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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Lauris

1

Lauris segelte im Frühjahr nach Kristiansund und verkaufte die eingesalzenen Fische. Die Fische selber zu trocknen, traute er sich nicht, besonders wenn der Verdienst so über ihn hereinströmte wie jetzt, sagte er zu Odin. Und nun sollte dieser Handel einstweilen ein Ende haben – »man soll den Herrgott nicht versuchen, davor habe ich mich mein Leben lang gehütet, und darum waren wir auch immer gute Freunde. Jetzt will ich mein Glück auf der Mutter Erde versuchen. Hier sollte ich doch mit Recht noch einiges zugute haben.«

Er kaufte ein Haus in der Haabergbucht und machte sich daran, es großartig herzurichten.

Odin blieb in der Stadt, beim Vater. Er wollte dort sein; es gab irgend etwas, das ihn zu bleiben bat. Lauris war die ganze Zeit wie eine Last gewesen, wie eine Last, die andere von sich geworfen hatten und die er auf sich nehmen mußte. Es hatte Menschen gegeben, die mit solch einer Last durchs Leben gegangen waren – die der Meinung waren, daß so etwas getan werden müsse, weil sie es zuwege brachten; dies mußte vor langer Zeit gewesen sein, jetzt war das zu altmodisch, und Odin warf die Bürde ab. Es war nicht ganz sicher, ob der Vater nicht im Begriff stand, ihm wiederum ganz fremd zu werden. Er redete oft, als wollte er alles ausstreichen, was früher gewesen war, als sei er das Leben nun von einer anderen Seite gewahr geworden.

Odin sagte zu Andrea: »Du mußt es sagen, wenn ich euch hier im Wege bin.« – »Nein, jetzt sei einmal lieb, Odin, und bleib in aller Ruhe hier!« – »Es tut mir so gut.« – »Was denn? Die Stadt?« – Odin wurde rot, sah aber zu ihr auf: »Der Vater. Ich brauche ihn, ich wachse durch ihn, dünkt mich.« Aber es war wirklich so, dachte er, als er fortging. Im Grunde wuchs er durch alles, was ihm begegnete.

Die meiste Zeit las er, denn hier konnte er Bücher geliehen bekommen, so viel er wollte. – »Aber gerade die hast du doch früher verworfen?« fragte Otte. – »Kann schon sein, aber –. Es ist doch Leben in ihnen. Sie werden lebendig, wenn ich darüber nachdenke. Es ist nicht so neu, wie ich glaubte, das, was ich einmal bringen werde!« meinte er vor sich hin, aber gleich darauf lächelte er: ein Spiel sollte es nun doch werden, wie es auch gehen mochte!

Eines Tages, es war ein blanker Westwindtag mit rauschenden Bäumen an den Hängen und weißen Schaumköpfen auf dem Fjord, stand er da und sah zu, wie der Vater mit einer neuen Birkenbeize Versuche machte. – »Ich muß wohl auch einmal wieder arbeiten«, sagte er. »Aber manchmal wundere ich mich: Die Arbeit wird ja doch getan? Auch wenn einer sich davon drückt.« – »Wenn ich faul bin, wundere ich mich auch immer darüber«, antwortete Otte, er richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und lächelte. – »Denn getan wird sie doch«, fügte er hinzu. Er sah Odin an, und Odin fühlte, daß er sagen wollte, du darfst ja tun, wozu du Lust hast; und wenn du auch nur dichten willst; der Vater wußte alles über ihn.

Aber die Unruhe in Odin wurde nur immer stärker. – »Nein«, sagte er, »es ist doch besser, ich fahre nach Haaberg hinüber und helfe ihnen bei der Ernte, hab's wohl auch so halb und halb versprochen – das andere geht nicht!« – »Nicht?« – »Nein. Wenigstens jetzt noch nicht.«

Wer weiß, ob er seinen Vorsatz ausgeführt hätte und nach Haaberg gefahren wäre, wäre nicht noch etwas dazugekommen. Otte hatte eine kleine Wohnungseinrichtung nach Drontheim gesandt, es fand dort eine Ausstellung für derlei Dinge statt. Es waren die alten Namdalmöbel, die er wieder ausgegraben hatte, jedoch hatte er versucht, sie ein wenig leichter und handlicher zu machen und ihnen auch den Stempel seiner Hand aufzudrücken, das konnte Odin sehen. Er bekam zwar keine große Prämie dafür, aber man schrieb über ihn in der Zeitung und lobte ihn: dies sei doch endlich einmal einer, der den richtigen Weg zeige, und ein Künstler, das könne jeder sehen, der es nur sehen wolle. Eine von den Zeitungen daheim wiederholte diese Notiz und fügte noch ein paar Worte auf eigene Rechnung hinzu, nach verschiedenen Seiten boshafte Bemerkungen austeilend. Schon am Tag darauf brachte die andere Zeitung einen Artikel, in dem sie die ganze Sache verhöhnte: Hört, es sollte einen Mann in der Stadt geben, der genau die gleichen alten Stühle und Tische machen könne, wie man sie schon vor langer Zeit für unbrauchbar erklärt habe! Sie wollten darauf wetten, daß nun bald einer käme, der auch die guten alten Lehmböden wieder erfinde. Und vergeßt nur beileibe nicht, daß in den Wänden Gucklöcher sein müssen!

Odin lachte, als er dies las, und er wußte, daß auch der Vater das tun würde. Nicht lange darauf ging er auf die Straße und blieb vor dem Schaufenster der betreffenden Zeitung stehen. Er hatte nur vorgehabt, einen kleinen Spaziergang zu machen. – »Ich schaue einmal hinein«, lächelte er.

Er traf den Mann selber an. Es war ein dicker Kerl mit rotem Gesicht, der nicht wenig an Ola Haaberg erinnerte. In Odin stieg es gleich ganz heiß auf, als er ihn sah. Er sagte, wer er sei, und sagte auch, wie er über die Sache denke: es sei kleinlich, einen Mann, der einem nichts getan habe, so herunterzureißen, es müsse ihm doch bekannt sein, daß es Lüge sei, was sie hier verbreiteten? – »Mein Vater ist ein Künstler«, sagte er. »Sie haben offenbar nicht gesehen, was er gemacht hat!« Der Redakteur stemmte die flache Hand in die Hüfte und sah Odin mit kleinen Augen an: »Wir waren zu spät daran, will ich Euch sagen!« – »Zu spät?« – »Ja, die –« – er deutete mit dem Kopf über die Straße hinüber – »die waren früher daran mit ihrer Notiz.« – »Ja, aber –?« – »Nur zum Spaß und zum Vergnügen, nicht wahr? Wir können doch nicht mit der Gegenpartei einer Meinung sein, oder?« Odin schwieg eine Weile und sah den Mann von oben bis unten an. – »Ja, aber es ist trotzdem erbärmlich!« Der Redakteur legte ihm die Hand auf die Schulter, es war eine weiße und fette kleine Pfote, und dies machte Odin offenbar so wütend. – »Sie sind ein Vieh, wenn Sie es wissen wollen!« In dem Gesicht des Zeitungsmannes ging gar mancherlei vor sich, Falten verschwanden und neue tauchten auf, die Augen wechselten ununterbrochen die Farbe, so schien es Odin. – »Was? Was?« keuchte er, und dann brach es aus ihm heraus: »Hinaus, sage ich, hinaus mit dir, hinaus!« Der Zeigefinger zitterte in der Luft. »Du bist ein – Sie sind ein – du meinst, ich hätte den elenden Dreck nicht gesehen, den dein Vater gemacht hat, wie? Was? – Hinaus

Hinaus? dachte Odin. Dieses Wort habe ich früher schon einmal gehört; er zog die Brauen hoch und grinste. Der andere stemmte ihm die Faust gegen die Brust und wollte ihn hinausschieben. Da schlug Odin zu, ein wütender Hieb irgendwohin, wahrscheinlich mitten auf die feiste Wange, und der Redakteur taumelte nach hinten und blieb erstarrt an die Wand gelehnt stehen. – »Ja–a!« sagte Odin, und dann ging er.

