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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Aasel

1

Aasel fragte Odin eines Abends im Lauf des Winters, wieviel in Kjelvika auf ihn treffe, wenn man alles zusammenrechne. Er wußte das noch nicht so genau, aber soviel er gehört hatte, würden es wohl gut und reichlich ein paar Tausend werden. Wenn er es wirklich ausgehändigt bekäme. Bendek hat es niedergeschrieben, auf seine Weise, und Gurianna hatte es zu vielen gesagt. – »Aber der Lauris sagt, es gehöre ihm. Er ist verwandt mit ihnen, ziemlich entfernt.«

Aasel blinzelte ein paarmal und rechnete nach. – »Das muß schon eine sehr weite Verwandtschaft sein. Dir steht es mit Recht zu, das wissen die Leute doch.« – »Ja. Aber ich muß es jetzt abwarten. Mir gehört es, aber –.«

Sie saß da und schaute vor sich hin, warf ihm von Zeit zu Zeit einen Blick zu. – »Kannst du mir nicht sagen, Odin, was du nun weiterhin willst

Die Uhr sang ihre alte Weise, und die Wände hörten zu, wie sie das schon immer getan hatten. Odin schmerzte dies heute abend wie ein innerliches Nagen. Die gleiche Stimme hatte die Zeit selber, und der sollte man nicht zuhören. Der Winterabend leuchtete bei dem einen der Fenster herein und ließ die Stube erkennen, es lag ein bleicher und sanftäugiger Abglanz des Abends über den alten Wänden und den alten Dingen, die hier standen und die Zeit verstreichen ließen. – Das alles sieht mich an, und sie sieht mich an, dachte er; mögen sie doch. – »Ja, ich bin jetzt sozusagen ein freier Mann«, sagte er, und nun begegnete er ihren Blicken ganz ruhig, so ängstlich flehend sie auch waren.

»Du weißt, daß du den Hof hier bekommst! Billig.«

»Woher doch. Den soll die Astri haben.«

Aasel sah ihn groß an. Er errötete, nahm jedoch seinen Blick nicht zurück. – »Nein, nein, ich bin nicht hochmütig, das bin ich nicht«, sagte er. »Und gutherzig bin ich erst recht nicht. Ich mag nur einfach nicht.«

»Ich dachte, es stecke mehr in dir, Odin.«

Da lachte er, laut und gut: »Das ist auch wahr! Warte nur – warum können die Leute nicht warten? Ich will etwas tun, was noch viel schwerer ist, als nur den Hof hier zu übernehmen. Seinen Hof sollte man wohl selber roden.«

Aasel räusperte sich, für Odin klang es, als schnappe ein Schloß ein. – »Astri bekommt den Hof nicht. Hier soll mir kein Lauris sitzen, das weißt du denn doch wohl auch?«

Odin wußte es. Aber nur, wenn ich mir vorstelle, ich sei Aasel, dachte er; und sie wird doch nicht in alle Ewigkeit leben! – »Darüber läßt sich gar manches sagen«, meinte er – »so ähnlich steht es in einem Buch, das ich habe!«

Draußen nahm der Tag rasch und still ab, und Aasel sah einige Minuten lang ganz verwelkt aus. – »Aber der Lauris hat ein Kind mit der Karen-Anna in der Stadt, hast du das gehört, Odin?« – »Nein?« Er sah sie erschrocken an. Nun saß sie ruhig und stark da. – »Aber ich sage nichts zu ihr. Er weiß sich wohl selber zu helfen, den Eindruck macht er mir. Ich sage nichts zu ihr.«

In diesem Augenblick hörten sie Astri singend in die Küche treten, und gleich darauf kam sie in die Stube, um etwas zu holen, da aber war Odin bereits bei der anderen Tür hinausgegangen. – »Kannst du nicht ein klein wenig hierbleiben?« bat Aasel. Astri setzte sich auf die Holzkiste. – »Hast du schon deinen Nachmittagskaffee getrunken?« fragte Aasel. – »Ja, schon lange.« – Aasel gähnte ein paarmal: »Ich bin auf einmal so müde, ich glaube wahrhaftig, ich brauche noch einen Tropfen.« – »Ja, gleich, Großmutter!« Astri war schon aufgestanden, aber Aasel bat sie, sich wieder zu setzen.

»Du mußt nun also den Lauris haben?«

»Ja, Großmutter, so wird's wohl kommen – aber wir reisen in die Stadt und heiraten dort.«

»Hm! Hm! Ja, ich verbiete es dir nicht, Kind. In Gottes Namen denn! sage ich lieber; wie ich schon einmal sagte, als du von uns fortzogst. Und der Odin, der muß es eben überstehen. Ich sage, der Odin muß es eben überstehen, so gut er kann, nicht wahr?«

»Der Odin, ja? Er wird sich kaum die Auszehrung dabei holen!«

Ehe Astri sich's versah, standen ihr die Augen voller Tränen. Ihre eine Hand preßte die andere im Schoß. Aasel räusperte sich wieder. – »Aber der Lauris kriegt den Hof hier nicht. Daß du's nur weißt.« – »Den Hof, nein? Das habe ich nie gedacht; das möchte ich nicht einmal – das ist auch nicht der Grund, weshalb der Lauris mich haben will. Den Hof kann der Odin bekommen.«

Aasel saß eine Weile da und schwieg. Astri hörte die Glut im Ofen drinnen pfeifen; es ging sie nichts an. – »Der Odin will ihn auch nicht haben«, sagte Aasel still. – »Will der Odin ihn nicht haben, was ist denn das für ein Unsinn?« – »Er sagt, du sollst ihn haben.« – »Ja, so. Ja, so, er glaubt also das.« – »Was denn, was meinst du?« – »Nein, nichts weiter. Daß der Lauris es auf den Hof abgesehen hat. Ich glaube nicht, daß er mich so hart verurteilen würde.«

Es klang, als wollte das Weinen sie überwältigen, aber sie hielt sich tapfer. – Daß sie das so oft sagt! seufzte Aasel vor sich hin. »Ich hatte nicht vor, die Hand von dir abzuziehen, Kind«, sagte sie. »Aber Haaberg. das ist etwas anderes. Die Zeit ist von hier fortgegangen; ich erkenne es jetzt wohl, wenn ich es auch nicht sehen will. Wenn auch der Odin den Hof übernähme, es würde doch kein Haaberg bleiben. Nein, unmöglich. Ach Astri, es tut so weh, wenn die Zeit von einem fortgezogen ist, so daß man zurückbleibt und es nicht gemerkt hat. Bis man alt ist und sie nie wieder einholen kann. Aber so sitzen wir da. Es ist jetzt eine neue Zeit ins Land gekommen, wir aber sitzen hier. Und du und der Odin, ihr fliegt mit; es liegt schon viel Baum zwischen uns. Ich will dir nichts weissagen. Du kommst durch, wie es auch gehen mag – aber jetzt sei lieb und gib mir einen Schluck Kaffee.«

Astri stand auf und ging in die Küche, aber sie ging förmlich im Schlaf. – »Das also meint der Odin«, murmelte sie. »Und ich, die ihn so hochhielt: Ich wollte nichts von ihm, als an ihn denken dürfen.«

Als sie mit einem Licht hereinkam, sah, sie, daß die Großmutter geweint hatte, und das hatte sie kaum je gesehen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie hinaus. – Aber der Lauris, der sagt nichts Böses über den Odin, dachte sie. Obgleich er vieles besser weiß als ich; das habe ich ihm angesehen. Wie ein kalter Schauer durchlief es sie, daß Lauris alles wisse.

Trotzdem schien ihr das alles nur wie eine Kleinigkeit dagegen, daß die Großmutter dasaß und weinte; das war eine Last, an der sie schwer trug. – »Um seinetwillen tue ich's«, sagte sie. »Es hätte nicht geschehen dürfen, aber ich tue es trotzdem.«

Sie hatte an diesem Abend nicht vorgehabt, zu Lauris hinunterzugehen, konnte es jedoch nicht lassen. Sie erzählte ihm. was die Großmutter über den Hof gesagt hatte. Lauris hörte es nicht. Er saß da und dachte an etwas anderes. Sie erzählte von Odin, der sich sträubte und ebenfalls den Hof nicht nehmen wollte. Lauris' einer Mundwinkel zog sich in die Höhe, und das eine Auge wurde ein wenig kleiner. Dann vergaß er auch dies.

Astri stand neben ihm am Tisch. Sie biß sich auf die Lippe und starrte geradeaus vor sich hin. Da sagte sie auf einmal: »Noch nie habe ich es so deutlich gesehen, wie arm ich für dich bin. Aber: so wollte ich sein!« Sie sank auf den Stuhl und weinte, beugte sich über den Tisch und barg das Gesicht in den Händen.

