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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Erstes Buch. Das Abenteuerland

Sommerabend

1

Es war ein leuchtender Sommerabend, Glockenklang von den Wiesen und summende Mücken um die Ohren, und die beiden, die sich auf dem Weg zum Kjelvik-Sattel hinauf befanden, gingen langsam und feierlich, gleichsam als sei das Wetter zu schön zum Gehen, als müßte man weit eher sich hinsetzen und sich feiertäglich ruhig verhalten.

Alles lag wie in Sonne gebadet da, die Laubhänge, das Moor und alle Felsen. Der Birkenwald duftete, daß es einem die Brust bedrückte, und der Glanz des Laubes stand dicht und weich vor den Blicken, in Jugend und Übermut; und das Moor auf der andern Seite griff nach einem, es blühte so braun und wellig und dampfte nach Westen zu weißblau über den kleinen Seen und den Talsenkungen, heute abend hielt es Hochzeit. Über allem miteinander aber standen die Berge: standen in der Abendsonne da, so moosbraun und steingrau wie sie waren, lächelten über die ganze Gegend hin und bis zum Meer hinaus.

»Und dort geht Elen Vennestad mit ihrem Jungen«, sagten die Leute. »Armer Kerl«, sagten sie und meinten dabei vielleicht sowohl den Kleinen wie sie. Elen fühlte, daß sie das sagten, genau so wie sie den schönen Abend fühlte und alles, was rings um sie war.

Die Sonnenstrahlen wurden länger und länger und weicher und reicher, und die Mücken legten einen neuen und heißen Ton in ihren Gesang, so schwirrend und dicht über einem, daß er sich mit den Sonnenstrahlen verband und daß man glaubte, man höre diese singen. In dieses Summen mischten sich die Glocken der Schafherden, nur mit einem tieferen Zittern, als kämen sie von größeren Strahlen irgendwo oben im Blau.

»An was denkst du, Odin?« fragte die Mutter.

Sie fühlte einen leisen erwachenden Druck an der Hand; es war so ungewohnt, daß sie ihn nach etwas fragte.

»Daß ich erst sieben Jahre alt bin«, antwortete er, als eine Weile verstrichen war.

Die Worte kamen hell und mutig, aber sie legten einen Schatten auf ihr Gesicht. Er mußte das gemerkt haben, denn jetzt streckte er sich und lachte und wollte es wieder gutmachen: Jetzt käme er ja hinaus, solle sich sozusagen verdingen, jetzt sollten die in Kjelvika einen Hüterbuben bekommen! Jawohl.

Und nun waren sie am höchsten Punkt angelangt, oben auf Langbrekka, und der Himmel öffnete sich vor ihnen so weit, daß es ihnen fast den Atem raubte, sie gingen und gingen, doch das Land vor ihnen wollte nicht auftauchen, nur der blaue Himmelsgrund war zu sehen. Dann endlich blaute es empor, das flache Ufer auf der Nordseite des Folla-Fjords, weit draußen und tief drunten, und da war der Fjord selber und blickte ihnen mit seinem großen bleichglänzenden Gesicht entgegen, und unter dem diesseitigen Ufer spiegelte das Wasser tiefschwarze blanke Schatten herauf.

»Nein, schau doch!« rief der Knabe. Sie waren stehengeblieben. Sein ganzes Gesicht zeigte ein einziges Erstaunen, mit großen Augen und offenem Mund stand er da, mußte ein paarmal tief Atem holen. Dann sah er forschend seiner Mutter ins Gesicht: »Schau doch, Mutter! Wie das aussieht!«

Sie war hell und mild, wie er sie stets gekannt hatte, und ihre Augen blickten so ruhig und schwer, schienen sich von nichts binden zu lassen; so war auch die Großmutter Aasel auf Haaberg. – »Ja«, sagte sie bloß. Sie erfaßte wieder seine Hand, ohne hinzusehen, streckte die ihre nur aus und fand die seine.

Jetzt bogen sie nach Westen ab, den Höhen entlang. Der Weg war hier nur noch ein schmaler Steig. – »Wohnen auf dieser Seite keine Roßbauern, Mutter?« Eine Antwort erwartete er sich übrigens nicht; wer konnte wissen, ob er eine bekommen würde; mehr als tausend Dinge hätte er wissen mögen, und die Mutter ließ sich immer schrecklich lange Zeit mit der Antwort. – Aber alle diese großen Wacholderbüsche hier? Und solche feine kleine Wiesenflecke dazwischen, ganz als wären sie geschoren und gekehrt! Und schau dort unten, was machen sie denn mit all dem Lehm, Mutter? – Ja, ja! Aber komm jetzt, Odin.

»Da draußen ertrinken sie wohl, die Leute? Wenn sie auf der See bleiben? Nein aber die Kühe, Mutter, die stehen ja im Wasser!«

Sie fühlte, wie sein Griff sich lockerte und seine Füße ganz leicht wurden, gleich würde er davonlaufen. Ein Ding nach dem anderen kam ihm entgegen und durchstürmte ihn. Unwahrscheinlich war alles miteinander; jetzt lachte er laut über sich selber: Schau den Vogel, der ist ins Wasser gefallen! Ach, er schwimmt, so ein – mich kannst du nicht zum Narren halten, Kerl!