Er ging weit vor die Stadt hinaus. Als er heimkam, erzählte er, was sich zugetragen hatte. Sie wurden alle beide still. – »Ja, ja, ja«, sagte Otte endlich und sah Andrea an: »Du wirst es am meisten büßen müssen!« Andrea versuchte zu lachen, so gut sie konnte: Das werde doch wohl er am meisten zu spüren bekommen! Odin erkannte innerlich, während er so dasaß, wie unvernünftig ihnen dies alles vorkam. Und sie, die geglaubt hatten, er sei nun erwachsen und verständig. – »Aber so ein Vieh sollte nicht leben!« sagte er still. Der Vater lächelte: »Da müßte man viele erschlagen. Lassen wir sie noch bis zum Herbst auf der Weide.«

Am Tag darauf ging Odin in die Redaktion und wollte wieder mit dem Mann reden, er wurde jedoch von einem anderen hinausgewiesen. Weiter hörte er nichts mehr darüber, weder von der Polizei noch in der Zeitung. Dann reiste er nach Haaberg.

Es gab viel Futter in diesem Jahr, und ein strahlendes Heuwetter, so daß sie alle Hände voll zu tun hatten. Aasel freute sich, daß Odin kam. Aber ihre Blicke waren hinter ihm her und fragten, wie sie es immer getan hatten, und das behagte ihm gar nicht. Es sah beinahe so aus, als bäten sie für sich. Gleich, als er standhielt und ihnen begegnete, wußte er. daß diese Unruhe eigentlich in ihm steckte; von dort kam die Frage.

An den Abenden tauchte bisweilen Lauris auf. Er war ein willkommener Gast, obgleich man merken konnte, daß Aasel ihn nicht höher als einen Tagelöhner einschätzte, als einen von den Häuslerplätzen draußen. Er brachte Leben mit sich, stundenlang saß er da und erzählte lustige Geschichten, oder es genügte schon, wenn er sich nur sehen ließ, denn der ganze Kerl bestand aus lauter Späßen. – »Siehst du denn nicht«, sagte Astri zu Odin, »daß er in allem du sein will? Ja, denn er hat dich bald ganz gestohlen, es ist lauter Diebsgut, ob er nun schweigt oder das Haus auf den Kopf stellt.« Odin sah es, erkannte es manchmal flüchtig und fand dies lustig, aber im Grunde glaubte er doch nicht, daß es sich so verhielt.

Eines Abends stand Odin am Brunnen und tränkte die Pferde, und Lauris war bei ihm und rauchte, um die Mücken zu vertreiben. Es war drückend still und heiß, wollte wohl bald regnen. Astri und die junge Magd kamen vom Sommerstall, sie schleppten drei schwere Milchkübel, einer wäre schon genug für sie gewesen; Odin pflegte ihnen sonst die Milch heimzufahren, ehe er die Gäule ausspannte. Da zieht Lauris den Schubkarren unter dem Vorratshaus hervor und läuft den Frauen entgegen, zwingt sie, die Eimer herzugeben, und fährt sie ihnen heim. Während er die Eimer vor die Milchkammer stellt, sieht Astri ihn an, lacht ein wenig und dankt für die Hilfe.

Mehr war es nicht. Odin führte die Pferde weg und spannte sie vor die Mähmaschine, er wollte noch ein Stück abmähen. Nein, mehr war es nicht. Trotzdem sagte etwas in ihm, wenn er Astri haben wolle, so müsse er sie nehmen und mit ihr fortfahren. Die Worte kamen aus der Biblischen Geschichte, aber der Ton kam aus dem stillen schweren Abend ringsum, aus den blauen Wolken, die den Himmel umwoben, und von Wiesen und Äckern, die nun im Abendtau dufteten und auf Regen warteten:

»Sieh nicht hinter dich, auch stehe nicht in dieser ganzen Gegend. Auf den Berg rette dich!«

»Nein!« sagte er und schlug auf die Pferde ein. Sie sollte sich doch in Gottes Namen darauf besinnen, wer sie war.

Später sah er gar mancherlei, was ihn in Erstaunen setzte, ein leichtes Erröten, ein Aufblitzen der Augen, ein übermütiges Zurückwerfen des Kopfes, wenn sie sich umwandte und die anderen stehenließ. Wie im Traum sah er die Berge, die mit steingrauen Häuptern über der Gemeinde standen, und das Meer, das draußen vor der Bucht dahinrollte. So ruhig sollte man es nehmen.

Eines Abends waren sie, ein paar junge Leute, unten in Vaagen und sahen sich Lauris' Haus an, es sollte bald mit Tanz eingeweiht werden. Astri und Odin blieben ein wenig hinter den anderen zurück. Sie würde mit ihm gesprochen haben, das merkte er, aber jetzt war nicht die Zeit dazu, denn es konnte ja doch nichts anderes daraus werden, als daß sie sich einander in die Arme warfen und weinten oder lachten; er fühlte es ganz unumstößlich, daß die Zeit noch nicht gekommen war. Weiß und einsam standen die Strandblumen unten am Ufer und nickten unter dem Hauch des Westwindes, und die Strandvögel hüpften umher und nickten und pfiffen ebenso eintönig: Tjuhu-hu! – »Da draußen sind die Buchten, Odin«, sagte sie. – »Ja. Aber sie haben jetzt die Farbe gewechselt, nicht wahr?« Sie gab keine Antwort, sah nur nach Westen hinüber. Und dann waren sie bei den anderen unten.

Odin wollte gerade heimgehen – es war schon spät am Abend und dunkel – da kam Astri herausgelaufen und sprang geradeswegs auf ihn zu, sie war völlig verändert. Die Tränen standen ihr in den Augen. Sie biß sich auf die Lippe, daß diese blaß wurde, aber der Mund zitterte trotzdem; sie nahm Odins Arm: »Komm, gehen wir, Odin!« Sie gingen die Anhöhe hinan, und die anderen folgten ihnen. – »Gehen wir doch, Odin!« – »Was ist denn jetzt wieder los?« – »Nein, nein; laß sie kommen. Aber er hat mich gekränkt!« Sie sieht ihn trotzig an. – »Was für ein er?« – »Das weißt du, Odin, der Lauris.«

Er sah, wie sie rot wurde, als sie seinen Namen nannte. Die anderen kamen nicht gleich nach, und so gingen die beiden einstweilen voraus. – »Sagst du denn niemals auch nur ein Wort, Odin?« – »Ich sage, daß du das nicht dulden sollst.« – »Dulden? Aber das ist es ja gerade, was ich nicht tue, hörst du!« Odin lächelte mit der einen Hälfte seines Gesichts: »Dann ist es nicht gefährlich. Dann vergeht es von selber wieder.« Sie wurde so böse, daß ihr Arm zitterte: »Darf ich denn nicht einmal mit ihm reden? Denn aus dir ist ja überhaupt nicht ein Wort, geschweige denn ein Satz herauszubringen, du bist bald wie die Großmutter. Und jemand aus dem Weg gehen, das tue ich nicht, daß du's nur weißt, denn das ist nicht nötig, ich habe keine Angst!«

Jetzt riefen ihnen die anderen, sie sollten doch nicht so schnell gehen. Da blieben sie stehen und warteten. Angesicht in Angesicht und Auge in Auge standen sie da. Ihre Stimme klang nun leise und ruhig, aber der Zorn war jetzt in Hohn übergegangen.

