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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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»Empor und vorwärts!«

1

Am Sonntagabend wurde ein großes Jahresfest im Jugendverein gehalten. Es war der Jahrestag der Entstehung des Vereins und auch der des Hauses.

Odin, der am meisten dafür gearbeitet hatte, dieses Haus zu errichten, war gebeten worden, die Festrede zu halten, hatte dies jedoch nicht versprochen, sondern nur gesagt, daß er kommen würde. Es gab jetzt so viele, die gerne für die Jugend sprechen wollten. So kam es, daß Vikesylt die Hauptrede halten sollte.

Der Landwind hatte sich gelegt. Das Wetter war still und kalt, die Erde aper und am Himmel ein wenig Mondschein. Von allen Seiten aus der Gemeinde kamen die jungen Leute herbei, und mit ihnen viele Eltern. Ruhig und anständig kamen sie den Weg herauf, höchstens daß ein paar von den Fabrikleuten leicht angeheitert waren, so daß man hörte, wo sie gingen. – »So war es anfangs nicht, Odin«, sagte Ingri unterwegs. – »Nein, es ist wirklich besser geworden. Das habe ich dir ja immer gesagt, man sollte nur warten, nach und nach würde es schon anders werden.« – »Du hast auch nicht wenig darum gekämpft. Und jetzt, jetzt bereue ich es nicht, Odin!« Er drückte ihre Hand, die sie in seine Rocktasche geschoben hatte. So ging er eine Weile schweigend weiter; dann sagte er: »Und trotzdem, Ingri, ich weiß nicht recht. Zu tiefst drinnen in mir ist es fast, als vermisse ich etwas, wenn ich so sehe, wie sie kommen und hineingehen und sich hinsetzen.« – »Was denn?« – »Es ist eine Schande, es zu sagen. Aber früher war doch Leben in ihnen; sie waren so voller Leben, schrien und riefen oft vor lauter Jungsein und Übermut, erinnerst du dich nicht mehr? Nein, ich wünsche das nicht wieder zurück, es soll schon so bleiben, wie es jetzt ist. Aber sie sind zahm, die Menschen. Ich fühle mich bisweilen fremd – ist es denn etwas Großartiges, über solche Menschen einen Sieg davonzutragen? Ich hätte mit ihnen fertig werden können auf der Generalversammlung kürzlich – – nein, nein, ich prahle nicht, im Gegenteil. Im Gegenteil! ›Gib acht, sonst komme ich!‹ sagte der Mann, als der Nordwind ihn davontrug.«

Vikesylt stand schon auf dem Rednerstuhl, als sie eintrafen. Der ganze Saal war voller Festlichkeit, und Vikesylt fühlte sich auf seinem richtigen Platz. Odin setzte sich bei der Tür hin und nahm Ingri auf den Schoß, saß da und folgte der Rede. Es waren schöne und wahre Worte. Bisweilen flossen sie ruhig dahin wie ein Strom, und bisweilen stiegen sie an wie der Wasserfall oder wie die schwere See, mit Macht und gebietender Gewalt; dann und wann hielt Vikesylt inne und suchte in sich selber nach neuen Gedanken oder vor sich nach neuen schönen Bildern, er suchte, und er fand. Die jungen Leute saßen hingerissen da. Sie hatten nie etwas Schöneres gehört. Dann ging's aufs Ende zu, und jetzt war der Redner von Glut erfaßt, der ganze große Mann: »Empor und vorwärts!« mahnte er, »empor und vorwärts! Aus der Welt hinaus zu jenem anderen Heim, von dir selber zu Gott! Das ist die Losung der Zeit

Die Versammlung atmete mit einem Sturm von Beifall auf. Danach saßen sie noch lange da, ehe sie sich wieder erholten. Gar manches Gesicht fiel in sich zusammen und wurde leer oder verwirrt, so angespannt war es vorher gewesen. Odin konnte sehen, wie der eine vom anderen abfiel und wieder er selber wurde, ein einzelner kleiner Mensch, allein mit sich und dem Seinen. Aber viele hielten sich die ganze Zeit auf der Höhe, waren himmelweit fort mit den Blicken.

»Empor und vorwärts!« gemahnte es sie.

Der Vorsitzende kam und fragte, ob Odin nun gleich hinterher reden wolle. Nein, er wollte lieber warten. Einen Augenblick durchfuhr es ihn, daß es nun genug sei für heute, daß er Ingri nehmen und mit ihr heimgehen müßte, denn dort gehörten s i e hin. Nun aber trat der Sängerchor auf, den mußte er noch hören; und als dies vorüber war, mußte er den Rednerstuhl besteigen. Ingri gab ihren Platz frei, ging zu ihrem Vater und stellte sich dort hin. Sie war immer blaß, wenn Odin vortreten und reden sollte.

Odin hatte sich gar viele Dinge überlegt, über die er reden konnte. Wie er nun so dastand, durchfuhr ihn der Gedanke: sollte er nun im Ernst reden, so würde er nie fertig werden, und dann wäre es auch kein Fest, es wäre wie eine Last, die er von sich werfen und anderen aufbürden müßte, und es gab hier niemand, der diese Last hätte tragen können oder mögen. So begann er denn und redete von dem Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen hier in der Gemeinde, zwischen dem, was war, und dem, was ist. Er fand, Leben sei, seine Wurzeln bis zu dem zurückgehen zu lassen, was war, und bis dorthin vorzustreben, was noch nie war, was aber trotzdem von alters her in uns gelegen hat. Denn dort müssen wir das finden, was werden soll, sonst wird es nur ein ewiges Finden und Verwerfen, Finden und Verwerfen, und man darf nie die Wahrheit erleben, die uns erkennen läßt, was das eigene Ich ist. – »Ich habe das Gefühl«, sagte er zum Schluß, »als sei ich ein Heide aus alten Zeiten, als müsse ich von damals sprechen, wenn ich das richtige Wort über die heutige Zeit sagen soll!« – – Er sprach vom Menschentum. – »Das ist die Losung der Zeit«, sagte er. »Oder sollte es wenigstens sein.«

Während dieser ganzen Zeit hatte Bonsach Arnesen dagestanden und ihn angestarrt, nicht gerade verwundert und nicht so mitgerissen, daß man es ihm ansehen konnte. Odin sah nur ein Paar Augen, die ihm groß und fest entgegenblickten – die wußten, daß es wahr war, was er hier sagte. Und immer wieder tauchte in Odin die Frage auf, warum er eigentlich hier stünde und dies sagte. Denn es war doch nicht seine Meinung, daß die anderen die Dinge genau so sahen wie er oder reicher heimgingen, wenn sie sie so sahen? Nein. Aber er wollte mit ihnen reden, wollte sie packen, denn er fühlte stärker denn je, daß er zu ihnen gehörte. Er wollte fühlen, daß sie ihn verstanden, daß sie mit ihm waren, wenn er selber in weiter Ferne die Wahrheit erspähte. Menschentum, heißt das, das Leben für eine Herzenssache opfern? Jawohl. Aber es ist mehr, und es soll nicht einmal schwerfallen: es heißt Herzenssache und was immer sonst opfern, wenn es gilt, das Leben zu retten, das Innerste in uns, das nicht geopfert werden kann!

Sie waren einer Meinung mit ihm, auf eine eigene Art. Er hörte es, als sie ihm Beifall klatschten, es war anders, als da sie Vikesylt zuklatschten. Und für Ingri war es seltsam, das sah er. Über ihrem Gesicht leuchtete es, eine große Sorge oder ein großes Glück; und so stand auch ihr Vater dort.

Nach dem Kaffee stieg Engelbert auf die Tribüne und sprach, denn es sollte auch einer aus dem Arbeiterlager zu Wort kommen. Jung und streitlustig stand er da, wie es seine Art war, mit hellen Haaren und heller Gesichtsfarbe, die Nase ein wenig nach oben gerichtet und die Augen in kaltem Blau. Odin fühlte Lust, ihm zuzuklatschen, noch ehe er ein Wort gesprochen hatte. – Engelbert griff das auf, was die beiden anderen gesagt hatten, und zerpflückte es: Es sei schön, verteufelt schön, aber unwahr und auch ungesund, ein Garn, um die Jugend darin zu fangen und zum Sklaven zu machen. Sie alle redeten von Fragen und redeten von Dingen. Hier gäbe es nur eine Frage, und dies sei die Nahrungsfrage. So sähe die Wahrheit aus, vorläufig noch; sie sei wie der Wintertag, und man müsse sich dementsprechend anziehen. – »Wie lebt ihr denn, Leute!« rief er. »Denn so, wie ihr lebt, so seid ihr. Wollt ihr denn so weitermachen – wollt ihr euch nie von der Bauerngrütze und der Bauernsprache und all dem hier freimachen? Wollt ihr nie aus der Sklaverei des kleinen Mannes herauskommen und das werden, wozu ihr geschaffen seid, freie und reiche und gebildete Menschen? Denn das ist die wirkliche Losung der Zeit, und das wißt ihr alle miteinander!«

Seine Kameraden hatten die ganze Zeit Gut so und Hört, hört gerufen, und jetzt rissen sie viele andere mit sich. Einige versuchten, sie niederzuzischen. Ein paar Junge und einer der Älteren baten um das Wort, erhielten es jedoch nicht. Es lag Kampf in der Luft, heute aber sollte doch ein Fest gefeiert werden. Von verschiedenen Seiten hörte man ein Murren. Odin ging mit Ingri vor die Tür hinaus, denn sie mußte jetzt heim. Dann trat er zum Rednerstuhl vor und ergriff das Wort, ohne zu fragen. Mit einem Schlag war es still. – »Es freut mich«, sagte er, »daß die Jugend uneinig ist. Das, finde ich, ist ein Fest. Den Streit selber mögen sie ein anderes Mal austragen, oder viele andere Male. Ihr sagt, wenn ich recht gehört habe, wir leben in einer schlechten Zeit. Findet ihr das? Ihr findet wie ich, daß wir in einer hoffnungsvollen Zeit leben. Streit gibt es und Erbärmlichkeit und Unrecht, aber was wäre, wenn es das nicht gäbe? Wenn ihr nichts als grauen Frieden und Wohlbehagen überall vor euch haben würdet? Habt ihr schon einmal einen zwanzig Meilen langen Weg vor euch gehabt ohne einen Berg darin und ohne daß er einen Bogen machte? Und habt ihr dann gewußt, daß ihr verurteilt wart, diesen Weg zu gehen? Gott bewahre uns davor!«

Er ließ die Blicke über sie hinschweifen, und er merkte, daß auf ihre Gesichter das gleiche Lächeln gekommen war wie jenes, das er innerlich fühlte. »Aber die Losung der Zeit? Die Losung der Zeit ist gar vieles. Das jedoch weiß ich nicht, ob wir uns dadurch versklaven lassen sollen. Wir sind es, wir sind die Losung der Zeit, und empor und vorwärts will jeder – und den gleichen Weg wollen wir doch nicht alle gehen? In ganz Europa steht die Jugend heute genau so wegunkundig da wie wir, Hoffnungen sind zerbrochen, und Hoffnungen quälen sich ans Tageslicht – und auch sie müssen wohl zerbrechen und zu Erde werden für wiederum neue – – jetzt aber wollen wir die Stube räumen wie in alten Tagen, wie in der alten Zeit, und spielen wie in der neuen Zeit, los, Burschen!«

Engelbert stand auf und wollte reden, und jetzt war er hitzig. Aber die meisten waren schon dabei, die Bänke beiseitezurücken, so daß nur wenige übrig blieben, die auf ihn hörten. – »Odin ist mein Freund und Verwandter, darum erkläre ich freimütig: Er ist für uns der Schlimmste!« – »Bravo!« rief Odin, und fast alle stimmten mit ein. Engelbert ging im Lärm unter, wie er so da oben stand.

Odin wurde gegen die Wand beim Rednerpult gedrängt, und ähnlich an die Wand gedrückt, standen sie alle jetzt ringsum, ehe das Spiel in Gang kam. Da tauchte Vikesylt neben ihm auf, der Silberfuchs, er kam herbei, schüttelte ihm die Hand und dankte für die Rede: Unvergleichlich! Aber eine Kleinigkeit habe er vermißt, das könne er mit dem besten Gewissen nicht verschweigen, und zwar den christlichen Standpunkt. – »Und das nennen Sie eine Kleinigkeit?« sagte Odin. – »Ja, aber jetzt sollst du einem alten und einfältigen Mann antworten, ich wende mich im Namen der Jugend an dich und frage: Wie ist dein Verhältnis – das heißt dein Standpunkt – zum Christentum? Wir wenden uns an dich und fordern Klarheit.«

Das sei wohl zu hoch und zu tief, um darüber zu reden, fand Odin. – Mit dem Christentum sei es so wie mit der Kultur: es ist selten dort daheim, wo man am meisten darüber spricht.

Die Leute drängten sich herzu und wollten hören. Klar und deutlich stand in Odin der Gedanke auf: Hierher komme ich wohl kaum mehr. Ihm wurde dabei seltsam zumute, er hielt nach Ingri Ausschau, fand sie jedoch nicht – ach richtig, sie war ja gegangen. Sie saugen mich ganz und gar aus, seufzte es in ihm.

»Aber du hast doch eine Lebensanschauung, soviel ich weiß? Eine Lebensauffassung, verstehst du?« »Ich glaube doch wohl.«

»Glauben, sagst du? Die Zeit aber schreit nach Klarheit, das mußt du dir merken! Die Zeit will nicht Spiel und Tanz und Tand, sie will Ernst. Ernst und Klarheit, wie gesagt. Nicht Scherz und Spiel.«

»Und doch – weiß der Teufel, das Leben ist ein Spiel, wenn man es richtig nimmt. Lebensanschauung, haha!« Odin lachte mit blauen, schmalen Augen: »Ich müßte mein ganzes Leben noch einmal leben, so wie ich hier stehe, wollte ich über meine Lebensanschauung Rechenschaft ablegen, und noch ehe ich fertig wäre, hätte die ganze Sache ein neues Gesicht für mich bekommen, es wäre eine neue Lebensanschauung geworden. Aber jetzt wollen wir spielen.«

Unterdessen waren ein paar Burschen hereingekommen und fragten nach Arthur; es bildete sich eine Gruppe bei der Tür, und plötzlich verbreitete es sich von Mann zu Mann, daß etwas Schlimmes geschehen sei auf Segelsund: Ola Haaberg ist tot, er war an diesem Abend ins Wasser gegangen; der kalte Schauer lief an allen Wänden entlang. Vikesylt sah Odin an.

»Da hörst du's und da siehst du's! Was ein Mensch ist?«

»Ach, wir sehen gar nichts, keiner von uns!« Odin arbeitete sich zu Arthur vor und sagte, er begleite ihn, bekam dann noch Arnesen zu fassen und bat ihn, nach Haaberg zu gehen, zu Ingri.

2

Es verhielt sich, wie er befürchtet hatte, Mina und die anderen auf Segelsund waren vor Schrecken halb von Sinnen. Die Männer waren fort, auf dem Fest oder irgendwo auf den Nachbarhöfen.

