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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Der Grauwidder und die Otterbüchse

1

Odin sprach kein Wort über den Vater. Da sagte Gurianna eines Tages, sie waren gerade allein in der Stube: »Nun also, du wolltest nicht mit deinem Vater gehen?« Odin sah sie nur an. – »Du bist doch ein kleiner dummer Kerl! Ich glaube, gar viele wären an deiner Stelle froh gewesen und sofort mit ihm gegangen.« – »Ja, das weiß ich schon.«

Er ließ sie stehen. Das ganze war übrigens seltsam, jetzt, wenn er daran dachte. Die anderen hätten sich seinem Vater mit einemmal ergeben. Er, er blieb hier. Einen Augenblick stand er da und schaute vor sich hin: So müßte es sein, wenn man Kjelvika und allem, was hier war, den Rücken drehte, wenn man oben auf Langbrekka stünde und zurückschaute. Man könnte sich mit einem scharfen kleinen Ruck losreißen. Dann würde man hinuntersteigen in die Gemeinde und dort verschwinden, unter all den anderen. Er schob die Hände tief in die Taschen und spreizte die Ellbogen:

»Ihr dürft nicht glauben, daß ich nicht damit fertiggeworden wäre, o nein! Aber ich wollte nicht. Deswegen, weil –«

Er konnte sich nicht ganz klar machen, was er sagen wollte, aber es war etwas, wie daß er hier festsitze, so lange festsitze, bis die Zeit käme, und diese Zeit war irgend etwas Blaugraues in weiter, weiter Ferne. Er sah um sich, obgleich er nur dastand und in die Luft gaffte, er nahm sich die Hügel mit Buschwerk und Steinen und den ganzen Strand mit Wiesen und Steinbuchten vor, und da draußen hatte er die Schäre und alle die Plätze, wo der Fisch anbiß und nur auf einen wartete, so daß es einem im ganzen Körper kribbelte. Kjelvika, das war der Ort, wo die Sonne schien und der Wind sauste, die beiden spielten in langen guten Tagen für ihn um die Wette –, für ihn war es etwas ganz anderes, sich hier loszureißen und fortzugehen, etwas ganz anderes als für die übrigen, denn die wohnten nicht hier. Später einmal aber wollte er dies großartig meistern. Von Vennestad fortzugehen, damals, das war überhaupt keine Sache, da zuckte er nicht einmal mit der Wimper. Und schließlich war es auch so lange her, er war ja noch klein gewesen damals.

Jetzt hatte er also einen Vater, schlechter war er nicht daran.

Er erzählte es Karen-Anna, als sie eines Tages im Sommer oben auf den Heidehügeln waren und Rauschbeeren suchten:

,Jetzt habe ich einen Vater, ich auch.« – »So, hast du?« – »Ja, und ob! Einen großen und erwachsenen Vater. Wo ich den her habe? Von Amerika. Er heißt soviel wie Otte, im Frühling war er einmal da und wollte mich mitnehmen. Aber ich wollte nicht. Ich machte mir nichts daraus. Du, Karen-Anna: Weißt du, daß sie mich Bankert nennen?« – »Ja, aber – du solltest nie so tun, als hörtest du es.« – »Ach was! Wen sollten sie denn sonst so nennen? Und ich bin es doch auch, nicht wahr? Wenn sie einen anderen so nennen würden, was sollte der dann mit sich anfangen? Er würde davonlaufen und sich verstecken und sich nie mehr heraustrauen. Aber wenn sie hergehen und sagen, ich lüge, oder wenn sie sagen, der Bendek hat Diebsfinger, dann haue ich zu!«

Karen-Anna ging hinter ihm her und pflückte die Beeren, die er übrig gelassen hatte. Einen Augenblick sah er sie von der Seite an, während er eine Handvoll schwarzer Rauschbeeren abraufte:

»Ist es nicht merkwürdig, daß wir reich werden sollen?«

»Reich, glaubst du?« Es war, als koste sie dieses Wort. Dann schüttelte sie die Haare aus dem Gesicht und deutete auf einen großen Erdhügel: »Da schau hin, Odin, da sind die Beeren noch größer und schwärzer!«

Im nächsten Augenblick war Odin dort, warf sich mitten in die Beeren hinein und stopfte sich den Mund voll.

»Reich, ja. Wenn wir in die Gemeinde kommen und einmal richtig loslegen!«

Der Nordwind sauste über ihren Köpfen hin, und die Wolkenschatten sprangen in den Sund und über die Hänge, und mit ihnen lief der Sonnenschein um die Wette, es war eine Jagd von dunklem und hellem Grün, und überall leuchteten die Beeren schwarz auf.

Dieses Spiel ging während des ganzen Sommers über das Land hin, und Odin und Karen-Anna waren fast jeden Tag draußen. Wenn er später wieder einmal daran dachte, schien es ihm wie ein Traum. Er verlor nie viel Zeit damit, allzusehr daran zu glauben. Dann und wann war er auf dem Meer. Immer und immer wieder geschah es, daß er die richtige Stelle fand, weil er fühlte, daß die Fische gerade hier und nirgends anders waren. Bendek wunderte sich darüber, Odin aber nie.

Dann aber kam ein regnerischer Herbst, und das Vieh schoß dahin und dorthin wie die Heringe im Meer. In einem regnerischen Herbst, wenn die Schafe auf die Pilze versessen sind, ist es nicht lustig, Hüterbub zu sein. Odin lief den ganzen Tag umher und schrie sich manchmal heiser. Aber er tröstete sich damit, daß es später besser werden würde, es konnte ja nicht anders sein; und endlich war die Ernte unter Dach, und das Vieh durfte auf den Wiesen weiden. Nun brauchte er an den Abenden nur noch die Schafe heimzuholen.

Und das gute Wetter kam, genau so wie er es gewußt, aber nicht erwartet hatte. Große, eisblanke Oktobertage; die Berge stehen unter neuen Himmeln, wenden das Antlitz der Sonne zu und lächeln weit übers Meer hinaus. Die Preiselbeeren röten sich, sie treiben einen schon frühzeitig am Morgen aus dem Bett, und die Sonne strahlt einem mitten in die Augen.

Eines Tages traf er mit den Jörnstrand-Buben zusammen, sie trieben sich auf den Kjelvika-Gründen herum und holten Preiselbeeren. Zuerst riß sich Odin einen tüchtigen Stecken ab, er wollte die Buben verprügeln und fortjagen. Da aber waren sie so unendlich sanft und erboten sich, mit ihm zusammen suchen zu gehen. Sie wurden gute Freunde. Das war ein unglaubliches Ereignis für Odin. Er kam nicht zur Besinnung, ehe es dunkler Abend war. Von den Schafen sah er keine Spur mehr, sie waren offenbar allein heimgetrottet.

Die Dämmerung fiel unwahrscheinlich rasch ein. Das Tageslicht verrann im Westen hinter den Inseln, die Berghänge wurden groß und zottig, und der Himmel im Osten war wie die Nacht selber, die sich herabsenkte. Und die Schafe waren nicht daheim, er fühlte das plötzlich und begann zu laufen. Weiter unten kam ihm Bendek entgegen. Odin verlangsamte den Schritt. Jetzt sah er Bendeks Gesicht. Das war wie die Dunkelheit selber; seine Stirn war tief gerunzelt, wie ein Waschbrett. Odin überlief es heiß und kalt.

»Wo hast du dich denn herumgetrieben, wenn ich fragen darf?«

»Die Beeren – schau her!« Er zeigte den Korb, der bis an den Rand voll war.

»Und die Schafe?«

»Die sind gleich oberhalb des Sommerstalls, ich will jetzt schnell hinlaufen!«

»Ja freilich! Ich hab sie ein paarmal hier unten bei der Scheune gesehen! Und jetzt sind sie wieder in die Berge zurückgelaufen – komm her, sag ich!«

Odin hatte sich in einiger Entfernung gehalten, und jetzt sah er, daß Bendek irgend etwas auf dem Rücken hielt. Er versuchte, um ihn herum zu schielen.

