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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Höher empor und weiter vorwärts

1

Nicht lange darauf klingelte Bonsach Arnesen Odin an und bat ihn, in die Fabrik zu kommen, es sei jemand da, der mit ihm reden wolle. Odin war nicht daheim, Anders nahm die Nachricht ab und richtete sie dem Vater aus, als dieser nach Hause kam. Hätte Ingri einen Peitschenhieb ins Gesicht erhalten – sie hätte nicht jäher erbleichen oder Odin nicht hilfloser ansehen können. – »Jetzt ist es aufgekommen!« sagte sie. – »Was denn?« – »Du weißt schon. Was ich einmal sagte.« – »Ach das! Woher doch. Und wenn auch, da wüßte ich schon einen Rat, Ingri. Damit würde ich schon fertig werden! Du solltest auf mich vertrauen!« – »Ja, ich habe ja keinen anderen, auf den ich vertrauen kann.«

Anders war noch in der Stube, er hatte dagesessen und in einem Buch gelesen, hatte nicht aufhören können, jetzt erhob er sich, las im Stehen noch die letzten Zeilen, ehe er das Buch weglegte und an die Arbeit ging. Er blickte auf, von einem zum anderen, stutzte ein wenig, als er sah, wie aufgeschreckt die Mutter war, wurde rot und ging hinaus. Odin stand da und sah zur Türe; dann wandte er sich zu Ingri: »Hast du den Buben beobachtet, wie beschämt er aussah? Du darfst so etwas nicht mehr sagen – daß du keinen anderen hättest, auf den du vertrauen könntest, als mich, nicht, wenn er es hören kann.«

Odin machte sich auf den Weg. Er fürchtete, Arnesen könnte wieder ein neues Gerücht über sich selber zu Ohren gekommen sein und er wolle nun sofort seinen Posten aufsagen, denn davon hatte er ohnehin erst gesprochen. Es mußte sich doch eine Möglichkeit finden, ihn zum Bleiben zu überreden, und auch eine Möglichkeit, die anderen zum Schweigen zu bringen. Nun aber begegnete er einer Schar jener Arbeiter, denen gekündigt worden war. Sie hatten mit Arnesen geredet, und danach hatten sie versucht, Lauris zu erreichen, der jedoch lag krank, so daß nun Odin die Sache abmachen sollte: Sie erklärten sich bereit, gegen die zuletzt festgesetzte Bezahlung zu arbeiten, wenn Engelbert wieder aufgenommen würde. Arnesen hatte erzählt, daß hier jetzt eigentlich mit Tag- und Nachtschicht gearbeitet werden müßte. Nun wollten sie also Bescheid haben.

Odin stand da und sah sie an, beinahe ohne es zu wissen, pfiff leise vor sich hin und dachte an verschiedenes. – »Wir müßten mit zwei Schichten arbeiten, ja«, sagte er. »Wenn wir erst einmal richtig im Schwung sind. Wir sollten nicht nur empor und vorwärts, wir sollten höher empor und noch weiter vorwärts, wißt ihr –« er wechselte den Ausdruck und sah sie an als der Schelm, der er war – »wir hätten das Geld einfahren sollen, solange es noch im Lande war. Hm, hm, wahrhaftig! Ja, ihr versprecht also, zu arbeiten? Wie richtige Männer, ohne daß man euch jagt und antreibt? Ja–a, so kenne ich euch wieder, und was den Engelbert betrifft, so will ich sehen, ob sich mit ihm reden läßt. Aber ich kann das nicht auf eigene Faust machen, ich muß mit der Leitung sprechen, ihr wißt ja, ich hab' mir die Finger ein wenig verbrannt; ja, ich glaube nicht, daß sie sich sehr spreizen werden, ihr sollt heute abend oder morgen Bescheid bekommen.«

Er wandte sich von ihnen ab, sobald es sich nur machen ließ, und ging zu Arnesen hinein. – »Sie sind so merkwürdig, ich mag fast nicht mit ihnen reden«, sagte er. »Und nun habe ich doch vergessen, sie an ihren Unfug von neulich zu erinnern; das mußt du tun. Es ist mir doch schon früher vorgekommen, daß Leute hergegangen sind und sich klein vor mir gemacht haben, wenn man sie gezüchtigt hatte. Das tat mir weh und machte mich weich, für einen Augenblick. Aber sind sie wirklich so klein und dankbar geworden? Sind sie schon lange so? Denn ich habe nichts davon gemerkt.« – »Ach«, meinte Arnesen, »es steckt doch noch ein guter Kern in ihnen, wenn es ihrer bloß genug sind und sie den Wind mit sich haben. Du kennst das doch von der See her?« lächelte er. – »Oh, die Schot fieren, das ist etwas anderes«, sagte Odin, und seine Augen waren grau vor lauter Ernst. »Aber trauen sie sich wirklich nicht – – sagen sie einem denn wirklich nie die Wahrheit ins Gesicht, ohne daß sie die Oberhand haben?« Ja, dann weiß ich nicht. Aber ist es wirklich so?«

Später ging Odin umher und holte sich Bescheid bei den anderen Männern in der Leitung. Sie gaben ihm freie Hand, meinten sogar, daß dies Sache des Disponenten sei. – »Wir müssen Fahrt in die Geschichte bringen«, sagten sie, »alles andere ist gleichbedeutend mit einem Umkehren auf halbem Wege.« – »Das Lied kenne ich«, es war Odin, der dies sagte. »Es ist ein schlimmer Text, aber eine gute Melodie.«

Engelbert konnte er nicht finden, und das war schließlich auch gleichgültig. Engelbert war nicht schlechter, als daß er Gutes mit Gutem lohnte, wenn es darauf ankam; wenn man ihn von der richtigen Seite anpackte. Was tat es da, wenn er auch jetzt eine Zeitlang bockte. Es war sogar gut, daß es noch jemand gab, der das Herz dazu hatte, zu bocken!

Auf dem Heimweg kam er am Bethaus vorbei und hörte die Leute dort singen. Es ging gerade wieder eine schwere Woge der Erweckung über die Gemeinde hin, Odin hatte gar mancherlei darüber gehört. Es war diese Krankheit, die die Leute zu Kreuz kriechen ließ, und ein großer Prediger war aufgestanden, der eine eigene Art hatte, die Schlafenden zu erwecken. Odin war schon seit undenklichen Zeiten nicht mehr ins Bethaus gekommen. Jetzt, meinte er, wäre es ein Zeichen von Angst, wenn er nicht hineinginge, und diesen Redner wollte er doch auch hören. Denn es war herzlich lange her, seit er einen gehört hatte, den der Geist zum Reden antrieb. Wer weiß, vielleicht war auch Engelbert da; ihn konnte man häufig dort finden, wo Menschen versammelt waren.

Er ging hinein und setzte sich bei der Tür hin. Das Haus war voll, und Odin merkte auf einmal, daß hier alle zu einem Ganzen zusammengeschmolzen waren; – jetzt nach der Rede sangen sie. Der Mann saß vor dem Pult. Er war ein ganz junger Mensch, hätte noch einige Zeit die Priesterschule besuchen müssen, hatte jedoch aufgehört, als er erkannte, daß dies der Weg zur Hölle war. Er saß mit gefalteten Händen da und sah starr vor sich hin, ein feiner und schöner Mann mit großen blauen Augen. Nach dem Lied standen ein paar auf und bezeugten, und in den Bänken saßen viele und schluchzten oder weinten laut; und viele von den Bekehrten gingen von Bank zu Bank und wirkten auf die ein, die es brauchten, nahmen sie bei der Hand oder legten ihnen die Hand auf die Schulter. Für Odin war dies neu und unglaublich. Er sah mehrere seiner Bekannten darunter, sie waren schon weit drüben auf der anderen Seite.

Jetzt erhob sich der Redner wieder. Gleich nachdem Odin ihm in die Augen geschaut und den Brand darin erkannt hatte, wußte er, daß dies die Augen eines Verrückten waren. Odin achtete wenig auf das, was der andere sagte, er hörte nur, daß jetzt der Herrgott sich auf den Weg gemacht habe und durch die Gemeinde gehe wie der Mörderengel durch Ägyptens Lande; vernahmen sie denn nicht die Kirchenglocken, hörten sie nicht, wie es zum Jüngsten Gericht läutete. Odin beobachtete die Leute, wie sie außer sich gerieten. So hatte auch er an die Saiten in ihnen gerührt, vielleicht hätte auch dieses nicht geschehen dürfen? Sollten die Menschen vielleicht lieber so wie in alten Zeiten aufwachsen und so werden, wie sie werden konnten?

Als der Redner aufhörte, stand Odin auf und bat um das Wort. Sie drehten sich auf ihren Sitzen um, sie konnten schon ihren Ohren nicht mehr recht trauen. – »Ich höre, ihr redet hier vom Herrgott«, sagte er. »Mir scheint, als seien viele von euch schon verängstigt, und als würden noch mehr es werden; das ist es, worüber ich ein paar Worte sagen möchte, denn heute bin ich hier, ein anderes Mal kann es zu spät sein. Ihr solltet lieber den Herrgott selber reden lassen, wenn er sich wirklich aufgemacht hat und auf dem Weg ist. Sicherlich hat er uns etwas zu sagen, aber da muß er auch selber das Wort bekommen – habt ihr eure Bibeln fortgeworfen, gute Leute? Ihr solltet Respekt haben vor dem Herrgott! Vielleicht wäre es am besten, ihn nicht zu nennen. Das hier ist eine Seuche und noch dazu eine gefährliche Seuche; ich erinnere mich, es sind viele solche Seuchen über die Gemeinde hingezogen, und danach war nichts weiter mehr übrig als nur ein Haufen Asche. Das Herz ist den Menschen im Leib verbrannt, das beste, was sie hatten, umsonst verbrannt, ja, laßt mich ausreden! Beim einen oder anderen schien es, als stecke Leben in ihm, die aber sind nicht erschrocken und haben sich nicht in Angst vor der Hölle bekehrt. Sie müssen wissen, Sie als ein gelehrter Mann, daß man den Herrgott nicht mit Kunststücken und Kniffen betrügen kann, Sie wissen, was in der Bibel steht, wenn Sie wollen. Sie müssen doch an sich selber fühlen, daß dies hier zu billig und zugleich zu teuer ist.«

Die Tränen waren bei den Zuhörern versiegt. Gar manches ausgeweinte Gesicht wandte sich Odin zu, und viele sahen ihn bleich und gehässig an, sie riefen, ein paar, daß sie für ihn beten wollten. Schritt für Schritt war der Prädikant durch den Mittelgang herabgekommen, und nun bat er sie alle, ein Lied zu singen. Sie stürzten sich in das Lied hinein, von Wand zu Wand, es war nicht mehr möglich, ein Wort zu sagen. Der Prädikant kam und legte eine Hand auf Odins Schulter. Der zuckte zusammen und machte eine Handbewegung, als wolle er ihn gleichsam mit Gewalt abschütteln. Statt dessen blieb er aber stehen und lauschte dem Gesang. – »Hörst du den Ton von dem neuen Zion?« fragte der Redner. – »Ja, Herrgott, ich stehe gerade da und höre es. Ist das die Freude, die das Volk empfindet? Ist das die Freude? Können wir Menschen so arm werden?« – »Du solltest hören, mein lieber Mann!« – »Nein, schweigen Sie! – Ich hörte einmal die Neger, es war eine Schar, die sich für Geld sehen ließ, und sie sangen so, die gleiche beißende Armut, die gleiche Armutsfreude. Ja gewiß, da muß einem das Sterben leicht sein. Aber waren die Menschen jemals so tief unten? Um sich das Sterben leicht zu machen? Ich fürchte, so wahr ich hier stehe, ich fürchte, daß es nie so kläglich um die Menschen bestellt war wie jetzt.«

Das Lied war nun zu Ende, und Odins Worte waren durch das ganze Haus vernehmbar: »So glücklos – hat noch keiner das Volk bisher gemacht. Und hier stehe ich und habe die Verantwortung und habe nichts getan. Das Lied erstirbt und das Lachen und die Freude und alles andere mit! – Da weiß ich nichts anderes als den Tod, mit dem wir uns trösten können – – ich aber widersetze mich all dem! Denn ich liebe euch, ich gönne euch alles Gute.«

»Du sollst einmal sterben, du auch, nicht wahr?« sagte der Redner.

»Das ist etwas anderes, etwas, worüber wir schweigen, du mußt dich ja schämen!«

Der andere glühte groß und fest: »Hast du nicht gesehen, daß Gott hier ist? Daß er in dieser Krankheit ist, die in der Gemeinde wütet? Daß er kommen und dir dein Liebstes erschlagen kann, oder dich selber, zu jedem Tag, und zu jeder Stunde?« – »Sonst würde ich mich wohl nicht in dies hineinmischen?« sagte Odin. – »Du hast gemerkt und gesehen, daß Gott alle Dinge lenkt?« – »Das habe ich. Das habe ich deutlicher gesehen als Sie. Aber ich glaube, ich hätte ihn auf meiner Seite, wenn ich heute abend euch alle miteinander zum Haus hinausjagte, ich habe so mancherlei gesehen, ich. Und das war es, was ich sagen wollte: nun muß Schluß sein mit diesem Spiel hier, bis die Seuche ausgetobt hat. Ich werde den Doktor bitten, das Haus zu schließen. Geht heim, liebe Leute, und nehmt eure Bibel und lest selber darin, dann kriegt ihr reines Mehl in den Sack!« – Odin nahm seinen Hut und ging. Ein paar junge Leute und ein alter Mann kamen ihm nach. Der alte Mann war Iver Vennestad.

Odin hatte heute abend keine Lust, mit ihnen zu reden. Irgendwo in seinem Innern tat es weh, in einer Art, wie er es früher nie gefühlt hatte, oder nur ganz leise. Iver Vennestad holte ihn ein. Odin sagte: »Ich habe über Dinge geredet, über die man schweigen sollte. Man kränkt dadurch nicht nur sich, sondern auch andere. Nie habe ich es so deutlich erkannt wie jetzt: Was die anderen entbehren, das entbehre auch ich. Nur daß ich weiß, es könnte anders sein. Denn wenn das nicht wäre, dann möchte man sich von allem abwenden und seiner Wege gehen, so wie der Vater es machte; man kann es gern auch sterben nennen.«

Daheim saß Vikesylt und wartete auf ihn. Odin nahm einen Anlauf und machte den Sprung bis zu ihm hinüber, das hatte er schon so oft getan, von einer Welt in die andere. Leicht fiel es ihm heute abend nicht, aber hinüber mußte er doch, und Ingri sah ihn an, gleichsam, als reiche sie ihm die Hand zur Hilfe. – »So so, sind Sie sozusagen wieder einmal unterwegs?« begrüßte er den Silberfuchs mit dessen eigener Redensart und hängte seine Jacke auf. – Ja–a, es sei nicht anders, er habe sich wieder einmal auf den Weg gemacht. Und jetzt möchte er mit Odin unter vier Augen sprechen. – »Tod und Teufel, das sollen Sie nicht!« lachte Odin. »Wenn Sie über Dinge sprechen wollen, die meine Frau nicht hören darf, dann will auch ich lieber nichts damit zu tun haben; ich komme vom Bethaus.«

Vikesylt gehörte nicht zu denen, die sich gleichsam einschüchtern lassen. Odin konnte sehen, daß er den Fluch vermerkte und sich gleichzeitig anders besann, und jetzt hatte er sich wieder gefaßt: er lächelte dem jungen Mann zu, alt und weise, legte dann sein Gesicht wieder in ernste Falten, es gehorchte seinen Gedanken so willig; er wurde tief und nachdenklich. – »Das Bethaus, ja«, sagte er. »Ja, du hast recht. Aber spotten wir nicht darüber, wir, die sozusagen darüber stehen und versucht sein könnten – wenn wir wollten, darauf herabzusehen. Aber es ist so, wie du sagst, Odin, es fragt sich, ob sie es nicht übertreiben? Ob sie nicht zu weit gehen.«

Er schickte sich an, tief in diese Dinge einzudringen, Odin aber kam ihm zuvor, er wollte ein neues Gesicht an diesem Burschen sehen. – »Sie wollten doch etwas von mir, war es nicht so?« Nach vielen Fragen und manchem Drehen und Wenden brachte Odin endlich aus ihm heraus, worauf der andere abzielte. Es handelte sich um diese Zerstörung an der Fabrik drüben: Die Leute waren betrunken gewesen! Ja, so erzählte man sich. – Ja, das wußte Odin. – Aber es sei doch merkwürdig und sozusagen unbegreiflich, woher sie die starken Sachen, diese berauschenden Getränke, bekommen hätten? – Nein, Odin wußte es nicht. Da hellte sich das Gesicht des Silberfuchses auf, und die Stimme hob sich und schmolz dahin, floß wie der sanfteste Gesang von seinen Lippen: Sie hatten es selber gebrannt. Schändlich, ja, aber das hatten sie getan! Odin wachte auf, ungläubig aber lustig, fast erfreut anzusehen: »Ist das wahr?« – »Ja, Odin, es ist nicht anders, Gott sei's geklagt! Möchte einem da nicht alle Hoffnung schwinden?« – »Aber sind sie wirklich so fix? Daß sie das fertigbringen, meine ich? Ja, die Leute, die Leute – – –!«

Vikesylt wurde verschlossen. – »Ich dachte, du seist immer noch Abstinenzler«, meinte er. – »Davon haben sie mich schon vor langer Zeit wieder abgebracht. Aber gebrannt habe ich nicht, und werde es auch nicht tun, ich als Bürgermeister der Gemeinde, ja, und außerdem kann ich es auch gar nicht. Aber die Leute sind – – – sie haben doch noch Leben in sich, auf ihre Art!«

Hm! Nun aber wollte Vikesylt fragen: ob Odin wisse, wer ihnen den Schnaps gebrannt habe! – »Nein, aber erzählt es mir, den möchte ich gerne kennen lernen!« Vikesylt verzog das Gesicht; es dauerte lange, ehe es herauskam. – »Du siehst ihn jeden Tag. Ich muß sagen, was wahr ist, es ist dein Nachbar. Dein Feind, wenn ich so sagen darf.« – »Was fällt denn dir ein, der Lauris? Hahaha! Ja, der Lauris, der Lauris, in dem steckt allerhand! Du bist mir ein Feind – hahaha!«

Vikesylt aber stand tiefernst da.

»Und nun hast du die große Verpflichtung, Odin, du, den die Leute zu ihrem ersten und größten Vertrauensmann erwählt haben, diese Sache in deine starke Hand zu nehmen und sie nach Recht und Gesetz ihren strengen Weg gehen zu lassen. Mit anderen Worten: Du meldest es! Ich habe Zeugen hinter mir, nicht nur einen, sondern zwei und drei.«

»Und Sie?« lachte Odin.

