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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Der Heimatlose

1

Odin kam am ersten Weihnachtsfeiertag gegen sieben Uhr morgens nach Vennestad. Er fror wie ein Hund und hatte kaum einen anderen Gedanken als nur den, in eine warme Stube zu kommen.

Auf der Herdplatte in der Küche prasselte es belebend, die Scheiter knackten und schwätzten miteinander um die Wette, und die Flammen kämpften über ihnen hin und lachten; sie achteten seiner nicht, und es war kein Mensch in der Küche. Er blieb unter der Türe stehen. Die Küche lächelte ihm so klar und freundlich entgegen, hier war kein Platz für ihn. Und außerdem ist Weihnachtsmorgen! sagte sie zu ihm. Auf der Küchenbank lag ein weißes Tuch, und alle Wandbretter waren mit weißen Papierzacken geschmückt; und oben auf dem Rauchfang standen die Kerzenhalter und glänzten. So war es auch in Kjelvika daheim, heute, das wurde ihm jetzt klar, während er so dastand. Da überkam es ihn wie ein seltsames Glück, daß er all dies gesehen hatte und jetzt noch sah. Es war nur ein Traum; nur das eine verhielt sich wirklich so, wie es war, er war der Odin, ja.

Jetzt hörte er in der Stube jemand gehen. Es ist am besten, ich gehe gleich hinein, dachte er. Wenn ich nur nicht in der Tür jemand begegne. In dem Augenblick ging die Türe auf, und Elen kam mit einem Kind auf dem Arm und einem Krug in der Hand herein. Ihr Gesicht war ein wenig verschlafen, und sie schaute herzlich ahnungslos drein, wußte nicht, daß er hier war. Dann blieben ihre Blicke an ihm haften – jetzt träumte sie wohl. Er trat ein paarmal von einem Fuß auf dem anderen.

»Ja!« sagte er nur.

Sie wurde noch seltsamer anzusehen; jetzt bemerkte sie erst, wie naß und zerzaust er war, und sagte etwas.

Da raffte er sich zusammen und lachte leise, und dann sprach er schnell und lebhaft:

»Ja, sie haben mich davongejagt, aber es war gar kein Grund dazu, es sah nur so aus. Nein, denn ich konnte nicht – ich hätte irgend etwas erzählen sollen, und das konnte ich nicht, es ging einfach nicht, und der Grauwidder –« er schwieg auf einmal mitten im Satz.

»Wo bist du denn heute nacht gewesen?« sie fragte zweimal.

Jetzt geht die Tür hinter ihm auf, und Iver kommt vom Stall herein.

»He?« sagt er, er schaut dabei vom einen zum anderen. Dann geht er zur Bank hin und stellt das Licht weg, zieht die Stiefel aus und schlüpft in ein Paar Pantoffel; das war so leibhaftig, wie es nur sein konnte, dünkte es Odin. Iver tat, als sähe er den Knaben nicht mehr, er ging geradeswegs in die Stube hinüber.

»Aber du liebe Zeit, wo nehme ich jetzt nur Kleider her, damit du dich umziehen kannst?« Elen schaute ratlos um sich.

»Ach was! Die werden auch an mir trocken, so macht es Bendek immer, damit hat's keine Gefahr.«

Sie bat ihn, die Schuhe auszuziehen, aber er kümmerte sich nicht darum. Alles war so weit weg von ihm, alles miteinander.

Iver kam wieder, und jetzt fragte er trocken: »Haben sie ihn fortgejagt?« – »Ja«, seufzte Elen. Er wandte sich Odin zu, schüttelte ihn gleichsam hellwach und stieß ihn in die Welt hinein:

»Sag die Wahrheit jetzt, du Unkraut! Was hast du denn angestellt? Haben sie dich wirklich fortgejagt? Erzähl mir alles, hörst du!«

»Ich werde es der Mutter erzählen.«

Iver fiel aus allen Wolken. Sein Gesicht wurde ganz so wie etwas Häßliches, von dem Odin geträumt hatte – es war der Himmel von heute nacht, als er nach dem Schneetreiben aufleuchtete. So böse war Odin noch nie angesehen worden. So also sind sie, dachte er. Aber seine Augen begegneten denen des anderen unerschrocken, dann schlug er sie nieder und wich ihnen aus, gleich darauf aber sah er sie wieder an.

»Erst kriegst du einmal Prügel, und dann kannst du wieder deiner Wege ziehen und schön um Verzeihung bitten!«

Er wollte nach dem Knaben greifen. Da sagte Elen:

»Nein, warte. Das ist doch wohl meine Sache.«

Iver zuckte zusammen, blieb stehen und schaute sie an. Und sie sah ihn an. Es war jetzt gleichsam ausgesprochen, daß sie die Sorge für den Jungen übernommen habe. Er starrte immer noch ganz grau und dumm vor sich hin, als sie den Buben in die Kammer hinüberführte, und er stand noch da, als sie mit den nassen Kleidern wiederkam.

Inzwischen war die Magd aus dem Stall hereingekommen und im Begriff, die Milch abzuseihen, aber er achtete ihrer nicht, höhnisch lächelnd sagte er zu Elen:

»Ja so, du willst jetzt, scheint's, die Aasel hier auf dem Hof machen? Und ich soll wohl der Kristen sein?''

Elen ging ihrer Wege, und er kam ihr nach. Es war fast, als verbeiße sie ein Lächeln, denn von ihren Eltern hatte er noch nie gesprochen, und was gingen die sie an? Odin saß halb nackt auf einem Stuhl in der Kammer, und die Türe war offen. Der Knecht, eine kleiner fünfzehn- bis sechzehnjähriger Lausbub, hockte beim Ofen und tat so, als sehe und höre er nichts. Die Magd kam einen Sprung herein, als habe sie etwas vergessen.

»Jawohl. Der kann wieder seiner Wege gehen, so naß wie er ist!« Iver lachte wieder höhnisch, seine Stimme klang trocken und rauh.

»Vielleicht gehe ich dann auch meiner Wege«, kam es von Elen, als das Gesinde draußen war.

Odin erhob sich unruhig auf seinem Stuhl. Es dauerte so lange, bis Iver antwortete.

»Ja, jetzt sind ja die Amerikaner in der Gegend aufgetaucht.«

Elen ging in die Kammer hinaus und ließ die Türe offen. Odin wagte nicht, sie anzusehen. Sie mußte jetzt dunkelrot im Gesicht sein, oder leichenblaß.

» Der!« sagte sie vor sich hin. »Der wäre wohl der letzte, zu dem ich ginge.«

»Du warst aber schon einmal nahe daran, voriges Jahr einmal, an einem Abend – glaubst du, ich bin ganz auf den Kopf gefallen?« hörten sie ihn draußen in der Stube lachen.

Elen bat Odin, ihr zu erzählen, was sich denn zugetragen habe, und er tat es. Nur drehte er die Geschichte ein wenig herum, damit er nicht zu erzählen brauchte, daß er nicht allein gewesen war bei dieser Sache. – »Und die Büchse, die war verhext, unbedingt!« sagte er. Denn jetzt war er mitten in dem wilden Erlebnis. »Aber mir macht das nichts aus, die erwischen mich nicht. Mit Bendek ist es etwas anderes, glaube ich, er ist eben schon alt. Nein, nein, nur keine Angst!«

»Wer ist denn mit dabeigewesen? Etwa die Jörnstrandbuben?«

Er sah sie entsetzt an:

»Weißt du das denn?« und dann seufzte er und schaute weg: »Das war es, was ich dem Bendek nicht habe sagen wollen.«

»Warum denn nicht?«

»Nein, ich wollte nicht. Denn das ging doch nicht. Aber hätte ich es denn tun sollen

Ihre Blicke wanderten zwischen ihm und der Wand hin und her: Nein, wenn er meinte, daß es nicht ging – –

»Ja?« lachte er – »ja, das war es eben, siehst du!«

Als sie beim Frühstück saßen, ging es still zu. Wohl sah der eine den anderen manchmal an, aber dann schaute der immer gerade nach der anderen Seite.

Und später, im Lauf des Tages, wurde es noch stiller; schwer, schwer lag es auf ihnen. Mitten hinein klangen die Kirchenglocken, und da durchfuhr es Odin brennend heiß: es war ja Weihnachten und Feiertag, es sang so groß und göttlich – wären seine Kleider trocken gewesen und hätte er sie angehabt, so wäre er sofort davongelaufen, irgendwohin, weit fort. Denn die Gemeinde hatte eine zu starke Stimme.