Mina hatte Ola zum Kaffee vermißt und war hinausgegangen, um ihn zu suchen. Da erinnerte sie sich, daß er die letzte Zeit etwas sonderbar gewesen war, und plötzlich durchfuhr sie ein Schrecken; wie ein nasses Tuch auf den bloßen Leib war es, der Gedanke, daß er nicht mehr lebte. Trotzdem ging sie noch zu den Scheunen hinüber, sie glaubte, sie würde ihn dort liegend oder hängend finden, und sie war gezwungen, hinzugehen und nachzusehen. Da war es ihr, als sollte sie lieber zum Meer hinunterschauen, denn dort beim Bollwerk oder unterhalb der Schiffshütte hatte sie ihn manchmal stehen sehen; sie lief den Weg hinunter, konnte nicht gehen. Sie suchte die ganze Landzunge ab und fand seine Schuhe an der Stelle, wo die Fahrzeuge vertäut wurden. Da rief sie laut seinen Namen, ein paarmal. Die Schuhe wagte sie nicht anzufassen. Da sah sie gleich in der Nähe einen langen Haken, es war der Bootshaken eines Fahrzeuges vermutlich, man hatte ihn zum Aufhängen der Netze gebraucht. Den nahm sie und begann damit im Wasser zu suchen, sie wußte so bestimmt, daß er dort unterhalb der Klippen lag. Nicht lange darauf fühlte sie etwas am Grund und zog es herauf. Er war es. Einen Augenblick war sie wie bewußtlos, nur eines sah sie klar vor sich, daß die Leute ihn nicht ohne Schuhe finden sollten, denn das wußte sie von früher her, daß Menschen, die sich selbst umbrachten, vorher das Schuhwerk auszogen. Die Klippen fielen beim Bollwerk dort steil ab, trotzdem gelang es ihr, die Leiche so weit heranzuholen, daß sie in eine Rinne der Klippen zu liegen kam. Dann kletterte sie mit den Schuhen herunter, watete ins Wasser hinaus und zog sie der Leiche an, so einigermaßen. Dies hatte ihr so zugesetzt, daß Berge und Erde vor ihren Augen tanzten, als sie sich wieder aufrichtete.

All dies erzählte sie Arthur und Odin, als die beiden unten standen. Sie zogen die Leiche ans Ufer herauf und legten ein altes Segel darüber, holten dann Wagen und Pferd und fuhren den Toten hinauf, trugen ihn ins Haus und legten ihn in seine Kammer – ein paar Frauen kamen hinzu und halfen. – »Es sieht so aus, als hätte er vorgehabt, die Schuhe auszuziehen?« sagte eine von ihnen. »Dummes Zeug!« sagte Mina. Ihre Stimme klang scharf: er sei oft so herumgegangen, ohne die Stiefel zuzuschnüren; und die anderen besannen sich darauf, daß dies richtig war.

Minas Gesicht war grau wie Lehm geworden, und als Arthur einen Augenblick hinausging, sagte sie zu Odin:

»Daß er uns das antun mußte!«

»Ja, es ist nun einmal nicht anders«, sagte Odin. Merkwürdig, daß er es nicht schon früher getan hat, dachte er.

»Aber eines, Odin: Wir sagen nichts davon – – daß seine Schuhe auf der Klippe standen.«

Er blickte zu ihr auf. In diesem Augenblick sieht er, wie sie sich der Zeit erinnert, da sie bekehrt war, und sieht, daß sie sich entdeckt fühlt. Er wird rot und weiß nicht, was er sagen soll. Seine Blicke fallen auf einen Brief auf dem Tisch, zwischen Büchern und Zeitungen. Er geht hin und nimmt ihn. – An Mina, stand darauf, und es war Olas runde, zierliche Schrift. – »Den kannst du später lesen«, sagte er. Aber als er ihn aus der Hand gegeben hatte, dünkte ihn, daß er falsch gehandelt habe, sie hätte ihn nicht bekommen sollen.

Als er im Begriff war fortzugehen, sagte er zu ihr: »Wir sagen es so, wie es ist. Daß es ihm auf der Erde nicht mehr gefallen hat und er deshalb ins Wasser gegangen ist – ein alter unnützer Kerl. Und im übrigen sollt ihr euch nicht umschauen, denn da werdet ihr zur Salzsäule. Obgleich ihr stärker seid, als ihr selber wißt.« – » Mußt du denn heute abend heim, Odin?« – Ja, er mußte.

Er ging rasch. Der Laut seiner Schritte hing mit ihm im Wald und in den Hängen, lag wie ein munteres kleines Lied hinter ihm in der stillen Luft. Da und dort oben in den Berggipfeln brauste die Luft so tief, das brachte wohl wieder Sturm. Und in ihm antwortete es, mit dem gleichen Ton, daß es so auch manchmal über einem Menschen brauste. Und nun wartete Ingri sehnlich auf ihn.

– – – Sie tat dies wirklich um diese Zeit, sah in einemfort auf die Uhr, und wenn sie mit dem Vater redete, war sie in Gedanken weit weg.

Sie war bei Arnesens Kommen erschrocken. Ihr Gesicht veränderte sich ganz, und sie gab keine Antwort, als er guten Abend wünschte. – »Wo ist er, der Odin?« fragte sie nur. – Ach, sie solle keine Angst haben, er käme gleich. Nach und nach gewann die Freude wieder Macht über sie und zog leuchtend über ihr Gesicht: »Ja, bist du's wirklich, Vater. Bist du hierhergekommen?« – »Ja, der Odin bat mich, herzugehen. Im übrigen hatte ich es schon selber vor, als du fortgingst. Wußte nur nicht, ob ich willkommen wäre – – es ist lange her, seit ich mit dir gesprochen habe.« – »So etwas darfst du nicht sagen, Vater! Aber warum – – ist denn was passiert, Vater? Sag mir's sofort, sei gut!«

Er erzählte, was er wußte. – »Ah, Gott sei Dank!« sagte sie. »Ich dachte schon, es sei etwas mit dir!« – – »Nein, nein, mit mir hat's keine Gefahr. Wenigstens nicht weiter, als daß man mich in die Leitung der Fabrik gewählt hat, vorläufig.« –

»Ja, ich freute mich so, als ich es hörte. Aber trotzdem – du solltest es lieber nicht tun, Vater. Ich habe solche Angst. Ja, denn die Menschen sind gefährlich, du kennst sie nicht! Nein, den Odin haben sie nicht klein gekriegt, aber –«

Arnesen lächelte: »Glaubst du, daß sie gefährlich sind, du? O nein. Und ich, siehst du, ich gehe jetzt einer besseren Zeit entgegen. Bis jetzt war alles gegen mich. Von nun an wird es anders. Ich brauche mir jetzt auch um nichts mehr Sorge zu machen, außer um deinetwillen – daß ich auch hier einen Schatten über dich werfen könnte. Aber ich mußte hierher, ich weiß, daß du mich verstehst; du wirst sehen, es geht jetzt ganz gut.« – »Traust du dich das zu glauben, Vater?« – »Jawohl, ich traue mich. Und jetzt sehe ich, daß ich hier etwas tun kann, sowohl für Odin als auch für die anderen. E r soll recht bekommen, verlaß dich darauf! Der Odin. Aber du mußt mit ihm reden, du: Er kann steinreich werden, heute noch, wenn er will. Er könnte Geld aufnehmen und die ganze Fabrik kaufen, siehst du, bis zum Sommer bekäme er alles doppelt herein! Ich wollte, ich könnte ihm den Gefallen tun, und dir mit!«

Ingris Augen und ihr ganzes Gesicht leuchteten auf, während er so sprach, erloschen aber sofort, als er schwieg. – »Nein!« lächelt sie. »Er läßt sich auf keine Spekulationen mehr ein. ›Das kann der Lauris machen!‹ wird er nur sagen. Wir verkaufen vielleicht den Hof hier, wenn die Preise am höchsten stehen, und kaufen Kjelvika; darauf freuen wir uns. Ja, denn weißt du, Vater, mich dünkt es bisweilen, als sei die Gemeinde arg. Sicher ist das nur Unsinn, aber –« – »Nur Unsinn, ja! Und von dir noch dazu, als Odins Frau!« – »Ja, wir haben bisher nur so mit dem Gedanken gespielt. Aber wenn wir dort wären –!«

Ingri ging in die Küche und richtete irgend etwas her, kam aber bald wieder herein. – »Dieser Engelbert, mit dem Odin soviel zusammen ist?« sagte sie. – »Ja, was ist der eigentlich für ein Mensch?« – »Er soll mit Odin entfernt verwandt sein, ist übrigens in der Stadt geboren. Odin hat ihm ein wenig geholfen, denn er setzt solches Vertrauen in ihn, hat ihn sogar dazu gebracht, mit dem Trinken aufzuhören. Odin sagt, er sei ein ordentlicher Kerl.« Sie lächelte und setzte hinzu: »Aber das sagt er wohl von allen?« – »Ja, es soll besser sein, allen zu vertrauen als keinem, weißt du. Und ein starker Mensch kann es sich leisten, allen zu vertrauen. Der Odin, ja, siehst du – – ich bin aufgelebt, seitdem ich hierherkam. Und mit dem bist du verheiratet!« – »Ja, glaubst du, daß ich das begreife? Dann wäre es wohl nicht – so merkwürdig zwischen uns, wie es ist! Jetzt ist er wohl bald auf dem Heimweg, glaube ich.«

Sie merkten alle beide, daß sie in einemfort geredet hatten, daß sie sich ferngehalten hatten von dem, was gewesen war und worüber nicht gesprochen werden sollte.

– – – Als Odin an Lauris' Haus vorbeikam, hörte er ein Geschrei von der Wiese bei den Scheunen. Er hörte Anders' Stimme, und gleich darauf unterschied er die Stimmen der beiden ältesten Laurisbuben. Sie rauften gerade miteinander. Das war schon früher vorgekommen; sie wurden lieber handgreiflich, als daß sie dastanden und einander mit Schimpfworten bewarfen. Peder war meist derjenige, der die Lunte anzündete, und Anders fuhr sofort auf ihn los. Meistens bekam er die Prügel, denn die anderen waren fast immer zu zweit gegen ihn. Auch diesmal erging es ihm so, schien es. Odin stand still und ließ den Dingen ihren Lauf. Ein paarmal hatten die Burschen den Anders unter sich und gaben es ihm gehörig, so daß Odin schon hingehen und sagen wollte, es sei nun genug. Da riß Anders sich von ihnen los und lief über die Wiesen heimwärts, er war flinker als der Wolf, und mitten auf dem freien Feld blieb er stehen und rief ihnen zu:

»Wenn ihr noch mehr Prügel haben wollt, Buben, dann kommt, aber schnell, denn jetzt geh' ich heim!«

Die beiden anderen lachten, das hörte Odin, keine Rede von Feindschaft. So konnten sie oft miteinander raufen und sich gegenseitig verprügeln, wenn sie die Lust anpackte. Aber Freunde waren sie und blieben sie, und sie hielten das ganze Jahr durch zusammen, im Ernst wie im Scherz, und Anders mußte die Laurisbuben dabei haben, gleichgültig, was sie auch im Sinn trugen. Odin wußte nicht, warum er gerade jetzt darüber so froh wurde, aber es wärmte ihn wie eine Hoffnung. Wie etwas, auf das man vertrauen konnte, er hätte vor lauter Freude sie alle drei hernehmen und gehörig verklopfen mögen, – die dort, die hatten wohl eine Lebensanschauung?

Und ringsum war es still, weit und frei, wohin man sich auch wandte; die Flanke des Berges versuchte ihm im Mondlicht zuzulächeln, so schwach dies auch leuchtete, und ebenso der Waldrand und das Moor. Aber ganz oben an den Hängen und rings um die Berggipfel hörte man das Rauschen eines Windes, es kam und ging, von Zeit zu Zeit. Odin glaubte fast, so sei es sein ganzes Leben gewesen, ebenso warnend, nur daß er nicht darauf geachtet hatte. Der eine oder andere hörte es vielleicht, heute abend so gut wie an einem anderen Abend, wunderte sich ein wenig darüber und wandte sich davon ab, es war ja nur der Wind.

»Empor und vorwärts!« lächelte Odin, und dann ging er ins Haus.

Heute abend wurde in der Stube gegessen, wie immer, wenn Gäste da waren. Anders schaute auf seinen Teller hinunter, als er jedoch merkte, daß der Vater ihn beobachtete, hob er das Gesicht und lachte ihn offen an: »Wenn wir eben einmal anfangen, dann –! Ich dachte übrigens nicht, daß jemand in der Nähe wäre und zusehen könnte!«

Arnesen und Odin wußten auch jetzt nicht viel miteinander zu reden. Sie sprachen ein wenig über die Fabrik und ein wenig über andere Dinge, aber keiner von ihnen war mit seinen Gedanken bei der Sache. Von Zeit zu Zeit trafen sich ihre Blicke. Da dünkte es Odin, als nicke Arnesen ihm zu, so ungefähr, als wollte er sagen, warte nur, du wirst sehen, es geht schon! Außerdem war es wohl so mit ihnen beiden bestellt, dachte er, daß sie einander verstanden. Jeder von seiner Seite her.

»Und daß er noch hier war und Abschied nahm!« sagte Ingri auf einmal.

»Der Ola? Ja, du hast recht. Und jetzt ist er ausgefallen, wie ein Zahn aus einem alten Mund.«

Aber Ingri war bleich geworden. – »Er hat sich doch nicht selber umgebracht, oder?«

»Wie man's nimmt. Er war fertig und tot, noch lange vor meiner Zeit. Er ist wohl nie richtig am Leben gewesen.«

3

Schon ein paar Tage darauf ging das Gerücht um, Arnesen habe von neuen Fettpreisen gehört, und gleich darauf erhielten sie die Bestätigung, daß dies auf Wahrheit beruhe. Hier gab es Geld zu verdienen. Die Leute blieben sofort stehen, fragten noch einmal, ob es wirklich so sei, und damit gaben sie sich wieder zufrieden. Eigentlich, wenn sie so sagen wollten, hatten sie daran nie gezweifelt. Herrgott, es gab doch so vieles, was noch stieg, da würden wohl auch diese Preise steigen, und sie hatten ja nicht dafür gestimmt, daß der Betrieb niedergelegt würde. Aber der Odin, der Bürgermeister in der Gemeinde, er war aufgestanden und hatte in allem Ernst davon geredet, den Betrieb einzustellen.

Lauris war der erste, der davon erfuhr. Er erzählte es Astri auf seine gewohnte Art, so etwa, wie man sagt, daß es sieben Uhr sei. – »Sei froh, Lauris!« sagte sie; und wie schon so manches frühere Mal zuckten Jugend und Mut über sie hin. »Ist das nicht ein gutes Zeichen, Lauris?« – »Auf Zeichen verstehe ich mich so wenig.« – »Ja aber, dies ist nun das erste Ereignis, seit du Vorsitzender geworden bist – warum kannst du nicht auch endlich einmal froh sein?« – »Ich bin immer froh, ich. So einigermaßen. Aber jetzt heißt es erst recht, Lohnerhöhung für diese Hungerleider, was sagst du dann dazu?« – Nein, das sollten sie sich doch nicht erzwingen dürfen, sagte sie in Gedanken. Aber daran sei doch nur der Odin schuld. »Er hat sie nur mit sich gelockt; er hat nie über sie geherrscht. Das Herrschen wartet auf dich.«

Lauris sah ein wenig betroffen aus, einen Augenblick; dann war er wieder der Lauris. – »Ich weiß das alles. Aber der, der dies bedenken muß, muß vieles bedenken. Er muß zunächst einmal diesen Engelbert Olsen auf seine Seite kriegen. Er ist die Kurbel dort. Aber schau, den kannst du nun einmal nicht leiden.« – »Nein, ich muß schon sagen, –« Astri lächelte und biß sich auf die Lippe, »ich begreife auch nicht, was du mit ihm willst, er gehört geduckt!« – »Es gibt etwas, das Pläne heißt«, sagte Lauris ernsthaft. – »Ja, ja, Lauris, ich will's versuchen. Wir dürfen vielleicht nicht mehr ganz so – so feinfühlig sein in Zukunft. Und schließlich hast ja du zu bestimmen, das weißt du.«

Am selben Tag noch traf sie Ingri. Astri war beim Bach und spülte dort Wäsche, denn das Wasser daheim reichte nicht dazu aus. Und Ingri ihrerseits wusch ein paar Holzgefäße. Sie blieben eine Weile beieinander stehen und redeten, und Astri erzählte die Neuigkeiten aus der Fabrik. Ingri sah sie fast erschreckt an; sie fragte, ob es wahr sei. – Doch, wahr sei es, und nun ginge es bald wieder vorwärts mit der Fabrik. »Es sieht aus, als bringe er das Glück mit, dein Vater«, sagte sie. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und schien Ingri mitten ins Gesicht, so daß sie die Farbe wechselte und das Haar funkelnd aufleuchtete; dies dauerte nur einen oder zwei Augenblicke, dann war es wieder erloschen. Der Himmel war mit kleinen hellen Wolken überzogen. Ingri konnte nie die Blicke von Astri abwenden, mit weiten, offenen und dunklen Augen sah sie sie an, kaum daß sie die Lider niederschlagen konnte. So wehrlos und ohne Falsch waren diese Augen, daß nun Astris Blick an ihnen hängen blieb. – »Und daß Lauris Odins Platz eingenommen hat, das nimmst du dir doch nicht so sehr zu Herzen, nicht wahr? Ja, ich meine: es ist nun einmal so auf der Welt, daran kann keiner viel ändern?« – »Nein«, sagte Ingri. – »Nein, uns bleibt nichts übrig, als zuzusehen, wie sie miteinander fertig werden.« – Astri nahm ihren Trog und ging heim.