Lauris saß da und sah einmal sie an und einmal zu Boden; er war zugleich erstaunt und ratlos. – »Frauen, die weinen, das ist zu hoch für mich«, sagte er. »Versuch doch aufzuhören!« Er bat sie ein paarmal darum. – – »Denn ich habe doch dich, weißt du, auf die ich mich freuen kann.«

Er stand auf und ging hinter ihr in der Stube auf und ab.

Als sie sich erhob und seinen Blicken begegnete, lagen diese wie eine Zaubermacht auf ihr. Sie besaß keine Kraft, und Gnade gab es keine, sie war ganz allein im Haus, zur Nachtzeit mit einem gefährlichen Mann; sie erstarrte in seligem Schrecken.

Aber als er sie nahm und zur Kammer hinübertrug, gewann sie ihre Kraft wieder und riß sich los. Sie wußte kaum, was sie tat oder warum sie es tat, sie kämpfte nur für sich und gewann. Sie war entsetzt, als sie hörte, was sie selber sagte:

»Das soll nicht geschehen! Denn dann – – dann reist du von mir fort!« Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen!

»Nein, aber lieber Gott!« sagte er.

»Ja, jetzt fehlt nicht mehr viel, und du jagst mich fort«, sagte sie und lächelte. »Aber lieber sollst du mich fortjagen.«

Sie zog sich an und ging, und er kam ihr nach und begleitete sie. – »Jetzt sind wir bessere Menschen, als deine Großmutter glaubt«, sagte er. »Darüber bin ich froh. Ich habe es doch die ganze Zeit gewußt, daß du so wärst.«

Sie blieb stehen und lauschte auf etwas. Die Nacht war still, mit grauem Himmel und grauer Erde. – »Wie es im Land draußen saust!« sagte sie. – »Gutwetterwind«, murmelte er. »Bald wird es Frühling sein.«

2

Kurz vor den Feiertagen reisten Astri und Lauris in die Stadt. Sie wollten sich bürgerlich trauen lassen. – »Das auch noch?« fragte Aasel. – »Ja, der Lauris ist nicht in der Staatskirche, er ist in der Freikirche geboren und außerhalb von allem aufgewachsen, sagt er. Nein, diesmal widerspreche ich nicht; es würde auch nicht viel nützen, glaube ich. Er ist gutmütig, das weiß ich wohl, aber er ist nicht der, für den Ihr ihn haltet. Ich habe Angst vor ihm!« – »Hoho!« – »Ja, Ihr versteht das nicht, das erwarte ich auch nicht.« – »Ja, die Zeit ist merkwürdig!« lächelte Aasel.

Diese Worte kamen Astri wieder ins Gedächtnis, als sie von der Großmutter Abschied nahm. Alles war merkwürdig, alles miteinander.

Odin rief sie nur quer über den Hof hin ein Lebewohl zu. er stand gerade in der Schmiede und hämmerte etwas zurecht, und er richtete sich auf und wünschte ihr Glück auf die Reise. Lauris war vorausgegangen, und sie kam mit dem Hüterbuben als Fuhrknecht nach.

Odin mußte beinahe lachen, als sie fortgefahren war, denn hier stand er nun zum zweitenmal und sah zu, wie sie fortfuhr, um sich zu verheiraten. Sie hatte ihn zur Hochzeit eingeladen. Ganz unmerklich blitzte die Neugier in ihren Augen, das sah er, wie auch das letztemal: sie hätte gerne gewußt, wie ihm zumute war. – »Du nimmst es mir doch nicht übel, wenn ich nicht komme?« hatte er gesagt. Sie sah ihn an, halb in anderen Gedanken, und sagte nein, nein, freilich nicht, aber –.

Den Abend zuvor war Lauris gekommen und hatte ihn das gleiche gefragt. – »Wenn dir ein Trauzeuge fehlt, so weißt du, daß ich komme«, hatte Odin gesagt. Lauris pfiff leise durch die Zähne, dann sagte er: »Wärst du einer von den Alten, dann würdest du kommen.« – »Dann brauchte ich nicht zu kommen, Junge, denn dann wärst du es, der auf meine Hochzeit käme.«

Auch die Großmutter war von Astri eingeladen worden. Lauris hatte sie gebeten, dies zu tun. – »Soviel sollte ich noch wert sein«, seufzte Aasel. »Oder wenigstens so viel taugen, daß ich deine ganze Reise hätte aufhalten können.« Astri lächelte mit schmalen Augen. Sie mußte die Hand auf Aasels Schulter legen: »Das wäre doch wohl nicht so leicht gewesen, Großmutter?« Aasel ergriff ihre Hand und streichelte sie ein wenig. – »Was für schöne Hände du hast. Ja, ich hätte dich gerne im weißen Brautkleid gesehen, Astri, ich kann es nicht anders sagen, als daß ich mir – – diese Freude erwartet hätte. Aber es sollte also nicht sein. Ich tauge nicht dazu.« »Im Brautkleid könnt Ihr mich trotzdem sehen, wenn's sein muß, noch heute abend«, hatte Astri erwidert, und dann war sie schnell fortgegangen. Aasel hatte sie ein Stück weit begleitet, als sie fortfuhr.

Sie wollten keine Hochzeit feiern, sondern nur ein Mittagessen für sechs bis sieben Leute in einem Hotel geben. – »Entweder so oder eine Großhochzeit«, hatte Astri erklärt. Sie wohnte bei der Mutter und Lauris drinnen in der Stadt bei einem Bekannten.

Am Abend suchte er Otte auf, er wollte hören, ob sie sehr böse auf ihn seien, sagte er. Er dehnte die Worte ein wenig, Astri tat es weh. Da meinte Andrea, sie sah zu Otte hinüber: »Das würde wohl nichts helfen?« Andrea war so ruhig in ihrem Glück; an sie konnte von außen nichts Böses herangelangen.

Lauris kam an den Tisch und setzte sich, er sollte Kaffee trinken. Er saß da und schaute auf die Straße hinaus. Auf einmal richtete er sich auf und schaute genauer hin, dort ging jemand, den er kannte. Dann saß er wieder wie vorher, ein stattlicher Bräutigam. – »Sie kommt hierher«, sagte er, er schaute Astri an und lächelte. Astri verstand ihn nicht, aber mitten im Staunen befiel sie eine leise Angst.

Da kam jemand herein, ein Mädchen in grauem Mantel und schwarzem Hut und mit einem kleinen Jungen an der Hand. Als sie Lauris erblickte, blieb sie gleich an der Türe stehen. Ihre Augen wanderten von ihm weg und zu Astri und wieder zu ihm zurück. Die anderen baten sie, sich zu setzen. Sie hörte es nicht. – »Ich wollte ein paar Worte mit dir reden«, bringt sie stotternd hervor, und jetzt ist sie ebenso rot, wie sie vorher bleich war. – »Ja, hier sitze ich«, antwortete Lauris.

Sie starrte ihn verlegen an. – »Unter vier Augen«, murmelte sie. – »Jawohl, aber wolltest du nicht eigentlich lieber mit der Astri reden?« Er sitzt noch ebenso zurückgelehnt auf seinem Stuhl wie zuvor. – »Ja, das ist wahr«, sagt sie, erschreckt. – »Ja, das hier ist die Karen-Anna«, wendet er sich an die anderen, »die Karen-Anna Jensen – sie stammt aus unserer Gemeinde, und wir kennen sie doch alle.«

Astri hat am Ofen gestanden, mit herabhängenden gefalteten Händen, und so steht sie noch. Ohne sich zu bewegen, nur ein wenig bleich. – »Ja, das ist wahr«, sagte Karen-Anna wiederum. Astri sieht die Mutter an, und diese und Otte gehen hinaus; dann wendet sie sich Karen-Anna zu: »Es ist lange her, seit ich dich das letztemal sah.« – »Ja, und ich hatte auch nicht gedacht, hierher zu kommen – ich hatte es nicht gedacht!« Sie fing zu weinen an. – »Aber du bist also trotzdem gekommen?« sagte Astri. »Aber so setz dich doch! Und der Kleine dort, der ist von dir, vermutlich?« sie wandte sich zu Lauris.

Lauris saß da und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Er hob den Blick und verzog den Mund zu einem Lächeln: Das könnte wohl so ungefähr stimmen.