»Bist du heute abend so froh, Odin?«

Er sah sie nur halb an. Dann dachte er darüber nach. Froh? Das konnte er nun nicht so recht sagen; aber er sollte doch fortkommen und bei fremden Leuten sein; sie waren auf dem Weg dorthin, denn daheim konnten sie ihn nicht mehr brauchen, seitdem die Mutter geheiratet hatte und der Großvater übergeben hatte und in den Austrag gegangen war. Er durchlief dies alles in Gedanken, und der Ausdruck auf seinem Gesicht wechselte beständig. Dann sagt er, altklug und zuverlässig – es ist, als spreche ein neuer Odin aus ihm:

»Schau, Mutter, ich bin doch eigentlich gut zu haben, nicht?«

»Ja?«

»Ja, denn wer weiß, ob andere Kinder das fertiggebracht hätten. Ob du sie so leicht losgeworden wärst.«

Die Mutter mußte lächeln, obgleich ihr Gesicht ganz kalt wurde. – »Loswerden, ja«, seufzte sie.

Aber würden sie denn noch nicht bald dort sein? fragte Odin – sie seien jetzt doch sicher eine Meile, wenn nicht mehr gegangen; oder eine Viertelmeile? Und wer wohnte eigentlich auf der anderen Seite des Fjords? Und mittendrin sagte er auf einmal:

»Ich fürchte mich gar nicht dorthin zu kommen. Du wirst schon sehen, Mutter!«

»Das ist schön von dir, Odin.«

»Ja–a.«

Sie hatten nun einen Sund zur Seite, zwischen dem Land hier und ein paar langen Waldinseln; da war es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel. Odin hatte das gehört und außerdem erkannte er es an dem Druck ihrer Hand, der jetzt so hart war. Und die Seevögel lockten und schrien so fremd – man war nicht mehr daheim. Und unten am Strand seufzte und seufzte es – es waren die Wellen, die am Uferrand nagten und nie fertig wurden. Odin hing schwerer an der Hand der Mutter.

Das dort, das war wohl der Kjelvik-Rücken, von dem er gehört hatte: große Felsen und Sand über den Sund hinüber bis zur Insel. Ein fremdartiger Geruch schlug ihnen entgegen, es mußte der Rauch von einer Hütte sein. Jetzt aber blieben sie stehen und lauschten: Irgend jemand rief von der Insel herüber über den Sund. – »Gurianna!« rief es, und hinter einem Hügel hier auf dem Festland antwortete eine weibliche Stimme: »Ja!« Nun rief es noch einmal von drüben, noch lauter, und die Frau antwortete wieder. Odin war nahe daran mitzuschreien. Zum drittenmal erklang die Männerstimme, so daß es laut hin hallte:

»Gurianna!« Und dann hörten sie, wie der Mann vor sich hin sagte: »Es ist doch ein Kreuz mit dem Frauenzimmer.«

»Das war der Bendek selber«, sagte Elen; der war ein wenig schwerhörig, und sie, die ihm geantwortet hatte, war seine Frau, sie sollte wohl mit dem Boot hinüberkommen und ihn holen.

Der Knabe war merkwürdig lebhaft geworden:

»Hu! – wie laut der schreien kann!«

Sie stiegen den Hügel hinan und sahen den Häuslerhof vor sich: eine grüne Wiese zwischen Sund und kleinen Hügeln, mit einem Steinwall ringsherum, fast wie ein Garten, schien es ihm; und zwei kleine graue Häuser mit Wasendächern. Dies alles lag so versteckt und unwahrscheinlich da, fast als sei man der erste Mensch, der hierherkam. Der Stall glich einem Gaul mit Senkkreuz, die beiden Giebel waren erhöht, und in der Mitte lag ein tiefer Sattel, – und unten am Ufer stand ein Haus, offenbar der Bootsschuppen. Jetzt kam das Boot hinter der Hütte zum Vorschein und glitt rasch über den Wasserspiegel, ein Weib saß darin und ruderte, und die Wellen zogen hinter dem Boot ein leuchtendes Dreieck über den Sund; die Eidergans schwamm mit ihren Jungen rasch zur Seite – alles schrieb ein Dreieck hinter sich aufs Wasser.

Elen und Odin standen da und hielten einander bei der Hand. Die Sonne brannte auf die Wiese herab und schien auf die Blumen, so daß alles blau in blau und weiß in weiß leuchtete, es war ein verzauberter Reichtum an Blumen, wie Odin ihn nur im Traum einmal gesehen hatte, und mitten durch die ganze Herrlichkeit rann ein Bach und murmelte mit sich selber. Kleine Grashalme standen bis an die Knie im Wasser und nickten und bückten sich, auch die Bachstelze war da und wusch sich – sie sah aus, als sei sie hier daheim; aber Schwalben gab es keine. Odin fragte, warum denn die nicht da seien? – »Nein, die wohnen hier wohl nicht. Aber siehst du alle die Seevögel, Odin? Sind sie nicht schön?« – »Doch, wenn sie nur nicht so schreien wollten.« Dann aber lachte er und deutete mit der Hand hinaus: »Nein, aber eine Elster mit roten Füßen habe ich doch noch nicht gesehen!« – »Das ist die Strandelster«, sagte Elen; »paß auf, du findest sicher eines schönen Tages ihre Eier unten am Strand.«