Sie war unzufrieden mit sich, denn nun hatte sie wiederum ein paar Worte zuviel mit Ingri geredet; – man stieg immer so zu ihr herab, gleichsam, als wäre man selbst ein Erwachsener und sie nur ein Kind, und ehe man sich's versah, stand man da und wurde mit ihr zum Kind, ja, und trotzdem war sie doch immer so himmelweit von einem entfernt. Dies mußte daher kommen, daß man fühlte, wie leicht es war, Ingri wehzutun, und daß man froh war, weil man nicht zu denen gehörte, die so etwas taten.

Die Fabrik ging weiter, es war fast, als mache sich alles von selber. Arnesen unterhandelte mit den Arbeitern, versprach ihnen das, was sie forderten, redete mit der Leitung und brachte alles ins reine. Es zeigte sich bald, daß die Sache sich großartig anließ, denn die Heringe waren fetter, als man je geglaubt hätte. Arnesen brachte gehörigen Schwung hinein, ließ viel mit Überstunden arbeiten. Es hieß, er habe eine besonders gute Art, mit den Leuten umzugehen.

Da berief Lauris die Aktienbesitzer zu einer neuen Versammlung ein. Sie hatten im vorhergegangenen Sommer angefangen, die Fabrik zu vergrößern, es war schon eine Grundmauer aufgestellt worden, weiter aber waren sie nicht gekommen, sie fanden, die Arbeiter gingen in ihren Forderungen zu weit. Nun gab es viele, die wollten, daß sofort gebaut werde. Es seien genug Heringe vorhanden, und Arbeitslose gebe es für den Winter ebenfalls genügend in der Gemeinde, sie müßten einen ordentlichen Schlag machen. Hier war Leben und Fortschritt, die Leute ahmten den Silberfuchs im Spaß nach, aber sie meinten es im vollsten Ernst: »Es muß empor und vorwärts gehen!«

Die Frage war nun die, ob sie sich den Zimmerleuten und Bauarbeitern beugen sollten.

Odin kam zur Versammlung und sprach. Wenn gebaut werden sollte, so müsse man auch bezahlen. Er zog schwer über die Bauern los, wies auf die Preise hin, zu denen sie alle ihre Waren verkauften, sagte, es sei alles miteinander hundemäßig teuer, sagte sogar etwas davon, daß es nichts helfe, die halbe Welt zu gewinnen, wenn man Schaden nehme an seiner Seele. Die Leute murrten, er aber war schon wieder über ihnen, und das Ende vom Lied war, daß sie nachgaben; sie wollten ihn sogar als Vorsitzenden der Bauleitung haben. Odin lachte und bat sie, zu bedenken, daß er ihnen von dieser Erweiterung abrate. »Ich habe Angst bekommen«, sagte er. »Ich habe nie Angst vor dem Spiel gehabt, wenn es auch noch so gefährlich war, das wißt ihr; jetzt aber sollten wir aufhören, solange das Spiel noch lustig ist. Ja, ich sehe, daß euch dies schwerfällt. Ich erkenne mich selber wieder«, – er schaut vor sich hin und lächelt, halb Knabe und halb alter Mann: »Es hat wohl oft so ausgesehen, als handle ich in einem Rausch. Ja, ich bereue das nicht. Aber diesmal – bin nicht ich es, der im Rausch handelt.«

Sie hörten nicht weiter auf ihn, von früher schon daran gewöhnt, daß er irgend etwas Seltsames vorbrachte. Sie wählten ihn zum Vorsitzenden, und die Arbeit wurde so rasch, wie es sich nur machen ließ, in Angriff genommen. Das Wetter war so besonders gut.

An Lauris dachten sie so gut wie gar nicht. Er hatte weder zugeredet noch abgeredet; – so schlau war er.

Mitten in all dem wurde das Leichenbegängnis auf Segelsund gefeiert. Odin hatte Mina noch nie so bedrückt gesehen, sie ging wie im Schlaf umher und war verquält und wußte kaum, was sie antwortete, wenn sie gefragt wurde. Odin hatte ihnen verboten, Vikesylt einzuladen, und das fanden die Leute begreiflich, denn nach und nach war es doch durchgesickert, welch einen Tod Ola erlitten hatte. Sie fanden, wenigstens viele von ihnen, daß man sich für Ola kein anderes Ende hätte erwarten können, als der Eigenbrötler und Bücherwurm, der er war, und als ein Gottesleugner obendrein. Odin sang die Leiche hinaus.

Und die Kirchenglocke tönte ebenso schwer und von Herzen kommend über Ola wie über irgendeinem anderen Mann in den blauklaren Herbsttag hinaus. Ein Berg nach dem anderen fing den Ton auf und hielt ihn eine Weile fest.

Am Grab blickte Odin einen um den anderen an, er fühlte selber, daß er bleich geworden war: Der gleiche Gesang über jenem, den man schwer vermißte, und über dem, der unnütz auf der Welt gewesen war! Sah denn der Herrgott dies von so hoch oben her an? Odins Augen begegneten Astris Blicken; sie aber schlug die ihren rasch nieder. Da lagen die Wimpern wie blaue Schatten auf ihren Wangen. Sie hatte ihn verstanden, und ihr war, als habe sie sich einer Sünde oder einer Schande schuldig gemacht.

Der Pfarrer aber sprach: »Und aus der Erde sollst du wieder auferstehen.«

Da fühlte Odin Ingris Hand in der seinen. Er ergriff sie, und so blieben sie stehen. – » Wann werden wir Menschen den Tod überwinden?« tönte es rings um ihn.

Zunächst aber war das Leben da und sollte überwunden werden. Es galt, sich wieder in den Strom zu werfen, gegen ihn oder mit ihm, mit den Fischern und den Bauleuten und vielem anderen, und alles miteinander tat doch gut. Die Menschen waren wunderbar seltsam. Selten zufrieden und noch seltener einig, und stets tiefernst wegen jeder Kleinigkeit, die sich ihnen entgegenstellte, man hätte glauben können, daß es sich um ihr Leben und noch mehr handle; Odin stellte sich oft mitten vor sie hin und lachte laut und aus vollem Herzen ihnen ins Gesicht. Da löste sich der Knoten meistens, sie hatten nicht viel Begabung zum Bösesein. Oft war auch der eine oder andere unter ihnen, der die Dinge ruhig betrachtete und voll einer alten Weisheit lächelte. Und dann ein Wort sagte, das Wunden heilen konnte.

Ingri sah ihn manchmal an, besonders wenn er gerade fortgehen wollte. Sie hatte ihm vielleicht in all den Jahren so nachgesehen, aber erst jetzt kam ihm dies zum Bewußtsein, und eines Tages – er war gerade im Begriff fortzugehen – drehte er sich zu ihr um, mit kleinen Falten über den Brauen: »Ob das hier das Leben sei, meinst du? Ja, Ingri; für mich ist es das. Eine Zeitlang noch! Eine Zeitlang noch, ja!«

Später einmal sagte er dann, er strich ihr sanft und behutsam über das Haar: »Es soll schon einmal anders werden, Ingri. Gewiß. Ich weiß, wie und wo du mich haben willst. Ich werde schon noch mit dir dorthin steuern. Sei nun ein gutes Mädchen und warte. Aber du weißt doch, es gibt etwas, das Geheul des Stammes heißt? Wenn das nach mir ruft, dann muß ich fort, so wie jetzt; nun, ich komme ja wieder. Wer die Stimme seines Volkes nicht hört, der hört auch sonst nichts.«

Sie wollte seine Hände ergreifen, in tiefster Freude. In diesem Augenblick aber kam die Sonne herein und fiel auf ihn, wie er dastand, ein bebender, lustiger Strahlenflaum. Sie konnte ihn kaum wiedererkennen. Nachdenklich lächelte sie: »Jetzt nahm dich das Licht und trug dich weit von mir fort. So wird es wohl einmal sein, wenn du wirklich das hörst, wovon du vorhin sprachst.« – »Ja. Aber ich gehöre dennoch dir und den Deinen, mitten in allem anderen, – und nun guten Morgen, kleine Großmutter.«

4

Astri reiste gleich nach dem Leichenbegängnis in die Stadt. Sie hatte dort vielerlei zu erledigen, hauptsächlich aber wollte sie nach ihrer Mutter sehen. Nicht etwa, weil die beiden einander viel zu sagen gehabt hätten, sie waren sich eher immer fremder geworden mit der Zeit.

Als Astri das meiste erledigt hatte, erinnerte sie sich an Karen-Anna Jensen aus Jörnstranda. Bei ihr hatte sie jedesmal vorgesprochen, so oft sie in der Stadt war, zwar reute es sie meistens hinterher, aber sie konnte es doch nicht sein lassen. Dieses Mal fiel ihr ein, daß sie gehört hatte, Karen-Anna sei krank, und auch, daß ihr Sohn bei der Säge verunglückt sei und nun der Mutter zur Last falle. Sie ging hin.

Karen-Anna wohnte am Rande der Stadt, in einer kleinen Kammer. Es war sauber und ordentlich hier, aber unglaublich eng. Karen-Anna war bleich und mager und nicht gut angezogen, nichts als Armut und Krankheit, das sah Astri.

Als Astri kam, huschte der anderen ein verlegenes Lächeln über das Gesicht – dies geschah jedesmal, wenn Astri da war, fast als erblicke Karen-Anna irgend etwas Schönes, das sie vergessen hatte; nach und nach aber schlich sich das Grau wieder in ihre Augen. Auf der Bank drüben saß der Sohn, er war wohl in den Zwanzigern, rechnete Astri nach. Er hatte jetzt nicht mehr viel Ähnlichkeit mit Lauris, das konnte sie sehen. Sein Gesicht war sehr hager, und er hatte matte Augen, es mußte schlecht um ihn stehen. Neben ihm lag die Krücke.

Astri erzählte allerlei, und Karen-Anna wurde zusehends munterer und antwortete mehr, als man sich erwartet hätte. Sie sei krank gewesen, ja, und sei noch krank, eine Art Schwindsucht, wie der Doktor sagte, und nun dringe er in sie, daß sie fortfahre, die Stadt sollte ihr einen Aufenthalt in einem Sanatorium oder wie sie das nannten, zahlen. – »So?« sagte Astri, auf einmal merke sie, daß sie ihr Herz klopfen hörte. – »Nein, aber es wird nichts daraus.« – »Warum nicht?« – »Nein. Ich halte so wenig von solchen Sachen. Und außerdem – – habe ich keine Lust.«

Der Bursche auf der Bank drüben sah scharf auf, und die Mutter bekam auf jeder Wange einen roten Fleck. Dann mußte sie husten. Danach stand sie auf, jammerte ein wenig und sah ihn an; er saß da und las in einer Zeitung. Als er merkte, daß auch Astri ihn anblickte, versuchte er sich hinter der Zeitung zu verbergen.

Aus Astris Wangen wich die Farbe, so daß sie einen Augenblick ganz grauweiß war, dann kehrte die Röte wieder und überflutete das ganze Gesicht. Karen-Anna redete von etwas anderem, fragte, wie die Leute auf dem Land draußen lebten. Astris Gedanken waren ganz fern, als sie antwortete. Sie lebten eben.

»Hier muß ein Ausweg gefunden werden«, sagte sie. Sie trat zu Karen-Anna hin: »Hier muß ein Ausweg gefunden werden«, sagte sie wiederum und legte ihr die Hand auf die Schulter. – »Ja wieso denn?« – »Doch, ich sehe ja, du kannst von dem Buben nicht wegreisen. Ich weiß nicht, ob er mit mir kommen mag oder nicht, ich will nicht einmal fragen. Aber irgend etwas muß hier geschehen. Du mußt wieder gesund werden, das ist klar, es hilft wirklich, wenn man fortreist«, – sie erzählte von mehreren, die dadurch ihre Gesundheit wiedererlangt hatten. »Du heißt Ludvik, nicht wahr? Ja, dein Vater, weißt du, der würde nicht dulden, daß so etwas geschieht. Du sollst mit mir kommen, du. Nach Haaberg, du gehörst doch schließlich dorthin!«

Ihr war es, als redete sie mit zwei Schatten. Sie ging hin, packte Ludvik beim Arm und rüttelte ihn: »Du begreifst doch, nicht wahr, daß deine Mutter niemals wegreist und gesund wird, wenn du nicht mit mir kommst? Ja. Und du sollst ihn schon wiederbekommen, Karen-Anna!«

Es dauerte eine geraume Weile, ehe die beiden sich entschlossen, aber Astri setzte sich hin und wartete ruhig ab. Sie ging nicht fort, ehe sie nicht ihren Willen durchgesetzt hatte. Ein ums andere Mal schoß es in Ludvik auf, so daß er am liebsten aufgefahren wäre und etwas Böses gesagt hätte, aber Astri merkte, wie er durch sie im Zaum gehalten wurde. Endlich lachte er und warf die Zeitung weg: »Ja, nur zu, mir ist alles recht!« – »Jetzt kenn' ich dich wieder«, sagte Astri.

Sie ging in die Stadt und kaufte neue Kleider für ihn. Es war nicht lustig, zu sehen, wie armselig er dasaß und sich gar nicht zu helfen wußte, aber schließlich erlebte sie doch die Freude, daß er sie ansah und überlegt und aufrichtig antwortete – es sei nichts anderes zu machen, nein, wenn man die Mutter wieder zusammenflicken wolle. Plötzlich aber sah er von der Seite her zu ihr auf, er mußte ihre Gedanken gelesen haben: »Wer weiß, ob ich willkommen bin auf Haaberg, aber –. Es soll möglich sein, der Schande den Kopf abzubeißen, habe ich gehört.« Er lächelte wirklich, und da sah er dem Lauris ein ganz klein wenig ähnlich, dem Lauris aus früheren Zeiten.