»Was haltet Ihr dahinten?«

»Na, was meinst du wohl?« Bendek zog die Rute hervor.

Odin wurde bleich, aber er stellte seinen Beerenkorb hin und wollte schon die Hose herunterknöpfen.

Bendek war ganz verblüfft. – »Nun, laß dir nur Zeit«, sagte er.

»Soll's denn nicht auf den blanken Hintern sein?«

Bendek stand noch einige Augenblicke da; dann stieß er ein lautes Gelächter aus.

»Ist das jetzt der Spitzbub oder der Dummkopf, der aus dir redet, du verflixter Kerl?«

Damit warf er die Rute weg. – Er solle jetzt hinaufgehen und die Schafe zusammensuchen, sagte er zu dem Jungen, daß er's nur wisse. »Und das sage ich dir«, fügte er hinzu, »wenn du mir ohne sie heimkommst, dann – –!«

Als Odin sich den Bergen zuwandte, waren sie pechfinster. Trotzdem machte er sich auf den Weg, über den Viehsteig und den Bergpfad hinauf, und schließlich mußte er sich aufs Geratewohl in die Dunkelheit hineinwagen. Er ging und er lief, und von Zeit zu Zeit jammerte er leise. Die Schafe mußten hier ganz dicht vor ihm sein, etwas anderes zu glauben wagte er nicht, denn sonst wäre er ja mutterseelenallein gewesen, mitten im Gebirge und in der Dunkelheit. Daß er den Hund nicht mitgenommen hatte! Jetzt war er nicht mehr weit von der Ura-Schlucht entfernt, und dort hatte er sie schon manchmal gefunden. Aber das war eine unheimliche Schlucht, denn da hatte der Blitz einmal eingeschlagen und alle Kjelvikschafe getötet; man konnte sich fast vorstellen, daß sie noch dort lagen.

Und auf einmal durchfuhr es ihn kalt und trocken, hier waren sie nicht, hier waren nur er und die Berggeister, sonst nichts Lebendes. Da dauerte es nicht lange, bis er wieder unten beim Sommerstall war.

Der Mond schien jetzt über die Hügel von Jörnstrand, aber es war weit bis dorthin; dort hatten sie hellichten Tag, und hier war der Schatten ganz schwarz, wie ein riesengroßer Mann stand er über einem. Wäre doch nur der Bendek in der Nähe! Odin mußte an einige Abende im vergangenen Winter denken: Der Mondschein war so unheimlich gewesen, wie Tod und Jüngster Tag, und alles Böse hatte er rings um sich gefühlt, aber sobald Bendek dazukam, war es ganz anders. Da lag es wie zitternder Silberrauch über dem Fjord, und die Berge wichen weit von einem zurück und standen wie in einem anderen Land – zu ihnen konnte man wohl auch einmal gelangen? Jetzt aber war Bendek nicht hier.

»So ist es also, wenn man ohne Vieh heimkommt«, sagte er vor sich hin. »Jetzt weißt du's. Ach ja, du wirst es schon überstehen, wenn der Bendek Ernst macht. Und dein Vater, der wird es niemals erfahren.«

Es kam ihm immer etwas zu Hilfe und tröstete ihn, so war es.

»Nein!« sagte er auf einmal, »nein, lügen tust du nicht, damit hast du schon lange Schluß gemacht, denn wenn du jetzt etwas von Zwergen und Berggeistern lügst, dann werden sie dich später einmal zu packen kriegen.«

Er blieb eine Weile stehen. Der Mond schien und schien auf die westlichen Hänge, als sei nichts geschehen. Man konnte die kleinen reifweißen Wiesenflecke zwischen dem Gebüsch erkennen. Jetzt reichte sein Strahl auch auf den Sund hinunter. Der wandte ihm seine glänzende Seite zu und ließ sich von zahllosen Pfeilen aus zitterndem Silber treffen.

»Und jetzt gibt's Hiebe, Junge!« lächelte Odin. »Wärst du jetzt nicht der Odin, dann nähmst du Reißaus.«

Die Füße wollten nicht hierbleiben. Die Finger wollten die Klinke nicht ergreifen.

Bendek sah so betrübt aus, als er den Buben heim Kragen nahm, es war eine Schande für den, der ihn dazu zwang. Bendek schlug hart. Odin preßte sein Gesicht gegen Bendeks Schenkel, das half unglaublich gut. Aber gegen die Tränen konnte er sich nicht wehren.

Bendek atmete auf, als er fertig war, und seufzte. Er hatte eine schwere Arbeit geleistet. Den tiefsten Eindruck machte es auf Odin, daß der Alte nicht ein Wort sagte, nicht einmal so halb und halb ein Versprechen von ihm verlangte. Gurianna stand da und drehte sich weg, als er hineinkam, und sie sah Odin auch nicht an, als er sich etwas zu essen holte. Sie war gutmütiger, als man ihr zutraute.

Jetzt erst sagte Bendek etwas. – »So ist es also«, sagte er. »Kein Mensch weiß noch, was in dir steckt. Dein Vater ist ein braver Mann; aber er ist mir zu hoch, ich reiche nicht bis dort hinauf, nein. Vielleicht willst du dort hinauf? Ja, der Teufel mag es wissen. Auf deine Mutter verstehe ich mich auch nicht allzuviel. Aber sie ist ein ordentliches Weib, das sollst du nicht vergessen, Odin! Die Haaberg-Leute gehören zu dem alten Juwik-Geschlecht, und dein Vater dazu. Da war jeder ein richtiger Kerl. Jetzt liegen sie schon lange unter der Erde. Die wußten genau, was sie taten. Und deine Großmutter, die Aasel, die geht hier wie ein Überbleibsel herum. Sie sieht aus, als erwarte sie noch einmal irgend etwas Gutes. Aber du, weißt du, du mußt es von einer anderen Seite anpacken. Für dich selber. Ganz und gar allein für dich selber!«

Bendek hob die Stimme und zugleich auch die Augenbrauen:

»Und da fragt es sich eben, ob du nur aus lauter Altem zusammengesetzt bist oder ob auch noch ein neuer Saft in dir steckt. Ist Erhöhung in dir, was meinst du?« Dann murmelte er vor sich hin: »Das Leben und das alles, das ist ein schwerer Kampf. Das lernst du weder auf der Schule noch in der Kirche. Ach ja, so geht ein Tag um den anderen dahin. Der Teufelsbub, der – –«

Odin durchzuckte es immer wieder, während Bendek sprach.

Am Tag darauf konnte er sich gar nicht gleich erinnern, was ihm widerfahren war. Er blieb liegen und starrte zu der Otterbüchse am Dachbalken hinauf. Als es ihm dann endlich klar wurde, bekam das Tageslicht auf einmal einen anderen Schein. Es wurde nicht grau, sondern nur ganz unkenntlich. Und das hier war er selber? Gestern abend war er ein kleiner Lausbub, der Schläge bekam.

»Du gehst wohl wieder in die Berge hinauf, hm?« meinte Gurianna, als er gefrühstückt hatte.

»Ja, gleich werd' ich fort sein!« Seine Füße steckten schon in den Holzschuhen.

Es war ein blanker Herbsttag, mit laubroten Hängen und den Bergspitzen hoch, hoch droben im blauesten Himmel, und der Himmel war wie ein vereister Fjord. Es glänzte über den Feldern und glänzte über der See, leuchtete in jedem einzelnen Halm. Preiselbeeren lugten rund und rot unter großen taugrünen Beerenblättern hervor. Der Birkhahn erhob sich aus dem Wacholderbusch in Luft und Sonne hinauf, so daß sein Rücken blau aufleuchtete, er breitete die Schwingen aus und hielt Umschau auf seinem Gebiet, schwenkte groß und frei um den Hügel im Osten herum.

