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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Die anderen

1

Lauris behielt den anderen mit den Rudern in den Augen, während er immer wieder rief und sich dabei festklammerte. Die Dunkelheit sank nach und nach herab, und der Wind trieb das Boot gegen Westen, die Strömung aber zog den anderen ein wenig mehr nach Süden; schließlich kam er auch nicht so rasch vorwärts, so daß es Lauris bald schwerfiel, sich zwischen den Sturzseen nach ihm umzuschauen, noch sah er ihn, auch jetzt noch; dann aber verschwand alles grau in grau. Als er nicht mehr zu schreien vermochte und dennoch das Juwikufer noch so weit weg war, daß er es nur wie etwas Schwarzes mit einem weißen Strich darunter ahnte, gab er die Hoffnung auf. Er merkte, daß er sich nicht mehr lange würde festhalten können, manchmal wußte er kaum etwas von sich. Er ließ den Glauben an eine Rettung fahren, so war es leichter.

Da aber hörte er ein Klatschen in der Luft, es flatterte und schlug. Er kannte diesen Laut, und sofort durchfuhr ihn wieder ein Gefühl von Wärme; es war ein Segel, das im Winde knatterte. Jetzt hörte er es deutlich klatschen, von Segeln und auch von einem Boot in den Wellen. Er richtete sich auf und schrie, bis ihm die Stimme zerbrach.

Gleich darauf schoß ein großes Fahrzeug neben ihm in den Wind auf, so daß der Gischt aufspritzte, ein großes Nordlandboot mit zwei Masten. Es war noch ein Kampf, bis sie ihn an Bord brachten, aber schließlich wurde er doch gerettet. An das gekenterte Boot konnte man nicht mehr denken. Sie holten die Fock ein und fuhren wieder weiter. Sie dachten irgendwo am Ufer bei Omunstranda vor Anker zu gehen. Da lief Lauris, so steif er war, zum Bootsführer hinter. – »Dort draußen liegt noch einer!« stammelte er.

Sie hielten den Kurs, den er ihnen zeigte, wendeten ein paarmal, dahin und dorthin, sahen aber nichts im Wasser schwimmen. Auch zu hören war nichts außer dem brausenden Fjord und dem Wind in den Riggen. – »Wir müssen wenden!« sagte Lauris. – »Unmöglich«, meinte der Bootsführer, ihre Segel seien zerrissen und das Boot leck, sie könnten es kaum über Wasser halten, und nun hätten sie doch nur Nacht und Unwetter vor sich. Lauris packt die Ruderpinne, schießt das Boot in den Wind auf und brüllt – heiß wie Feuer durchzuckt es ihn, daß auch Odin es so gemacht hätte:

»Ree!«

Das Boot gehorchte, und die Mannschaft gehorchte, sie wendeten, daß das Wasser hoch über ihnen aufspritzte. Sie machten noch einen Schlag, mit flatternden Segeln und geringer Fahrt. Aber Odin blieb verschwunden. – »Dann halten wir auf die Haabergbucht zu«, sagte Lauris, »auf der Südseite finden wir heute abend keinen Hafen.« Sie ließen ihn, dem es am meisten nottat, in den Hafen zu kommen, befehlen.

Trotzdem wären sie nicht in die Bucht hineingelangt, hätte nicht schließlich der Wind so einigermaßen nachgelassen. Als der Anker Grund gefaßt hatte, ging Lauris in den Aufbau und machte dort Feuer. Dann entkleidete er sich vollkommen, wand seine Kleider aus und zog sie wieder an, und schüttete eine große Kanne mit kochend heißem Kaffeewasser hinunter. Noch während er dies tat, fragte er die anderen, wie sie ihn denn bemerkt hätten und warum sie um diese Zeit unterwegs gewesen seien. Sie erzählten, daß sie vorgehabt hätten, irgendwo in Luv einen Hafen zu suchen, noch lange, ehe sie hierhergekommen waren, als sie jedoch den Motor in Gang setzen wollten, um unter Land zu kommen, versagte er, und so mußten sie die Segel setzen. Der Wind nahm zu, und sie fuhren weiter, dachten an die Skarsbucht oder an die Haabergbucht, aber der Sturm war so heftig, daß es aussichtslos war, dorthin zu gelangen. Als sie im südlichen Teil des Fjords lagen und reffen wollten, hörten sie Notrufe in nächster Nähe.

Lauris sagte kein Wort. Dann erwachte er gleichsam, nahm Abschied und dankte und versprach, am nächsten Morgen, ehe sie fortfuhren, noch einmal herzuschauen, jetzt müsse er rasch heim. Er packte das Landtau und wollte das Boot näher ans Bollwerk heranziehen, aber in seinen Armen war keine Kraft, er mußte um Hilfe bitten.

Den Heimweg legte er in kleinen Sprüngen zurück. Er fühlte nach, ob er die Medizinflasche noch heil in der Tasche habe. Ja. Auch sie war gerettet. Ja. – »Du wirst sehen, die Astri wird wieder gesund!« murmelte er im Laufen vor sich hin. »Merkwürdig! Merkwürdig!«

Die Krankenschwester und die Magd waren in der Küche, Lauris aber achtete ihrer nicht, er ging in die Stube, stand dort einen Augenblick lang und trat dann in die Kammer. Astri wurde ein anderer Mensch, sobald sie ihn sah, sie sagte jedoch nichts, und auch er sprach kein Wort. Unbeweglich still lag sie da und sah ihn an, während er die Medizin herausholte und für sie einschenkte. – »Da!« sagte er. »Wohl nur Branntwein, aber nimm es nur. Wie geht es dir?«

»Aber daß du bei solchem Wetter kommst?« Sie ließ seinen Blick nicht mehr los.

