Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Olav Duun >

Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
Schließen

Navigation:

Der Vater

1

In diesem Winter kam Otte Setran aus Amerika heim. Er hatte eine Schwester, die auf Holmen, an der Südseite des Fjords, verheiratet war, und dort ließ er sich nieder. Er sah nicht viel anders aus als seinerzeit, da er wegfuhr, obgleich er an die acht bis neun Jahre fortgewesen war; die Leute fanden, daß nur wenig von einem Amerikaner in ihm stecke. Er hatte sich einen Bart stehen lassen, und der war so hellbraun und weich. Seine Augen blickten einen noch ebenso handfest an wie früher, nahmen alles mit, was sie wollten. – Viel Geld brauchte man bei ihm wohl nicht zu suchen, den Eindruck machte er nicht.

Eines Tages ging er einmal hinüber nach Setran, sah sich den väterlichen Hof an, redete ein paar Worte mit Bekannten, denen er begegnete, und machte sich dann wieder auf den Heimweg nach Holmen.

Dort blieb er und trieb sich den Rest des Winters herum und fing nichts Richtiges an. – Dem haben sie wohl in Amerika die Federn ausgerupft, meinten die Leute. Sie fragten Lina, die Schwester, was denn mit ihm sei, aber die wußte nicht viel mehr als die anderen. Sie habe noch nicht viel mit ihm gesprochen, sagte sie; es sei nicht mehr so wie früher.

Denn früher, da war sie wie eine Mutter für ihn gewesen; sie hatten schon von klein auf immer beieinander gesteckt. Nun müsse sie ihn in Ruhe lassen, er solle sich ausschweigen dürfen, sagte sie. Aber je mehr sie sich das einredete, desto stärker drangen die Gedanken auf sie ein, und schließlich konnte sie sich ihrer nicht mehr erwehren. Sie mußte sich ein Herz fassen und mit ihm reden, denn sonst kam schließlich ein anderer und tat dies, kam und nahm ihr den Bruder einfach weg, und das wollte sie um keinen Preis. Sie wollte ihn zum Sprechen bringen, vielleicht kam von selber die Rede auf Vennestad – dann konnte sie zum mindesten erfahren, ob er etwas von seinem Buben wußte.

Es kam aber so, daß sie, gleich nachdem sie die Rede endlich so gelenkt hatte, wie sie wollte, ihn geradeheraus fragte, ob er denn wisse, daß auf Vennestad ein Sohn von ihm lebe.

Er sah vom Buch auf. Beinahe schien es, als frage er sich, wer sie denn eigentlich sei.

Ja, das wisse er doch wohl? Und daß Elen verheiratet sei, und alles miteinander?

Jetzt endlich begannen ihre Worte Fuß in ihm zu fassen. Jetzt war nichts mehr von dem Amerikaner in ihm, nein.

Doch, das hatte er in Amerika gehört, das von dem Jungen; durch den Jens Haaberg. Otte saß eine Weile da und blätterte im Buch. – »Und dann fühlte ich es beinah in mir, daß sie verheiratet sei. Als ich heimkam.« – – »Da erst?« – »Ja.«

Sie stand eine Weile da und kämpfte mit sich.

»Aber warum bist du dann fortgereist, Otte?«

»Ja? Sag du mir das. Aber ich bin eben gereist.«

»Hast du denn nicht geschrieben?«

»Nein.«

»Hast du denn nie an sie gedacht? Daß es schade um sie wäre?«

Darauf gab er keine Antwort, er saß nur da und schaute sie an, sie wußte nicht, wo sie hinsehen sollte. – »Wart ihr denn nicht verlobt?« fragte sie, denn sie mußte etwas sagen. Da merkte sie, daß er sich immer weiter und weiter von ihr entfernte, als sei er aus einer Betäubung erwacht. – »Darauf kann ich nicht antworten«, erwiderte er. »Das ist nun einmal so wie es ist.« Höhnisch sagte er vor sich hin: »Verlobt?« Er murmelte es ein paarmal, und dann ging er zum Fenster, blieb dort stehen und sah hinaus auf die Wiese und über den Fjord hinüber.

»Ja, ja, die Elen ist also jetzt verheiratet«, sagte Lina. »Mit dem Iver Roßtäuscher, wie die Leute ihn nennen; und den Jungen haben sie in Kost gegeben, gegen Bezahlung oder was weiß ich.«

Otte stand nur da und drehte ihr den Rücken, und so mochte er in Gottes Namen stehenbleiben, fand sie. Aber sie ging doch nicht fort. – Draußen tropfte es vom Dach herunter, tickte und tickte, den ganzen Tag, und bekam niemals Antwort. Schließlich wurde es ihr zu langweilig, so dazustehen, denn er behielt sie gleichsam die ganze Zeit im Auge. Jetzt räusperte er sich ein paarmal, gerade als sie sich davonmachen wollte.

»Das, was zwischen Elen und mir war, geht euch nichts an. Ihr verstellt es ja doch nicht.«

»Nein, nein«, meinte sie. Sie öffnete die Tür und zog sich zurück. Denn jetzt gab es keinen Weg mehr zu ihm.

