steigt im Zorn der Nil herauf zum Strand;
Und ringsum grünt und blühet neu das Land,
Das er getränkt mit seinem mächtigen Schlauch,
So war's in meinem Herzen dürr und tot,
Doch neu erblüht es nun zum Paradiese,
Vergessen ist sein Jammer, seine Not,
Seit ich das Glück an deinem Arm genieße,
O Xarina, das mir die Liebe bot,
Wie einen Strauß der Asphodeloswiese.

 

II.

Beim Aorns Tempel, wo des Windes Tosen
Die Djoums in Schlaf singt, wie man Kinder wiegt,
Hat eine Rebe dicht sich angeschmiegt
An einen Feigenbaum mit holdem Kosen,
Er spricht: »Ich liebe deine saft'gen, losen,
Fruchtschweren Ranken,« und beseeligt liegt
Sie an des Teuren Brust und drückt besiegt
Auf seine Stirn viel Küsse, frisch wie Rosen.
So wurdest du, als Gott mich zu dir brachte,
Datarames, der Sklav und König mein;
Mein ganzes Leben hängt an deinem Leben,
An deiner schwarzen Augen Glanz entfachte
Sich meines Blickes heller Flammenschein;
So woll'n wir uns jetzt Hand und Seele geben.«

Was Johanna beim Lesen dieser Worte empfand, war ein Gemisch von Unbehagen und gekränktem weiblichen Stolz. Sie verwünschte ihre Neugierde und lief eiligst auf ihr Zimmer. Hatte sie nicht etwas recht Thörichtes gethan? War dies Liebeslied wirklich eine Übersetzung? Und konnten so leidenschaftlich zärtliche Gefühle aus der Zeit der Pharaonen stammen? War dies nicht etwa gar die Liebeserklärung eines schüchternen Verehrers unter der Form einer Nachdichtung?

Nun kurz und gut, Amor, der Schelm, lauerte eifrig auf das Erwachen der Psyche. Johanna war ärgerlich über ihre eignen Gedanken; sie empfand tausenderlei seltsame Eindrücke in ihrem Herzen, die ihr wohl und wehe zugleich thaten, die an ihr nagten und ihr dann wieder ganz köstlich vorkamen. Die Inschrift trat bei ihr zurück, und Georg von Herbelot kam in ihren Gedanken plötzlich oben auf. Es fiel ihr wieder ein, mit welcher Wärme und Begeisterung Margarete von ihm gesprochen hatte; alle Züge, welche ihre Freundin von ihm geschildert, traten vor ihre Seele, sie sah sein Bild vor sich und betrachtete es mit Vergnügen. Jetzt glich auf einmal der junge Professor ihrem Ideal, und ohne sich etwas Schlimmes dabei zu denken, freute sie sich darüber. Mechanisch steckte sie die Verse in die Tasche, und eine Stimme in ihrem Innern fragte: Sind sie für mich geschrieben, und sollen sie mir das sagen, was ich darin finde? Wie konnten sie denn für Johanna Varley sein? Es waren ja doch Verse eines Mannes, der sie gar nicht kannte! Das brachte sie wieder zur Besinnung, sie unterdrückte ihre Aufregung und ging und gab ihrer Mutter das Kanopenlied.

Am andern Morgen erhielt Madame Varley einen Brief des Professors mit der Übersetzung und erklärte beim Frühstück ohne weiteres, sie fände es richtig, den Herrn von Herbelot, da er seine Sache so hübsch gemacht habe, zum Mittagessen einzuladen; das sei viel besser und passender, als ihm nur durch einen Brief zu danken. Sie hatte die ganze Nacht von Kanopen und Pharaonen, von der Sorbonne und vom Institut geträumt. »Er ist uns entgegengekommen, und es ist durchaus richtig, wenn wir seine Freundlichkeit erwidern,« sagte sie.

Margarete sah dabei sehr einverstanden aus, als ob sie es alles so vorausgesehn hätte. Dabei betrachtete sie ihre Freundin mit geheimnisvollem Lächeln von der Seite. Die war augenscheinlich verdrießlich. »Wenn Herr von Herbelot nicht ein Gelehrter, sondern auch ein Philosoph ist, so kann er jetzt über die Annehmlichkeiten der Thebais nachdenken, und wie folgenschwer und gefährlich es ist, wenn man aus Höflichkeit schöne Übersetzungen macht. Ich sehe schon, wie er meine Neugierde verwünscht, du magst nun sagen, was du willst.«

»Sollte man wirklich, wenn man sie sprechen hört, nicht meinen,« entgegnete Madame Varley, »wir wären recht trockene, ungebildete Leute? Wir kennen Herrn von Herbelot nicht; das ist ja gerade der Spaß, wir lernen ihn bei dieser Gelegenheit kennen, und wenn er so geistvoll ist, wie ich ihn mir nach dieser Probe vorstelle, und so liebenswürdig wie die echten Gelehrten sind, dann scheue ich nicht davor zurück, einen Abend mit ihm zuzubringen. Damit du übrigens die Kosten der Unterhaltung nicht allein zu tragen brauchst, weswegen du dir so viele Sorgen machst, so werde ich auch den Herrn Landgerichtspräsidenten Mercinard mit Frau einladen. Der ist ja Mitglied der Akademie von Etampes, der wird unsern Gast schon zu unterhalten wissen, vielleicht sind die Herren gar Fachgenossen.«

Madame Valley wollte Margarete heute zeigen, wie fest sie als Mutter sein konnte. Eigentlich war sie ja sehr schwach gegen ihre Tochter und that ihr allen Willen. Sie war übrigens gar nicht so unbesorgt, wie sie sich stellte. Bei aller Gewandtheit versagte doch zuweilen ihre Sicherheit und Unterhaltungsgabe. Sie hätte ganz gern darauf verzichtet, liebenswürdig gegen Herrn von Herbelot zu sein, wenn sie es mit ruhigem Gewissen gekonnt hätte. Da aber der Zufall oftmals in solchen Sachen auf ganz erwünschte Weise mitspielt, so fragte sie sich, ob er ihr nicht jetzt in dem Professor einen Gatten für ihre Tochter zuführen wolle, so wie sie ihn sich geträumt hatte.