Er richtete sich auf und sah sie offen an. Er nickte ernsthaft:

»Ja–a, ich bin durchweicht. Naß war's heute abend auf dem Meer draußen.«

Sie blinzelte mit den Augen, wie er es noch nie an ihr gesehen hatte. Da gab er sich nach:

»Und er – – er ist nicht mit heimgekommen, nein.«

Immer noch nahm sie den Blick nicht von ihm weg, aber doch sah sie ihn kaum.

»Wo sind sie denn, die Buben?« fragte er.

»Habt ihr – – ist das Boot gekentert?«

»Ja. Das ist es.«

»Und er wurde nicht gerettet?«

»Nein, er wurde nicht gerettet.«

Endlich ließ sie ihre Blicke von ihm abgleiten. Sie flatterten dahin und dorthin. Wie tief ihre Augen sein können, dachte er. Die Krankenschwester kam herein, und da ging Lauris fort, um sich umzuziehen. – »Ich glaube, es geht Euch jetzt besser?« sagte sie und fühlte Astri den Puls. Aber er war ebenso schlecht wie vorher.

Astri sah sie an, zog die Augenbrauen ein wenig hinauf und grübelte. Sie wollte irgend etwas sagen, ließ es aber sein. Nach einiger Zeit nahm sie die Hand der Krankenschwester und sah ihr wieder in die Augen. – »Wart Ihr drüben – beim Odin – – bei der Ingri, vorhin?« – Ja, sie käme jetzt von dort. Mit Ingri habe es wohl keine Gefahr mehr. Nur Ruhe, das sei das einzige, was sie brauche.

Astri legte ihr ganze Kraft in ihr Gesicht, dann sagte sie:

»Wenn sie nun aber erfährt – – daß der Odin nie mehr heimkommt?«

Schwester Else stand lange da, ehe sie sich gefaßt hatte. – »Das ist doch nicht wahr?« kam es, armselig und bittend. »Es ist doch nicht wahr?« Damit sank sie auf dem Stuhl zusammen, blieb schlaff sitzen und starrte Astri eine Weile an, drehte sich zur Stuhllehne herum und verbarg das Gesicht. Ihren Rücken durchlief ein leises Zucken. Astri nahm einen Schluck aus der Flasche. Ihr war, als erleichtere dies die Brust; jetzt konnte sie atmen, so einigermaßen. Sie wartete eine Zeitlang, ehe sie etwas sagte.

»Es trifft Sie, hinüberzugehen und es der Ingri zu sagen, hören Sie?«

Die andere fuhr auf und starrte sie mit großen Augen an, noch entsetzter: »Mich? Mich?«

»Ja, da hilft nun nichts«, sagte Astri. »Es ist niemand sonst da.« – »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« – »Es muß geschehen, jedenfalls morgen.« – »Ja, aber ich? Ich, die – – ich, die – –«

Sie brach wieder auf ihrem Stuhl zusammen. Jammerte laut.

»Wenn ich Euch doch nur erzählen könnte – – aber ich kann nicht. Denn der Odin – – ich wage nicht mehr, die Ingri zu sehen!«

Astri schwieg eine Weile. Ihre Stimme klang ungewöhnlich sanft, als sie wieder sprach.

»Ihr habt den Odin ein wenig zu gern gehabt, ja. Das tut nichts, Kind. Das ist mehreren so gegangen. Jetzt gilt es, an die Ingri zu denken.« Einige Zeit später fügte sie hinzu: »Der Anders und unsere Buben sind sicher unten und halten Ausschau nach dem Boot; sie sind den ganzen Abend unten gewesen.« Astri wollte noch etwas sagen, hatte jedoch keine Kraft mehr dazu; und jetzt kam der Lauris vom Dachboden herunter und trat wieder in die Kammer. Astri lag still da, mit starren Augen, vielleicht merkte sie, daß er da war, vielleicht auch nicht. Von Zeit zu Zeit netzte sie die Lippen mit der Zunge, sie waren so trocken. So still und nachdenklich und abwesend konnte sie manchmal sein, – Lauris stand da und wartete. Schwester Else zog sich ans Fenster zurück.

»Jetzt kommen sie wohl, die Buben?« sagte Astri auf einmal, sie sah unruhig von einem zum anderen. – »Ja, das waren sie – – jetzt wissen sie es bald! Ist der Anders bei ihnen, er auch? – ja!«

Die Krankenschwester stand da und biß sich auf die Lippe, damit ihr Mund nicht zittere; sie wandte den Blick nicht von Astri ab. – »Die Ingri sollte es heute abend nicht mehr erfahren«, brachte sie endlich heraus. – »Nein, das sollte sie nicht. Du sagst dem Anders nur, sie seien noch nicht heimgekommen und würden wohl auf der anderen Seite des Fjords übernachten.« Das Mädchen ging hinaus.

Astri bekam einen Anfall und konnte nicht atmen. Lauris gab ihr von der Medizin, und da ließ es sofort nach, aber er konnte hören, wie der Schleim in ihrer Brust röchelte.

»Bitte den Anders – – herzukommen!« flüsterte sie.

»Hm! Soll ich, meinst du?«

Sie nickte, und Lauris mußte fortgehen. Er traf ihn draußen auf der Küchentreppe. Einen Augenblick stand der Knabe unbeweglich still, versuchte wohl, in Lauris' Gesicht zu lesen; dann kam er und ging mit hinein. Die Laurisbuben sahen ihn an, als er durch die Küche ging, aber er beachtete sie nicht.

Ruhig und still trat er in die Kammer. Ein wenig bleich war er vielleicht. Astri streckte die Hand aus, und Anders kam näher und ergriff sie. Es zuckte ein paarmal auf seiner Stirn, als er Astri in die Augen sah, so wie es auch bei Odin oft gewesen war, und es dünkte sie, er sehe sie auch mit den gleichen Augen an, sie lagen so überaus stark und voller Jugend unter den hohen und kräftigen Brauen, spiegelten alles wider, was sie sahen.