Als kleiner Junge, da war er übermütig und ausgelassen, eine wahre Lust, alles mußte er mitmachen, ob es nun etwas Dummes oder etwas Gescheites war, und lustig war alles, was er auch anstellte. Und wenn er sich in irgend etwas Unangenehmes verrannt hatte und es ausbaden mußte, ging er zu ihr. Dann starben die Eltern, kurz hintereinander. Er nahm sich das nicht mehr zu Herzen als irgendein anderer. Er war damals siebzehn Jahre alt und hatte seit zwei Jahren beinahe die ganze Arbeit auf dem Hof gemacht. Er sollte den Hof haben, und sie sollte bei ihm sein. – Dann auf einmal verkaufte er den Hof, ohne daß sie ein Wort davon wußte, ja sogar ohne mündig zu sein, und sein Vormund kam sogleich und fragte sie. Sie war so gleichgültig, ließ alles gehen wie es wollte. Als aber Otte merkte, daß sie heimlich weinte, wurde er nachdenklich. Er setzte sich still hin und erzählte ihr, wie es um ihn stand. Er sei Schreiner und nichts anderes, und es sei wie eine Krankheit in ihm, und außerdem sei doch die Welt so groß und voll von wunderbaren Dingen, er hielte es einfach nicht aus, hier festzuwachsen. Damals glaubte sie ihn zu verstellen, das war die schönste Stunde in ihrem Leben. – »Aber jetzt hat er schon recht, wenn er sagt, daß wir ihn doch nicht verstellen«, lächelte sie. »Und schon damals haben wir ihn nicht verstanden. Wenn er mit einem sprach, so waren seine Gedanken schon längst wo anders.« Sie wußte es noch so gut: »Jedes Ding, das ich mache, hat Leben«, sagte er. »Zuerst ist es in mir drin. Es plagt mich oft. Dann endlich steht es da. Und dann ist es doch nicht das Ding, und kein Mensch hat Freude daran.« – »Ich gehe meiner Wege!« murmelte er oft. Dazwischen hinein ließ er sich wieder ganz die Zügel schießen, und zwar meist gründlich, solange der Anfall dauerte. Man hatte ihn mehr als einmal heimgebracht. S i e mußte so rasch wie möglich heiraten, damit sie doch ein Heim für sie beide hatte; das war gerade kein Spaß gewesen. Der Otte verstand das nicht, soviel sie es ihm auch erklärte. – »Du bist so schwermütig, Otte?« sagte sie einmal zu ihm, denn er war im Begriff es zu werden. – »Ich?« meinte er, »gibt es denn einen Menschen, der so leichtlebig ist wie ich? Jeden Tag fast schenkt Gott uns schönes Wetter, und die Welt ist so weit und so schön – ich werde schon durchkommen! Mir scheint bloß, daß hier eigentlich alles auf den Kopf gestellt werden müßte – ja, alles miteinander, die ganze Gemeinde. Es geht verkehrt, meine ich. Na, warten wir einmal ab, was noch alles kommt!«

In der Zeit, die er auf Vennestad war, hatte sie bemerkt, daß irgend etwas in ihm arbeitete. Es mußte das Glück selber sein, das ihn erfaßt hatte. So sah er wohl aus, wenn er glücklich war. Bisweilen schien es ihr, als trete zusammen mit ihm ein fremder Mensch in die Stube. Das war Elen; sie wußte es jetzt. Eines Abends kam er zum Stall hinunter und setzte sich hin, während sie melkte. Auf einmal lachte er leise: »Es ist nicht so sicher, daß ich es bin, der die Welt auf den Kopf stellen soll.« – »Nein, nein«, sagte sie. – »Nein!« lachte er und pfiff dazu. Er war wie ein Kind. »Die Leute können meinetwegen schreinern wie sie mögen und zur Kirche gehen wie sie mögen!« – »Zur Kirche gehen?« wunderte sie sich. – »Ja, so habe ich gesagt. Ich sehe so vieles, was ich nicht sagen kann. Ich mache mich von all dem davon.« Aber als er aufstand und fortging, glich er einem ratlosen Mann. Das Amerikafieber, dachte sie damals; aber so einfach war es wohl doch nicht. Es war sein Glück, von dem er weg mußte; das erkannte sie heute.

Am Abend, als alles schlafen gegangen war, wollte Lina die Katze hinauslassen. Das Tageslicht lag noch schimmernd über dem Fjord, und die Tropfen vom Dach leuchteten wie Silber gegen Glas; einer gab dem anderen jetzt Antwort, rings um das Haus. Drüben im Wald saß eine Drossel und sang und lachte, und Lina fühlte einen ungewohnten warmen Lufthauch an ihrem Gesicht vorbeistreichen. In dem Augenblick kam Otte um die Hausecke, und sie blieb still auf ihrem Platz stehen, denn so verändert hatte sie sein Gesicht noch nie gesehen, er besaß gar keine Gewalt darüber. Sie standen da und schwiegen.

»Ja!« sagte er endlich. Es kam hart, als sollte es sie und die anderen treffen. – »Noch können unglaubliche Dinge geschehen!«

»Nein, nein!« bat sie. » Otte

»Es geschieht nie mehr als das, was geschehen muß

Er raffte sich zusammen und ging weiter, um das Haus herum und den Hang hinauf, seinen gewohnten Weg.

Sie lag bis tief in die Nacht hinein wach da. Endlich hörte sie ihn hereinkommen und sich zu Bett legen.

2

Aber am Morgen danach war er schon auf, noch ehe der Tag begonnen hatte. Er schlenderte nicht wie sonst umher und tat nichts, sondern machte gleich Feuer in der Küche und stellte den Kessel auf, und als Lina erschien, war der Kaffee fertig. – »Ja, ich mußte aufstehen«, sagte er. »Ein seltsames Wetter, draußen, so schön? He?« – »Ja, aber?« – »Ich will aufs Meer hinausrudern. Ich darf wohl das Boot nehmen?«

Die Morgendämmerung erhob sich wie ein großes bleiches Antlitz über dem östlichen Gebirge, eine alte und verwachte Frau, die die Gemeinde betrachtete und in Augenschein nahm. Hof für Hof hatte sie die Gemeinde vor sich. Sie schliefen, und sie ließ sie schlafen. Noch war deren Zeit nicht gekommen. Und der Fjord? Immer wieder trat Otte ans Fenster und sah hinaus. Ja. Er war leuchtend blank. Er war fast nicht da. – »Ja, ja«, sagte Otte, es hörte sich beinah an, als sei ihm leicht zumute, – »heute geht es weiter.« – »Du machst mir ja fast Angst«, sagte Lina. »Willst du den Jungen sehen? Der ist in Kjelvika.« – »Den Jungen?« Otte stand da und sammelte seine Gedanken. – »Jawohl, du hast recht; ich habe wirklich an den Jungen gedacht. Es war, als rufe mich etwas.«

Lina lachte, ein trockenes, aufreizendes Alltagsgelächter: – »Bis zum Sommer hörst du gewiß das Gras wachsen.« – »Das müßte man wohl auch können, wenn alles so wäre, wie es sein sollte«, erwiderte er.