»Du sagst also gar nichts, Odin?«

»Nicht heute abend, nein. Du weißt, es wäre eine Sünde gegen die Großmutter, wenn wir jetzt von ihr fortreisten.«

»Ja, aber – –«

»Wir müssen warten, Astri. Hm? – – Und dann ist es ja auch wegen der Leute.«

Sie machte große Augen. In ihrem Gesicht zuckte es dann und wann – er hatte Pferdenüstern so beben sehen, wenn eine harte Hand am Gebiß zerrte.

»Kümmerst denn du dich darum, was die Leute sagen?«

»Ach ja; ein wenig. Um der Großmutter willen, zum mindesten.«

»Dann bist du nicht der – dann bist du nicht einer von den unseren!«

»Nein, nein; das ist vielleicht auch manchmal ganz gut.« Er schob die Hände in die Taschen und lächelte.

Astri rief den anderen zu, sie sollten sich beeilen!

Sie ging mit den anderen Mädchen weiter und redete mit ihnen, als sei nichts geschehen. Der Lauris hatte sie auf eine freche Art umarmt, als sie in seiner Küche stand und hinausgehen wollte, alle Leute hatten es sehen können, und als sie sich ihm entwand, küßte er sie mitten auf den Mund, ohne daß sie sich wehren konnte, und lachte ihr hinterher schamlos ins Gesicht. Und so war er im Grunde die ganze Zeit gegen sie gewesen, sie erkannte es jetzt deutlich, wenn sie nachdachte. Sie hatte die Wahrheit zu Odin gesagt, daß sie Lauris nicht aus dem Wege gegangen sei; einer, der sich um nichts kümmert, kann einen ja auch einmal neugierig machen. Und wie kam Odin dazu, das von Aasel zu sagen? Sie war doch selber schon genug damit geplagt! Er sollte sich nur nicht unterstehen und ihr etwa verbieten wollen, mit den Leuten zu reden! War es denn so sicher, daß sie auf ihn warten würde?

– – – Das nächste Mal, als sie Lauris begegnete, gab sie sich den Anschein, als erinnere sie sich an nichts mehr. Er blieb ganz still, redete sie nicht einmal an. Es war so merkwürdig, einen dickfelligen Burschen zu sehen, der sich so züchtigen ließ.

Nicht lange darauf kam Nachricht von Heringsschwärmen drinnen im Fjord, die Fischer schafften ihre Netze in die Boote und fuhren fort, und Odin mit ihnen. Der Knecht wurde leicht allein fertig auf Haaberg, und Odin mußte weg. Er fühlte sich nicht mehr wohl dort.

Als er einige Zeit draußen gewesen war, sah alles anders aus. – »Mir scheint, du machst dir Gedanken über Haaberg?« lachte einer der Kameraden. – »Ach, woher doch! Ich wäre gerade der Rechte zum Hühnerhüten.«

Es mußte doch noch etwas anderes in der Welt gehen als nur »liebst du mich?« und dergleichen. Außerdem machten sie einige kleine Fänge und verdienten Geld, und es war lustig, so von einer Bucht in die andere zu fahren, den Heringen nach; die Bootsmannschaften standen sich wie Feinde gegenüber, es war wieder ganz wie in der Kinderzeit und in Kjelvika, so daß es einem durch den ganzen Körper strömte.

Astri wurde es seltsam zumute, als Odin fortfuhr. Sie war böse, hauptsächlich aber fühlte sie sich allein, so allein und weich, wie sie nie geglaubt hatte, daß man werden könnte. Aber sie würde warten, das wußte sie. Lauris ging sie aus dem Weg. Oft saß sie in der Stube drinnen und hörte, daß er in der Küche war; sie konnte hören, wie sie lachten, oder sie meinte es zu hören. Aber immerhin, es kam doch Leben ins Haus. Ein paarmal begegneten sie einander auf dem Hofplatz. Dann grüßte er nur und ging. – »Wie töricht du doch sein kannst, Odin«, sagte sie lächelnd.

2

Dann ging eines Abends im Spätherbst Astri von Skarsvaagen heim. Dunkel war's und ein unheimlicher Weg zwischen Felsen und Sandhängen und kahlen Hügeln. Das Meer donnerte im Westen, und der Wind pfiff dünn und klagend in den unbelaubten Büschen; und immer dunkler und dunkler wurde es. Da kam jemand hinter ihr her. Er räusperte sich und spuckte ein paarmal laut und herzhaft in dieser Wildnis, und jetzt hörte sie, wie er fest und unbekümmert auftrat, so daß die kleinen Steine nur so dahinrollten; sie war froh.

Aber es war der Lauris. Ihr Herz begann wild zu schlagen, sie mußte sich steil aufrichten, ehe sie es zur Ruhe brachte. Er stieß einen derben Fluch aus, als er hörte, wer vor ihm war. – »Ja, jetzt wirst du mir wohl gleich davonlaufen«, sagte er. »Aber du darfst dich darauf verlassen, Astri, ich kann schon auch ein anständiger Kerl sein. Hier draußen in der Wildnis, und du mutterseelenallein mit mir – nein, ich bin doch schließlich auch ein Mensch, auf meine Art!«

Sie lachte laut und übermütig auf: Er solle doch nicht glauben, daß sie Angst habe! – »Wenn du wüßtest, was ich für einer bin, dann hättest du Angst«, sagte er still. Es durchfuhr sie eiskalt bei diesen Worten. Die Stimme war ganz rauh vor lauter Wahrheit. Er wuchs in dem Abend und in der Einsamkeit hier zu einem großen und kalten Wesen heran, zu einem Heiden und Verantwortungslosen, der sie in der Gewalt hatte. Aber Angst fühlte sie nicht.

Da fing er zu reden an. Es klang leise und rostig, es war wohl schon lange her, seit er mehr als nur ein paar Worte gesprochen hatte. Sie sollte wissen, daß er ein Vieh sei. Es würde auch kein Mensch aus ihm, wenigstens nicht mehr als nur äußerlich. Er könne nichts bereuen, selbst wenn er etwas ganz Schlimmes angestellt hätte. – »Alle die Mädchen, denen ich Schrecken eingejagt habe, und gegen die ich nicht gut war! Oder die ich unglücklich gemacht habe! Wie nun die eine hier, du weißt schon, welche ich meine. Du kannst es ja gerne wissen, weißt ohnehin schon die Hälfte, sonst sage ich zu keinem ein Wort, ich habe nie einen Menschen gefunden, mit dem ich reden konnte; mit der Zeit bin ich schlau geworden. Aber es ist schade um sie. Ich habe ihr gesagt, daß sie sich nie auf mich verlassen solle – niemand kann mir ein Zaumzeug anlegen, das ist ja gerade mein Unglück. Sie glaubt trotzdem an mich. Immer und immer wieder. Und sie ist nicht die einzige – – ich bin ein Vieh!«

Er redete auf dem ganzen Weg. Bisweilen nahm der Wind seine Worte und warf sie in die Luft hinaus, bisweilen warf er sie ihr gerade zu. Sie kamen an den Bach, und der brauste über die kleine Brücke hinweg, genau wie Astri befürchtet hatte. Ohne ein Wort zu sagen, hob Lauris sie auf und trug sie hinüber, stand einen Augenblick da und sah sich nach einer trockenen Stelle um, und stellte sie still zur Erde. So! Er war schon wieder im Gehen, und Astri mit ihm. Entsetzt fühlte sie, wie schwach ihre Knie waren. Und solche Angst vor ihm wie jetzt, da sie über die Wiesen gingen, hatte sie noch nie verspürt. Dann muß ich die ganze Zeit Angst gehabt haben, dachte sie.