Auch Johanna war sehr erregt. Sie dachte sich einen Professor am College de France bei aller seiner Jugend doch recht würdevoll, kalt und steif, fast immer abgespannt und müde von geistiger Arbeit. Das ist nichts für mich, sagte sie sich, und wenn ich mich nun doch in ihn verlieben sollte, weil er so viele körperliche und geistige Vorzüge haben soll? Würde eine solche Liebe stichhaltig sein und nicht wie ein Rausch verfliegen? Das gäbe dann ein trauriges Erwachen voll Ernüchterung. Das könne sie kaum ertragen, meinte sie. Sie würde dann in ihrem Herzen einen Stachel behalten, der sie schmerzte und ihr doch wert bliebe; ihr Kopf würde voller Vorurteile sein, immer zu Vergleichen geneigt und dabei leicht undankbar und ungerecht.

So verbrachte sie einen sehr unangenehmen Tag, und Margarete hatte ihre liebe Not, um sie aufzuheitern und aus ihrem Brüten herauszureißen. Am Abend wurde sie ruhiger und wäre vielleicht bald wieder ganz getröstet gewesen, wenn nicht ein Bote aus Etampes die Antwort des Herrn Landgerichtspräsidenten gebracht hätte, in welcher Herr Mercinard sehr feierlich a la Rambouillet Madame Varleys Einladung angenommen hätte. Da stand sofort Herr von Herbelot wieder vor Johannas Seele; aber es war ihr nicht unangenehm. Sie nahm sich vor, dieser Prüfung recht kaltblütig entgegen zu sehen und sie ruhig zu ertragen. Sie fand, das sei mehr ihrer würdig, als ihr aus dem Wege zu gehen.

*

V.

So waren der Tag und die Stunde der Mittagsgesellschaft sehr schnell herangekommen, und Johanna hatte mit ihrer Freundin nur wenige Worte über ihren Anzug wechseln können. Doch war sie in aller Eile damit aufs beste zu stande gekommen. Sie sah wirklich schön aus, ihre Gesichtsfarbe war sehr frisch, die Wangen rosig angehaucht, die Augen leicht verschleiert durch einen Anflug von Trauer und Besorgnis. Wenn man ihre zarte Gestalt durch den großen Salon mit seinem gedämpften Licht dahingleiten sah, dann konnte man denken, sie sei eine der reizenden Feen, welche ihr altes Heim schmückten und sich selbst so schön wie möglich herausputzten, um die frommen Ritter von ehedem anzulocken und festzuhalten. Sie war übrigens durchaus nicht auffallend gekleidet; sie trug ein gesticktes weißes Batistkleid über ein durchschimmerndes rosa Gewand geworfen und von einem moiréseidenen Gürtel von gleicher Farbe mit langen Enden zusammengehalten. Es war in der Taille eingekräuselt und am Halse etwas ausgeschnitten. Das war alles, keine Blume und kein Schmuck. Ihre Jugend war ihr einziger Schmuck, und der strahlte genug in die Augen.

Die Gäste konnten jeden Augenblick kommen, da stellte sie sich, als habe sie noch etwas vergessen und sagte zu ihrer Mutter, sie müsse noch einmal hinaufgehen. Sie wollte sich innerlich sammeln vor dem Kampf, wie sie es nannte. Dem Redestrom des Herrn Mercinard wollte sie gern ausweichen und auch die Vorstellung des Herrn von Herbelot abkürzen.

So nahm Margarete die Liebenswürdigkeiten des Präsidenten entgegen. Er war ganz entzückt von ihrem blaßblauen, ganz mit Rosenknospen bestreuten Seidenkleide und der Theerose in ihrem hoch aufgesteckten Haar. Margarete hörte nur mit halben Ohr darauf, bei all ihrer äußeren Ruhe war sie doch in Sorge. Johanna war noch nicht wieder heruntergekommen. Unbegreiflich, da die Gäste schon alle da waren.

Madame Varley ging es ebenso; sie wollte schon gehn und ihre Tochter holen, als diese rot vor Verwirrung hereintrat. Herr Mercinard begrüßte sie sogleich und stellte ihr seinen Fachgenossen, den Herrn Georg von Herbelot, vor. Einen Augenblick war sie ganz verwirrt und brachte kein Wort heraus, da kam zum Glück ihre Mutter ihr zu Hilfe und unterhielt sich mit ihm.

Johanna atmete erleichtert auf und setzte sich neben ihre Freundin; und während sie mit ihr plauderte, studierte sie ihn unbemerkt auf das Genaueste. Er war nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte, der junge Professor, und doch fand sie das Urbild noch viel angenehmer als das Bild ihrer Träume. Er kam ihr weniger eigenartig vor, aber das that ihr nicht leid. Er war kein bezaubernder Prinz und auch kein Halbgott; aber eins konnte sie merken, er war ein Mann, und das mißfiel ihr durchaus nicht zu ihrer eignen Verwunderung. Sie fand, er war was man comme il faut nennt, anspruchslos im Sprechen, schlicht und einfach im Benehmen, ganz wie andre Sterbliche mit angenehmem Äußern und anziehendem Wesen. Er sprach gut und gewandt, aber man merkte, er wollte nichts vorstellen. Und das hätte er doch wohl gekonnt; in dem Alter, wo andre noch auf der Schulbank sitzen, war er schon ein anerkannter Gelehrter gewesen, eine Leuchte der Wissenschaft. Er war groß und breit, mit gewölbter Brust und kräftigen Gliedern und sah aus, wie ein Mann, der an körperliche Übungen gewöhnt ist, weit mehr wie ein Kürassieroffizier, denn wie ein stubenhockender Bücherwurm. In seinem ruhigen, männlichen Gesicht mit feinen, energischen Zügen leuchteten zwei hellblaue, sehr freundliche Augen.