Der Fjord blinkte rotviolett im Sonnenaufgang und erbleichte wie ein schlafendes Antlitz unter dem lichten Himmel. Und Otte fuhr fort. Lina sah sein Boot im Sonnenschein über den Fjordspiegel hinkriechen, glänzende schwarze Streifen hinter sich herziehend. – »Gott allein weiß, wo dieser Weg ihn hinführt!« sagte sie vor sich hin. – –

Später, als er aus dem Birkenholz herauskam und Vennestad erblickte, mußte er sich auf einen Stein setzen.

Dann und wann strich ein Hauch durch die Birkenkronen, wie ein Erwachen dicht über ihm; dann schliefen sie und warteten wie zuvor. Die Frühlingssonne schien auf den moosigen Hang und auf die Schneeflecken, und frühlingstolle Fliegen kamen summend näher, streiften ihn und beschrieben große Kreise in der Luft. Er aber ging geradeswegs nach Vennestad, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ja, ich komme, ich komme!« sagte Otte. Er erhob sich, und da dünkte ihn, der Tag erlösche rings um ihn und fröre, er hatte wohl nicht eine so kalte Tat erwartet. Die Sonne aber brannte heiß auf ihn herab, so daß er sich in einemfort den Schweiß abwischte. Den Weg hier, den war er einmal in einer Gewitternacht gegangen, in völliger Blindheit über Berg und Tal dahintastend, hatte den Weg gefunden, ihn verloren und ihn wiederum gefunden, denn sie saß auf Vennestad und wartete auf ihn. Wenn sie Elen war, dann erwartete sie ihn heute noch.

Als er aber zu der Stelle kam, wo der Weg zur Weide hinunter abbiegt, verlangsamte er seinen Schritt und zögerte ein wenig, und dann trugen ihn seine Füße nicht zum Hof hinunter. Er ging nach Haaberg.

Aasel Haaberg hatte er noch nie gesehen, er hatte nur von ihr reden hören und wußte, daß sie Elens Mutter war. Er fühlte, wer sie war, gleich nachdem sie sich ihm zugewandt hatte. Ihre Augen umfingen ihn mit einem ruhigen Blick und hielten ihn fest. Dann kam ihm zum Bewußtsein, daß sie mager war und nicht groß, aber aufrecht, hell und schmal von Angesicht, mit roten Rosen auf den Wangen und einem feinen und festen kleinen Mund. Die Augen aber waren hellblau. Sanft und ruhig blickten sie ihm entgegen, ohne zu zucken, so dünkte ihn, und er konnte ihnen nicht entrinnen. – Elens Augen blickten ebenso hell drein und ebenso ruhig, auch sie blinzelten nur ganz selten, aber jedes dieser Augenpaare hatte seine eigene Sprache, sie glichen einander keineswegs.

Er hatte nicht vorgehabt, sich zu setzen, erwartete auch nicht, besonders willkommen zu sein; als Aasel aber auf einen Stuhl deutete, setzte er sich, kam nicht einmal dazu zu sagen, wer er war. Als er es dann erzählte, sah er, daß sie es bereits gewußt hatte.

Er hatte nicht vorgehabt, sich zu setzen, erwartete auch nicht, Amerika zu überbringen, sagte er, von Jens und Gjartru, er habe mehrere Male mit ihnen gesprochen, und sie hätten ihn gebeten, auf Haaberg zu grüßen, er sei aber bisher nicht dazu gekommen. Es ginge ihnen ausgezeichnet; sie hätten sich gut eingelebt.

Aasel sah zur Seite, zur Magd hinüber, die mit in der Stube war. Die wurde rot und ging hinaus. Otte schien es, als sei sie hinausgeführt worden. Aasel hatte sich ihm gerade gegenüber gesetzt. Dann ging sie zur Tür und rief etwas in die Küche hinaus, etwas von Kaffee wohl; kam dann und setzte sich wieder, und über ihre Augen flog es wie ein Schatten von Angst.

»Ja«, sagte er. »Ich wollte heute nach Vennestad.«

Sie nickte bloß. Jetzt erst wurde er gewahr, daß er hier saß und ihr sein Herz geöffnet hatte.

»Ja, ich weiß keinen anderen Rat. Ich muß dorthin! Es geschieht nichts als das, was geschehen muß.«

»Nein«, sagte Aasel.

»Dann soll Elen über mich urteilen. Und tun, was sie will. Es macht wohl nichts, wenn die Leute einmal zusammenschauern? Nein, übrigens, sie geht nicht mit mir – ich werde sie nicht zu mir herüberziehen können, aber –«

Aasel legte die eine Hand fest auf die andere: »Ja, das weiß Gott allein und sonst niemand! Sie ist auch so ein unglücklicher Mensch wie du.« Sie saß noch eine Weile da. Dann blickte sie auf: »Nein, du tust das nicht, Otte?«

Es wurde stiller und stiller in der Stube. Otte dünkte fast, es sei Abend, als er antwortete.