Jetzt kam das Boot zurück, und nun waren zweie darin. Bendek saß auf der Bank und ruderte. Er war sehr groß und hatte einen runden Rücken, kein Wunder, daß eine solche Stimme in ihm wohnte, und obgleich er sich kaum bewegte, schoß das Boot unter seinen Ruderschlägen dahin, leicht wie durch die Luft. Achtern saß ein Hund, wie ein Mensch. Gurianna deutete nur mit der Hand, da gehorchte das Boot und schwenkte bei der Bootslände ein. So, jetzt kommen sie herauf – jetzt sehen sie ihn da stehen.

»Gottes Frieden!« grüßte Bendek.

Es war nicht schwer, vorzutreten und Bendek zu begrüßen; und auch bei Gurianna ließ sich das machen, aber er zog seine Hand doch bald wieder zurück und näherte sich der Mutter: sie war so dunkel und so merkwürdig, diese Frau dort. Bendek stieg keuchend den Hang hinauf:

Soso, da waren also Fremde gekommen? Und solch ein großer Junge noch dazu? Nun sollten sie also hier auf Kjelvika auch einen Knecht bekommen! Sie redeten viel von ihm, fand Odin, und dann ging es ins Haus hinein. Da merkte Elen, daß ihm das Herz ein wenig schwer war. Sie hatte das gleiche Empfinden wie er, und es hemmte sie: Alles war so neu hier, so klein und fremd, wohin das Auge sah, auch der Geruch, der ihnen entgegenschlug, und die Geräusche im Haus, sie hatte das früher nie bemerkt, wenn sie hier gewesen war; so etwas konnte einem kleinen Kerl schon zusetzen, und jetzt lagen viele Meilen zwischen hier und Vennestad.

Aber es war doch eine gemütliche kleine Stube. Mit niedriger Decke, das Fenster zwar klein und trüb, doch der Boden weiß und mit Sand bestreut, und heimisch und reinlich war es hier überall, Kochofen und Bett und rings an den Wänden Gestelle für die Milchschüsseln, eine Schrankuhr und andere alte bemalte und geschnitzte Gegenstände; und am Fenster standen Blumen. Odin hatte das Schwerste bald überwunden und steckte schon wieder tief im Staunen drin. Und Bendek redete nur mit ihm. Ob er schon einmal mit auf dem Kohlfischfang gewesen sei? So, noch nicht. Aber rudern könne er doch wohl gewiß nicht schlecht? Und Lust, es zu lernen, das sollte man meinen, ja, ja. Hier sollte er es gründlich lernen dürfen.

»Ab er am Ende zieht dich der Fisch ins Wasser he?«

Odin lachte hell auf, voller Übermut und mit glänzenden Augen: »Nein, jetzt hört auf!«

Bendek lachte mit, laut und gutmütig, es klang, als wiehere die ganze Stube mit ihm. Sein grauer Bart stand in einem Kranz rings um das Gesicht, und die kleinen blauen Augen verschwanden fast, wenn er lachte. Im Sitzen schien er groß wie ein Berg, aber wenn er sich erhob, war er wie jeder andere Mensch auch. Gurianna blieb immer gleich schwarzhaarig, soviel man sie auch ansah, und es wurde einem dabei ein wenig kalt, sie erinnerte fast an ein Zigeunerweib, das einmal auf Vennestad gewesen war – »wenn sie nur nicht auch noch raucht!« seufzte Odin. Und zum Bart fehlte bei ihr wohl auch nicht viel. – »Aber du brauchst sie nicht zu fürchten!« flüsterte er der Mutter zu, kaum, daß sie einen Augenblick allein miteinander waren. – »Nein? Warum? Sie ist ja doch freundlich.« – Ja, natürlich, hab nur keine Angst.«

Doch die Uhr tickte und ging weiter, für sie stand die Zeit nicht still, und nun mußte Elen Abschied nehmen und heimgehen. – »Das hier ist ein richtiger Bursche!« sagte Bendek. »Geht schon von daheim fort und verdient sein Brot in diesem Alter, das bringen nicht alle fertig.« Odin legte die Hände auf den Rücken. Noch nie hatte jemand so von ihm geredet. Er räusperte sich umständlich:

»Ja, da war nichts anderes zu machen. Daheim konnten sie mich nicht mehr brauchen, als –«

Er hielt plötzlich inne und wurde rot. Die Mutter blickte zu Boden.

»Mit Rössern kannst du wohl auch schon umgehen?« fragte Bendek.

»Ja, die letzte Zeit habe wohl ich die meisten Fuhren daheim gemacht.«

»Ach du!« lachte die Mutter. »Du mußt schon bei der Wahrheit bleiben, Odin!«

»Er will eben nicht dastehen und der Garniemand sein«, lenkte Bendek ein.

Ja, genau so war es, und wie sollte er es sonst anfangen? Im übrigen wollte er schon immer die Wahrheit sagen.