Während Johanna sich diesen Beobachtungen hingab, hörte der Professor geduldig und teilnehmend auf den Wortschwall und die weitläufigen Auseinandersetzungen des Präsidenten, dessen geistreiche Bemerkungen durch seine lange Gerichtsthätigkeit verknöchert waren. Er ließ sich nicht verleiten, sein eignes Licht vor ihm leuchten zu lassen, und spielte ganz harmlos den aufmerksamen Zuhörer.

Das verdroß Margarete, die ihn gern sprechen hören wollte, und begierig darauf war, in den Mienen ihrer Freundin den Eindruck zu studieren, welchen die Worte dieses Lieblings der Gesellschaft und der Klang seiner Stimme auf sie machen würde.

*

VI.

Endlich wurde zu Tisch gegangen. Die jungen Mädchen hofften aus verschiedenen Gründen, daß der Professor nun aus sich herausgehen und zeigen würde, wer er sei. Wenn aber Georg von Herbelot sprach, so that er es ungemein rücksichtsvoll und antwortete nur mit zwei Worten auf die Fragen des Präsidenten, der immer gern etwas den Untersuchungsrichter spielte. Da von Herbelot zur Rechten von Madame Varley saß, so sprach er natürlich auch mit ihr, redete sogar längere Zeit auf sie ein, aber so bescheiden, so leise, daß seine liebenswürdigsten und geistreichsten Bemerkungen, seine feinsten und geschmackvollsten Artigkeiten der übrigen Tischgesellschaft ganz verloren gingen, so eifrig man auch darauf hinhorchte. Die Gespräche nahmen ihren leichten, geflügelten Gang und klangen gar nicht großstädtisch, so daß Margarete ganz enttäuscht aussah, als dächte sie: »Er ist doch gar zu bescheiden.« Aber Johannas Augen leuchteten, und sie dachte bei sich: »Wie bewegt er ist!« Der Präsident hütete sich wohl zu sagen, was er von diesem zurückhaltenden Professor dachte, und das war sehr weise von ihm. Auch mit leise hingehauchten Bemerkungen schießt man oft arg daneben, wenn sie in katzenfreundlicher Weise die sympathischen Gefühle verletzen, welche für jemand in der Luft schweben.

Als die Tischgesellschaft in den Salon zurückgekehrt war, fanden sich bald noch einige andre Besucher ein, und Margarete freute sich sehr, daß Herr von Herbelot nun auf sie zukam. Er suchte eine Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen, und sie machte ihm den Anfang leicht.

Nachdem sie von Vater und Mutter und von gemeinsamen Bekannten gesprochen hatte, ihren gewöhnlichen Gesprächsgegenständen, brachte sie ihn unmerklich mit großer Redefertigkeit auf die Kanopen.

Da ging Herr von Herbelot denn auch in ganz allerliebster Weise darauf ein. Er plauderte darüber, nicht überschwänglich und pedantisch, sondern geistvoll und originell. Mit feinem und sicherem Wort ließ er die Dichtung des alten Ägyptens wieder vor ihnen lebendig werden, die unvergleichlichen Schönheiten dieser reichen Litteratur suchte er hervorzuheben und ihnen die rechte Fassung zu geben. Er sprach leise zu Margarete, aber doch laut genug, daß Johanna sich an seiner Unterhaltung mit erfreuen konnte. Schließlich erzählte er noch, wie überrascht er gewesen sei, als er in den Hieroglyphen der Kanopen, statt einer albernen Priesterformel zu Ehren eines Krokodils oder einer Eule, ein auserlesenes Liebeslied entdeckt habe, welches der Muse einer Erinna oder Sapho würdig sei.

»Madame Varley hat Ihre Überraschung vollkommen geteilt,« unterbrach ihn Margarete. »Ihre Dichtung hat sie geradezu in die höchste Verwunderung gesetzt.«

Jetzt fiel Herbelots Blick auf Johanna, und er bemerkte, daß sie ihr Auge auf ihm ruhen ließ. Sie hatte sich einen Augenblick vergessen und senkte nun in holder Verwirrung den Blick. Das entging ihm nicht, und er verstand wohl, was es bedeutete. Als Übersetzer hatte er vor allem nach Genauigkeit gestrebt und nicht entfernt daran gedacht, eine Liebesgeschichte anzuspinnen oder in einem gefühlvollen Roman eine Rolle zu spielen. Wenn er sich etwas vorzuwerfen hatte, so war es nur, daß er in einer der Kanopen den Entwurf seiner Übersetzung hatte liegen lassen. Aber weshalb ist der Zufall solch ein Schelm! Weshalb sind auch die Frauen so neugierig! Er hatte Fräulein Varley anfangs kaum bemerkt, jetzt ging ihm plötzlich ein Licht auf. Er fand sie schön und dachte sich, sie müsse auch gescheit sein, einen offenen Kopf, einen wissensdurstigen Sinn haben. Er hielt sie wohl der harmlosen Neckereien fähig, welche wir bei Frauen so gern haben, weil sie uns nach der ermüdenden Arbeit des täglichen Lebens Zerstreuung bieten. Auch glaubte er, daß sie wohl dazu angethan sei, einen Mann der Wissenschaft und seine Arbeiten zu verstehen, ihn bei seinen Forschungen zu ermutigen, in seinen Kämpfen zu unterstützen und durch aufrichtige, von Herzen kommende Bewunderung anzuspornen.