Karen-Anna hatte sich jetzt ein wenig erholt, stand aber immer noch neben der Tür. Sie sah nur Astri an. – »Ich wußte nicht, was ich tun sollte – ich hörte erst gestern, daß du – – und da dachte ich, du wüßtest vielleicht nichts von dem hier.«

Sie mußte den Buben festhalten, es war ein unruhiger kleiner Kerl, der davonlaufen und die Katze unter dem Stuhl hervorholen wollte. – »Ich wußte, daß er mich zum Narren gehalten hatte, aber ich dachte, du solltest es wissen – dich sollte er nicht zum Narren halten!« – »Mich?« sagt Astri. »Das hat er doch nicht getan; er hat mir alles erzählt, und morgen wollen wir heiraten.«

Lauris blickt auf. Er ist zum erstenmal erstaunt und ist schon nahe daran, etwas zu sagen. Statt dessen aber erhebt er sich, richtet sich auf, geht dann hin und streichelt dem Jungen über das Haar: »Aber ein großartiger kleiner Kerl ist er doch, nicht wahr, Astri?« Er dreht sich zu Karen-Anna: »Ich habe an euch beide gedacht. Außer dem, was du bekommen hast, soll er noch mein Erbteil in Kjelvika kriegen, das wird immerhin ein oder zwei Tausender ausmachen.« – »Dein Erbteil?« fragte Astri. – »Ja–a. Ich bin der Nächste dazu. Ich muß auf meinem Recht bestehen, ich, der schon Erben hat. Sag einmal, brauchst du jetzt Geld? Nicht? Aber sag's ruhig. Ich bin wie andere gutmütige Leute, leicht um etwas zu bitten und schwer im Herausrücken.«

Karen-Anna verabschiedete sich und ging fort. Der Bub drehte sich in der Türe noch einmal um und schaute nach der Katze. Er hatte braune, glänzende Augen, ein wenig ins Gelbliche hinüberspielend.

Lauris wandte sich zu Astri. Sie stand immer noch mit hängenden Händen da. Sie sah zu Boden. – »Ach so, du wußtest das nicht?« fragte er lächelnd. Sie schüttelte den Kopf. Als einige Zeit verstrichen war, sagte sie: »Du glaubtest auch nicht, daß ich es wisse!« – »Da kannst du recht haben. Und jetzt sagst du wohl die ganze Herrlichkeit wieder ab, denke ich?«

Sie gab keine Antwort. Durch ihre Schultern lief ein leichtes Zucken, aber ihr Gesicht war unverändert fest. Er sah es genau an. Zog dann die Uhr hervor und schaute nach der Zeit.

»Ich sollte es eben heute abend noch wissen, verstehst du?«

Da schlug Astri die Augen auf. Sie starrte ihn an, und der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde ganz verändert; sie starrte auf die Uhr, mit der er dastand. Ihre Hände lösten sich voneinander, sie wankte zum Sofa und setzte sich.

»Ich wußte ja, daß du mich nicht lieb hast! Ich wußte es so genau, aber –«

Lauris lächelte:

»Dann stünde ich wohl kaum hier. Oder?«

Andrea kam in die Tür, sah sie beide an und trat ein. Lauris legte die Hände auf den Rücken und erzählte, was vorgefallen war. Ob sie auch nichts davon gewußt habe? fragte er. – Nein, sie redete so wenig mit den Leuten. – »Aber hat denn der Odin es dir nicht erzählt?« Er sah wiederum Astri an. – »Wußte denn er etwas?« – »Ich kann mir's nicht anders denken«, er lächelte. – »Ja – so. So–o!«

Andrea setzte sich zu Astri. Lauris ging zur Tür, blieb dort stehen, die Hand auf der Klinke. – »Ja, ja«, sagte Astri. »Ich habe eben nur an mich selber gedacht. Die anderen müssen das wohl auch dürfen. Aber um eines bitte ich den lieben Gott – – er muß mir helfen, daß Lauris nicht noch andere ins Unglück bringt! Weiter – – erbitte ich mir nichts von ihm!«

»Nimmst du ihn denn trotzdem?« Andrea sah verwirrt von Astri zu Lauris, der an der Tür stand und wartete.

»Das werde ich wohl! Es wäre nicht schwer, könnte ich – –«

Da überwältigten sie die Tränen. Sie drehte sich weg und weinte still. – » Großmutter!« hörten die anderen sie flüstern.

Lauris ging hin und setzte sich. Dies hier brauchte seine Zeit.

Astri hatte sich bald wieder gefaßt und saß nun aufrecht auf dem Sofa. Nicht ein Schluchzen kam mehr; nur rings um die Augen war sie ein wenig geschwollen. Sie sieht Lauris an; beinahe hätte sie lächeln müssen. – »Und du sitzt da so ruhig, als ginge dich das nichts an!« – »Ja, ich sehe mir keinen anderen Rat. So weit treibe ich's denn doch nicht, daß ich hier ein Theater machen möchte, bei fremden Leuten. Ich wartete eigentlich darauf, daß du herkämst und mich ins Gesicht schlügest.«

So bleich hatten sie Andrea noch nie gesehen. – »Daß du gar nicht daran denkst, was die Leute sagen, Astri!« Da lächelte Astri, ein vieldeutiges Lächeln: »Das tue ich ja gerade, Mutter. Ich, die das nie bisher getan hat. Ich könnte ihn allein deshalb nehmen.« Sie steht auf und geht zu Lauris hin, legt die Hände auf seine Schultern und rüttelt ihn:

»Kannst du denn nicht sagen, daß du mich wenigstens ein bißchen lieb hast?«

»Nein, leider. Denn ich hab dich gehörig lieb. Und wenn du das Spiel wagst, dann – – packen wir es morgen an.«

Sie begleitete ihn, als er fortging. Als sie in sein Zimmer traten, lag ein Brief von Odin da. Lauris durchflog ihn rasch und erzählte Astri, was drin stand: Odin verzichtete auf sein Erbteil. – »Vermutlich sein Hochzeitsgeschenk an uns«, sagte er. Astri stand betreten da. – »Verzichtet er?« – »Ja, ja, das ist klar. Er ist größer als ich, weißt du. Er will ›glühende Kohlen auf mein Haupt sammeln‹. Wenn sie nur nicht gleichzeitig auch dich verbrennen. Zwar – das Erbe gehört offen und ehrlich mir. Aber genug davon. Ich sage Dank und Ehre dem, dem sie gebühren, nicht mehr Theater in dieser Sache.« – »Du nimmst es nicht an?« sagte sie. – »Doch. Kein Theater mehr, hörst du. Und Geld kann ich brauchen. Und du, Astri, ja, du bist ja ein Heiligtum für mich, eine Bundeslade, in die ich nie hineinschauen darf, darum wohl mußte ich dich haben – aber du wirst wohl auch Geld brauchen, nicht wahr? Du hast doch allerhand Pläne? Doch, ich weiß es. Das hab ich auch. Pläne.«

»Daß er auf sein Erbteil verzichtet!« Astri lachte höhnisch.

»Er ist größer als ich, wie gesagt. ›Das hat ein Feind getan‹, steht geschrieben.«

»Seiner wirst du immer noch Herr.«

»Das wißt nur ihr beide, du und der liebe Gott; ich weiß es nicht, nein. Aber ich bin wirklich ein Tempelräuber. Im übrigen: ich kann unmöglich der Halunke sein, für den der Odin und die anderen mich halten: da ich dich bekommen konnte.«

Sie griff nach seiner Hand und drückte sie. Sie wunderte sich, sie erschauerte bei dem Gedanken, daß er vielleicht mehrere Kinder hatte. Oben im Nordland hatten die Schiffer sicher viele Mädchen. Das Glück, dachte sie, ist seltsam kalt, wie eine Fahrt durch die blanke Winternacht; es muß wohl so sein, wenn es etwas wert sein soll. Sie dachte an die Großmutter und an Haaberg, und an Odin und an sich selber.

» Der hungert nicht, der teuer kauft!« sagte sie.

– – – Als sie aus der Stadt zurückkamen, stand Aasel vor der Türe von Haaberg und lud sie ein, hineinzukommen. Astri hatte vorgehabt, vorbeizufahren, ohne hineinzuschauen, oder vielleicht abzuspringen und sie rasch zu begrüßen, nur ganz kurz. Statt dessen kam es nun zu einer kleinen Hochzeitsfeierlichkeit. Odin war im Jugendverein oder sonst irgendwo. Immer und immer wieder begegnete sie den Augen der Großmutter. Sie warteten so still auf sie. Da wünschte Astri, sie wäre klein wie früher einmal vor langer, langer Zeit, dann hätte sie sich irgendwo hinterm Haus versteckt und gesagt:

»Es wird schon gut gehen, Großmutter!«

3

Frau Mina auf Segelsund kam eines Abends im Frühling nach Haaberg. Odin fand sie recht gealtert seit dem letztenmal. Sie zwang sich, ruhig zu sein, das sah er, aber sie war es nicht, man erkannte an jeder ihrer Bewegungen, daß es ihr schlecht ging. Das Gesicht jedoch war noch schön, es hatte noch die gleichen stolzen und weichen Züge wie früher, die gleiche feine Haut, wie Aasel sie hatte, und die Augen konnten noch mit dem alten seltsamen Glanz strahlen. Etwas Junges und Übermütiges war noch da, aber das Alter lag darüber, und sie wußte darum; es tat weh, dies zu sehen. – Nein, so wie Astri war sie nie gewesen. Sie besaß nicht die Anmut und die Kraft wie sie; es war nichts Fremdes an ihr, das sie unentbehrlich machte; sie war nur fein und schön gewesen und stolz. Nicht diese Tiefe in den Augen, nein, und auch nicht all das andere – Odin stand plötzlich auf und ging durch die Stube. Er sah mitten in die Sonne, die beim westlichen Fenster hereinschien und lachte.