Sie gingen alle mit Elen vors Haus und begleiteten sie bis zum Zaun hinauf. Odin sah sie die ganze Zeit an. Wie schön war sie doch, wenn sie so neben Gurianna einherging, wie dicht und hell war ihr Haar, und der Mund so gut. Er wußte, weshalb sie so bedrückt aussah, sie fürchtete, er würde sie jetzt nicht loslassen.

»Du hast ja nicht weit heim!« tröstete er sie, als sie Abschied nahm. Ja, sie würde bald wiederkommen, versicherte Elen.

Sie ging rasch um den Hügel herum, als fürchte sie, er könne ihr nachkommen. Dort sah er den letzten Zipfel ihres Kopftuchs. Und dann gingen sie wieder hinunter. Gurianna neben Bendek, Odin hielt sich auf dessen anderer Seite.

Die Sonne sank im Nordwesten aufs Land herab und glühte rot, und das Meer wechselte sein Aussehen und wurde anders und immer wieder anders, es gab wohl nicht viele, die wußten, wie es war. Ruderschläge kreischten drüben bei den Holmen, weit draußen konnte man noch Boote erkennen, und die äußersten Schären sahen aus, als hingen sie in der Luft. Die Seevögel klagten, ihr Rufen wollte kein Ende nehmen. »Das ist die Seeschwalbe, die mit der dünnen Stimme«, sagte Bendek. Odin war nahe daran, nach seiner Hand zu fassen. – »Morgen abend rudern wir auf den Kohlfischfang«, sagte Bendek. Das war noch besser als eine Hand. Jetzt fiel es nicht mehr schwer, in die Stube zu gehen.

Odin sollte auf der Bank schlafen, die an der Wand gegenüber dem Bett stand.

»Nun aber ins Bett! sagte die Braut«, Bendek sah ihn lustig an.

»Warum sagte die Braut das?«

»Ja, siehst du, das wissen wir nicht. Weder du noch ich.«

Und wäre die Uhr nicht gewesen, so hätte es ihm gar nichts ausgemacht, hier zu liegen, aber die gebärdete sich ja noch lauter als die Vögel draußen, Kjelvik! Kjelvik. Das hätte die Mutter niemals fertiggebracht, so dazuliegen und zuzuhören. Vielleicht war sie jetzt oben auf dem Bergsattel angelangt und drehte sich gerade herum und sah hierher zurück.

– – – Elen saß auf einem Stein oben im Bergeinschnitt. Sie sah nicht zurück. Sie schaute meist zu Boden oder vorwärts nach Vennestad hinüber. Dort war die Sonne schon seit geraumer Zeit weg. Das Wohnhaus daheim stand mit seiner Vorderseite hierher, das Gesicht den Mooren und den Bergen zugewandt, man sah in der Stube dort vom Fenster aus nichts weiter als Moor und Gebirge und an den Sommerabenden ein wenig von der Sonne, wenn sie gerade hinter dem Sattel unterging; man wurde krank davon; aber mit jedem Jahr ging es etwas besser, und dies war nun das neunte Jahr!

Sie stützte die Stirn in die Hand und schloß die Augen. Jetzt sah sie Vennestad noch deutlicher, alle Häuser von außen und von innen, und die Äcker bis ganz hinüber zu dem anderen Hof, und nach Süden bis zu den Bergen, und nach Westen, so weit sie wollte, über Jungwald und Täler hin, bis hinüber nach Haaberg. Sie blickte auf, ihre Augenlider waren ein wenig steif, denn jetzt hatte sie seit langer Zeit nicht mehr daran gedacht, daß sie eine Tochter von Haaberg war. Sie war von Vennestad; darüber gab es keinen Zweifel. Wieder schaute sie in dieser Richtung. Sie sahen grau aus, die Häuser dort, denn der Anstrich war abgewittert, und jetzt wollte man anpacken und alles wieder instand bringen, so wie Iver es sich gedacht hatte. Da stand sie plötzlich auf und fing an zu gehen, daheim würden sie sich wohl über ihr langes Ausbleiben wundern. Während sie dahinging, bewegten sich ihre Lippen, als rede sie mit sich selber. Die Augen wurden eins mit der nebelblauen Nacht.

»Daß der Odin den Abschied von mir so leicht genommen hat? Ja, ja. So hat also der Herrgott meine Bitte erhört.« – Einer mußte doch ein wenig Verständnis dafür haben, was sie an diesem Abend geleistet hatte. »Er muß es«, sagte sie »du begreifst doch wohl, Iver, daß es nicht von selber ging. Wenn du das nicht siehst – dann bist du blinder, als ich gefürchtet hatte. Wäre es ein anderes Kind gewesen . . .«

Jetzt lief sie den Hang hinunter, und die Tränen standen ihr glänzend und heiß in den Augen.

Dann verlangsamt sie ihre Schritte, und in dem jungen Antlitz leuchtet eine Angst auf: »Falsch gehandelt? Wer sagt, daß es falsch ist? – – – Ja, ja, in Gottes Namen, mag es sein, was es will. Denn du wolltest es, Iver! Glaubst du, daß ich es dir nicht ansah? Es gab keinen anderen Weg.«

Und dann schritt sie durch tiefdunkle Nacht. Alles schlief, wohin sie auch blickte.