Lauris blieb bei der Schmiede stehen, er wollte den kürzesten Weg westlich um Haaberg herum gehen. – »Ich glaube nicht, daß es gut ist, wenn man dich mit mir zusammen sieht«, sagte er. Sie wollte darauf erwidern, daß sie sich darum nicht schere, da aber legte er ihr die Hand auf die Schulter: »Du mußt noch einmal zu mir hinunterkommen. Damit ich dir zeigen kann, daß ich gegen dich anständig sein kann. Du kommst, nicht wahr?« – »Ich werde kommen«, erwiderte sie. – »Warten wir's ab. Du machst es wohl auch so wie ich, wenn ich etwas verspreche: ich halte es nicht.«

Er wünschte gute Nacht und ging sofort. – »Nein, ich werde es nicht halten«, dachte sie. »Das hab ich nicht nötig.«

Am Tag darauf konnte sie kaum glauben, daß sich das alles wirklich zugetragen hatte. Ein Hauch von Scham überflog sie ein über das andere Mal; sie wurde so wütend und zornig, daß sie am liebsten auf den Boden gestampft hätte. Gleich darauf kam das Entsetzen, wie das Geflatter schwarzbeschwingter Vögel am Abend: »Wer war es, der ihn gestern abend aussandte – der alles so fügte?« Gestern abend hatte sie nicht einmal ihr Abendgebet gesprochen, es war ihr nicht möglich gewesen, sich dazu aufzuraffen, es war ihr, als würde einer es hören und sich umdrehen und sie anschauen. Ja, ja, aber jetzt machte sie sich nichts mehr daraus. Zu ihm gehen, das würde sie nicht tun, außer man kam und zog sie mit. Ein paarmal ertappte sie sich dabei, daß sie sich selber auf dem Weg hinunter sah, sie wollte hingehen und ihn anspucken. Und am gleichen Abend bat Aasel sie, ihr in Vaagen etwas zu besorgen; es lebte eine Frau aus der Stadt dort, die einen kleinen Handel betrieb. Astri fühlte, wie ihr Kopf kalt wurde, aber im übrigen stand sie ruhig da. – »Zuerst muß ich in den Stall«, sagte sie. Sie wollte die Küchenmagd fragen, ob sie mit ihr käme, brachte jedoch die Frage nicht über die Lippen; denn die Augen einer Magd wollte sie nicht auf sich fühlen, sie wagte doch wohl allein zu gehen?

Es regnete und stürmte, und sie mußte sich ganz für schlechtes Wetter anziehen, zu diesem Zweck hatte sie sich in Drontheim einen neuartigen Mantel angeschafft. Zuerst ging sie in den Laden. Sie hatte erwartet, dort eine Menge Menschen anzutreffen, aber er war leer. Sie mußte sich ordentlich zusammennehmen, so leer und kalt war es dort.

In der Stube bei Lauris brannte Licht. Astri hielt nicht inne, um sich zu besinnen, sondern ging geradeswegs hinein, und jetzt war sie bis ins Innerste ruhig. – Dann hab ich's hinter mir, sagte sie.

Lauris saß über einigen Rechnungen und ließ sich reichlich Zeit, ehe er sich auf seinem Stuhl herumdrehte. Es sah so aus, als wisse er, wer komme, habe jedoch viel zu tun. Seine Augen ruhten eine Weile auf ihr. Astri wußte nicht, ob dies lange oder kurz dauerte: sie waren wie die Augen eines Kindes. – »Bin ich etwa nicht gekommen?« sagte sie lachend. Er saß unverändert ruhig. – »Hat dich jemand hereingehen sehen?« – »Wieso das? Ich habe mich nicht danach umgeschaut!« – »Du hättest dich aber danach umschauen sollen.«

Die Lampe leuchtete gelb auf seinem Gesicht und machte es noch bleicher. Er sah zu Boden. Dann nahm er sich zusammen und schenkte ein Glas Wein ein. – »Nun sei doch lieb und hab keine Angst«, bat er. »Nur dieses Glas hier!« Da mußte sie trinken. Danach fing sie an, sein Album durchzusehen. Es war voll von Mädchengesichtern, aber sie waren ihr alle fremd, aus der Stadt und aus Nordland oder sonstwoher. Schön waren sie alle. Lauris nahm ihr das Buch weg und warf es aufs Sofa. Da erst sah sie sich in der Stube um, sah, wie fein es hier war, es glich gar nicht einer Stube bei anderen Leuten. Zugleich sah sie auch, daß auf jeder Seite seiner Stirn ein roter Streifen entstanden war, bis dicht unter das schwarze, leicht gekräuselte Haar. – – Noch habe ich keine Angst vor ihm, dachte sie. Sie fühlte seine Augen im Rücken oder auf ihrem Nacken. – Und jetzt legt er seine Hand auf meine Schulter, durchfuhr es sie – aber ich werde schon hinauskommen.

Er tat es nicht. Unbeweglich stand er mitten in der Stube, sah Astri an und sah dann wieder weg, während sie dicht um ihn herum und zur Türe ging. – »Gute Nacht also, und schönen Dank!« sagte sie. – »Gute Nacht, ja!« Er fuhr zusammen, als wache er auf, und folgte ihr still auf die Treppe hinaus.

Draußen war kohlschwarze Nacht, nur der Regen fauchte zusammen mit dem Wind durch die Dunkelheit, und aus zwei, drei Häusern in der Nähe strahlte gelbes Licht. Den Hügel konnte sie wie etwas Großes und Zottiges vor sich erkennen. Die See rauschte wild unten am Strand, man konnte gegen die Dunkelheit einen weißen Rand unterscheiden, der stieg und fiel; ein Kampf im Finstern.

»Traust du dich allein heimzugehen?« fragte er dicht hinter ihr.

»Aber freilich.«

Im selben Augenblick fühlte sie seine Arme, sie umschlossen sie und hoben sie auf. – »Sei gut!« seufzte sie. Da sagte er, es klang abgrundtief schwermütig im Heulen des Windes und im Wasserrauschen: »Und wenn ich dich jetzt nähme und dich hineintrüge, was meinst du?« – »Nein, sei gut, Lauris!« – »Das kann ich wohl auch«, sagte er, und nun stand sie neben ihm und konnte gehen, wenn sie wollte.

»Du könntest mich doch ein kleines Stück weit begleiten – – an den Heidenhügeln vorbei?«

Sie hatte nicht eher an diese alten Grabhügel gedacht, als bis sie jetzt davon sprach. Er nahm ihren Arm, und so gingen sie.