»Doch, du sollst willkommen sein, dafür stehe ich dir gut!«

Andrea sah sofort, daß Astri etwas zu erzählen hatte. Astri setzte sich anders hin, als es sonst ihre Gewohnheit war, und ihre Augen blickten sie nicht so stark an und hielten sie nicht fern. Sie schlug ein Bein über das andere und legte die Hände ums Knie, saß da und wiegte den Oberkörper leise vor und zurück. Ab und zu biß sie sich auf die Lippe. Die Stirn zuckte, und die Augen wurden immer glänzender und glänzender, und als sie dann endlich sprach, klang es fast lächelnd: »Ich war bei der Karen-Anna. Sie muß fort und gesund werden. Und ihr Sohn, erinnerst du dich an ihn? Den habe ich übernommen. Morgen wird er mit mir heimkommen – – er soll doch wohl auch einen Vater haben? Wenn er bloß bei uns bleiben würde!«

Andrea blieb erstarrt stehen, oder sie ging wohl rückwärts zur Wand hin. Munter und mit kleinen Augen lächelte Astri ihr zu. Da versuchte Andrea den gleichen Ton zu finden: – »Das ist mir ja ein schönes Mitbringsel aus der Stadt!« – »Ja–a, Mutter!« – »Du hättest es lieber nicht tun sollen. Um Lauris willen.« – »Der?« meinte Astri. »Er war es ja gerade, der das wollte.« – »Ist das wahr? Wollte er das wirklich?«

Astri wurde rot, sah die Mutter jedoch fest an – »Nein, es ist nicht wahr; in einer Weise. Aber ich tue es doch um seinetwillen. Er soll sich als der erweisen, der er ist, er soll zeigen, daß er ein Mann ist, ja. Denn das ist er, Mutter, ob du es glaubst oder nicht. Er ist es geworden«, fügte sie hinzu, ein wenig gedämpfter.

Sie saß da und sah die Mutter an, so daß diese die Augen ein paarmal niederschlagen mußte. So hatte Andrea sich nicht gewünscht, daß Astri ihr näherkommen sollte. Und jetzt lächelte Astri, mit einem Gewirr von kleinen Falten rings um die Augen, lauter Jugend und Übermut durch und durch: »Du denkst an den Odin, Mutter. Du und alle die anderen. Jetzt wär's aber an der Zeit, daß ihr damit aufhörtet.«

Sie lachte, als sie sah, wie die Mutter zusammenschrak. – »Nein, jetzt hör mir zu, Mutter; ich werde doch auch noch einmal offen reden dürfen. Ich war wütend auf den Odin, das gebe ich zu, weil er nicht kam und mich mit Gewalt nahm. Denn so lieb hätte er mich doch haben sollen; so lieb, daß er das Leben für mich geopfert hätte. Da mußte ich mich opfern, für einen anderen. Und jetzt sehe ich es deutlich vor mir, und du solltest es auch sehen; daß alles andere falsch gewesen wäre; es war recht, wie es ging. Denn der Lauris und ich: es war die ganze Zeit ein Kampf darum, ob ich gewinnen würde. Ich habe gewonnen. Hast du ihn nicht gesehen? Und meine Buben? Es ist so gegangen, wie es gehen sollte, und das tut es gewiß öfter, als die Leute glauben, – würden sie das erkennen, so wäre das Dasein leichter für sie; es kommt soviel aufs Sehen an. Ich sitze oft da und sehe – nein, nein, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde nicht so dasitzen wie die Großmutter.«

Sie stand auf, ohne selber darum zu wissen, breitete die Arme aus, dem Tageslicht entgegen, das durch das linke Fenster hereinströmte, stand jung und stark da und sah es vor sich: »In Blindheit vorwärts – und bis hierher!«

Zu einem Mann, der nichts war ohne mich, durchfuhr es sie.

Der Mutter waren Tränen in die Augen getreten. Dazu gehörte nicht viel, vielleicht, Astri wurde weich bei diesem Gedanken, sie hätte nicht dastehen und so reden sollen. Aber noch ehe sie mit diesem Gedanken zu Ende gekommen war, befand sie sich wieder mitten darin. – »Du denkst an die Gemeinde, du, daran, was man dort dazu sagen wird. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Zuerst muß man «das tun, was man soll. Dann kann man sich's später immer noch zusammenreimen. Und der Lauris, wie gesagt, er war es ja – – ja, er wird sich freuen, wenn er es erfährt, er soll sich freuen!«

Sie blieb eine Weile stehen, dann sagte sie: »Das hier, siehst du, das ist ein Dankopfer dafür, daß er – – mir die ganze Zeit treu war. Ja, und außerdem noch dafür, Mutter, daß es uns die ganze Zeit so gut gegangen ist, obwohl – –«

Bei diesen Worten hielt sie plötzlich inne, bekam kalte Wangen und vergaß zu blinzeln. – »Ich habe mir so vieles erwartet«, murmelte sie. »Es gibt manches, das uns vergolten werden könnte – – ich kenne den Lauris nicht – – ich meine, daß wir dafür büßen müßten.« Aber sie riß sich davon los und sah die Mutter wieder ruhig an. – »Ich weiß ja wohl, daß ihr, du und auch der Otte, zum Odin haltet, denn ihr seht nicht, daß er sich verkauft hat, daß die kleinen Leute ihn regieren und nicht er sie; ihr könnt nicht begreifen, daß es zweierlei Arten von Leuten gibt und geben muß – daß alles andere mir zuwider ist. Wir müssen Halt sagen, wir, die die Verantwortung haben, da hilft nichts – ja, es hat keinen Sinn, daß ich darüber Predigten halte.«

Andrea sprach von der Seuche, die jetzt in der Stadt wütete. Unaufhörlich starben Menschen, und ansteckend war sie, sie sollte sich in acht nehmen. – »Ich mich in acht nehmen? Nein. Ich habe mich noch nie in acht genommen. Da würde man ja doch ängstlich werden, oder? Die Großmutter, die war nie ängstlich. Aber richtig: Ist der Otte krank?« – Ja, er fühlte sich nicht ganz wohl. Aber es sei nicht die Seuche, er habe irgend etwas im Magen; vielleicht ein Magengeschwür.

Jetzt erst fühlte Astri, daß ein schwerer Druck über der ganzen Stube lag. Sie fand, es ginge nicht an, mehr zu fragen, ginge nicht an zu trösten. Sie konnte sich nicht einmal dazu aufraffen, zur Mutter hinzugehen und ihre Hände zu ergreifen.

– – – Am Morgen darauf, als sie zum Dampfer hinunterging, fühlte sie sich ein wenig beunruhigt. Denn wenn Ludvik nicht dort war, so würde das bedeuten, daß sie zu weich gewesen war, daß sie nicht die war, für die sie sich selbst gehalten hatte, und was sollte dann werden? Es würde vielsagend sein, wenn er nicht dastünde. Auf einmal aber drang ihr das Blut mit aller Gewalt zum Herzen, denn dort, mitten unter den anderen, die sich und ihre Siebensachen einbooten wollten, sah sie ihn, sah die Krücken und das bleiche Gesicht, er stand da und hielt nach ihr Ausschau. Sie gab ihm die Hand und dankte ihm. Dann zog sie ihn mit sich fort – nach achtern.

Das Boot schwenkte in die Haabergbucht ein. Es waren viele Leute unten auf dem Bollwerk, sie sahen sowohl Lauris als auch Odin dort stehen. Das Meer lag still und glänzend da, so daß sie innehalten und es ansehen mußte: ein herrlich gutes Wetter von den blauen Bergen herunter bis ganz aufs Meer hinaus. Es blitzte und schimmerte weiß von den Möwen, die über den ausgelegten Netzen kreisten, es schimmerte oben in den weißen Wolken, alles erschien ihr morgenblank erstaunt, wie der Tautropfen am Zweig.

Sie hielt Ludvik die Hand hin und wollte ihm an Land helfen. Er aber war mit seiner Reisetasche schon unterwegs, drehte sich um und sah sie flüchtig an, als wollte er sagen, nun müsse man sich eben in Gottes Namen dreinschicken.

Lauris mußte den Burschen bereits gesehen und erkannt haben, er hatte alles in einem Augenblick erfaßt, vielleicht, denn ihr schien, als käme er ihr so entgegen. – »Bist du mit dem Pferd da?« sagte sie. – »Ja. Es war doch abgemacht, daß ich dich mit dem Pferd abholen sollte.« – »Das ist gut. Und da haben wir den Ludvik, den kennst du wohl nicht wieder. Du mußt ihn aufsitzen lassen.«

Ludvik trat vor und grüßte. Lauris gab ihm ruhig die Hand und sagte sogar noch: »Willkommen hier auf dem Land!«

Vielleicht machte Lauris ein etwas langes Gesicht, aber er redete trotzdem, als sei nichts vorgefallen. Ein paarmal betrachtet er sich den Burschen sehr genau. Daheim, als er und Astri einen Augenblick allein sind, kneift Lauris das eine Auge zu und lächelt leise vor sich hin und ihr ins Gesicht:

»Ja, du, Astri, du bist eine!«

»Ja–a. Nun bist du also sein Vater; vor der ganzen Gemeinde, ja.«

»Meinethalben. Wenn du mir soviel zutraust.« Dann grinst er wieder und schüttelt den Kopf: »Herrgott, du verstehst's aber, dem Odin zu helfen!«

»Nein, Lauris, diesmal tust du etwas, was er wohl kaum je fertiggebracht hätte.«

»Ja, mich geht's ja nichts an, im übrigen.«

»Soviel Verstand werden die Leute wohl haben –«

»Der Verstand ist es ja gerade, der sie rettet, weißt du. Denn den gebrauchen sie nie. Vergiß das nicht, wenn du jetzt dem armen Teufel Mutter sein willst.«

Sie hatte irgend etwas in der Speisekammer zu tun und ging dorthin. Was nun auch der Grund sein mochte, jedenfalls bückte sie sich zu der großen Kiste hinunter, die dort stand, und wahrhaftig, von dort her kam dieser fremde Geruch, den sie bemerkt hatte. Sie wollte die Kiste öffnen, aber sie war verschlossen. Astri richtet sich auf und sieht, daß Lauris in der Tür steht; er ist heimtückisch wie das Eis unter dem Neuschnee: »Ich dachte, ich könnte diese Kiste eine Zeitlang benützen, sie war fast leer.«

Astri steht da und sieht ihn an. – »Ja, so nimm es doch nicht so gräßlich schwer«, bat er. »Ich gebe zu, wie es ist, daß ich die Zeit ausnützte und mir einen Tropfen Weihnachtsschnaps brannte, während du fort warst, – hast du dich nicht ein wenig über mein sogenanntes Bier gewundert?« Sie schüttelte den Kopf: »Ich glaubte wirklich, daß es Bier werden sollte. Aber das hier ist doch verboten, Lauris?« – »Angeblich ja. Du mußt also den Mund halten.«

Astri war blutrot geworden, sah zu Boden und biß sich auf die Lippe. – »Ja, den Mund halten kann ich immerhin. Und in seinem eigenen Haus sollte man doch Herr sein. Ich höre nicht auf Odin und seine Engel. Aber eines mußt du wissen, ich mache mich deswegen nicht zum Lügner, für den Fall, daß ich gefragt werden sollte. Mit solchen Dingen geben wir uns nicht ab.« – »Ja«, meinte er, »aber schließlich weiß ja niemand, was man treibt und was nicht.«

Sie schlug die Augen zu ihm auf und hielt sie fest auf ihn gerichtet:

»Kannst du dir denn das nie abgewöhnen? Diese kleinen Lügen und Kniffe? Halt doch lieber stand, wenn der Stoß kommt. Ich habe solche Angst, manchmal: ich weiß nie, was du getan hast oder was dir einfallen kann zu tun oder nicht zu tun.«

»Der Stoß? Dem hielt ich doch erst vorhin stand, unten beim Bollwerk. Und habe noch mehr von der Art zu erwarten, nicht wahr?« Er schob die Hände in die Taschen und ging hinaus.

5

Es dauerte nicht lange, dann kam die Seuche auch aufs Land hinaus. Sie hatten sie vielleicht schon lange, wenn sie genau nachdachten, gar mancher war todkrank gewesen, es war wohl die spanische Krankheit. Aber meistens kam dann die Pest selber hinterdrein, und das war nun also eingetroffen. Ein junger Bursche drüben auf den Häuslerhöfen von Segelsund war gestorben, noch ehe man die Schwere seiner Krankheit erkannt hatte, und gleich darauf noch einer, es war, als verlösche ein Licht. Es hieß, die Lunge habe zu arbeiten aufgehört. Und in den Nachbargemeinden wanderte der Tod von einem Hof zum anderen, wenn man den Erzählungen glauben durfte. Konnte man den Doktor noch rechtzeitig holen, so war immer noch Hoffnung, oder wenn man Branntwein hatte, aber diese beiden Dinge waren schwer zu haben. Die Leute waren ängstlich geworden, und viele von ihnen wagten sich nicht einmal zum Nachbarhof hinüber, so ansteckend war diese Krankheit. Sie lasen darüber in den Zeitungen, es war ein Unglück, das auf der halben Welt lastete, eine Sündenstrafe, meinten viele.

Manche wurden so ängstlich, daß sie nicht einmal die Milch zur Schweizerei bringen wollten. Wenn das so weiterging, würden die Arbeiter in der Fabrik dies zu spüren bekommen, denn die bezogen ihre Milch und Butter von dort.

Um diese Zeit fuhr Odin von einem zum anderen und wollte Aktien für den Konsumverein zeichnen lassen. Jetzt mußte er sich die Leute Mann für Mann vornehmen, bis ihm ein jeder versprach, die Lieferung an die Schweizerei nicht einzustellen. Es ging auf diese Weise, aber leicht war es nicht. Und mit dem Konsumverein ging es auch nicht viel leichter. Er merkte, auf welcher Seite er viele von ihnen finden würde, gleich nachdem er zu Lauris kam. Ihn selber traf er übrigens nicht, aber aus Astris Antworten hörte er heraus, daß sie ihn erwartet hatte. – »Nein, mit solchen Dingen geben wir uns nicht ab«, sagte sie. »Wir wollen nicht zu denen gehören, die irgend jemand das tägliche Brot wegnehmen – du hättest doch eigentlich gleich an Mina denken können.« – »Für die wird sich schon ein Rat finden, habe ich gedacht.« – »So–o?« – »Wie wäre es, wenn du mit dafür stimmtest, Arthur zum Leiter des Vereins zu machen? Denn das liegt ihm.« – »Ja, so, so ist das zu verstehen? Ja, ja, aber erkundige dich bei denen, die deine Leute sind. Wir sind dagegen.« – »Daß du dich so ganz und gar verrennen solltest!« lachte er. – »Man muß doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen?« erklärte sie.– »Ja, meinst du?«

Ähnlich ging es ihm bei vielen, aber er war strahlender Laune, war zornig und froh zugleich. Gar mancher hatte nachgegeben, ehe ihm die Sache recht klar geworden war. Und ließen sie sich nicht von der einen Seite nehmen, so gab es immer noch eine andere, von der aus man es versuchen konnte. Er kannte sie besser als sich selber und betrachtete sie von allen Seiten, wie er es mit seinen Fichten im Wald machte. Er mußte dies schon einmal geträumt haben, als er noch ein kleiner Junge war, denn oft, mitten im ärgsten Gefecht, erkannte er nicht nur sie, sondern auch sich selber wieder.