»Nein, ich will hinter der Gefechtslinie stehen. Aus vielen Gründen. Und außerdem ist es auch mein Platz, hinter dir zu stehen und lieber im stillen zu wirken. Immerdar in nächster Berührung mit allen neuen Richtungen der Zeit, aber in aller Stille, wie gesagt, denn das ist meine Natur.«

»So ist es wohl, ja. So ist es wohl nur allzusehr. Gott sei's geklagt.«

Odin überlegte, und seine Augen blickten immer jünger und übermütiger drein. – Herrgott, das müßte ein Spaß sein, Junge, dem Lauris einen Schrecken einzujagen und zu sehen, wie er ihm in die Glieder fährt! Sport, nicht wahr?

Im selben Augenblick aber bekam er Vikesylts Gesicht zu sehen. Darin war nichts als die Gemeinde und nackte und schamlose Teuflischkeit zu lesen. Von Odin fiel sofort alle Jugendlichkeit ab. »Nein, pfui Teufel noch einmal, das tue ich nicht! So wie Sie hier stehen und aussehen, nein!«

Vikesylt blinzelte Odin ununterbrochen an. Dann wandte er sich zum Gehen.

»Wir wollen hoffen, daß es nicht aufkommt.«

»Was denn?«

»Das, worüber wir beide jetzt gesprochen haben.«

»So? Soll es nicht aufkommen?«

»Für den Bürgermeister – – würde dies bloßstellend wirken, fürchte ich, kompromittierend, verstehst du?«

»Ja ja, Gott sei mit Euch, und schweigt nun still über das, was Ihr wißt! Gute Nacht!«

Odin hatte sich, gleich nachdem er hereingekommen war, über das Abendessen hergemacht, jetzt, da er fertig war, legte er sich aufs Sofa und lachte von Zeit zu Zeit. Er lachte auch Ingri zu, sie ging aus und ein und fühlte sich sehr wenig wohl, wegen dieses fremden Mannes; – wie konnte man wagen, seinen Scherz mit einem zu treiben, der so gefährlich war? – »Nein, nein doch«, sagte er, »hier ist niemand gefährlich, niemand weit und breit, es ist keiner da. Die Menschen sind nur so lustig. Ich habe bisher im Grunde noch keine Zeit gehabt, sie mir anzusehen. Und selbst diese Lehrerseele hier – er meint doch immerhin etwas Gutes mit dem, was er da treibt. Man möchte weinen über sie, ich war heute abend schon nahe daran, warum aber sollen wir nicht ebensogut lachen?«

Odin sah auf die Uhr. Er mußte noch einen Sprung zum Meer hinunter.

2

Astri sah, daß Vikesylt an diesem Abend zu Odin ging. Es legte sich ihr so schwer auf die Brust, sie mußte sich setzen.

Es war ihr unmöglich gewesen, noch einmal mit Lauris über das Geld zu reden und darüber, was sie tun sollten, sie hatte ihn kaum oder gar nicht anzusehen vermocht, und wenn er in die Stube kam und sich irgend etwas zu schaffen machte, legte sie meist ihre Arbeit weg und ging in die Küche.

Er nahm die Zeitung und setzte sich zum Lesen hin, überflog sie ein paarmal, die wichtigsten Dinge darin, und Astri blieb sitzen und sah ihn an. – »Wie du es nur fertigbringst, all das Zeug zu lesen!« sagte sie und stand wieder auf. Lauris blickte auf, höchst erstaunt: sie hatte sich doch sonst nie mit einem Wort in seine Angelegenheiten gemischt? – Er griff wieder zur Zeitung. Einige Zeit verstrich, da mußte er zu ihr hinschauen, ob er nun wollte oder nicht. Sie stand hinter dem Tisch und schnitt ein Stück Stoff zurecht. Ihr Gesicht war starr, man konnte sie kaum wiedererkennen. Und so mager, wie sie nun wurde.

»Hast du Zahnweh?« sagte er.

Da sah sie ihn an. – »Ja, kann sein«, erwiderte sie und fuhr mit der Zunge an den Zähnen entlang. »Aber hast du den Neuküster vorhin vorbeigehen sehen?« fragte sie. – Ja–a, Lauris hatte einen Zipfel von ihm gesehen. – »Er bleibt lange da drüben. Was hat er denn jetzt wieder vor?«

Sie wurde rot, kaum daß sie die Worte ausgesprochen hatte; und als Lauris aufblickte, schämte sie sich noch mehr, aber sie sah ihn offen und kampflustig an: »Du weißt, es ist nicht meine Art, auf die Leute aufzupassen, die hier vorbeigehen; meistens sehe ich sie kaum. Du sollst auch nicht sagen, daß ich dir in den Ohren liege, wenn es sich um etwas Ernsthaftes handelt. Ich mußte es nur so sagen – ich habe ja nicht viele, mit denen ich reden kann. Ich fühlte so gewiß, daß er nichts Gutes im Sinn habe, als er vorhin vorbeiging. Ja ja ja, mag es nun sein, wie's will!« – sie beugte sich wieder über ihre Arbeit. Eine Zeitlang blieb es still. Drückend still war es auch draußen.

Auf einmal aber richtete sie sich von ihrer Arbeit auf und sah zum Fenster hinüber, die Arme hingen ihr schlaff herab. Lauris gab es einen kleinen Stich.

»Der Lensmann kann morgen schon hier sein«, sagte sie.

Lauris blickte nicht auf, er las in seiner Zeitung weiter. Er fragte, ob Mina es denn angezeigt habe.

»Nein, aber sie wird es tun! Sie kann es bereits getan haben! Es wird so kommen, ich fühle es an mir.« Dann fügte sie hinzu, als sie ihre Stimme wieder etwas besser in der Gewalt hatte: »Die einzige Rettung wäre, wenn der Arthur Disponent in der Fabrik werden könnte, so daß sie von Segelsund wegkäme – – das ist wohl nicht möglich, oder?« Sie sieht ihn mit brennenden Blicken an.

Lauris' Augen werden immer größer und größer. So hatte er Astri noch nie gesehen. – »Disponent?« sagte er. »Herrgott, wenn das ihrem Gewissen helfen kann, dann soll sie ihren Willen haben.« – »Ja, aber sag nichts von Arnesen, Lauris, das können wir nicht machen. Um Ingris willen hauptsächlich. Es ist unmöglich.« – »Gratis bekommt man nur wenig hier in der Welt. Aber diesmal glaube ich fast, wir sollten es ohne Unkosten erreichen können.« – »Glaubst du das, Lauris?« Astri wurde bleich vor lauter Spannung. »Du meinst, es könne gehen? Ein wenig rasch? Denn es muß schnell geschehen, sonst könnte die Mina – –«

Noch einmal versuchte sie sich zu bezwingen und zu schweigen. Sie nahm wieder ihr Schnittmuster und die Schere. Nach einiger Zeit entfuhren ihrem Herzen die Worte:

»Ach, Herr, mein Gott, wenn es mir doch erspart bliebe, einen Meineid schwören zu müssen!«

Sie warf die Arbeit weg und ging in die Kammer. Das Letzte, was Lauris von ihr sah, war der gebeugte Rücken, es war jetzt nicht sonderlich gut um sie bestellt. Ihn dünkte, die Wände stünden da und hörten und sähen. Mochten sie doch; sie waren keine Kirchenwände. Und die Astri, die wird sich schon wieder erholen, lächelte er vor sich hin.

Er zog sich an und ging nach Vaagen hinunter. Wie für den kältesten Wintertag hatte er sich ausgerüstet. Engelbert mußte nach seiner Berechnung irgendwo dort unten sein. Unter irgendeinem Vorwand schaute er bei zwei, drei Höfen vorbei, aber Engelbert war nicht zu finden. Jawohl, da wußte Lauris, daß der Bursche bei den Schiffern an Bord war, denn dort gab es etwas zu trinken. Geradezu nach ihm fragen wollte er nicht. Eben stand er da und überlegte, ob er eines der Leichtboote nehmen und hinausrudern sollte. Da kam Odin herbeigeschlendert.

Sie grüßten gleichzeitig, Lauris alltäglich und gleichgültig, Odin laut und erstaunt: »Bist d u so spät noch unterwegs? Und so warm angezogen – willst du noch hinausrudern?« – »Ich war ja krank, du weißt doch«, sagte Lauris. – »Ja, richtig, wie geht es dir denn?« – »Du meinst wohl, ich hätte mich nur krank gestellt?« lachte Lauris, »damit in deinem Namen große Dinge geschehen können?« – »Darüber habe ich wirklich nicht nachgedacht. Aber was ich sagen wollte: du hast nicht den Engelbert hier irgendwo gesehen? Ich hätte gerne mit ihm gesprochen.« – Nein, Lauris hatte ihn nicht gesehen. – »Wenn du ihn vor mir triffst, dann sag ihm, daß er wieder in die Fabrik aufgenommen ist, unter einer Bedingung, und diese soll er noch von mir zu hören bekommen, ja, wir haben uns darauf geeinigt in der Leitung, verstehst du.« – »Das war ja eine große Geschichte, während ich krank lag«, grinste Lauris. – »Ja, du solltest nicht so leichtsinnig sein und krank werden, Lauris. Kampf und Streit, ja, und Geschwätz und Lügen und Unsinn, man könnte fast Lust kriegen, von Zeit zu Zeit krank zu werden oder sich sonstwie davon zu drücken.« – »Na, ganz so schlimm war es wohl nicht«, meinte Lauris, er brach sich ein Stück Kautabak ab. – »Schlimm?« sagte Odin und sah ihn groß an. »Ich glaube nicht, daß die Leute wissen, was schlimm ist und was nicht, die haben die Peilung verloren.«

Odin stand da und wollte gerade gute Nacht sagen, er sah zum Sternenhimmel auf und lauschte auf das Meeresrauschen draußen bei den Schären; da wandte er sich Lauris scharf zu. – »Eines sollst du dem Engelbert sagen, wenn du ihn triffst, und zwar, daß er seinen Mund halten soll, er weiß schon, was ich meine.« – Das versprach Lauris zu tun. – »Ja, und dann noch, Lauris, wenn du brennst, gib acht, daß es nicht unter die Leute kommt, hm? Vergiß nicht, Menschen und Menschen, das ist zweierlei.«

Lauris brach in ein lautes Gelächter aus. Er meinte, Odin solle sich nicht weiter darum kümmern.

Als Lauris gewiß war, daß Odin heimwärts ging, band er das Boot los, um hinauszufahren. Da vernahm er, daß jemand von den Schiffen draußen hereinruderte; es lagen viele Fahrzeuge in der Bucht. Er wartete, bis er hörte, daß Engelbert mit im Boot war, ging dann hinauf zu den Schuppen und wartete dort. Aber Engelbert war betrunken und vollführte einen Heidenlärm, mit ihm war heute abend nicht viel anzufangen, und es gelang auch nicht, ihn von den Kameraden wegzulotsen. Lauris konnte ihm nur gerade sagen, daß er ihn morgen abend hier wieder treffen wolle. Dann mußte er heimgehen.

Astri lag wach, als er heimkam. – »Nun, du schläfst nicht?« sagte er. – »Nein; nicht recht. Konntest du etwas ausrichten?« – »Ach ja doch. Ich habe es wenigstens einmal in Schwung gebracht, der Rest kommt morgen abend.« – »Morgen abend, ja. Es ist lange bis dahin.« – »Hab keine Angst; es ist immerhin in Schwung jetzt. Warum schläfst du nicht?« – »Schlafen?« sie hatte sich im Bett aufgesetzt. »So sitze ich nun schon manche Nacht im Bett; während du schläfst.« – »Hm, hm! Ist es denn so gefährlich, meinst du? Dann sollen sie sich aber in acht nehmen, noch ganz andere als wir. Soll man sich wirklich in allem Ernst verteidigen müssen? Ich habe verflucht Angst, daß sie verlieren«, murmelte er zwischen den Zähnen.

Er schlief nicht eher, als bis er glaubte, daß auch Astri schlafe. Kaum jedoch war er eingeschlummert, als er auch schon wieder aufwachte, denn auch sie war wach. – »Mir scheint, du schläfst auch nicht?« sagte sie. – »Ach, ich! Aber du sollst das nun mit Vernunft und Verstand nehmen, Astri!«

Sie setzte sich wieder im Bett auf; es fiel ihr wohl schwer zu atmen. – »Wenn die Buben auf sind, möchte ich immer, daß sie im Bett liegen und schlafen«, sagte sie. »Sind sie aber dann hinaufgegangen und haben sich hingelegt, dann wird es hier so still; dann möchte ich immer, daß sie doch noch auf wären. Drei unschuldige Buben, die nicht das Geringste über ihre Mutter wissen. Und hier ist die Stube und das ganze Haus, das alles sieht einen an, ob es nun hell oder dunkel ist, auch die wissen nichts von mir. Und manchmal ist es die Großmutter – sie ist nun schon so viele Jahre fort. Ich weiß nicht, ob sie zu mir hält oder was sie tut.«

»Ach, laß mich doch mit dem alten Weib in Ruhe!« – Lauris schlug mit der Faust gegen die Wand.

»Ja, das sagst du!« Sie saß eine Weile still und wiegte den Oberkörper hin und her. – »Nein, ich weiß, ich sollte nicht darüber reden. Denn es gibt niemand, mit dem man über so etwas reden kann. Aber es erleichtert, es zu sagen. Und du mußt mich doch verstehen, meine ich. Daß ich das Schwerste vollbringe, was ich vollbringen kann, kein Mensch hat etwas Schwereres auf sich genommen, ich soll lügen, hörst du nicht? Ich soll mich vor der ganzen Gemeinde zu einem Hehler und einem kleinen Menschen machen – – glaubst du, daß ich das zum Vergnügen tue?«

Sie beugte sich über ihre Hände vor und weinte. – »Kein Mensch versteht mich!« jammerte sie still. »Wenn es doch keinen anderen Weg gibt! Es gibt keinen!«

Geweint hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr, sie schämte sich und war zugleich erschreckt, daß sie es konnte. Trotzdem linderte es innerlich, wenn sie sich so der Schmach und dem Elend hingab. – »Auch er versteht mich nicht«, sagte sie. »Daß ich es um seinetwillen tue, damit er über ihnen stehen kann und nicht gefällt wird – er handelte recht, was sie auch sagen mögen!«

Lauris hatte sich auf die Seite gedreht und tat so, als schlafe er, und als er eine Weile so gelegen hatte, schlief er wirklich. Da jammerte sie noch weicher: »Aber daß er es tun konnte! Daß er es tun konnte! Daß er nicht einmal einsieht, was das hier für mich bedeutet! O mein Gott, es ist wahr, wie es geschrieben steht, daß alles miteinander eitel ist!«

Kraftlos fiel sie zurück und blieb liegen. So aufgelöst dazuliegen war schlimmer als alles andere, doch sie konnte nicht anders. – »Aber es ist gleich«, sagte sie und löschte das Licht aus, »ich tue es trotzdem. Denn es ist richtig, für mich!«

Am Tag darauf redete sie nicht mit Lauris. Es war schönes Wetter, so richtig ausgesucht schön; – man konnte glauben, die Sonne stünde still am Himmel und scheine in die Menschen hinein, und der Himmel machte sich ungewöhnlich blau, sobald man ihn ansah, mit weißgelben Wolken über den Berggipfeln, hoch droben und in weiter Ferne. Manchmal war es Astri, als sei es der Mond, der zu ihr hereinscheine. Ab und zu blieben sie stehen, die Buben, wenn sie in ihre Nähe kamen, sahen sie rasch einmal an und schlenderten dann wieder weiter; auch Ludvik machte es so. Endlich ging auch dieser Tag zu Ende, jetzt kam Lauris und wollte zu Abend essen, er wollte heute früher essen. Er aß, ohne aufzublicken, zog sich dann an und ging fort. Da hätte sie gern mit ihm geredet, wußte jedoch nicht recht, was; er aber war still und verschlossen und ganz in anderen Gedanken – so hatte sie ihn immer am liebsten gemocht.

Engelbert war auch an diesem Abend betrunken, nicht zuviel und nicht zuwenig, sagte er zu Lauris; doch er wurde gleich nüchtern, als Lauris ein paar Worte mit ihm geredet hatte. – »Der Odin ist, der Teufel hol mich, nicht für die Katz!« sagte er und sah Lauris ernsthaft an. »Was du ihm auch antust, ihn greift nichts so an wie andere Leute.« – Lauris schwieg. – »Unter einer Bedingung, ja«, fuhr Engelbert fort, »ich weiß, was er meint, und du weißt es auch. Und darauf kann ich eingehen. Arnesen soll meinetwegen Disponent sein, so lange er mag, ich kann ja auch einmal ein guter Kerl sein, wenn ich will. Im übrigen! – mein Lieber, ich werde meine Meinung noch einmal gründlicher sagen denn je. Sie sollen was von mir zu hören bekommen, das sag ich dir. Ich gebe nicht nach, ich, bis wir uns nicht bei der Organisation angemeldet haben; und dann wird ein neuer Takt in den Walzer kommen.« – »Aber wenn du nun selber Disponent wirst?« warf Lauris ein. – »Ich?« – »Ja, kannst du denn deine Muttersprache nicht mehr? Arnesen ist bald reisefertig, und an dem Tag, an dem er fortgeht, bist du untergebracht; dir wird die Krone aufs Haupt gesetzt, ehe du dich umdrehst. Denn jetzt bin ich wieder gesund, das merkst du doch wohl?«

Er hielt ein wenig inne, nahm ein Stück Kautabak und sah auf die Uhr. Engelbert stand da und sah allen seinen Bewegungen zu, aber halbwegs, als sähe er es nicht, mit schlaffen Wangen. Lauris lächelte breit: »Ich will dir sagen, wie die Geschichte ist: Die Fabrik hier kann meinetwegen zum Teufel gehen, sie zieht nur lauter Arbeitsameisen oder wie ich es nennen soll in unsere Gemeinde, und ich meine, wir würden sie schneller los werden, je eher du ans Ruder kämst und etwas zu sagen hättest. Sie sollen einmal sehen, was du taugst, verstehst du. Und außerdem ist es nicht recht, daß d u hier umhergehst und von Odins Gnaden lebst.« – »Odins Gnaden, was ist denn das für eine Dummheit?« – »Ja, ich nenne es so. Denn du bist ein Charakter, wie ich schon immer sagte; einer von den Meinen, gleichsam.«

Der andere stand da und wurde wieder betrunken. Seine Stimme klang dick. – »Genau das dachte ich heute, als ich die Neuigkeit hörte, daß ich wieder aufgenommen sei. Jetzt will ich's ihm aber heimzahlen, dem Odin, dachte ich. Ich werde verkünden, daß ich mich nicht unter einen Sträfling beugen werde. Hätten sie zugegeben, wer er ist, wäre es etwas anderes gewesen, warum aber mußten sie lügen?« – »Ja, warum?« grinste Lauris. »Es ist dem Odin eben noch nie leicht geworden, die Wahrheit zu sagen.« – »Du mußt wieder gesund werden, Lauris, damit man mich nicht wieder davonjagt. Diesmal soll der Odin keine glühenden Kohlen auf mein Haupt sammeln dürfen, mir langt's jetzt allmählich.«

»Es muß ihm ein wenig Hals über Kopf kommen«, sagte Lauris.