Als sie an die Äcker von Haaberg kamen, blieb er stehen und wollte umkehren. – »Weißt du, an was du jetzt dachtest?« fragte er schroff. – »An nichts.« – »Daran, daß du verheiratet warst.« – »Nein!« – »Doch! Du dachtest daran, daß – – du verheiratet warst, ja, daß du eigentlich nicht verheiratet warst.«

Es gab ihr einen Ruck: »Woher weißt du das?« – »Denk darüber nach, ob es nicht wahr ist, was ich sage.« Sie tat es. bis sie nicht mehr wußte, was sie glauben sollte. Er fuhr fort: »Ebenso wahr, Kind, wie es wahr ist, daß du – ja, laß mich sehen – Haken an deinem Mieder hast oder an deinem Schnürleibchen, oder wie man es nennt.« – »Das hab ich nicht! Ich habe Druckknöpfe.« – »Haken, sage ich.« – »Unsinn!« – »Du kannst es doch wohl zugeben?«

Ihre Finger zitterten, und auch ihr ganzer Körper; sie zerrt ihr Oberleibchen zur Seite, und er fühlt nach.–»Haken, ja«, seufzte er. Ihr wurde fast schwindlig, sie brauchte ihre ganze Kraft, um sich zu fassen. – »Es ist wahr, ich zog mich heute um, aber du hast nur geraten, nur geraten, hörst du?« – »Ja, Herrgott noch einmal?«

Sie sagte gute Nacht und ging rasch von ihm fort. Sie mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu weinen. – »Daß ich nicht davonlief!« schluchzte sie, »daß ich nicht davonlief

Aasel sah sofort, als sie hereinkam, daß ihr irgend etwas widerfahren war. – »Du bist lange ausgeblieben?« sagte sie. – »Ja, ich wurde aufgehalten.« – »Daß du allein fortgingst, in der schwarzen Nacht?« – »Pah, was tut das!« Aber die Augen der Großmutter reizten sie. Sie begegnete ihnen trotzig und ehrlich, wie sie es gewohnt war: »Ich war beim Lauris drinnen. Wollte sein neues Haus anschauen. Dann ging er ein Stück weit mit mir. Nein, nein, er tat mir gar nichts!« Sie lachte. Aasel sah und sah sie an. – »Du siehst mir doch mehr so aus, als wenn das nicht so ganz sicher wäre?« – »Ich bereue nur, daß ich trotzdem hingegangen bin, das hätte nicht geschehen sollen. Denn er, er glaubte, er schone mich!«

– Aber daß er es trotzdem tat? fragte sie sich selber, und sie fragte dies noch oft, ehe sie einschlief.

– – – Die Woche darauf kam Odin heim. Er sah ziemlich bald, daß Astri nicht die gleiche war wie vorher. Sie versuchte ihn wie früher anzuschauen, aber da schlug er die Augen nieder, um ihretwillen. Er tat auch nicht, als habe er bemerkt, daß sie den Ring jetzt auf der linken Hand trug.

Eines Abends waren sie und die Magd fort und kamen erst spät in der Nacht heim. Am Morgen darauf fragte er sie, – sie trafen einander im Gang: »Wo warst du gestern abend?« Sie antwortete nicht, ihre Augen betrachteten ihn beinahe gehässig, nie waren sie schöner gewesen, wenn er sie angesehen hatte. – »Aber bist du denn besessen, Astri? He? Ja, ja, ich kann ja nichts sagen, aber –« – »Nein, nein! Du nicht! Du, der nicht ein Wort zu sagen wagt! Im übrigen hat – hat sich nichts zugetragen, wenn du es wissen willst. Noch nicht!« Und damit ging sie an ihm vorbei und hinein.

»Wagt?« lächelte er.

In der darauffolgenden Samstagnacht tanzten sie die neue Stube von Lauris ein. Odin wollte sich nicht lumpen lassen und tanzte mit. Aber Astri war ganz verändert, das sah er, sobald Lauris kam und mit ihr redete. – »Das wird doch wohl vorübergehen?« sagte Odin einmal, als er mit ihr tanzte. Sie verstand ihn und wechselte die Farbe; er glaubte, sie sei dem Weinen nahe.

Und das war sie. Denn jetzt war es zu spät, Lauris hatte noch nichts gesagt, er war merkwürdig still gewesen an dem letzten Abend, als sie draußen umhergingen, aber es war zu spät, trotzdem zu spät, was Odin jetzt auch sagen mochte. So oft Astri sich im Tanz drehte, sah sie Kristines Gesicht, weiß und fein unter seidengelbem Haar, mit tiefen Lachgrübchen an den Mundwinkeln, und im Tanz schwenkte sie sich leichter und weicher als irgendeine der anderen herum. Und ihre Blicke waren das reine Gift, wenn sie ihnen begegnete, Astris Nacken wurde steif, bis er schmerzte. – Schande, ja, es war so. daß man hätte sterben können, aber es tat gut.

Lauris schenkte nicht oft ein, und keiner wagte, ihn daran zu erinnern. Er war auch nicht so ausgelassen lustig wie früher.

Gegen Morgen, mitten im Tanz, hielt er inne und zog Astri mit sich in einen Winkel, während die anderen im wildesten Tanz sich drehten. Sie waren ganz allein, wie an jenem Abend, da sie zu ihm kam.

»Weißt du, daß du jetzt mir gehörst?« sagte er.

Sie glaubte fast, er schreie es. Aber keiner der anderen achtete darauf. Sie sah ihn böse an, wurde aber immer bleicher und bleicher.

»Du weißt es, Astri, wenn du es wissen willst.«

»Ja, ich weiß es.«

»Aber weißt du auch, was ich für einer bin?«

»Ich glaube, ich weiß auch das.«

»Glaubst du, daß einmal ein Mensch aus mir werden kann?«

Sie legte die Hand auf die seine und wurde blutrot. Stolz richtete sie sich auf:

»Sonst – – wäre ich heute abend nicht hier.«

Sie ging von ihm fort. – »Ich will jetzt heim, du sollst mich in Frieden lassen!« Sie mußte ihre ganze Kraft zusammennehmen, um nur aufrecht gehen zu können. Sie sah Odin an der Wand drüben stehen, ein großer bleicher Bursche, mit dem sie nichts zu tun hatte – von dem sie keine Hilfe brauchte; er hatte wohl gesehen, was sich eben zugetragen hatte. – »Ja, jetzt bin ich verraten und verkauft«, murmelte sie in dem Lärm des Tanzens und sah zu ihm hin. Sie stahl sich hinaus und heim.

3

Odins Gesicht, so wie er an der Wand stand, als sie ging, sah sie seither noch oft vor sich, besonders wenn er fort war. Und fort war er jetzt sehr häufig. Gurianna in Kjelvika lag im Sterben, und er blieb dort bis zu ihrem Ende und bis das Leichenbegängnis überstanden war, kam nur ein paarmal kurz nach Haaberg. Lauris kam auch nach Kjelvika und sah sich nach Gurianna um, denn er gehörte zu Bendeks Verwandtschaft. Odin und er begleiteten einander und redeten dabei, wie sie früher getan hatten.

Auch Aasel wurde zum Leichenbegängnis eingeladen, sie entschuldigte sich jedoch damit, daß sie nicht gesund genug sei. Es kribbelte in Astri, wenn sie merkte, daß die Großmutter ihr nachsah: Wieviel sie wohl wissen mag? Was sie wohl zum Schluß sagen wird? Warum kann sie mich nicht fragen? Sie summte und sang leise vor sich hin.

Zu Weihnachten wurde in Kjelvika Versteigerung abgehalten.

Es kamen unglaublich viel Leute, denn die Wege waren jetzt gut, und das Wetter war schön, Barfrost und ganz windstill. Odin lächelte, als er sah, wie sie sich vordrängten und schauen wollten, was Bendek hinterlassen hatte. Es war mehr, als sie gedacht hätten, aber nichts von dem, was sie erwartet hatten, nicht ein Gegenstand, den sie von woanders her wiedererkannten, so daß sie sich hätten freuen können. – »Nein«, sagte Odin vor sich hin, »Diebsgut gibt's hier wenig. Das hier gehörte alles Bendek, mit der Zeit. Er hatte seine eigene Art, ehrlich zu sein – so gut, wie die andern die ihre haben.«

Mitten unter den Leuten sah er Astri und Lauris. Sie hielten sich ein gutes Stück voneinander entfernt, man sah, daß sie zusammengehörten oder daran dachten. Am Abend, als die Versteigerung vorüber war, paßte er sie ab und machte sich mit ihnen auf den Heimweg, er rief sogar noch ein paar andere junge Leute hinzu, und zum Schluß waren sie eine ganze Schar.