Iver nahm seinen Überrock und schob das Gesangbuch in die Tasche. Dann fragte er, und jetzt klang seine Stimme vernünftig, ob der Junge denn irgend etwas Größeres angestellt habe. Elen erzählte, er sei mit einer Büchse losgezogen und habe dabei aus Versehen ein Schaf erschossen. Und dann habe er nicht erzählen wollen, wer mit dabeigewesen sei, fügte sie hinzu. – »Und deshalb haben sie ihn davongejagt? So, so. Und noch dazu in die schwarze Nacht hinaus?« – »Ja.«

»Sind die denn ganz von Gott verlassen? So etwas ist doch ganz unmöglich. Da ist es schon am besten, ich schaue mich einmal selber um.«

Er ging zuerst in die Kirche. Gleich nach dem Mittagessen sprach er wieder davon. Er habe mit Bendek noch manches Hühnchen zu rupfen.

»Ja aber, du sollst das nicht tun«, sagte Odin. Er ist aufgestanden, so bleich, daß er ganz leuchtet. »Tu es nicht, hörst du! Ich bin ja selber an allem schuld!«

»Ja so, so ist das zu verstehen. Ich dachte mir's ja schon.« Iver ließ sich kein Lächeln anmerken, und doch fühlte Odin sich bis in die Füße hinunter steif. »Ja, dann mußt eben du gehen und um Verzeihung bitten. Daß du's nur weißt.«

Elen wendet sich ihm zu und sagt das gleiche. Ja, wenn sie es auch mit Iver hält, dann bleibt wohl nichts anderes übrig, denkt Odin bei sich selber. Das wirst du doch wohl noch fertigbringen.

Er zog sich an und wollte fortgehen. Dieser Junge hier war nicht er selber, es war einer, der ihn nichts anging, er entsann sich eines Wortes, das er in der Schule einmal gehört hatte: »Du Lausbub von den Häuslerhöfen!« – so einer war es; einer, den die Leute hinjagen konnten, wohin es ihnen behagte. Und jetzt ging er fort. Es war schon Abend.

Als er in die Küche hinauskam, trat die Mutter ganz angezogen herein. Sie würde mit ihm gehen, sagte sie. – Oh, meinte er. Mehr brachte er nicht heraus; er war so erstaunt. Wohl war es der Odin, der hier stand, aber er war nicht groß.

»Ich hätte es schon allein fertiggebracht, Mutter. Ich glaube wenigstens.«

Er öffnete die Tür. Über allen Wiesen und Wäldern lag der nackte graue Abend, und die Berge standen hart und böse vor einem. Ihn durchfuhr der Gedanke, daß er schon einmal diesem Gesicht ausgesetzt gewesen sei, es war nicht leicht, sich ihm gegenüber zu halten.

Er dreht sich zur Mutter um, sie kommt nach und will gehen, er nimmt ihre Hand und hält sie fest:

»Mutter, es ist gefährlich! Alle miteinander sind sie gefährlich!«

»Hast du denn das nicht schon vorher gewußt, armer Kerl?«

»Nein. Aber gegen sie hilft nichts!« Er drückte ihre Hand so hart, als sei er ganz außer sich.

Elen bleibt stehen. Ein paarmal hört er sie seufzen. Jetzt weinte sie gewiß.

»Machen wir uns also auf den Weg, Mutter! Du wirst sehen, es geht schon. Es findet sich immer ein Rat. Ich gehe allein, das tu ich!«

»Möchtest du nicht doch lieber bei mir sein, Odin?«

»Ich könnte dir ja helfen auf das Kind aufzupassen.«

Sie hörte, wie der männliche Klang in seiner Stimme ganz verschwunden war. Sie stand noch eine Weile da. Dann nahm sie Odin bei der Hand und ging hinein.

Iver sah sie an. Ziemlich lange. »Ist es schon getan?« fragte er. – »Ja«, antwortete sie nur. Odin setzte sich auf die Holzkiste beim Ofen. Ihn dünkte, er habe hier seinen Platz. Es fiel ihm übrigens schwer, sich wach zu halten. – »Er kann mir ja helfen auf das Kind aufzupassen«, hörte er die Mutter sagen. Und jetzt wachte Iver offenbar auf, wie er so dasaß: Das könne er freilich, der Bursche, sein Essen würde er sich immer verdienen, von nun an. – »Ja«, kam es von Odin, er rutschte auf seiner Kiste hin und her.

– – – Lustig war es gerade nicht, Kindermädchen zu sein. Das Kind war ein unruhiges und anspruchsvolles kleines Ding, ein Plagegeist, vor dem man nie Frieden hatte, immer wollte es auf dem Arm sein, und nie saß es richtig, und nie hatte es das rechte Spielzeug in der Hand. Aus der Mutter machte es sich mit der Zeit immer weniger, den ganzen Tag hieß es immer nur: Odin, Odin; und das schlimmste war, daß es nur ein Mädchen war. – »Du hast deine kleine Schwester gerne, scheint mir?« meinte die Mutter eines Tages. Odin fühlte, wie ihm die Ohren glühend heiß wurden, als hätte man ihm einen Schlag versetzt. – »Wenn's doch nur ein Bub wäre«, sagte er. Denn sonst war sie ja ganz nett, wenn er's recht überlegte. – »Und ganz umsonst ist es wohl nicht, Mutter?« – »Was denn?« – »Daß ich hier bin, meinte ich.« – »Ja, wo denkst du denn hin!«

Da blieb er sitzen und lächelte vor sich hin, bis er sich selber dabei ertappte und mit einem Ruck wieder ernst wurde. Aber die Sache war eben die, daß er aus ihrem Gesicht nie klug werden konnte; er erzählte ihm nie etwas. Iver war nicht unvernünftiger als andere. Es war vorgekommen, daß er Odin sogar angesehen hatte. Es war vorgekommen, daß er ihn bat, einen Gang für ihn zu machen. Da streckte Odin sich in die Höhe und machte die Ellbogen rund: das sollte geschehen, ja! Aber vor ihm kriechen, das tue ich trotzdem nicht, sagte er vor sich hin. Er sagte es oft, obgleich er sich darüber wunderte, daß er es tat, und er war jedesmal immer weniger zufrieden mit sich. Immer wieder saß er da und sah den Bendek vor sich, sie waren draußen auf der Kjelvikaweide, dünkte ihn, er hielt den anderen einzig und allein durch seine Blicke fest, und dann begann er zu schreien, daß es in den Bergen dröhnte: »Hinaus aus meinem Haus, sage ich dir, oder ich schlag dich zuschanden!« Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, wenn er wieder zu sich kam, und er hörte die Stimme Bendeks wie einen herrlichen Ton, weit fort.

Eines Abends war er allein mit der Mutter in der Küche. Die anderen hatten sich schon schlafen gelegt. Sie sitzt da und stopft ein Loch in seinem Strumpf, und er steht daneben und schaut zu. Da sagt er auf einmal:

»Daß du den Tölpel bei dir im Bett schlafen läßt!«

Sie wurde brennend rot, und ehe er sich's versah, bekam er einen Schlag hinters Ohr, daß er taumelte. Sie aber blieb stehen und sah ihn eine lange Zeit an.

»Schäm' dich, Odin!« – es klang fast, als bitte sie für sich. Das tat er. Er ging in den Dachraum hinauf und legte sich. Dort hatte er sein eigenes Bett. Der Knecht und die Magd schliefen auch dort oben, jedes an seiner Wand; manchmal aber lagen sie im gleichen Bett, das hatte er gemerkt. Wahrscheinlich deshalb, weil sie soviel miteinander zu flüstern hatten.

Auch heute abend lagen sie da und flüsterten miteinander, das hörte er, und heute abend legte er sich hin und lauschte. Gerade als er dann einschlafen wollte, hörte er die Magd sagen: – »Die Elen! Nein, die muß wohl nachgeben, entweder so oder so. Da sollte ich an ihrer Stelle sein! Der wäre mir nicht zu oft gekommen!«

Odin drehte sich alles vor den Augen, das hier war unerträglich. Schließlich befand er sich weit draußen im Freien und steckte mitten im Abenteuer: hier hatte er seine Leute rings um sich, und dann kam der Tölpel herbei und fing an zu schimpfen, und da fielen sie alle über ihn her. Es war ein Jammer um ihn, ein großartiger Jammer, aber nun kam Odin hinzu und bat sie, ein wenig glimpflich mit dem Kerl umzugehen, er nahm ihn bei der Hand und führte ihn nach Vennestad heim: »Da hast du deinen Tölpel, Mutter – viel Vergnügen! Leb wohl!«

Das Abenteuer, ja. Es war weit bis dorthin. Er aber dachte oft verächtlich: Ich bin jetzt darüber hinaus. Jetzt bläst der Wind aus einer anderen Ecke, Junge. Und später wird es wohl wieder besser werden.