»Ja, Hals über Kopf!« wiederholte Engelbert.

Aber gleich darauf wurde er nachdenklich: »Am schlimmsten wird es für die Ingri, und von ihr habe ich eigentlich nur Gutes gesehen. Sie ist ein halber Engel, Lauris, du kennst sie nicht.« – »So, meinst du? Ich sag dir, Mann, ich war es ja, der sie zuerst gekannt hat. Hast du nichts davon gehört?« – »Nein.« – »Ich hatte gar manche Sommerbraut da oben im Nordland, weißt du, sie aber war mein Herzblatt. Nein, nein, ich will sie nicht ins Gerede bringen; arm bin ich, aber nicht gemein. Aber wie gesagt, ich war der Erste, ich bin nun einmal so, daß ich lieber der Erste bin als der Letzte. Oh, wenn der Odin wüßte –«

Sie tranken nicht viel, aber immerhin so viel, daß es Lauris mit einemmal in den Kopf stieg. – »Du meinst wohl, es ist nur lauter Herrlichkeit, ich zu sein?« sagte er. »Daß ich ein verfluchtes Schwein habe? Jawohl, ich bin Herr in meinem Haus. Aber: Ich bin eben doch nur der Lauris. Hm? Und der Odin, der geht umher und ist der Odin. Und steht himmelhoch über mir und über dir. Nein, die Astri schaut ihn kaum an, aber kannst du glauben, daß es ihr nicht ganz leicht fällt? Die Weiber brauchen ihre Kraft nie nötiger, als wenn sie sich nicht zum Narren halten lassen von einem Lügner – und was ist er denn anderes, zu innerst? Nun ja, das wissen wir alle beide. Aber er ist ein Prinzip, sozusagen. Entweder bist du für ihn oder gegen ihn, pfui Teufel! Die Astri, siehst du, die hat ihn von sich abgetan – – ist das nicht merkwürdig? Ich kann mir das nur so auslegen, daß sie sah, wer er war. Dann sieht sie auch, wer ich bin, willst du sagen. Laß sie doch, soviel sie mag. Aber die Ingri, mein Lieber – –«

Trotz all seinem Reden gab er doch gut darauf acht, daß Engelbert nicht zuviel trank. – »Die Kugel mußt du selber gießen«, sagte er, »und sie ins Schwarze schicken. Von mir sagst du nichts. Ich kann das nicht leiden, alle diese Sachen. Es ist nur eben so, daß es geschehen muß – – er soll uns doch nicht bis aufs Hemd ausziehen, der Lump, den er uns da aufgehängt hat, nein, Teufel noch einmal. Und dann wird also die Zeit kommen, Engelbert, wo du uns zeigen mußt, ob du noch mehr kannst als nur dein Maul aufreißen und dich auf die Hinterbeine stellen. Ob du den Odin ein wenig kleinkriegen kannst; denn ich bringe das nicht zuwege, in drei Teufels Namen, ich kann es nicht. Aber die Ingri, Junge, damals, als sie noch blühte!« – Er lachte und schüttelte den Kopf.

Engelbert lachte mit und konnte sich schließlich gar nicht mehr fassen:

»Und der Odin, der mir Bedingungen stellen möchte!«

»Hm, hm! Jetzt zielst du hoch, Engelbert.«

Lauris begab sich auf den Heimweg, und Engelbert begleitete ihn. – »Die Astri«, sagte Lauris immer wieder vor sich hin, »die könnte gern ein wenig mehr auf mich vertrauen. Ich gehe nicht schnell, aber ich gehe g u t. Morgen werde ich einmal nach Segelsund schauen, Astri.« – »Mir scheint, da haben wir den Odin«, sagte Engelbert und sah den Weg entlang. »Er kommt, als hätte ich ihn gerufen.« – »Nein, warte ein wenig, wir gehen an ihm vorbei und tun so, als kennten wir ihn nicht; dieses Mal. Denn es ist mir gerade etwas eingefallen.«

3

Es war wirklich Odin.

Er hatte am Abend daheim gesessen, mit dem Gefühl, daß er noch einmal zur Fabrik hinüberschauen müsse, und hatte dies zu Ingri gesagt. Sie sah fast entsetzt drein: »Doch nicht heute abend, oder?« – »Doch, und dann hab' ich ja auch mit dem Engelbert zu reden.« – »Aber nicht heute abend, Odin!« – »Warum nicht? Ich sollte auch mit deinem Vater reden, es kann sich dort schon vieles zum Schlechten verändert haben; mir ist so, als wollte er etwas von mir.«

Er und Anders waren oben auf dem Acker beim Sommerstall gewesen und hatten dort Steine gefahren, sie hatten sich so ins Zeug gelegt, daß er jetzt schwitzte und fror und eigentlich wenig Lust fühlte, wieder fortzugehen. Ingri sah dies und sagte es ihm auch, – die Abende waren kalt. Er saß da und blickte sie an und hörte ihr zu, während er rauchte. Aber er ließ sich doch nicht abhalten, zog sich an und ging. Ingri kam ihm bis vors Haus nach. Es war noch das gleiche schöne Wetter: ein blaßgelber Himmel westlich über dem Meer, dunkelblau im Osten über den Bergen, still in den Hängen oben und still ringsum am Ufer, die Äcker lagen strohgelb in der Dämmerung da, und der Waldrand und das Moor schimmerten in blaubrauner Dunkelheit dahinter. – Stille überall. – »Doch, Ingri, ich will zur Fabrik hinüber«, sagte er. »Ich muß, das fühle ich. Vielleicht wird dann endlich einmal ein Ende mit diesem ewigen Hin- und Herlaufen, vielleicht werde ich dort fertig und kann mich freimachen, meine ich.« Er wandte sich ihr zu, ein wenig heftig: »Stehst du wirklich da und hast Angst um mich?« – »Nein, nicht Angst, aber –. Nur ein ganz klein wenig. Und manchmal bin ich so nachtscheu. Aber kannst du nicht heute abend daheimbleiben? Bis morgen warten?« – »Ich hab' so wenig Zeit, bei Tag; er ist mir immer zu kurz.« – »Ich hab' diesen Herbst einmal einen so bösen Traum gehabt, habe geträumt, daß sie dich erstechen.« – »Unsinn! Und dann weißt du doch auch, was ich geträumt habe, als ich klein war? Ich träumte, daß, wenn ich nicht über dich, meine Meerfrau, die Oberhand behielte, alles schief für mich gehen würde – – ich bin abergläubisch genug. Darum tue ich genau das Gegenteil von dem, was du sagst, und nun gute Nacht einstweilen!« – »Ja, ja, Odin!« Sie lächelte zu ihm auf und gab nach; diesem Lächeln konnte er nie ganz auf den Grund kommen. – »Du bleibst doch nicht lange aus, Odin? Und dann, grüß mir den Vater!« – – »Ja! Ja! Freilich!« – Er küßte sie, und dann ging er fort.

Er war schon wieder in anderen Gedanken, als er die beiden Männer am Ufer unten traf. Er grüßte und ging vorbei, hinterher aber fiel ihm ein, daß der eine von den beiden der Engelbert gewesen war; den anderen kannte er nicht, es mochte vielleicht ein Schiffer sein, der an Land gekommen war. Odin nahm das Boot und ruderte über die Flußmündung hinüber, ging dann am Strand entlang zur Fabrik.

Engelbert begleitete Lauris hinauf. – »Teufel noch einmal, der hat's eilig gehabt, der Kerl«, sagte er. – »Hm, hm! Wie wär's, wenn du nun hineingingst und ein paar Worte mit seiner Madam reden würdest?« meinte Lauris. »Die Sache ist die, weißt du, daß in dem Brief nichts darüber steht, warum der Alte sitzen mußte. Du holst es sicher aus ihr heraus. Und dann könntest du ihr sagen, sie solle ihren Odin warnen, daß er seine Nase nicht in unsere Branntweinbrennerei hineinstecken möge, er könnte sich dabei die Finger verbrennen.« – »Selber hast du keinen Mut, ihm das zu sagen, ja!« lachte Engelbert. Lauris hörte nicht darauf. – »Du mußt es nicht zu grob machen«, ermahnte er ihn. »Nicht sie soll Angst kriegen, sondern er.« Engelbert stand noch eine Weile da, sah noch einen Augenblick dem Lauris nach, wie er heimwärts schlenderte, dann raffte er sich auf und ging hinein. Er fragte nach Odin.

In der Stube waren nur Ingri und der kleinste Bub, der Per. Anders saß oben in seiner Kammer, mit einem Buch oder was es war. Engelbert redete von allem möglichen, und Ingri hörte ihm kaum zu. Er sah in einem fort auf die Uhr, und Ingri betrachtete ihn; sie meinte zu sehen, daß er ein paarmal die Farbe wechselte. Dann ging er unmittelbar auf sie los: »Sagt einmal, wofür ist er denn eigentlich bestraft worden, Euer Vater?«

Ingri blieb sitzen und sah ihn an. Ihrem Gesicht war nicht viel anzumerken, höchstens daß ihre Augen das Blinzeln vergessen hatten. Da hörte er, daß sie auch nicht atmete, und sah, daß sie schneeweiß geworden war – sie würde doch wohl nicht in Ohnmacht fallen? Er ging zu ihr hin und legte die Hand auf ihre Schulter, es tat ihm herzlich leid. Da fuhr sie mit einem leisen Schrei zusammen. – Sie solle es doch nicht so auffassen, sagte er; es sei alles andere als böse gemeint, er habe vielmehr daran gedacht, ihren Vater zu verteidigen. »Jetzt, seit ich und der Odin wieder ausgesöhnt sind«, sagte er. »Denn das Leben ist nun einmal so, ich will Euch sagen, heutzutage hat alles scharfe Zähne, eh' man sich's versieht, kann man böse werden, aber Euch will ich nicht – –«

»Ist es jetzt aufgekommen?« fragte sie. Es war fast keine Stimme mehr in ihr.

»Ja, aber daran ist der Odin schuld, er hat ein bißchen gelogen, ein ganz klein bißchen.«

Wiederum war sie nahe daran, ohnmächtig zu werden. – Ich hätte nicht hierherkommen sollen, das sehe ich nun, sagte er zu sich selber. – »Ist es also aufgekommen«, jammerte sie. – »Ihr wißt, hier ist Krieg in der Gemeinde, ja im ganzen Land und auf der ganzen Welt. Aber jetzt will ich dieses Gerücht niederschlagen, Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Denn es ist nicht wahr, er hat doch nicht die Post beraubt? Nur eine kleine Unterschlagung in der Abrechnung, so glaube ich wenigstens, eine kleine Unterbalance, nicht wahr?«

Ingri schwieg. Engelbert sah wieder auf die Uhr, blieb stehen und dachte nach: ging dann zur Tür.

»Die Post beraubt?« rief sie und fuhr auf, – »das ist Lüge, Engelbert, das ist eine Lüge!«

Er wußte es ja, und jetzt wollte er gehen und mit diesem Gerücht aufräumen. Nur ein kleiner Kassenbetrug, nicht wahr?

»Ja. Etwas anderes war es nicht.«

Engelbert nickte. Er war kaum er selber, wie er so dastand, mit Mühe brachte er es fertig, aufzuschauen.

Auf einmal, ehe einer es verhindern konnte, kam der kleine Per mit einem Holzscheit in der Hand durch die Stube gelaufen und schleuderte es nach dem fremden Mann, daß es in der Türe dröhnte:

»Sauhund! Hinaus –!«

Seine Augen loderten im Lampenlicht, und das Gesicht war ganz schief vor Zorn, noch einmal schrie er »Sauhund« und »Hinaus«. Engelbert war ganz erschrocken, aber er lachte, so gut er konnte und faßte sich nach und nach wieder. – »So, so, das hier ist also offene Feindschaft«, lachte er. »Ja, ja. Gute Nacht!«

Er erzählte es Lauris, als er den auf der Wiese drüben traf, und sagte, diese Geschichte hätte er lieber nicht machen sollen. – »Nein, wenn du dich dumm dabei angestellt hast, dann nicht«, antwortete der, »glaubst du etwa, daß mir das recht ist?« – »Nein, nein«, sagte Engelbert, und geschehen sei geschehen, und der Odin müsse sie eben wieder trösten, aber das sei das letztemal gewesen, daß er für seinen Teil unehrliche Waffen und Schleichwege im Krieg benützt hätte, das solle Lauris nicht vergessen. – »Ja, freilich«, sagte Lauris, und nun, meinte er, wäre es am besten, wenn sie wieder hinuntergingen und eine Herzstärkung nähmen, sie hätten sicher noch einen Tropfen in der Flasche. – Nein, Engelbert wollte nicht. Er sagte gute Nacht. – »Schlimm, schlimm, schlimm!« murmelte er im Weitergehen vor sich hin. Lauris kam hinter ihm hergeschlichen; Engelbert hörte ihn, ging aber weiter.

Engelbert trat in den Laden. Er war anders als sonst, bald betrunken, fanden sie, und bald wieder nüchtern, er redete von Osten und von Westen und kümmerte sich nicht im geringsten darum, ob die anderen ihm antworteten oder nicht. Er fragte ein paarmal, ob sie gehört hätten, daß er wieder in die Fabrik aufgenommen sei, und ob sie gehört hätten, daß Bonsach Arnesen Geschäftsmann in Kristiania gewesen sei. – Das hatten sie natürlich. – »Ja, sie hat es erzählt, seine Tochter, da muß es wohl wahr sein? Aber im Nordland, wo er herstammt, da wissen sie nichts davon. Als er von dort fortfuhr, sagt man, da sollte er ins Zuchthaus, ins Gefängnis. Nein, nein, er hat keinen erschlagen, nichts Derartiges, es fehlte nur eine kleine Geldsumme in seiner Bank, damals, als er sich mit seinem Geschäft verspekuliert hatte; so erzählt man sich, ja. Vielleicht erinnert sie sich falsch, die Ingri?« – Die Leute taten so, als hörten sie nicht weiter auf ihn, und einer nach dem anderen ging hinaus und machte sich auf den Heimweg, denn es war schon spät. Engelbert redete noch lauter und wurde unruhig: Hielten sie ihn etwa für einen, der unwahre Gerüchte ausstreue? Meinten sie, er wolle sich rächen? Nein, halt! Sie sollten sich's überlegen, er sei der Engelbert und ein ehrlicher Kerl, sein Lebtag lang – paßt auf, Leute!

Als er hinauskam, sah er Lauris irgendwo zwischen den Bootsschuppen, aber er wollte nicht mit ihm zusammentreffen. – »Wozu treibt denn der sich hier herum?« murmelte er. – »Laß mich in Frieden! Denn heute abend war ich ein richtiger Dummkopf; weiter kriegst du mich nicht, du Bauer, der du bist!«

– – – Unterdessen war Odin in der Fabrik gewesen und hatte mit Arnesen gesprochen, und Arnesen hatte seine Stellung gekündigt. – »Ich kann es nicht mehr aushalten«, sagte er. »Auch um Ingris willen ist es am besten, wenn ich gehe; für sie und auch für dich. Ich habe eine Jacht gekauft. Bekam ein wenig Hilfe im Norden droben. Ich werde schon zurechtkommen.« Er sah Odin so ernsthaft an, daß er mit keinem Wort widersprechen konnte. Nur Ingri hatte ihn bisher dann und wann einmal so angesehen. – »Ja, du mußt so handeln, wie du es für richtig hältst«, sagte er. »Ich will nicht leugnen, daß ich das gleiche gedacht habe, um ihretwillen. Ja, ich sehe jetzt, so allmählich, daß es leichter für sie sein wird, wenn du fortgehst. Ich wollte nur nicht, daß sie dich fortjagen sollten. Es ist am besten, du schreibst deine Kündigung noch heute abend. So daß ich den Brief mitnehmen kann; dann bringe ich ihn noch dem Lauris hinüber.«

Odin lächelte vor sich hin: »Das wird der Lauris nicht begreifen können; aber begreifen muß er es, sonst kann er nicht schlafen vor lauter Kopfzerbrechen. Hm, hm! Unverständlich, warum es so gehen mußte. Ich möchte wissen, ob aus dem Engelbert ein tüchtiger Kerl würde, wenn er die Verantwortung hier bekäme?« – »Das ist nicht ganz ausgeschlossen«, meinte Arnesen. – »Ja, wir wollen's versuchen. Aber daß es nun zu Ende sein muß mit unserer Zusammenarbeit hier?« – »Ja, so ist es nun einmal. Und daß ich euch nicht mehr sehen soll! Ach nein, schade, schade!« – Er sah Odin an, blickte von ihm fort zur Wand hinüber und verzog den Mund zu einem Lächeln.

Als Odin über die Flußmündung gerudert kam und beim Netzsteg anlegte, kam Engelbert herbeigeschlendert und grüßte. – »Ah, du bist's?« sagte Odin. »Auch unterwegs? solltest du sagen, wie's der Brauch ist. Ja–a, du kommst mir gerade recht, ich habe ein paar Worte mit dir zu reden, verstehst du, nicht wahr? Du kannst also jederzeit in der Fabrik anfangen. Aber was ich noch sagen wollte, dein Gerede über den Arnesen muß jetzt ein Ende haben. Denn das bringt mir die Ingri noch um – – und nützt keinem etwas. Ja, ich kann mich doch darauf verlassen, Engelbert, du wirst doch nicht unschuldigen Menschen etwas Böses zufügen? So sehr habe ich mich doch nicht in dir getäuscht?«

»Nein, du weißt – – ich dachte nicht – –«

»Du gibst mir die Hand darauf, her mit der Flosse!«

Engelbert gab ihm wirklich die Hand.