»Nein, ich tu' es vielleicht nicht.«

»Ich will nichts sagen. Aber ich bin zu weich, das fühle ich.«

Ihr ganzes Antlitz zuckte und bebte. Er konnte jetzt sehen, daß sie nicht so jung war, wie er zuerst gemeint hatte. »Du hättest in Amerika bleiben sollen«, sagte sie. »Ich wußte, es war falsch, daß sie heiratete; ich wußte es ganz genau. Sie meinte ein gutes Werk zu tun, die Ärmste. Und ich war zu weich.« –

»Aber wer regiert denn eigentlich die Welt?« fragte er und wurde über die ganze Stirne hinauf rot. – »Unser Herrgott«, antwortete sie still. Da ließ die Spannung in Otte nach, und er wurde ruhig. – »Glaubt Ihr denn das? Denn ich habe ihn geprüft: er erschien mir unmöglich; wir sollten ihn vielleicht absetzen.« – »Ja, ich könnte dir gar manches darüber erzählen. Ich habe es gekostet, ich. Ich habe mich damit abgeplagt. Was kommen muß, das kommt, darin hast du wirklich recht. Und die Elen, die – –«

»Sie bat mich darum, am letzten Abend, ich möchte nicht weit fortreisen!«

»Wenn du aber doch weit fort mußtest

»Ja, aber. Ich kam nicht vorwärts. Es war wie verschlossen. Und die Elen, sie bat mich – –«

Er hatte sich erhoben, er wollte gehen. – »Ich muß sie nur fragen, ob sie mir verzeiht«, murmelte er. – »Das tut sie niemals!« erwiderte Aasel in großer Angst. »Alles andere kann geschehen, das aber nicht – du darfst nicht dorthin!«

»Dann müßt Ihr mir verzeihen!«

Müde und ratlos stammelte er diese Worte, er glaubte mitten in ihre Augen hineinzutaumeln. Die aber empfingen ihn, wie eine Glasscheibe Fliegen empfängt.

»Ich? Nein, mein Lieber, ich habe damit nichts zu tun. Da wäre es einfach!«

Er setzte sich wiederum. Ihn dünkte, sie habe ihn darum gebeten. – »Ich kenne Elen nicht«, sagte sie vor sich hin. »Sie war nur das Kind hier, ich wußte es nicht anders, und dann ging sie von mir fort und wurde wildfremd für mich. Das aber weiß ich, wenn alles deine Schuld ist, dann ist es nicht gefährlich. Unrecht erträgt sie leicht, die Elen.«

Jetzt kam der Kaffee herein. Andrea brachte ihn, die Witwe des Sohnes hier auf dem Hof, und dicht hinter ihr kam ein kleines Mädchen und ging auf die Großmutter zu. Aasel strich ihr über das Haar, während sie dasaß, vor sich hinblickte und nachdachte.

Andrea war schwarz gekleidet und war bleich, viel mehr sah er nicht von ihr. Auch über ihr lag diese Stille; das ist Haaberg, dachte er; noch nirgends hatte er eine solche Stille bemerkt. Es war nicht Kummer und nicht Mutlosigkeit, es war das Leben selbst, das diesen Ton angeschlagen hatte. – Nun sah Andrea ihn an, in dem Augenblick, da sie hinausglitt. Sie hatte braune Augen, und die kannte er.

Als sie gegangen war, fand er Zeit, sich in der Stube umzublicken. Vielleicht lag er hier, dieser Ton, der die Stille über diese Menschen brachte. Zuerst ließen sich die Wände erkennen. Sie waren dunkelgrün, hatten ihre besondere Farbe, wie er sie sonst nicht an anderen Wänden bemerkt hatte; und die Fugen in der Wandverschalung waren hellrot, oder wie man es nennen wollte, sie führten ganz ruhig an der Wand hinauf und hatten ihre eigene Meinung. Die Decke war bläulichweiß, mit Wolken von Blau im Grund. Diese Farbe hatte das Wort Glück gehabt, damals, als er ein Knabe war. Und die Bank und die Stühle und die Wanduhr, in allem war die gleiche Schwere und der gleiche glückliche Gedanke; es war der gleiche Mann, der sie hierher gestellt hatte. Nur der große Eckschrank stand da und wünschte sich von hier fort. Er war breit und bauchig, und glänzte, so daß ein brauner Schein von ihm ausstrahlte – hier war die Stelle, wo sein Schrank hätte stehen sollen, der, den er nie zuwege gebracht hatte!

»Der Schrank, ja«, meinte Aasel und lächelte. »So ist es nun einmal. Aber der hat ja schon lange dagestanden, und sonst stünde der Andrea ihr Spielwerk so ganz allein da. Sie hat sie alle beide mitgebracht.«

Das Klavier stand an der Wand gegenüber. Es hatte die gleiche Farbe, aber es war doch mit dieser Stube verwachsen. Allein aber hätte es hier vielleicht nicht stehen können?

Otte wurde unruhig, die Gedanken schossen ihm durch den ganzen Körper, wie immer, wenn er etwas tun sollte; er stand auf und ging halb auf den Schrank zu, sah ihn an und blickte sich dann mit zusammengezogenen Brauen in der Stube um und biß sich dabei im Mundwinkel auf die Unterlippe.

»Er muß doch stehenbleiben«, lächelte Aasel, »wie ein Zeichen dafür, daß man zu alt geworden ist. Zwar: Hier auf Haaberg kann sich schon noch einmal alles wenden. Den Glauben gebe ich nie auf.«

Wenn er aber den Schrank zuwege brächte, den e r meinte, murmelte Otte, einen, der förmlich aus den Wänden herauskäme, gleichsam als sei er ihr eigenes Antlitz? Und wenn er in der richtigen Farbe gestrichen würde?

Aasel schloß die Augen ein paarmal und fuhr der Kleinen etwas rascher übers Haar. – »Ich bin so ans Warten gewöhnt. Ich will bald nichts anderes; man vermoost. Und Odin, dein Junge, der ist in Kjelvika, soviel ich höre. Sie brachte es nicht über sich, mit ihm hierher zu kommen. Und schließlich ist das auch für etwas gut, glaubst du nicht?« Sie blinzelte rasch und jung, so hatte der Fjord ihm heute zugeblinzelt.