Auch Odin schlief jetzt wohl bald.

»Und warum sollte er nicht zusammen mit mir die Strafe erleiden? Denn das mußt du, Odin, es gibt keinen anderen Weg.«

2

Vennestad lag ein wenig abseits von dem Weg, der an Haaberg vorbei in östlicher Richtung durch die Gemeinde führt. Dort waren zwei Höfe, Vordervennestad und Hintervennestad. Vordervennestad, oder der Eilerthof, wie man nun meistens sagte, war einer der größten in der Gemeinde gewesen. Noch jetzt konnten sie dort acht bis neun Kühe halten, und früher, in seinen besten Zeiten, war die Zahl doppelt so groß gewesen. Denn mit Eilert wie mit dem Hof war es auf und ab gegangen. Zuerst bürgte Eilert für seinen Bruder, der sich auf den Fischfang verlegt hatte, und setzte dabei viel Geld zu. Später kam dann ein Unglück nach dem anderen. Menschen und Vieh wurden davon betroffen, Macht und Mut schrumpften bei Eilert zusammen, und der Hof schrumpfte zusammen, und der Ertrag wurde immer kleiner und kleiner, und der Eilert gehörte nicht zu denen, die sich damit abfinden, arm zu sein und im kleinen zu wirtschaften. Es sei eine Strafe des Schicksals, meinten die Leute, denn die Besitzer säßen zu Unrecht auf dem Hof. Eilerts Vater hatte sich die besten Äcker und Weiden angeeignet, damals als auf Vennestad die Erbschaft geteilt wurde. Vordervennestad bekam die sandige Erde und den Laubwald, und für Hintervennestad blieben nur noch nasse Wiesen und das Moor übrig, auf dem überhaupt niemals Getreide gedeihen konnte. Es hatte ihn einen ordentlichen Haufen Geld gekostet, das war klar, denn die Behörden waren teuer, aber er war dadurch zu Wohlstand gelangt; und der andere saß auf seinen saueren Wiesen und kaute grünen Hafer und seufzte wie ein Häusler – dann verkaufte er und fuhr nach Amerika. Es war übrigens schon immer die Art der Eilertsippe gewesen, so auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, soviel die Leute sich aus früheren Zeiten erinnerten; in der Gemeinde war gar manches Stückchen von ihnen bekannt. Der Großvater, oder, wie manche sagten, der Urgroßvater, war einem Mann in Geldsachen so nahe getreten, daß er sich Prügel dabei holte. Da machte er sich mit Hilfe der Obrigkeit und des Gesetzes über den Sünder her und schröpfte ihn gehörig. Einige wußten zu erzählen, daß Kjelvika in alter Zeit zu Nesse gehört hatte. Aber der Mann auf Nesse hatte den Bauern auf Vordervennestad des Diebstahls bezichtigt und konnte seine Anklage nicht beweisen, darum mußte er dann zur Buße seinen Hof hergeben. Nun war nichts mehr davon übrig, weder von den Menschen noch vom Wohlstand.

Jetzt war Hintervennestad, oder der Mikkalhof, das bessere von den beiden Anwesen. Die Erde trug dort jetzt ihre Früchte, gleichgültig wie das Jahr ausfiel, wenn es mir gelang, das Wasser abzuleiten, und der andere Hof wurde immer magerer und wartete stets auf einen Regensommer.

Zwei Söhne hatte Eilert gehabt, der eine kam auf der See um, der andere war nach Amerika gefahren, und es hieß, er sei dort gestorben. Er soll sogar einen gewaltsamen Tod erlitten haben. Auch die Frau war gestorben, und um jene Zeit geschah es, daß Eilert Elen Haaberg in sein Haus nahm und sie ihm die Wirtschaft führte. Alle waren damals baß erstaunt über sie, und man war das eigentlich heute noch. Elen war daheim so still gewesen wie ein Lamm, und nun zog sie nach Vennestad, ganz gegen den Willen der Mutter und zur größten Überraschung aller übrigen – und dies noch dazu, nachdem die Mutter erst vor kurzem durch den Tod ihres einzigen Sohnes in so tiefe Trauer versetzt worden war. Man wollte unbedingt wissen, daß Elen von selber zu Eilert gekommen sei und sich ihm angeboten habe. Sie hatte den jungen Burschen in der Gemeinde nie Beachtung geschenkt. Ihre Kammertüre war stets verschlossen, davon konnten viele erzählen, denn sie hatte sich ordentlich herausgemacht und war ein richtig schönes Mädchen geworden, eine, der die Burschen gerne nachsahen. Ein wenig groß und dünn war sie, aber an ihr war dies kein Mangel, durchaus nicht, ihr Haar und ihre Haut waren ganz besonders schön; und wenn sie wirklich einmal lächelte, so war es, als ließe sie die Sonne für einen aufleuchten. Aber ihre Kammertüre blieb verschlossen, und hatte einer einmal das Glück, sie eines Abends zu einem Tanz oder einem anderen Vergnügen zu verlocken, so war sie gleichsam doch nicht da. Bei der Arbeit war sie flink, und für Eilert bedeutete sie ein Geschenk Gottes, sagten die Leute, sie brachte verschiedenes wieder ins richtige Gleis. Einer nach dem anderen von den Burschen verschaute sich in sie; es war eine wahre Not. Aber Elen kümmerte sich nie um sie.