»Du weißt es vielleicht?« sagte Astri.

Es überlief ihn ein leises Zucken, in der Hand und im Gesicht, oder vielleicht war es mehr wie ein Ruck, wenn ein großer Kerl von hoch oben herunterspringt und zu stehen kommt, so schien es Astri. Jetzt durchfährt es ihn hart, so daß das Gesicht ärmlich und wehrlos wird, – dann zieht er seine Hand zurück und blickt feindselig um sich, bleibt stehen und starrt Lauris an.

Lauris ist rotbraun vom Wetter draußen, ein Seehund mit einem Kupfergesicht.

Anders dreht sich wieder zu Astri herum. Sie erzählt ihm, so gut sie vermag, daß das Boot gekentert sei, daß Lauris wie durch ein Wunder gerettet worden sei und daß er, Anders, nun stark sein müsse und der Mutter zunächst noch nichts erzählen dürfe, daß er noch ein oder zwei Tage warten müsse, bis sie kräftig genug sei. – »Du hörst den Sturm«, sagte sie. »Ich glaube fast, ich wußte es schon, ehe sie fortfuhren.«

Er sah weg, während sie redete, dann aber nahm er sich noch einmal zusammen und schaute ihr ins Gesicht. Es war so hoch über allem, was er wußte, dieses Antlitz, und als er ihre Tränen gewahr wurde, wandte er sich ab und ging. Er hörte, wie die Buben in den Dachraum hinaufstiegen, ehe er wieder durch die Stube und in die Küche kam; sie wollten ihm nicht gerade jetzt begegnen.

Astri sagte, Schwester Else könne gehen und sich schlafen legen und die kleine Aashild mit sich nehmen, dann bleibe Lauris bei ihr in der Kammer. Er saß im Armstuhl, im Stuhl des alten Anders, und hielt sich wach. Auch Astri schlief nicht, hatte wenig oder gar nicht geschlafen, seit sie krank war. Manchmal lag sie da und sah mit brennenden Augen zur Decke hinauf, manchmal schloß sie die Augen wieder.

Der Sturm lärmte ums Haus, dann und wann packte er an und rüttelte es. Weiter draußen mahlte er, gleichmäßig und singend, Berge und Äcker und Meer in eins zusammen zu einem großen Ton, der die ganze Nacht hindurch Himmel und Erde erfüllte. Er wurde zur tiefsten Stille, wenn man nicht darauf lauschte. Und jetzt war der Anders wohl schon seit langer Zeit daheim.

Spät in der Nacht sagte Astri:

»Jetzt mußt du es mir erzählen, Lauris.«

»Ja, das will ich gerne.«

Wie ein Verurteilter kam er herbei und setzte sich auf den Bettrand. Sie sah ihn nicht an.

»War es denn unmöglich, daß alle beide gerettet wurden?« fragte sie, als eine Weile verstrichen war.

»Unmöglich, ja.«

»Und dann –?«

»Ja, dann – –«

»– – dann ließ er wohl los?«

»Ja. Das tat er. Und dann wurde ich gerettet. Es kam ein großes Boot.«

»Und dann wurdest du gerettet, ja.«

Einige Zeit später sagte sie:

»Du brauchst es dir nicht zu Herzen zu nehmen, wenn du ihm nicht gewachsen warst.«

»Ach nein.« Er hob den Blick, atmete ein paarmal schwer auf und sank wieder zusammen. »Ach nein, du hast recht. Ich habe mir nie – – etwas anderes erwartet. Er schenkte mir das Leben. Und ich nahm es an. Zu mehr taugte ich nicht, nein.«

Da ergriff sie seine Hand. Das Fieber brauste ihr in den Ohren, sie wußte zunächst wenig von sich. Dann fing es wieder an, in ihrer Brust zu röcheln und ihr den Atem zu beklemmen. Lauris mußte aufstehen und ihr etwas aus der Flasche geben. Sie lag im Fieber da und redete leise mit sich selber, aber nicht lange darauf kam sie zu sich und wurde wieder frischer. Da sagte sie mit einem lauten Stöhnen, hob den einen Arm und ließ ihn wieder fallen:

»Das ist eine schwere Last, die er uns da zum Schluß noch auferlegt hat.«

Aber es klang auch jetzt nicht mutlos. Nach und nach leuchtete neues Leben in ihren Augen auf, und ihre Gesichtszüge schienen jung und unbezwinglich.

»Von nun an wird alles anders werden, ja«, sagte Lauris, er saß da und biß die Zähne zusammen.

»Aber der Anders, hast du ihn gesehen?«

»Ich habe ihn die ganze Zeit gesehen«, seufzte Lauris. »Wenn er nur die erste Nacht darüber hinschlafen könnte!«

»Wenn wir ihn nur morgen fänden, den Odin, meine ich. Er schwamm auf den Rudern, als ich ihn zuletzt sah. Schwamm auf den Rudern – es war noch Leben in ihm.«

»Ja, ja. So trug es sich also zu?« – Diese Worte waren wohl nicht so sehr an Lauris gerichtet. »Weiter kann es wohl keiner bringen.«

2

Anders versuchte mit ruhigen Schritten heimzugehen, aber die Windstöße waren so hart und rissen einen mit sich, daß man streckenweise springen mußte. Ingri saß im Bett und hörte ihn kommen. Sie rief ihm und sagte, er solle noch in die Kammer zu ihr schauen. Er sah aus, als plage sie ihn nur.