Als Mina kam, hatte er eigentlich vorgehabt fortzugehen, er wollte ihr nicht im Wege sein. Aber irgend etwas in ihm gehorchte nicht, er mußte doch sehen, wie sie sich hielt, wenn sie sich an Aasel heranmachte. Ihr Anliegen wußte er sofort; denn so mußte sie aussehen, wenn sie sich demütigen und um etwas bitten mußte.

Mina und Aasel redeten vom Wetter wie andere Leute. Man hatte ein spätes Frühjahr, auf den Feldern lag noch eine Menge Schnee. Es war gut, daß noch kein Futtermangel herrschte. Aber Gott ist gut, sagte Mina. Da blitzte es ein paarmal in Aasels Augen auf, eine milde und doch starke Bläue. Sie fühlte, wie schwer das Anliegen war, das die andere mit sich herumtrug. – »Aber mit dem Handel geht es auch dieses Frühjahr nicht so sehr gut?« – »Nein, wir haben nun schon zwei oder drei schlechte Jahre«, sagte Mina. »Die Leute borgen bei uns und reisen mit dem Geld in die Stadt; das ist jetzt bald ein fester Brauch.« Mina legte einen Fuß über den anderen, sie hat winzig kleine Schuhe mit blanken Schnallen. Die Hände liegen lang und weich im Schoß. Sie lacht ein wenig: »Bis jetzt hat noch keiner den Handel auf Segelsund auf die Beine gebracht; ich weiß nicht, was es damit auf sich hat. Und was man auch treibt und anfängt – es ist fast, als könnten die Leute den Handel und uns mit ihm nicht leiden.«

Odin durchlief es heiß. In ihm reifte ein großes Gelöbnis, er wurde rot und konnte kaum stillstehen; aber jetzt war Mina in ihrem Fahrwasser: Sie hatten die Schuld bei diesem Verwandten in der Stadt aufgesagt, er war ein Blutsauger! Er wollte sie nur zugrunde richten durch seine Hilfe, und dabei wurde er immer hochmütiger und hochmütiger. Als sie dann sagte, daß sie ihn nicht mehr brauchten, blieb wenig und nichts mehr von ihm übrig.

Wollten sie denn jetzt aufhören mit dem Handel? fragte Aasel. – Aufhören? Das konnten sie wohl kaum? Was sollte dann aus den Leuten werden? Sie würden doch wohl ein Bankdarlehen bekommen können, so gut wie andere, sie konnten ja ein Pfand hinterlegen, größer als notwendig.

Odin war jetzt im Begriff hinauszugehen; in diesem Augenblick aber sah Mina ihn an, umfaßte ihn, so dünkte es ihn, mit dem verhexten Kinderglanz in den Augen. Sie ließ ihn wieder los, aber der warme Griff lag ihm noch ums Herz, und sie saß schmerzlich ratlos da. – »Wenn wir nur die Zinsen zum Termin hätten«, sagte sie, »etwa tausend Kronen, dann wäre uns geholfen, denn zum Sommer erwarten wir Geld von Amerika, es ist jetzt schon über drei Jahre her, seit die Mutter starb, und bald zwei seit Vaters Tod, wir bekamen kürzlich Nachricht von der Behörde, daß die Geschäftsbeteiligung aufgelöst und fast alles in Ordnung sei, nur ein paar Kleinigkeiten stünden noch aus.«

Aasel fragte, ob denn eine Hinterlassenschaft vorhanden wäre? – »Freilich, und nicht wenig, du weißt, der Vater steckte zuletzt in einem großen Geschäft. Aber wie steht es denn mit dir, Odin, du hast wohl ein schönes Stück Geld von Kjelvika bekommen – kannst nicht du mir ein- oder zweitausend Kronen leihen? Gegen eine Hypothek auf den Hof oder auf das Geschäft?«

Odin wurde rot wie eine Hagebutte. Ihre Augen strahlten über ihn hin, während er so dastand und sich zu fassen suchte. Er richtete sich auf und streckte beide Handflächen aus, lachte geradeheraus:

»Das ist schon seiner Wege gegangen – der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, und so weiter! Der Lauris hat gemeint, er hätte ein Recht darauf, nach dem Gesetz, und so bekam er es denn.«

»Nein, aber Odin, bist du denn verrückt?« Minas Wangen wechselten die Farbe, es gehörte so wenig dazu, aber sie hielt sich aufrecht und lachte mit: Ob er denn solch ein Leichtfuß in Geldsachen sei? Der gleiche Tollkopf wie auf der See? Ja, ja, ja, dann war ja nichts mehr darüber zu sagen.

»Ja, es war dumm, ich sehe es jetzt ein.«

Aasel räusperte sich nur. Sie hatte es wohl schon vorher gehört, von Astri. – »Die Jugend hat gar mancherlei Einfälle«, sagte sie endlich. »So ist es schon immer gewesen. Und jetzt, Mina, jetzt habe ich einen Gedanken, der, glaube ich, der rechte ist: Du sollst hierher nach Haaberg ziehen. Nein, nein, das ist nicht ein Geschenk; ich mache keine Geschenke mehr. Ich will den Hof verkaufen, und da bist du die Nächste dazu, so wie die Dinge jetzt stehen. Ich will ihn aufteilen, er ist zu groß.«

Mina sah nicht erstaunt aus. Sie fragte nur, ob Aasel denn den Verstand verloren habe. – »Nein, nein. Nein, Gott sei Lob! Aber ich werde es so machen, und ich habe lange genug darüber nachgedacht; ich wußte schon immer, wie ich es machen sollte, und habe bis jetzt nie die Kraft dazu gefunden. Der Herrgott hatte seine Absicht damit, als er es mit Astri so kommen ließ, wie es kam. Denn dieser Weg war nun eben ihr Weg, die Ärmste; und hier auf Haaberg soll kein Lauris sitzen, solange ich noch über der Erde bin; das kann ich nicht mit ansehen. Die Astri kommt schon wieder in die Höhe; und mir gab dies die Kraft, das zu tun, was richtig ist. Er hat mich nicht vergessen, trotz allem. Sein Rat ist wunderbar, wie es geschrieben steht. Ja, ja, ich habe mir gedacht, den Hof in drei Teile aufzuteilen, dazu ist reichlich genug Land da. Man hat nicht das Recht, mehr zu besitzen. Das paßt auch nicht für die Zeit, die nun kommt. Du bist also willkommen hier. Mina. Du sollst dein Teil zu einem vernünftigen Preis kaufen können, habe ich gedacht.«

Mina saß da und war weit weg. Jetzt räusperte sie sich und sagte: »Ja, und der Odin?« Aasel lächelte: »Er will nicht. Noch nicht. Er muß seine eigenen Wege gehen.« – »Ja, aber ich kann nicht, Muhme, das weißt du doch selber? Vom Laden und von Segelsund weggehen und hier mit einem Anteil am Hof anfangen – was glaubst du wohl, was die Leute da sagen würden?« Aasel lachte, ein ganz dünnes und gutes kleines Lachen: »Ja, das weiß ich freilich nicht – nein! Was die sagen würden, meinst du? Schau, daran haben wir so wenig gedacht, wir hier auf dem Hof. Zu wenig freilich, manchmal. Ich dachte, die Astri würde es vielleicht lernen. Sie sollte Haaberg in die Gemeinde hineintragen oder die Gemeinde nach Haaberg bringen, für mich geht das schon alles ineinander über.« – »Ja, sie hat sich ja was Schönes eingebrockt, sich selber und dir, und uns anderen auch.«

Minas Stimme war noch ebenso weich, aber es klang ein Unterton von Ärger hindurch, den nur Aasel heraushörte. – »Nicht alle kämpfen ja nur den guten Kampf«, seufzte Aasel. »Vielleicht ist er auch nicht so gut, wie wir glauben.« – »Was sagst du da?« Mina wurde hart. – »Daß es vielleicht ganz gut ist, so wie es gegangen ist, dachte ich. Auf die Weise kam sie doch wenigstens ins Leben hinein, wenn ich mich nicht irre. Dorthin, wo sie hingehört, richtiger gesagt.«