Dann aber fürchteten sie, er könnte ihnen die Krankheit ins Haus bringen. – »Ja, bleib du nur in der Tür, dann stell' ich mich hierher«, sagte er, und da fiel meistens die Angst von ihnen ab. – »Dich als Freidenker ficht das natürlich nicht an«, sagte einer von ihnen. – »Ja, bin ich das, glaubst du?« – »Wir haben es doch gehört.« – »Vom Silberfuchs, ja. Und im übrigen habe ich Angst genug vor dem Tod; aber die Sachen da muß ich noch erledigen, ein ganzes Fuder muß noch übern Berg empor und vorwärts, da vergeht einem die Angst.«

Bei den Fabrikleuten ging es besonders schwierig. Die fürchteten, es könnte eine Gesellschaft aus lauter Bauern sein. Doch da hatte er bereits so viele Aktien in der Hand, daß er die Fabrikleute entbehren konnte, und das half. Aber einige Tage darauf erklärte Engelbert, sie hätten sich's überlegt. Sie wollten nicht mittun und einem verhungerten Kaufmann das Brot backen. – »Ja, aber, du solltest ja nicht Leiter sein?« sagte Odin. – »Nein, nein, aber –. Wir geben nicht nach. Wir unternehmen etwas auf eigene Faust.« – Odin versuchte ihn zu überreden und glaubte ihn bereits auf seiner Seite zu haben, sie hatten schon gar manchen kleinen Kampf miteinander ausgefochten. Engelbert aber zeigte diesmal ein anderes Gesicht, er hatte einen bösen Blick und ein böses Maul. – »Du bist einer!« sagte er. »Zuerst schmeichelst du dich bei den Bauern ein, und dann schmeichelst du dich bei uns ein, glaubst du nicht, daß wir den Schwindel merken?« – »Nein, nein, nein!« bat Odin, »jetzt nimm einmal deinen Verstand zusammen, du weißt selber, daß das, was du da sagst; nicht wahr ist.« Engelbert schoß sofort das Blut in den Kopf, es sah aus, als bereue er, dann aber packte ihn die Scham, und nun legte er noch derber los: Er würde Odin und jedem, der es sehen wolle, zeigen, daß die Fabrik und die ganze Arbeit am Bau nur so lange weitergehe, als er wolle, und nicht einen Tag länger!

»Jetzt nimm dich aber in acht!« Odin sagte es ernsthaft; er war noch nicht zornig, aber die Farbe in seinem Gesicht wechselte.

So trennten sie sich. Als Odin am Abend heimkam, war er ebenso müde und froh wie immer. Aber Ingri merkte trotzdem, daß ihm irgend etwas fehlte. – »Nein, nichts, nur daß du Sägemehl ins Brotmehl gemischt hast«, er sah vom Essen auf. – »Nein, nein, Odin! Du weißt doch, daß es Bauernmehl ist.« – »Du hast recht, ja. Und es schmeckt auch gut. Nein, es ist der Engelbert, der mir den Weg versperren will. Mit dem werde ich mich noch gründlich abraufen müssen, ehe ich ihn so hab', wie ich ihn haben will. Oh, aber – es ist Erz in den Leuten, wenn man nur richtig draufschlägt.«

– – – Am gleichen Abend trafen Engelbert und Lauris unten in Vaagen zusammen, in einem Haus, wo sie oft alle beide hinkamen. Es handelte sich darum, daß Lauris die Leute das Schnapsbrennen lehren sollte, denn es gab viele, die sich daran versuchten, aber nur wenige, die es zuwege brachten. Einzig und allein Lauris konnte es auf die richtige Art. Er hatte den Apparat in einem Sack mitgebracht, und eine Flasche voll gebrannten Wassers. Sie tranken ein wenig, und es schien ihnen zu schmecken; und dann redeten sie über allerhand. Engelbert kam nur durch einen Zufall hinzu. – »Du zeigst uns wohl an, du?« sagte Lauris. – »Ja, das hängt nun von mancherlei ab«, lachte Engelbert. Lauris sah ihn an, seine Augen wurden immer schmaler und schmaler. – »Schade, daß du so ein dummer Kerl bist!« sagte er. »Ja, ich meine nur in einer Sache, weißt du; ich hab's dir schon einmal gesagt. Denn sonst bist du ja verflucht tüchtig.« – »Du meinst den Odin, daß ich nach seiner Pfeife tanze? Ich will dir eines sagen, Lauris, ich habe ihn heute abgeschüttelt, und zwar gehörig.« – »Ja, da hin ich nicht mit dir einig«, erwiderte Lauris, »denn der Odin war dir bisher recht nützlich.« – »Ja, ich weiß es; gib dir keine Mühe! Aber heute abend trinken wir, und morgen ist Krieg. Es wird Streik geben, und du bist Vorsitzender in der Leitung – dein Wohl!«

Lauris lachte, daß es ihn schüttelte: »Weiß Gott, es ist ein Vergnügen, es mit so einem aufzunehmen wie mit dir! Ja, denn du bist ein ehrlicher Kerl«, fügte er hinzu. »Ein Charakter, möchte ich es nennen. Ich bin nun einmal so altmodisch, daß ich auf den Charakter sehe; der geht über all unser Zanken und Streiten. Aber wie kommt es, daß du trinkst? Du?« – »Darüber mußt du mit dem Odin reden«, hustete Engelbert.

Die beiden waren einen Augenblick allein in der Stube, und da beugte Lauris sich über den Tisch vor und sah den anderen verzehrend schlau an: »Du weißt, daß ich Bankkassierer bin, nicht wahr? Ja, und du hast ein Papier, auf dem der Odin für dich gebürgt hat?« – »Ja, ein Papier auf dreitausend Kronen, es war der Handel, den ich damals abschloß.« – »Und der Tölpel hat für dich gutgesagt, blanko! Du brachtest es blanko auf die Bank, ein ums andere Mal, zum Prolongieren. Das beweist, was für ein Mann du bist: Du hast es jedesmal nur prolongieren lassen. Obgleich du Fünf- und Sechstausend auf den Tisch hättest bekommen können, auf seinen Namen, ja, das weißt du selber genau so gut. Du hast die Versuchung überwunden, ja. Du hast auch nie davon gesprochen, daß sein Schwiegervater im Loch gesessen hat. Nein. Aber ich danke dir nicht dafür, ihr seid Freunde und alles miteinander.«

Engelberts Augen waren ein wenig gläsern. In diesem Augenblick kam der dritte Mann wieder herein. – »Du hast Streik gesagt?« fing Lauris an. – »Ja, so, wie die Fabrik jetzt verdient! – – aber darüber können wir ja morgen reden.« – »Da wirst du wohl auch den Odin mit hineinziehen müssen. Und da kannst du froh sein. Ich bin schon nahe daran, krank zu werden, will ich dir sagen. Und der Odin, der weiß sich mit euch zu helfen. Ihr bekommt einen Anteil am Ertrag. Ja, du wirst sehen!« – »Ja, wir wollen sehen, ganz gehörig!« Engelberts einer Mundwinkel zog sich hoch hinauf.

Lauris wurde wirklich krank. Nicht gerade schwer, aber doch immerhin so, daß er das Bett hüten mußte. Man hatte Odin zum zweiten Vorsitzenden gewählt, man wollte ihn nicht geradezu absetzen, und nun mußte er einstweilen die Stelle des ersten Vorsitzenden einnehmen. Der Streik war das erste, womit er zu tun bekam, und der Kampf wurde beinahe ausschließlich zwischen ihm und Engelbert ausgefochten. Odin bat ihn, die Arbeiter zu einer Versammlung zusammenzurufen, er wolle mit ihnen reden. Dies geschah.

Odin sagte, er sei in vielen Dingen mit ihnen einig, jetzt wie auch bisher: Jetzt, da alle Waren im Preise stiegen, müsse auch der Lohn steigen; er habe sich das aber in der Form gedacht, daß jene Arbeiter, die zur Fabrik gehörten, Anteil am Verdienst haben sollten. »Denn das ist der Weg, das sehe ich vor mir«, sagte er, »und wir sind nicht die ersten, die diesen Weg gehen.« Er sprach ruhig, aber bestimmt, nur gerade so viel, daß man immer auf ihn hörte, erzählte Beispiele aus anderen Ländern und löste das Rechenexempel für sie; soundso viele Prozente für soundso viele Arbeitsstunden, da könnten sie bis zu zwei Kronen mehr im Tag verdienen. Er versprach, diese Lösung durchzusetzen, denn er habe sozusagen freie Hand. Sie sollten sich's überlegen.

Sie überlegten sich's und schwiegen. Die Ungewißheit fraß sich von einem Mann zum anderen durch, das konnte er sehen. Noch nie hatten sie einen besseren Köder vor Augen gehabt; sie sahen zu Engelbert hinüber. Der stand da und grinste. Dann räusperte er sich und sagte: »Bürgst du dafür, daß es soviel wird, wie du versprichst? Daß der Gewinn der Fabrik anhaltend ist, den Winter hindurch?«

Alle Blicke wanderten wieder zu Odin. Und er bekam das alte leichtlebige Lachen in die Augen:

»Ja, könnte mir einfallen! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, das ist ein altes Sprichwort.«

»Da hört ihr's!« warnte Engelbert. »Er ist uns zu schlau. Wir müssen uns in acht nehmen vor ihm.«

So war die Schlacht verloren. Aber schließlich einigten sie sich auf eine kleine Lohnerhöhung. Jetzt kamen die Bauleute an die Reihe. Ihnen machte Odin einen Vorschlag, daß sie halb im Akkord und halb im Tagelohn arbeiten sollten, er machte ihnen klar, wie er sich das gedacht hatte. Es schien, als seien sie bereit, darauf einzugehen; sie meinten untereinander sogar, wenn sie so eifrig weiterarbeiteten wie bisher, so würde das keinen schlechten Tagelohn geben. – »Ja, nicht wahr?« sagte Odin, »man könnte sich etwas Schlimmeres denken.«

Da war Engelbert wieder da, und das gleiche höhnische Lächeln klang in seiner Stimme: »Seid doch nicht so dumm, Leute! Begreift ihr denn nicht, daß es das Kapital ist, das auch hier wieder verdient? Ja, laß mich einmal reden, Odin! Hier ist Krieg, und wir sollen die Waffen für die Gegenpartei schmieden, das ist es doch, was du willst? – Darauf lassen wir uns nicht ein!« Er redete lange und heftig, und mehrere andere ergriffen noch das Wort und erklärten sich mit ihm einig.

Während dies vor sich ging, saß Odin da, als träume er. Er erwachte erst, als alle über ihn herfielen und riefen, über den Lohn könnten sie sich ein anderes Mal einigen, aber sie wollten nichts von einem Sklavenaufseher oder von einem Drängen des Disponenten oder der Leitung wissen, sie wollten als freie Leute arbeiten, daß er's nur wüßte.

Odin wurde brennend rot. Wer ihn kannte, erwartete jetzt, daß er auffahren würde. Aber seine Stimme klang ruhig:

»Ihr mögt recht haben, das leugne ich nicht. Ich bin ein kleiner Mann, genau so gut wie ihr. Aber trotzdem werde ich in dieser Sache nicht nachgeben, nein, das geschieht nicht. Es – – es ist etwas in mir, das mir das verbietet. Wollt ihr daraufhin in den Streik treten, dann meinetwegen. Aber ich warne euch!«

Diese Worte fielen gar manchem schwer aufs Herz. Hier standen sie vor einem Entweder – Oder.

»Jetzt geh ich meiner Wege«, sagte Engelbert, und er ging wirklich. Viele schlossen sich ihm an.

»Ja, ich gehe auch!« lachte Odin. Er ging nicht sofort heim, sondern ließ sich erst noch in ein Gespräch ein, mit mehreren, die er draußen traf, mit guten Bekannten und anderen. So zu zweien oder zu dreien gaben sie ihm recht, in fast jedem Punkt: aus allem, was sie sagten oder nicht sagten, hörte er heraus, daß es nur auf Engelbert ankam. – Da machte er sich rasch los und ging schnell dahin, denn ein Stück weiter vorne hörte er Engelbert, dort fand ein lauter Wortwechsel statt.

Der Mondschein schwamm über der ebenen Landschaft und auch auf dem Meer, eine Weile, dann kamen die Wolken und tauchten alles wieder in Schatten, so daß nur noch eine Glut zu sehen war, dort, wo der Mond segelte, eins war so schön wie's andere. Odin dünkte es, er habe noch nie einen so tiefen Abend gesehen. Man konnte fast jede einzelne Schäre draußen vor den Ufern seufzen hören. Irgendwo, weit drüben bei den Höfen, bellte ein Hund und zerriß die Abendluft. Auf dem Weg hörte man überall Leute miteinander sprechen. – »Aber ich muß ihn einholen und mit ihm reden!« sagte Odin im Weitergehen vor sich hin. »Er muß doch wohl noch – –«

Endlich war er mit Engelbert unter vier Augen. Er hatte noch nie so ernsthaft mit ihm geredet. – »Ich kann es nicht glauben, daß du das hier bist!« sagte er, und seine Stimme war von Kummer und Ärger erfüllt. – »Nein, das glaube ich gern«, antwortete Engelbert. »Du glaubtest, du hättest mich in der Tasche, dachtest, ich sei dein Sklave – – war dies der Grund, daß du mir im Anfang halfst? Ich bin nicht zu kaufen, nein.« – »Pfui, schäm dich, Engelbert!« – »Ach, woher doch! Das greift mich nicht an; ich bin vom gleichen Schlag wie du. Und jetzt will ich dir die allerletzte Neuigkeit erzählen: ich sage dir, wenn du es jetzt noch ärger treibst, dann gibt's Unannehmlichkeiten, nicht nur für dich, sondern auch für deinen Schwiegervater. Du meinst, ich wüßte nicht, daß er gesessen hat? Du glaubst nicht, daß ich oder irgendein anderer nach Norden geschrieben und sich erkundigt hat? Und dann du selber, der sein armes einfältiges Weib dazu verleitet hat zu lügen. Jetzt bin ich es, der dich warnt!«

Odin war jäh stehengeblieben. Der Mond ließ erkennen, wie verändert sein Gesicht war.

»Jetzt fehlte nicht viel, und dann hätte ich zugeschlagen!« sagte er. Einen Augenblick stand er da und brachte kein Wort heraus. »Ich hätte es wohl tun sollen, – gründlich.« Nach und nach beruhigte er sich wieder, aber seine Stimme war trocken und rostig: »Bildest du dir wirklich ein, mir Angst einzujagen? Hm? Nein, geh du nur zu allen Leuten und erzähle es, du, dann werden wir dich los. He! He! Nein, nein, nein! Daß du so bist!« Auf einmal aber brach der Zorn in ihm durch, er hob die rechte Hand: »Marsch, vorwärts, du Saukerl, geh, sag ich! Geh!«, er jagte ihn vor sich her, kreuzte die Hände auf dem Rücken und kam nach. – »Das Schlimmste ist, daß man jetzt heimkommen muß«, seufzte er laut. »Zu ihr, die alles merkt. He! He!«

Er kam leidlich damit zurecht. Ingri fragte, wie es gegangen sei, und hörte ihm zu, wie es ihre Art war, mit einem Schimmer von Unruhe und Angst in den Augen; – nie war sie so schön wie in solchen Augenblicken. – »Nein, ich habe kein Glück mehr«, sagte er und lachte ihr ein wenig zu. »Dies kann ja auch ganz lustig sein. So ist es, wenn man ein Mensch ist, nur gut, daß ich es nie für leicht gehalten habe. Nach Kjelvika, meinst du? Ja, Gott segne dich, mit der Zeit werden wir schon noch dorthin kommen. Aber ich habe so wenig von dem erledigt, was ich hätte tun sollen, siehst du, ich habe die ganze Gemeinde in diese Geschichte hineingeritten und möchte nun alles in Ordnung bringen. – Es ist so vieles, was ich tun sollte. Und fortjagen, das lassen wir uns nicht, Ingri!«

»Nein«, sagte sie.

»Aber es bringt einen fast um!« seufzte er eine Weile später. »Daß Menschen so werden können?«

Am Tag danach hatten sie eine Direktionsversammlung, und dabei einigten sie sich darauf, nachzugeben, so daß alles seinen Gang gehen konnte. Gleichzeitig wurde Engelbert gekündigt, es hieß, man könne ihn hier nicht brauchen. Der Disponent steckte den Brief in seine Tasche. – »Wenn sie jetzt nur nicht trotzdem noch in den Streik treten«, sagte Arnesen. – »Ja, soll es gehen, wie es mag«, meinten die anderen.