»Du hast nichts vom Boot gesehen, nicht wahr?«

»Bei dem Wetter? Du bist wohl nicht recht bei Trost!«

»Ich glaube, er kommt doch noch. Ich hörte ihn vorhin so deutlich, habe ihn noch nie so deutlich gehört.«

»Aberglaube!« sagte Anders; er versuchte sogar zu lachen.

Ingri zog sich in sich selber zurück, verschloß sich und fiel in Gedanken, wie sie es häufig tat. Ein paarmal schüttelte sie den Kopf; die Lippen bewegten sich, als rede sie. Jetzt ist sie dort, wo sie zu sein pflegt, dachte Anders. In solchen Augenblicken wandte er sich meistens von ihr ab und ging, ein wenig rasch manchmal. Jetzt blieb er stehen. Da auf einmal tat er einen Schritt vorwärts, der Mund öffnete sich und wollte reden. Beide Wangen waren starr und bleich. Er legte nur die Hand auf ihre Schulter:

»Gute Nacht nun, Mutter!«

Dann ging er.

»Und die Astri, zu der heute abend der Doktor nicht mehr kam«, sagte sie hinter ihm drein.

»Ach, die – – «

Am Tag darauf herrschte noch der gleiche Sturm. Er drehte mehr nach Süden, im Lauf des Tages, und der ganze Himmel sah drohend nach Regen aus. Am Abend brach er auch schon los, und da ließ der Sturm ein wenig nach, so daß man hören konnte, wie das Meer donnerte.

Anders hegte nur die eine Angst, daß das Wetter nachlassen könnte, solange noch Tageslicht war. Ein ums andere Mal fragte die Mutter, ob das Wetter denn nicht bald besser sei, so daß man über den Fjord fahren könne. – »Nein, damit sieht es noch schlecht aus.« – »Hast du denn nicht nach Omunstranda telephoniert?« – »Das haben sie bei Lauris schon getan.« – » Waren sie dort?« – »Ja, freilich!« – »Warum haben sie denn heimwärts nicht den Dampfer genommen?« wunderte sie sich.

Anders traten die hellen Schweißtropfen auf die Stirn. – »Den Dampfer? Bei solchem Wetter geht doch wohl kein Dampfer?« – »Nein, du hast recht.« – »Jetzt sollst du dich nicht mehr beunruhigen«, ermahnte er sie; »denke daran, was der Vater dir gesagt hat.«

Sie lächelte und schloß die Augen; sie wollte folgsam sein.

Früh am Morgen darauf kam er zu ihr herunter. Sie hatte beinahe die ganze Nacht geschlafen und erwachte auch jetzt nicht, als er hereinkam; sie wachte erst auf, als er eine gute Zeit dagesessen hatte. – »Ich wußte doch, daß du hier seist«, sagte sie. Und nach und nach wurde sie graubleich im Gesicht.

»Jetzt sollst du mir sagen, wie es ist, Anders! Hörst du nicht, Anders – – du bist so seltsam?«

»Ja, er kommt nicht mehr heim. Das Boot ist gekentert.«

»Ich wußte doch, daß es so war. Wußte es schon gestern. Wollte es nur nicht wissen.«

Anders stand mit den Händen in den Taschen da. Er sah sie immer mehr und mehr erstaunt an.

»Und der Lauris auch?« fragte sie, als eine Weile verstrichen war.

»Nein, er wurde gerettet. Er ist jetzt daheim.«

Sie saß still im Bett. – Entweder hat sie alles vergessen, dachte Anders, oder ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus. Lange danach sagte sie zu sich selber:

»Wir lebten doch länger miteinander – – als ich erwartet hatte.«

Anders ging hinaus, und Ingri stand auf und zog sich an. Noch ehe es hell war, ging sie zu dem anderen Hof hinüber und zu Astri hinein. Beinahe wollte ihr schwindelig werden, als sie in der Kammertüre stand.

»Ich habe dich erwartet«, sagte Astri. »Gott sei Dank, daß du kommst!«

Sie waren allein, aber sie sagten nicht viel. – »Laß mich nur eine Weile hier sitzen«, bat Ingri. Als sie aufstand und wieder gehen wollte, sagte Astri:

»Der Odin wird für dich nie verloren sein. Vielleicht auch nicht für die anderen, so bald.«

Ingri lächelte nur.

»Du hättest wohl kaum mit mir tauschen mögen, Ingri. Hättest nicht gewollt, daß er wiederkam, und – –«

»Nein, nein, nein!« Ingri wehrte mit den Händen ab und tastete zur Türe zurück.

»Ja, einer von ihnen mußte es sein, Ingri. Und jetzt weißt du, daß der Odin den Sieg gewann – – er ließ los.«

Ingri rannen ein paar Tränen über die Wangen, aber sie stand ruhig da und merkte es nicht.

»Es war wohl so«, versuchte Astri zu erklären, »war wohl so gemeint, daß in unserer Sippe wieder ein Sieger sein sollte. Es gab wohl viele früher, aber die – – zähle ich nicht mit. Ein Mann über allen anderen.«

Jetzt war Ingri weit weg, das sah Astri. Und wenn einer dort war, konnte man wohl stark sein, sie hatte eine ganz leise Ahnung davon. Eine Weile später sagte sie vor sich hin:

»Vielleicht sah das Leben in der letzten Stunde so für ihn aus, daß es nicht so kostbar war, es wegzuwerfen. Es ist doch armselig und trostlos, finde ich manchmal – so hat er es wohl auch gesehen. Daß wir nur lauter kleine Leute sind, rings um ihn? Daß er sein Teil geschafft hat, will ich lieber sagen. Denn du weißt: Von dir ging er nicht fort, wie auch alles sein mag.«

Sie sah Ingri lange an, die dastand und ihr halb zulächelte, und blickte dann zum Fenster hinüber.