»Ja?« sagt Odin. »Aber du bist so still?«

Da räuspert sich jemand hinter dem Schuppen, und Engelbert erkennt, daß es Lauris ist. Der hatte dort gestanden und alles gehört. Engelbert reckte sich auf, versucht Odin in die Augen zu schauen. Es war zu dunkel dazu, hier im Schatten der Häuser und der Hügel. Aber doch fühlte der eine die Blicke des anderen.

»Machst du mich zum Disponenten?« sagte Engelbert hart. »Bist du für mich, meine ich?«

»He? Disponent? – Ist das so zu verstehen?«

»Ja, wäre das denn so unmöglich? Ich werde den Arbeitern gehörig das Fell striegeln, du sollst sehen, es ist mir Ernst damit.«

»Nein, aber, bist das wirklich du, Engelbert?« Odin verschlug es fast die Stimme. Dann redete er wieder: »Freilich, du taugst schlecht dazu, den Hafersack zu hüten, und kaufen tue ich dich erst recht nicht, mußt du wissen – – glaubst du, ich habe jemals mit Bestechungen gearbeitet? Es kann sein, daß wir es mit dir versuchen, das ist eine andere Sache, aber dich kaufen? Nein! Du sollst es mir trotzdem versprechen, Engelbert, dann bist du klug.«

»So–o! So steht die Sache. Das soll heißen, daß ihr doch daran denkt, mich zu kaufen, daß ihr mich auf eure Seite kriegen wollt? Ja, gewiß, ja, und du willst dabeistehen wie ein hehres Denkmal, hoch über mir und allen anderen. Nein, wahrhaftig, Odin. Nimm dich in acht, Junge, oder es kommt zum Krachen! Dein Schwiegervater muß weg, jetzt weißt du's, morgen noch werde ich den Brief aus dem Norden öffentlich anschlagen, ihr sollt gezeichnet sein, du sowohl wie er, ja! Na, was sagst du dazu?«

»Da bist du zu spät aufgestanden, mein Lieber. Er hat gekündigt, hier ist sein Brief. Was sagst jetzt du dazu?«

»Hol's der Teufel!« murrte Engelbert. Nach einer Weile sieht er auf und lacht: »Aber ein Lügner bist du doch, jawohl, und samt deinem Weib, und das soll die ganze Gemeinde erfahren.« – »Hoho!« lachte Odin. »Das laß ich mir gefallen, so unverfälschte Bosheit zu hören, das ist eine seltene Kost. Aber im Ernst: du sollst dich in acht nehmen. Denk daran, daß sie es ist, die ich verteidige, es könnte sein, daß ich eine schwere Pranke habe, um sie geht es und nicht um mich! Ja–a?«

»Um sie, ja? Um dein Nordlandsluder, hahaha! Das der Lauris schon benützt und weggeworfen hat! Hast du noch nie was von jenem Abend gehört oben in – –«

Da aber war Odin schon über ihm und schlug zu, daß es in der Luft pfiff. Engelbert stand nicht mehr da, er hatte Fersengeld gegeben. – »Gut, daß ich ihn nicht getroffen habe, sonst hätte ich ihn erschlagen«, sagte Odin, er lächelte sogar, aber kein sanftes Lächeln. Beherrschen jedoch konnte er sich auch nicht, gab sich auch keine Mühe, er setzte dem anderen nach und kam derartig in Schuß, daß Engelbert geradeswegs in den Fluß springen mußte. Odin hinter ihm her, bis ans Wasser. Dort kam er wieder so weit zu sich, daß er ihm nicht nachsprang; er schüttelte die Faust und schrie heiser:

»Ersaufen sollst du, du Hundevieh!«

Jetzt während der Flut war der Fluß hier breit, aber trotzdem sie ihm vom Meer herein entgegenstand, hatte er eine ziemlich starke Strömung, nun im Herbst, man konnte Engelbert im Rauschen des Wassers nicht schwimmen hören. Auch wenn einer hier ohne Kleider hinüberkommen wollte, mußte er ein guter Schwimmer sein, kam es Odin in den Sinn. Er wollte es nicht, tat es aber trotzdem, rief noch einmal, – er fühlte sich zottig wie ein Tier am ganzen Körper: »Ersauf und komm nie wieder herauf!«

Er rannte schon wieder weiter, am Strand entlang und zum Bollwerk hin, machte ein Boot los und ruderte zur Sandbank hinüber, dort, wo das Wasser über steinigem Grund floß, denn dorthin mußte einer kommen, war er nun lebend oder tot, wenn er nicht schon vorher untergegangen war. Doch dort war kein Engelbert zu finden. Odin watete bis an das südliche Ufer hinüber und dann noch ein Stück weiter hinauf, bis er sich oberhalb der Stelle befand, wo Engelbert ins Wasser gesprungen war. Nirgends ein Lebenszeichen. – Er muß wie ein Heusack ins Meer hinausgetrieben sein, sagte sich Odin. Ja, ja, geschehen ist geschehen. Er sagte es noch einmal, zum Himmel hinauf und der ganzen Welt entgegen:

»Geschehen ist geschehen und soll so sein!«

Er ruderte zurück, zuerst ein Stück weit hinaus, und suchte dann noch, bis er ans Bollwerk kam. – »Nein, so hatte ich es nicht gedacht, das ist wahr. Aber ich wünschte es. Das will ich vor der ganzen Gemeinde verantworten.« Noch während er dies sagte und das Boot festmachte, fiel ihm ein, was Ingri an diesem Abend gesagt hatte, sie hatte solche Angst, als er fortging. – »Ja–a, Ingri, die Menschen sind gefährlich«, lachte er; »aber ich bin auch gefährlich!«

Oben beim Schuppen stieß er auf Lauris, der zum Ufer hinunterging; Odin sagte nichts; Lauris fragte nach Engelbert. – »Der Engelbert?« – »Ja, er ging doch erst vorhin zur Bootslände hinunter?«

Odin stand eine Weile da. Er nahm die Mütze ab und trocknete sich den Schweiß.

»Pack gibt es hier genug in der Gemeinde!« sagte er, so laut, daß es Lauris durchzuckte. »Aber jetzt sollst du dich vorsehen, Tod und Teufel, du auch. Wenn du es bist, der diese Geschichte ausgeheckt hat – – heut steh' ich nicht für mich ein!«

»Ich, sagst du? Bist du denn verrückt, Odin?« Er verzog sich nach rückwärts.

»Fahr zur Hölle, verrückt bin ich, ja, und der Herrgott mag wissen, wie das hier geht. Ich glaube, ich werde die Gemeinde bald säubern!«

Lauris schlich sich davon, zum Strand hinunter, Odin blieb eine Weile stehen und sah ihm nach. Raffte sich dann auf und ging seiner Wege.

4

Als er so hinaufging, war ihm leicht und wohl zumute. Besonders nachdenklich war er nicht. Er wunderte sich nur darüber, daß er es war, der hier ging. Immer und immer wieder brauste es ihm durch den Kopf, dies sei einer aus der alten Zeit und aus der Dunkelheit, einer von denen, die das taten, was ihnen einfiel. – »So ist es diesen Burschen damals gegangen«, lächelte er. Es war nicht so ganz leicht, so zu sein, ja. Als er daheim angelangt war und hineingehen wollte, wurde ihm kälter zumute, und die Knie waren nicht so wie früher, er zauderte ein wenig, ehe er nach der Türklinke griff. – »Ach nein, ich bin nicht einer von ihrer Art«, murmelte er; »da fehlt viel, wahrlich. Aber ich muß doch tun, was notwendig ist.«

In der Küche war niemand und auch nicht in der Stube, aber die Lampe hing da und brannte. In der Kammer lag Per im Bett der Mutter und schlief – also war Anders scheinbar draußen. Odin ging in die Dachkammer hinauf. Das Bett war leer. Das ganze Haus stand leer.

Da ging er rasch hinaus, um die anderen zu suchen. Es war bereits Nacht, auf den Höfen schlief schon alles, und der Mond schob die Stirn im Süden über die Berge herauf; auf einmal war das ganze gelbe Gesicht da. Er war übrigens im Abnehmen, hatte ein schiefes Gesicht, und der Lichtschimmer, den er spendete, war weich und ungewiß, aber wunderbar schön. Die Haabergäcker kamen so nahe an Odin heran, ihn dünkte, sie wären tagsüber noch nie so gewesen, und genau so verhielt es sich mit den Bergen, er war hier umhergegangen und ein Blinder gewesen, der nichts sah. Schroffe Hänge und Schluchten und Waldstreifen sah er, in einem milden und hellgrauen Licht, und die Moore lagen so öde und nachdenklich und dennoch so lebendig da; und dort war das Meer, so war es, wach und blank im Blick. Aber was geht mich das eigentlich an? dachte er ungeduldig. Heute abend nicht mehr als an irgendeinem anderen Abend! Er hatte recht, er, der dies schuf, daß alles miteinander sehr gut war, aber später mußte er es anders erkennen, als die Menschen heranwuchsen; da bereute er es, er auch.

Und dort im Süden führte der Weg zur Brücke. Auch der hatte sich heute abend aufgemacht und ließ sich sehen, kam Odin einsam und grau entgegengeschlängelt, fast ein lebendes Wesen. Odin schritt aus und ging rasch bis zur Brücke hinunter. Nein, es stand niemand dort, wie zu erwarten war. – »Ingri!« sagte er klagend ein paarmal vor sich hin. »Ich bin noch da, Ingri!« Nun ja, Reue nützte jetzt wenig, heute war nicht der Abend dazu. Er ging am Fluß entlang, ging dahin und dorthin, er erinnerte sich jener Christnacht, da er den Weg nach Vennestad gesucht hatte, es war damals nicht viel besser gewesen. – »Sie findet mich früh genug«, sagte er, »findet mich früh genug«, lief aber trotzdem unvermindert rasch weiter, an einer Stelle sprang er freihändig über einen Zaun. – »Und was geschehen ist, ist geschehen. Du, Ingri, du verstehst mich. Aber was ist denn aus dir geworden? Du weißt ja doch nichts von dem, was vorgefallen ist, du?«

Rund um alle Hütten und Schuppen und um alle Häuser in Vaagen rannte er, war einen Sprung unten beim Fluß, an der Stelle, wo es geschehen war, und lief dann immer rascher landeinwärts, so daß die Nachtluft ihm um die Ohren pfiff, sie war wie fließendes Wasser, dünkte ihn –, nicht ein einziger von den Alten war jetzt bei ihm – Dreckskerle!

Oben, wo die Äcker von Haaberg anfangen, holte er Ingri und Anders ein. Er erzählte, soweit sein Atem es zuließ, daß er überall herumgelaufen sei und sie gesucht habe. Die beiden sagten, genau das gleiche hätten sie getan. Ingri habe sich zuerst auf den Weg gemacht, allein, und dann sei Anders heimgekommen, habe das Haus leer gefunden und sei ihr nachgegangen, habe sie unten bei der Brücke eingeholt. »Sie war ganz außer sich vor Angst«, sagte Anders. – »Ja, aber warum denn?« fragte Odin. Ingri ergriff seine Hand, sie vermochte nichts zu sagen. – »Du hast wohl geglaubt, sie hätten mich erstochen?« lachte er. »Stechen, das tun sie«, fuhr er fort, »jetzt aber wird es sich zeigen, ob ich ihnen nicht das Handwerk gelegt habe, fürs erste, du sollst etwas zu hören bekommen, was du dir nicht erwartest, morgen. Ich habe recht gehandelt; ich habe fast ein Gefühl, als sei mir das bisher noch nie gelungen.«

Anders ließ seine Blicke ein paarmal über den Vater gleiten. Odin merkte dies, doch berührte es ihn nicht, nicht heute nacht. Es gab viele, viele Dinge, die ihn nicht mehr berührten. »Morgen aber sieht es anders aus«, murmelte er. – Ingri sah zu ihm auf und holte tief und schwer Atem.

»Unerforschlich«, sagte er.

Als sie beide allein in ihrer Kammer waren, sagte er: »Wenn ich nun gezwungen wäre, einen Halunken ins Meer hinauszujagen, Ingri, und er würde mir den Streich spielen, zu ersaufen?« – »Nein, nein, Odin! Sag so etwas nicht!« – »Nein, nein, und du weißt auch: so etwas tut man heutzutage nicht mehr. Die Leute erschlagen die Kreuzotter, wenn sie's so weit bringen – du erschlägst nicht einmal die, du? Nein, ich weiß es. Ach ja, ja, wahrlich; es ist leicht reden.«

Er bemerkte, daß sie bleicher und weicher wurde denn jemals zuvor. – »Was ist denn, Ingri?« wollte er wissen. Sie schüttelte den Kopf, wagte Odin nicht anzusehen. Er versuchte ihr Gesicht zu sich herüberzudrehen, da aber schlug sie die Augen nieder. – »Nun hat dein Vater gekündigt«, sagte er. »Er hat gekündigt und will von hier wegziehen, hörst du?« – »Oh?« sagte sie nur. Dann war es gleichsam, als käme sie zu sich. Sie blickte erstaunt auf: »Ach, Gott sei Dank!« flüsterte sie. »Wir ziehen auch von hier weg, Odin, nicht wahr?« »Ja, du weißt – –«

»Sie wissen alles! Sie sind gefährlich!« brach es aus ihr heraus.

»Menschen gibt's überall, wo wir auch hingehen, mein Goldkind. Aber jetzt wollen wir schlafen. Morgen – ist auch ein Tag.«

Sie wollte bei ihm liegen. Darum hatte sie ihn noch nie gebeten, soweit er sich zurückerinnern konnte. Odin durchlief ein Schauer, wenn er daran dachte, daß sie nicht die geringste Ahnung hatte von dem, was an diesem Abend vor sich gegangen war; aber er schlief ziemlich bald ein, wie es seine Art war. Als er gegen Morgen aufwachte, merkte er, daß sie wach dalag, und er begriff, daß sie die ganze Nacht so gelegen hatte. Er dachte sofort daran, was Engelbert gesagt hatte, schüttelte es wieder ah wie Eiter und Gift und erinnerte sich an das, was geschehen war. – Da sagt Ingri: »Der Engelbert war hier.« – »War er hier? Jetzt, nachdem ich ihn davongejagt habe?« Odin fuhr auf. Sie erzählte, daß er gekommen sei, gleich nachdem Odin fortgegangen war. – »Ach, da!« sagte er vor sich hin. – »Es ist alles aufgekommen«, sagte sie. » Alles miteinander, Odin. Er sagte es hier!« – Ihren Körper durchlief ein Beben. – »Ja, ja, ja«, murmelte Odin. – »Ein wahres Glück, Odin, daß der Anders nicht daheim war – da wäre es schlimm gegangen!«

Odin hatte einen schmerzlichen Stich in sich gespürt, als sie die Worte » alles miteinander« sagte, so daß er noch lange danach fast betäubt liegenblieb. Das erste, was er dann wieder merkte, war, daß Ingri zitterte. »Bist du krank?« fragte er. – »Es überfiel mich nur so ein Zittern, als er hier war. Und dann auch noch, als wir dich suchten. Aber es geht bald vorüber, wenn nur der Vater erst einmal von hier fort ist, denn wir, Odin, wir kommen immer darüber hinweg.« – »Jetzt hast du mich froh gemacht!« sagte er, unnötig laut, und sie hörte seiner Stimme an, daß irgend etwas in ihm kämpfte. – »Aber daß du um meinetwillen in diese Sache geraten mußtest«, fuhr sie fort. »Das war es, was ich kommen sah, als wir heirateten!«

»Du hast mir doch damals alles erzählt, Ingri, oder nicht?« – »Ich glaube doch wohl nicht? Du fragtest nicht, du.« – »Nach deinem Vater, nein! Nein, und etwas anderes hattest du ja nicht zu erzählen, das weiß ich ja. Aber Herrgott, wie merkwürdig es doch ist, daß es den Menschen so schwerfallen muß, miteinander zu reden. Aber du und ich, wir – –«

Er holte tief Atem, stützte sich auf die Ellbogen auf und stieß die Worte stöhnend aus:

»Ich danke dir dafür, daß du mich jetzt so angesehen hast, Ingri!«

Nach einer Weile sagte er:

»Und den Engelbert, den habe ich heute abend ins Meer hinausgejagt, gestern abend, richtiger gesagt. Hörst du, Ingri?«

Sie schwieg lange. – »Ja, ja«, sagte sie endlich.

»Ja, denn – – es mußte geschehen, du weißt nicht, was er sagte!«

Es durchlief sie ein neues und starkes Beben, ihm war, als sei es das Leben, das seiner Wege ging; er merkte es und vergaß es wieder. Er fing an zu reden. Er sah alles vor sich, worüber er redete, aber er dachte nicht darüber nach, daß er dalag und es aussprach. – »Wir brauchten einen Besen hier in der Gemeinde! Kleine Leute, heißt es. Ich habe es schon oft gesagt: Ich hasse dieses Wort. Es ist ein häßliches Wort. Jetzt aber hat sich das Blatt gewendet, jetzt muß ich es selber gebrauchen. Alles hat sich gewendet, und ich stehe auf der anderen Seite. Die Astri und der Lauris, die sehe ich auf der Seite der kleinen Leute, ich glaube fast, ich sehe die ganze Gemeinde dort. Da aber will ich lieber die Flucht ergreifen. Es täte not, daß man sie alle an die Kette legte. Ich sehe es jetzt deutlich: so ist es im ganzen Land. So ist es nun für einige Zeit. Wer hätte gedacht, daß es für mich je einmal so ausschauen würde!«

»Nachts sehen alle Dinge schlimm aus«, sagte Ingri still.

Darin hätte sie allerdings recht, gab er lächelnd zu, in der Nacht sieht alles schwarz aus. »Und dann wird es ja besser, Ingri, warte nur ab. Wenn es auch nicht gerade für uns besser werden wird. Einsam, sagst du: Ja, so weit muß einer kommen, daß er einsam wird. Der Kämpfer ist immer einsam, die anderen haben es gut, wie man so sagt. Nur wenn er in den Krieg geht, dann wird es ein wenig hart für sie, – du hast sie doch gesehen, Ingri? Ich, siehst du, ich sehe sie erst jetzt. Sie waren ziemlich bleich, viele unter ihnen. Astri, ja, die ist eine Aristokratin. Sie schaut nicht nur empor, sondern auch vorwärts, sie ist die geborene Mutter für ein großes Geschlecht. Aber den Mutterinstinkt, den haben auch die kleinen Leute, der ist plebejisch, habe ich gelesen, der zieht herab. Ich fürchte, es geht immer mehr und mehr abwärts mit ihr. Aber daß es für mich je so ausschauen würde!«

Ingri lag da und schwieg. Dann schlief sie ein, denn Odin redete zuletzt nur mehr in Gedanken. Dann schlief auch er ein.