Mina zieht ihre goldene Uhr heraus, vergleicht sie mit der Wanduhr. – »Gleich kommt der Kaffee«, lächelte Aasel. – »Du willst mir nicht helfen, Muhme, mit einer Geldsumme?« – »Nein, wahrhaftig, das will ich nicht. Ich will dir zum halben Haaberg verhelfen, so weit gehe ich und nicht einen Schritt weiter. Und damit ist, glaube ich, dein Mann zufrieden.« – »Der?« Über Minas Gesicht zog sich ein weißer Streifen, sie hatte den Hieb gefühlt. – »Ja, mag sein«, fügte sie hinzu, und beruhigte sich. »Aber es ist unmöglich – im übrigen ist nichts mehr darüber zu sagen.«

Der Kaffee kam und wurde getrunken, und Mina machte sich bereit und fuhr heim. Sie war jetzt ruhiger als vorher, da sie kam; Odin schien es, als habe sie einen großen Sieg gewonnen, wie sie so fortfuhr. Aasel lächelte vor sich hin, als sie sich umdrehte und wieder hineinging: »Daß die Welt und das alles – so stark in uns sein muß! Was sie auch predigen, und was sie auch beten, es nützt alles nichts; sie sind so. Hm! Hm!«

»Ach, der Teufel hol mich lotweis!« kam es von Odin.

»Aber still doch, Odin!« Aasel drehte sich in der Tür um und sah ihn entsetzt an.

»Ja, daß ich so dumm sein mußte? Da kommt sie her und macht sich klein vor mir, und dann kann ich ihr doch nicht helfen! Und wie hoch sie wieder droben war, als sie von uns Abschied nahm, habt Ihr es gesehen?«

Aasel leuchtete über das ganze Gesicht, während sie ihn ansah. – »Genau so warst du als Bub«, sagte sie. »Es wird sich schon ein Rat finden«, fügte sie hinzu. »Wenn ich nur verkaufen kann.«

So, so, er sei also nicht stark genug, um zu widerstehen, wenn ihn jemand um etwas bäte? fing sie an, als sie wieder in der Stube waren. – »Ich?« Er blickte beschämt drein: »Ich blieb doch nur drinnen, um zu sehen, wie sie sich anstellen würde, wenn sie sich demütigen müßte und wenn sie ein Nein bekäme. Nach und nach – – tut es gut, Leute zu sehen, die in der Klemme stecken. Man wächst daran. Aber nur dann und wann einmal. Wäre das nicht, dann müßte man mit bleichem Gesicht und mit Tränen in den Augen dastehen, glaube ich, und ringsum vergeblich nach einem Weg suchen – – es gibt soviel Unmögliches! Da lache ich lieber, wenn ich sie anschaue: Es ist, wie wenn einer im Kreis herumrennt und sich selber einholen möchte – – am liebsten möcht er sich in den Hintern treten. Wäre ich doch so ein Kerl, daß ich ihnen zeigen könnte, wie dumm das ist. Und dann der Lauris, der mich um dieses Geldes willen scheel anschaut. Der Teufel hol's!«

Er schämte sich, als er seine eigenen Worte hörte, und ging hinaus.

Draußen überraschte ihn alles, wohin er auch sah. Es war schon überall leuchtender Abend, die kleinen Wolken über ihm strahlten auf und verdunkelten sich im nächsten Augenblick wieder, und die Sonne fiel auf den schwarzen Acker oder auf den moosbraunen Wiesenrain, auf Birken und Moore, sie fiel irgendwo auf den Berg und brachte Felsen und Schluchten und Buschwerk nahe.

So hatte alles hier gestanden und die Menschen gesehen, im Guten und im Bösen, hatte ihnen so treuherzig bezeugt, daß die Welt nicht anders ist. Aber vielleicht hatte es sich ihnen doch anders dargestellt, das konnte keiner wissen. Vielleicht hatte sich das keinem anderen offenbart als einem jungen Burschen, der hier umherging und nicht vom Fleck kam, bloß weil hier ein alter Mensch lebte und alles andere verloren hatte und nur noch auf ihn blickte – auf ihn, eine Mißgeburt vor dem Herrn, die dahinlebte und Qual und Sorge aufbewahrte, so wie andere Gold bewahren, bis sie einmal reich war. und es vor den Leuten hinaussingen konnte, daß die Tränen rollten. Sicherlich hatten sie ihn vom Hof gejagt, jene, die früher hier waren. Ja, da war nun auch der Ola Haaberg, der Küstertod, den hatten sie sich doch auf alle Fälle angesehen! So sanft konnten sie sein, gegen den, der weich und unnütz war. – »Ja, aber: so einer wie der werde ich nun doch nicht!« lachte Odin, »verflucht noch einmal! Ich erwarte mir doch mehr vom Leben als die alle miteinander?«

Und jetzt ging er, er stand nicht mehr länger hier und redete oder dachte; es war ein so armseliger Anblick, sich am Tag darauf zu sehen, mit der Mütze im Nacken und die Augen irgendwo in der leeren Luft.

Der Westwind kämpfte sich landeinwärts weiter, er fegte und blies und wollte alles auswischen, womit man sich hier abgeplagt hatte, mehr war es nicht wert. Oder war es der Sommer, der ihm im Gedächtnis lebte, eine Bläue vor den Augen, weit draußen, man konnte sich so leibhaftig darin erkennen. Denn das, was ist, das sieht man so vor sich, in einer Bläue; Odin fühlte, wie es dort stand und auf ihn wartete, viele, viele Dinge, die er kaum mehr sah oder deren Umrisse er nur schwach erkannte. Jetzt aber hörte er den Star auf dem Hausdach und die Lerche oben in der Luft, über den Ackerfurchen und den Wiesen, es war gut, daß man anpacken und irgend etwas tun konnte. Eigentlich war es die ganze Zeit Frühling gewesen, wenn er es recht bedachte.

4

Astri kam häufig zur Großmutter. Wenn sie sich so trafen, konnte man keine große Veränderung zwischen jetzt und früher bemerken. Die eine freute sich, die andere zu sehen. Gegen Odin war Astri ein wenig kürzer angebunden, und zwar immer mehr, je öfter sie ihn traf, aber die Augen schlug sie nicht vor ihm nieder. – »Was habe ich ihr nur getan?« sagte er zur Großmutter. – »Nun. ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll«, antwortete sie.

Eines Tages ging Aasel mit hinunter nach Vaagen, und von da an kam sie öfters zu Astri; sie richteten alles schön her, dort unten, so nach und nach. Astri begleitete sie dann meist auf dem Heimweg.

Während sie so eines Abends miteinander hinaufgehen, sagt Aasel, sie wolle sich nun vom Hof trennen. Sie kann nicht mehr länger damit zurechtkommen, nicht einmal Dienstboten findet man mehr, sie will ihn aufteilen! Und wenn Astri einen Teil haben wolle, so solle sie es gleich sagen. Dann könne sie den Teil bekommen, den sie wolle. – »Hier«, deutete Aasel, »dachte ich, daß die Häuser des einen Teiles stehen sollten. Nein, nein, ich will keinen Austrag. Das ist zu altmodisch. Zeit und Menschen sind nicht mehr so. daß man das noch machen könnte.«

Astri blickte zu Boden. Dann sagte sie: »Ihr dürft nicht denken, daß ich es verschmähte, Großmutter; ich freue mich sogar, daß Ihr uns hier sehen wollt. Aber ich kann nichts sagen. Ich muß erst hören, was mein Mann dazu meint.« – »Ja, das gefällt mir«, erwiderte Aasel. »Ich wußte doch, daß er ein tüchtiger Kerl ist. Ja, ja. Und jetzt teile ich ihn auf, wie gesagt – den Hof. In drei Teile. Es ist ja sonderbar – – puh, wir gehen viel zu schnell! Und dann noch diese Mina. Ihr muß geholfen werden. Sie soll hierherziehen, solange ich noch lebe; ich erkenne das jetzt, So viel habe ich noch, daß ich auf anständige Weise ins Grab komme.«

Sie stand eine Weile da und ruhte aus; ihr Atem ging mühsam. Sie sieht über die Äcker hin. – »Freilich, seltsam ist es wohl. Solche Äcker, Astri, und die schönen Wiesen dazu, hast du sie jemals richtig angesehen? Und dann die kleinen runden Hügel, sie liegen da und sind im Weg, beim Mähen wie beim Pflügen; aber schön sind sie doch, ich möchte sie nicht missen. Bald sehen sie aus, als wären sie geschmückt, bald, als wären sie von den Leuten hier abgenützt, und so ist es mit allem. Und jetzt hat es seine Zeit gehabt. Eigentlich gibt es keinen mehr, der das noch sieht. Aber der Odin erkennt, daß ich richtig handle – – das muß er doch wohl?«