Um diese Zeit raffte Eilert sich zum letztenmal auf: er richtete Stube und Kammer und alles übrige schön her, genau wie auf Haaberg und bei anderen ordentlichen Leuten; es war das letzte Geld, das er geliehen bekam, soviel die Leute sich erinnerten. – Damals geschah es, daß der Schreiner auf den Hof kam. Er hieß Otte Setran und war auf der anderen Seite des Fjords daheim; übrigens war er ein Bauernsohn und hatte den elterlichen Hof geerbt. Es hieß sogar, er stamme aus dem alten Juwikgeschlecht, weit zurück. – Seine Eltern waren tot, und den Hof hatte er verkauft, und danach war er wie irgendein anderer heimatloser Bursche als Schreiner im Lande umhergewandert. Man erinnerte sich noch recht gut an ihn: er war so finster und fremd anzusehen, und nie ließ er sich mit jemand in ein ordentliches Gespräch ein, so daß man hätte klug daraus werden können, was in ihm steckte; es sah aus, als denke er nur an seine Sachen und wolle alles für sich behalten. Im Grund aber war er ein Leichtfuß gewesen, seinerzeit, als er hierher kam, er sang während der Arbeit und tat gerne beim Tanz oder bei anderen Vergnügungen mit. Er hatte braune Augen. Die Mädchen sagten, er sei häßlich. Die anderen aber lächelten und dachten sich ihr Teil.

Man sah ihn und Elen niemals beieinander, weder beim Tanz noch vor der Kirche. Aber des Abends konnte man sie manchmal sehen: sie kam vom Sommerstall, und er saß auf dem Hügel hinter dem Haus und rauchte, oder er saß auf der Haustreppe, und sie kam herzu und blieb eine Weile bei ihm stehen – es fügte sich so, aber dies war kein Zufall. Manchmal, beim Essen, blickten die anderen plötzlich auf, sie merkten, irgend etwas lag in der Luft, und dann saßen die beiden da und sahen einander an, seltsam ernsthaft, als sprächen sie miteinander. Später einmal sagte Eilert, er hätte ein Gefühl gehabt, als würde die Luft in der Stube bedrückend, wenn die beiden dort waren. Elen hatte nie viel geredet, jetzt aber verstummte sie vollends; mit ihr sprach man also nicht geradeheraus über diese Sache. Einmal aber sah die Magd, wie Elen ihm zulächelte, und zwar so lebendig und jung, wie nur sie es konnte, wenn sie wollte. Sie kam über den Hof geschritten und trug etwas Schweres, und er trat zu ihr hin, um ihr zu helfen. Eines Abends ging er zum Landhändler, es war schon im Spätherbst, und plötzlich setzte ein furchtbares Wetter ein, Sturm und Schneetreiben, man konnte kaum aus den Augen sehen. Und die Zeit verging, und er kam nicht heim. Niemand sagte ein Wort – Elen sah nicht so aus, daß man dies gewagt hätte. Immer wieder horchte sie auf das Wetter, das draußen so laut tobte, als wäre die eine Wand der Stube weggefegt, und wenn es am allerschlimmsten war, dann blickte sie von einem zum anderen. Bis gegen Mitternacht blieb fast alles auf und wartete. Dann aber wollten die Leute schlafen gehen, wozu saßen sie eigentlich da? – Der Bursche war ja auf dem Festland, und er würde doch wohl bis zu irgendeinem Hof durchfinden. »Jetzt kommt er!« sagte Elen, sie wurde rot wie eine Hagebutte; sie hatte ihn an der Tür gehört. »Schickt er einen Vorboten?« lachte der Knecht, es war gleichsam, als atme die ganze Stube erleichtert auf. »Alte Leute sterben nie in der Jugend«, spottete einer, – »ein Gehenkter ertrinkt nicht so leicht!« Elen hörte nicht darauf. Sie saß nur da und schaute zur Tür hin; sie sah aus, als habe sie einen großen Entschluß gefaßt, die anderen erinnerten sich später noch daran. Und nicht lange danach hatte sie ihn wirklich daheim, so verschneit und durchgeblasen vom Wind, daß er nicht wiederzuerkennen war.