Ihm mißfielen die Püppchen, die rein äußerlichen Frauen, die nur für Putz und Flitter Sinn haben, mit denen man nichts zu sprechen weiß, wenn man mit ihnen allein ist, die dem häuslichen Leben keinen Reiz zu geben wissen. Für solche ist ja ihr Haus nur eine Kleiderkammer, in der sie sich herausputzen, oder eine Wirtsstube, wo sie Gäste empfangen und blenden wollen, oft sogar eine Mördergrube, wo man den lieben Nächsten mit spitzer Zunge zerfleischt.

Das war nichts für unsern Professor, und deshalb war er hocherfreut über die Entdeckung, welche er gemacht hatte. Wie traumverloren sah er das junge Mädchen an, und wer weiß, wie lange diese anziehende Betrachtung gedauert haben würde, wenn er nicht gefühlt hätte, wie Margaretens Blick an ihm haftete, und fürchten mußte, daß sie merkte, wohin seine Gedanken sich verirrten. Es wurde ihm klar, daß er sich lächerlich machen könnte, und die Furcht davor führte ihn zur Erde zurück. Er plauderte nun wieder flott drauf los, doch ertappte er sich immer wieder bei seiner Zerstreutheit. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Das hätte er merken können, wenn er sich darauf gelegt hätte, den Schwung zu zügeln, welcher ihn trieb, viel zarter und sinniger und dabei doch viel ausgelassener zu sein wie sonst, um dadurch jünger zu erscheinen.

Aus Bescheidenheit wagte er aber nun doch nicht, das Gespräch noch länger hinzuziehen, und die beiden Freundinnen saßen bald ganz ärgerlich in einer Ecke, weil die Alten den jungen Herrn ganz in Beschlag nahmen. Der geistvolle Professor, mit dem sie sich so gut verstanden hätten, saß nun ganz schweigsam mit Madame Varley beim Whist. Als die Partie beendigt war, fragten sie sich, ob Mercinards ihn nun wohl loslassen würden. Aber der Herr Präsident und die Frau Präsidentin waren müde und baten um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.

Da Herr von Herbelot mit ihnen zugleich gekommen war, so mußte er auch mit ihnen gehen.

*

VII.

In der folgenden Nacht schlief Johanna nur sehr wenig. Das arme Kind mochte sich dagegen sträuben, wie es wollte, das anziehende Bild des Professors störte ihre Träume, und der Klang seiner Stimme tönte ihr wie eine liebliche Musik in den Ohren. Die Phantasie war geschäftig, ihr allerlei reizende Luftschlösser hin zu zaubern. Und doch, was hatte der junge Mann eigentlich gesagt? Was hatte er gethan, um sie anzuziehen? Nicht das Geringste. Und wenn sie daran dachte, daß sie ihn kalt lasse, daß sie ihm gleichgültig sei, dann zog sich ihr Herz zusammen, sie fühlte einen so stechenden Schmerz, daß sie gern laut aufgeschrieen hätte, wenn sie nicht bange gewesen wäre, sie möchte sich verraten. Es war ein Unsinn, daß sie sich so zerquälte und ihr Gehirn zermarterte. Das sagte sie sich, und wie bist du überspannt, so hieß es in ihr.

Aber konnte sie denn etwas dazu, daß er solche Gewalt über sie bekommen hatte? Er war schuld. Was brauchte er denn absichtlich das Liebeslied des Datarames in der einen Kanope liegen zu lassen. Je mehr sie über dies Lied nachdachte, desto mehr setzte sich der Gedanke in ihr fest, es sei eine Nachbildung, keine Übersetzung, und der Professor habe ihr damit, wenngleich verschleiert, eine nicht mißzuverstehende Liebeserklärung gemacht.

In den folgenden Tagen suchte sie mit Gewalt den zu vergessen, der ihre jungfräuliche Ruhe gestört hatte. Aber es wollte ihr nicht gelingen, da auch ihre Freundin immer wieder das Gespräch auf Herrn von Herbelot brachte. Margarete sprach mit Begeisterung von ihm und hob mit beredtem Munde die Eigenschaften hervor, welche sie berückt zu haben schienen. Eigentlich wollte sie aber nur alles das hervorheben, was die Zuneigung ihrer Freundin für ihn befestigen konnte. Sie ging ziemlich offen vor und ließ sich weder zurückschrecken noch erweichen. Sie stellte sich, als merkte sie gar nicht, wie Johanna sich anstrengte, das Gespräch von ihm abzulenken und ihre Gefühle zu verschleiern. Dabei war sie ordentlich zärtlich, wie eine treue, hingebende Gefährtin, fast mütterlich. So blieb es bis zu ihrer Abreise. Johanna leistete fast keinen Widerstand mehr, wenn ihre Unterhaltung jetzt immer dieselbe Richtung nahm. Sie fing an, Gefallen daran zu finden. So hatte denn der Eindruck, welchen Herr von Herbelot auf sie gemacht, sich in ihrem Gemüt schon recht vertieft, und die diplomatischen Bemühungen ihrer Freundin sollten bald mit Erfolg gekrönt werden.