Und in jener Richtung lag die Gemeinde. Odin lächelte nachdenklich, wenn er daran dachte. Dort waren Schule und Kirche und Vennestad und Haaberg und Höfe und Menschen überall. Dort hatte er nichts zu tun, nein. Es würde auch nicht viel helfen, so glaubte er, wenn einer dorthin ging und ihnen etwas erzählte. Bendek hätte sich kaum diese Mühe gemacht. Sie glaubten es nicht, was man ihnen auch erzählte, er hatte es ihnen angesehen. Es mußte wahr sein. Da aber stand er wieder an der gleichen Stelle: Was war denn eigentlich wahr? War das etwas anderes als das andere?

Er seufzte, wie er so oben im Bergeinschnitt saß. Hier, rings um ihn und dicht an dicht, war alles wahr. Und man konnte auch so sein, wurde ihm klar, daß man wie ein Besen über die Gemeinde hinfuhr und alles wegfegte, was es wirklich gab; er meinte fast, er sei schon manchmal mit dabeigewesen.

Vielleicht würde er einmal eines schönen Tages mit der ganzen Gemeinde Krieg führen. Um irgendeiner Sache willen. Er und der Vater gegen die ganze Schar! Ja, es war übrigens eine Frage, ob er bei diesem Kampf nicht allein bleiben würde. Das fühlte er fast.

Die Schafe fand er weit östlich im Engtalgebirge. Aber es war eines zu wenig. Der Grauwidder war nicht dabei. – So ging er denn immer wieder in die Berge und suchte und suchte, aber der Widder war nicht zu finden.

»Die haben sich seiner erbarmt!« sagte Bendek, er lächelte sogar.

Gurianna saß da, als spreche sie eine böse Verwünschung aus. Odin hätte nicht um alles in der Welt der Dieb sein mögen.

Etwa vierzehn Tage später kam Bendek in der Dämmerung mit einer kleinen Herde fremder Schafe heim; sie hatten gleich oberhalb des Zaunes gelegen, und der Grauwidder war bei ihnen gewesen. An der Stalltür gelang es ihnen, den Widder von den anderen zu trennen, und die übrigen wurden fortgejagt, Bendek hetzte sogar noch den Hund auf sie.

Bendek und Gurianna sahen einander an, und Bendeks Stimme wurde tief und warm:

»So geht es: die einen verlieren und die anderen gewinnen!«

Odin beugte sich vor, er war von Herzen froh: »Aber groß ist er geworden, unser Widder! Und das Weiße am Schwanz ist auch gewachsen!« – »Ach du Schwätzer!« sagten sie und schoben ihn hinaus.

2

Sie ließen jetzt den Grauwidder nicht mehr mit den anderen Tieren auf die Weide hinaus. Er hätte sonst von neuem durchbrennen können. – »Es wird das beste sein, wir zapfen ihm so bald wie möglich den Schweiß ab«, sagte Gurianna eines Tages. Bendek nickte.

Der Schweiß, das war das Blut, soviel wußte Odin. Man sprach hier in Kjelvika das Wort Blut nicht aus, wenn man vom Schlachten redete. Odin hatte auf einmal einen Klumpen im Hals; wie ein kalter Hauch strahlte es plötzlich von Gurianna und Bendek aus.

Er dachte nicht mehr daran, aber von Zeit zu Zeit merkte er doch, daß es noch in ihm saß. Es kam auch kein Winter, sondern nur ein schwarzer Herbst. Der Hund stand einen ganzen Abend lang vor dem Haus und bellte zum Strand hinunter, der so schwarz war, daß ein Schein von ihm ausging; und manchmal heulte das Tier laut auf. – Was er wohl sieht? dachte Odin und fragte eines Abends. – »Ja, erzähl du mir das! Vermutlich nur einen Seehund; oder eine Otter.« – Bendek sah ihn so merkwürdig an. Draußen von der Schäre klang es förmlich wie eine Antwort, ein langgezogener Seufzer von der Dünung.

Odin sah zur Decke hinauf, dort hing sie. Eine grausam große und häßliche Waffe. – »Warum erschieß' ich ihn nicht?« murmelte Bendek vor sich hin. Er zog die eine Augenbraue ganz hoch hinauf. »Ja. Aber ich tue es nicht.« Odin glaubte es zu verstehen, am Abend wenigstens. Am hellichten Tag grübelte er immer wieder darüber nach, saß oft in der Schule und war tief im Dunkeln versunken, mit der Büchse in der Hand. Es wuchs immer dichter und dichter um ihn herum, seine Umgebung war ihm nicht halb so gegenwärtig wie das andere, das er im Dunkeln gewahrte.

Oft sagte Bendek zu ihm: »Ja, es ist kein Kinderspiel, hier zu wohnen. Es ist kein Spaß, nein.« Eines Abends sagte er unten im Bootsschuppen: »Hast du von dem alten Anders Haaberg reden hören? Von dem Großvater deiner Mutter? Er war einer von denen, die sich nicht im Dunkeln fürchteten. Er erlitt einen gewaltsamen Tod, aber –. Die Juwikinger, das waren kalte Leute. Der leibhaftige selber lag eines Morgens als ein schwarzer Hund unter seinem Bett. Er saß nur auf der Bettkante und zog sich die Hosen an, und dann schaute er unter das Bett, ob der andere noch dortläge. Da war es dem Schwarzen zu langweilig geworden, er hatte sich davongemacht.« – »Hol mich der Teufel!« sagte Odin. – »Ja, der holt viele, nimm dich nur in acht. Im übrigen aber müßte doch ein kleines bißchen von dem gleichen Kern in dir stecken.« Bendek stand eine Weile da und sah allerlei vor sich; dann hob er den Kopf:

»Des Burschen wirst du leicht Herr. Es ist nicht mehr so weit her mit ihm, zur Zeit. Aber reize ihn lieber nicht, das sage ich dir; du könntest zu klein sein. Du kriegst noch andere Nüsse zu knacken.«

Odin fühlte, wie ihn etwas beim Schopf nahm, Mütze und Haare stellten sich ihm auf.

Immer wieder traten die Juwikinger vor ihn hin. Sehen konnte er sie nicht, aber er hörte sie: sie kamen in pechfinsterer Dunkelheit vom Meer heraufgetappt, mit großen schweren Stiefeln, und dann hörte man es rings um die Hütte fluchen; dann hetzten die auf Kjelvika den Hund, der dastand und knurrte. »Faß an!« Aber der Hund winselte nur, er hatte keinen Mut. Dann vergaßen sie ihn und die bösen Mächte im Dunkeln und gingen einen Sprung zu Stall und Scheune hinüber, mutterseelenallein. War einer ein Mann, ehe er so etwas zu tun wagte?

Zu Bendek sagte er nie mehr ein Wort über solche Dinge. Aber ein paarmal kam er keuchend zu Gurianna herein und erzählte, er habe ein Gespenst gesehen. Einmal hatte er wirklich eine schwarze Gestalt gesehen, die sich ins Meer hineinwälzte, sie schlug einen Purzelbaum und ging unter, so daß das Meerleuchten hell hinter ihr aufspritzte. Den Rücken kannte er, es war ein Seehundrücken. Und jetzt hatte er sich wiederum vergessen und war heimgekommen und hatte erzählt, er hätte einen kleinen Teufel ins Meer gejagt! – »So, so!« sagte sie. Schlimmere Hohnworte konnte man nicht hinunterschlucken müssen. – »So, so!« Es war die ganze Gemeinde, die ihn auslachte. – Aber wenn's darauf ankommt, dachte er, dann kann ich den lieben Gott bitten, mir zu helfen, dann lege ich diesen Fehler ab, noch lange ehe ich erwachsen bin.