Es war der schönste Maientag. Über Wiesen und Wäldern leuchtete es grün nach dem Regen, und jetzt schien die Sonne darauf, und der Wind hatte heute eine so leichte Hand, wenn er darüberstrich. Die Sonne sank, und da schien es Aasel, als schlüge alles die Augen auf und sähe einen noch grüner an. Die Äcker von den anderen Höfen sahen noch welk aus, gleichsam als hätten sie sich von Krankheit und Winter noch nicht erholt. – »Das hier gäbe doch einen wunderschönen kleinen Hof, Astri, nicht wahr? Aber du findest, daß ich nicht recht handle, wahrscheinlich? Das wundert mich nicht. Aber der Odin, wie gesagt – – das stützt mich so!«

Astri steht da und sieht die Großmutter eine Zeitlang an. – »Klein und armselig wäre, was ich gegen Euch vorbringen könnte«, sagt sie. Dann lacht sie ein wenig: »Es ist schwer genug, Euch in die Augen zu schauen. Jene, die wissen, daß Ihr auf dem rechten Weg seid – das muß übrigens seltsam sein!«

Aber als sie auf dem Heimweg war, sah sie Lauris vor sich, so still, wie er in der letzten Zeit umherging und grübelte. Er war nicht dazu geschaffen, in einer Stube zu sitzen, und am Meer hatte er auch keine Freude, dort gab es jetzt doch nur noch Verluste.

Sie erzählte ihm, was Aasel vorhatte. Er war auch hierin eigen, der Lauris, daß er nicht hörte, was man sagte. Darum freute sie sich jedesmal, wenn er sich ihr zuwandte und eine Antwort gab, es kam so von oben zu ihr herab, ein wunderbares Geschenk. Das tat er nun. – Er wachte auf und sagte: »Das ist eine Sache, die ihr miteinander ausmachen müßt, du und deine Kinder.«

Astri wurde hellrot, und in ihre Augen trat ein tauiger Glanz. Dann beschattete ein Gedanke ihr Gesicht und machte es hart. – »Mit allem anderen könnte ich einverstanden sein«, sagte sie, »aber daß die Mina das Geld von Haaberg nach Segelsund tragen soll, das will ich mir erst noch überlegen.« – »Du sollst dich nicht gegen das Alter versündigen, Astri.« Er nannte sie bei ihrem Namen, das kam nicht oft vor. – »Wie alt mag sie jetzt sein? Deine Großmutter, meinte ich.« – »Sie wird bald siebzig.« – »Hm. Ja. Dann darf man sich von ihr nicht mehr viel erwarten. Ein wenig Freude muß ein alter Mensch doch noch haben; wenn auch der Verstand bei ihm nachläßt.«

In Astris Gesicht entstand manchmal ein kleiner Knoten bei dem einen Mundwinkel, und der zeigte sich jetzt. Die Stirn stand steil und stark unter dem dichten braunen Haar. Die Augen waren grau und ohne Glanz, wie immer, wenn sie über etwas nachdachte. Da waren sie am schönsten, dünkte es Lauris. Sie war auch sonst schön, ja verflixt noch einmal, ein richtiges Mädchen, aber da erst war sie Astri. »Ich werde mit ihr reden«, sagte sie leise.

Denn jetzt wußte sie, was er wollte. Er wollte Haaberg haben, nicht mehr und nicht weniger. Und darüber freute sie sich, jetzt. Soviel soll einer wollen, ja, wenn man das Zeug zu einem Mann in sich hat. Dann ist es eine Gnade, etwas für ihn tun zu dürfen.

»Sie muß entmündigt werden!« sagte sie. als sie wieder hinaufging. Das war am Tag darauf.

Aasel sah nicht weiter erstaunt auf, als Astri eintrat. Sie sah den Knoten beim Mundwinkel, und die Augen waren eine Tiefe von Liebe und Wille, so seltsam grau in der Farbe; Astri war dorthin gekommen, wo sie hinwollte. Man konnte froh werden, sobald man sie nur sah.

Nein, danke, Astri wollte sich nicht setzen. »Aber ich habe ein wenig über das nachgedacht, was Ihr mir gestern erzähltet – das kann doch nicht Euer Ernst sein, oder? Den Hof zu zerstückeln, und ihn an Per und Paal wegzuwerfen – das kann doch nicht die Absicht sein, nicht wahr? Und die Mina soll Geld bekommen? Sonst wißt Ihr wohl gar nichts mehr?«

Aber Aasel saß am Fenster und lächelte in die Abendsonne hinaus, die jetzt nach Nordwesten hinübergewandert war und sich soeben hinter dem Skarshügel verstecken wollte; dann drehte sie sich mit dem gleichen Lächeln Astri zu:

»Nein, mein Kind, jetzt tue ich, was recht ist, jetzt; endlich einmal, ja. Du veränderst mich nicht, Astri, dazu bin ich zu schwerfällig, ich fühle mich wie die Sonne und der Wind. Es ist lange her, seit ich mich so gefühlt habe.«

»Ihr könnt doch Eure fünf Sinne nicht beieinander haben!«

»Doch, mein Kind, die habe ich beieinander.«

»Ja, aber, Ihr müßt es Euch doch überlegen, Großmutter!« Astri bat jetzt, mit einem kleinen Bruch in der Stimme.

Aasel legte eine Hand fest auf die andere: Sie hatte es überlegt. Schon viel zu lange. Jetzt sollte es geschehen, ja. – »Es ist nicht so herrlich, einen großen Hof zu erben, wie du glaubst, und der Lauris. Mit dir hat's ja keine Gefahr, sage ich. Der Lauris soll sich selber vorwärtsbringen, dazu ist er geschaffen, er ist ein Segler und ein Schiffer, ob er nun zu Land oder zu Wasser lebt. Gibt es nicht etwas, was man einen Schiff ergriff nennt? So soll er zugreifen, für dich und die Deinen.«

Astri war es, als kämpfe sie mit dem schwersten Unwetter. Sie mußte alles mit Aasels Augen sehen. – »Aber die Mina soll nichts von dem Haus hier haben!« sagte sie, und jetzt stieg der Groll wieder in ihr hoch. »Ich bin doch wohl die Tochter meines Vaters, das könnt Ihr nicht leugnen! Sie soll nicht herkommen und einen ums Erbe bringen, so war es doch noch nie der Brauch auf Haaberg? Und die Kinder von der Elen? Und der Odin?«

»Es ist zu Ende mit Haaberg jetzt. Schon seit vielen Jahren. Das Erbe, Kind, das hast du, das trägst du in dir, und ebenso der Odin. Haaberg kann im ganzen Land wieder aufgebaut werden, wo du nur willst, merke dir das! Aber es muß gebaut werden. Die Juwikleute reichten dem eine hilfreiche Hand, der es nötig hatte; und du hast es nicht nötig. Ja, so ist es, Astri.«

Astri wußte kaum, wie sie hinausgelangt war. Sie wußte nur, daß sie verloren hatte und daß sie Odin finden mußte. Er kam in diesem Augenblick vom Ackern heim, mit den jungen Gäulen im Geschirr, und sie waren alle drei erschöpft, er und die Tiere. – »Hast du mit der Großmutter geredet?« fragte sie. – »Doch, freilich.« – »Aber ist sie denn noch bei Verstand, sag mir, ist sie nicht närrisch, was meinst du?« – »Sie ist sicher noch bei gutem Verstand. Und mich geht das alles nichts an; aber ich habe darüber nachgedacht, das muß ich gestehen. Und zusagen tut's mir nicht.«

»Sie muß entmündigt werden!« ruft Astri, sie bebt wie ein junges Fohlen.

Odin freut sich über sie; sie ist so stolz und schön. Das ist endlich sie, in allem Ernst, jetzt, da sie einen Mann hat, für den sie kämpfen kann, wenn die Welt gegen sie ist. Er hört die Stimme und sieht das Gesicht, sie hat alles miteinander dem Lauris gegeben. – »Kannst nicht du in die Stadt reisen, Odin, und mit dem Rechtsanwalt oder dem Vogt sprechen, kannst du das nicht tun, Odin? Ja, ja, dann reise ich eben selber. Ich wußte ja schon, daß mit dir nicht viel los ist. Ich reise selber.« – »Wie wäre es, wenn du mit dem Ola auf Segelsund reden würdest?« – »Ich reise selber, denn das hier soll nicht geschehen. Sie muß abgesetzt werden, ehe es zu spät ist.«

Am Tag darauf ging der Dampfer nach der Stadt, und Astri fuhr mit ihm.