Seit jenem Mal glaubten die anderen, es müsse Ernst werden mit den beiden. Das einzige, was sie bemerken konnten, war, daß Elen ein paarmal lachte, es klang so richtig übermütig und toll. Zu Weihnachten war er fertig auf dem Hof, aber er blieb noch über das Fest da. Er hatte alles schön gemacht, das mußte man ihm lassen. Zwar war er langsam, aber er brachte doch alles zuwege. Er glich darin den Alten, jedes Ding wurde, wie es sein sollte. Da steht es und zeugt heute noch von ihm. – »Er hat eine tüchtige Arbeit auf dem Hof geleistet!« sagte Eilert zu Elen. Sie lachte seltsam tief vor sich hin; und noch ehe das Jahr um war, lachte Eilert mit. Als die Leute auf den Fischfang auszogen, ging Otte nach Amerika. Jene, die Elen diese Neuigkeiten erzählten, konnten ihr nicht das geringste anmerken, und es schien fast, als hätte sie schon vorher darum gewußt, das aber war nicht der Fall. – »Ja, ja, der kommt wohl wieder«, sagten die anderen. – »Vielleicht, und vielleicht auch nicht«, antwortete sie, und damit wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Betrachtete man sie aber genauer, waren doch ihre Wangen schmäler geworden. Man konnte sehen, wie sie manchmal vor sich hin lächelte. Es wirkte wie die graue Armut selber. Wäre sie nicht so hochmütig gewesen, hätte gar mancher Mitleid mit ihr verspüren können.

Gegen den Herbst zu kam der Knabe auf die Welt. So unerwartet war noch kein solches Kind hier in der Gemeinde auf die Welt gekommen, solange man zurückdenken konnte. Später lachten alle darüber, damals aber meinten sie, Elen hätte sie alle gehörig zum Narren gehalten. Als sie im Bett lag, lachte sie sogar. – »Was für ein schöner Junge«, sagte Aasel Haaberg, ihre Mutter. – »Ja, das ist schließlich kein Wunder! Wir sind ja keine Pfuscher, keines von uns beiden!« Und zu ihrer einzigen Jugendfreundin sagte sie, als diese bei ihr auf dem Bettrand saß: »Eine einzige Nacht war er da, und dann kam er nicht mehr!« – »Kam er nicht mehr?« – »Nein, denn dann verschloß ich die Türe wieder. Mehr brauchte es nicht, um ihn zu kränken. Denn es sollte so kommen.«

Später stellte sich heraus, daß einer von den jungen Burschen mit ihm geredet hatte, als er im Begriff war, nach Amerika zu fahren. Ob er nicht vor seiner Abreise noch nach Vennestad ginge? – »Nein. Sie will mich nicht haben; sie hat mich hinausgesperrt. Hab mir's übrigens auch nicht anders erwartet.« Er war damals ein wenig angetrunken und redete offen heraus: »Nein, aber vergessen werde ich sie niemals. Und sie mich auch nicht. Und so ist es eben. Und jetzt schau ich mich einmal in der Welt draußen um – das war ja der Grund, weshalb ich den Hof weggab, dazu bin ich eigentlich geschaffen, wenn du's wissen willst! Schauen wir einmal, wie es da drüben aussieht. Da werden wir gleich sehen, was das Leben mit uns vorhat. Verstehst du mich? Nein, du bist schon recht so.« – »Vielleicht muß man ihr dankbar sein dafür, daß sie die Türe verschloß?« – »Ja, da gibt's nichts zu lachen, du!«

Es fügte sich so, daß Iver sie bekam. Denn Eilert setzte für sie ein Testament auf, vermachte ihr den Hof und alles, was er hinterließ – viel würde es wohl nicht werden –, und so blieb sie dort. Sie hatte einen Fleck auf ihrer Ehre. Nach Haaberg heim kam sie nie mehr, und Aasel gehörte auch nicht zu denen, die anderen Leuten die Türschwellen abnützten; und die anderen hatten erst recht nicht viel dort zu suchen. Niemand konnte sagen, daß sie sich dies nahegehen ließ, sie sah eher froher aus als vorher, und sie lachte, so oft es irgend etwas zu lachen gab. Vielleicht wartete sie auf einen Brief aus Amerika. Es kam jedoch keiner. Den Jungen nannte sie Odin und trug ihn selber zur Taufe. Es war ein lebhaftes Kind: wild, aber gut zu haben, sagte der Eilert, und der Kleine mußte Großvater zu ihm sagen und begleitete ihn auf Schritt und Tritt.

Dann kam der Iver. Er war ein Brudersohn von Eilert. Eine Zeitlang war er Schiffer gewesen, und später war er herumgelaufen und hatte mit Vieh gehandelt. Er war kein Junger mehr, wohl schon über vierzig Jahre alt, und schön hatte ihn der Herrgott nicht gemacht. Der Kopf war schon kahl, und seine Augen blickten nicht sanftmütig drein. Aber er war einer, der wußte, was er wollte, und jetzt wollte er hierher und Elen haben. An Geld hatte er gar nicht wenig zusammengekratzt, so sagten wenigstens die Leute. Er trug Elen und Eilert sein Anliegen vor: Den Hof wollte er kaufen für die Summe, die die Bank darauf geliehen hatte, und dazu wollte er Eilert alle Schulden erlassen und ein gutes Altenteil für ihn aussetzen; denn diesen Hof wollte er haben und sie dazu! Nun konnten sie tun und lassen, was sie wollten; er meinte, sie sollten sich's einmal überlegen. Das taten sie.

So kam es, daß sie ihn nahm. Es hieß, sie hätte zu dem einen oder anderen geäußert, daß dies wohl billig gewesen sei, aber ein wenig hätte sie doch auch an den Eilert denken müssen. Und sein Angebot war so, daß man ihm nichts nachsagen konnte, meinte sie, er bot mehr, als die Leute erwartet hätten.