Aber drüben beim Stall meckerte der Grauwidder Tag für Tag, und bald würden sie ihm den Schweiß abzapfen. Und was war es nun für ein Widder? Odin wagte nicht hinzuschauen. Er hatte wirklich zuviel Weiß am Schwanz, und vielleicht kamen die Leute noch auf den Gedanken, daß das Zeichen im Ohr allzu neu war?

Eines Tages schlendert er am Strand entlang und sucht Treibholz, denn es war kurz zuvor ein Nordwestwind gegangen. Er dachte auch an Karen-Anna, sie ließ sich nie mehr sehen. Der Strand ist ihm so fremd. Es ist überall so kahl, das Wetter hatte sich Mühe gegeben und in Hunderten von Jahren alles abgewaschen; und hier waren keine Menschen gewesen. Er findet eine Flasche mit Inhalt, und da wird er froh: vielleicht enthält sie Petroleum für die Lampe? Denn die Gurianna ist so geizig mit dem Licht. Er lächelt, wie er so dahin geht, und murmelt in den Wellengesang hinein: »Entweder Petroleum oder Tabak für das Eiergeld, die ganze Welt kann man nicht dafür kaufen.«

Da blieb er draußen auf der Landspitze stehen und starrte mit leeren Augen ins Wasser hinunter. Dort schwimmt etwas. Schwimmt seinen Weg am Ufer entlang, mitten im stillen Wasser, zeigt sich und verschwindet, zeigt sich und verschwindet. Ein totes Wesen. Odin folgt ihm weiter nach Osten, ohne es zu wissen. Es ist ein Tier. Es ist eine Kuh.

Da packt ihn der Schrecken, und jetzt rennt er über Berg und Tal und heimwärts.

Diesmal glaubten sie ihm. Bendek ging mit ihm zu der Stelle, und als sie unten am Ufer waren, sahen sie das grausige Ding auf die Bootslände zukommen; denn dorthin wollte es. Der Kopf schwankte mit der Dünung, und die Füße waren zusammengebunden; der Bauch sah aus wie ein umgestülptes Boot. Odin hielt sich in einiger Entfernung. Etwas so Totes und Unglückliches hatte er noch nie gesehen oder auch nur geahnt. Jetzt wußte er um vieles mehr.

»Nein, hinaus mit dir!« rief Bendek, er nahm einen Stecken und stieß die Kuh von dem Steinwall weg. »Fort!«

Er ging noch ein gutes Stück mit ihr weiter, gab acht, daß sie ihren richtigen Weg nahm. Er sah nicht froh aus, als er zurückkam. Er wurde Odin gewahr, der noch auf dem gleichen Fleck stand. – »Komm jetzt!« sagte er.

»Nur eine verreckte Kuh«, sagte er zu Gurianna. Auch sie war jetzt vor der Tür draußen. »Milzbrand, glaube ich.«

Odin vergaß die Flasche, die er gefunden hatte, und als Bendek sie ihm abnahm und gegen das Licht hielt, durchfuhr ihn ein Schauder. Bendek entkorkte sie, wollte sehen, was sie enthielt. Roch zuerst und war mächtig erstaunt; nahm dann einen großen Schluck. Starr und nachdenklich sah er sein Weib an, während er noch einmal trank. Sie stand da und beobachtete ihn.

»Was ist es denn?« fragte sie.

»Man redet von milden Gaben!« sagte er. »Komm her, dann kennst du's schon!« er hielt ihr die Flasche hin.

Sie kostete und lächelte. »Französischer Branntwein!« sagte sie.

»So, so, du weißt also auch, was das ist!« Mit starker Hand korkte er die Flasche wieder zu.

Odin seufzte drüben auf der Bank: hätte er doch ein ganzes Faß voll solchen Petroleums für sie gefunden!

Aber den ganzen Abend über war er gedankenarm, und den nächsten Tag ebenfalls. – »Was fehlt dir denn, Bub?« fragte Gurianna und schaute ihn dabei an. – »Bist du krank?« fragte Bendek und blickte vom Netzstricken auf. Odin wachte auf und sah sie an:

»Ist es – dauert es lange, bis das Unglück kommt?«

»Das Unglück?« Sie sahen einander an. »Du wirst uns doch nichts Böses weissagen, Kind!«

Er wurde rot und ärgerte sich. »Nein, ich dachte nur – die Kuh!«

»Woher doch!« sagte Bendek. »Sie ist ihrer Wege gezogen. Und unser Herrgott – –«

Er murmelte etwas vor sich hin, was Odin nicht verstehen konnte.

»Ja, fort mit Schaden!« sagte Odin, er stand auf und ging hinaus. Jetzt wollte er Holz hacken.

Daß aber das Unglück kommen würde, das saß in ihm fest. Angst hatte er keine, denn schließlich fand sich immer ein Rat, aber es durchfuhr ihn alle Augenblicke seltsam kalt bei dem Gedanken, daß das, was zu erwarten war, nun auch kam, und so ging es einem immer, solange man lebte. Es war groß und zottig wie die Dunkelheit in der Nacht, wie die Kuh im Meer; es wuchs über alle Juwikinger hinaus. Aber unser Herrgott –

Er murmelte einige Worte, die er selber nicht verstand.

Nicht lange darauf traf die Nachricht ein, daß drüben im Südfjord der Milzbrand einen Stall nach dem anderen verheere. Es bleibe nichts anderes übrig, als das tote Vieh so rasch wie Möglich ins Wasser zu werfen. Kurz danach hörte man, daß auch noch eine andere Krankheit umgehe. Sie raffte die Kinder hinweg. »Das bösartige Halsweh« nannte der Doktor sie, und er konnte nur wenig helfen. Sie starben. Auf einem Hof nach dem anderen zog sie ein, die Krankheit, und die Kirchenglocke läutete. Odin blieb oft stehen und lauschte ihrem Klang.

Trotzdem dünkte ihn doch, es sei jetzt leichter geworden. Denn jetzt war es gekommen. Außerdem gab es nun keine Schule. Und den Weg nach Kjelvika fand die Krankheit nicht so leicht. – »Sei schön brav und vergiß nicht dein Abendgebet!« ermahnten sie ihn. – »Ja, schon. Aber sie findet mich doch nicht.« – »Nimm dich in acht, Odin!« – »Ja, schon. Aber ich für mein Teil sterbe nicht.«

Nein, denn das würde nicht geschehen; so war es. Und außerdem gehörte die Krankheit doch wohl zur Gemeinde dort? Er konnte die Gemeinde vor sich sehen: sie war irgendwo weit unter ihm, gleichsam als säße er auf dem höchsten Berg und schaute hinunter; sie waren alle ganz winzig dort, konnten jede Stunde sterben, jeder einzelne sozusagen.

Er bekam auch keine Angst, als er hörte, daß die Krankheit auf Jörnstranda herrschte. Aber eines Nachts springt er auf einmal von seiner Bank auf, setzt sich hin und starrt rings um sich. Der Schweiß rinnt ihm herunter. – »Bist du's, Odin?« sagt Bendek. – »Ja, ich bin es«, antwortete er, ebenso erstaunt. – »Fühlst du dich schlecht? Nein, wirklich?« – »Nein, nein!« Aber er bleibt doch sitzen. Draußen ist es leer und still. Der Mond hält sich irgendwo hinter Wolken auf; es sieht aus, als verbärgen sie eine Glut. Die Wiese wird sichtbar, mitten in der Nacht, mit Schneeflocken und gelben Grasbüscheln. So wach hat Odin sie noch nie gesehen. Hat sie am Ende den gleichen Traum gehabt?