Eines Tages kam einer der Jörnstrandbuben mit einem Kleiderbündel von Kjelvika. Es enthielt Odins Kleider. Iver stand da und pfiff eine Weile vor sich hin, dann sagte er zu Elen: »Merkwürdige Leute, sie fragen nicht einmal. Ich glaube, es ist gut, daß er von dort weggekommen ist.« – »Ja«, sagte Elen, aber Odin meinte zu hören, daß sie dies nur zögernd gesagt hatte. – »Ja«, sagte er, als Iver hinausgegangen war, »es ist gut, daß ich von dort weggekommen bin.« – »So, du!« lachte sie. »Rede nur nicht gar so erwachsen daher, mein Lieber.« – »Ja, aber, ich habe mir doch vorgenommen, einmal – –«

Was hatte er sich vorgenommen?

»Das wirst du schon sehen!«

Sie lachte hell hinaus, ein paar hohe lustige Töne, die in ein kurzes Glucksen ausklangen, sie lachte nie anders. »Ja, Gott weiß, wie das gehen mag«, sagte sie.

Draußen in der Austragsstube war jetzt ein Mädchen, das den Eilert versorgte, denn er war alt und bettlägerig geworden. Sie sei eine Schwester des Tölpels, hatte Odin verstanden, und sie hieß Kristine. Sie war ein Jahr älter als er, wenn nicht mehr, und sehr groß für ihr Alter. Sie war böse in ihrem Innern. Das sah er sofort. Nicht nur, weil sie rotes Haar hatte, und auch nicht, weil sie so bleich und dick war, sondern sie war es wirklich; und ihre Augen verrieten das gleiche. Er mied sie, so gut er konnte, ebenso wie er den Iver mied. Kristine konnte ihm durch die Augenlider hindurchschauen, dünkte ihn, und dann kicherte es rings um ihn: »Du Lausbub von den Häuslerhöfen!« An Karen-Anna wagte er jetzt kaum zu denken; es war eine große Schande. Ganz Kjelvika war eine Schande.

Einmal kam sie und steckte ihm irgend etwas in einem Papier zu. Es war Schokolade! Er wurde verlegen und froh, wagte nicht aufzusehen. Er wollte ihr danken und die Hand geben. Da meckerte sie laut, sie lachte sich fast tot:

»Hast du gemeint, daß es Ernst sei? Ach, du meine Güte!«

Und ehe er nur einmal blinzeln konnte, hatte sie ihm die Schokolade wieder weggenommen. Er starrte sie an wie ein Schwerhöriger. Sie war schön! Sie war so weiß, sie blendete einen förmlich. Und Haar und Augen an ihr und das ganze Mädchen, alles war so fremd und unglaublich für ihn, so seltsam anzusehen.

Sie hielt ihn noch einmal auf die gleiche Art zum Narren. – So sind sie eben, sagte er zu sich selber, und es dünkte ihn, als seien es ihrer viele. – »Ja, Odin«, sagte die Mutter, die gerade vorüberging, »es ist vielleicht am besten, du hältst dich ein wenig fern von den Leuten.« Es war, als wisse sie alles miteinander.

2

Otte Setran war ein bekannter Mann in der Gegend geworden. Die Leute redeten von ihm, besonders jene, die beim Leichenschmaus gewesen waren. Sie wurden zwar nicht ganz klug aus dem, was er gesagt hatte, das war nicht so einfach, aber sie glaubten, ihn verstanden zu haben. Es war eine milde Lehre, sie paßte für das Land hier; mochte der Küstertod sagen, was er wollte. Man konnte schon sehen, wie es ging, wenn einer zu weit ausgriff. Wie etwa auf Haaberg. Die ganze Welt hätten sie an sich bringen mögen: und jetzt war bald nichts mehr davon übrig. Und auf Segelsund saß der Arthur mit seiner Schöngans und plagte und mühte sich ab, wollte der ganzen Gemeinde das Allerneueste beibringen: wenn sie bloß im Herbst nicht mit dem Laub weggeweht wurden. Und auch alle die anderen: der gute Verdienst mit dem Fischfang hatte den Leuten allen den Kopf verdreht, und jetzt war nichts als Armseligkeit übriggeblieben. In der Politik herrschte die gleiche Not, das Volk ging hin und verurteilte Regierung und König, es war schon viel, daß sie sich nicht auch noch an den Herrgott herantrauten, und jetzt standen sie da, und es drohte ihnen Krieg und Unglück, und die Lumpen und die Schreihälse hatten das Recht im Lande, und das dauerte so lange, bis ein anderes Gesindel kam und ihnen das Ruder aus den Händen riß. Überall war es schlecht bestellt.

»Nein«, sagte da einer: »Der Otte aus Amerika, der weiß mehr als wir alle miteinander. Dort sind sie weit voran, und wozu hat man denn seinen Verstand bekommen, wenn nicht dazu, anderen Leuten das nachzuahmen, was neu und gut ist. Denn, wie der Otte sagt: ›Widerstrebet nicht dem Übel.‹ Das heißt soviel wie: erweisest du mir den einen Dienst, so erweise ich dir dafür einen anderen; so lehrt es die Heilige Schrift.«

Im übrigen gab es viele, die sich um die ganze Sache den Teufel scherten. Der eine fraß den anderen auf, hier im Lande und rings in der ganzen Welt, anders war es nie gewesen, und es mußte schließlich auch so gehen.

Otte für sein Teil sagte nichts mehr. Er hatte mit der Schreinerei angefangen; da brauchte man nicht bis zum Verrücktwerden an das zu denken, was ist oder was sein sollte. Er sagte gerne, wenn die anderen in ihn eindringen wollten: »Es ist nicht sicher, daß ich darin recht habe; noch nicht. Es hat keine Eile. Einmal muß wohl einer kommen, der das Rechte erkennt und es so sagen kann, daß es geschieht.«

Sie luden ihn trotzdem zu sich ein. Er war bald auf allen Höfen gewesen. Schließlich aber sagte er ganz einfach nein. Lina, die Schwester, drang in ihn und meinte, dies sei doch häßlich von ihm. Da lächelte er: »Eines habe ich gemerkt: überall, wo ich hinkomme, haben sie mindestens eine Tochter im Heiratsalter. Die, die mich nicht einladen, haben keine.« – »Du bist wirklich ein Eigenbrötler«, sagte sie. – »Ja; gerade deshalb habe ich gedacht – –«

Nur nach Haaberg kam er oft. Daran war der Schrank schuld. In Aasel war die Jugend gefahren: sie fühlte Lust auf etwas Neues, auf eine kleine Abwechslung in der Stube, wie sie sagte. Ein bißchen hobeln und hämmern würde schon gut tun, meinte sie lächelnd. Otte solle doch kommen und hier arbeiten. – Nein, er glaubte nicht, daß er das tun würde. Er habe schon daheim mit der Arbeit angefangen; es handle sich nur noch um die Höhe. Er mußte ein paarmal kommen und sich die Stube anschauen. Und mit jedem Mal blieb er länger sitzen und unterhielt sich mit Aasel.

Ein Gedanke kam ihr immer wieder und plagte sie; sie überlegte, ob sie noch weiterhin den ganzen Hof behalten sollten. Sowohl sie als auch Kristen hatten schon längst ihre beste Zeit hinter sich, mit ihnen war nicht mehr viel los; und sie hatten doch niemand, der den Hof nach ihnen übernehmen konnte. Nun war schon Segelsund geteilt und auch sonst noch ein paar Höfe in der Gemeinde, und rings um sie lebten verschiedene Leute, die sich auf dem Meer abplagten und gerne ein Stück Land gehabt hätten.

Ob sie denn den Hof hergeben könnte, fragte er eines Tages. Aasel saß da, blinzelte und schaute vor sich hin. – »Das wird wohl schmerzlich sein?« meinte er. Da lächelte sie ihm offen zu, wie man ein Kind anlächelt: »Ja; wenn das nicht wäre! Ab er es kommt auch noch darauf an, was am richtigsten ist!« – Am richtigsten? Ja, das wußte er nicht. – »Ja, siehst du! Das ist es eben. Machen läßt sich das freilich. Aber wissen, ob es das Richtige ist, das ist schwer. So seltsam sich das anhören mag.«

Über ihre Stirne lief ein Zucken, und ihr Gesicht überzog eine leichte Röte.