Als sie nach Haaberg kamen, tat Astri so, als merke sie es nicht, und ging mit Lauris weiter. Die anderen kamen langsam nach. Später, als sie endlich auf der Haustreppe standen und hineingehen wollten, sie und Odin, wandte sie sich ihm lachend zu und sagte: »Herrgott, wie bist du doch ganz die Großmutter! Wenn du nicht bald von Haaberg wegkommst, wird aus dir nichts anderes als nur sie – ich bin froh, wirklich, daß es so schlimm gekommen ist, wie es ist!«

Sie hatte nicht vorgehabt, mehr zu sagen; aber Odin stand da und schwieg, und ebenso schwiegen die Häuser und der ganze Hof – ebenso schwieg der Wind hier auf Haaberg, selbst wenn es stürmte – sie ertrug das nicht! – »Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig, Odin, daß du's nur weißt, ich bin niemand Rechenschaft schuldig!« Sie hörte, daß ihre Stimme zitterte, und zwang sich zur Ruhe. – »Glaubst du nicht, daß ich dich heute abend verstanden habe; du wolltest nicht, daß die Leute sehen sollten, wie er und ich miteinander heimgingen? Im übrigen hatte ich schon ein paarmal vor, mit dir zu reden und dir alles zu erzählen, du solltest es zu tragen wissen, solltest nicht geringer sein. Aber da gingst du umher und fandest, ich hätte dir Unrecht getan, und das hatte ich nicht! Im Grund ist es mir ganz gleich. Denn was geschehen ist, ist so unwahrscheinlich, ich bin so weit, weit fort von euch allen, es gibt nur noch ihn und mich. Ich fühlte es, als ich mich mit Arne verheiratete, daß ich mich von meinen Leuten trennte.«

Sie stand da und lehnte sich mit dem Rücken an den Türrahmen und sah über die Höhenzüge hin, sie schienen nackt und schwarz gegen den blaubleichen Himmel. Er hatte die Hände in den Taschen und sah sie an. Ihr Gesicht hob sich deutlich von dem Halbdunkel ab, ein einsames und stolzes Gesicht, und jetzt fuhr es wie ein warmer Hauch von Glück darüber hin:

»Mein Schicksal will ich in meine eigenen Hände nehmen, daß ihr's nur wißt, alle miteinander!«

Das Schicksal, dies dünkte ihn ein großes Wort, ein unbrauchbares Wort. Aber darüber gab es nichts zu lächeln, dieses Mal, selbst wenn er hätte lächeln können. – »Erkennst du denn nicht«, sagte er, »daß das Schicksal dich genommen hat? Erkennst du das denn nicht, Astri?«

Aber sie lief schon die Treppe hinauf. Da ward ihm seltsam zumute. Jeder ihrer Schritte biß ihn wie eine Zange. Dies mußte das Unglück sein. Und da konnte er stehen und es auskosten, sowohl ihr Unglück als auch das seine, fühlen, wie unsäglich wehe es ihnen beiden tat, so daß es nie wieder heilen konnte – – er hätte ein Lied darüber machen können. Die Worte und der Takt standen so lebhaft vor ihm, so war es, ein Dichter zu sein! Eine elende und schamlose Sache. – »Der Teufel hole mich, dies alles ist deine eigene Schuld!« rief er sich grinsend zu.

Am Tag darauf wußte er, daß dies nur zur Hälfte wahr war. Astri sah er in weiter Ferne leben, und so blieb es auch für ihn. Es war ätzend wahr, was sie sagte, sie freute sich, daß es so schlimm gekommen war.

Aasel sah vom einen zum anderen. Eines Abends gab er nach und blieb bei ihr stehen, sie saß allein in der Stube und wartete auf ihn. – »Weißt du, wie es mit der Astri steht?« fragte sie. – »Ich glaube wohl.« – »Ist es also der Lauris?« – »Ja.« – »Nein, nein, nein. Ist es also wirklich wahr? Hast du mit ihr geredet?« – »Ach ja. Ein wenig.« – »Hättest du das nicht verhindern können, Odin?« – »Ich weiß nicht. Es sollte wohl nicht verhindert werden.« – »Ich verstehe nichts mehr! Du hast doch genug mit ihr geredet, du?« – »Ja, wer weiß, ob nicht gerade das daran schuld ist. Mit ihm redet sie kaum so. Sie will ihr eigener Herr sein, sagte sie. Sie will los von der Sippe und all dem. Es muß die Mutter Sippe selber sein, die sie dazu treibt – mich wundert das nicht!«

Eine Weile steht er da und leidet namenlos, pfeift eine Melodie vor sich hin und überlegt, ob er jetzt nicht gehen kann. Aber er kann auch das nicht. Die Lampe brannte herunter und erlosch, aber von der Ofentüre her kam genug Licht.

Aasel seufzt. Sie sitzt lange still da. Die Hände liegen wie welk in ihrem Schoß, sie leuchten weiß und kraftlos in der Dunkelheit. Dann endlich rafft sie sich auf und bewegt sie. Draußen rings um das Haus tobt der Schneesturm, es zischt und prasselt gegen die Scheiben, zornig, aber nicht schwermütig. – »Hm! hm!« seufzt Aasel. »Ja, so ist es wohl, Gott helfe uns!« Sie schloß die Augen: »Ja, ich sehe es jetzt. Ich sehe es jetzt: Wie ganz anders ich dagegen war! Ja, Hals über Kopf, auf Leben und Tod, und doch möchte ich fast glauben, ich sei es selber. Hm! hm! Aber es ist etwas Frisches darin, Odin! Trotzdem!« – »Ja–a«, lächelt er, »so muß man loslegen, wenn die Zeit da ist. Ich, ich war zu wenig gefährlich für sie. Da gab es weder Unglück noch Glück, das ist wahr.«

Odin vernahm ein leises Geräusch an der Haustüre. Auch Aasel hatte es gehört. Irgend jemand stahl sich hinaus. Keines von ihnen sagte etwas, aber sie wußten, daß es Astri war.

Und Astri wußte, daß die drinnen sie gehört hatten.

Das Schneetreiben machte sie blind, kaum daß sie hinausgetreten war. Es umfaßte sie und schnürte sie ein, ein wirbelnder Tanz wilden und verrückten Schnees, so schien es ihr, aber es war trotzdem eine freundliche Macht, die mit ihr war und sie weitertrug. Sie wollte heute abend zu ihm. Sie hatte das Gefühl, als geschähe etwas, wenn sie nicht mit ihm reden könnte, und überdies war sie einsamer, als sie ertragen konnte, daheim. Drinnen sitzen und diesem heiseren Sturmesheulen lauschen, das war nicht auszuhalten – wovon sang es denn? Aber er, er hörte es nicht einmal, und sie selber wohl auch nicht, wenn sie sich nur in seiner Nähe wußte.

Aber bei Lauris war alles dunkel und verschlossen. Astri stand lange da. Sie trat bei einem anderen Haus ans Fenster und sah dort nach der Uhr. Es war gleich zehn. Sie horchte wieder an seiner Wand. Drinnen war er nicht. Da hörte sie das Meer, himmelhoch über den Schneewolken, die rings um sie wirbelten, es erhob seine Stimme kalt und ruhig und sprach. Wie fürchterlich einsam man doch werden konnte, jetzt wußte sie es. Sie stand hier und war es bereits. Denn der Lauris kam heute abend nicht. – Und wenn er nie wieder kommt, dann geh ich ins Wasser, sagte sie; sie drehte sich um und ging zurück. Will er mich nicht haben, soll das Meer mich bekommen. Aber in der Stadt hatte er doch nichts zu tun?