»Leg dich doch wieder hin und schlaf jetzt!« bat Gurianna. »Hörst du, Odin!«

Er tut es. Jetzt aber ist auch die Karen-Anna krank geworden, denkt er. Sie stirbt zwar nicht, sie auch nicht, weniger noch als ich, lächelt er unter der Decke. Aber jetzt gerade war sie hier, und da sagte sie, so daß ein Schein von ihrem Gesicht ausging:

»Wenn du mich bekommst, Odin, dann geht es dir schlecht. Dann werden sie Herr über dich!«

Es war wie in Bendeks Märchen. Nun, man mußte eben abwarten. Er drehte sich herum und schlief ein.

Als er am Morgen darauf erwachte, wußte er eines ganz genau: dieser Grauwidder dort hinter der Stalltüre mußte weg, und dafür mußte er sorgen. Er dachte ab und zu an die Krankheit, und meinte fast, er wäre betrogen worden. Es war beschämend, mit denen zusammenzukommen, die sie überstanden hatten. – Und der Bendek wetzte sein Messer und sah dabei Odin an, nur mit einem ganz raschen schiefen Blick. Da fühlte Odin, daß er nur ein kleiner Junge war, und ihren Grauwidder, den hatte er beim Hüten verloren und konnte ihn nicht wieder herschaffen. Im Lauf des Tages erholte er sich wieder einigermaßen. Denn das Messer in eines anderen Mannes Schaf stoßen, das sollte der Bendek doch nicht tun. Den Griff dieses Messers zu halten, mußte schrecklich sein.

Am Abend lag er da und wartete lange, bis sie endlich eingeschlafen waren. Vielleicht hatte er selbst auch ein wenig geschlummert, denn jetzt war schwärzeste Mitternacht. So, jetzt steckte er in den Kleidern, und die Schuhe nahm er in die Hand. Auf dem Boden lag ein kleiner Mondstreifen und zeigte ihm den Weg. Und die Tür schwieg, ja. Auch in der Küche war es nicht schwer, und im Gang draußen flüsterte er vor sich hin: »Es steckt ja doch der gleiche Kern in dir!« Er dachte nicht an die Juwikinger, es tat nur gut, irgend etwas zu sagen. Da hatte er das Gefühl, als ginge die Mutter mit ihm.

Draußen vor der Türe begegnete er der Nacht und trat ihr geradeswegs entgegen. Sich umzuschauen, wagte er nicht, denn dieses gelbgraue Licht zu nächtlicher Zeit war nicht gerade lustig. Hätte er wenigstens gewußt, woher es kam! Und jetzt war auch die Mutter nicht mehr da. Er versuchte, sie selber zu sein, und flüsterte sich zu: »Bist du es wirklich, Odin? Hast du wirklich so viel Mut? Ja, du machst nicht in der Türe kehrt, nicht wahr!«

Er lief über den Hofplatz und stieß die Tür zum Stall auf. Da stand der Widder, schwarz gegen schwarz. In seinen Augen leuchtete es grün. Odin schlugen die Zähne aufeinander, dennoch trat er ruhig zurück, wollte sehen, ob der Widder nachkäme. Ja, wahrhaftig! Dort stand er, die Vorderfüße auf der Türschwelle, und witterte in die Luft hinaus; ein schwarzes und fremdes Geschöpf. – »Lauf in die Berge, so rasch du nur kannst!« flüsterte Odin. Das Tier kam herausgetrippelt. Und auf einmal meckerte es laut auf. Odin zuckte zusammen und mit ihm alles auf dem Hof. Seine Füße verloren den Halt, und die Stimme blieb ihm im Hals stecken. Es war ein großes und schwarzes Gemecker, fand Odin, es rollte zwischen den Wänden dahin.

Da fuhr das Mistvieh endlich um die Hausecke, und Odin lief hinein, helles Entsetzen hinter sich.

Aber in der Haustüre traf er auf eine weiße Gestalt. Es war Bendek, in Unterkleidern.

»Was ist denn da los?« fragte er.

Odin hatte innegehalten und stand nun stocksteif vor dem weißen Wesen.

»Bist du's, Odin? Warst du draußen?«

»Nein, hört Ihr, nein! Ich habe den fremden Bock freigelassen – ich wollte nicht, daß Ihr – –«

»Ist er fort?« Bendek tat ein paar Schritte, kam jedoch wieder zurück.

Odin wartete jetzt ruhig auf den Schlag.

»Sie hätten am Ende das Fell gefunden«, sagte er leise.

Bendek seufzte, ganz nahe bei ihm, und wurde immer älter und kläglicher. Jetzt faßte er Odin an; aber er schob ihn nur vor sich her durch die Tür:

»Geh hinein und leg dich schlafen, Kind!«

Odin lag völlig ohne Gedanken da. Er hörte Bendek erzählen, daß der Widder die Türe aufgestoßen hätte und davongelaufen sei. Man müßte ihn doch morgen wiederfinden können? meinte Gurianna. – »Ja freilich«, tröstete er. »Gott steh uns bei!« fügte er hinzu. Da weinte Odin. Prügel wären ihm jetzt willkommen gewesen.

Am Morgen darauf war nicht viel mit ihm los. Die anderen suchten nicht einmal nach dem Widder. Nach und nach erholte Odin sich wieder, und schließlich schob er die Hände in die Taschen und spuckte aus: Dieses Mal ist ihnen der Odin zu mächtig gewesen.

Später ging er umher und erzählte es der Mutter, immer und immer wieder, wenn er allein war. – »Es ging nicht anders«, sagte er. »Mitten in der Nacht stand ich auf und ließ ihn hinaus. Der Bendek? Nein, der gab nach. Er fand es wohl großartig.«

Als er aber eines Tages wirklich mit ihr redete, erwähnte er die Sache mit keinem Wort. Sein Gesicht zog sich von Zeit zu Zeit in die Breite, er stand da und lächelte, über irgend etwas, ganz wie Bendek. So steht er noch da, als er im Begriff ist, sich auf den Heimweg zu machen, und nun blickt er zu ihr auf:

»Ist es wahr, daß ein Juwiking in mir steckt?«

»Wer erzählt dir denn so etwas?«

»Nein, es war nur so eine Frage.«

Sie stand da und strich ihm das Haar in die Stirne, es strebte immer von selber in die Höhe, als sei ihm eine Kuh mit der Zunge darübergefahren.

»Mir scheint, dich hat eine Kuh abgeleckt? So einen Haarschopf hatte jedenfalls noch kein Juwiking.«

Sie blieb stehen und dachte nach. Er wußte, daß das nicht ihre Gewohnheit war. Und sie war immer bleicher, so oft er sie sah. Die Jungfrau Maria selber konnte kaum so weiß sein. – »War im Lauf des Sommers einmal ein Fremder bei euch?« fragte sie. – »Ach, es kamen ja so viele«, antwortete er. »Du meinst meinen Vater?«

»Ja. Hättest du nicht mit ihm gehen mögen?«

»Nein. Ich hatte keine Lust dazu.«

»Das war gut so, Odin. Er ist übrigens ein guter Mensch«, fügte sie hinzu.

»Ja, sie sagen es, das habe ich gehört. Ja, leb wohl also!« Wie ein Großer und Alter drehte er sich um und ging.

Sie stand da und sah ihm nach und lächelte. Nun vergaß er sich und fing an zu laufen.

3

Die Jörnstrandbuben waren bald wieder auf den Beinen und draußen und wieder ganz die alten. Ein paar von den Kleinsten hatten dran glauben müssen. Aber nur die beiden Ältesten waren Odin groß genug; der eine zählte vierzehn, der andere dreizehn Jahre. Er selber war zehn, und das fand er gerade recht. Sie hatten eine Büchse und gingen überall damit herum und schossen. Niemals hatte Odin sich so klein gefühlt wie in dem Augenblick, da er dastand und auf den Knall wartete. Es war noch so unendlich lange hin, bis e r eine Büchse in der Hand halten und schießen durfte. Da kam Karen-Anna heraus und sah ihnen zu. Sie war noch schmächtig und bleich. – »Hast du die Halskrankheit nicht gehabt?« fragte sie. – »Nein, aber – – aber ich habe mit Bendeks Otterbüchse geschossen.« – »Du?« Sie machte große Augen, und das machten sie alle miteinander. Nein, so ganz richtig war das ja nicht, aber dafür hatte er ihnen ja auch die Geschichte von dem Grauwidder nicht erzählt, den er freigelassen hatte. – »Ja, jetzt reißt du die Augen auf!« sagte er. – »Dann darfst du auch einmal mit der hier schießen«, sagte Martin, der Älteste von ihnen. Odin nimmt die Büchse, legt sie auf den Steinwall, spannt den Hahn. Karen-Anna ruft etwas, aber es ist schon zu spät, nun muß es gehen, wie es mag; er zielt und drückt los.