Andrea kam herein und setzte sich mit einer Handarbeit hin. Da sagte Otte nichts mehr. Aber Aasel war in ihre Gedanken versunken. – Sich davon trennen, das würde wohl seltsam sein. Dasitzen und zuschauen, wie andere den Hof betreiben. Das mußte man auch einmal auskosten. Andrea sah auf und begegnete Ottes Blicken. Da drehten sie sich beide weg und sahen nach der anderen Seite.

Aasel legte rasch abwechselnd eine Hand auf die andere. Sie trug die schwarze Haube – sie war bald die einzige, die das tat, meinte Otte. Nicht ein Zug im Gesicht sprach davon, was sie durchgemacht hatte. – »Wer ist es wohl, der uns lenkt, was meinst du?« fragte sie. »Der uns so lenkt, daß wir es auskosten müssen? Hier ist es übrigens so still; wie der Vater sagte. Ich sehe aus den Zeitungen, daß es während des letzten Jahres viel Lärm gegeben hat im Land. Hier spürte man nicht viel davon. Hier gab es keine Unruhe. Und darüber war ich froh. Es tat so gut, eine Zeitlang in Ruhe dazusitzen und nur zu schauen. Nach rückwärts und nach vorwärts. Hast du bemerkt, daß das, was jetzt ist, nicht wirklich vorhanden ist? Es läuft uns zwischen den Fingern davon und wird zu etwas Gewesenem; es gibt nur das, was war, und das, was kommen wird.«

Andrea sah wieder auf, ein hastiger Blick zwischen Otte und Aasel. – »Koch uns doch einen Schluck Kaffee, Andrea«, sagte Aasel ruhig. – »Du meinst, es kann noch vieles kommen. Das sagen wohl alle. Ich glaube nicht so recht daran. Kann etwas Neues kommen, etwas anderes als das, was schon einmal war? Das möchte ich gern wissen. Ob es je einmal zu etwas führt.«

»Zu etwas führt?« Otte hatte dagesessen und sie angeschaut, jetzt aber erwachte er und sah, wie jung dieses Gesicht war. Es brannte ein Mut darin, vor dem er zurückwich. Diese Angst in ihren Gesichtszügen war Mut, Mut zum Leben, wenn es darauf ankam. Er selbst saß da wie ein alter und mutloser Mann. Aasel hatte ihm den kleinen Rest geraubt und ihn an sich genommen.

Und jetzt saß sie vor ihm und dachte an Elen. Von ihr sprach sie niemals mehr. Gleich nachdem er den Kaffee getrunken hatte, brach er auf. Es sei am besten, er gehe jetzt heim, sagte er.

Ohne es zu merken, hatte er den Weg eingeschlagen, der durch den Vennestadhof führte, diesen Weg wollte er eigentlich nicht gehen. Die ganze Zeit hörte er in Gedanken Aasel reden, eine tiefe nagende Unruhe, durch Windstöße und Stille über die ganze Gemeinde hin.

In dem Augenblick, da er um das Vorratshaus biegt, tritt Elen auf die Treppe heraus, mit einer Holzschüssel in der Hand. Sie sieht abwechselnd ihn an und dann über den Hof zum Stall hinüber, wo Iver gerade den Gaul ausschirrt. Odin steht dabei und sieht zu.

»Läufst du etwa herum und suchst den Odin?« fragte sie.

»Ist er denn hier?«

»Ja. Und – – wenn du willst, kannst du ihn haben.«

Er stand eine Weile da und sah sie an. Auch sie blieb still stehen.

»Ist das dein Ernst, Elen?«

»Ja, auf diese Weise bliebe es uns erspart, daß du noch öfters hierherkämst«, sagte sie so laut, daß man es über den ganzen Hof hörte.

Der Ausdruck ihres Gesichtes war hart geworden, und jetzt schritt sie rasch an Otte vorbei und ins Haus hinein.

Otte ging weiter. Aber bei der Stallecke trifft er auf Iver und den Jungen. Er bleibt stehen und grüßt. Iver gibt keine Antwort, er klopft sich das Heu von seiner Jacke und putzt die Stiefel im Schnee ab. Otte steht da und betrachtet den Knaben. – »Wie geht's dir denn, Odin?« Da schaut Iver auf, sein Gesicht ist graugefroren:

»Zum Teufel, was schnüffelst du da herum? Bist du uns etwa auf den Buben neidisch?«

»Nein, woher doch, ich kam nur – – ich wollte ihn nur sehen

»Dann willst du wohl wieder meinem Weib den Kopf verdrehen, ich kenne deine Streiche schon!«

»Nein, so hör doch, Iver – –«

»Ja, das ist mir eine schöne Lehre, aber wenn du dich nicht augenblicklich wegscherst, werde ich dir heimleuchten!«

Otte wurde ganz blaß, gleich darauf stieg ihm aber die Röte ins Gesicht, daß es sich ganz dunkel färbte. So stand er eine ganze Minute da, mindestens. Odin wurde abwechselnd rot und bleich. Er wagte kaum aufzusehen.

»Ja, ja, Iver. Ich werde gehen. Du kannst ruhig sein. Und du, Odin, du willst auch jetzt nicht mit mir kommen?«

»Nein.«

»Steh nicht da und verführ den Jungen, du Weibervogt, der du bist!« Iver griff nach einem Holzscheit.

»Ja, leb wohl also!«

Otte ging. Er setzte die Füße gut auswärts, aber seine Kleider hingen leer an ihm, dünkte es Odin.

Odin saß an diesem Abend fast die ganze Zeit auf der Holzkiste, die Hände in den Hosentaschen und über dem Bauch gefaltet, denn er hatte immer Löcher in den Taschen. Einmal lächelte er und sagte innerlich: Drehte sich um und ging, denk', dem anderen gerade vor der Nase weg! Gleich darauf aber seufzte er: Er ist doch ein dummer Kerl. Daß er ihm nicht heimleuchten konnte.

Der Knecht war beim Fischfang, und die Magd war nach dem Abendessen auf den anderen Hof gegangen, Odin mußte sich also diesen Abend allein schlafen legen. Er stand eine Weile da, ehe er sich dazu entschließen konnte. Da sagte die Mutter: »Soll ich mit dir hinaufgehen?« Denn sie traute sich nicht, ihm ein Licht mitzugeben. – »Mit mir hinaufgehen?« – »Ja Willst du nicht?« – »Nein, nein. Nur ein ganz klein wenig vielleicht.«

Sie ging mit ihm. Als sie ihn dann zudeckte, sagte sie:

»Willst du denn wirklich bei mir bleiben, Odin?«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen – daß ich bei dir bleibe.«

»Unbedingt!« lachte sie, denn das war der Bendek, der da aus der Decke heraus sprach.

– – – Otte schien ein wenig verwirrt zu sein, als er am Abend heimkam. – »Mir scheint fast, du trägst dich mit Heiratsgedanken?« meinte Lina, nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte. – »Ich? Bist du verrückt?« Er war vor ihr stehengeblieben und machte den Eindruck, als habe er die Sprache verloren. Am ehesten aber glich er einem, dem es zugestoßen war, daß er in sich selber hineingeschaut hatte, so kam es ihr vor.

3

In der gleichen Woche kam Gurianna nach Vennestad.

Sie war so außer sich, daß sie kaum reden konnte. Sie setzte sich, noch ehe man ihr einen Platz anbot, und da saß sie nun. Ihre Blicke glitten dahin und dorthin. Die Leute gingen aus und ein, wollten so tun, als wunderten sie sich nicht weiter über sie. Aber Odin flüsterte der Mutter zu – er platzte fast vor Lachen: »Sie hat sich rasiert, Mutter!« Später blieb er dann an der Wand drüben stehen und sah Gurianna an, lange und forschend. – »Kannst du sie nicht fragen, was sie denn will!« flüsterte er, als die Mutter in seine Nähe kam.

»Ja, danke, der Bendek ist krank geworden!« brachte Gurianna endlich heraus, und dann erzählte sie rasch und ganz durcheinander: Er lag da und war schwer geplagt, und überall tat es ihm weh, auf der Brust und im Magen, und er konnte nicht schlafen, und sie brachten auch nicht heraus, was für eine Krankheit er hatte; und da lag er und blieb liegen, und jetzt redete er immer nur noch von einer Sache, von dem Jungen hier, von Odin.