»Ja, ja, ja, wahrlich. Es wird anders, gar vieles, von nun an. Umsonst ist es nicht, daß ich den Lauris wiederbekam – umsonst ist es nicht, daß der Odin losgelassen hat. Ich glaube, er wußte das.«

Einen Augenblick sah sie, daß Ingri nahe daran war, zu ihr zu kommen, beim Bett niederzufallen und dazuliegen und zu weinen. Statt dessen aber sagte sie nur:

»Ich muß jetzt heim. Ich mußte nur hierhersehen. Lebewohl!«

»Möge Gott uns beistehen!« sagte Astri vor sich hin. »Aber gab es denn keinen anderen Ausweg? Wächst denn nie etwas Neues aus einem Geschlecht?«

– – – Lauris und die Buben waren draußen und suchten. Das Boot fanden sie am Juwikstrand, es war dort an Land gezogen worden und ziemlich unbeschädigt. Zwei Männer von Juwika setzten ein Boot aus und kamen mit ihnen. Sie fuhren am ganzen Ufer entlang, aber hier war nichts mehr zu finden. Dann ruderten sie mit einem Dregganker in den Fjord hinaus. Es war vollkommen still, so blank, wie das Meer nur irgend sein kann, und eine Zeitlang spiegelten sich die Felswände ganz lebendig schwarz und grau im Wasser. – Sie suchten den ganzen Tag. Lauris sagte kaum ein Wort, außer dem, was gesagt werden mußte. Gegen Abend, als der Fjord fahl wurde und nur noch den Himmel widerspiegelte, der leuchtend bleich war, fanden sie ihn. Er lag auf dem felsigen Grund vor dem Schwarzfelsen. Auf einer Seite hatte er die Ruder verloren. – »Man sollte nicht glauben, daß das hier eine Leiche ist«, sagte Lauris, und das gleiche meinten die anderen.

Es war dunkel, als sie mit der Leiche nach Vaagen kamen. Anders begegnete ihnen beim Hof. Er holte ein Licht aus dem Haus und zeigte ihnen den Weg zur Scheune. Dort hatte er aufgeräumt, das konnte man sehen. Ruhig beleuchtete er das Gesicht des Vaters. Dann drehte er sich zu Lauris um:

Man müsse jetzt wohl zum Pfarrer und zum Lensmann schicken? Und zur ganzen Behörde? – »Das will ich übernehmen«, sagte Lauris. Er war der letzte, der von dem Toten wegging.

Später am Abend stand Anders mit Ingri in der Scheune drüben, er war irgendwo abseits gewesen und hatte geweint, das konnte sie sehen, aber jetzt standen sie nebeneinander da und schwiegen, und es rührte sich kein Zug in ihren Gesichtern. Dann sagte Ingri, nun müßten sie wieder hineingehen. – Ja, sie müßten nun gehen, sagte er, ging jedoch nicht. Eine gute Weile stand er noch da; dann drehte er sich zur Mutter herum, ein erwachsener und nachdenklicher Mensch.

»Ich begreife das nicht. Daß der Lauris gerettet werden sollte. Hat er denn das verdient

Ingri war kaum imstande, etwas zu sagen, sie mußte sich an die Wand lehnen.

»Hat er denn das verdient, frage ich?«

»Das fand er wohl, dein Vater.«

»Ja, so. Ja, so, ist es so? Ich dachte mir's übrigens. Ja, dann – – ist nichts mehr darüber zu sagen.«

Er wandte sich ab und ging. – »Das mußte – – schwer sein!« hörte sie ihn murmeln. Immer und immer wieder war er nahe daran, von ihr wegzugehen, konnte sich wohl kaum mehr lange halten, aber er blieb stehen und wartete auf sie und ging mit ihr ins Haus hinein. Kam dann mit ihr in den Stall hinüber und half ihr bei der Arbeit dort.

Als sie aus dem Stall kamen, begegneten sie Lauris. Sie blieben alle drei stehen. – »Mich dünkte, ich müsse hierherschauen«, sagte er. »Ich wußte ja nicht, ob ich es sollte, aber –. Du siehst mich so an, Anders.« – »Ja, das tu ich.«

– »Ach ja, das wundert mich nicht. Ihr wißt alles, das merke ich. So brauche ich nichts mehr darüber zu sagen. Vielleicht später einmal – –«

Sie gingen ins Haus, und er folgte ihnen in die Küche, setzte sich auf die Holzkiste dort. – »Es mag wohl nicht lustig für euch sein, mich zu sehen«, sagte er. »Aber ich versprach dem Odin, euch zu grüßen. Das mußte ich also tun. Und mit dir, Ingri, hätte ich noch mehr zu reden. Vielleicht wird das die Astri übernehmen müssen. Ich tauge nicht zum Reden, wenn geredet werden muß. Wir haben gedacht, euch nach besten Kräften zu helfen, jetzt vor dem Leichenbegängnis, aber das war es nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Nein«, – er sah auf die Uhr – »ich kann ebensogut gleich wieder heimgehen. Eines begreifst du vielleicht – daß es auch nicht so ganz leicht ist, an meiner Stelle zu sein. Könnte ich doch das ungeschehen machen, was ungeschehen sein sollte, und das ungesagt, was ungesagt hätte bleiben müssen. Nein, nein, gute Nacht also!« – Er griff nach seiner Mütze und ging zur Tür.

Anders trat in die Stube. Da richtete Ingri sich von ihrer Arbeit auf und ging auf Lauris zu. Sie war bebend bleich und streckte ihm die Hand hin, ihre Finger lagen brennend über seiner Hand.

»Ich danke dir, daß du hierherkamst!« sagte sie.