Margarete reiste ab, und La Herse versank wieder in seine träumerische Ruhe. Wenn man Johanna in Gedanken versunken dasitzen sah, so konnte man glauben, ihre Freundin hätte ihre Lebenslust mit nach Paris genommen. Margarete schrieb ihr, um das, was sie erreicht hatte, nicht wieder verloren gehen zu lassen, Briefe voll zärtlicher Ergüsse, solche Briefe, die zu Herzen gehen, die mindestens zweimal gelesen werden. Die Eröffnungsfeierlichkeiten beim Wiederbeginn der Vorlesungen im Collège de France gaben ihr den Anlaß, wieder vom Professor zu reden, den sie »der liebe Herr von Herbelot« nannte. Er war übrigens in La Herse durchaus nicht vergessen, und Margarete merkte wohl, daß Johanna immer an ihn dachte, wenn sie auch geflissentlich vermied, ihn zu erwähnen.

Madame Varley hinwieder war, bei ihrer zärtlichen Liebe zu ihrer Tochter, von Angst gepeinigt, sie möchte zum Orden der heiligen Katharina übergehen. Sie hielt ihr endlose Predigten über das Heiraten, und daß die Kinder dem Willen ihrer Eltern folgsam sein müßten. Sie bat ihre Tochter, sie möchte ihrem Zaudern ein Ende machen, bis zum nächsten Frühling müsse sie sich für die Ehe entscheiden.

Soweit waren sie, als eines schönen Morgens Madame Varley ihrer Tochter mitteilte, sie wolle nach Paris und dort eine Wohnung mieten. Johanna wurde durch diesen Entschluß sehr angenehm überrascht. Wie herrlich, das Pariser Leben wieder etwas genießen zu dürfen! Die Beschäftigungen und Zerstreuungen, welche es dort gibt, würden ihr helfen, Herrn von Herbelot zu vergessen. Oder hoffte sie im stillen, daß es dort Gelegenheit gäbe, welche ihn wieder ihr näher bringen konnte?

*

VIII.

Kaum acht Tage später waren sie in Paris in einem Hotel der Rue de Madame eingerichtet, das zwar etwas veraltet in einem ruhigen Stadtviertel lag, aber doch einen vornehmen Charakter hatte und sich gut zu glänzenden Gesellschaften eignete. Nun sahen die beiden Freundinnen sich beinahe alle Tage und gingen unter der Obhut von Johannas Erzieherin zusammen aus.

Eines Tages fragte Margarete, ob sie einmal in die Sorbonne gehen und Herrn Crouslé hören wollten. Ihr Vorschlag wurde wie ein genialer Gedanke angenommen und im Fluge ergriffen. »Wenn du kannst,« rief Johanna mit Begeisterung und küßte sie zärtlich, »dann laß uns gleich morgen hingehen.«

Sie machten sich früh auf den Weg und bekamen einen guten Platz ohne lästige Nachbarn. Das wäre nun ganz schön gewesen, wenn sie nicht die Hörsäle verwechselt und in den gekommen waren, wo über die Litteratur der Kopten gelesen wurde.

Als der Pedell den Lektor hereinführte, waren die beiden jungen Mädchen nicht wenig erstaunt, den Herrn von Herbelot vor sich zu sehen. Johanna war die Kehle fest zugeschnürt, sie sah ihre Freundin mit vorwurfsvollen Blicken an, in welchen diese ihr Verdammungsurteil las. Aber sie konnte mit Wahrheit sagen, sie habe keine Ahnung davon gehabt, daß der richtige Lektor krank sei und auf diese Weise für Vertretung gesorgt habe.

Man verdammt so schnell, wenn es einem gerade paßt, und so sagte Johanna leise zu ihrer Freundin: »Du denkst wohl, du hättest dir einen guten Scherz mit mir erlaubt, aber ich finde ihn sehr wenig geschmackvoll.«

»Einen Scherz? Was willst du damit sagen? Meinst du, ich hätte um jeden Preis gewünscht, daß du Herrn von Herbelot hören solltest? Dann hätte ich dich ja ins Collège de France führen können, wo er Professor ist, und nicht hierher in die Sorbonne. Es ist dir unangenehm, daß du den Professor wieder triffst, das sehe ich nun klar; du magst ihn nicht leiden. Das konnte ich aber nicht wissen. Wenn ich dir von ihm erzählte, hast du selbst mitunter in ganz liebenswürdigen Ausdrücken von ihm gesprochen.«

Darauf wußte Johanna nun nichts zu sagen. Sie blieb, wie es schien ganz verstimmt, in der Vorlesung sitzen. Ihr Verdruß währte aber nicht lange; das sympathische Wort, die vollendete Form, welche einem beträchtlichen geistigen Besitz einen so hohen Wert verlieh, die bescheidene Art, in welcher der Professor sich gab, übten einen berückenden Einfluß auf Johanna aus; sie merkte, daß ihre Freude in den Augen des Lektors sich hundertfach wiederspiegelte, wenn ihre Blicke sich trafen. Dann kam sie sich vor, als sei sie auf einem Fehler ertappt worden, und sah ganz verstört aus. Sie glaubte, alle Leute sähen sie darauf an, und wäre gern in den Erdboden versunken. Aber schließlich genoß sie doch, frei von aller Unruhe, ohne Hintergedanken, das köstliche Mahl, welches ihrem Geiste geboten wurde, Sie lauschte voll Bewunderung, die noch gesteigert wurde durch ein Gefühl, über welches sie sich nicht klar werden wollte, seltsam gefesselt von den Sagen des Koptenvolkes, den geistvollen Bemerkungen, den eigenartigen Schlußfolgerungen des Professors. Die Geschichte dieser Sprache, welche gerade zu der Zeit untergegangen ist, als Bossuet und Pascal die französische schufen, erhielt in dem Munde dieses Meisters einen solchen Reiz, daß die dornigsten sprachlichen Theorien mühelos sogar bei solchen Zuhörern Gnade fanden, die nur ganz oberflächlich darauf vorbereitet waren.