Aasel bat Odin, nach Segelsund zu fahren und Mina auszurichten, daß ihr auf alle Fälle geholfen werden sollte. – Davon möchte er am liebsten verschont bleiben, sagte er. Nicht um seiner selbst willen, sondern um Astris willen. – »Dann mußt du mir die braune Stute einspannen«, sagte sie. »Ich habe Angst, ich könnte zu spät kommen. Du meinst, ich handle nicht recht hierin, Odin?« – »Ja, ich finde, es geht den falschen Weg.« – »Ja, aber mit dem anderen Plan, daß ich den Hof aufteile, darin hältst du doch zu mir? Oder nicht, Odin?« – »Nein, das – das kann ich nicht sagen. Nein, das will mir nicht in den Kopf. Es ist falsch, Großmutter!« Er sieht zu ihr auf.

Aasel stand da und sah ihn an. Sie blinzelte leer und gedankenarm. Dann sammelte sie sich in einem schweren Seufzer:

»Nein, nein, nein! Ist es wirklich wahr, Odin? Soll ich zum Schluß so allein bleiben?«

Odin wußte nichts mehr zu sagen, und so ging er hinaus und spannte die Pferde an. Und sie fuhr davon, mit dem Bankbuch in der Tasche.

In der gleichen Woche standen drei Hofanteile zum Verkauf ausgeschrieben. »Näheres beim Besitzer, Anfragen an die Expedition des Blattes.«

Den Leuten aus der Gemeinde, die der Weg schon vorher nach Haaberg geführt hatte, war es von Aasel selber erzählt worden, so daß sie die Zeitung nicht brauchten. Gleich darauf war ein Anteil verkauft, an einen Burschen von Skarsvaagen draußen, der eine Zeitlang mit Lauris auf den Fischfang gefahren war und später Geld durch Heringshandel verdient hatte. Die östliche Hälfte des Hauses gehörte mit zum Grundbesitz. Später kamen noch ein paar Männer von den östlich gelegenen Gemeinden und sahen sich die anderen Anteile an.

Aasel wunderte sich, was aus Astri geworden sei, man höre nichts mehr von ihr. Odin konnte nicht darauf antworten. An diesem Abend aber kam sie herauf.

Lauris hatte gelächelt, an jenem Tag, da sie heimkam und erzählte, daß sie nichts ausgerichtet habe. Der Rechtsanwalt, Peter der Große, wie er genannt wurde, hatte ihr gesagt, daß sie Aasel in Frieden lassen müßten. – »Das hat sie doch wohl verdient?« sagte er; Astri vergaß seine Augen nicht. Sie glänzten sie durch einen Nebel von Tabaksrauch und Gutmütigkeit an und machten sie ganz hellwach. Sie sah sich selber, wie sie dasaß, ein kleines verirrtes Ding, das nie wieder heimfand. Und vor ihr saß ein schlauer Teufel, der ihre innersten Gedanken lesen konnte – der ihr nicht einmal böse wollte! Überdies entsann er sich, so dünkte es sie, daß sie mit dem Lauris verheiratet war. Da schien es ihr ganz unmöglich, zu Lauris heimzukehren, und als sie auf die Straße hinauskam, wußte sie bestimmt, daß dies nicht geschehen würde. – »Und auf keinen Fall jetzt, da die Dinge so stehen«, sagte sie. Aber als das Schiff ging, war sie an Bord. Nur sie allein wußte, wer Lauris war, und das konnte doch schließlich genug sein, um dafür zu leben?

Aber es tat gut, daß Lauris so lächelte. Sie war dem Weinen nahe, nun aber lächelte sie doch, die Augen zu Boden geschlagen: »Lach du mich nur aus; ich ertrage viel von der Art.« – »Ja, dem Geld von der Aasel wollen wir nicht nachtrauern«, sagte er. »Ich für mein Teil bin froh, wenn ich es nicht habe. Du würdest mich doch immer mit der Nase darauf stoßen. Aber weißt du, was ich möchte – mit der Hausmutter auf Haaberg möchte ich verheiratet sein. Und dahin bring ich's auch noch.« – »Aber nicht ohne meine Hilfe«, hatte sie geantwortet. – »Nein, das ist klar – umsonst bist du nicht so hochmütig. Geh jetzt hinauf und kauf den einen Hofanteil, den, zu dem das halbe Haus gehört, jetzt gleich, ehe ihr diese Berglappen, die schon da waren, zu nahe rücken«, befahl er lachend. »Den anderen Teil hab ich schon.« – »Den anderen?« – »Nein, den ersten, wollte ich sagen. Der Lausbub von Skarsvaagen hat ihn für mich gekauft. Den dritten, den muß uns wohl der Herrgott geben? Das erwarte ich von ihm. Wenn du ihn darum bätest?«

Astris Gesicht wurde grau, wie jedesmal, wenn Lauris vom Herrgott sprach. – »Kannst du denn das Spotten nicht sein lassen?« bat sie. – »Ich spotte nicht, nein.« – »Nein, nein, aber es wird so kalt, wenn du von so etwas sprichst.«

Sie zog sich an und ging nach Haaberg hinauf und trat lächelnd ein. – »Ich muß nachgeben, Großmutter«, sagte sie: »macht alles so, wie Ihr wollt.« Nicht lange darauf hatte sie den westlichen Teil der Haabergäcker und den westlichen Teil des Hauses gekauft. Der Preis war schon vorher von Aasel festgesetzt worden. Dazu behielt sie sich noch zwei Kammern im oberen Stockwerk vor.

Aasel nahm Astri bei der Hand und wünschte ihr Glück. Astri erwiderte ihren Blick und hielt ihm stand; sie war sogar entsetzt darüber, daß es so leicht ging. – »Aber der Odin, der wird sich jetzt von mir abwenden!« Aasel griff sich an die Brust und jammerte. »Und ich, die glaubte, er würde mir dafür danken – – daß er es einsehen würde, zum mindesten!«

Später schritten sie die Grenze ab und schrieben Vertrag und Kaufbrief. Sie sollten nicht vor dem Frühjahr übernehmen. – »Wenn nicht etwas dazwischen kommt«, sagte Aasel.

5

Aber es kam etwas dazwischen. Aasel wurde krank.

Krank war sie noch nie gewesen, sie war nur in den letzten Jahren von Kurzatmigkeit geplagt worden und hatte ein wenig Husten gehabt. Aber darüber hatte sie nur gelächelt; es sei ein Altweiberhusten. Jetzt packte es sie mit Frost und Hitze und mit Krankheit durch und durch, so daß sie zu Bett mußte. Da lächelte sie wiederum. Sie lag da und erkannte, was dies war. Im Lauf der Nacht mußte sie sich erbrechen, und da war es lauter Blut.

Sie klopfte an die Wand, kaum daß sie dies noch fertigbrachte. Odin erwachte mit einem Ruck, hatte er nicht im Schlaf ein seltsames Klopfen gehört? Als er eine Weile aufrecht gesessen hatte, fuhr er in die Kleider und ging hinunter. Aasels Wangen waren blaßblau und die Lippen weiß; aber die Augen sahen ihn ruhig und lebendig an. Sprechen konnte sie zunächst noch nicht recht.

Er legte sie besser zurecht und wusch ihr das Blut vom Kinn. Dann setzte er sich still neben das Bett. Sie schlummerte ein paarmal ein, während er dasaß. Als sie die Augen zum drittenmal aufschlug, war ihr Blick ein wenig lebhafter, und sie ergriff sogar seine Hand. – Ob er nicht eine von den Mägden wecken, und ob er nicht zum Doktor fahren sollte? fragte er.

Sie schüttelte den Kopf, ganz schwach, so gut sie konnte: das solle er nicht, nein. – »Nein, dann nicht«, sagte er. »Etwas Gefährliches kann es ja nicht sein, das hier.« – »Nein. Nichts Gefährliches«, flüsterte sie. »Aber etwas Ernstes, Odin!«

Als es Tag wurde, schickte er trotzdem jemand nach dem Doktor, der dann gegen Abend kam. Er untersuchte sie sehr genau, und Aasel widersetzte sich nicht. Wie Odin, sagte auch er, daß es nichts Gefährliches sei, sie habe sich an einer Bronchitis krank gehustet; sie könne wieder gesund werden, wenn sie nur lang genug im Bett liegen bleibe. Darauf antwortete sie nichts. Als er aber fortgefahren war, sah sie Odin wieder an und lächelte wie in früheren Zeiten: »Nein, Kind, jetzt wird es Ernst. Er sieht es, Er, daß ich zu nichts mehr tauge. Er hat keine Verwendung mehr für mich. Nein, nein.«

Astri war heraufgekommen, und in dieser Nacht schlief sie in der Kammer im anderen Bett. Aasel wollte nicht, daß man bei ihr wachte, man sah ihr an, wie sie das quälte; sie hielt es für eine Schande; gegen Morgen bekam sie einen neuen Hustenanfall, und nun erbrach sie noch mehr Blut als vorher. Danach wußte sie lange Zeit nichts von sich, und Astri stand da und dachte schon, dies sei der Tod. Immer wieder wollte sie schnell fort und Odin holen, dann aber hielt sie sich zurück und ließ es sein. Jetzt hörte sie übrigens leise Atemzüge.