Er war der erste, der wach wurde. Er hörte Anders oben im Dachraum aufstehen. Ingri lag neben ihm und schwitzte. Wer weiß, vielleicht wurde sie jetzt krank.

Er sah durch die Stube hin. – Merkwürdig, fand er, daß er nicht gleich ans Meer dachte. Daß er sich nicht förmlich davon angezogen fühlte. Und das bin ich, sagte er; und dort liegen meine Kleider. Ich muß hineinschlüpfen, heute wie immer.

– – – Lauris war zum Ufer hinuntergegangen, das war das letzte gewesen, was Odin am Abend noch von ihm gesehen hatte, und seitdem dachte er nicht mehr an ihn. Lauris wartete, bis er hörte, daß Odin auf dem Heimweg war. Dann begann er am Fluß entlangzugehen, er glaubte fast, irgendwo ein Plätschern zu hören. Und er fand Engelbert. – »So, du bist's?« grinste er. »Mir scheint gar, du bist naß geworden?« Engelbert schlugen die Zähne aufeinander, er konnte nicht antworten. – »Ist der Odin fort?« war das erste, was er herausbrachte. – »Ja, aber er ist noch nicht weit gekommen, willst du mit ihm reden?« – »Nein, nein!« – »Hm! Ich glaubte übrigens, er hätte dich umgebracht. Ja, was sagst du jetzt, Engelbert Olsen?« – »Ins Zuchthaus soll er!« brachte Engelbert schlotternd hervor. Lauris lachte ins Land hinein. Dort war alles still. Er nahm Engelbert zu sich heim, es war nicht weit bis dorthin. Lauris flüsterte, sie sollten sich still verhalten, wegen der Leute im Stockwerk darüber.

Als Engelbert die Kleider gewechselt hatte und wieder warm geworden war, sagte Lauris: »Jetzt wollen wir Odin das einzige antun, was verschlägt. Du sollst verschwunden bleiben, untergegangen. Morgen früh stiehlst du dich heimlich an Bord des Dampfers, still, kein Wort! Dann fährst du mit dem Schnelldampfer nach Süden weiter – es ist wohl nicht schlimm, wenn er mit deiner Schuld zurückbleibt? Du nahmst das Reisegeld auf seinen Namen zu leihen, erst kürzlich, dümmer warst du nicht. Du reist fort, bist nicht mehr da; denn hier bist du fertig, das siehst du wohl selber ein.«

Engelbert sah Lauris an. Sie hatten nur eine ganz kleine Lampe angezündet. – »Du bist ein Schädling«, sagte er. – »Wie man's nimmt, mein Sohn. Aber jetzt helf ich dir jedenfalls. Guter Rat ist teuer. Aber ich werde mich schon auf anderer Seite bezahlt machen. Ich will den Odin die ersten paar Tage einmal beobachten. Schade, daß du ihn nicht auch sehen kannst. Du mußt schreiben, Junge, und von dir hören lassen, dann will ich dir antworten und dir allerhand erzählen. Ein Mörder, siehst du. Unser Bürgermeister ist jetzt ein Mörder, du hast ihn schön besiegt.«

Es ging leichter, als zu erwarten war, Engelbert ließ sich zu diesem Plan überreden, und Lauris wartete und sah zu, wie der andere sich reisefertig machte.

Am Morgen darauf war der Dampfer, noch ehe es hell wurde, in der Bucht, und Lauris ruderte selber mit Engelbert zum Bollwerk hinüber und schaffte ihn heimlich an Bord, an der Außenseite des Dampfers, es ging gut, wie ausgerechnet. Lauris glaubte nicht, daß auch nur eine Katze die Rockzipfel des Ausreißers gesehen hätte, und er selbst hielt sich im Dunkeln zwischen den Fahrzeugen und kam ungesehen wieder an Land. Und während er so zur Bootslände bei den Haabergschuppen ruderte, dachte er daran, daß auch dies Odins Werk war: der Dampfer legte nicht mehr hier an, sondern drüben bei der Fabrik. Odin hatte dies nicht eigentlich veranlaßt, es kam von selber, sozusagen, aber es war ein Span im Fleische eines guten Nachbarn. – »Und heute wirst du selber den Span im Fleische haben«, murmelte er. »Und außerdem sind wir den Kerl los, der dort davonfährt; da habe ich der Gemeinde und mir einen wirklichen Dienst geleistet. Und summa summarum, Odin!«

5

An diesem Tag telephonierte der Lensmann nach Haaberg.

Astri nahm den Hörer ab, hatte dies beinahe jedesmal getan, in letzter Zeit. Der Lensmann wollte nur hören, ob sie am nächsten oder übernächsten Tag daheim wären. Er habe etwas mit ihnen zu besprechen – sie brauchten keine Angst zu haben, wenn er komme. – »Der Lensmann«, sagte sie nur, als sie den Hörer einhängte. Lauris saß am Tisch und aß, sie sah ihn nicht an, aber sie merkte genau, daß er erschrocken war. Da mußte sie ihn trotzdem ansehen, sie mußte ihn einmal erschrocken sehen. Es war so, wie sie sich gedacht hatte, sein Gesicht war mit einem unheimlich graugelben Schimmer überzogen.

An sich selber fühlte sie nur, daß ihr die Augen ein wenig starr im Kopf standen, denn sie hatte in den letzten Nächten so wenig geschlafen. – »Wolltest du nicht eigentlich in den Wald gehen?« fragte sie. – »Die Buben sind schon fort, ich weiß nicht, ob ich heute mittue, ich habe mich noch nicht recht erholt seit meiner Krankheit«, fügte er hinzu. Er wurde eifrig, als er glaubte, sie höre ihm zu, und redete von verschiedenem, doch er merkte bald, daß sie gar nicht auf ihn achtete. Da ermannte er sich im Ernst: »Ist es denn wirklich so gefährlich, diese Geschichte? Es war doch um deinetwillen? Ja, freilich war es schlimm von mir, aber Herrgott –!«

Sie sah ihn rasch an. – – »Schlimm?« sagte sie. »Es war ein Mißgriff, hörst du!« Nach und nach beruhigte sie sich und war wieder so wie in den letzten Tagen, sanft und von stillem Wesen und ein gutes Stück weit entfernt von allem rings um sie; kaum daß sie die Kinder sah, wenn die in ihre Nähe kamen, fiel aber ihr Blick auf sie, so konnte es geschehen, daß sie den jüngsten Buben oder die kleine Aashild an sich zog und lange Zeit so stehenblieb. »Es war ein Mißgriff, Lauris, und jetzt ist es geschehen. Ein Mißgriff ist noch nicht das Schlimmste. Wer es fertigbringt, keinen Mißgriff zu tun, und das womöglich sein ganzes Leben lang, aus dem mache ich mir nichts. Und jetzt ist es geschehen, wie gesagt. Geschehen ist nicht ungeschehen, das hab' ich nun gelernt.«

»Will er heute kommen?« erkundigte Lauris sich zahm. – »Der Lensmann? Nein, morgen, sagte er, glaube ich. Was geht das mich an! Mag es gehen, wie es will«, sagte sie vor sich hin. »Ich weiß, was ich tun muß. Ich tu's um unserer Kinder willen. Hauptsächlich um ihretwillen, ja. Ich hab' ja gewußt, daß es einmal kommen würde.«

»Das hier? Hast du denn darum gewußt?« Lauris sah sie mit messerscharfen Blicken an.

»Ach, Unsinn! Dann wäre es nicht dahin gekommen. Aber daß es schwer sein würde – – mit dir verheiratet zu sein. Und daß ich es tragen müßte, was auch kommen würde.«

»Mir scheint, du bereust es doch, daß du mich genommen hast?« – Ihm war, als könne er den Ton in ihrer Stimme nicht mehr länger ertragen.

Ruhig drehte sie sich von ihrer Arbeit am Ofen weg und sah Lauris still an. Der lachte:

»Jetzt hast du keine schönen Augen gemacht!«

»Bereuen!« sagte sie verächtlich und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. »Du redest wie ein kleines Kind.«

Er ging hin und wollte sie umarmen, das brauchte es, manchmal, erinnerte er sich. Sie aber schüttelte ihn sofort ab, es schauderte sie wohl bis ins Innerste. – »Daß dieses Mistvieh von einer Mina wirklich hingehen und uns anzeigen mußte«, sagte er und schob die Hände in die Taschen. – »Red nicht schlecht von der Mina, sei gut!« Ihre Stimme klang jetzt wieder weich. – »Nein, nein. Aber das weiß doch jeder Mensch, der es nur wissen will, daß der Ola halb närrisch war, wenn nicht noch mehr, zum Schluß, so dumm werden sie denn doch nicht sein?« – »Sie werden nichts wissen, ganz bestimmt nicht«, sagte sie leise, »ja, der Odin vielleicht, denn er sagte einmal etwas Ähnliches wie – – nein, das geschieht nimmermehr!« – »Was denn? Was soll nicht geschehen?« – »Daß ich zu ihm gehe und ihn um Hilfe bitte. Lieber beschwöre ich tausend Lügen, wenn's darauf ankommt, ich bin mein eigener Herr. Bin es mein Lebtag gewesen.«

Lauris kniff das eine Auge ein wenig zu, pfiff leise und lächelte; dann sagte er: »Der Odin, ja, möchte wissen, wie's dem heute geht. Recht großartig kann es nicht um ihn bestellt sein. Der ist hingegangen und hat einen Mißgriff gemacht, der; gestern abend. Hat einen Mann ins Meer hinausgejagt. Hat ihn umgebracht, so gut er eben konnte; es war der Engelbert, wenn du's wissen willst, sein eigener Freund und Waffenträger.« – »So, so«, sagte sie, nahm ihre Arbeit und ging in die Küche hinaus.

– Wie kann er nur so dastehen und reden und mich dabei anschauen! dachte sie. Wie kann er nur mich hingehen und das tun lassen.

»Zum Teufel noch einmal, ich geh' ihr nicht nach!« sagte Lauris vor sich hin. »He! He! Ich war dumm

Nach einiger Zeit tat er es trotzdem, denn er sah Odin herüberkommen, auf die Küchentüre zu.

Odin grüßte wie immer, mit heller und frischer Stimme. Lauris konnte sehen, daß auch Astri heute darüber stutzig wurde.

Ja, er wolle mit dem Lauris sprechen. Es handelte sich darum, daß Arnesen seine Stellung als Disponent gekündigt habe, hier sei der Brief. – »Jetzt schon?« sagte Lauris, mit hochgezogenen Brauen. Astri sah von einem zum anderen, wacher, als sie seit langem gewesen war: »Wozu soll das gut sein?« – »Ihr wißt, er übernahm den Posten, sozusagen gegen seinen Willen«, sagte Odin. – »Ja, du, Lauris, weißt ja, daß er eigentlich keine Lust dazu hatte; und jetzt hat er sich eine Jacht gekauft, er meinte, es sei mehr damit zu verdienen.« Astri steht da und sieht ihn unverwandt an. – »Ja«, fährt er fort und hält ihrem Blick stand, »rein herausgesagt: da die Leute es nicht sein lassen konnten, auf ihn zu hacken und ihm Böses zu tun. Das ist dir doch nicht ganz unbekannt, nicht wahr?« – Er drehte sich Lauris zu und betrachtet ihn von oben bis unten. Lauris steht trocken und hart wie ein Pfahl da, Odin wendet sich wieder zu Astri, wird sie gleichsam gewahr und sieht sie genau an: »Aber was ist denn mit dir los? Du wirst doch wohl nicht auch noch spanisch werden, oder?« – »Woher doch!« – »Hm. Ihr seht alle so abgeschabt aus, viele von euch – genau so geht auch die Mina auf Segelsund umher. Hat euch am Ende der Ola einen Schrecken eingejagt – nein, das kann ich mir nicht denken!«

Astri sah scharf und höhnisch drein. – »Ja, er ging ins Wasser, das ist nun einmal so«, sagte Odin. »Er fand wohl, er tauge zu nichts anderem mehr. Schön war das nicht, das ist wahr, aber –.«

»Er war närrisch zum Schluß, so ein wenig verdreht im Kopf, nicht wahr?« fragte Lauris.

Nun, närrisch, darüber wußte Odin gerade nichts. »Aber zu alt! Einfach zu alt, ja.«

Astri sah einmal Odin an und einmal Lauris, so ruhig, daß es unheimlich war, ging dann in die Stube hinein.

Und nun müsse eben eine neue Versammlung einberufen werden, so bald wie möglich, meinte Odin. Und das solle Lauris veranlassen, jetzt, nachdem er wieder gesund sei. Die Bücher lägen in der Fabrik.

Lauris gab keine Antwort, denn Odin stand auf einmal in Gedanken versunken da; Lauris räusperte sich ein paarmal, und endlich raffte Odin sich auf, verzog den Mund zu einem Lächeln und ging zur Türe. – »Er ist eben übernächtigt«, dachte Lauris.

Odin ging geradeswegs zur Fabrik. Ingri war noch nicht aufgestanden, Anders arbeitete im Stall, und schließlich war es ja auch am besten, sie in Ruhe zu lassen, meinte er. – »Wenn ich es doch nur fertiggebracht hätte, mit ihr zu reden«, sagte er sich. Sie sei wieder gesund, hatte sie erklärt. Was er in der Fabrik wollte, wußte er nicht; er blieb ein paarmal stehen und sah um sich, betrachtete die Höfe und die Gegend und sah übers Wasser hinaus: hatte man je ein so schönes Wetter gesehen? Warum mußte es gerade jetzt so besonders schön sein? Oder kam dies nur daher, daß den ganzen Sommer und Herbst hindurch beinahe nur schlechtes Wetter gewesen war? Er blickt über die Gegend hin und nimmt alles in sich auf und fühlt es im selben Augenblick so ganz und glücklich in sich, ein Teil seiner selbst: Die Bucht mit den kleinen Wellen, die der Sonne entgegensprangen und glitzerten, die Strömung im Fluß, die so sicher zum Meer hinaustrug, das Ufer mit seinen Landzungen und Buchten, das alles wandte sich ihm alt und vertraut zu; und dann die Fabrik, dieser Plagegeist, und die anderen Häuser drüben am Südstrand, sie standen da und wußten von ihm. Während sie Licht und Luft auskosteten. Alles miteinander war sehr gut. – »Und ich wage all dem in die Augen zu sehen, heute so gut wie jeden anderen Tag«, sagte er, er nickte sich selber zu.

Die Fabrik ging ihren Gang, und die Bauarbeiter waren bei ihrer Arbeit. Ein Engelbert war nirgends zu sehen. Nein, und sollte er denn da sein? Odin lächelte. Aber sie schauen mir nach, dachte er, es ist beinahe, als sähen sie mich zum erstenmal. Ein oder zwei schienen mit ihm reden zu wollen. – »Nur Geduld, Leute!« knurrte er innerlich. »Nur Geduld, ihr werdet schon sehen. Glaubt nur nicht, daß ich ausreiße.«

Er schritt ein paarmal um den Neubau herum und wollte dann ins Haus gehen. In dem Augenblick aber, da er nach der Tür griff, um sie aufzumachen, hört er hinter sich ein Weib den Namen Engelbert aussprechen. Es waren zwei Frauen, die miteinander redeten. – »Heute?« sagte eine. »Aber nein, ich kam doch heute mit dem Dampfer aus der Stadt, ging hier auf dem Bollwerk drunten an Land, – ich sah ihn nicht.« – »Ja, ja, glaub's nur, er ist durchgebrannt, es war sogar der Lauris Haaberg, der ihn zum Dampfer gebracht hat; unsere Buben waren unten und haben es gesehen. Er wollte auf eine lange Reise, das konnten sie ihm anmerken. Ja, ja.« – »Ich hab's ja immer gesagt, der Engelbert, hab' ich gesagt, der ist auf der einen Seite zu gut zum Arbeiter und auf der anderen Seite zu schlecht dazu. Wenn er nur nicht etwas Schlimmes ausrichten soll da unten – wenn es nur nicht bald Krieg und Brand gibt!« – »Es kommt noch zum Krachen, ehe der Winter aufhört!« flüsterte die andere. »Und Glück zu!« fügte sie hinzu und kicherte höhnisch; sie nahm ihren Eimer und ging.

Odin drehte sich in der Tür um und ging zu der Frau, die noch dastand. Er fragte, was sie da erzählt habe, ob der Engelbert wirklich fortgereist sei? Er bekam die ganze Geschichte noch einmal aufgetischt. – »Er stahl sich förmlich an Bord«, sagte die Frau.

Für Odin bekam der Tag kein anderes Gesicht, und auch an sich selber merkte er kaum einen Unterschied. Das einzige war, daß er ein paarmal lange gähnte, er war so müde. – »Man taugt nicht viel, wenn man übernächtigt ist und kalte Knie hat«, lachte er dem Weib und sich selber zu.

Er ging zum Bollwerk hinunter und redete mit den Männern, die dort Heringe herauftrugen. Es war heute Liefertag, Dann nahm er ein Leichtboot und ruderte zu den Schiffern hinüber, denn mit denen gab es vielerlei zu besprechen. Die Schiffer waren ordentliche Leute, dort gab's keine Reibereien, dafür aber Kaffee und zu essen, soviel man wollte. Aber drunten in der Kajüte war er schon wieder nahe am Einschlafen. Einer von den Männern kannte Lauris und erkundigte sich nach ihm. Odin fragte, ob Engelbert kürzlich hier gewesen sei. – Das sei noch gar nicht so lange her. Er sei oft hier gewesen, doch, ja.

Odin glaubte zu sehen, wie das Lächeln hinter den ernsthaften und gleichmütigen Gesichtszügen auf der Lauer lag; an was erinnerten sie sich nur?– »Der Engelbert ist seiner Wege gegangen«, sagte er und sah sie dabei genau an. Sie waren sehr erstaunt. Das war es also nicht, woran sie gedacht hatten, durchfuhr es ihn wie ein scharfer Stich. Er hatte ein paar Schnäpse zum Kaffee bekommen, und die waren ihm offenbar zu Kopf gestiegen, denn jetzt merkte er, daß er sich nicht mehr in der Gewalt hatte. Er lachte laut und hieb mit der Faust gegen den Deckenbalken, daß es nur so dröhnte: »Er ist hier gewesen, das sehe ich, er ist hier gewesen mit seinem Mundwerk, leugnet's nur nicht ab! Und jetzt, wenn ihr mich nur seht, müßt ihr daran denken, was er euch erzählt hat, das merk' ich, – – aber das sind Lügen, hört ihr! Ich habe ihn deswegen ins Meer hinausgejagt, aber er kam zu billig davon, die Ingri ist dadurch nicht reingewaschen worden.«

Eine Zeitlang starrte er sie mit leeren Blicken an. – »Nein«, sagte er leise, »man kann einen nicht reinwaschen, der so besudelt worden ist. Im übrigen: wenn es nun wahr wäre? He? Das tut mir nicht viel weher, als wenn man totes Fleisch zusammennäht; ich habe das einmal versucht, mit Nadel und Faden, Burschen! Habt ihr nicht vorhin vom Lauris geredet? Ich sage euch, er ist der Lügner, ja. Sie hat ihn nicht früher gesehen, als bis sie hierherkam.«

Die Schiffer saßen alle drei verdutzt da und sahen ihn an, warfen einander dann und wann einen Blick zu, sie fühlten sich so unbehaglich wie nur möglich, um seinetwillen. Ja, ja, der Teufel mochte sie holen.