Odin begleitete den Schwiegervater ein Stück weit. Und als sie dann dastanden und jeder in seiner Richtung weitergehen wollte, sah Arnesen Odin wieder an. Er war ergriffen, so daß es um seine Mundwinkel zitterte. – »Es ist so merkwürdig, Odin, daß du an mich glaubst.« – »So?« – »Gerade du, der alles über mich weiß. Ich bin so froh darüber, fast könnte mir Angst werden. Daß ich dazu verdammt sein sollte, Unglück über dich und deine ganze Arbeit zu bringen! Und ich, der ein so eisernes Vertrauen hatte, daß es gut gehen würde; für uns alle miteinander.« – »Man muß nur einen kleinen Kniff anwenden«, sagt Odin lustig. »Wir müssen es außen um uns herumgehen lassen, das, was sich uns entgegenstellt, wenn es uns zu schwer wird, in einem großen Bogen um uns herum. Oder hineinwachsen, wenn es sich so fügt. Wenn der Hund beißen will, muß man ihm den Holzfuß hinhalten, das ist für beide Teile das beste.« – »Ja, du weißt, ich habe es so machen müssen, ich. Aber daß jemand an mich glaubt? Und daß jemand so glauben kann, wie du es tust? Aber all dieser Streit, Odin – warum gibst du dich mit so etwas ab? Denn sie werden nie zufrieden sein, keine von den Parteien.« – »Ja, so grundgescheit werde ich nie werden«, erklärte Odin. »Ich könnte eher mit der Mistgabel dreinfahren – das wäre ihnen vielleicht am liebsten. Aber der Engelbert, ja! Kannst du es fassen und begreifen, daß einer so werden kann? Wenn der Streit sie alle miteinander so macht, dann ist es freilich teuer erkauft, alles das, wofür wir uns jetzt plagen. Ich kann es nicht glauben; bei Gott, das kann ich nicht! Aber das ist ja gleichgültig: Ich muß hindurch. Ich habe nichts anderes, an das ich mich halten kann, als das, was in mir ist; ich fühle, es wäre eine Sünde, wollte ich jetzt den ganzen Schwung in mir aufhalten. Die Mistgabel nehmen, ja. Aber heutzutage sind wir wohl nicht mehr so aus einem Guß? Wie nun aber auch alles steht, so mußt du doch auf jeden Fall auf deinem Posten aushalten, das mußte der Urias auch.«

Sie lachten alle beide und trennten sich.

– – – Die Arbeiter antworteten augenblicklich, daß sie die Arbeit nicht aufnehmen würden, ehe Engelbert wieder eingestellt sei. Odin war zur Stelle und redete mit ihnen, sagte, daß er im Prinzip mit ihnen einig sei und sich darüber freue, welch gute Kameradschaft sie untereinander hielten, hier aber handle es sich um Dinge, von denen sie nichts wüßten und die sie nicht absehen könnten. – Was das für Dinge seien? Er schob die Mütze auf dem Kopf zurecht, ein paarmal. – »Er hat mir gedroht, das ist das eine, und das andere sollt ihr wissen und erkennen: er ist euer ärgster Feind! Er hat sich vollkommen verrannt, ihr werdet keinen Frieden zur Arbeit haben, solange er hier ist. Ich kann nicht zusehen, wie ein Mann für die anderen alles verdirbt, selbst wenn er es noch so gut meint. Und sich durch Drohung Geltung verschaffen? – nein!« – Sie sagten nicht ja und nicht nein dazu, sahen zu Boden und wieder zu ihm auf und fühlten sich unbehaglich, aber irgend etwas Bestimmtes brachte er nicht aus ihnen heraus.

Am Abend darauf hatte Engelbert sich mit Branntwein versorgt, und er und noch ein paar andere sprachen ihm so lange zu, bis sie betrunken waren. Was sie getrunken hatten, wurde nicht erzählt, aber sie waren vollkommen aus dem Häuschen, schrien und johlten die halbe Nacht hindurch, und schließlich zogen sie los und rissen das Gerüst am Neubau ein. Sie wurden angezeigt, und der Disponent schlug eine Kundgebung an, im Namen der Leitung: wenn die Leute nicht am nächsten Tag zur Arbeit anträten, so sei ihnen allen miteinander gekündigt, – zwei oder drei Facharbeiter waren nicht darin einbegriffen.

Keiner rührte die Arbeit an. Odin beriet sich mit der Leitung und machte sich auf den Weg und stellte neue Leute ein. Es war nicht schwer, welche zu bekommen, denn Fabrikarbeit, das war etwas, was sie gerne machten. Vorläufig, hieß es.

An dem Tag, an dem sie zur Arbeit erschienen, kamen auch die anderen und sagten Halt. Hier müsse alles stillstehen. Odin war da und wollte sagen, daß sie im Grunde auch hierin recht hätten, er gab nach, es sei so eine Sache, ihnen ihre Arbeit zu nehmen und sie an andere abzugeben; er konnte die Last von sich abwerfen und wie vorher gut Freund mit ihnen sein. Ehe er aber erriet, was in ihm vorging, war er ein anderer Mann: der Schweiß trat ihm auf der Stirn hervor, und das Blut schoß ihm zum Herzen, er konnte kaum mehr etwas vor sich sehen. Ihm war, als bedecke sich sein ganzer Körper mit Stacheln, er war ein wilder und zottiger Kerl, den sie binden und fesseln wollten, diese kleinen Kreaturen, sie wollten ihm das Fell abziehen und gründliche Arbeit mit ihm machen. Später dachte er dann, sie seien ihm wohl zu nahe gekommen, unerlaubt nahe. Er blieb stehen und sah sie vor sich wie minderwertige Menschen, sah ihnen ins Gesicht und durch und durch, und dies tat verflucht weh.

Er wartete, bis er wieder wußte, was er wollte, obgleich er fühlte, daß gerade dies ein Fehler war, einer neuer und großer Fehler.

»Soll ich denn nicht das Recht haben, die Arbeit wieder in Gang zu bringen?« Er fragte leise, und seine Stimme war heiser.

Sie riefen alle durcheinander, er möge dies bleiben lassen, jetzt sollte es hier aus einem anderen Ton gehen. Betrunken waren sie nicht, und keiner überschritt die Grenzen. Odin trat einen Schritt vor, sein Gesicht war dunkel, und er kam ihnen bedrohlich nahe mit den Augen.

»Nein, verflucht noch einmal, jetzt nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht, sage ich!«

Er schlug die Hände zusammen, daß die Zunächststehenden zurückfuhren, er ihnen nach, noch einmal rufend, noch wilder.

Sie erinnerten sich, daß er schon früher einmal so in die Schar hineingefahren war, da aber hatte er ganz anders ausgesehen.

Dann drehte er ihnen den Rücken. Rings um ihn schwieg alles still, stand ihm mit eisiger Drohung entgegen. Man hörte nur die Möwen, die draußen über der Bucht umherschossen. – »Steckt in euch ein Funken Mut oder nicht?« wandte er sich an die Neuangekommenen. Die richteten sich ein wenig auf, husteten ein paarmal, sie waren alles andere als ängstlich. Dann gingen sie hinein und schlossen die Türen. Der Disponent sollte ihnen die Arbeit anweisen.

Odin sah sich die Draußenstehenden noch einmal an. Einen nach dem anderen betrachtete er, sagte kein Wort und sah so aus, als habe er vergessen, was sich soeben zugetragen hatte. Auch sie sagten kein Wort; sie standen nur da. – Unrecht? dachte er. Was ist Unrecht? Ich weiß es nicht. Ein kleiner Mann, was ist das? Auch das weiß ich nicht. Und was weiß man denn eigentlich? Was soll man damit? Das ist es nicht, wonach man sich richtet, wenn man einmal das Richtige tut. Habe ich sie denn erdichtet, sie alle, die hier stehen, oder sind sie wirklich so?

Jetzt erwachte er und sagte, es war ein Schimmer der alten guten Laune in seinen Augen:

»Geht jetzt heim, Burschen, und macht keine Geschichten! Wenn einer die Macht gebrauchen will, dann muß er sie auch haben. Und noch kann alles sich wenden und wieder gut werden, wir haben noch einen weiten Weg vor uns!« Er drehte sich um und ging hinein.

Die Fabrik kam so nach und nach wieder in Betrieb. Sie war beinahe wie ein Tier, das dalag, Wartung und Pflege verlangte und zufrieden brummte, wenn es das alles bekam. Sie war ein Sklave, der die ganze Gegend zum Sklaven machte; sie war der Teufel, den der Mann auf den Nacken genommen hatte und nun weitertragen mußte. »Zum Teufel, das war schwer!« sagte der Mann, als er den anderen wieder hinstellte.

Draußen schien die Sonne in der klaren Luft, und alles lächelte ihr entgegen. Blaublankes Meer und bereifte Wiesen, Waldränder und Moore und kahle Berge weit nach Osten hinüber. Nur die Möwe war über all dem mit ihrer traurigen Stimme, sie lachte und klagte, sie konnte es nicht besser.

6

Und so blieb Odin sowohl an diesem wie auch am nächsten Tag voll hohen Mutes und großen Staunens, Ingri konnte kaum an ihn herangelangen, um mit ihm zu sprechen. Die Brauen zogen sich zusammen, und bei den Mundwinkeln entstand ein Knoten, und von Zeit zu Zeit strich er sich hart über das Gesicht und durchs Haar hinauf. Die Augen aber waren ungefähr wie immer, und daran konnte sie erkennen, daß er doch der Odin und nicht ein fremder Mann war. Dann blieb er oft stehen, mitten in der Stube oder wo es sich gerade traf, und schaute vor sich hin und lächelte ungläubig irgendeinem zu, den er noch nie gesehen hatte. Wurde er dann sie gewahr, so zwinkerte er erst ein wenig mit den Augen, seine Blicke waren so weit fort gewesen.

Am merkwürdigsten aber war der Anders, fand sie. Er war schon immer am liebsten mit dem Vater zusammen gewesen, kannte nichts Schöneres, ließ sich dies jedoch nie so richtig anmerken. Jetzt kam er alle Augenblicke dorthin, wo der Vater stand, ließ seine scheuen Blicke über ihn hingleiten, zauderte ein wenig und ging – da war es, als sähe sie das Gesicht des Vaters. Kam sie dann einige Zeit später zu ihm und bat ihn um etwas, begegnete sie der gleichen Falte zwischen den Brauen und dem gleichen Staunen in den graublauen Augen. Sie mußte lächeln, so wenig ihr auch sonst danach zumute war. Die Gedanken wandten sich wieder Odin zu. Sie hatte ihn schon früher ähnlich gesehen, aber nie so, daß es Furcht in ihr erweckt hatte. Er hatte über allem gestanden, war höchstens mit jedem Mal ein wenig größer geworden. – Es war alles nur ein Spiel gewesen, früher, schien es ihr zu sagen.

So begegnete er Astri, als sie mit der Nachricht kam, daß sein Vater im Sterben liege. Andrea hatte aus der Stadt telephoniert und gesagt, daß er den Odin gerne sehen möchte, und sie glaubte, daß er nicht mehr lange zu leben hätte. Astri hatte Peder gebeten, zu Odin zu gehen. – »Ich weiß nicht recht«, hatte der geantwortet. Da erkannte sie, daß dies ihre Bürde war. Sie band eine frische Schürze um und ging.

Odin sah sie hart an, aber trotzdem mit dem Hauch eines Lächelns irgendwo im Gesicht. Es dauerte lange, schien es ihr, bis er erfaßte, was sie erzählt hatte. – »Danke!« sagte er nur.

Er stand im Küchenhaus und schmierte gerade seine Seestiefel, denn er mußte wieder mit den anderen zum Fischen hinaus. Astri war schon im Begriff zu gehen. – »Ja, ich danke dir!« fügte er hinzu. – »Sag mir: du kommst nicht in die Stadt?« Aber noch ehe er ausgesprochen hatte, sah er, daß sie verlegen war und am liebsten wieder daheim säße. – »Hast du es schon gewußt, du, daß es so schlecht um ihn stand?« fragte sie, und nun war sie wieder die alte. – »Ach, ich hab' mir's gedacht. Darmtuberkulose, dachte ich.« – »Ja, ich glaube. Ja, ja, sag also auch von mir viele Grüße, du fährst wohl noch heute abend?« Sie hörte nicht mehr darauf, was er antwortete, das merkte er, sie hatte sich schon zum Gehen gewandt. – »Ja, so warte doch noch ein bißchen!« bat er. Sie blieb stehen und wartete. Sie war einen Augenblick blaß und wurde gleich darauf wieder rot, aber die Augen blickten ihn voll und fest an. – »Ich wollte nur fragen, ob ich von uns beiden grüßen sollte und ob ich sagen könnte, daß wir, du und ich, miteinander versöhnt seien. Dies würde ihn froh machen.« – »Aber eine Feindschaft hat doch nie zwischen uns bestanden?« erwiderte sie, »dagegen ist es wohl so, daß der eine rechts und der andere links will, das wird sich kaum ändern, glaube ich; du mußt sagen, wie es ist. Und im übrigen weiß er dies schon längst.«

Eine Weile stand sie noch da. Als er jedoch nichts antwortete und nur zu Boden blickte, sagte sie Lebewohl und ging. – »Es war, als sei sein Kopf ganz leer«, sagte sie zu sich selber. »Wer weiß, vielleicht überlegt er sich's noch, mit der Zeit, und nimmt sich in acht. Wenn er sich doch selber erkennen könnte!« – »Das Schlimmste ist, daß das hier Leben sein soll«, sagte Odin, wie er so dastand. »So wahr du ein Weißer bist und kein Neger, mußt du heraus aus der Wildnis und unter die Leute, und bist du ein Mann, so mußt du einer Partei angehören, und dort sollst du stehen, das Joch auf dem Nacken, Herrgott noch einmal, denn du bist ein freier Mensch. Jawohl, wir sind nicht anders geschaffen, es ist gescheiter, ich richte meine Stiefel ordentlich her.«

Als einige Zeit verstrichen war, rief er aus, so daß er danach seine eigenen Worte hörte: »Wenn ich den Engelbert nicht retten kann, was will das im Grunde besagen? Und schließlich habe ich mich ja nicht selber geschaffen, das weiß ich. Die Verantwortung will ich trotzdem tragen.«

Er ging zur Bucht hinunter und traf dort einige Anordnungen, dann nahm er den Dampfer zur Stadt. Es war alles voll an Bord, aber niemand trat zu Odin hin und störte ihn.

Um Otte stand es schlecht, Odin saß lange neben seinem Bett, ehe er die Kraft fand, etwas zu sagen. – »Es geht dir wohl schlecht?« sagte er endlich. Otte lächelte so schwach, daß man es kaum sehen konnte.