Ehe sich's die anderen versahen, heulte Gurianna auf einmal los, sie biß sich auf die Lippe und verzog das Gesicht und konnte das Weinen nicht unterdrücken – dann gab sie nach und schaute die anderen offen an, während die Tränen ganz dick in den ratlosen Hundeaugen standen und schließlich über die Wangen hinunterkollerten: »Wir wissen es, Elen, daß wir ganz schlecht gegen ihn waren, darüber läßt sich gar nichts sagen, wir glaubten, er habe uns etwas richtig Böses antun wollen, und den ganzen Abend waren wir draußen und suchten und riefen, und am Morgen schließlich fanden wir seine Spur, die bis hierher führte, aber wir trauten uns nicht hereinzukommen. Und mich könnt ihr strafen, soviel ihr wollt, aber der Bendek, der arme Kerl, er liegt jetzt im Bett – – ich wäre nicht hergegangen, nicht um viel Geld, wenn nicht –!«

Elen stand da und schaute weg. Ihr Gesicht wirkte schmal und knochig in der hereinfallenden Sonne.

Sie wollten um nichts weiter bitten, sagte Gurianna nach einiger Zeit, nur um das eine, ob er nicht einmal bei ihnen vorbeischauen wollte, ob er nicht kommen wollte und mit dem Bendek reden, damit er hören könne, daß sie nicht verfeindet seien. Damit Bendek ihn sehen, könne, wenn auch nichts weiter. Und – wenn er länger bleiben wollte, ja, dann, so hatten sie untereinander ausgemacht, sollte er das bißchen, was sie hinterließen, einmal bekommen: die Häuser, das Vieh und das Geld, das auf der Bank lag. Der Bendek habe zwar Verwandte, aber von denen wollte er nichts wissen.

Elen blieb noch eine Weile stehen, dann sah sie Gurianna an.

»Aber freilich, er wird vorbeikommen, morgen schon. Mehr kann ich Euch nicht versprechen.«

»Ihr habt Euch ja wie verrückt aufgeführt, wirklich«, sagte Iver. »Aber ich werde Euch den Jungen morgen hinüberschicken.«

»Ja, ja, Gott segne Euch! Das ist mehr, als wir – –« Gurianna wollte wieder gehen, sie könne nicht auf den Kaffee warten, sie müsse heim.

Aber gleich nachdem sie gegangen war, tappte Odin in seine Kammer hinauf, und als er wieder herunterkam, trug er seine Kleider in einem Bündel unter dem Arm. Die anderen machten große Augen, wollten ihn mitten in der Stube aufhalten.

»Halt, was soll denn das?« sagte Iver.

Der Junge schaute mit lustigen Augen an ihm hinauf.

»Gehst du denn wieder von uns fort?« fragte die Mutter.

»Ja, so wird's wohl kommen.«

»Aber warum denn? Du, der nicht einmal mit dem – mit dem – –«

»Ja, ich weiß nicht recht. Ich will jetzt einmal hinschauen.« »Hast du denn gar kein Sitzfleisch, Junge?« sagte Iver. »Läßt du ihn denn gehen, Elen?«

»Ja, wenn er unbedingt will, dann –«

Oben auf dem Bergsattel holte er Gurianna ein. Sie saß auf einem Stein und verschnaufte gerade. Der Weg war schlecht, und sie ging so selten fort. Der Ostwind schaffte tüchtig, wollte den ganzen Schnee in allen Tälern und Wäldern aufzehren und Äcker und Wiesen zum Sommer trocknen; Odin meinte fast, er schwitze vor lauter Arbeit. Oben am Hang sang bereits die Drossel.

Gurianna wollte ihren Augen nicht trauen, das sah er. Da lachte er; sie sah aus, als sei ihr Gesicht rings um den Mund herum erfroren, es fehlte nicht viel und sie wäre wieder in Tränen ausgebrochen; ja. er mußte lachen, denn da stand er nun mitten vor ihr, und hier hatte er sein Bündel!

Auch sie fragte, warum er das tat. – »Du hättest doch lieber daheim bleiben sollen, meine ich?« Da zuckte er mit den Schultern und schaute in die Luft hinaus: »Ja, aber – auf einmal ging ich eben fort.« Und zu sich selber sagte er, er wäre nicht der Odin gewesen, hätte er nicht so gehandelt. So war es. – »Merkwürdig!« sagte er auf einmal, wie sie schon im Weitergehen waren. – »Was denn?« – »Nein, nichts. Aber so ist es schon einmal gewesen. Ich war in der Klemme. Sie kommen und fragen mich, und ich soll antworten, ja oder nein, und dann weiß ich wohl, was ich will, aber ich tue es nicht. Denn sie brauchen mich daheim auf Vennestad!« sagte er und schaute zu ihr auf. – »So, wirklich?« – »Ja, aber jetzt ging ich doch!«

»Ja, wenn es nur das Richtige war, armer Kerl!«

»Unbedingt! – – Aber der Otte, mein Vater, der ist ein armer Tropf, der ist alles andere, nur kein Draufgänger!«

»Wieso?«

»Ja, denn sonst hätte er ja das Richtige schon längst tun müssen – sonst wären wir ja alle miteinander in Amerika! Und er hätte sowohl die – – –«

Er hielt plötzlich inne. Und dann gingen sie weiter und sagten nichts mehr, bis sie in Kjelvika waren.

Mit Bendek konnte man nicht viel sprechen. Seine Gesichtsfarbe hatte sich verändert, das erschreckte Odin sofort, und die Augen sahen aus, als litten sie. Aber tagsüber folgten sie Odin überallhin. – »Fühlst du dich nicht wieder daheim?« fragte er eines Tages. Odin blieb stehen und starrte ihn an. – »Ja, doch. Ja, wenn Ihr nur erst wieder auf seid.« Bendek knurrte leise vor sich hin: »Du sagst das so. Aber ich fühle, daß das unmöglich ist. Vorerst. Jetzt mußt du die Führung im Haus übernehmen. Dann wird ein erwachsener Kerl aus dir.« Odin steht da und überlegt eine Weile und runzelt die Stirn wie ein Erwachsener. Dann zuckt er ein wenig mit den Schultern und blickt schräg zur obersten Fensterscheibe hinauf:

»Ja, Ihr dürft nun nicht glauben, daß ich mein ganzes Leben lang hier herumgehen werde.«

»Nicht?«

»Nein. Denn ich muß in die Gemeinde hinaus – ich will das hier nicht haben!«

»Nimm dich in acht, mein Lieber!« Dann aber wird Bendek ernsthaft: Nein, er solle nicht hierbleiben; das sei nicht die Absicht. Man könne dies nur als eine Art Schule betrachten. »Damit du Mark in die Knochen kriegst!«

Aber Bendek hatte recht, Odin fühlte sich anfangs nicht daheim. Es war nicht leicht, das Kjelvika wiederzufinden, das es gewesen war. Auch hier waren die Tage hell und hart, wie drüben in der Gemeinde. Er ging umher und wartete; und nur so nach und nach durchsickerte ihn das Gefühl: hier ist gut sein.

Wenn Odin draußen gewesen war und sich mit Brennholz oder Torf abgeplagt hatte, kam er gern herein und setzte sich ans Bett. Bendek konnte ungeheuer munter sein, wenn ihn die Schmerzen nicht quälten, und dann hatte er immer gern jemand zum Schwätzen bei sich. Jedesmal, wenn Odin kam und sich zu ihm setzte, fand er selber, daß er gewachsen sei. Bendek müsse dies doch sehen, dachte er. Und eines Abends sprach Bendek es aus:

»Mir scheint fast, du bist breiter zwischen den Ellbogen? Ja, das ist gut, Odin. Es gibt der Schmalen schon genug. Du bist wirklich ein – –«

»Was für einer denn?«

»– einer von den Alten. Ein Juwiking.« Bendek lächelte.

Odins Gesicht wurde flach. Woher wußte Bendek, daß er während dieser ganzen Tage daran gedacht hatte? Jetzt machte er sich nichts mehr daraus. Denn die hatten niemals eine Kuh im Meer gesehen, und nie hatten sie sich in die Gemeinde hinausgewagt, wenigstens nicht lange; sie waren fast wie Heiden oder Tiere, wenn man an sie dachte. Nein, aber er war gewachsen, das fühlte er.