Heim ging sie nicht, sie folgte dem Weg weiter, kämpfte mühsam gegen den Oststurm an, bis ihr Gesicht brannte wie Feuer. Weiter drinnen im Land ließ das Wetter ein wenig nach. Hier wollte sie die ganze Nacht bleiben.

Da hörte sie die beiden: Lauris und Kristine. Jäh hielt sie inne. Jetzt sah sie sie auch, sie kamen aus dem Schneetreiben hervor, umschlungen. Sie kamen von Vennestad und wollten nach Vaagen.

Am liebsten wäre sie umgekehrt und davongelaufen, sie hätte weinen mögen, vor Scham darüber, daß sie hier stand, aber irgend etwas packte sie an und hielt sie fest. Sie sah sich selber, wie sie umkehrte und vor ihnen davonlief, ein kleines grauweißes Armeleutegeschöpf, das dahinstapfte und in Schnee und Dunkelheit vor ihnen verschwand. Niemals!

Sie schlang den großen Schal um den Kopf und ging ihnen entgegen. Sie wandten nicht einmal den Kopf und sahen zur Seite, sie war also doch nichts anderes als ein Armeleuteweib mit einem Kopftuch. Sie ging weit nach Osten hinüber, kaum daß sie sich wieder zurückfand. Jetzt war sie wieder auf dem Weg nach Vaagen, blieb jedoch stehen und überlegte, kehrte dann um und ging heim.

Am Abend darauf wurde das Wetter still. Dann und wann wirbelte der Schnee am Waldrand noch einmal in die Höhe und tanzte im Mondschein, aber Wiesen und Hügel lagen blankgefegt und braungrau da. Eine solche Öde hatte Astri noch nie gesehen. Es schien ihr, als könne auch das Unglück so aussehen; trotzdem mußte man es erdulden, wenn es einen traf.

Sie ging ganz offen zu seinem Haus hin und trat ein. Mochte es doch sehen, wer wollte.

Er lag auf der Bank und schlief. Als sie näher kam, erwachte er und sah sie an, hellwach, sagte jedoch nichts. – »Wo warst du gestern abend?« fragte sie. Er sah sie ruhig an, blinzelte ein paarmal. – »Ja«, sagte er. »Ich war es wirklich. Du weißt es, das sehe ich.«

Sie stand da und schwieg. Ein Schatten von Grau verdunkelte ihr Gesicht.

Lauris dehnte sich, hob die Hand und schlug hart gegen die Wand: »Gegen dich will ich ehrlich sein. Gegen einen Menschen ist man das. Es kam so, ich mußte zu ihr, ja. Es ging nicht anders; was ich auch denken mochte. Du weißt: Gleich und gleich gesellt sich gern, das muß wohl der Grund sein.«

»Daß so etwas möglich sein kann?« kam es von Astri, sie wollte die Hand heben und sich an die Brust greifen.

»Es ist so vieles möglich im Leben, wahrhaftig, davon weißt du nicht viel.« Er lag eine Weile da und sah zur Decke; dann sagte er: »Es ist eine große Sünde, daß du es erfahren mußtest. Das hätte ich dir ersparen sollen. Es war eben etwas anderes, was ich dir ersparen wollte, siehst du. Das, worum ich dich nicht bitten kann, du verstehst mich? Da ging ich zu ihr.«

»Darin hast du recht getan. Aber du mußt mir nun auch ersparen, daß ich dir noch öfter begegne!«

»Ja, ja, wenn du es sagst. Wie du willst.«

Wie ein weißes Ungewitter zuckle es über ihr Gesicht:

»Wie ich will? Du sollst die Kristine nehmen, du sollst sie nicht auch noch zum Narren halten!«

»Die Kristine und ich, ja. Das ist etwas, auf das du dich nicht verstehst.«

» Sie soll das hier nicht erleben! – – Daß so etwas möglich sein kann!«

Lauris murmelte etwas von sich aufhängen, und daß dies das Gescheiteste wäre. – »Denn ich bringe den Menschen doch nichts anderes als nur Unglück.« Dann lächelte er vor sich hin, seine schmalen gelbbraunen Augen waren unerforschlich: »Heiraten, ja. Ich habe solche Angst vor der Macht der Frauen – ich bin zu weich! Nur ein Ding hätte mich zum Heiraten verlocken können. So sehr ich mich sonst davor fürchte. Und das Ding bist du.«

Astri stand noch eine, oder zwei Minuten da; sie sah fast die ganze Zeit zu Boden. Dann drehte sie sich um und ging, ohne ein Wort.

Das gleiche kahlbraune Land vor ihr und die gleichen Schneewolken, die sich am Waldesrand in die Luft hoben und dahinwirbelten; man hätte es fast lachen hören müssen. Und der Mond schien bis weit aufs Meer hinaus und tief zwischen die kahlen Berge hinein.

Am Tag darauf blieb Astri zu Bett liegen. Aasel sah ein paarmal zu ihr hinauf. Das letztemal brachte sie ein wenig zu essen mit, etwas Gutes, das sie sich ausgedacht hatte, und so wehleidig bat sie, daß Astri ein paar Bissen hinunterzwang. – »Soll ich wirklich glauben, daß der Herrgott mich erhört hat?« sagte sie zu Odin, als sie hinunterkam. – »Daß es jetzt schon Schluß ist?« – »Kaum«, meinte er.

Am Abend, als Odin mit der Arbeit draußen fertig war, faßte er sich ein Herz und ging hinauf. Er setzte sich zu Astri aufs Bett. – »Mir scheint, um dich steht's schlecht?« Er redete hell und alltäglich, erwartete jedoch mit Bestimmtheit, daß sie ihn hinausjagen würde. – »Du solltest trotzdem aufstehen, Astri! Du bist doch keine von denen, die sich wegen einer solchen Sache gleich hinlegen; so daß das ganze Haus Bescheid weiß. Fühlst du nicht, wie schlecht das aussieht?«

Astri lag da und schwieg wie vorher. Plötzlich warf sie sich zur Wand herum und weinte laut. Odin stand auf und wollte gehen, nachdem er eine Weile gewartet hatte. – »Er kommt schon wieder zu dir zurück«, sagte er, denn irgend etwas mußte er doch sagen. Sie schluchzte, daß es ihr beinahe die Brust zerriß:

»Das Schlimmste dabei ist – – ich könnte ihn trotz allem nehmen! – Kein Stolz – – keine Scham ist mehr in mir. Ich könnte ihn trotzdem nehmen, denn – – keiner hat mich so gekränkt und so vernichtet wie er.«

Odin setzte sich wieder. Wenn sie das zu ihm sagen konnte, dann mußte es wirklich schlecht um sie stehen. Und was war er selber für einer, der hier saß und sich dies gefallen ließ? Aber wenn er dann dachte, was jetzt im Haus vor sich ging, so wurde das gering, was ihm widerfuhr.