Die Vorlesung schloß unter ehrerbietigen Beifallsbezeugungen, an welchen sogar Margarete und Johanna sich beteiligten. Dann machten sich die beiden wieder auf den Weg nach der Rue de Madame und eilten schnell durch die elegante Menge hindurch, in welcher tausend Witze herumschwirrten.

»Bist du mir noch böse?« fragte Margarete mit sieghaftem Lächeln, »und wie denkst du setzt über meine Diplomatenkünste? Ist unser Freund nicht die Verwechselung wert?«

»Ich bin dir gar nicht böse, mein Herz, und wenn Herr von Herbelot am Dienstag wieder spricht, hoffe ich sogar, Mama zu bewegen, ihn auch zu hören.« Und nun sprudelte Johanna über vom Lobe des jungen Professors. In ihrem köstlichen Eifer meinte sie, nur den Mann zu rühmen, der allen angehörte, der es so herrlich verstand, die Seele seiner Zuhörer zu erheben und zu rühren.

Schnell hatte sie ihre Mutter mit ihrer Bewunderung angesteckt, und Margarete machte sich ganz selbstlos daran, alle Träume zu verwirklichen, die sie für ihre Freundin gesponnen. Sie sah dieselbe schon mit vollen Segeln auf dem herrlichen Strome der Liebe dahingleiten.

*

IX.

Als Herr von Herbelot gleich am folgenden Morgen bei Madame Varley Besuch machen wollte, traf er sie leider nicht zu Hause. Er hatte gefühlt, wie sein Herz klopfte, als er über den Hof ihres Hotels geschritten war, und nun kam es über ihn wie eine grausame Enttäuschung. Er verwünschte seinen bösen Stern und machte sich ganz fassungslos auf den Heimweg.

»Das Schicksal ist gegen uns,« rief Johanna, als sie die Karte des Professors erblickte. Aus diesen wenigen Worten konnte man kaum herausmerken, ob sie dem Schicksal darüber böse war oder nicht. Sie war schon so sehr in den Strudel des Pariser Lebens hineingerissen, daß sie sich kein Gewissen mehr daraus machte, recht viel an Herrn von Herbelot zu denken. Es kam ein solches Gefühl von Lebenslust über sie, daß sie fröhlich weiter lebte und ihr inneres Glück so recht genoß.

Bald darauf bekam sie eine Einladung zu einem Ball, welchen Margaretens Eltern gaben, und ihr erster Gedanke war wieder: »Da treffe ich Herrn von Herbelot.« Darüber freute sie sich so, daß sie ganz vergaß, wem sie dafür zu danken hatte, – Herr von Herbelot war sehr überrascht von der Einladung. Ein Ball bei Terniers, die sonst nur sehr ernste Gesellschaften gaben! Was mochten sie vorhaben? Er dachte an eine Verheiratung Margaretens. Oder sollten diese lieben Freunde mit rührender Ausdauer wieder einmal versuchen, ihn verheiraten zu wollen? Sollte er wieder einmal einem jungen Mädchen vorgestellt werden, das er ansah, ohne etwas an ihm zu bemerken, mit dem er sprach, ohne viel zu sagen, gegen welches er sehr artig war, ohne Hoffnungen zu erwecken? Und wenn dann alle Gäste fort waren und der Vorhang gefallen, dann sollte er den Terniers ein Geständnis machen, für das er in acht Tagen Absolution erhielt oder auch nicht erhielt? Wenn er wenigstens Hoffnung hätte, sie zu treffen. Aber er wußte, daß sie nur kurze Zeit in Paris bleiben wollten, er glaubte, sie sei schon nach La Herse zurückgekehrt. Wenn er aber diese Einladung ausschlug, dann wäre er unhöflich und undankbar gegen seine guten Freunde, und das durfte und wollte er doch nicht sein. Er schrieb also bejahend und redete sich nun ein, er würde doch Margaretens Freundin dort treffen. Der Gedanke machte ihn glücklich, und er hörte sich schon vertraulich mit ihr plaudern, lernte sie noch besser kennen und schätzen. Er hatte sie ja anfangs kaum beachtet, dann aber war ihr Bild so lebendig vor seinen Augen aufgestiegen, daß er sie rückhaltlos bewunderte, gefangen von dem Zauber ihrer unvergleichlich holden Züge. Ihr Erscheinen in der Sorbonne brachte ihn in eine köstliche Erregung. Das war Liebe, er konnte es nicht mißverstehen, aber er fürchtete, eine hoffnungslose Liebe werde Groll und Bitterkeit und Entmutigung bei ihm hervorrufen. Der Ball sollte ihm Gelegenheit geben, Johanna Varleys Empfindungen für ihn zu erforschen, zu sehen, was sie von ihm hielte. Als er nun ganz geschickt vorgehen und alle Mittel anwenden wollte, sie zu gewinnen, fühlte er sich plötzlich wie gebannt, er kam nicht vom Fleck. Er saß ihr gegenüber wie gelähmt, er sprach ja wohl mit ihr von La Herse und den Kanopen, nicht ohne Geist und Anmut, aber doch so schüchtern und verlegen, daß Johanna schwerlich merken konnte, wie tief seine Gefühle für sie waren. Er forderte sie zu keinem einzigen Tanze auf, was ihr auffiel, ja was sie verdroß und einen Augenblick sogar kränkte. »Wenn er mich nicht aufgefordert hat,« sagte sie sich schließlich, und der Augenschein gab ihr recht, »so ist es, weil er überhaupt nicht tanzt.«

Das war es aber nicht, er war bange, sich zu verraten und dann zu erfahren, daß das junge Mädchen seine Gefühle nicht teilte und ihnen gegenüber kalt und gleichgültig blieb. Dann würde der herrliche Bau seines erträumten Liebesglücks zusammenstürzen. In La Herse war Johanna ihm erregt vorgekommen, in der Sorbonne war sie rot geworden, wenn ihre Blicke sich trafen, sie hatte soeben noch ihre Verwirrung kaum verbergen können, als er sie ansprach; – aber war das seinetwegen?