Als er wieder an Land kam, ging er zu Arnesen hinauf. Dort blieb er sitzen und redete davon, daß er heimgehen müsse, daß er schon längst daheim sein sollte. Doch er kam nicht vom Fleck. – »Nein, aber ich hätte mich daheim umschauen sollen«, sagte er in einem fort. »Ich hätte mich nach der Ingri umschauen sollen.« Arnesen war mit Schreibereien beschäftigt, jetzt aber sah er auf und blieb so sitzen. – »Was starrst du mich denn so an, ist etwas an mir?« Arnesen antwortete nicht. – »Ich hätte nachschauen sollen, wie es ihr geht, meinte ich; ich hätte vieles sehen sollen!« – »Sie ist doch nicht krank, oder?« – »Ob sie krank ist? Nein, aber –. Es ist schlimm, von daheim weg zu sein, schlimm, schlimm, wenn es Dinge gibt, die man nicht weiß.«

Es ging auf Mittag zu, und Arnesen fragte, ob er nicht mit ihm zusammen essen wolle. – Doch, Odin war nicht abgeneigt. »Essen, ja!« sagte er, »zuerst etwas zu essen, und dann heim, meistens sieht alles ganz anders aus, wenn man gegessen hat«, – er war jetzt wieder wie ein junger Bub.

Während des Essens wurden nicht viele Worte gewechselt. Danach legte Odin sich auf die Bank und schlief sogleich ein, obwohl die Bank viel zu kurz für seine Länge war. Als er aufwachte, dämmerte es bereits, das Licht draußen war schon im Begriff, von der Welt Abschied zu nehmen, so schien es ihm. Er bekam Kaffee, und jetzt machte er sich wirklich auf den Heimweg.

Er bereute, daß er Arnesen nicht die Hand gegeben hatte, ehe er ging. Der hatte dagestanden und darauf gewartet.

Als er ein Stück weit gekommen war, fühlte er auf einmal, daß jemand hinter ihm ging. Odin hatte dies so an sich, wenn jemand hinter ihm herging, mit dem zusammenzutreffen er eigentlich wenig Lust hatte, so schritt er immer schneller aus, bis der andere laufen mußte, um ihn einzuholen. So hatte er schon gar manchen Redseligen, der ihn begleiten wollte, hinter sich hergehetzt. Jetzt war es der Silberfuchs selber, das konnte er hören, man vernahm keinen Schritt auf dem Weg, es tappte nur. Vor dem Kerl wäre er heute abend am liebsten ausgerissen, ließ es aber dann sein; er ging langsamer. Und der andere schritt mächtig aus, so alt er war, und kam heran, man hörte schon seinen Stock auf dem Weg, der war es, der den Schritt beschleunigte; Odin hörte die flachen Füße. Jetzt war der andere auf gleicher Höhe mit ihm und war ganz erstaunt darüber, wirklich Odin zu treffen.

Ja, Vikesylt war in seiner Eigenschaft als Küster bei dem Leichenbegängnis drunten auf Breitstranda gewesen. Es war wirklich traurig mit allen diesen Todesfällen. Sie sprachen ihre schicksalsschwere Sprache zu den Menschen. – »Du solltest dich in acht nehmen«, sagte Odin, »du versuchst ja den Herrgott geradezu, wenn du bei dieser Seuche von Hof zu Hof rennst.« Der andere wollte stehenbleiben, aber Odin ging weiter. – Vikesylt wollte nur so viel sagen, daß er sowohl mit sich selber als auch mit dem da droben sein Haus bestellt habe: Er wollte auf dem ihm zugewiesenen Posten ausharren, bis er zusammenbrach. Er redete von diesem und jenem und kam endlich dorthin, wo er hinzielte.

»Daß du der Jugendbewegung so fernstehst, Odin? Dies ist bei dem gegenwärtigen Zeitpunkt ein großer Verlust, nicht nur für dich, sondern namentlich auch für die Gemeinde.« – »Ich, der mitten darin steht?« fragte Odin erstaunt. »Aber hören Sie doch zu, Mann: Glauben Sie denn, daß ich dazu geschaffen bin? Daß ich wirklich der Mensch bin, der zu solchen Bewegungen taugt? Nein, nun sollen Sie antworten!« – Ja, Vikesylt wollte sagen, nach seinem Einblick und seinem bescheidenen Urteil, so – –

Er redete lange. Da unterbrach Odin ihn: »Sie glauben wohl, wenn nur erst Sie und die Ihren die Macht über mich bekämen, dann würde ich inwendig gleich heller werden? Dann könnte ich nie mehr schwarz werden und irgend etwas anstellen? Wenn ich das glauben würde, dann sagte ich sofort Lebewohl. Ich will nicht so anständig und schlau werden, nein, hören Sie!«

Vikesylt hob den Stock, und auch die Stimme:

»Du bist jetzt bedrückt, das höre ich, und aufgeregt und mitgenommen, und das wundert mich nicht nach all dem, was man sich erzählt. Ich habe viel erfahren im Leben, Odin, viel, sage ich dir. Wenn es sich um die eigene Frau handelt, oh, Odin, ich kann mich gut hineinversetzen. Aber du sollst vergeben. Vergeben, siehst du, das ist das Größte in der Welt, meiner Meinung nach. Selbst wenn sie in ihrer Jugend sich betören ließ, im lockenden Netz der Jugend, und einen Fehltritt machte, Odin, du sollst ihr vergeben, sage ich dir!«

Odin merkte, daß sein ganzes Gesicht steif geworden war, steif wie Rinde, aber er versuchte sich aufrechtzuerhalten.

»Hat die Ingri einen Fehltritt begangen, sagen Sie? Wissen Sie das bestimmt?« Er sah Vikesylt in die Augen.

»Ja, du weißt – – ja, es war ja schließlich auch dies als ein Fehltritt anzusehen, was sie über ihren Vater erzählte, obwohl dies zu den Dingen gehört, über die man milde urteilen soll, sie wollte ja das verbergen, was ihren Vater entehrt hätte.«

Odin sagte: »Sie haben eine widerliche Art, zu klatschen. Früher kannte man das in der Gemeinde hier nicht, ehe Sie hierherkamen, die Leute waren die reinsten Holzklötze; abgesehen von dem einen oder anderen Weib.«

»Das andere möchte ich kaum glauben, wenn ich meine persönliche und aufrichtige Meinung sagen soll.«

»Gibt es noch mehr?«

»Nein, ich sage ja eben gerade, eigentlich gibt es nicht mehr. Ja, ich meine das, weshalb du Engelbert Olsen ins Meer hinausgejagt hast; das ist es, woran ich denke. Ich mische mich da nicht hinein. Ich verschließe meine Ohren, wenn solche Dinge erzählt werden. Man muß vorsichtig sein mit dem Glauben an Lügen und Verleumdungen.«

Odin packte ihn beim Arm, hart, aber er lachte noch: »Sagen Sie es doch offen! Heraus damit!«

»Au, aber ich glaube es ja nicht, hörst du!«

Odin lockerte den Griff nicht, und Vikesylt mußte damit herausrücken: daß sie etwas mit dem Lauris gehabt habe, im Nordland, es sei bei dem Leichenbegängnis erzählt worden. »Ich glaube nicht einen Schimmer davon, Odin!«

Odin ließ los und sagte ziemlich ruhig: » Sie sollten es glauben; und noch viele andere. Eine so blutige Lüge muß

euch doch wunderbar eingehen.« Er blieb stehen und beschäftigte sich mit seiner Pfeife: »Sagt einmal, wo kommt denn der Wind eigentlich her? Ich kann meine Pfeife nicht anzünden, und doch ist es vollkommen windstill! So, jetzt brennt sie.« Vikesylt räusperte sich:

»Aber was ich eigentlich heute abend sagen wollte, Odin, das war folgendes: du sollst dich darüber hinwegheben. Über alles, was dir an Widerstand, getäuschten Hoffnungen und ähnlichem auf deinem Lebensweg begegnet!«

Odin stand da und sah ihn an und vergaß zu rauchen.

»Unschuldig!« brach es aus ihm heraus. »Weiß Gott, er ist unschuldig wie ein Kind. Aber mit ihm reden, das ist, wie wenn man auf eine Hacke tritt und sich den Stiel gegen das Maul schlägt.« Er sagte Lebewohl und ging heim.

Vikesylt sieht ihm nach, nimmt dann den Stock und geht seinen Weg.

6

Odin schaut sich nicht um, aber er sieht Vikesylt vor sich, wie er seinen Rücken rundet und weitergeht, in die Gemeinde hinaus, um zu erzählen. Er sieht jene, die ihn erwarten, einer nach dem anderen steht helllebendig vor ihm: arme Leute in jedem Gesichtszug. Die glauben es, ja.

Er geht zuerst zum Stall hinüber, er gesteht sich selber ein, daß er noch nicht die Kraft hat, ins Haus zu treten.

»Lüge, Lüge!« sagt er dort drinnen im Dunkeln. »Aber wenn du erst die Lüge gehört hast, wo willst du dann hin?« Er bleibt noch eine Weile stehen, weiß kaum, wo er ist; dann seufzt er und lehnt sich gegen die Wand: »Es nützt nichts – – nach so etwas zu fragen!« Er geht wieder hinaus, bleibt stehen und sieht sich um, und seine Blicke bleiben an einer Holzlast hängen, die noch nicht abgeladen ist. Da löst er den Knoten des Seiles und macht sich daran, das Holz bei der Wand des Schuppens aufzuschichten, und als dies getan ist, sieht er sich um, ob schon genug Holz kleingehackt ist. Nur ganz wenig ist da, ja, so war es meistens bei Anders, – er konnte ebensogut gleich die Säge nehmen und ein oder zwei Prügel kleinsägen.

»Nein, so geht das nicht«, sagte er auf einmal, ließ den Prügel auf dem Sägebock liegen und ging hinein.

Er sah nur Ingri drinnen, fühlte aber deutlich, daß auch Anders und Per anwesend waren. Und Ingri wich an die Wand zurück, es wurde ihm kaum bewußt, und bleich war sie wie die gekalkte Mauer. Sie standen still und sahen einander an, Auge in Auge. Odin wurde immer mehr und mehr grau. Da hörte er Anders, er erzählte gerade etwas von dem Pferd, das ihm oben beim Nordhang in den Fluß gestürzt war; er mußte es mit einer Schlinge um den Hals würgen, bis der Körper Auftrieb bekam. Und das ging, es war eigentlich keine Kunst; Anders erzählte immer lauter und lauter, denn jetzt hörte ihm der Vater zu, endlich einmal. – »Jawohl«, sagt Odin und blinzelt dabei, »ein Pferd würgen, es auf diese Weise retten, ja, ich habe davon gehört, eine gefährliche Sache, Junge, eine gefährliche Sache! Beim Nordhang oben, ja?« Er zog die Brauen zusammen. Dort oben, da war die Stelle, an der einmal die Steinlaue abging, in früherer Zeit, beim Meer draußen. Dort ging die Laue, ja. Und tat ihr Werk, ja.

»Etwas zu essen? Nein, danke, aber ein wenig Kaffee, glaube ich.« Das bekam er, aber Ingri zitterten die Hände stark, als sie ihm die Tasse hinstellte. Nachdem er den Kaffee getrunken hatte, ging er wieder hinaus. Draußen war eine frischere Luft, und dann konnte er sich mit dem Sägen abgeben, konnte alles mögliche tun, da draußen. Er sägte, daß ihm der Schweiß herunterlief. Dann wollte er alles kleinhacken, was er gesägt hatte, aber es wurde zu dunkel dazu, und ein Licht wollte er nicht holen, das erschien ihm zu unmöglich, auch war die Stallampe nicht in Ordnung. – »Nein, mehr bringe ich nicht fertig!« sagte er laut.

Er blieb auf dem Hackstock sitzen. So waren wohl früher schon jene Menschen auf dem Hackstock gesessen, die mit irgend etwas nicht zurechtkamen, da mußte man wohl landen. Anders kam heraus, fragte, ob er noch ein wenig Holz hacken könne, oder ob er vielleicht einen Sack Torf holen solle? Dann fiel ihm ein, daß er ja einen Brief zur Post tragen sollte, es handelte sich um diese Bewerbung um einen Platz auf der Volkshochschule. – »Hast du also vor, dort hinzugehen?« sagte Odin. – »Ja! Darauf haben wir uns doch geeinigt, nicht wahr?« – »Ja, ja, es wird wohl so sein. War schon so, ja.« Anders ging. Groß und aufrecht, und ein stolzer Bursche heute abend, er hatte ein Pferd auf die alte Art gerettet.

Odin legte den Kopf in seine Hände. – »Nein, nein, Ingri«, murmelte er. »Warum warst du so, als ich hereinkam?«

Per fragte die Mutter ein paarmal, ob denn der Vater nicht käme. – »Doch, er kommt jetzt bald«, sagte sie. »Er kommt bald, armer kleiner Kerl.« Sie raffte sich auf und ging hinaus, um die Abendmilch durchzuseihen.

Auf einmal stand Odin auf. – »Es muß geschehen!« sagte er. Er hieb die Axt in den Hackstock, hängte die Säge an ihren Nagel, schloß die Türe der Holzlege. Seine Hände zitterten so, daß er es kaum zuwege brachte. – »Ich sah es ihr vorhin an, und alle anderen haben es auch gesehen ich jage sie zum Haus hinaus!« Er sagte dies trocken und ruhig, so, wie man ein altes Haus zum Abreißen verurteilt. Und jetzt war er auf dem Weg. Im Gehen murmelte er vor sich hin, es war irgend etwas aus der vorhergegangenen Nacht. »›Es ist alles miteinander aufgekommen‹ hat sie gesagt. ›Alles miteinander‹, hat sie gesagt.« Gleichzeitig durchlebte er es wieder, dieses Beben, das sie durchfuhr, als er erzählte, daß Engelbert häßliche Dinge über sie gesagt habe, – jetzt ging er mit großen Schritten weiter. »›Die der Lauris benutzt und weggeworfen hat‹, hat er nicht so gesagt? Die müssen schon lange darum gewußt haben. Haben sich wohl über mich gewundert – wundern sich wohl auch jetzt! Sie kann mit ihrem Vater nach Norden reisen.«

Aber auf der Schwelle blieb er stehen. Erstaunt betrachtete er die Stube und dann einen Gegenstand nach dem anderen.

»Lappin?« sagte er. »Lappin? Ah, jetzt weiß ich es: Es gab einmal einen, der eine Lappin fortjagte.« Odin griff sich verwirrt an die Stirn. »Die Gemeinde!« stammelte er. »Die Gemeinde, die ihn so lange plagte, bis er es tat. Aber ich? Ich gehorche nicht! Und wenn sie von Lappen und Gesindel abstammte.«

Er blieb stehen, wo er war, die Hand im Nacken, und fühlte sogar, daß er hier stand und wie ein Tölpel aussah. – »Das Gesicht der Gemeinde, ja«, nickte er. »Das hat schon manchen dazu gezwungen, eine Mannestat zu verrichten, – hat einen einmal gezwungen, eine Lappin aus seinem Haus zu jagen. Ein klägliches Mannsbild, man hätte ihn selber hinterdreinjagen sollen. Die blinde Fahrt, he? Einer aus einem Guß? Red keinen Unsinn heute abend. Es gab vieles, was sie früher nicht wußten. Ich weiß zehnmal mehr. Und wenn ich jetzt zu weich bin, dann laßt mich eben zu weich sein.«

Er drehte sich herum. Er sah die Scheunendächer gegen den Himmel und die Schultern der Berge, die so eisig hoch und schroff sind am Abend – er ballte die Faust und rief:

»Aber wenn der Herrgott ein Herrgott ist, dann muß er mir jetzt helfen, in dieser Not hier, und zwar gehörig! Sonst sag' ich ganz offen – –«

Es kam nur zu einem leisen Stöhnen, und dann ging er hinein. Er fragte Per, der bei der Lampe saß und zeichnete, wo die Mutter wäre. – »Sie hat sich hingelegt«, antwortete der Junge, die Zunge im Mundwinkel, über seine Figuren gebeugt. »Es ist ihr so schlecht geworden«, fügte er hinzu und machte mit dem Bleistift einen großen Schwung: »So, jetzt hat er auch eine Büchse, gleich wird er schießen und umbringen, sag ich dir!«

Als Odin sah, wie schlecht es Ingri ging, blieb er stehen, die Klinke in der Hand. Ingri war jetzt glühend heiß im Gesicht, und die Wangen leuchteten feuerrot; und die Augen brannten wie Glut in ihr. Der Mund war halb offen und trocken. Odin ging hin und setzte sich auf ihr Bett, sie aber bemerkte es gar nicht. Lange saß er da und sah sie an. – »Nein, aber Herrgott«, sagte er endlich. »Soll es so ausgehen? Bist du denn so krank?«

Dann richtet er sich auf, sucht nach einem Halt für seine Augen. Er ist bleich geworden vor Angst.

»Er hat mich doch wohl nicht erhört?« flüsterte er.

Doch, der Herrgott, oder wer er nun war oder nicht, der nahm jetzt die Ingri. – »Und dann habe ich also trotzdem verloren«, sagte Odin vor sich hin. »Verloren, ja. Wie es ihnen in früheren Zeiten erging. Wie es den Menschen allezeit ergeht. Es wird ihnen gewährt, worum sie bitten, damit sie sehen können, wie klein sie sind – sogar die Steinlaue kommt ins Rollen, manchmal.« Er stand heftig auf.