In diesem Augenblick trat jemand in den Gang. Es war ihr Vater, der zu ihr kam, er hatte von dem Unglück gehört.

3

Die Nachricht wanderte von Haus zu Haus. Jeder Winkel lebte auf, erwachte, wurde gerührt und nahm teil, bis die Gemeinde ein neues Gesicht erhalten hatte. Zug für Zug zeigte sich und wechselte, vom Durchschauern über das unheimliche Geschehnis, durch Erleichterung und Ungewißheit und Trauer und vieles andere bis zu der erstaunten Feierlichkeit, die alle umfängt, alle in einem Gedanken.

Nach und nach gewann der Gedanke neue und feste Form und löste sich in Worten aus. Das Leichenbegängnis. Das mußte groß werden. Dies war eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde. Bauer oder Arbeiter, das war jetzt ganz gleich, und war es dies nicht im Grunde die ganze Zeit gewesen, solange Odin lebte?

Als sie zu Ingri kamen, um darüber zu sprechen, arbeitete sie sich rasch aus ihrem Traum heraus und ihnen entgegen. Schnell ließ sie ihre Blicke über sie hingleiten, blieb dann stehen und biß sich auf die Lippe. – »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Muß erst hören, was der Anders dazu meint.« Sie ging von ihnen fort und suchte ihn.

»Ja?« sagte er. »Ist das etwa zuviel?«

»Nein, aber –. Es kommt mir so seltsam vor. Daß sie das wirklich wollen? Nach all dem übrigen?«

»Laß sie tun, was ihnen gefällt – – wozu sind sie sonst da? Sie meinen es ja gut.«

Sie mußte lächeln, denn er war so herrlich haßerfüllt, wie er so dastand. Er hatte die Leute seit langer Zeit erkannt: sie konnten nicht anders sein. Vielleicht mochte er sie gerne, im Innersten, so wie Odin dies getan hatte?

Astri war unerwartet rasch gesund geworden. Bleich war sie noch und taugte noch wenig, aber das merkte sie nicht, und ehe die anderen sich's versahen, war sie fort und ging zu Ingri hinüber. Sie gingen in die Scheune und sahen die Leiche an, und dann saß sie noch lange drin in der Stube. Das, worüber sie hätten sprechen sollen, ließen sie unberührt; sie redeten vom Leichenbegängnis. Astri schlug vor, es auf ihrem Hof zu feiern, denn dort war Raum genug, für die ganze Gemeinde, und die war diesmal wohl nicht zu umgehen. – »Wenn es dir nicht wehtut?« fügte sie hinzu. – »Ach nein«, sagte Ingri. »Dazu gehört mehr als das, jetzt.« – »Du mußt nicht meinen, daß ich die Leute zu uns ziehen will«, sagte Astri. »Herr, mein Gott, das liegt nun so weit hinter uns. Ein alter Traum nur. Aber du, Ingri, du verstehst mich: erst jetzt kommt seine Zeit. Wir haben uns ergeben, es soll wie ein kleines Zeichen dafür sein. Ja, ja, ich kann es nicht anders sagen, aber du verstehst mich, nicht wahr? – Ach ja, wenn ich nur erreiche, daß der Anders es auch versteht.«

Ingri saß da, als höre sie nicht zu. Nur über die Wangen lief dann und wann ein leiser Hauch von Röte. Sie stand auf, ging einmal durch die Stube, trat wieder zu Astri hin, und auf einmal legte sie ihr die Hand aufs Haar. Sie leuchtete über das ganze Gesicht. Die Stimme klang bebend hell und ganz fern:

» Jetzt ist der Lauris wohl ein anderer Mann, Astri?«

Astri erbleichte. Sie vermochte kaum sitzenzubleiben. Einen Augenblick lang zuckte der Groll in ihr auf, aber sie gab ihm nicht nach, sie sank auf dem Stuhl zusammen und sah zu Ingri auf.

»Er ist es«, sagte sie still. »Ein anderer Mann, ja. So wahr, wie ich ein anderer Mensch bin.«

Und das sah man dem Lauris an, fanden die Leute. Er ging still umher, wie er immer getan hatte, aber er war anders, wenn er einen ansah, und anders, wenn er redete; er war ein anderer Mann. Und das war gut so, fanden die Leute, denn sie konnten nicht leugnen, daß er ein hinterlistiger und finsterer Bursche gewesen war. Astri konnte froh sein, daß ihre Buben so wenig vom Lauris hatten. Es mußte wohl so sein, wie Odin immer gesagt hatte, daß auch in Lauris etwas Gutes steckte. – »Ja, die Menschen werden zahm«, sagte der alte Iver Vennestad, als er die Leute darüber reden hörte. Den Rest murmelte er nur, er murmelte und murrte fast den ganzen Tag, seitdem er von dem Unglück gehört hatte. – »Wer weiß, wie lange es anhält«, konnten sie ihn manchmal sagen hören. »Zucht und Zähmung!« brummte er, er hatte als junger Mensch Pferde gezähmt.

Astri kam vor dem Leichenbegängnis jeden Tag einen Sprung zu Ingri hinüber. Eines Abends, sie stand gerade da und war im Begriff heimzugehen, sagte sie: »Du hast von Lauris gesprochen. Jetzt haben wir bald das Leichenbegängnis. Da wird er aufstehen und erzählen – ich glaube, er wird alles erzählen, vom Anfang bis zum Ende. Bis dorthin, wo Odin ihm das Leben schenkte, ja.«

»Nein, nein, nein, Astri!« rief Ingri. »Nein, das darf nicht geschehen, hörst du!«

»Ja, sagst auch du das? Ich habe das gleiche gedacht, aber er fand, er müsse es tun?«

»Der Odin hätte das nie geduldet – – und der Anders – er wird mitten dreinfahren, ich fühle das!«

»Du hast recht, ja«, sagte Astri vor sich hin. – »Wir haben übrigens heute abend noch einen schwereren Gang vor uns.«

Als Astri heimkam, ließ sie Lauris holen und bat ihn zu sich in die Kammer herein. Sie sah sofort, daß er wußte, was sie wollte. – Nun sei es wohl an der Zeit, daß sie sich auf den Weg machten? – meinte sie. – Ja, wolle sie denn mitkommen? – Sie fand, daß sie dies tun müsse, ja. Sie seien zu zweit in dieser Sache, er habe doch das Geld abgeholt? – Ja, er hatte es bereitliegen; mit Zinsen und allem, ja. Er habe auch gleichzeitig Engelberts Schuld bezahlt; dies sei also geschehen.