Am meisten erstaunt war er über die Arbeit; es ging alles so rasch von der Hand. Das Holz war im Handumdrehen kleingehackt und der Torf ins Haus getragen und dazu das Wasser es schien doch etwas zu nützen, daß er hierhergekommen war. Schlimmer war es, als das Vieh auf die Weide sollte und das Fischwetter immer schöner wurde und das Wasser im Sund draußen blitzte. Er hörte es am Schrei der Vögel, daß es jetzt nicht mehr geheuer war. Draußen über der Schäre lockte und rief es, daß man sich völlig darüber vergessen konnte. Er ging hinunter zum Ebbestrand und suchte nach Würmern, und kaum war das Vieh abends wieder im Stall, machte er sich schon auf den Weg. Das schlimmste war, daß er spät am Abend allein heimkommen mußte. Unten beim Bootsschuppen war es grau und still. Hier mußte früher einmal gar manches vor sich gegangen sein, das lag nun da und schwieg und war noch nicht aus der Welt geschafft. Und das Boot war zu schwer, er konnte es nicht allein heraufziehen. Von Gurianna konnte er keine Hilfe bekommen. Sie jammerte nur und seufzte, er lächelte und äffte sie nach: »Ich bin so alt und schwach geworden, ich tauge zu solchen Sachen nicht mehr!« Und: »Wer bei der Nacht nicht hat geruht, dem geht es auch am Tag nicht gut.« Sie schlief im übrigen recht gut, soviel er gemerkt hatte. – So zog er das Boot lieber so weit wie möglich aus dem Wasser und ließ sich dann am nächsten Morgen von der Flut helfen, es richtig zu verwahren. Bendek fragte in einem fort nach dem Boot, genau wie der Großvater auf Vennestad nach dem Pferd.

Was wollte denn er noch mit dem Boot anfangen, nun da er dalag und sterben sollte? Denn diesen Weg ging es wohl. Odin mußte lächeln, wenn er sah, wie Bendek etwas einnahm oder eine Salbe aufstrich und dann behauptete, daß das helfe. Der Alte glaubte wirklich, es ginge ihm nach und nach besser, und das schien auch Gurianna zu meinen. Er sah, daß es nur immer schlechter und schlechter wurde. Warum erkannte Bendek das nicht selber? Er fürchtete sich wohl ein wenig, jetzt, da es aufs Ende ging, das war wohl der Grund. Und unheimlich genug mußte es ja sein. Odin hielt inne und dachte immer wieder darüber nach, er konnte so neugierig werden, daß er sich wünschte, es möchte bald kommen.

Wenn es aber dem Bendek am allerschlechtesten ging und er dalag und jammerte, dann wurde Odin bleich. Dann dachte er an den lieben Gott, an den Herrgott, der alles wußte, der tun und lassen konnte, was er nur wollte. – Du kennst ja den Bendek! konnte er dann sagen – du weißt ja, was der für einer ist! Er hat zwar den anderen Leuten die Netze ausgeleert, das ist wohl wahr, fuhr er ein wenig zahmer fort, ja, zuerst aber haben die anderen ihn bestohlen, darauf kannst du dich verlassen!

Warum aber war Bendek krank geworden? Odin dachte an die Kuh im Meer und an die Otterbüchse und den Zauber, aber er wies alles gleich wieder von sich: Das gibt es nicht! So etwas hatte man früher erlebt, er war gleichsam mit dabeigewesen und hatte alles mit durchgemacht, aber jetzt kümmerte er sich nicht mehr um solche Dinge. Es gab so vieles und keiner verstand es.

Er war bald wieder in anderen Gedanken. Wer sollte die Ernte in Kjelvika hereinbringen? Darüber sprachen sie nie. Glaubten sie denn so sicher, daß er damit zurechtkäme? Ein elfjähriger Bub? Das würde ihn in der ganzen Gemeinde berühmt machen. Berühmt, jetzt schon?

4

Aber da tauchte Lauris auf. Eines Tages, als Odin von der Weide heimkam, saß er da und trank Kaffee. Er war nicht viel größer als Odin, aber vier Jahre älter, und sah aus wie ein Erwachsener. Weiße Segeltuchhosen trug er und einen blauen Kittel, sah richtig wie ein Schiffer aus. Er hatte braune Augen, oder gelbe, oder weiß der Himmel was für welche, und ihre Blicke fielen sofort auf Odin, blank und eindringlich, sie untersuchten ihn und maßen ihn ab, wollten ihn zu einem kleinen Buben machen. Odin steifte sich immer mehr und mehr auf, er merkte es selber auch.

Nun erzählte Gurianna: Dieser Bursche hier sei hergekommen, um ihnen bei der Heuernte zu helfen; er gehöre zu Bendeks Familie und sei ein richtiger Mäher; jetzt habe Odin es auch nicht mehr so schwer. Bendek lag da und sagte nichts. Endlich blickte er auf. Seine Augen waren fahl, fast wie die Augen eines toten Fisches, aber Odin verstand ihren Blick sehr Wohl: er sollte sich nichts daraus machen!

»Gehst du wieder, wenn die Ernte fertig ist?« Er sah den fremden Burschen von der Seite an.

Lauris beugte sich zu seiner Kaffeetasse hinunter und trank, aber er hielt die Blicke auf Odin gerichtet, und sie kamen immer näher und näher:

»Ich bleibe hier, solange du mich brauchst. Was gibst du mir am Tag?«

Odin kam gleich darüber hinweg und lachte:

»Es kommt darauf an, was du taugst.«

Denn wenn er jetzt den Kopf verlor und böse wurde, dann machte er sich noch geringer im Vergleich zu dem anderen.

Es galt nun, sich über den Burschen klarzuwerden. Einiges erfuhr er von den Jörnstrandbuben, und mehr erzählte Lauris ihm selber, wenn er Lust dazu hatte. Er stammte von einem Hof namens Svestadmo. Der Vater war ein gottesfürchtiger Mann, einer von den Bekehrten. Odin wußte nicht genau, was für eine Art Menschen dies war, und Lauris wollte nicht damit herausrücken. Aber er war ein harter Vater, er züchtigte seine Kinder so, daß die Leute darüber redeten. – »Wir mußten selber in den Wald gehen und die Rute holen«, erzählte Lauris. »Wenn sie dann aber nicht groß genug war?« meinte Odin. »Dann mußte man noch einmal hinaus und eine neue holen; und dann setzte es doppelt soviel Hiebe. Die anderen wurden zahm dadurch«, lächelte Lauris; »sie haben's jetzt schon weit gebracht. Ich? Na ja, mir half es schließlich auch. Ich nahm mein altes Kartenspiel und verbrannte es selber, während der Vater zusah. Dann stahl ich mir ein paar alte Pappschachteln und machte ein neues. Nun spielten wir um so sicherer. Um Geld, ja? Der Teufel hol's, natürlich! Ich mußte die ersten Kronen aus dem Geldbeutel des Vaters holen – ich legte sie wieder zurück, nachdem ich das Meine gewonnen hatte. Später hatte ich die Missionsbüchse, wenn es notwendig war. Du hättest auch mehr Prügel bekommen sollen, Junge. Dann würdest du dir's jetzt anders überlegen. Seinen Tabak fand ich, wo er ihn auch versteckt haben mochte, ach, das war ein Spaß, Junge! Weißt du, wo er den seinen hat, der dort?«

Odin wurde rot und schaute ratlos um sich.

»Denn der Bendek verträgt keinen mehr«, sagte Lauris und wurde sehr ernsthaft. »Dem geht eins, zwei, drei das Lebenslicht aus, wenn er sich einmal vergißt und ein Stück Tabak kaut.«

»Dazu kriegst du mich doch nicht herum!« brach es aus Odin heraus.

Lauris strich für einen Augenblick die Segel. Aber seine Blicke krochen an Odin hinauf.

»Nein, weißt du, der Bendek ist ein guter Mann.«

»Ja, nicht wahr?« Odin strahlte über das ganze Gesicht. Und gleich darauf fügte er hinzu: »Nein, stehlen, darauf bin ich nicht versessen.«

Es reute ihn schon gleich, nachdem er es gesagt hatte. Er stand selber wie ein halber Dieb da. Und irgend etwas durchfuhr ihn, wie ein Blitz mitten in der Nacht über dem Land klaffte es in ihm auf, daß er, dieser Bursche da, ihm noch einmal zu schaffen machen werde, daß er vielleicht nie mit ihm fertig werden würde; denn so sah ein Feind aus.

Ja, Lauris stand da und lächelte. Spiel dich nur auf wie ein Dummkopf, dann weißt du's bald, was der andere für einer ist.