»Aber: Ich gebe noch nicht nach, du kennst mich so einigermaßen. Ich will keine Hilfe haben!«

Er ging in die Küche hinüber und kam mit einem kalten Umschlag zurück, den er Ingri auf die Stirne legte. Als sie eine Weile so gelegen hatte, wurde sie frischer, das konnte er sehen; ihm war sogar, als käme nach und nach neues Leben in ihre Augen. Die Röte verschwand, und ganz allmählich wurde sie bleich. Immer wieder redete er sie an, konnte es nicht lassen. Sie antwortete, aber so leise, daß er es nicht verstehen konnte. Es sollte wohl nur heißen, daß sie sich jetzt besser fühle.

Später in der Nacht sah er, daß sie fror, und deckte sie besser zu. Als er sich wieder aufrichtete, brach es aus ihm heraus: »Daß man doch nicht einen einzigen Menschen hat, mit dem man reden kann, wenn man es braucht!« Als dies aber gesagt war, dünkte ihn, er könnte trotzdem mit ihr reden. Er setzte sich hin und ergriff ihre Hand. – »Daß du mir das nicht erzählt hast, Ingri! Warum sagtest du mir nicht – – daß du den Lauris von früher her kanntest? Nicht mit einem Wort hast du das erwähnt.«

Es gab ihr einen Ruck, ihre Augen sanken ein.

»War es denn das, was er sagte?«

»Ja. Er sagte noch mehr als das. Daß es mehr als nur eine Bekanntschaft gewesen sei, sagte er.«

Sie nahm ihre Hand an sich und starrte ihn entsetzt an, wurde immer wacher und wacher.

»Das war es also, was du geglaubt hast?« flüsterte sie, »als du heute abend hereinkamst und mich ansahst?«

Odin fiel ganz zusammen. Seine Gesichtszüge waren wie ausgelöscht. Auch die Stimme klang leblos.

»Ja, so. Ja, so, er – – er hat gelogen, ja.«

»Ich traf ihn eines Abends auf einem Tanz. Er jagte mir einen Schrecken ein. Mehr war es nicht, Odin.«

Als er sich wieder gefaßt hatte, sank er vor ihrem Bett auf die Knie. Ingri nahm alle ihre Kraft zusammen und fuhr ihm über das Haar. Er beugte sich in Qual unter jeder Berührung.

7

Als er am Morgen erwachte, schlief Ingri, aber er sah und hörte, daß sie krank war.

Draußen war es blaugrau und still, das gleiche gute Wetter, es lag Odin förmlich schwer auf der Brust. Im Osten drüben über den Bergen begann der Tag bleich, aber zart zu leuchten, durch Hellrot und Hellgelb hindurch, im Westen rauschte die See leise, man konnte es kaum hören.

Anders kam vom Stall. – »Dem Pferd geht's wieder gut«, sagte er. – »Ja, dem Pferd«, erwiderte Odin. »Der Bursche wird's schon überstehen.« – »Aber sollten wir nicht den Doktor holen, Vater, für die Mutter, meine ich – sie ist doch krank?« – »Wenn man nur wüßte, wo man den jetzt suchen muß.« – »Wir holen den aus der Stadt, der ist tüchtiger«, meinte Anders; »ich nehme das Motorboot und fahre hin.«

Odin sagte nichts. Nur eines war heute so merkwürdig, zu wissen, daß Anders dastand und erwachsen war, es lag schwer auf ihm wie eine Freude, aber es tat auch weh. Dann stürmten die anderen Gedanken wieder auf ihn ein, die ganze Schar, sie wollten ihm ans Leben. Er mußte zu Ingri in die Kammer. Da stand er und sah ihr ins Gesicht, vergaß sie jedoch auf einmal. – »Es gibt keine Macht, die die Wehrlosen schützen kann«, murmelte er. »Wozu plagen wir uns dann? Ja, sag mir einer, was soll das alles?«

Nach dem Frühstück saß er da und schaute in die Zeitung. Er durchflog sie nur ganz flüchtig, sah nichts. Da fiel sein Blick auf eine Überschrift, und dieses Stück, so dünkte ihn, müsse er genauer lesen, er wußte nicht, weshalb. Es war hier die Rede von einem Mann im Ausland, der den Parteiführer am hellichten Tag mitten auf der Straße erschoß und sich sofort darauf verhaften ließ. Der Führer hatte ihre Sache verraten, so fand er; da hatte er ihn verurteilt und das Urteil selbst vollstreckt. Man glaubte, daß er demnächst hingerichtet werden würde.

Odin blieb mit der Zeitung in der Hand sitzen. – »Merkwürdig!« sagte er. »Merkwürdig, daß ich dies gerade jetzt lesen mußte!« Und jetzt auf einmal stand er blank und kahl vor ihm, der Gedanke, der im Wirbel aller anderen Gedanken Kern und Antrieb gewesen war: Was jetzt, Odin? Er saß lange da, ihn dünkte, die Zeit streiche und streiche an ihm vorüber, so daß es schon bald Abend war. Er saß mitten in der grauen Vorzeit: er konnte tun, was er wollte! Jetzt sah er es vor sich, groß und erstaunt, und glücklich: Ich bin einer von denen, ja. Ich bin alles, was ich will. Er lächelte, wie er so dasaß, und das Lächeln lag noch auf seinen Lippen, lange, nachdem er innerlich erloschen war. Seine Stimme klang wie aus dem dunkelsten Ernst heraus:

» So verurteilten sie einen solchen

Als er sich erhob, hatte er Lauris zum Tode verurteilt. Mit der Büchse in der Hand wollte er hingehen, ihn herausholen und ihn erschießen wie einen Hund oder einen alten Gaul. Wollte es dann der ganzen Gemeinde erzählen. Diese Sache stand fest, darüber gab es nicht einmal ein Nachdenken. – »Im Grunde habe ich es schon mein ganzes Leben lang gewußt, daß ich es tun muß«, sagte er, als er in der Küche draußen war. – »Was denn?« fragte Anders. – »Ach, irgend etwas!« Er sah Anders an, und das eine Auge war kleiner als das andere. »Und daß ich es auch ertragen würde«, fügte er hinzu. »Was dann später wird, das ist eine Sache für sich.« – »Ja, wir müssen wohl den Doktor holen?« sagte Anders. – »Den Doktor? Ja, richtig. Hm!«

Und dann die Ingri, die gerade jetzt krank wurde. Man mußte warten; es hatte keine Eile. Nein, jetzt wußte er es: Er wollte den Lauris mit in die Stadt nehmen, und dabei wollte er ihn ins Meer schmeißen. Das war nicht ganz so großartig, aber, mein Gott! Was er dann machen würde, wenn die Ingri stark genug war, das wollte er erst abwarten. Es war unmöglich, so weit vorauszusehen. Am schlimmsten war es für die Buben.

Als er ins Freie trat, strömte ihm zu Herzen, daß die Gemeinde voller braver Leute sei, jetzt wie früher; ein klein wenig Bosheit steckte in jedem, ja, und ein wenig Geschwätz und Lüge und etwas vom Silberfuchs, da und dort, das tat nichts. Aber der Lauris, der saugte das Böse in sich ein und gab es als unverdünntes Gift von sich, solche Burschen forderte man früher in der Heidenzeit zum Zweikampf auf dem Holm heraus, auf die Weise wurde die Gemeinde vom Allerschlimmsten gereinigt, für eine Zeitlang. – »Die Juwikinger«, sagte er, und jetzt lächelte er wieder. »Keiner erinnert sich an sie, außer mir. Ich gehöre nicht einmal zu ihnen. Eines aber tut not, das sehe ich: man muß einen Strich unter alles machen und wieder in die Wildnis ziehen.«

Und während er zu Lauris hinüberging, sagte er vor sich hin, man konnte glauben, es sei ein Stück aus einem Lied:

»So verurteilten sie einen solchen.«

Lauris begegnete ihm draußen. – »Ich bitte dich, nicht hereinzukommen«, sagte er, »du bist in der Gemeinde herumgegangen und hast den Krankheitsstoff aufgelesen. Aber du selber bist gesund?« Lauris sah ihn genau an. Und Odin wunderte sich, daß sich ihm die Faust nicht in der Tasche ballte und herausfahren wollte.

Lauris hatte keine Lust, mit dem Boot in die Stadt zu fahren. Er fühlte sich noch nicht recht gesund. Es sei zwar ein Aufbau auf dem Boot, ja gewiß, aber Odin sollte nicht vergessen, daß man reichlich drei Stunden rechnen müsse, von der Bucht hier bis in die Stadt. – »Und du fährst doch auch nicht von daheim fort, von deiner Frau, – können denn nicht unsere Buben fahren?« Odin lächelte, er konnte nicht anders. Er fürchtet mich, dachte er. Er liest wohl sein Urteil in meinen Augen, der Halunke? Im übrigen eilt es ja nicht. – »Es war auch noch das«, sagte er, »daß ich eine leise Hoffnung habe, den Vater noch am Leben anzutreffen; ich habe nichts mehr gehört. Ja, ja, dann lassen wir also die Buben fahren. Ich muß zuerst den Doktor anrufen.«

Während sie noch an der Hausecke stehen und über die Sache sprechen, kommt der Lensmann gefahren. Odin erkennt sofort, daß er heute nicht nur zum Vergnügen unterwegs ist, es scheint ihm sogar ziemlich unbehaglich zumute zu sein. Lauris ist nichts anzumerken. Er ruft einem der Buben, er solle herkommen und das Pferd abnehmen, bittet dann den Lensmann, ins Haus zu gehen, denn er habe doch wohl hierherkommen wollen? Der Lensmann aber hat mit Odin ein Gespräch angefangen, es handelt sich um Gemeindeangelegenheiten. Lauris steht eine Weile da und wartet, dann dreht er sich um und geht hinein.

Astri und er haben seit gestern um diese Zeit so gut wie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Sie hat das Fuhrwerk des Lensmannes gesehen, aber den Lauris schien sie nicht zu beachten. – »Ja–a, jetzt gilt es also, festzubleiben«, sagt er. »Damit wir uns nicht im Nebel verirren und auf Grund segeln.«

Sie geht umher, rückt die Stühle zurecht und wischt da und dort ein wenig Staub.

»Ja, ich habe heute nacht mit mir Abrechnung gehalten«, sagt Astri. »Ich will auch dieses Mal die Wahrheit sagen.«

»Bist du nicht recht bei Trost?«

»Doch, aber ich war nicht recht bei Trost.«

»Ja, ja, dann tu eben, was du willst.«

»Es wird so, wie ich will, ja.« Dann geht sie näher zu ihm hin. In ihrer Stimme ist eine Erinnerung an jene tiefe Wärme von früher: »Ich meinte, ich müsse es tun, um – ja, um deinetwillen und auch um unserer Kinder willen. Aber die Mutter unserer Kinder soll nicht so etwas getan haben. So etwas Schlimmes geschieht nicht mehr. Ich habe es in Gedanken getan, vor dem Herrgott, mag er mich darum verurteilen, wie ihn gut dünkt. Aber wie gesagt, ich tue es nicht. Die Großmutter, glaubst du, die hätte das getan?« – »Nein nein.« Lauris stand da und sah vor sich zu Boden. – »Ja du!« sagte sie, und jetzt flackerte ein hartes Licht in ihren Augen auf, – »du läßt mich ja immer tun, was ich will, du.«

Lauris ging wieder hinaus. Der Lensmann und der Bürgermeister standen mitten auf dem Hofplatz, sie redeten sicherlich von etwas, was niemand hören sollte. Endlich trennten sie sich, und als der Lensmann ins Haus trat, sah er um viele Jahre jünger aus, er bückte sich sogar und streichelte die Katze.

Wenn Lensmann Mörk in amtlicher Angelegenheit zu den Leuten kam, war er meist von stillem Wesen. Aber dann und wann, wenn er so richtig guter Laune war, konnte er auch wie der Dampfer einherstürmen, brausend und mit aufgezogener Flagge, wie man so sagte, und so kam er auch jetzt zu Astri herein. Er zerdrückte ihr fast die Hand, und seine Stimme dröhnte in der Stube, so daß die kleine Aashild zu weinen anfing. – »Schau, schau, man hat Respekt vor mir!« lachte er. Ja–a; das war das eine, und nun konnte er erzählen, daß er aus einem bestimmten Anlaß gekommen sei, daß er aber diesen Anlaß unterwegs verloren habe: die Vögel kamen und fraßen ihn auf. Er hatte mit Odin Setran draußen gesprochen, und der schwor darauf, daß Ola Haaberg in der letzten Zeit närrisch gewesen sei und daß er seinen Leuten gern noch einen Streich hätte spielen wollen. Nun konnte er also ebensogut seinen Hut nehmen und gleich wieder heimfahren. Ja, es gab da nämlich einen Brief von ihm, – nein, er mußte verrückt gewesen sein! Der Lensmann hatte dies selber schon so halb und halb gedacht, und nun konnten Odin und noch ein paar andere dies bezeugen, so daß das also festgenagelt war. – »Ach ja ja ja«, lachte er, »wir kriegen gar manch eine lange Nase, und manchmal ist es recht gut, verflucht gut sogar.«

Lauris hob die Achseln und wuchs nach und nach wieder in die Höhe.

Astri hatte dagestanden und zu Boden gesehen. Ununterbrochen war die Röte über ihre Wangen geflattert. Jetzt sah sie auf, sah zuerst den Lauris und dann den Lensmann an. Sie räusperte sich ein paarmal.

»Es handelte sich um eine Geldsumme für den Armenhof, war es nicht so?«

»Ja? So etwas Ähnliches war es, ja.«

»Jawohl. Ja, es ist so, wie er schrieb, das glaube ich. Närrischer war er nicht.«

Sowohl der Lensmann als auch Lauris sahen sie starr an.

»Und das Geld sollen sie bekommen, die, für die es bestimmt war, habt keine Angst; sie sollen auch die Zinsen bekommen. Wir haben – – darüber geredet, und jetzt soll es wahr werden.«

»Ja, so, dann ist also doch etwas Wahres daran?« wunderte sich der Lensmann.

»Es war der Wille der Großmutter, ja. Aber macht keine große Geschichte daraus, Lensmann, wir wollen kein Geschwätz haben.«

Nein, Herrgott, er sei doch schließlich auch kein Wolf, lachte der Lensmann. E r könnte es sich nicht anders denken, als daß sich dies gut ordnen lassen müsse. – »Wenn Ihr es nicht bereits dem Odin erzählt habt«, sagte Lauris. – »Wo denkt Ihr hin! Da hat's keine Gefahr, nein, ich war listig wie die Schlange; und der Odin ist ja auch nicht gefährlich. Er wurde ganz eifrig, als er hörte, der Ola hätte etwas geschrieben, was Euch Unannehmlichkeiten bereiten würde, erst da erinnerte er sich daran, wie alt und närrisch der Ola zum Schluß war.« Der Lensmann lachte, so daß er husten mußte, hielt jedoch jäh inne, als er merkte, daß er allein lachte. – »Dann noch die Geschichte mit der Steuer«, sagte Astri. »Das aber sehe ich von einer anderen Seite her: Es ist unser Geld, im Grunde. Und jetzt hat es auf der Bank gelegen und ist das Geld des Armenhofs geworden, und der bekommt die Zinsen davon; so, glaube ich, daß es recht sein wird.« – »Ohne Zweifel, ohne Zweifel!« stimmte der Lensmann bei.

Er machte sich fertig und fuhr ab, er hatte nur wenig Zeit; hart und aufrichtig schüttelte er ihnen die Hand. Ludvik kam herangehinkt und holte sein Pferd aus dem Stall, half ihm beim Einspannen.

So bereitwillig war Ludvik nach und nach geworden, konnte beinahe nicht rasch genug laufen, um alles zu tun, was es zu tun gab. Am liebsten aber half er Astri; ihr kam es vor, als überwache er sie wie ein Hund. Sie wandte sich ihm jetzt zu, als der Lensmann abfuhr. – »Kannst du denn wirklich einspannen?« Er sah sie blinzelnd an, als sehe er in die Sonne: Oh, so einigermaßen. Und jetzt könne er ihr gut einen Arm voll Holz in die Küche tragen, wenn es ihr recht sei. – »Noch nicht«, lächelte sie. »Du mußt dich erst noch ein wenig mehr erholen. Die Kleine magst du wohl nicht mehr hüten, kann ich mir denken? Möchtest gerne ein wenig mehr sein als nur Kindsmagd, he?« – »Aber nein!« Er sah sie voll und fest an. »Aber nein, ich will gerne gleich wieder hineingehen«, – er hatte sich schon abgewandt. – »Daß es so leicht gehen würde!« sagte sie vor sich hin, nachdem er fort war.

Lauris hatte in einiger Entfernung dagestanden und in die Luft geschaut. Jetzt wandte er sich Astri zu: »So, nun ist das da überstanden. Und leicht ging es, ja, du hast recht gehabt, auf deine Art.« Sie antwortete nicht. – »Und die ganze Qual, die hättest du dir sparen können«, lachte er. – »Die hättest lieber du mir sparen können, wenn wir schon davon reden wollen. Aber glaube nicht, daß ich dies für etwas Lächerliches ansehe. Deswegen, weil der Herrgott uns unerwartet zu Hilfe kam.« – »Auf so etwas verstehe ich mich so wenig«, sagte er. – »Ja, das ist wohl wahr und gewiß. Und im übrigen ist das Lied damit ja noch nicht zu Ende. Aufkommen wird es, und die Leute werden glauben, was sie gerne glauben. Man muß es gehen lassen, wie es geht.« – »Aber der Odin, der nun also den Ola als einen Narren hingestellt hat!« Lauris lachte wieder. – »Die Hilfe brauchten wir nicht, und das ist gut.« – »Nun, ich bin nicht so ganz sicher, daß dies gerade als eine Hilfe gedacht war, er dachte wohl so, er, jetzt könntest du hingehen und leugnen, soviel es dich gelüstet; dann aber käme seine Zeit. Ich kenne mich jetzt bald aus mit dem Burschen.«

Astri hörte nicht auf ihn, sie ging hinein.

– – – Der Doktor in der Stadt war nicht zu erreichen, aber Odin bekam nach langem Hin und Her den Distriktsarzt zu fassen, und Anders und einer von den Laurisbuben fuhren über den Fjord hinüber und holten ihn. Er glaubte nicht, daß es etwas Ernstliches sei bei Ingri, sie sollte nur stilliegen, bis sie sich wieder stark fühlte; es seien die Nerven, die sie im Stich gelassen hätten.