Nach einiger Zeit gelang es ihm, Odins Hand zu ergreifen und sie festzuhalten; er lag die ganze Zeit da und sah ihn an. Odin glaubte, er kenne seine Gedanken. – »Nein, die Astri konnte nicht kommen«, sagte er. »Sie hat mir Grüße aufgetragen. Wir sind Freunde und ganz ausgesöhnt, wenn wir auch nicht immer einig sind.«

Später am Abend fühlte Otte sich frischer als sonst, er ergriff Odins Hand und hielt sie fest umschlossen. – »Bist du noch so stark«, sagte Odin. – »Ich spüre es, ja. Aber du sollst jetzt aufhören, Odin; mit diesen Streitereien in der Gemeinde.« – »Um das kämpfe ich ja, nach besten Kräften; mitten ins Feuer bin ich gesprungen. Ich glaube, jetzt sind wir bald am Ende, ich sehe es so vor mir.« – »Du solltest aufhören, Odin. Das Spiel kommt dich zu teuer. Du verlierst alles, was du hast – wie steht es mit der Ingri?«

Odin schrak zusammen und sah den Vater mit halboffenem Mund an. Es zog ein blasserer Ton über das verwitterte Gesicht. – »Warum fragst du danach, Vater? Mit ihr steht es doch gut?« – Otte seufzte und bewegte den Kopf: »Du sollst sie recht behalten lassen, die Astri und den Lauris.« – »Das kann ich versprechen. Sie sollen ihr Recht kriegen.« – »Alles Recht, Odin! Vielleicht – – sehen sie – – weiter in die Zukunft als du.« Odin saß da und betrachtete den Vater, unter seinen Augen entstanden kleine Falten und zogen sich zusammen, halb in Trauer und halb in Jugend. Dann sagte er: »Sieht es so für dich aus?« – »Ja, ich glaube fast. Ich sehe den Frieden vor mir.« – »Es muß seltsam sein, so dazuliegen und nach vorwärts zu schauen; mir ist das noch nie widerfahren. Ich sähe wohl nicht das geringste; ich muß rückwärts schauen, ich, wenn ich den Weg wissen will. So scheint es mir nun, ja. Ich muß meinen Weg finden, siehst du.«

Otte hätte gern geantwortet, wurde aber plötzlich von Schmerzen befallen, und danach war er zu müde, schlummerte sogar ein wenig, immer Odins Hand in der seinen. Andrea bedeutete Odin durch Zeichen, daß er kommen und Kaffee trinken solle, er aber schüttelte den Kopf. Ihn dünkte, er redete mit dem Vater, wie er so dasaß, über eine unergründliche und hoffnungslose Tiefe hinweg. Oder vielleicht war er selber der, mit dem er redete – es tat gut, trotz allem, er hatte so wenig Zeit dazu gehabt. – »Du hast getan, was du solltest, Odin!« – der Vater hatte die Augen aufgeschlagen und war hellwach. »Mehr als genug, Odin. Mehr als genug. Du kommst nicht weiter.« – »Ja«, sagte Odin, sein Gesicht leuchtete auf, »es ist unglaublich gegangen, von einer Sache zur anderen. Die Leute in der Gemeinde, es waren immer sie und ich, sie und ich, und gutes Wetter haben wir gehabt und schlechtes Wetter, so richtig lustig war es, wie es immer wieder abwechselte, und vorwärts ist es gegangen. Doch, Sieg auf Sieg habe ich errungen, aber das, was ich eigentlich hätte vollbringen sollen, die Tat selber, bis dorthin konnte ich nie gelangen. Und das ist das Glück, glaube ich, es wie eine Bläue vor sich zu haben, da glänzt es hell! – Ja, das wußten die in früheren Zeiten auch, ich habe es sicher bei irgendeinem weisen Mann gelesen. Es sollte etwas Gutes sein, das, was ich tat, so ungefähr wie ein Geschenk an die Leute, dachte ich.«

Der Vater drückte seine Hand: was er da sagte, war richtig. »Ja, Vater, aber ich bin nicht so geschaffen, ich muß etwas – muß etwas auf dem Nacken haben, du verstehst mich, Vater. Da sitze ich und entdecke das nun. Ich trage die ganze Gemeinde auf dem Nacken, es gibt viele, die ein großes Land tragen, – das muß wohl schwer sein? Aber es ist unmöglich, die Last abzuwerfen. Der Kampf ist vergeblich, vielleicht, aber es ist nicht vergeblich, ihn trotzdem zu führen.«

»Nein«, sagte Otte, er lächelte sogar. »Nein, man könnte Lust fühlen –«

»– Lust zu vielem, ja!« fiel ihm Odin ins Wort, und die Jugend spielte hell und glänzend in jedem Zug seines Gesichtes. »Ich weiß nicht, ist es über oder hinter uns, das, was uns anschiebt und uns lenkt; – ich glaube, es ist in mir selber. Aber dort, wo ich stehe, muß ich stehen – ich glaube, Luther sagte das zum erstenmal!«

»Du solltest Bauer werden, Odin!« Otte schlug mit der flachen Hand gegen die Wand.

»Bauer?« Odin saß da, verwundert, und lächelte vor sich hin. »Bauer? Bittest du mich darum? Ja, ja; ich will es versuchen. Die Ingri und ich, weit weg von allem Trubel, ja! Aber Bauer? Was ist das im Grunde? Ein seßhafter Mann nur? Ein stiller Mann auf einem stillen Hof, mit den Äckern und dem Herrgott als Rückhalt, und gute Nachbarn und anderes? Oder ist es ein freier und wilder Kerl aus einem Guß? Der das glaubt, was er glaubt, und das ist, was er ist? Ich muß zugeben, daß mich das trifft, was du sagst. Bauer, ich habe die ganze Zeit gemeint, einer zu sein, hm! Aber Bauer sein, wenn keiner mehr weiß, was ein Bauer ist? Und jetzt, Vater, jetzt dünkt mich, ich sehe es: wollte ich aus meinem innersten Mark heraus Bauer sein, dann wäre ich manchmal grob und gefährlich, ich nähme die Mistgabel und jagte das ganze Gesindel zur Gemeinde und zum Land hinaus, daß man nur noch die Schuhsohlen von ihnen sähe. Denn sie sind böse, viele, ich habe sie jetzt erkannt. Nein, nein, Vater! Du brauchst keine Angst zu haben, ich tue es nicht, es wohnt noch vieles andere in mir außer dem hier. Und dann habe ich die Ingri. Ich will versuchen, rechtzeitig aus dem wirren Knäuel in der Gemeinde herauszukommen. Das verspreche ich dir zum Abschied!«

Odin hatte leise gesprochen und mit kleinen Pausen von Zeit zu Zeit, trotzdem stand ihm der Schweiß auf der Stirn, und als er nun seine Hand zurückzog, sank er fast auf dem Stuhl zusammen, Otte lag mit einem tiefen, dankbaren Glanz in den Augen da. Sie hatten einander Lebewohl gesagt, aber das war es nicht, was Odin angegriffen hatte, er wunderte sich darüber. Er hatte sich davor gefürchtet, solange er hier saß und ihm in die Augen sah. Der Vater griff tastend umher und bekam wieder Odins Hand zu fassen. Er lag wohl da und fühlte die Gedanken durch die Hand, so schien es Odin, denn als einige Zeit vergangen war, sagte er mit jenem verschleierten Lächeln, das Kranke oft an sich haben: – »Du und ich, Odin. Es ist nicht viel Unterschied zwischen uns. Nicht jetzt.« – »Nein«, sagte Odin, »es ist so, wie die Großmutter immer sagte, man ist nie der, der man zu sein glaubt.«

Da aber war Otte schon eingeschlafen. Odin mußte hinaus. Er mußte den Himmel und die Erde sehen, mußte sehen, wie sie jetzt waren, in dieser Stunde.

Rings um die Stadt lag alles in weißgrauer Dämmerung, und darüber war das weißgraue Wolkengewölbe. Es war Nacht; er stand hier allein, ihr mitten gegenüber. Die nächtliche Kühle hauchte ihn an, und jetzt hörte er den Windzug, der zur Nachtzeit oben zwischen den Bergen wanderte und dem Seinen nachging. Der Mond stand am Himmel, aber verborgen; ab und zu leuchtete es auf, irgendwo, man unterschied die Baumwipfel gegen den Himmelsraum weit draußen, und Ufer und Äcker lagen mit schlafendem Antlitz da. So hatte er schon früher gestanden und gewartet, nie aber war es so zu ihm gekommen wie jetzt. – »Ich weiß es, ich weiß es!« sagte er zu allem hinaus. »Ich werde kommen, wenn es an der Zeit ist!«

»Kjelvika!« sagte er plötzlich. – »Man lebt nur einmal. Es kommt wieder, dann aber ist es ein neuer Himmel und eine neue Erde – man könnte reich sein, wenn man dies sähe. Heute nacht ist es weit bis zu den Menschen. Empor und vorwärts, habe ich sie sagen hören. Herrgott, was wissen denn sie! Bauer, sagen sie wohl. Ist das ein Hofbesitzer im Thing und im Rat des Königs? Sie reden vom Leben und sie reden vom Tod!«

Er wachte in der Nacht beim Vater, und am Morgen nahm er noch einmal Abschied von ihm, da aber war es nicht viel mehr als ein toter Mann, dem er die Hand reichte und in die Augen sah. Erst draußen, in der Morgenluft und im Tag, merkte er den großen Unterschied, der zu ihm sprach und das Leben zu einer fremden Sache machte.

Kaum daß er Frau Mina von Segelsund erkannte, sie kam ihm auf der Straße entgegen. Sie war gestern abend mit dem Dampfer hierhergekommen. Da hatte sie noch nachdenklicher ausgesehen als seinerzeit bei dem Leichenbegängnis für Ola Haaberg, sie konnten alle miteinander erkennen, wie schlecht es um sie stand. – Sie fragte, ob sie hineingehen und mit dem Otte reden könne. – Das könne sie wohl, ein paar Worte wenigstens, aber was wollte sie eigentlich? Odin trat dicht an sie heran.

Ihre Blicke flackerten über ihn hin und zur Seite. – »Ich hätte mit ihm reden müssen.« – »Ja, ich verstehe das. Aber das sollt Ihr nicht. Denn das darf man ihm nicht zumuten.« – »Nein, Odin, es ist nicht das, was du meinst, es ist nicht das! Denn darüber kann ich mit keinem Menschen reden. Es ist etwas anderes, es handelt sich um einen Brief, den wir nach Olas Tod fanden; er hat mir eine Last auferlegt, die ich nicht zu tragen vermag. – – Ich muß mit dem Otte reden, Odin, kannst du mir nicht helfen!« – »Kommt zu mir nach Haaberg und redet lieber mit mir. Sollten war beide nicht einen Berg tragen können, wenn's sein muß?« – »Ja, wenn ich mit dir rede, dann sieht alles so aus, wie es für dich aussieht. Wenn ich aber dann wieder allein bin! Wenn ich allein bin, Odin? Es handelt sich um die Astri, siehst du, es ist etwas wegen ihr oder dem Lauris, und ich gebe doch soviel auf die Astri, es sollte ihr immer und überall gut gehen; ich glaube, dein Vater müßte einen Rat wissen.«

Odin lächelte schwermütig, redete zu sich selber und nicht zu ihr: »Nein, nein! Ein Sterbender ist ein schlechter Ratgeber. Du sollst niemand fragen; dann zeigt sich's dir, was du tun sollst und was nicht. Glaubt mir das, Mina!«

Er ging mit ihr wieder hinein und wartete, bis sie fertig war. Sie hatte nur Abschied von Otte genommen. Dann fuhren sie gemeinsam mit dem Dampfer heimwärts. Odin aber wollte nicht fragen, was sie plagte. Soviel er sehen konnte, reiste sie leichteren Herzens heim, als sie gekommen war.

7

Aber schon am nächsten Tag fuhr sie über den Fjord und zum Pfarrer.

Der Pfarrer war ein junger Mann und neu im Amt, es hieß, er sei ein tiefer und wortkarger Mann. Er sah sofort, daß etwas auf ihr lastete und sie zu Boden drückte, aber sie erzählte nicht so, daß er hätte verstehen können, was dies war, und er wußte auch nicht, wie er sie zum Sprechen bringen sollte. Er hörte, daß es sich um einen Brief handle, und dieser Brief befahl ihr, etwas bekanntzugeben, was einen anderen Menschen nicht nur aller Güter, sondern auch der Ehre berauben würde, und zwar einen Menschen, der schon genug zu kämpfen hatte und der ihr sehr nahestand. In tiefstem Mitleid sah er sie an, wurde immer ratloser und ratloser, wollte nicht einmal wissen, was es war; er sagte nur: – »In dieser Sache weiß ich kein Wort zu sagen.« Er schwieg eine Weile, dann wiederholte er die gleichen Worte – wurde rot und fügte hinzu: »Den Menschen zu predigen und ihnen den Weg zu zeigen, das kann einer lernen. Mit ihnen zu reden, über solche Dinge, das – – ist schwierig.« – »Ja, aber was soll ich dann tun?« jammerte sie. – »Sie müssen versuchen, ob Sie nicht mit Gott darüber reden können. Ob Sie nicht vor ihn hintreten und – – mit ihm reden können, ja. Wollen Sie das nicht versuchen?«

Diese Worte kamen so hilflos und tastend, daß Mina den Mann ansehen mußte. So ehrlich bis ins Innerste hatte sie erst einen gesehen, und das war der Odin, und so wehrlos hatte sie noch keinen gesehen; denn der Odin, dem wuchs nie etwas über den Kopf. – »Ja, ich werde es versuchen«, sagte sie und gab sich sogar Mühe zu lächeln. Als sie aber aufstehen wollte, überwältigte sie das Weinen, eine Welle, so schwer, daß sie darunter zusammenbrach. – »Hätte ich doch nur den Mut!« klagte sie. »Aber ich habe – – die Gnade mit Füßen getreten, ich habe etwas getan, was noch schlimmer ist, ich bin ohne Gott in der Welt – ich bin allein

Der Pfarrer wußte sich nicht anders zu helfen, er wollte sie bei der Hand nehmen, dann müßten ihm doch die Worte einfallen, die er brauchte! Aber in diesem Augenblick ertrug sie Trost noch weniger als irgend etwas anderes; sie stand auf und nahm sich zusammen, bat den Pfarrer, sie zu entschuldigen, verabschiedete sich und ging fort. Sie dankte ihm sogar. – »Denn er sah so aus, als brauchte er ein gutes Wort, der arme Kerl von einem Pfarrer«, lächelte sie vor sich hin, als sie draußen war.

Alles da draußen stand ihr entgegen: Der sonnige Tag und die Bläue des Himmels waren ein Hohn gegen sie, und auch der blinkende Fjord, über den sie herübergerudert war; er hatte sogar ihre Spur verwischt. Und diese kleinen weißen Wolken hoch droben, die hatte sie Ewigkeitswolken genannt, als sie noch ein Kind war. Die taten überhaupt nicht mehr, als sähen sie sie noch.

Aber nach und nach richtete sich ihr Rücken immer straffer auf. – »Hat er sich von mir abgewandt, so tue ich, was ich will«, sagte sie, und zwar so laut, daß die Leute, die in der Nähe arbeiteten, es leicht hätten hören können; sie bemerkte es und vergaß es gleich wieder. »Die Muhme Aasel hätte es getragen, als wäre es nichts – es ist nur eine Prüfung, eine Prüfung!«

Trotzdem kam sie am Abend darauf nach Haaberg und wollte mit Astri reden.

Astri war gerade drüben gewesen und hatte mit Odin gesprochen, sie wollte etwas von seinem Vater hören und zugleich auch von ihrer Mutter. Als sie heimging, wunderte sie sich, daß Odin keine Trauer anzumerken war, weit eher lag es wie eine Erleichterung über dem ganzen Mann. Als etwas Beunruhigendes, als einen Druck auf der Brust empfand sie es, wie fremd Odin war, so groß und so weit fort, und gegen sie würde es sich wenden, gegen sie und gegen alles, was ihr gehörte. Sie hatte nur das Recht auf ihrer Seite, und das war gering, wenn es zum Treffen kam, so fürchtete sie. Auf der Küchentreppe drehte sie sich um und blieb einen Augenblick stehen.