Da wurde sie ihn in der Tür gewahr. Sie ging mit ihm in die Stube hinüber. Die Sommernacht leuchtete herein – draußen war klares, stilles Wetter, und der Himmel rötete sich schon von der aufgehenden Sonne. – »Hast du mich nicht einmal geweckt«, flüsterte er. »Nein. Ich tat es nicht. Ich durfte wohl – – allein mit ihr sein.« Er begegnete ihren Blicken und sah weg. – »Ja«, sagte er.

Auf Zehenspitzen gingen sie wieder in die Kammer hinein. Aasel erwachte und erkannte sie. Sie war wohl immer noch bei klarem Bewußtsein. Astri fiel vor ihrem Bett auf die Knie nieder und weinte. Odin blieb eine Weile stehen, dann ging er still wieder in die Stube zurück.

Aasel legte die Hand auf ihren Kopf.

»Sag's nur, du«, flüsterte sie.

Astri schluchzte auf und kämpfte noch schwerer mit dem Weinen.

»Ja, ja, Kind, ich weiß es schon. Aber du irrst dich. Du hast mir nie – wehgetan.«

Im Lauf des Tages fühlte Aasel sich wieder ein wenig frischer. Odin saß bei ihr. Er bat sie ein paarmal, sie solle doch nicht reden, sie aber lächelte nur dazu. Der Tod war über ihr, das sah er, hätte aber Odin die Macht dazu gehabt, so hätte er sie gezwungen, stillzuliegen. Die Gedanken kamen und gingen bei ihr, und von Zeit zu Zeit murmelte sie etwas. – »Die Alten, Odin, die lagen da und dachten an ihr Leichenbegängnis. Das tue ich auch. Ein großes Leichenbegängnis – trotzdem. Nicht wahr? Sie kommen ja zum letztenmal hierher. An den Herrgott denken, sagst du? Ja. Aber es ist zu spät. Das ist schon vorher geschehen. Ich glaube fast, ich sehe ihn, Odin. So, wie sie ihn sehen werden. Irgendwann in der Zukunft: Ein guter Gott. Ein Geist sozusagen.«

Sie schlief schon wieder, noch ehe er es gewahr wurde, kaum aber nahm er die Blicke von ihr weg, war sie hellwach und fuhr dort fort, wo sie aufgehört hatte. – »Daß sie ihn nicht sehen sollten! Und auch ich nicht, nein. Da muß ich an den Vater denken. Hier in der Kammer saß er. Saß da und sah, so blind er war. Vieles und vielerlei. Und sich selber und uns alle miteinander. Aber Ihn wurde er nicht gewahr, nein. Trotzdem glaube ich, daß wir uns begegnen werden. Ich bin so müde, Odin!«

Sie schlief schon wieder, erwachte aber gleich darauf und sah ihn unruhig an. – »Noch etwas, Odin. Ich las etwas von einem – Altersheim – sag mir: was ist das?«

Odin erzählte, was er darüber wußte. – »Ja, siehst du!« jammerte sie. »Ich wußte es doch. Mit mir wurde nichts daraus. Ich hätte doch etwas tun können, siehst du. Aber nun kommt Er und nimmt mich fort – ich bin so durstig, Odin!«

Er gab ihr Wasser, und sie dankte und schlief sofort wieder ein. Einige Zeit verstrich, dann war sie wieder wach, und jetzt wollte sie Elens Kinder sehen. – »Und du, Odin, du kaufst den dritten Hofanteil hier – das tust du.«

In diesem Augenblick kam Astri. – »Du hast es auch gehört«, sagte Aasel zu ihr. »Ich möchte, daß ihr beide hier seid.« Sie sahen einander kurz an und nickten alle beide. Über ihre Gesichter legte sich eine fremde Schwere. Auf Aasels Antlitz aber leuchtete ein Lächeln auf: »Daß ich keines von deinen Kindern erleben durfte, Astri!«

Am Abend kam Mina von Segelsund. Sie kam in die Stube hereingesegelt, so dünkte es Odin. Es war ein so mächtiges Gefühl, das sie trug, und in die Kammer trat sie wie mit einer Botschaft. Odin hielt den Atem an. Aber sie kam fast nicht dazu, etwas zu sagen. Aasels Wesen ließ das nicht zu; sie lag da und sah wie aus großer Höhe auf Mina herab. Mina sagte einen Spruch aus der Bibel her, zwei-, dreimal, und Aasel nickte dazu: so stehe es geschrieben, ja. Dann sagte Mina, sie komme morgen wieder, und wünschte gute Nacht. Odin sah Astri an. Die beiden wußten, daß es die letzte Nacht sein würde.

Sie wachten alle beide. Aasel wehrte sich nicht dagegen.

Es war eine seltsame Nacht. Der frühe Sommer blühte in den Gärten und auf den Wiesen, über Waldrand und Mooren lag eine tiefe glückliche Bläue. Wolken zogen friedlich über die Berge im Osten. Der erste Wachtelkönig rief in den Wiesen; sonst schlief jetzt alles draußen, in hellem Glück.

Ein ums andere Mal mußten sie ans Bett treten, denn das Blut kam stoßweise herauf und wollte Aasel ersticken. Sie wußte nicht viel von sich; sagte sie jedoch ein Wort, so geschah dies mit vollen Sinnen. – »Die Kühe, Astri?« fragte sie. »Die Stallmagd – – verschläft wohl?«

Sie standen wieder am Fenster. Das Land wandte ihnen das Gesicht im Schlaf zu, weite Äcker und lange Wiesenraine, dunkelgrünes Gras und vielfarbige Blumen überall. Das konnte man sein Lebtag nicht vergessen.

Da wachen sie durch einen seltsamen Atemzug auf. Sie drehen sich gleichzeitig herum, ihre Blicke begegnen einander flüchtig, und dann treten sie ans Bett. Jetzt hört man keinen Atemzug mehr, nur noch Röcheln und Kämpfen.

Aasel sieht sie ganz kurz an. Sie wissen, es ist ein Abschiednehmen und ein Danken.

Ehe sie sich besannen, war es überstanden. Odin kam dadurch zu sich, daß eine Hand die seine losließ und er nur noch den Druck derselben fühlte. Astri und er hatten, ohne es zu wissen, dagestanden und einander an den Händen gehalten. Astri beugte sich über die Großmutter und wollte ihr die Augen zudrücken, aber dies war nicht notwendig. Und der Mund war fest und still geschlossen.

Odin öffnete das Fenster. Astri sah ihn an und wunderte sich, und da erst wurde er sich seiner Handlung bewußt und wunderte sich selber darüber. Still schloß er es wieder und sah sich in der Kammer um. Ihm war, als kehre er von einer hundertjährigen Fahrt durch die Zeiten heim. – »So machten sie es wohl früher?« sagte er verlegen. In Astris Augen war kein Schatten von dem zu lesen, was einstmals hier auf dem Hof gewesen war. Groß und mild sahen sie ihn an.

Sie legte die Hände der Großmutter zusammen und breitete das Laken über ihr Gesicht. Dann gingen sie. Odin ging mit Astri den Weg hinunter. – »So sind wir wohl schon einmal in einer Nacht gegangen?« sagte sie.

Er hob den Blick; auf Gras und Wald lag taublanker Morgen, es strich ein leichter Seufzer darüber hin, nun, ehe die Sonne aufging. – »Ja«, sagte er. »Und jetzt ist es zu Ende auf Haaberg.« – »Ja, jetzt ist es das letztemal.«

Sie verhielt den Schritt und sah Odin an, sie blinzelte fast nicht. Ihre Augen standen voller Glück, aber voll eines so tiefen Glückes, daß er nur Freude und Trauer, Freude und Trauer sah, soweit sein Blick in sie hineinreichte. Da sagte sie:

»Aber du bist mein Bruder, du Odin, das wußten wir früher nicht.«

Sie standen Angesicht in Angesicht, und der eine streckte sich ein wenig, und der andere beugte sich ein wenig, und dann küßten sie einander.

Aber als sie sich wieder auf sich besannen, hielten sie sich dicht umschlungen, und alle beide waren rot und verlegen.

»Es war doch nicht wahr!« lachte Odin.

»Nein. Es war nicht wahr.« Astri blinzelte ein paarmal, gleichsam als denke sie nach. Dann ging sie rasch fort.

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