Von der Wand des Sommerstalls drüben schrien sie ihm zu, er hätte großartig getroffen, gerade daß er noch die Tür erwischt hätte, und Karen-Anna lachte mit. – »Aber jetzt darfst du nicht mehr!« sagte sie; sie war ganz bleich.

»Aber die Otterbüchse, die knallt erst richtig!« versicherte Odin den Buben, die herunterkamen.

»Ach die, ja, die ist ja verzaubert«, sagten sie. Es war die gleiche, die Bendek nicht mehr zu benützen wagte. »Es ist schon am besten, er rührt sie nicht mehr an.« Und jetzt erklärte Martin ihnen, was es mit dieser Büchse für eine Bewandtnis habe.

Bendek war eine Zeitlang ein wilder Schütze gewesen. Die ganze Nacht über lag er draußen und lauerte der Otter auf. Morgens und abends fuhr er rund um die Schäre und jagte Seehunde. Vielleicht schoß er auch noch andere Dinge. Dann aber kam eine Nacht, da feuerte er drei Schüsse auf ein Wesen ab. Es war sogar hier drüben hinter der Insel. Da drehte der sich um, auf den er geschossen hatte, und lachte kalt: »Drei Schüsse, Bendek! Jetzt noch einen, dann holen wir dich!« Da nahm Bendek seine Büchse und ging heim. Seit dieser Zeit hat er sie nicht mehr angerührt. Denn das eine steht fest: wer aus dieser Büchse noch einen Schuß löst, der wird unters Wasser geholt. So hat es sich früher schon zugetragen.

Den Kindern war ganz entfallen, daß Odin erzählt hatte, er habe damit geschossen. Er selber dachte auch nicht mehr daran. Jetzt fiel sein Blick auf Karen-Anna, sie stand da und starrte ihn unverwandt an:

»Du rührst sie nicht mehr an, Odin!«

Da erwachten auch die anderen und schauten ihn an. Odin fühlte, daß er vor ihr um keinen Preis als Lügner dastehen wollte. Irgend etwas war in ihm, das, so dünkte ihn, anpackte und stützte; er lachte über den ganzen Zauber.

»Sobald Bendek zur Mühle fährt, hole ich mir die Büchse und lege mich damit am Strand auf die Lauer!« sagte er.

Es war irgendein anderer in ihm, der das sagte, nun aber war es ausgesprochen und abgemacht, und ihm war, als hätten es auch noch andere gehört als nur sie und die Buben. Er bog den Nacken steif zurück, bis ihn die Halswirbel schmerzten. Große glänzende Augen begegneten ihm von allen Seiten. Man glaubte ihm. Ja, aber wirklich glauben würden sie es nicht eher, als bis sie es gesehen hätten, das fühlte er.

»Ich tu's!« sagte er, als er auf dem Heimweg war, und er begann zu laufen.

Daheim fragten sie ihn mehrere Male, ob er denn etwa krank sei. Und Bendek mußte ihn eines Abends in der Scheune tüchtig anfahren und ihm sagen, daß er doch einen Sack zu halten habe und nicht nur dastehen und träumen solle! Nicht lange darauf fragte Odin ihn, ob er schon bald zur Mühle müsse. – Ja, ob er mitkommen wolle? – Nein, nein! er habe nur so gefragt. Eine Fahrt zur Mühle – etwas Schöneres kannte er nicht, aber unter der Decke hing die Zauberbüchse und daneben das Pulverhorn. Und die Jörnstrandjungen kamen ein ums andere Mal her, um zu hören, wann Bendek zur Mühle fuhr. Karen-Anna mit ihnen. Und abends, um die Zeit der Ebbe, fiel das Meer so stark, daß man wahrhaftig trockenen Fußes bis zu den Inseln hinübergehen konnte, es war wie eine Fügung.

»Ihr fahrt wohl erst, wenn Ihr den richtigen Wind habt?« fragte er wiederum.

Tag für Tag ging der Landwind stürmisch und zerzauste den Fjord, und Bendek schaute sich das Wetter an und wartete. Bald war Weihnachten, und Mehl mußte er doch haben. Von Zeit zu Zeit betrachtete er Odin: Dem leuchtete manchmal das ganze Gesicht auf, wenn der Wind oben am Hang am härtesten anpackte, der ganze Junge war die leibhaftige Unruhe, und dies wurde immer schlimmer. Odin fand, der Sturm sei ein Mann, der sich vorgenommen habe, ihm das Leben sauer zu machen. Mit so einem Kerl wollte er gern einmal richtig raufen, aber wie sollte man das anpacken?

Eines Tages, er ist mit Bendek draußen und schafft Torf heim, sagt er auf einmal:

»Hat man sich nie etwas Besonderes von meinem Vater erzählt?«

Etwas Besonderes? Bendek schaute auf.

»Daß etwas Tüchtiges in ihm stecke?«

Bendek lächelte: Nun, das kam darauf an, wie man es auffaßte. Er war ja ein braver Mann. Und ein guter Schreiner, das mußte man ihm lassen!

»Ach was, das

Endlich eines Morgens wacht Odin auf und hört die Stille rings um das Haus. Und Bendek ist fortgefahren. – »Ist er wirklich fort?« fragt Odin und starrt Gurianna an. Er sieht aus, als sei er von der Decke heruntergefallen.

Es wurde ein langer Tag. Am Abend kamen die Kinder von Jörnstranda. Sie sagten nicht viel. Sie redeten ihm nicht zu. Da mußte er es tun, das fühlte er. Ging es schief, dann war er der einzige in der Gemeinde, dem dies widerfuhr. Die Juwikinger, die hatten das gleiche erlebt. Das war für sie das Leben gewesen. Weiter brachten sie es nicht; sie erlitten fast alle einen gewaltsamen Tod. Aber du, Odin, du mußt mitten hindurch, sprach es in ihm.

Die anderen wollten unten beim Schuppen warten. Dann sollte er mit der Büchse kommen, wenn Gurianna in den Stall gegangen war. Aber es hatte nicht den Anschein, als wollte sie heute abend hinübergehen. Ihre Augen waren die ganze Zeit hinter ihm her.

Dann endlich stand er mit der Büchse in der Hand da. Der Hahn war unheimlich groß: er verkündete schon von vornherein Unglück. Es kostete ihn einige Mühe, den Hund einzusperren, denn den wollte er nicht mit haben.

Unten beim Bootsschuppen sagte fast keiner ein Wort, als er kam. Karen-Anna war kreidebleich, so glaubte er zu sehen. Martin sollte die Büchse laden, aber als es soweit war, wollte er lieber, daß Odin es selber mache, Odin, der ja auch schießen sollte. Martin erklärte ihm nur, wie man lud; zuerst das Pulver, dann ein Büschel Werg, dann das Seehundsschrot, ja, so war's recht! Die Schrotkörner waren so groß wie kleine Kugeln, die mußten doch töten, meinte Odin. – Still! sagte Martin.

Sie einigten sich darauf, über den Rücken, den die Ebbe freigelegt hatte, zur Langinsel hinüberzugehen, denn dort war es am günstigsten.