Anfangs war Lauris freundlich. Odin mochte das nicht, er konnte sich das überhaupt nicht mehr zusammenreimen. Fast jeden Tag versuchte Odin den anderen so aufzureizen, daß er sein wahres Gesicht zeigen müsse. Aber das kam niemals heraus. So war denn nichts anderes zu machen, als zu versuchen, ihm in allem über zu sein, was sie auch anfingen: er schwamm weiter in den Sund hinaus, seine Schubkarren waren schwerer mit Torf beladen, er leerte größere Schüsseln als der andere. Lauris seufzte bloß: »Odin, Odin, du bist ein Mordskerl.« Die ersten Male wurde Odin nur still und bekam große Augen, es sah fast aus, als wollte er hingehen und ihn bei der Hand nehmen. Eines Tages stieg es ihm plötzlich heiß auf: – »Das meinst du nicht im Ernst! –« »Nein, du ja auch nicht, oder?« Lauris blinzelte ihn gelb an.

Da schien Odin zu erkennen, wie kindisch er selber war. Es zwang ihn etwas, über ihn zu siegen; aber das war eine Sache für Kinder und für jene, die in früheren Zeiten lebten!

Eines Tages trugen sie Treibholz vom Meer herauf. Odin konnte nicht anders, er lud sich immer größere und größere Lasten auf, übertraf Lauris immer wieder. Dann, als Odin nicht mehr kann, nimmt Lauris eine Riesenlast und trägt sie hinauf; Odin lädt sich eine ebenso große auf, muß aber unterwegs die Hälfte fallen lassen. Gurianna kommt heraus und sieht gerade die Last, die Lauris zu Boden geworfen hat. – »Jesus, was du alles tragen kannst!« bewundert sie, »hast du das getragen, Odin?« Lauris ist nicht da, und Odin wischt sich die Stirn: »Ja, die war aber auch schwer!« Als er sich umdreht, steht Lauris an der Hausecke und hat jedes Wort gehört. Odin greift nach einem Prügel, meint schon fast, er habe dieses grinsende Gesicht ganz zerschlagen. Da sagt Lauris: »Stehlen tust du nicht, und lügen tust du nicht, was soll denn aus dir noch einmal werden?«

Odin steht da, wie aus dem Wasser gezogen. Dann schaut er Lauris an und lacht:

»Ich werde mich schon wieder reinwaschen!«

»Ja, freilich, freilich!«

Odin war noch lange danach still.

Den ganzen Sommer über war Karen-Anna so gut wie vergessen. Eines Abends, er war gerade auf dem westlichen Teil der Weide und suchte die Ziegen zusammen, trafen sie einander. Sie bekam ein so stilles Gesicht, als sie sah, daß er es war. Sie war doch die Meerfrau, von der er geträumt hatte; sie war so wunderbar schön, und da stand sie und gehörte ihm. Am liebsten aber wäre er davongelaufen. Das Meer lag unten und leckte mit sanften Wellen an dem weißen Strand herauf, und rings um sie war das freie Land mit Mooshügeln und Heidekrautbüscheln, darüber stand die Sonne und erstrahlte in zitterndem Abendrot, schien auf die kleinen Hügel und Senkungen, wo das niedere Gras mit vielerlei neuem Grün im Schatten stand. Und Karen-Anna sah ihn immer und immer wieder an, und bisweilen umfaßte sie ihn mit kleinen Augen und war voller Lachen und Munterkeit, und bisweilen sah sie ihn wie durch einen blaugrauen Schleier an, der ihn schmerzte. Ja, jetzt wollte er wieder gehen, mochte nicht mehr hier stehenbleiben. Aber doch stand er immer noch da. Ein Zittern überlief ihn – ihn dünkte, es fehlte gar nicht viel, dann hätte er sich über sie geworfen und ihr irgend etwas Unbegreifliches zugefügt, hier mitten in der wildesten Wildnis, sie hätte ihm niemals entrinnen können! Fürchtete sie ihn denn nicht einmal? Jetzt ging er fort, und er war froh darüber, daß er sich losgerissen hatte, er mußte stehenbleiben und fühlen, wie das Herz in ihm klopfte.

Ja, Mutter, sagte er im Weitergehen vor sich hin. Ich bin gefährlich, ich bin ein Juwiking, ein Juwik-Vieh, aber ich will es nie wieder sein; ich will gut gegen sie sein.

In der Nacht lagen er und Lauris auf dem Fischfang draußen. Es war ein so unglaublich schönes Wetter. Grauglänzend war das Meer und grauglänzend das Land, und ringsum am Strand rauschte und tönte es immer tiefer und tiefer; sonst nichts, weit und breit. Da sagte Odin, während sie beim Rudern aussetzten: »Merkwürdig, daß es schon so im voraus abgemacht ist, wen wir einmal haben sollen.«

Er wäre am liebsten ins Wasser gesprungen, so sehr schämte er sich, als er merkte, daß Lauris über seine Worte nachdachte; und jetzt drehte Lauris sich um und sah ihn an. Als aber Lauris am allerärgsten grinste, lächelte Odin nur und schaute über das Meer hin. Denn der da vor ihm war nur ein Geringer, dem er sich nicht ergab.

»Du kriegst ja doch nur eine Häuslerstochter«, meinte Lauris.

Odin zuckte unter diesen Worten ein wenig zusammen, saß da und dachte darüber nach. Dann sagte er, in diesem Punkt ginge es doch so, wie er es wolle. – »Hoffen wir's«, sagte Lauris; und dann ruderten sie wieder.

Ehe noch das Heu eingebracht war, brannte Lauris durch. Die Buchten waren voller Heringe, und da verheuerte er sich bei einer Netzmannschaft. Odin empfand eine so große Freude, daß er sich darüber schämte. Ab und zu aber fühlte er, daß er mit Lauris noch nicht fertig war, da stand noch allerlei aus. Und das war recht so, denn das wäre zu billig gewesen. Und erst kürzlich ging er hier umher und versuchte Lauris nachzuahmen und ihm über zu sein. Aber das war schon ziemlich lange her.

Von nun an blieb Odin den halben Tag bei Bendek sitzen, und manchmal auch noch die halbe Nacht. Bendek hatte jetzt wohl nicht mehr weit zum Sterben. Er wurde immer verrunzelter und gelber, und manchmal war er so weit weg, daß man fast denken konnte, er käme nicht mehr wieder. Dann drehte er oft den Kopf ein wenig herum und suchte Odin. Meist sagte er nicht ein Wort. Das Meer wusch unten die Strandsteine aus, der Wind fegte oben über die Berge hin, Regenböen kamen und peitschten gegen die Scheiben. Bisweilen aber war es fast, als schaue er durch Odin hindurch und weit in die Zeiten zurück. Eines Nachts lag er so da, als Odin auf seinem Stuhl neben dem Bett aufwachte. Er versuchte zu lächeln, brachte es aber nicht fertig.

»Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!« sagte er.

Dies gab Odin einen kleinen Ruck; es waren so kalte Worte. Bendek zog die Stirne in viele Falten: »Ja, das ist ein ernstes Wort, Odin. Ich sehe jetzt noch mehr als das. Ich sah vor kurzem dich hier vor mir. Zuerst deine Leute, ein schwarzes Boot nach dem anderen, sie ruderten kreuz und quer über den Sund und suchten. Du aber lagst hier an Land und fragtest dich herum; suchtest den Weg in die Gemeinde – ich sah es so deutlich, sah sogar, daß die Kuh an deinem Haarschopf geleckt hatte. Ich aber sagte die Wahrheit: ich wisse den Weg nicht.«

Er lag da und jammerte eine Weile, und dann wieder lauschte er auf das Wetter draußen. – »Wie das umtreibt!« seufzte er. »Das wird nie müde, nein. Der Westwind. Der und ich; der und ich. Er hat gar manche kleine Hilfe hierhergebracht. Hat sich gar manches böse Mal mir mitten in den Weg gelegt. Wir standen uns oft wie zwei Halunken gegenüber. Hör nur, wie er hinter der Schäre bläst: er ist immer gleich frisch! Will er denn so weitermachen, als wäre ich nie dagewesen?«

Da fühlte Odin, wie das Sterben sein mußte. Er machte die Reise mit, in einem einzigen Augenblick, fort von allem, was man ist und wovon man nicht lassen kann. Dann aber richtete er sich auf und schüttelte die Gedanken mit einem Ruck ab: Es ist ja noch lange bis dahin!