Doch was sollte er sich mit solchen Erwägungen länger aufhalten. Er ging geradeswegs wieder auf Fräulein Varley los. »Sie denken gewiß an Ihre Kanopen und möchten nach La Herse zurückkehren, um sie wiederzusehen. Ihre Mutter sagte mir eben, daß Sie in vierzehn Tagen schon wieder dort sein werden. Können Sie es so lange aushalten? Aber so geht's in der Welt. Was Ihnen Freude bringt, wird für mich bitter sein, ich verliere dann ja eine aufmerksame und wohlwollende Schülerin. Wer weiß, wenn Sie fort sind, ob meine Muse dann nicht –«

»Ja, freilich freue ich mich darauf, meine Kanopen wiederzusehen. Aber darf ich mal kühn sein und fragen: Welche Bewandtnis hat es mit Ihrer Übersetzung?«

»Sie meinen, ob sie wörtlich sei,« unterbrach Herr von Herbelot sie lächelnd.

Johanna fühlte, wie ihre Selbstbeherrschung sie im Stich ließ. »O, verzeihen Sie mir, aber die Gefühle, welche darin zum Ausdruck kommen, erscheinen mir so fein, so zart, so schwärmerisch, daß mir unwillkürlich der Zweifel kam.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ihre Zweifel sind ganz erklärlich. An Ihrer Stelle würde ich gerade so denken. Der Ausdruck, ja der Gedanke schon – ist so leidenschaftlich, so modern, könnte man sagen, daß man niemals auf ein so hohes Alter schließen würde. Wie süß und zart sind diese Lieder, nicht wahr? Und dabei habe ich sie ja doch nur sehr mangelhaft wiedergegeben. Der Nachruf erinnert an das Sonnet von Arvers, und das Stelldichein jenseits des Grabes ist wahrhaft rührend.«

»Ich bin davon gerade so überrascht gewesen wie Sie, und mußte auch an jenes Lied denken:

Sein Geheimnis hat mein Leben,
Und sein Heiligtum mein Herz.
Sie, die mir dies Leid gegeben,
Ahnet nichts von meinem Schmerz.«

»Ich habe mir dies rührende Sonnet wieder und wieder vorsagen müssen, und die Thränen sind mir dabei in die Augen gekommen.«

»Haben Sie denn auch wohl an die Antwort gedacht, welche Arvers Lied durch Menessier-Nodier erhalten hat?

Weißt du gewiß, daß sie es nicht verstanden,
Das Liebesflüstern rings um sie herum?
O glaube mir, das Weib in allen Landen,
Es hört die Liebe, sei sie noch so stumm.«

»O ja. Ich dachte zurück an jene Zeit, als ich diese beiden Lieder in ein Heft schrieb, ganz stolz über meinen Fund und stolz über das, was ich dabei empfand. Ich fühlte mich ordentlich verjüngt.«

»Verjüngt?«

»Mein Gott, ja! Es ist schon sieben Jahre her, daß ich diese beiden Lieder gefunden und abgeschrieben habe. Allerdings sind Sie noch in dem Alter, wo man auf sieben Lebensjahre noch nicht mit der Klage darüber zurückblickt, daß sie schon dahin sind.«

»Sie haben also Gedichte gern und sammeln die, welche Ihnen am besten gefallen. Wenn ich mal wieder das Vergnügen haben sollte, nach La Herse zu kommen, würde ich Ihnen dann sehr unbescheiden erscheinen, wenn ich Ihre Frau Mutter um Erlaubnis bäte, Ihre Lieblingsdichter kennen zu lernen?«

»O bitte, thun Sie das weder heute noch morgen. Meine Mutter weiß nichts von diesem Heft. Es stehen übrigens nicht nur Gedichte darin.«

»Dann ist es wohl ein Buch mit Verschluß, in welches Sie jeden Tag Ihre Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen eintragen, Ihre Freuden und vielleicht gar Ihre Leiden?«

»Das Heft ist mir ein treuer und verschwiegener Freund. Wenn es mir später einmal von meinen Kindereien erzählt, von den Enttäuschungen, welche ich erlebt, den Freuden, die dahingeschwunden sind, und wenn's sein muß, auch von meiner Thorheit, dann wird mir das sehr lieb sein, denn es sagt es mir ganz leise, nur für mich allein ins Ohr.«

»Werden Sie Ihren Gatten das denn nicht mit genießen lassen, wenn er Sie einst darum bittet? Das wäre doch so schön, wenn Sie zu zweien Ihr Leben noch einmal wieder durchgingen, wenn Sie jemand fänden, der Ihren Geschmack teilt, der in geistiger Gemeinschaft mit Ihnen steht. Glauben Sie einem alten Pedanten, es ist nichts so köstlich, als ein Wesen zu finden, welches mit Ihnen fühlt und denkt, dessen Gemüt gerade so empfindet wie Sie. Geteilte Freude ist doppelte Freude, weil sie einzig und allein nicht selbstsüchtig ist.«

»Wenn man dem, den man liebt, nichts abschlagen kann, dann werde ich ja auch vor meinem Mann nichts Geheimes haben.«