Die Dunkelheit lag grau und weich rings um sie, und Odin schritt in ihr dahin, an der Spitze der anderen, von einem großen Gefühl erfaßt. Das Meerleuchten ließ den Tag ringsum wie durch einen Zauber schlüpfrig und lebendig erscheinen. Brauner Tang streckte die Finger über Sand und Steine aus, mit großen blinden Blasenaugen an jedem Finger. Breite Tangblätter lagen wie Fetzen von der Lederjacke eines ertrunkenen Seemanns da. Schwarzglänzender Tang hob und senkte sich mit dem Wasser, mit langen bleichen Stielen und gekräuselten Blättern; er bewegte sich so seltsam im Schlaf. Seesterne, diese Trollblumen, zappelten und machten ihm Zeichen, sie waren blaßrot wie die Kiemen eines toten Fisches. Quallen lagen wie ausgespien an Land zwischen den Steinen, aber auch sie waren heute abend lebendig. Odin mußte an ausgestochene Augen irgendeines Seeungeheuers denken. Er sah dies, die anderen aber nicht, und so sollte es sein.

Denn wie gesagt, hier kam er. Die Muscheln knirschten unter den Füßen und gaben nach, sie vertrugen nicht mehr. Ein leiser Windhauch tuschelte am Strand entlang und zog seiner Wege.

Die Kinder versammelten sich auf dem höchsten Punkt der Insel und legten sich dort flach hin. Da lag der Strand vor ihnen, noch einsamer als das Ufer drüben, ganz offen dem wilden Meer gegenüber. Der Tangstreifen zog sich wie eine schwarze schimmernde Schlange nach Osten und Westen; und unter ihm seufzten und klatschten die Wellen. Nirgends war etwas Lebendiges zu sehen.

Da flüsterte etwas dicht neben ihm:

»Schieß nicht, Odin!«

»Still, Fratz!« knurrte Martin, er drohte Karen-Anna mit der Hand. Und jetzt flüsterte er Odin heiß und atemlos zu: »Du mußt auf alle Fälle schießen, in die Luft!« und bald darauf: »He? traust du dich nicht?«

Odin suchte den Strand mit den Augen ab, hin und her. Da sah er deutlich, daß sich dort, diesseits des Tangstreifens, am Strand irgend etwas rührte. Büsche und Steine hatten sich ganz leise bewegt, die ganze Zeit, das hier aber war etwas anderes: es wandte den Kopf. Er legte die Büchse an und spannte den Hahn. Martin kroch ein wenig zurück, das merkte er, und mit ihm der Bruder. »Schieß, schieß!« flüsterten sie.

Es währte unheimlich lange, ehe der Schuß losging. Er kam wie ein Schlag aufs Ohr, und es dauerte eine Weile, ehe sie sich aufraffen und davonlaufen konnten. Odin sah das Tier auf dem Boden liegen und um sich schlagen. Es befiel ihn wie eine Ohnmacht. Da hörte er es weiter entfernt unter den Füßen der anderen aufklatschen, sie liefen durch Wasserpfützen und weichen Lehm. Jetzt erst drehte er sich um und stürzte davon. – »Wartet!« rief er, aber er hatte keine Stimme. Mitten auf dem Ebberücken rannte er gegen Karen-Anna. Sie packte ihn hart am Arm.

»Kommst du wirklich?«

Jetzt kamen die beiden anderen zurückgeschlendert, sie lächelten. – »Du hast doch nicht gezielt? Du sahst doch nichts?«

»Die Büchse?« murmelte er. Dann aber fühlte er, daß er sie in der Hand hielt. »Er fiel«, sagte er, und er hob die Büchse und blies den Lauf aus.

»Ja!« sagte Karen-Anna.

»Ja, dann kommt es darauf an, wie es ausgeht«, meinte Martin.

»Er fiel«, sagte Odin noch einmal. Damit schulterte er seine Büchse und ging, und die anderen hinterdrein.

Sie überlegten, ob sie am folgenden Morgen nachschauen wollten. Martin war nicht sicher, daß der Zauber so rasch wirken würde. Odin hörte kaum darauf. Er hatte seine Pflicht getan. Für alles andere fand sich schon ein Rat; – er hatte jetzt ein so leeres Gefühl dem Zauber gegenüber, gleichsam als habe ihn der Knall zerrissen, und Odin fand, er sei erst vor ganz kurzer Zeit noch ein kleiner Junge gewesen.

Er vergaß das Vaterunser, als er sich schlafen legte.

Am Morgen darauf stahl er sich schon frühzeitig davon, nahm sich keine Zeit, auf die anderen zu warten, denn die Flut war im Steigen. Wenn jetzt im Westen drüben auf dem Strand ein totes Seetier lag, dann hatte er allen Ernstes gewonnen. War es aber seiner Wege gezogen, so stand die Sache auch nicht viel schlechter; es war zwar gefährlich, aber dafür fand sich immer noch ein Ausweg.

Der frische gute Morgen war um ihn. Der Westwind hatte die Wolken aufgestört, und sie zogen nach Osten ab, eine nach der anderen. Im Norden sah er eine Jacht draußen auf dem Wasser, flach wie ein Hund im Lauf, und der weiße Schaum stand rings um sie – so wollte er auch einmal hinausfahren. Er mußte eine Weile stehenbleiben und verschnaufen, ehe er auf die Höhe der Insel stieg. Jetzt war er dort.

Mit starren Augen blieb er stehen. Er war ganz verwirrt. Unten am Strand standen Martin und dessen Bruder und betrachteten ein totes Schaf. Er hörte, wie sie ihm lachend zuriefen: »Du hast nur ein Schaf getroffen! Du hast es erschossen – es ist Bendeks Grauwidder!«

Ja, da lag er – und es war der Grauwidder; da half alles Besinnen nichts. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, und die Augen waren halb offen und gläsern. Dort, hinter dem Ohr, hatte ihn ein Schrotkorn getroffen.

»So ein Hanswurst wie du!« lachten sie. »Aber ich habe es doch nicht für ein richtiges Schaf gehalten«, sagte er vor sich hin.

Nun, sie wollten es nicht weitererzählen, versicherte Martin.

Odin sah ihn mit leeren Augen an. – »Das kommt nie auf«, trösteten sie ihn. »Und wegen der Büchse«, sagte Martin, »wegen der Büchse sind wir jetzt gerade so gescheit wie vorher. Es ist wohl der Bendek, dem es gilt, das kann man sich denken.«

Odin hörte es fast nicht. Der Grauwidder war tot, und er selber hatte sich unerlaubterweise die Büchse angeeignet, und morgen kam der Bendek heim. Der Bendek, sagte es irgendwo in ihm, immer wieder und immer wieder. Der Gedanke an die Gurianna war jetzt auch nicht besonders angenehm.

Diesmal sah er sich nirgends einen Rat. Und morgen war Weihnachtsabend.

»Ich bereue es aber doch nicht«, sagte er und lächelte die anderen an. Seine Brauen zuckten dabei.

Und so war es, das wußte er, als er heimwärts ging. Etwas bereuen, was er getan hatte, das konnte er nicht.

Wenn bloß der Wind nachlassen würde, damit Bendek rechtzeitig heimkäme!

Bendek ruderte schwer, als er in den Sund einbog, kurz vor Mittag des nächsten Tages; er hatte beinahe die ganze Nacht gerudert, denn da war der Wind ein wenig ruhiger gewesen.

Odin war schon wieder guten Mutes. Der Grauwidder war ja doch schon verschwunden gewesen, wäre nie mehr im Leben heimgekommen; und wenn man erst einmal erwachsen war, so mußte man noch viel Schlimmeres aushalten. Und den bösen Mächten zu Wasser und zu Land hatte er richtig heimgeleuchtet, meinte er. Jetzt wurde es lichter. Nun, und ein Schaf würde er ihnen schließlich schon einmal schaffen können.