Sie zogen sich an und fuhren fort. Sie nahmen den Wagen und saßen nebeneinander wie zwei alte Leute. Sie fuhren fast den ganzen Weg nach Engdalen im Schritt, durch die ganze Gemeinde. – »Ich glaube, sie wissen, was wir vorhaben, alle, denen wir begegnen«, sagte Astri. »Sie sehen so aus.« – »Ach ja. Und wenn sie es nicht wissen, so werden sie es zu wissen bekommen.« – »Wenn wir doch wenigstens nicht gerade dorthin müßten.« – »Wenn wir nur überhaupt nicht müßten, das ist es. Aber es geht, es geht! wie der Odin sagt, – wie er sagte, meine ich.«

Ola Engdalen war Vorsitzender in der Leitung des Altersheims, so daß er es war, der das Geld in Empfang nehmen mußte. Er hatte sein Leben lang so merkwürdig von Lauris zu Astri hinübergesehen, ihr war gar manches Mal gewesen, als schüttle er den Kopf, und dies hatte sie gezwungen, über ihn hinwegzusehen. Da lächelte er in seinen dunklen Bart hinein. Aber im Grund steckte seine Frau dahinter, denn sie war eine Doktorstochter und hielt sich für besser als alle anderen in der Gemeinde; und gegen Astri war sie stets ein wenig zu freundlich gewesen, von oben her gleichsam, mit schmalen Augen, und doch war sie nicht größer gewesen, als daß alles, was zu ihr kam, in die ganze Gemeinde hinausdrang.

Und die Gemeinde bereitete sich zur Feier vor. Es war ein großes Zeichen, daß sie Schnee bekamen. Eines Abends fiel er vom Himmel, so bebend fein und dicht, die ganze Luft war von weißer Herrlichkeit erfüllt, und am Tag darauf war die schönste Fahrbahn und unerwartet gutes Wetter.

Aber Odin wurde doch nicht von Haaberg aus hinausgesungen. Es war die Gemeinde, die das Leichenbegängnis feierte, und sie mußte es im Haus der Jugendvereinigung abhalten. Dies war sozusagen sein Haus gewesen, und er selber war ja auch die reine Jugend gewesen, hatte sich nie zu etwas anderem gerechnet, dort gehörte er also hin. Aber die Älteren sollten es sein, die ihn zu Grabe trugen.

Man kam zu Lauris und forderte ihn dazu auf. Er sagte nein. Astri nahm ihn sich unter vier Augen vor – ob er denn wirklich zu nichts mehr tauge? Im Grunde sei er doch ein Freund und nicht ein Feind gewesen. Lauris blinzelte trocken und müde. – »Ich tauge nicht dazu, Astri. Ich bin nicht der, der du geglaubt hast, nein.« – »Ich wundere mich nicht über dich«, sagte sie. Aber in der Tür wandte sie sich um und sah ihn an; dann ging sie fort, ohne noch ein Wort zu sagen. Lauris kam ihr nach und sagte schließlich, er müsse es wohl trotzdem tun.

Am Tag vor dem Leichenbegängnis blieben die Leute auf dem Weg stehen und staunten. So gut war das Wetter. Es war ganz still, nicht eine Feder rührte sich, blinkendes Meer und sanftblauer Himmel und unberührter Neuschnee auf allen Bergen und Wäldern und ringsum auf dem ganzen Land; so tief hatte der Himmel noch nie darüber geblaut. Und ebenso spiegelte er sich in den Augen der Menschen, so tief und zugleich so hell, sie wußten es selber nicht. Anders war der einzige, der es sah. Er betrachtete sie alle, denen er begegnete, still und mit kleinen Augen. – Sie bereiten sich zum Feiertag vor, sagte er vor sich hin.

Als aber die Leute am Tag des Leichenbegängnisses erwachten, waren Himmel und Erde ein einziges Schneetreiben. Weißestes und blindestes Gestöber empfing sie. Da lächelte Anders, von der Mutter zu Astri und zu den anderen, die noch da waren. – »Was sagst du dazu, Anders?« – Es war Astri, die fragte. – »Laßt es blasen, sage ich.« Sie stutzten zuerst, so, wie sie bei dem Wetter draußen gestutzt hatten; dann aber entspannten sich ihre Gesichter, und ein Lächeln leuchtete darüber hin, auch bei ihnen, denn sie fühlten es so, wie er es fühlte, daß es heute so sein mußte: Nur jene, die es dazu drängte, sollten kommen und Odin geleiten.

Sie kamen und kamen, gefahren und gegangen, von Osten und von Westen, sie kämpften sich vorwärts und strömten herbei, so daß das Haus zu klein wurde. – »Ich wußte, daß sie kommen würden«, sagte Astri zu Ingri. Sie gingen Arm in Arm vor und setzten sich.