»Ja, ich dachte dorthin zu gehen«, sagte Otte rasch. Er wollte nicht ihren Blicken begegnen, mußte es aber trotzdem. Da gab er nach und gestand ein: »Ich habe nur einen Augenblick geglaubt, daß ich ins Wasser gehen könnte. An den Jungen hatte ich nicht gedacht. Nein, Ihr braucht keine Angst zu haben!«

Das gleiche dünkte ihn, als er auf dem Weg nach Kjelvika war, denn was sollte er mit ihm anfangen? Dies auszudenken, war wie das Leben selber.

Sie saßen bei Tisch, als er eintrat. Er erzählte, wer er war. Keiner erwiderte etwas darauf, Gurianna rückte ihm einen Stuhl zurecht, und Bendek ließ sich Zeit mit dem Essen. – »Schönes Wetter heute«, sagte er nur. Odin sah ihn ebenso neugierig an wie irgendeinen anderen Fremden, vergaß sich sogar so weit, daß er von seiner Suppe auf den Tisch verschüttete. Da klopfte Bendek mit dem Messerschaft auf den Tisch, ruhig und kurz, und der Junge nahm seine Blicke zu sich und paßte auf seine Sachen auf.

»Ist das der Odin?«

»Man sollte es wohl meinen«, sagte Bendek, er sah abwechselnd einmal den Knaben, einmal den Vater an: »Er ist Großknecht hier auf dem Hof, der Bursche, und Kuh-Kapitän und Bootsführer und ein bißchen von allem. Es ist ein tüchtiger Kerl aus ihm geworden.«

Odin lächelte, dümmer war er nicht.

»Ich soll ja sozusagen sein Vater sein«, erklärte Otte.

»Jawohl, ja. Willkommen daheim von Amerika.«

Otte mußte nicht nur mitessen, sondern auch Kaffee trinken, und Gurianna trug alles mögliche aus dem Schrank herbei, daß er sich nur so wunderte. Bendek und er kamen bald ins Gespräch, und Otte erzählte ihm mehr von Amerika als allen anderen miteinander. – Dort gab es aber wohl auch manches Haar in der Suppe, hm? Bendeks Mundwinkel gingen in die Breite, er war seiner Sache sicher. – »Ja«, erwiderte Otte, »wenn es dort so weitergehen soll wie bisher, dann sieht es schlecht aus. Da wäre es besser, die Menschen setzten sich still hin und legten die Hände in den Schoß, so meine ich wenigstens. Denn das ist ja kein Leben, wenn man sich so abhetzen muß. Der eine will nur immer den anderen unterkriegen, daraus kann ja nichts entstehen als lauter Unglück.« Otte stand eine Weile da und sah zu Boden. Dann blickte er Bendek an: »Als ich jetzt wieder herüberfuhr, wurde mir erst klar, was irgendwo in der Bibel steht. ›Widerstrebet nicht dem Übel‹, steht dort geschrieben. Und das Übel, das ist das Harte, daß einer nicht vor dem anderen weichen soll. Die Aasel auf Haaberg – – sie war es, die mir das zeigte!«

Bendek zog die Brauen bis an die Haargrenze hinauf, sprach die Worte vor sich hin und bestätigte sie durch ein Nicken: »So steht es geschrieben, ja!« Dann lachte er, mit kleinen messerblanken Augen: »Das ist mir eine durchtriebene Erfindung!« Nach und nach aber ging ihm doch ein Licht darüber auf, und da nickte er wieder: »Da hast du's übrigens! Hoho, wahrhaftig! Da käme bald ein anderer Ton herein. Da wären wir bald alle brav, jeder von uns. Ach ja, ja. Das Lehen ist ein vielfältiges Ding! Soso, die Aasel auch!« Er lächelte vor sich hin.

»Und jetzt möchtest du uns wohl den Buben wegnehmen, he?«

Otte stotterte ein wenig. – Wenn der Bub wollte, und wenn sie wollten, dann – –

Bendek sah zu Odin hinüber, der mit den Händen in den Taschen auf der Holzkiste saß. Die beiden anderen sahen irgendwohin in die Luft hinaus. In den Blick des Knaben kam ein scheues Aufblitzen. Es erinnerte ganz schwach an Aasel.

»Ja, der da ist nun dein Vater, das hast du wohl begriffen.«

Odin sah seinen Vater an, ruhig und unverwandt. Einen Augenblick war es dem, als sähe Elen ihn an, ein Mensch, der ihn bis ins Innerste und ohne Worte verstand. Dann war der Eindruck wieder verschwunden, und ein Paar wildfremde Augen wanderten über ihn hin, von oben bis unten; sie waren neugierig und stolz zu gleicher Zeit, und halb und halb auch feindlich.

Ob er wohl mitgehen wolle? Um auf diese Weise einen Vater und ein Heim und alles miteinander zu haben? Bendek war es, der fragte. Otte brachte keinen Ton heraus. Ihm war, als hinge er an einem Faden über einem Abgrund. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn.

»Nein!« kam es kurz und frisch.

Niemand sagte noch etwas. Gleich darauf lief Odin zur Tür hinaus. – »Wir können später noch darüber reden«, meinte Bendek. »Das aber müssen wir beide sagen, mein Weib und ich, es wird schwer sein, den Bengel zu verlieren.« Er fing Ottes Blick auf, und sein Gesicht wurde leuchtend gutmütig und derb und breit: »Widerstrebet nicht dem Übel!«

Otte nahm Abschied und ging. Wie ein Märchen hing der sonnige Tag über Kjelvika, vom höchsten Bergrücken bis hinüber zu den kleinen Hügeln und den langen Sandstreifen. Es zitterte mit einem seltsamen Reichtum im Blau. Es war nicht gering zu achten, daß Odin hier in der Wildnis bleiben wollte. Offenbar steckte doch schon eine Seele in ihm.

Otte ging geradeswegs nach Vennestad. In ihm und um ihn herum war es so leer, es kam aufs gleiche heraus, wohin er auch ging.