Die Sonne stand im Westen und brannte hinter den Hügeln. Und auch das Meer und die Berge brannten von ihrem Schein. Und die Röte nahm ab, und eine Weile lag das Land ohne Licht da. Astri wußte nicht, weshalb sie hier stand; es war nicht ihre Art, so stehenzubleiben und sich von etwas erfassen zu lassen. Jetzt aber zeigte sich das Land nackter und lebendiger als vorher. Die Moore und die kleinen Hügel traten so deutlich hervor, braungrau im Frost, in tiefster Armut. Bis die Dämmerung sich ihrer annahm und sie wieder verbarg. Astri sah auf. Und dort droben hatte sie den Himmel, und er war so blau, daß es in ihm sang. Da schüttelte sie sich, fühlte mit einem leisen Stich, daß es andere Dinge gab, denen sie begegnen mußte, und ging hinein.

Drinnen saß Mina und erwartete sie. Astri sah sofort, daß sie nicht aus einem gewöhnlichen Anlaß kam – sie hatte sich erhoben und blieb stehen. – »So, so, bist du auch unterwegs!« sagte Astri. – »Ja, ich muß mit dir sprechen, Astri!« – »Ja, bitte!« Astri ging zur Tür und bat Mina, mit ihr in die Oststube zu kommen.

Mina blieb gleich hinter der Tür stehen. – »Ich ertrage es nicht mehr!« brach es aus ihr heraus. »Ich habe hier einen Brief, von Ola Haaberg, er schrieb ihn erst, kurz bevor er – – bevor er starb. Er sagt, er habe nach Aasels Tod eine Schuld eingefordert, für Fischgerät, das sie verkaufte, – sie glaubte nie, daß sie das Geld bekommen würde. Fünftausend waren es, und sie sollten ans Altersheim gehen; und dieses Geld lieferte Ola vor fünf Jahren an Lauris ab, schrieb er. Aber es ist nie an seinen Bestimmungsort gelangt, sagt er, und es gibt auch nichts Schriftliches darüber. Bei mir ist es nicht, das können alle sehen, sagt er, aber der Lauris zahlte nicht lange darauf fünftausend Kronen auf der Bank in der Stadt ein; und diese Summe hat der Lauris bei der Steuer niemals angegeben. Und nun, Astri, gibt Ola mir den Auftrag, damit zur Obrigkeit zu gehen – ich kann nicht mehr darüber schweigen! Kannst du mir nicht sagen, Astri, was ich tun soll? Vielleicht habe ich gegen den Heiligen Geist gesündigt, das mag sein, wie es ist; und wenn es auch mit uns einmal schief geht, ich will uns schon wieder auf die Beine bringen, so wahr ich hier stehe. Aber so ist es unmöglich, Astri, denn der Ola ist über mir, Tag und Nacht, ich traue mich nicht mehr auf Segelsund zu sein, ohne daß ich seinen Willen tue, wir müssen weg – – wenn bloß der Arthur Disponent an der Fabrik werden könnte! Ja, ich möchte nicht den Bonsach von dort wegjagen, aber mit ihm werde ich schon reden können. Denn dieser Konsumverein, wenn aus dem etwas wird, so wird er auf Segelsund gegründet. Ich wünsche dir nichts anderes als nur alles Gute, Astri, aber wenn wir noch länger auf Segelsund bleiben, dann rede ich, ich kann nicht anders.«

Astri hatte dagestanden und wie ein Stein geschwiegen, obgleich Mina ein paarmal fragte und Antwort von ihr erwartete. Jetzt fing sie an, mit trockener Stimme, wie es manchmal ihre Art war. »Hat der Odin dir das versprochen?« – »Ja, das mit dem Konsumverein wohl, aber ich glaube, wenn du wolltest und auch der Lauris, dann würde mein Mann Disponent werden, denn ich weiß, der Odin würde mir so viel helfen, als er nur kann.« – »So–o? Das wird er wohl kaum umsonst tun. Soviel habe ich doch gelernt, daß die Menschen nichts umsonst tun, einerlei, wer es auch ist. Aber es ist alles miteinander Lüge, was du da erzählst, darauf will ich einen Eid leisten!«

Mina war so entsetzt, daß sie ganz weiß im Gesicht wurde, Astri konnte dies sehen, trotzdem es schon dämmerig war.

»Das wirst du nicht tun, Astri. Das wirst du nicht tun, du bist doch nicht von Sinnen?«

»Ich schwöre einen Eid darauf, daß dies erlogen ist. So sollen sie uns denn doch nicht vernichten dürfen, das soll nicht geschehen.« Dann murmelte sie vor sich hin, in kalter grauer Not: »Ich fühlte es doch vorhin – – ich hatte solche Angst, ins Haus zu gehen.«

Mina brachte kein Wort heraus. Sie starrte Astri nur an, die Hände ineinander verschlungen. Da sagt Astri wiederum ruhig: »Aber Olas Geld möchtest du wohl gerne haben?« – »Sprich nicht davon!« bat Mina. »Du weißt nicht, wie bitter notwendig wir's brauchen, und der Ola hat es doch aufgeschrieben und hat bestimmt, daß es uns gehört, wenn ich es bei der Obrigkeit melde, er hat es auf den gleichen Bogen geschrieben, es sind nur ein paar tausend Kronen – – du sollst nicht glauben, Astri, daß ich deshalb – –«

Sie sank auf einen Stuhl und weinte. Auch Astri setzte sich. Sie merkte es wie etwas ganz Unglaubliches, daß sie dasaß und lachte. – »Ach so, die verlierst du sonst?« sagte sie. »Hm, hm, hm!«

»Ach, wollte Gott, du hättest recht, Astri! Daß der Lauris das Geld nicht bekommen hat!«

»Darauf kannst du dich verlassen. Zerreiß das Papier und verbrenn es. Ein paar tausend Kronen werden sich immer beschaffen lassen. Und Disponent? Warum sollte der Arthur es nicht werden? Es geschieht gegenwärtig so vieles – wer heutzutage leben will, darf nicht alles so genau nehmen, das habe ich schon immer gemerkt.«

»Wenn du nur nicht hingehst und ein Unglück anrichtest!«

»Nein, nein, woher doch!« Gleich darauf fügte sie hinzu, leise vor sich hinlachend, das hätte sie wohl tun können, wenn man sie dazu gezwungen hätte. Wenn es sich darum handelte, alles zu verteidigen, was man war und besaß. »Und wenn ich die Einzige in der Gemeinde wäre, Mina, jetzt weißt du es.«

Sie solle nicht so reden! bat Mina. – »Du mußt bedenken, der Herrgott ist ein gefährlicher Mann, und die Ewigkeit ist – –«

– – »ist lang, ja«, lachte Astri. »Nein, ich glaube nicht so übermäßig an den Herrgott wie du. Aber ich glaube, er hält zu uns, er will uns nicht ganz in Grund und Boden hinein züchtigen – wie würde es da in der Gemeinde ausschauen? Hast du schon daran gedacht?«

»Nein, aber ich habe solche Angst, Astri, daß du nicht die Wahrheit sagst? Solche Angst, daß du verhärtet bist?«

»Ich habe noch nie gelogen«, – Astris Stimme klang kalt, als sie sich nun erhob.

Auch Mina stand auf, trat näher und legte die Hand auf ihre Schulter: »Gerade das ist mein Trost, Astri. Denn einen aufrichtigeren Menschen als dich weiß ich nicht, und der Lauris tut nichts, worüber du nicht Bescheid weißt, dies ist so wahr, daß es in der Dunkelheit leuchten kann, so dünkt mich, ich muß auf das vertrauen, was du sagst, Astri. Ich habe sonst nichts, an das ich mich halten kann!« – Draußen im Gang sagte sie gute Nacht und trat vors Haus, verwirrt, und machte sich auf den Heimweg. Sie hatte heute abend nicht einmal daran gedacht, mit Wagen und Pferd zu kommen. – »Du mußt deinen Verstand zusammennehmen«, rief Astri ihr nach. – »Ach ja, lieber Gott, Verstand! Wenn es weiter nichts wäre. Aber daß das Leben so sein muß!« – »Ja, ja, so ist es.«

Astri tat, als sei nichts geschehen, als Lauris heimkam. Erst als sie in der Schlafstube waren und er von allem Möglichen erzählte, fragte sie, wie es sich denn mit dem Geld verhielte, das Aasel auf dem Fischgerät stehen gehabt habe. Er blieb mitten im Wort stecken, und sie sah ihm gleichmütig in die Augen. Er zuckte nicht zusammen, kniff nur das eine Auge ein wenig zu. Es dauerte nicht lange, dann hatte er sie alle beide wieder offen und lächelte sie schamlos an, mitten ins Gesicht: »So, so, das hat sie also heute gewollt, die von Segelsund?« – »Ja. Sie hat ein Papier gefunden, das Ola hinterlassen hat. Was sagst du dazu?« – »Ein Papier? Da gibt's kein Papier, Kind, das weiß ich. Und was dieses halb närrische Weib zu ihrem halb närrischen Bruder gesagt hat, das weiß i c h nicht. Aber daß der Ola Haaberg uns böse gesinnt war, das weißt du, wenn du willst. Und daß das Geld eigentlich dir gehörte. Was sagst du dazu?«

Astri setzte sich still aufs Bett. Sie zog Stück für Stück aus und sah dabei zu Boden; sie wurde immer blasser und blasser. Lauris betrachtete sie von der Seite her.

»Ja, jetzt ist es zu spät«, sagte sie. »Jetzt habe ich es abgeleugnet, und jetzt mag es dabei bleiben. Am schlimmsten ist die Sache mit der Selbstangabe bei der Steuer!«

»Damals gab es noch keine Selbstangabe.«

»Aber man würde das Geld in der Stadt finden, auf der Bank dort, stand in dem Brief.«

»Keine Angst, Kind. Das ist ausgezogen.«

»Ja ja, aber –. Es bleibt nichts anderes übrig.«

»He?«

»Ich muß es eben auf mich nehmen. Muß sagen, daß es mein Geld war. Und daß ich es in Empfang nahm und auf die Bank brachte, ohne daß du etwas davon wußtest. Alles miteinander muß meine Schuld sein.«

»Du weißt, dies wäre am schlauesten, aber –. Den Leuten gegenüber, ja, meine ich.«

Astri sagte nichts mehr. Still und wach lag sie da, hörte, wie der Lauris einschlief, und hörte den Wind draußen. Bisher hatte er nur alles mögliche angerührt und sich eine kleine Weise gepfiffen, sie hatte ihn in weiter Ferne vernommen, jetzt aber war er dicht neben ihr. Und jetzt stimmte er den Ton herab, er wurde derb, redete sogar im Ernst. Er hörte sich gut an. Hätte sie außerdem noch den Laut von allem vernommen, was draußen war, von jedem Berg und jedem Hügel und von den Mooren und den Wiesen ringsum, so hätte es wohlgetan. Am liebsten hätte sie alles gesehen, im glaubwürdigen Tageslicht, sie hätte die Häuser hier und alle miteinander sehen mögen.

Aber dazwischen sah sie einen, den sie kannte, einen armen Kerl von der Landzunge draußen, Jörgen Langaune hieß er. Er hatte einen falschen Eid geschworen. Er hatte drei Finger in die Höhe gehoben und eine Lüge beschworen, das hatte sie schon als Kind immer gehört. Und so mußte er dann sein Leben lang herumlaufen: drei Finger steif ausgestreckt und zwei zusammengekrümmt; als sie klein war, meinte sie, er schwöre immerzu. Meistens steckte er die Hand in die Tasche; jetzt sah sie ihn so deutlich.

»Ich tue es trotzdem!« sagte sie laut. Sie hörte, wie Lauris sich räusperte und wach wurde.

Dann lag sie wieder still da und lauschte auf den Wind. Der aber hatte sie vergessen und war seiner Wege gegangen.

– – – Vikesylt kam oft nach Segelsund. Der Arthur war ein Mann, mit dem man so gut reden konnte, ein intelligenter Mann, durfte man geradezu sagen, denn es war unglaublich, wie groß er die Dinge ansehen und wie er einem recht geben konnte. Die anderen Leute hier in der Gegend, ja, sie waren tüchtig, alle miteinander, so betrachtet, aber wie zu erwarten war, verstanden sie wenig von dem, was einem so eingegeben wurde, und namentlich fehlte ihnen der Blick für das Höchste der heutigen Zeit; sie hätten am liebsten dagegengearbeitet. – »Der Arthur«, sagte er, »mit dem ist es etwas ganz anderes.« Aber ebensooft redete er mit Frau Mina, obgleich man ihr anmerken konnte, daß sie eher ein wenig hochmütig war, sie hatte noch nicht so klar erkannt, daß die höchste Eigenschaft darin liegt, vor sich selber gering zu sein. Hinter diese Weisheit kamen die Menschen nie so rasch, das hatte er schon erfahren.

Er kam nach Segelsund am Tag, nachdem Mina auf Haaberg gewesen war, und in dieser Nacht hatte sie nicht geschlafen. – »Du siehst so krank aus in letzter Zeit«, sagte er. »Gerade, als drücke dich eine Last oder sonst irgend etwas Schweres nieder; etwas Innerliches möchte ich es fast nennen.«

– »So?« erwiderte sie, ein wenig scharf, sah ihn jedoch nicht an. – »Ja, ich habe das nun so an mir, ich, der seit vielen Jahren Witwer ist und verheiratet war und alles miteinander, ich sehe mitten in die Frauen hinein, und dir habe ich nun schon seit langer Zeit angesehen, daß du etwas mit dir herumträgst. Du tust mir so leid, ach ja, ja!«

Sie gab keine Antwort. Seine Augen wurden dadurch noch blanker. – »Die anderen fangen auch schon an, es zu beobachten und auf dich aufmerksam zu sein – du solltest dein Herz erleichtern, bei einem, der alt und erfahren ist und das Frauenherz kennt. Denn sonst, siehst du, kommst du noch um vor lauter Angst und Sorgen und all dem Kummer; vergiß nicht, daß der da droben alles sieht und weiß und alle Dinge kennt! Und dann die Erleichterung, du! Diese befreiende Erleichterung, wenn das Herz die bedrückenden Lasten abgeladen hat! Wenn die Hoffnungen in dir wieder hervorsprießen wie Gras und grünes Wachstum!«

Mina ließ ihn stehen und ging hinaus. Sie kam nicht mehr herein. Aber er hatte gesehen, daß ihr Gesicht grau geworden war – wie ein grauer Hauch hatte es sich über ihre Wangen gelegt. Seine Worte, so gering sie waren, mußten doch Frucht getragen haben, so wahr ein großer Gott im Himmel ist! dachte er.

Mina ließ das Pferd einspannen und fuhr zum Lensmann.

Lensmann Mörk war früher Lehrer in der Gemeinde gewesen, damals aber hatte er es ziemlich wild getrieben, so daß er sich einen anderen Beruf hatte suchen müssen. Jetzt war er ein stiller Mann, mischte sich nie in Politik und Streit, die Leute jedoch hatten große Achtung vor ihm. Mina schien es, als sitze er da, der große ruhige Mann, und ziehe sie zu sich hin, und das war der richtige Weg.

Wortlos hörte er sie an, er wurde weder rot noch blaß. Er nahm den Brief und überflog ihn. – »Ich kann nicht anders!« sagte sie. – »Ich kann nicht anders!« wiederholte sie. – »Nein, nein«, erwiderte er. »Und wenn Sie nun hergekommen sind und mir alles dargelegt haben, so gibt es für mich nur einen Weg. Aber wir wollen uns nicht übereilen. Und wir wollen schweigen, einstweilen. Schweigen und uns umhören, nicht wahr?«

Jetzt lächelte er ihr zu, er hatte ein großes und ruhiges Lächeln: »Es ist nie so, wie wir glauben, entweder ist es schlimmer, oder es ist besser. Ich neige gerne zu dem Glauben, daß es besser ist. Und ich bekomme gar nicht so selten recht.«

Er umschloß ihre Hand fest, als sie sich verabschiedete, sie war völlig zu nichts geworden; und auch das tat gut.

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