Der Pfarrer sprach, und der Lensmann legte die ersten Kränze nieder, dann traten die anderen vor, Mann für Mann, und ein jeder wollte ein paar Worte sagen. Der Sarg wurde von den Kränzen ganz zugedeckt, und trotzdem gab es immer noch viele. – Nur gut, daß die Leute nicht noch dicker auftragen, dachte Anders. Sie sehen wahrlich so aus, als ob sie das meinten, was sie sagen.

Die Kirchenglocke kämpfte einen hoffnungslosen Kampf gegen Wind und Schneetreiben. Manchmal war sie erstickt und nicht mehr zu hören, aber immer und immer drang sie wieder durch und sang über das lange weißgraue Gefolge hin, es klang, als öffneten sich ihr neue Pforten, es mußte heraus, alles, was sie bezeugte.

Anders stand still und verschlossen da und starrte ins Grab hinab. Von Zeit zu Zeit lehnte sich die Mutter schwer auf seinen Arm. Astri brach in Tränen aus und mußte sich auf Ingri stützen, die ihr am nächsten stand, aber sie richtete sich bald wieder auf. Lauris stand ein Stück weiter hinten. Er trat fortwährend von einem Fuß auf den anderen, aber bis zum Grab vor kam er nicht. Einer der letzten war Iver Vennestad. Zerzaust und verwittert arbeitete er sich vor, nahm die Mütze ab, blieb stehen und versank in Gedanken, während der Schnee ihm auf Gesicht und Bart schmolz und in Tropfen herablief. Dann bewegte er die Lippen; er sagte etwas. Aber nur Anders stand so nahe, daß er es hören konnte. Mit alter, dünner Stimme sagte er:

»Ruhe in Frieden!«

Er war der letzte, der das Grab verließ. Im Fortgehen stieß er mit der Fußspitze einen Erdklumpen, der übriggeblieben war, zu dem zugeschaufelten Grab hin.

Die anderen waren schon weit voraus. Das Wetter nahm sie mit sich, dünkte es Anders. Der Gemeinderat, die Fabrikarbeiter und alle Vereine, die es in der Gemeinde gab, hatten sich zusammengetan und feierten das Begräbnis im Haus der Jugendvereinigung; dort stand das Mittagessen schon bereit und wartete. Astri sagte zu Ingri: »Bist du stark genug, um mitzukommen, glaubst du?« – »Ich muß es wohl sein«, erwiderte diese. »Ich hab' nie etwas anderes gehört, als daß er stark genug war. Und dann habe ich ja – – alles vorausgewußt. Von Anfang an. Daß ich ihn verlieren würde, meine ich.«

Das Haus war voll langer Eßtische und eßlustiger Menschen.

Und die Leute redeten, und die Leute aßen, und das Wetter toste rings um das Gebäude. Anders ging von seinem Platz neben der Mutter oben weg und zwängte sich am unteren Tischende zwischen Per, seinem Bruder, und die Laurisbuben hinein. Er merkte, daß die Leute ihm nachsahen und daß dies der Mutter weh tat, aber er konnte es nicht anders aushalten.– »Ich wollte nicht dort wie ein Bräutigam sitzen«, sagte er; »es ist doch keine Hochzeit, oder? Oder vielleicht ist es doch eine, es sieht mir beinahe so aus. Fehlt nur noch, daß sie wieder Reden halten.«

Nicht lange danach stand ein Mann auf und ergriff das Wort. Es war der Bürgermeister aus der Nachbargemeinde, ein großer und stattlicher alter Kerl. Es sei ihm nicht möglich gewesen, an der Bahre viele Worte zu sprechen, er wollte nur hier sagen, was ihm am Herzen läge. Allmählich brachte er eine schöne Rede zustande; nur wenige saßen mit trockenen Augen da.

Anders wurde bleich, einen Augenblick lang, er stemmte den Messergriff hart auf die Tischplatte, wollte schon aufstehen und sich hinausschleichen. Da sieht Per ihm ins Gesicht und fragt: »Schmeckt dir das Essen nicht, Anders?« – Anders schaut groß und forschend alle rings am Tisch an, nimmt dann den Blick wieder an sich und sagt: »Es scheint, daß ihnen das Essen schmeckt, den Leuten«, – sein Mund ist schief, und auf der Stirne zuckt es. Eine Weile sitzt er still da und hört zu, und nach und nach hat er wieder die gleichen Züge; er murmelt, über seinen Teller gebeugt: Eine neue Zeit, sagt er? Soll jetzt wieder eine neue Zeit kommen? Eine neue Ansicht, sagt er, eine neue Welt – das ist nicht wenig. Neue Geschlechter? Was ist das? Neue Geschlechter hat es wohl auch früher gegeben. Und dann das Lebenswerk des Vaters, ja, ich habe ja darauf gewartet. Was reden sie da für dummes Zeug – was wissen die darüber? Er sah wieder auf, über den ganzen Tisch hin. Die Leute bis auf den Letzten waren ergriffen, ehrliche Gesichter überall. So sind sie heute, dachte er. Aber er mußte bis zum obersten Tischende hinaufschauen, ehe seine Augen einen festen Halt fanden. Die Mutter versuchte wohl, ihm zuzulächeln, aber sie war nicht imstande dazu. Astri sah ihn an und hob die Brauen, öffnete ihm ihr Antlitz, so dünkte ihn, sie verstand ihn und hielt zu ihm. Lauris sah ihn nur an, aber es fehlte nicht viel, so wäre Anders aufgestanden und hätte ihm die Hand gegeben; er hätte ihn wohl am liebsten gebeten, trotz allem noch ein wenig zu essen.

Da sah er, daß die Mutter es nicht mehr lange ertragen würde, hier zu sitzen. Er ging rasch zu ihr hin, half ihr das Haus zu verlassen und ging mit ihr heim. – »Nein, du mußt dich festhalten an mir, sonst nimmt dich der Wind mit«, sagte er.

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