Dann heirateten sie in diesem Frühling, und jetzt war sie mit ihrem Jungen in Kjelvika gewesen, denn von ihm war im Vertrag keine Rede, sagten die Leute, und der Iver wollte ihn nicht sehen, hatten sie gehört. Er sagte nichts, das tat er nicht, aber es wurde so kalt in der Stube, wenn er um sich blickte und sich nicht wohl fühlte. Er war ein rechtdenkender Mann, niemand konnte etwas anderes sagen, und gegen Elen gewiß gut, er war ihr ein gutes Stück entgegengekommen. Da war es wohl nicht zuviel verlangt, wenn sie nun ihrerseits diesen Gang auf sich nahm.

»Nein«, sagte sie zu sich selber. »Soviel muß ich schon tun. Da er doch nie ein Wort darüber gesagt hat. Hätte er darüber gesprochen, wäre es niemals dahin gekommen.« Es war nicht von Anfang an ihre Absicht gewesen, nein, durchaus nicht. Aber sie erkannte den Schatten im Haus, und den hatte der Iver nicht verdient. Denn er war viel besser, als sie gedacht hatte. Schließlich war es ja auch für sie selbst gar nicht so leicht mit dem Knaben, der Gedanke, daß er nicht nach Vennestad gehöre, hatte mit jeder Woche schwerer auf ihr gelastet. Sie wollte dieses Opfer auf sich nehmen und Odin fortgeben; das mußte sie durchführen. Und nach Haaberg sollte er nicht, es dünkte sie, das habe ihr einer gesagt.

Jetzt war es geschehen, und jetzt sah es anders aus. So geht es mit allem, tröstete sie sich. Sie bereute es nicht. Sie lag nur in den Nächten wach da und dachte daran, und ihr wollte fast scheinen, als sei der Schatten im Haus jetzt noch kälter als vorher, da der Knabe noch hier war. Das mußte daher kommen, daß sie doch nicht die war, für die sie sich gehalten hatte. Sie hatte eben doch ein uneheliches Kind gehabt. Und der Iver war leichter zu verletzen und empfindlicher, als man hätte glauben sollen – darum sah er oft so böse vor sich hin und schwieg oft lange Zeit. Hätte sie nur wenigstens reden können! Denn er war so unglaublich blind, der Iver, genau wie irgendein anderer Mann. Der Otte, ja! sagte sie sich. Aber der war seiner Wege gegangen und kam nie wieder. Alan bekommt nicht den, der einen erkennen und der einen verstehen würde. Und vielleicht soll es auch nicht so sein.

Eilert führte jetzt ein ganz erträgliches Leben. Er hatte seine eigene Stube und einen guten Austrag bekommen. Freilich, die Leute redeten gar vieles, das aber mußten sie doch zugeben, daß sie an ihm gut gehandelt hatte; und Iver war auch nicht geizig, er erfüllte seine Verpflichtungen getreulich. Sie hatte wohl gefühlt, was in ihm steckte, damals als sie ihn nahm.

Elen räumte dem Alten die Kammer draußen auf. Sie machte ihm das Bett, wenn sie es auch noch so eilig hatte, hielt seine Kleider in Ordnung, kochte und trug ihm das Essen hinein. Manchmal saß sie eine Weile bei ihm, stopfte Strümpfe oder flickte ein Kleidungsstück. Es kam auch vor, daß sie nur dasaß.

Das tat sie an jenem Tag, nachdem sie in Kjelvika gewesen war. Der Alte lag auf der Bank drüben, er mußte die Uhr an der Wand über sich im Auge behalten, denn sie war ein faules Ding und wollte nicht gehen. Wenn sie Anstalten machte stehenzubleiben, reckte er sich und gab ihr einen kleinen Stoß, so daß sie wieder in Schwung kam. Dann und wann einmal hustete er und räusperte sich und rang nach Atem. Das Birkenlaub, das Elen hereingebracht hatte, erfüllte die Stube mit starkem Duft; und am Abend wollte sie, wenn sie Zeit dazu fand, Wacholderreisig suchen, klein hacken und auf den Boden streuen. Dann legte sie ihm sein Gebetbuch hin und die Brille, fragte noch einmal, was er zu einem kleinen Tropfen Kaffee meine, und ging dann zur Türe. Dort stand sie und lächelte ihm zu:

»Ihr seht mir fast so aus, als ob es Euch jetzt recht gut ginge, meine ich?«

»Hö, hö!« hustete er.

»Und dem Jungen, dem tut es nur gut, unter die Leute zu kommen, nicht wahr?«

Jetzt blickte er auf, und seine Augen waren milder, als Elen sie je gesehen hatte. Er sah sie lange offen an, und sie wurde brennend rot. – »Ja, jetzt muß ich in den Sommerstall hinübergehen.«

Und der Iver kam und trug ihr den Trankeimer. Sagte nichts, sondern kam her, nahm ihn ihr ab und trug ihn bis zum Stall. Er erwiderte nichts auf ihren Dank, wandte sich nur um und ging fort. Aber es war sonst nicht seine Art, so werktags einem Menschen zu helfen. Das hier war gewiß als ein kleiner Dank gemeint.

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