Auf Vennestad traf er sowohl Elen als auch den Mann im Haus an. In dem Augenblick, da sie aufsah und ihn wiedererkannte, ging es wie ein kalter Hauch durch die Stube, so sehr klagte sie ihn wegen seines Kommens an. Sie hatte mehr von ihm erwartet. Sie erinnerte sich, wer er war, zu ihrer beider Zeit. Iver forderte den Fremden auf, sich zu setzen. Sein Gesicht war dürr wie Holz; er murmelte etwas von Pferden, sah auf die Uhr und ging dann hinaus.

Otte setzte sich nicht, und Elen sagte nichts.

»Ich komme von Kjelvika«, fing er an. »Odin will nichts von mir wissen. Da ging ich dann doch hierher. Mich dünkt, du wolltest etwas von mir, wolltest mir den Jungen geben?«

Elen sah ihn rasch an, mit großen Augen:

»Wie konntest du das wissen? – – Nein, ich habe nicht nach dir gesandt«, beeilte sie sich hinzuzufügen, und dann wandte sie sich von ihm ab.

»Nein, nein, Elen. Aber kannst du begreifen und verstehen – daß ich von dir fortfahren konnte?«

Seine Stimme war unkenntlich, nicht nur für sie, sondern auch für ihn.

»Und den Jungen willst du auch nicht haben?«

Da wurde sie grau im Gesicht, blickte jedoch nicht auf.

»Leb wohl also, Elen.«

Er erhielt keine Antwort und erwartete auch keine. »Daß ich wirklich zu ihr gegangen bin!« sagte er, als er vor der Türe stand.

– – – An diesem Abend ging Elen nach Haaberg. Aasel zog sie mit sich in die östliche Stube, und dort saßen sie beide allein, bis die anderen schlafen gegangen waren; und Aasel begleitete sie auf dem Heimweg, ganz bis nach Vennestad. Als sie an Lauvset vorbeikamen, konnten die Leute dort sehen, daß Elen weinte. Es hieß dann in der Gemeinde, Elen habe daran gedacht, mit ihrem alten Liebsten nach Amerika durchzubrennen, Aasel jedoch habe sie davon zurückgehalten.

Seit diesem Abend kam Aasel oft nach Vennestad. Elen war nichts anzusehen.

3

Nach und nach versuchten die Leute, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er denke wohl nicht mehr daran, nach Amerika zu gehen? Nun freilich, man konnte sich ja schließlich auch hier niederlassen, er hatte wohl gar nicht so wenig gelernt dort drüben, das wollten sie gerne glauben. Denn dort war Schwung in den Menschen, so hatten sie gehört. – »Ich habe eines gelernt«, pflegte er zu sagen, »und das ist, daß die Leute überall auf die gleiche Art leben, wohin sie auch kommen, der eine zufrieden und zehn andere unzufrieden; hüben wie drüben. Und dann noch eines«, sagte er. – »Nun?« Ach nein, darüber ließe sich nicht schwätzen. Sie bekamen es nicht zu hören.

Er war tiefer geartet, als er zu erkennen gab. Es hätte Spaß gemacht, zu wissen, was in ihm wohnte. Ein kaltblütiger Kerl mußte er sein, denn sonst wäre er wieder nach Amerika gereist, jetzt, nachdem Elen verheiratet war und nicht mit ihm davonlaufen wollte.

Im Lauf des Sommers raffte er sich auf und arbeitete. Er richtete sich auf Holmen eine Art Schreinerwerkstatt ein, verschaffte sich Werkzeug und verfertigte das eine oder andere. Viel schaffte er nicht, Gott sei's geklagt; die meiste Zeit verbrauchte er damit, sich auszudenken, was er machen wollte, ob es auch nur ein Stuhl war, und alles ging ihm nur langsam von der Hand. »Er ist ein Künstler«, sagte der Küster, der Ola Haaberg, und der mußte es wohl wissen, er hatte doch das Seminar und noch mehr hinter sich. Und was er zuwege brachte, war seltsam, das mußte man ihm lassen. Da hatte er nun einen Stuhl verfertigt, so plump und altmodisch, daß die Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, Tatzen hatte er wie ein Vierfüßler. Den Stuhl kaufte der Tierarzt. Alle verzogen den Mund, darüber wunderten sie sich nicht! Jetzt arbeitete er an einem Schrank, und es hieß, daß der sogar nach Haaberg solle, aber es sah beinahe so aus, als würde er zum Glück für den Schrank und für Haaberg niemals fertig damit. Nebenbei machte er alle möglichen Kleinigkeiten, und alle miteinander waren gleich unhandlich. – Er mußte sie wegschenken.

Er selber aber zeigte alle seine Herrlichkeiten vor, froh wie ein Kind: Ihn dünkte, er habe es gut gemacht! Den Leuten blieb der Mund offenstehen, das sah er, sie waren inniglich beglückt. Aber die eine oder andere Seele schämte sich doch für ihn. Er fragte Lina, ob sie das bemerkt hätte? – Ja, das hatte sie! Er hörte, wie böse sie war. Sie weiß nicht, dachte er, daß ich es bin, auf den sie am meisten böse ist.

Der eine oder andere lachte und sagte geradeheraus, was er meinte, nämlich, Otte schreinere wie eine Kuh.

Später im Sommer fand ein großes Leichenbegängnis in der Gegend statt. Auf der anderen Seite des Fjords war eine alte Witwe gestorben; sie war fast mit der halben Gemeinde verwandt gewesen und hinterließ ein großes Bankkonto und keine unmittelbaren Erben, nun sollte also ein Leichenschmaus gefeiert werden. Da war einer, der auf den Gedanken kam, den Amerikaner auf Holmen dazu zu bitten, er war doch bei der Alten gewesen und hatte dort geschreinert, und wenn man genau nachrechnete, so fand man auch noch eine Verwandtschaft heraus. Da war es nicht ausgeschlossen, daß er sich einmal offenbaren würde. Man lud auch die Leute von Vennestad ein; die durften nicht übergangen werden.