»Sieh mal da,« rief Margarete, welche die beiden so eifrig in der Unterhaltung sah, »Datarames und Xarina! Wurde denn im alten Ägypten nicht getanzt?«

»Allerdings,« erwiderte Herr von Herbelot und ließ sich nicht verblüffen. »Wir hätten schon getanzt, wenn Fräulein Varley nicht etwas müde wäre und mich gebeten hätte, noch ein wenig mit dem Tanz zu warten, den sie mir in so liebenswürdiger Weise bewilligt hat.«

»Nehmen Sie sich besonders vor dem Koptischen in acht,« rief Margarete im Fortgehen ihnen noch zu. »Johanna hätte mir beinahe für immer die Freundschaft gekündigt an dem Tage, als ich sie in die berühmte Vorlesung geführt hatte. Sie hat sich so tödlich bei Ihnen gelangweilt. Sorgen Sie nur dafür, daß Sie Ihre Verzeihung verdienen, so lange es noch Zeit ist.«

*

X.

Bald nach diesem Abend erfolgte die Abreise nach La Heise. Johanna war nicht wieder zu erkennen. Sie hätte die Erklärungen des Professors gern anders gehabt. Sie waren ja sehr herzlich gewesen, aber nun war sie bitter enttäuscht. Ihre Liebesgeschichte war zu Ende, alle ihre Hoffnungen dahin. Herr von Herbelot fühlte für sie nicht das, was sie für ihn empfand, so glaubte sie. Seine Reden waren ja sehr warm und liebevoll gewesen, aber sie waren doch in den Grenzen der Artigkeit geblieben. Sie hätte ihm so gern Gelegenheit gegeben, ihr seine berühmte Liebesgeschichte zu erzählen, aber er war bei aller Aufmerksamkeit doch immer ausgewichen. So dachte sie mit zerrissenem Herzen, erbittert gegen die Welt, daran, ins Kloster zu gehen und dort ihr Leid zu vergessen. Ihre Mutter hatte ein Recht darauf, daß sie ihr alles sagte, so eilte sie zu ihr und that es ganz fassungslos, unter einer Flut von Thränen.

Madame Varley tröstete ihre Tochter mit liebreichen Worten, aber sie war in andrer Weise ganz unglücklich über ihr Geständnis. Herr Ternier hatte gerade in Herbelots Namen bei ihr um Johannas Hand angehalten. So hatte sie nun das Glück ihres Kindes in ihren Händen und glaubte es nicht zu teuer zu erkaufen, wenn sie ihre Tochter ruhig diese heiligen und rührenden Herzensthränen weinen ließ. Sie dankte Gott im stillen, aber sie hätte doch beinahe die Geduld verloren, wenn Herr von Herbelot nicht zwei Tage später in La Herse erschienen wäre. Es kam über sie wie ein Gefühl der Genesung aus schwerer Krankheit, sie wurde ganz heiter und fröhlich, als der Diener ihr den Besuch des so sehnsüchtig Erwarteten meldete. In überströmender Freude dachte sie nicht mehr an die übliche Zurückhaltung und alles das, was die Welt an heuchlerischer Verstellung verlangt; sie stand auf und ging ihm entgegen und reichte ihm ihre beiden Hände strahlend vor Glück und zu Thränen gerührt. »Seien Sie mein Sohn,« sagte sie, »ich gebe Ihnen meine Tochter, weil ich fühle, daß Sie sie so unendlich lieb haben werden, wie ich sie habe. Meine Liebe ist ihr Leben gewesen, und sie wird ihr Trost sein, wenn ich nicht mehr bin.«

»Gnädige Frau, wie soll ich Ihnen danken und Sie versichern, daß ich Ihre Tochter auf Händen tragen, sie hoch und heilig halten und ihrem Glück mein ganzes Leben weihen will!«

Herr von Herbelot und Madame Varley hatten noch die Thränen in den Augen, als Johanna hereinkam. Der junge Mann ging ihr entgegen, ehe sie sich noch von ihrem Erstaunen erholen konnte und fügte: »Ich kam, um Ihrer Frau Mutter und Ihnen, mein Fräulein, meine Huldigungen zu Füßen zu legen. Diesmal ist mir das Glück gewogen und vergönnt mir, daß ich Sie treffe. Ich bin sehr dankbar dafür und auch Ihrer Frau Mutter. Sie hat mir eben erlaubt, daß ich das Heft sehen darf, von welchem wir auf Margaretens Ball gesprochen haben.«

»Herr von Herbelot hat noch etwas Besseres gethan, Johanna. Er hat mich um deine Hand gebeten. Nicht wahr, du schlägst sie ihm nicht ab?«

Statt jeder Antwort reichte Johanna dem Professor ihre Hand, und die Verlobung wurde mit einem langen innigen Kuß besiegelt, in welchem zwei Wesen eins wurden, welche sich lieb hatten, ohne es zu wissen, ohne daran zu denken, es sich zu gestehen, weil sie selber nicht wagten daran zu glauben.

Einen Monat später wurde schon die Hochzeit in der ärmlichen alten Kirche von Bourceville gefeiert, die ganz verjüngt aussah durch all die seinen Gäste, den Blumenschmuck und die Lichter. Der ganze Ort brachte dem »Fräulein Johanna« seine rührend kindlichen Glückwünsche dar. Für die Leute von Bourceville hatte es nie ein schöneres und glänzenderes Fest gegeben. Die Kanopen nahmen einen Ehrenplatz auf dem mächtigen Kamin des großen Saales ein. Sie schienen zu lächeln und alle, die sie ansahen, willkommen zu heißen. Die Liebesgeschichte von Datarames und Xarina war nun offenbar geworden.

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