»Die Geister« . . . Bendek lag da und grübelte darüber nach. »Die Geister, die in Verwahrung sind. Hast du von ihnen reden hören? Nein, nein. Aber du kommst schon noch dahinter, gehst ja in die Schule. Ich weiß nur das, was ich weiß. Aber sind sie denn auch in Verwahrung? Glaubst du nicht, daß sie manchmal heraus dürfen, die Ungefährlichsten unter ihnen? Ich habe allerhand beobachtet; deine Zeit kommt auch noch einmal. Sie lenken deinen Fuß ins Unglück und deine Hand zum Bösen – sie sind einig mit dir, wenn du stiehlst, und sind dir Zeugen, wenn du lügst. Hab keine Angst deswegen, Odin: Du bist ihnen zu mächtig. Und dann gibt es auch andere, solche, die nicht unter Schloß und Riegel gehalten werden brauchen. Die sollten zu uns herankommen, finde ich, wenn wir stillstünden und sie nicht erschreckten, was meinst du? Du hast sie zur Seite; das kann ich wohl merken. Was sagst du dazu, Odin?«

Odin hielt die Blicke auf die Lampe gerichtet. – »Warum fürchten sie wohl das Licht? Die, von denen du zuerst sprachst? Verschwinden sie, sobald Licht angezündet wird?« Er saß da und kämpfte mit sich, dann richtete er sich auf und sah zur Decke hinauf:

»Aber die Büchse ist nicht daran schuld, wie es auch ausgehen mag!«

Bendek schüttelte den Kopf. Bald darauf sagte er: »Bist du nachtscheu? Du brauchst dich dessen nicht zu schämen. Du wirst nie erwachsen, wenn du das nicht durchgemacht hast. So glaube ich wenigstens.«

Er war zu müde, er konnte nichts mehr sagen. Gurianna stand von der Bank auf. Sie schlief jetzt dort. Sie sah auf die Uhr und bat Odin, sich schlafen zu legen. Odin wäre am liebsten dageblieben, denn es konnte sein, daß Bendek noch einige Worte sagte, und wer sollte sie dann hören, und oben im Dachraum – –

Als er hinaufkam, merkte er, daß jemand an der anderen Wand schlief, in Lauris' Bett. Die Karen-Anna! jetzt erinnerte er sich. Sie war hier und hütete tagsüber das Vieh, und heute abend war es zu dunkel gewesen zum Heimgehen. Jetzt erst merkte er, wie kalt die Kleider am Leib gewesen waren, als er die Treppe hinaufkam. Es durchschüttelte ihn immer noch, und das Fenster starrte ihn groß und leer von draußen her an.

Eine Weile stand er noch still da. Dann zog er sich aus und tastete sich zu ihr hinüber. – »Ich bin's nur!« flüsterte er, »es ist hier so unheimlich heute nacht, können wir nicht beieinander liegen? Du und ich?« Sie machte ihm Platz, und da lagen sie nun dicht aneinandergedrängt unter der Decke, bis sie schwitzten und kaum mehr atmen konnten. Eines nach dem anderen fiel ihm ein, was er ihr alles sagen wollte, ein Gedanke jagte den anderen, und dann brachte er doch kein Wort heraus.

Am Morgen erwachten sie zur selben Zeit, sahen sich an und waren erstaunt. Sie lagen da, die Arme einander um den Hals geschlungen. Karen-Anna wurde flammend rot. Dann aber zogen sich ihre Augen immer mehr und mehr unter den langen grauen Wimpern zusammen, und an den Augenwinkeln entstanden kleine lustige Falten, in den Wangen waren Lachgrübchen:

»Mann und Frau!« flüsterte sie, und beinahe hätte sie laut gelacht.

So schön war sie ihm noch nie erschienen, er konnte kaum glauben, daß sie es war. – »Wie erschreckt du dreinschaust!« lächelte sie – »ich werde dich doch nicht mißhandeln!« – »Nein, aber ich dich!« flüsterte er, und jetzt fühlte er, er hatte dagelegen und die Zähne zusammengebissen, daß es schmerzte. – »Wir liegen so ineinander verflochten, ich weiß nicht, was dir gehört und was mir«, sagte sie – »ist das mein Fuß?«

Er stand auf, stellte sich hinter das Fußende des Bettes und zog sich an.

Waren sie jetzt hier? fragte er sich. Denn irgend etwas hatte ihn gerade gewarnt, er solle – er solle weggehen, oder etwas Ähnliches. Er war vor etwas geflohen, das ihm die Besinnung rauben und ihn für Lebenszeit binden wollte. So daß er nie mehr der Odin gewesen wäre.

Das Abenteuer? fragte er sich später im Laufe des Tages. Nein, das ist nicht hier, das ist fortgezogen.

Eine Woche später ging es mit Bendek zu Ende. Die Schmerzen quälten ihn vor den Augen der anderen zu Tode. Als es ganz schlimm war, lief Odin nach Vennestad und bat dort, man möge den Doktor holen, gleich. Er stand vor Iver und Elen und sagte das, sie kannten ihn kaum wieder. Der Doktor kam, aber er konnte nichts tun. Es war zu spät. Und so gab er Bendek ein paar Tropfen und ging wieder seiner Wege. Die Tropfen linderten den Schmerz für einige Zeit, dann aber war er wieder ebenso hart zur Stelle, und Bendek wollte die Medizin nicht mehr nehmen.

Odin schlich während des letzten Kampfes draußen umher. Dieses Stöhnen konnte er nicht ertragen. Die Neugier hatte ihm wie ein Ring in der Nase gesessen, schon von ganz klein auf: alles wollte er sehen, und alles wollte er kennenlernen. Jetzt war der Tod hier, und er war das Merkwürdigste von allem miteinander, aber von dem wollte er nichts wissen.

Es war ein blanker Herbstabend, mit grünlichem Glanz über den Wiesen und weißen Wellen im Gras, die vor dem Wind herliefen. Kjelvika lag ringsum da und war so wie immer. Und drinnen in der Stube stand der Tod und wollte den Bendek mitnehmen, und es gab niemand, der ihn zurückhalten konnte. – »Unmöglich!« seufzte Odin ein paarmal, ein dicker Knoten steckte ihm im Hals, aber er mußte, trotzdem! er mußte sich umdrehen und nachdenken, damit der Tod und er einig werden konnten, später einmal.

Gurianna kam und holte ihn herein.

In Bendeks Hals war es jetzt still geworden. Er war schon tot, dünkte es Odin. Bendek streckte die Hand aus, und Odin ergriff sie. Er stand da und blickte in die halboffenen Augen. Die erkannten ihn und wollten ihm wohl. Dann richtete Bendek sich auf, versuchte ein paarmal vergeblich Atem zu holen, und dann setzte der Kampf von neuem ein.

Nackt und kalt stand Odin da und sah zu, wie dies vor sich ging. Und so hatten sie früher gestanden, irgendwelche, hatten es gesehen und nicht begriffen, waren nicht klüger daraus geworden als er. Odin dachte immer wieder ratlos: Jetzt ist wohl der liebe Gott da und nimmt den Bendek zu sich – aber es ist trotzdem widerlich zu sterben!

Und diesen Gedanken wurde er nicht los, während der ganzen Wochen, die er noch hier zubrachte. Doch darunter sang ein ganz leiser Ton, der nach und nach immer stärker wurde: wenn er erst einmal von hier wegkäme und gleichsam alles von der anderen Seite aus sehen könnte, dann würde es erträglicher sein. Die Menschen mußten übrigens hart sein, alle, die umhergingen und schwiegen und über solche Dinge Bescheid wußten.

Karen-Anna sah er in diesen Tagen nicht oft. Es tat schließlich auch nichts davon oder dazu, wenn er nicht so groß vor ihr dastand. Er sollte von hier weg. – »Heimatlos, ja«, sagte er zu ihr, kurz ehe er fortging – »ja, aber es findet sich wohl immer ein Rat.« – »Gehst du denn jetzt fort?« fragte Karen-Anna eines Tages, als sie gerade die Erdäpfel eingebracht hatten. – »Ja, die Gurianna muß jetzt in den Austrag; es kommen neue Leute her und übernehmen den Hof.« – »Ja, das weiß ich.« – »Ja, ich will in die Gemeinde. Dort muß ich jetzt hin.«

Dies waren die letzten Worte, die sie miteinander sprachen. Sie sollte heim, und er nahm sein Bündel und machte sich auf den Weg nach Vennestad.

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