Es schien aber, als hätte man sich beides sparen können. Otte ging umher, schüttelte jedem die Hand und sprach mit allen ein Wort. Auch mit Iver Vennestad und Elen redete er einige Worte: sie habe recht getan, die Alte, daß sie noch vor der Herbsternte gestorben sei, auf diese Weise bekäme sie doch ein größeres Leichenbegängnis, irgendeiner sagte, Otte sei glatt wie das Eis unter dem Neuschnee. – »Der ist schon vorher einmal beim richtigen Wetter draußen gewesen«, meinte ein anderer. – »Pah!« fiel ein Dritter ein: »Ein Heiratsversprechen und ein Kind, was meinst du wohl, daß das in der Welt draußen zu sagen hat?« Man gab ihm recht. Draußen blies ein ganz anderer Wind.

Im Lauf der Nacht drangen sie ein wenig tiefer in ihn ein, ein paar Bekannte. Die ganze Gästeschar und die Stimmung rings um ihn hatten das ihre dazu beigetragen, und der Grog schließlich auch, obwohl Otte sich nicht viel daraus machte.

»Amerika, ja!« sagte er mittendrin und stellte sein Glas auf die Kommode. Die Hängelampe leuchtete weiß auf ihn herab. Sein Antlitz wandte sich ihnen zu, und es war schmal und ruhig, aber sie merkten, daß etwas dahinter steckte. Die Augen hielt er zu Boden gerichtet, doch dann und wann sah er auf und blickte bald den einen, bald den anderen an. Sie standen im Halbkreis um ihn, Junge und Alte durcheinander, meist Männer. – »Da sagt man immer Amerika! Ich kam hin. Aber ich kam wieder heim. Ja freilich, großartig ist es dort, in jeder Weise. Wozu aber einer dort ist, das weiß ich nicht.«

Er sah sich im Kreis um und lächelte. Aus ihm konnte man nicht so leicht klug werden! – Geld verdienen? Ja, ja, das sei schon recht. Aber das hätten sie hier ja noch nicht kennengelernt. Keiner hierzulande hätte es kennengelernt; da gebe es nur dann und wann einmal einen größeren Fang, nicht wahr? Nein, Geld, das hätten sie noch nicht kennengelernt, sie seien billig weggekommen.

Sie seufzten, leer und ungewiß; einige von ihnen kauten dazu wie Geißen, während sie darüber nachsannen.

Jetzt nahm er sein Glas: »Aber ich wollte hinausgehen und die Welt finden, ich! Und das Leben!«

Er stellte das Glas wieder hin, vergaß alles rings um sich. Der Menge bemächtigte sich eine flackernde Unruhe. Die halbe Stube hatte ihm zugehört. Elen saß ganz drüben an der anderen Wand, sie schaute zwar nicht auf, aber alle merkten doch, daß sie zuhörte. Jetzt griff er wieder nach seinem Glas, tat zwei, drei Züge, ließ sich Zeit damit, er sah nicht so ans, als wollte er noch mehr sagen.

Ja, aber dort mußte es doch für einen Schreiner nicht übel sein? Es war der Küster, der wieder anfing. – »Dort? Dort brauchen sie keinen Schreiner; woher doch. Dort müßte ich ja für Geld schreinern. Und zwar allen Ernstes – und gar manch ein häßliches Ding für sie zurechtzimmern. Zwar, eigentlich ist es hier auch so. In der Beziehung gehen wir mit der Zeit. Und wenn wir hier das tote Wasser aufrühren, dann haben wir auch hier ein Amerika, ihr werdet's erleben!« Er lachte über seinem Glas, so daß er nur einen halben Schluck nahm. – »Das Leben, sagt ihr? Nein, nein, nur die letzten Lebensgeister; ein Zucken im Schlaf. Hart auf hart, habt ihr das Wort schon gehört?«

»Ja, freilich, ja!« kam es von den anderen zurück. »Das ist es, was not tut. Kralle gegen Kralle, das ist eine alte Weisheit hierzulande.«

Otte hörte nicht darauf. Er stand da und sah zu Boden. »Es gibt einen Spruch, der mir ab und zu in den Sinn kommt.«

»Was denn für einen?«

»Ach, es ist ja gleich.«

Seine Blicke suchten über sie hin, er nahm die einzelnen in die Hand und wog sie, legte sie wieder weg, so empfanden sie es alle; bis dicht zu Elen ließ er seine Augen wandern, und dort machte er halt, neben ihr, gleichsam als lese er etwas an der Wand. Dann greift er sich in den Bart, er wird rot, bis über die Stirn hinauf.

» Widerstrebet nicht dem Übel

Eine Weile war es still. Dann räusperte sich der eine, und dann räusperten sich die anderen mit. – »Aus der Bibel«, murmelte einer vor sich hin. – »Ein schöner Spruch, ja.« – »Ja, den sollte man sich umhängen.« Dann aber breitete sich wieder Stille über ihnen aus. Wäre die Stube von Wand zu Wand leer gewesen, hätte es nicht stiller sein können. Von den Jungen durchfuhr es den einen oder anderen wie ein Ruck, als schäme er sich für Otte.

Otte wiederholte den Spruch vor sich hin, es war, als wundere er sich über die Worte.

Einer nach dem anderen faßte sich und hörte ihm zu. Und dann war es ein alter Mann, der sich herumdrehte und allen ins Gesicht schaute und mit einem halb erschreckten Blick in den alten hellen Augen sagte:

»Ja–a, wer weiß, ihr guten Leute! Ob das nicht das Wort ist, auf das es ankommt.«

Da holten sie befreiter Atem. Es ging von Mann zu Mann, bis die ganze Stube davon erfaßt war; sie sahen es und erkannten es tiefer, als der Fremde es sagte; es lag viel in diesen Worten! Es schwoll zu einer Woge an, die auf und nieder ging im Volkshaufen und nach und nach immer stärker wurde. Sie erwärmte sie und beunruhigte sie.