Astri kam am Abend herüber. Sie wollte ins Haus und Ingri besuchen. Odin wußte nicht recht, was er tun sollte. Ingri war noch schwach, vertrug das Reden noch nicht und sollte Ruhe haben; aber er sah es Astri an, daß es ihr diesmal schwerfallen würde, unverrichteter Dinge wieder heimzugehen. Eigentlich hätte lieber er mit ihr reden sollen, über allerlei; – dann forderte er sie trotzdem auf, in die Kammer zu gehen. Sie war schon auf dem Weg zur Türe, blieb aber stehen und wandte sich wieder Odin zu. – »Ich glaube, ich sollte lieber mit dir reden«, sagte sie. – »Das glaube ich fast auch, ja.« – »Aber daß du dir keine Hilfe fürs Haus verschafft hast?« – »Wir helfen uns leicht selber. Die Krankenschwester war erst vorhin da, aber ich habe sie nicht angestellt; ich sagte ihr, sie solle dorthin gehen, wo sie nötig sei, ich weiß, daß man sie an vielen Orten braucht.«

Astri hörte nicht darauf, sie war in anderen Gedanken. – »Sag mir, was fehlt eigentlich der Ingri«, fragte sie. – »Das will ich dir sagen, ja, wenn du es nicht weißt. Sie leidet an bösem Gerede. Man hat versucht, sie mir umzubringen.«

»Ist es doch wirklich so?« Astri starrte ihn entsetzt an.

»So ist es, ja. Es glückte ihnen nicht, dieses Mal. Ein nächstes Mal – – soll nicht mehr vorkommen. So habe ich gedacht, ja. Das soll nun für eine Weile aufhören.«

»Hm! Hm! Ich habe so eine leichte Furcht in mir, ja, hm! hm! Und du glaubst, es sei der Lauris, der dahintersteckt?«

Odin wurde dunkel im Gesicht, beinahe blau, so schien es ihr. Aber sie begegnete seinem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Darüber werde ich ein anderes Mal mit dir reden«, sagte sie. »Heute abend bin ich nicht dazu imstande.« Sie drehte sich bei der Tür um und stand eine Weile da; dann sagte sie: »Du sollst nicht alle Schuld auf andere Leute schieben, Odin. Und dann mußt du die Ingri von mir grüßen. Ich werde alles tun, was ich kann, um dem Gerede in der Gemeinde ein Ende zu machen – – du mußt sie von mir grüßen!«

Odin murmelte etwas, wie: daß er dies tun wolle, und Astri nahm Abschied und ging.

8

Am Tag darauf war Sonntag. Gleich zu Beginn der Telephonstunde erhielt Odin die Nachricht vom Tode seines Vaters. Er wußte nicht weshalb und ärgerte sich auch hinterher, aber er war nahe daran, zu sagen »Gott sei Dank«, als er es hörte. – »Dies kommt mir wie ein Zeichen«, sagte er. »Ich habe immer darauf gewartet. Aber bin ich denn abergläubisch geworden?« Und als er um sich blickte, war alles so ganz anders für ihn geworden, als es früher gewesen war. Weit fort war alles und winzig klein das meiste, und gleichgültig, woran er auch dachte, an die Menschen und an das Leben in der Gemeinde und an alles, was geschah, es lag jetzt ein anderes Licht darüber, war nicht mehr für ihn da. So war auch das Wetter, es hatte einen anderen Ton bekommen, einen tiefen und schweren Ton, der seine eigene Meinung hatte, es mußte schon seit mehreren Tagen so sein: Nicht ein Windhauch rührte sich, überall war diese unbewegliche Stille, mit blauen Bergen und dem noch blaueren Meer, und über den ganzen Himmel zogen blaugraue Wolken.

Aber als Odin eine Weile draußen gestanden hatte, hörte er den Wellenschlag bei den Schären und über den seichten Stellen im Wasser. Die See hatte eine Stimme bekommen. – »Ja, ich höre dich«, sagte Odin. »Ich weiß, was du willst.« Bald würde sie wohl im Sturm mitspielen – – wenn sie es bloß tun wollte! Der Sturm, ja, der würde jetzt gut tun.

Der Gedanke an Ingri weckte ihn ein ums andere Mal. Dann mußte er hinein und nach ihr sehen. Sie freute sich jedesmal darüber. Viel zu sagen, war nicht ihre Art, auch war sie noch nicht so kräftig, daß sie es gekonnt hätte. Aber sie war auf dem Wege der Besserung, das sah er, sie würde sich wohl rasch erholen. Sie versprach ja auch, bald wieder gesund zu werden. – Ja, und dann? durchfuhr es ihn. Dann werde ich das tun, wozu ich geboren bin, gab er sich selbst zur Antwort.

Vor der Mittagszeit wuchs der Landwind zum Sturm an. Er war da, als Odin einmal hinauskam, strich brausend und derb an den Hängen entlang. Der war es, der mich einmal mitnehmen wollte, lächelte Odin. Damals war ich noch ein Bub, ich sollte zum Markt, und die Ingri war mit. Das ist jetzt lange her – – und doch ist es beinahe, als sei es erst vor ein paar Tagen gewesen!

Im Lauf des Nachmittags kam Mina, sie war in der Kirche gewesen. – »Und heute waren viele Menschen da«, sagte sie. Und das hätte man ihm zu verdanken. – »Mir zu verdanken?« Er sah sie ungläubig an. – Ja, sie sei hierhergekommen, um mit ihm darüber zu sprechen; sie war entsetzt über das, was er an jenem Abend im Bethaus gesagt hatte. »Das ist es, was in den Leuten nachgewirkt hat«, sagte sie. – »So, so.« Immer noch saß Odin da und war grau über den Augen, hatte kaum gehört, was sie sagte. – »Beinahe die Hälfte strömte aus dem Bethaus hinaus, kurz nachdem du gegangen warst«, fuhr sie fort. »Und heute waren sie in der Kirche. Ich habe mit vielen

von ihnen gesprochen – – ist das denn nicht schlimm, Odin?

Trotzdem? Und wenn du sie nun vom Herrgott wegziehst?«

Odin saß da und schaute vor sich hin, er schüttelte leise den Kopf und lächelte. – »Nein, ich begreife es auch nicht«, sagte Mina, »aber so ist es, es wird so, wie du es haben willst. Es liegt eine große Verantwortung darin, Odin, dies ist eine teure Gabe.«

Er nahm seinen Blick an sich und sah sie rasch an. – »Eine teure Gabe, daß ich es so bekomme, wie ich es wünsche? Kommt vielleicht teuer zu stehen, ja.« – »Aber jetzt komme ich und bitte dich um eines, Odin, und du sollst nicht nein sagen. Du sollst zur Astri gehen und mit ihr reden, denn sie ist ganz außer sich geraten, sie will einen falschen Eid leisten.« Mina erzählte die Sache mit dem Brief von Ola und allem übrigen. »Astri hat es auf sich genommen, damit der Lauris frei ausgehen soll. Du mußt mit ihr reden!« bat sie. – »Nein, das müßt Ihr tun. Ihr habt mehr Einfluß als ich. Im übrigen glaube ich nicht, daß sie einen Eid zu leisten braucht, und wenn ich mir's genau überlege, so glaube ich, daß die Sache bereits so gut wie eingeschlafen ist. Aber Ihr müßt mit ihr reden, mit ihr reden und hören. So, so, hat er sie also so weit gebracht. Hm, hm, das sind Sachen! Daran werde ich ihn auch erinnern, ja, wenn ich das letzte Wort mit ihm rede. Im übrigen ist es doch so, daß sie so etwas wohl für ihren Mann hätte tun müssen; sie kaufte ihn gar reichlich teuer. Ja, und bis an den Rand des Abgrundes mußte sie ja gehen und hinunter sehen, wir sind ja verwandt, sie und ich. Aber weiter kann sie nicht, soll auch nicht weiter. Es hilft dir nichts, Lauris. Aber Ihr müßt mit ihr reden, noch heute abend, damit sie nicht ganz allein damit ist.«

Mina sagte, heute abend könne nichts daraus werden, sie sei vorhin auf dem Hof drüben gewesen, ehe sie hierherkam, und Astri sei krank, heute nacht habe es sie überfallen, sie habe wohl die spanische Krankheit, und zwar ernstlich, nach allem, was die Magd erzählte. – »Was sagst du da?« fragte Odin, als einige Zeit verstrichen war. »Ist die Astri krank? Wozu soll denn das gut sein?« – »Wozu das gut sein soll?« – »Ich meine nur –«

Er stand auf und ging durch die Stube; er suchte nach Zündhölzern, brauchte sie jedoch nicht. Ging dann zu Ingri in die Kammer hinaus. Sie hatte ein paar Worte von ihrem Gespräch gehört und fragte nun, ob Astri krank sei. – »Ja«, sagte er und sah geistesabwesend in die Luft hinaus. – »Müßt ihr da nicht den Doktor holen?« meinte sie. – »Ja, das ist klar. Aber denk du jetzt nicht daran. Bleib schön still liegen und tu so, als schliefest du.« Sie schloß die Augen, und er küßte sie auf die Stirn und ging wieder hinaus.

Der Sturm fauchte vor den Fenstern, und aus den Wäldern und aus den Bergen kam tosender Lärm. – »Ein frisches Wetter«, sagte Odin. – »So, so, die Astri gedachte es auf sich zu nehmen. So ist es, eine Mutter zu sein, ja. Aber: sie richtet sich wohl schon wieder auf. Irgend etwas hat sie immer vorwärtsgetrieben, das erkenne ich jetzt. Schicksal nennen sie es, habe ich gehört. Ein blindes Weib auf einer blinden Mähre; aber es geht doch ganz schön vorwärts, dorthin, wo's hin soll. Oder wo es hin muß, ich weiß das nicht so genau. Bauer, sagen die Leute. Aber ein Bauer, das war einer, der in der Dunkelheit lebte, in der zottigen, stillen Dunkelheit; jetzt hat sich wohl der Letzte den Schlaf aus den Augen gerieben, der Letzte von allen, und da ist er kein Bauer mehr. Sie glauben mir nicht, sehe ich. Nein, nein, einen Namen muß das Kind ja haben. Aber wer weiß, ob es nicht deswegen so verwinkelt zugeht, hier im Lande, weil einer nach dem andern auf seinem Hof erwachte? Ja, und wurden sie jemals hellwach? Sie fingen zu denken an, ja. Aber das ist ein kalte Arbeit, ich möchte wissen, ob sie das nicht besser hätten sein lassen?«

Er rauchte, während er redete, bis der Qualm dicht über ihnen hing, und blickte mit einem Schimmer seines knabenfrohen Lächelns auf Mina, und sie saß unsicher und benommen da und starrte ihn an. – »Hört nicht auf mich, ich bin nur so müde! Und außerdem darf ich jetzt eine schwere Arbeit noch eine Zeitlang hinausschieben – da wird man redselig. Mich dünkt, ich hätte vortreten und sie ein wenig erschrecken müssen hier im Land, sie ein wenig zum Aufblicken bringen müssen. Vielleicht war es dumm, daß ich mich weigerte, Storthingsmann zu worden, hm?« – »Ja, Odin, das war dumm von dir.« – »Nein, Ihr wißt nicht, wovon ich jetzt rede. Und soll ich mich denn an Händen und Füßen binden lassen? – Das kommt mir vor wie ein Weg, der abwärts führt, mir wenigstens. Ich hätte mich trotzdem auf den Weg machen müssen. Das sehe ich. Vielleicht hätte ich dann einen Halunken von einem Mann herausgefunden, das Eitergeschwür selbst, das das Land vergiftet, oder vielleicht auch nur einen Maulwurf, der unter der Erde wühlt – dann hätte ich ihn als Beispiel vornehmen und erschlagen können, so daß alle Leute es gesehen hätten, was sagt Ihr dazu?« – »Uff, Odin, du redest so schrecklich, was ist denn heute abend mit dir?« – »Ich rede schrecklich, ja. Aber ich rede nur. Ich wie alle anderen. Ja, du glaubst nicht, daß ich hingehe und das tue? Nein. Wir glauben so etwas nicht mehr. Aber darauf sollten sich die Leute bei mir lieber nicht verlassen. Es ist nicht gesagt, daß ich aus dem gleichen Holz gemacht bin wie die anderen.«

Ein Windstoß nach dem anderen kam um die Hausecke gejagt, und das Heulen oben in den Hängen wurde immer lauter und lauter, und die See versuchte es mit ihrem Brüllen zu übertönen, damit man auch sie hören sollte. Odin lauschte und lächelte Mina zu: »Der sagt jetzt seine Meinung, weiß Gott, das tut er. Eindeutiges Wetter. Das ist etwas anderes als dieses Brausen, das wir hier an den Abenden und in den Nächten kaum hören konnten.« Er saß still da und sah mit weitem Blick vor sich hin, wiegte den Kopf leise im Takt mit dem Sturm. Dann sagt er zu sich selber: »So merkwürdig kann es gehen, ja, daß ich jetzt wieder dort bin, wo ich anfing, ein Heide draußen in der Wildnis. Es gibt wohl manchmal keinen anderen Weg für Menschen und Geschlechter. Er ist nicht zu beneiden, der, den dieses Los trifft; aber man braucht auch nicht über ihn zu weinen. Vielleicht durchzuckt ihn das Glück stärker als andere Menschen, was wissen die davon? Er, der so hoch hinaufgekommen ist, daß er sowohl sieht als auch weiß.«

Er wandte sich wieder Mina zu. Sie sah auf die Uhr, er aber machte eine Handbewegung, so daß sie die Uhr gleich wieder einsteckte. Er war ein wenig blaß, hatte aber nicht die Augen eines blassen Mannes, so tröstete sie sich, die seinen waren aufmerksam hell wie bei kleinen Buben manchmal. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte heute abend nicht hier gesessen. – »Jetzt sollt Ihr hören, was ich geträumt habe, oder was mir von alten Leuten erzählt worden ist«, sagte er.

»Der Mensch ist so geschaffen, daß er verstehen will, zuerst die ganze Welt und dann sich selber. Wenn einer sich dann den Kopf gegen die Wand gerannt hat und doch nicht das geringste versteht, dann gelangt er zum Innersten in sich selber: daß er an das Unergründliche glauben will. Das war es, dem er nachlief.

Dennoch ist nicht der der Klügste, der den kürzesten Weg einschlägt, um dahin zu gelangen.«

Er stand auf, breitete die Arme aus, halb gähnte er, und halb lachte er: »So haben sie gesagt, jene, die dies erfahren haben. Aber ich, das dürft Ihr nicht vergessen, ich stürme nicht blindlings dahin und tue das, was ich soll. Ich lenke mich selber; in einer Weise wenigstens.«

Mina ging auf ein anderes Gespräch über, sobald sie eine Gelegenheit dazu fand. – »Und der Engelbert, der so schnell seiner Wege ging. Und du, der nun wiederum für ihn gebürgt hat? Für das Reisegeld vermutlich?« – »Habe ich gebürgt? Davon weiß ich gar nichts?« – »Ja, so sagte der Arthur, er war gestern auf der Bank. Eine neue Anleihe, sagte er. Das wird dir hart werden.«

Odin überlegte. – »Jawohl!« sagte er. »Das war zu erwarten. Es wird ein wenig hart, ja. Hart, gutgläubig zu sein, das sehe ich.«

»Aber was machst du mit dem häßlichen Geschwätz, das der andere aufgebracht hat?« fragte sie. Odin zog die Brauen hoch. – »Ja, richtig, das hätte ich beinahe vergessen, mitten unterm Drandenken. Es ist so lange her, seit ich's gehört habe –« Er schüttelte den Kopf, tat so, als lächelte er. Aber er wurde nochmals um einen Schatten bleicher und sah sie starr an; dann sagte er:

»Ich weiß bald nur noch das eine, daß niemand einen Wehrlosen verteidigen kann. Aber versucht muß es werden!«

»Ja, so, die Astri ist krank?« sagte er bald darauf. »Das kommt mir unglaublich in die Quere, Mina. Hier stehen Zeichen gegen Zeichen, kann man sagen. Ja, aber ich werde nicht auf Zeichen achtgeben.«

Er sah, wie sie zusammenfuhr und sitzenblieb und ihn unverwandt anstarrte. – »Du bist überanstrengt, Odin.« – »Nein, nein, das ist es nicht. Ich bin stärker, als ich jemals war. Wacher und – – ich will hingehen und die ganze Gemeinde erwecken. Fertig wurde ich nicht in der Gemeinde, keiner wird mit seiner Arbeit fertig – – ja, jetzt wurde Euch angst, das sehe ich. Wie der Totengräber sagte, als der Tote ihn beim Fuß packte: ›Schäm dich, wer wird denn die Leute so erschrecken!‹«

Mina machte sich bereit und wollte heim. Es stürmte so sehr, als sie das Pferd vor den Wagen spannten, daß ihnen Sand und kleine Steine um die Ohren flogen, man konnte fast meinen, der Sturm wolle sie aufheben und davontragen. Odin lachte: »›Dir gehör' ich mit Haut und Haar!‹ sagte der Mann, als ihn der Nordwind über die Bergwand hinaustrug. Gegenwind, ja? Schau die Vögel an und alles, was in die Luft hinauf will: Gegenwind, das ist günstiger Wind. Ich habe viel günstigen Wind gehabt.«

Odin wollte, daß Anders sie ein Stückweit begleite, aber der Junge war nirgends aufzutreiben, steckte vermutlich auf dem anderen Hof bei den Buben dort. – »Wenn er bloß nichts erfährt«, sagte Odin. »Damit nicht etwa er hingeht und irgend etwas tut – – das darf nicht geschehen!« – –»Was sagst du da, Odin?« fragte Mina und nahm seine Hand. – »Was du tust, das tue bald, sagte ich. Nein, nein, ich sagte nur, daß die Buben wahrscheinlich ins Raufen kommen werden'', lachte er. Aber dieses Lachen gefiel ihr ebensowenig wie seine Rede, das war nicht der Odin, der so lachte.

Als sie fortgefahren war, stand er lange Zeit da, barhäuptig im Wind draußen. Dann sagte er:

»Was hat denn der Sturm anderes zu tun, als mir zu helfen? Er ist ein merkwürdiger Mann, er, der die ganze Geschichte lenkt: Drängt einen dazu, Mörder zu werden, und läßt einen dann doch nie dazu kommen. Ich halte mich an den Sturm, ich.«

Es wurde ihm ein wenig schwindlig. – »Ja–a, da stehe ich nun so klein und nachdenklich wie irgendeiner von den jungen Leuten in der Welt draußen. So ist es, einer von ihnen zu sein; ich fühle das an mir. Nein, aber warte jetzt: Ich bin doch einer von den alten Juwikingern, ich kann die Mistgabel packen und das Gesindel zum Teufel jagen. Das gibt sich ganz von selber. Was aber will der Juwiking in unserer heutigen Zeit? Ich sage dir, das ist gefährlich, mein Lieber! Nein, ich halte mich an den Sturm, ich!«

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