Trotzdem gab es ihm einen Stich, als Bendek ihn anredete. Denn er sah sofort, daß Bendek etwas für ihn zu Weihnachten gekauft hatte.

Im übrigen brauchte man nicht so hoch zu Bendek aufzuschauen, wenn man es genau betrachtete; nur deswegen, weil er über vieles Bescheid wußte und ihm seine Büchse verzaubert worden war. Er würde noch einmal der Hilfe bedürfen.

Jetzt wolle er ihnen eine Neuigkeit erzählen, sagte Bendek, als er am Tisch saß und das Essen vor sich hatte. Er kaute lange. Ja, er könne sie vom Grauwidder grüßen. – »Was redest du da für einen Unsinn?« sagte Gurianna. – »Doch, es ist schon wahr.« Am Morgen, als er durch den Sund hinausgerudert war, hatte den Bock unten am Strand der Langinsel gestanden und das Boot angestarrt. – »War es denn unserer?« fragte Gurianna. – »Unbedingt!« Bendek klopfte mit dem Messerschaft auf den Tisch.

»So, so, dort treibt er sich also herum, der Lump!« Gurianna mußte fast lachen. – »Ja, wir wollen uns auf den Weg machen und ihn zu Weihnachten heimholen«, sagte Bendek. »Ich will nur vorher noch das Mehl aufräumen.«

Das war bald geschehen. Dann wollten sie abwarten, bis das Meer zurückging, auf die Weise brauchten sie nicht hinüberzurudern. Und das Meer fiel und fiel, von den Steinen am Boden tauchte einer nach dem anderen auf, und jetzt zogen sie los. Odin blieb daheim, er sollte Wasser ins Haus tragen für die Feiertage.

Mit dem hereinbrechenden Abend setzte schlechtes Wetter ein. Drüben im Westen stand drohend eine blauschwarze Wand, und das Wetterleuchten wurde immer schlimmer und schlimmer. Odin stand da und sah die beiden Alten vom Strand heraufstapfen; sie kamen so alt und mit leeren Händen einher.

»Wir haben ihn nicht gefunden, es war zu dunkel«, sagte Bendek und schlug das Wasser aus der Pelzhaube.

Odin stand zuerst eine Weile da, gleichsam als höre er nicht zu. Dann sagte er:

»Lag er denn nicht unten auf dem Weststrand?«

»Nein, woher doch, dort war er nicht; und wer weiß, wo er sich an diesem Weihnachtsabend herumtreibt.«

»Ich habe ihn mit der Otterbüchse erschossen – ich glaubte, es sei ein Trollschaf.«

»He? Was sagst du da? Du hast ihn erschossen?«

Es dauerte einige Zeit, bis sie das begriffen. Sie gingen ins Haus, die Lampe wurde angezündet, aber Odin wußte nachher nicht, wie er es fertiggebracht hatte, den Hergang zu erzählen. Bendek nahm die Büchse vom Nagel und sah sie an:

»Ja, wirklich, es scheint, daß es wahr ist, was er da sagt!« Er stand da und starrte Odin an, als habe er ihn noch nie gesehen, aber ohne Feindseligkeit.

Jetzt fragte Gurianna etwas, und der Knabe antwortete. – Er habe sehen wollen, ob es wahr sei, sagte er. – Wahr? – Ob sie verflucht sei – verhext! – Was? – Ob es wahr sei, daß der unter Wasser müsse, der aus ihr noch einmal einen Schuß abgebe!

Bendek wurde dunkelrot:

»Wer hat dir denn das erzählt? Wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt? Willst du wohl gleich damit herausrücken?«

Odin schwieg. Gurianna fragte, ob er gestern drüben gewesen sei und den Widder gesehen habe. Ja, und er erzählte ihnen alles haarklein, von der Zunge, wie sie heraushing, und von den Beinen, die steif waren. – »Dann hat ihn das Meer in der Nacht hinausgetragen«, meinte Gurianna; denn es war hoch gegangen, das hatte sie gehört. Bendek räusperte sich:

»Aber sag mir jetzt ehrlich, Odin: Wer hat dir denn diese Geschichte von der Büchse erzählt? Wer hat dir diesen Bären aufgebunden? War es das Ungeziefer von Jörnstranda? Dann werde ich ein ernstes Wort mit ihnen reden. Kannst du denn nicht antworten? Gesteh' es doch ein, Odin!« er bat so schön er nur konnte.

»Ich habe ihn selber umgebracht!«

»Du willst nicht damit herausrücken? Wenn du es jetzt nicht auf der Stelle gestehst, schlag ich dich zuschanden, jag dich zum Haus hinaus

Odin sah ihn nur an. Bendeks Gesicht war kaum wiederzuerkennen. In der Stube wurde es leer und still.

Bendek erbleichte. Er stampfte auf den Boden:

»Hinaus mit dir! Mach', daß du weiterkommst! Hinaus aus meinem Haus! Hinaus!«

Odin wurde schneeweiß, aber er nahm seine Mütze von der Holzkiste und ging hinaus.

Sturm und Regen legten sich wie ein nasses Segel um ihn, und die Dunkelheit war so dicht, daß er sie nicht gewahr wurde. Erst als er merkte, daß er vom Weg abgekommen war, fing er zu weinen an. Wenn es besonders grell aufblitzte, stand er steif da und kniff die Augen zusammen. Und wenn der Donner nachrollte, wimmerte er und rief nach der Mutter!

Er ging so lange, bis er hinfiel und liegenblieb, dann lag er da und wollte sterben, wenn aber das Entsetzen auf ihn eindrang, fuhr er auf und lief ein Stück weiter. Überall war ihm die Gegend fremd, blaubraune Berge, die der Blitz ihm zeigte, und große unbekannte Steine, die in der Dunkelheit auf ihn zukamen. Draußen vom Meer herein rauschten die Regenschauer, himmelhoch und weiß, und holten ihn ein, prasselten rings um ihn und zogen wieder weiter. Der Donner rollte mit großer und hohler Stimme über die Berge hin. Einmal dachte Odin daran, daß es Weihnacht war, die gefährliche Nacht. Dies ließ ihn so erstarren, daß er keinen Fuß mehr bewegen konnte. Dann vergaß er es wieder, wußte nicht, wo er hintaumelte und ging.

Bisweilen leuchtete es in der Luft auf. Alle Dinge drehten sich um und starrten ihn an. Da wünschte er wieder die Dunkelheit und den Regen herbei. Von Zeit zu Zeit kannte er sich wieder aus, aber es nützte doch nichts, er wußte nicht, wo er hin sollte. Einmal stolperte er und fiel in einen Wacholderbusch, und dort blieb er liegen. Er schlief sofort ein.

Dann waren sie hinter ihm her, irgend jemand mit großen schweren Seestiefeln, es waren die Juwikinger, die Berggeister selber. Da fuhr er wieder auf und lief weiter.

Das schlimmste Unwetter war jetzt vorüber. Nur der Sturm herrschte noch, und der hatte den Himmel über dem Meer draußen abgehäutet, so daß es über dem Fjord schon fast taghell leuchtete, und das Land leuchtete mit, denn es war weiß von lauter Hagel, den die letzte Bö gebracht hatte. Und das dort, das war der Sommerstall von Kjelvika! Odin schluchzte auf und lief hinunter, lief und fiel und stand wieder auf, und dann befand er sich wieder in der Nähe von Menschen, so unglaublich es schien, er war mitten unter lauter guten warmen Schafen. Noch lag ein Vorrat von dem Heu da, das er den Tieren zum Weihnachtsabend gebracht hatte; sie lagen in ihrem Weihnachtsfutter, und dorthin legte er sich auch.

Gegen Morgen wacht er auf, frierend, und schaut verwirrt um sich. Dann durchzuckt ihn ein schmerzlicher Gedanke, er stolpert hinaus und geht fort. Der Weg nach Vennestad war jetzt leicht zu finden.

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