Jetzt schlug sie zu Otte zurück. Seltsam sah er die anderen an: War es denn so, daß sie ihm glaubten?« »Ja«, sagte er, »es ist wahr, für die ganze Welt, ich sehe das jetzt. Daran dachte ich nicht; ich fand es nur für mich heraus. Ich trug es in mir und habe es vielleicht meiner Lebtag dort getragen: alles was geschehen muß, geschieht. Und dem wollte ich nicht widerstreben. Jetzt sehe ich es ja: es ist das Beste für die ganze Welt. Sie muß in dieser Richtung gehen, wenn sie einen Sinn haben soll. Wir müssen zupacken und sie umdrehen, so alt sie ist. Sonst kommt Krieg und Amerika, was wir auch mit uns anfangen mögen, es kommt und kommt, – ja, fühlt ihr das auch? Wie schwarzes Ungewitter auf allen Seiten, und du kannst nicht in die Wildnis hinausfliehen, so wie sie es in früheren Zeiten taten. Du trampelst mich nieder, und der andere dich, und so ist es überall. Man muß vor seinem Gegner weichen. Man muß die Welt umdrehen, wie gesagt!«

»Ein Hoch darauf!« sagte irgendeiner in der Menge. Sie nahmen alle ihre Gläser und tranken.

Otte stand da, blickte nieder und rührte sein Glas nicht an. Er sah aus, als sei er ratlos oder seiner selber überdrüssig. Als er endlich den Kopf hob, sah er Elen drüben an der anderen Wand. Ihre Blicke trafen einander über der Menge. Nur einen kurzen Augenblick lang, dann sah jedes nach der anderen Seite.

Da hörten sie den Küster an der Tür, er tat so, als sei er eben hereingekommen:

»Zum Teufel noch einmal, was ist denn das hier für ein Mannsbild?«

Elens Gesicht durchlief ein Zucken, aber sie blickte nicht wieder auf.

»Ihr sollt nicht auf mich hören, Leute!« sagte Otte. »Ich bin nicht hergekommen, um euch zu predigen. Ich glaube nicht an eine Umkehr, wenn ich ehrlich sein soll. Es war nur etwas, auf das ich – – mich selber hinaufrettete; ein schwimmendes Brett sozusagen. Laßt kommen, was kommen mag; ich werde nicht wider streben

Er setzte sich. Er wollte mit niemand mehr sprechen.

Da kam der Küster und nahm neben ihm Platz. – »Aber das hier habe ich doch erst kürzlich in einer Zeitung gelesen?« sagte er. »Es soll sogar ein Russe sein, der das erfunden hat, wie hieß er doch noch? Er ist ein großer Dichter und ein Prophet, will es wenigstens sein – Tolstoi heißt er! Haben Sie diesen Namen nicht gehört?«

Otte blickte auf, ein wenig erstaunt: »Sagt er denn das gleiche wie ich?« – »Ja, genau das gleiche.« – »Ich dachte, es stünde in der Bibel?« – »Ja, freilich. Eine neue Erfindung ist es nicht.« – Ola lächelte und seufzte.

Die Leute reckten die Köpfe und begannen zu lauschen. Man merkte förmlich, daß s i e jetzt irgendwie erleichtert waren. – »Nein, nein«, hörten sie Otte sagen. »Neu ist es nicht; so war es auch gar nicht gemeint. Für mich ist es trotzdem neu. Und – –«, er saß da und sank in seinem Stuhl zusammen, »– – ich glaube daran! Uns bleibt nichts anderes übrig.«

Nachdem er eine Weile so dagesessen und geschwiegen hat, richtet er sich wieder auf und schaut den Küster an. Seltsam verwirrt und schlafbetäubt schien er den anderen, und seine Augen schauten drein, als hätte er ein Gespenst gesehen.

»Die Menschen sind wie Schafe ohne Hirten – so kommt es mir vor! Könnt ihr das nicht sehen?«

»Sie haben den Hirten, den sie verdienen. Sie haben mich. Die Leute nennen mich den Küstertod.«

»Den sie verdienen?«

»So sagte ich, ja. Und das verstehst du, so wahr du ein Norweger bist. Es ist wohl möglich, daß für manche Leute dein Spruch paßt, ich aber weiß keinen, der ihn erprobt hat. Es müßte denn ich selber sein!« fügte er hinzu und schaute herum: »Für so einen wie mich ist er Honig und Balsam, wißt ihr.«

Denn es war unchristlich, was dieser Küstertod alles gelesen hatte. Und soviel wußten sie auch, es war nicht lauter Silber, was im Ausland glänzte. Darauf tranken sie einander zu, und bald war die Stube und die Kammer und auch der Gang wieder von Stimmengeschwirr erfüllt wie zuvor.

Da drängten sich zwei Frauen durch die Menge und kamen auf Otte zu. Die eine war Andrea Haaberg. Er begegnete ihren Augen, sie waren so groß und glänzend. – »Ich danke Ihnen!« sagte sie. Otte saß ganz entsetzt da. – »Ich begreife nicht, wie ich damit anfangen konnte.« Und dann murmelte er etwas zwischen seinen Fingern: »Aber so geht es einem wohl, wenn man im Flickkorb wühlt.«

Die andere war Aasel. Sie stand hinter Andrea, zwinkerte ein paarmal rasch mit den Augen. – »Ja, das hörte sich seltsam an«, sagte sie. »Denn so geht es immer mit allem, was unmöglich ist: gerade das will man am liebsten hören. Vom anderen hat man bald genug. Aber ich bin trotzdem nicht ganz einig mit dir; durchaus nicht. Denn dann würde Norwegen ein flaches Land – da wäre es gleichgültig, wie es geht! Nein! sage ich!« – Sie lächelte und schüttelte leise den Kopf. Dann blickte sie über die Menschenmenge hin und lächelte noch einmal:

»Aber es machte trotzdem Spaß zu sehen, wie es die Leute packte

Und jetzt war Elen heimgegangen, das fühlte er. Ja, die Stube war leer und gut, zum Teufel auch, er wollte sich selber einmal zutrinken.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.