Am folgenden Tag war sie auf, und am Sonntag, als Aasel zur Kirche wollte, kam sie und ging mit ihr. Es schien, als sei sie über das Schlimmste hinweg, und Aasel wurde still und ernsthaft vor Dankbarkeit. Nach der Kirche kam Astri an Kristine vorbei. Sie sah, daß Kristine sich zurückzog, mit einem kleinen armseligen Weiberhaß unter den Brauen. Astri ging geradeswegs auf sie zu, mitten unter ihren Blicken. – »Du!« sagte sie, »ich wollte dir etwas sagen.« Kristine sah sie halb erschreckt an. – »Nichts weiter, als daß du mich nicht zu fürchten brauchst, denn ich steh dir nicht im Wege.«

Kristine schlug die Augen zu Boden. Angst und Scham flogen über ihr Gesicht. Astri wartete ein wenig, ehe sie Lebewohl sagte und ging.

4

Aber Astri war krank. Odin hatte vorgehabt abzureisen, wußte nun aber nicht, ob es richtig war. Irgend etwas sagte ihm, daß er nicht geringer wurde, selbst wenn er jetzt hierblieb und sich klein fühlte. Und es sagte ihm auch, er müsse dies nun bis zum Letzten ergründen und auskosten, es war wie eine Nahrung in dieser Qual.

Da kam er auf den Gedanken, ein Fest im Jugendverein zu veranstalten, ein Fest, das fürs ganze Jahr verschlug, wie er es nannte, denn zu Weihnachten war ja nichts daraus geworden, und noch waren die Leute nicht auf den Fischfang ausgefahren. Es reiste zu jener Zeit ein Mann in den verschiedenen Gemeinden umher, hielt für die jungen Leute Vorträge und arbeitete auf einen näheren Zusammenschluß der verschiedenen Vereine hin. Odin wollte, daß man sich mit den Nachbarvereinen zusammentun, den Redner einladen, eine Versammlung und ein Fest veranstalten sollte. Der Vorstand und die anderen murrten anfangs ein wenig, sie könnten kein Haus finden für ein so großartiges Unternehmen, wie dieses hier werden würde. Das Haus wollte Odin beschaffen, meinte er; es gäbe Platz genug auf Haaberg. – Er solle wohl eher nach einem Bethaus fragen, meinten sie. – »Sagt das nicht«, erwiderte er in vollem Ernst. »Wenn sie mir es auch an anderen Stellen abschlagen, die Großmutter tut das nicht.«

Aasel blieb sitzen und sah ihn erstaunt und ungläubig an. – »Soll denn wirklich die Jugend zu mir kommen? Ja, ja, Odin: wenn du es jetzt fertigbringst, dich mit solchen Dingen abzugeben, dann weißt du – – – Soll denn auch getanzt werden?« – »Nein, diesmal müssen sie sich mit ein paar Spielen begnügen.« – »Da bin ich froh; ich glaube nicht, daß ich es aushalten könnte, ihnen beim Tanz zuzusehen, mein Kopf taugt gar nichts mehr.«

Nach vielerlei Mühe und Arbeit kam die Sache zustande. Das Fest dauerte vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein, mit Reden und Liedern und Spielen, und dazwischen hinein gab es etwas zu essen, die Stube auf Haaberg war bis auf den letzten Platz voll. Die Tage vorher hatte Sturm und Schneetreiben und böses Wetter geherrscht, aber an diesem Morgen war es schön, sowohl zu Wasser wie zu Land. – »Es ist merkwürdig, zu sehen, wie die jungen Leute aufleben, wenn viele beisammen sind«, sagte Aasel; »es macht richtig Spaß, sie zu sehen. Zu meiner Zeit – – ja. da war es wohl auch so. Kann sein, daß wir ein klein wenig stärker waren, geeigneter waren, allein zu sein, ich erinnere mich nicht mehr so genau.«

Astri half mit, die Gäste zu versorgen. Sie antwortete, wenn man sie anredete, und viel mehr hatte sie ja nie getan. Aber Odin merkte, daß ein paar von den jungen Leuten wußten, wie es um sie stand. Sie sahen oft zu ihr hin.

Er ging auf den Hof hinaus und redete mit einigen Bekannten aus der Nachbargemeinde. Drinnen war gerade alles eifrig beim Kaffeetrinken und Essen. Da sieht er Lauris heraufkommen, mit der Büchse auf der Schulter, und zum Wald westlich von Haaberg hinüberschwenken. Er bleibt stehen und schaut ihn kurz an. – »Ja, da hilft nichts!« sagt Odin, wie er so dasteht, und dann setzt er sich in Bewegung, geht nördlich um die Häuser herum und trifft unten bei der Schmiede mit ihm zusammen.

Lauris stellte die Büchse mit dem Schaft zur Erde und stützte sich mit der Brust gegen den Lauf. Er blinzelte Odin zu: sie sei geladen, ja. – »Aber du erschießt dich nicht«, sagte Odin. – »Nein, es ist zu früh. Erst muß ich noch mein Erbe von Kjelvika übernehmen – siehst du, der ganze Kram ist an mich gefallen, denn von meinen Geschwistern ist keiner mehr da.« – »Aber die Astri ist in diesen Tagen schlecht dran, das weißt du wohl?« – »Und in den Nächten?«

Odin trat dicht an ihn heran, so daß er ihm in die Augen schauen konnte. Die Röte kam und ging auf seinem Gesicht.

»Das sag ich dir, wenn du sie zum Narren hältst, dann werde ich uns beide noch unglücklich machen, dich und mich dazu!« –

Lauris zuckte nicht. Er bekam nur einen anderen Zug um den Mund. Odin fuhr fort:

»Ich weiß, daß du ein erbärmlicher Kerl bist. Aber etwas Gutes muß doch wohl auch in dir stecken?«

Lauris grinste:

»Aber Odin, Odin! Bittest du mich denn wirklich, sie zu nehmen?«

»Ja, unbedingt!«

»Unbedingt«, murmelte Lauris. »Verflucht noch einmal, dann nimm dich in acht, daß ich's nicht wahr mache, daß ich sie nicht trotzdem nehme! He?«

»Diesmal reden wir ernsthaft, Lauris. Du sollst dich als der erweisen, der du bist!«

»Das tu ich ja doch ohnehin. Als ein Lump und ein Segler auf dem Meer des Lebens.«

»Nein, Lauris. Ich halte dich für besser. Ich vertraue auf dich« – Odin drehte sich um und ging fort.

Lauris sah ihm nach. Er schüttelte den Kopf ganz leise, lächelte schwach. »Ach, du Odin! Es ist traurig, daß es so einen dummen Kerl geben muß. Aber dein Wille geschehe, denn es ist der meine.«

Er streifte einmal durch den Wald, fand jedoch keine Schneehühner und schulterte dann die Büchse und ging geradeswegs nach Haaberg, mitten am hellichten Tag und vor aller Augen. Er fragte die Leute, ob er mit Astri reden könne. Sie kam, ohne ein Wort zu sagen. Sie war leuchtend bleich, als sie draußen stand. Die anderen sahen ihnen nach, es war ihnen seltsam zumute.

Die beiden gingen den Weg nach Vaagen hinunter. Die Sonne schien zwar nicht, aber der Schnee leuchtete so hell, daß er die Augen blendete. Die Luft war leicht und mild unter den weißen Wolken, und wohin man auch sah, begegnete der Blick neuen Wäldern und neuen Bergen; die Hügel und die Ufer und das ganze Land waren nach dem Sturm und dem letzten Schnee neugeschaffen. Es war eine solche Weite im Tag, man fühlte an sich selber, wie die Ortschaften weit draußen im Land auch mit hellen Gesichtern dalagen.

»Ja, ja, Astri, da gehen wir nun«, sagte Lauris. – »Du batest mich, die Kristine zu nehmen, aber das tu ich nicht. Ich bin der, der ich bin, aber diese Sünde will ich trotzdem nicht begehen. Ich kann es nicht, hörst du, ich habe es ja doch versucht. Sie ahmt dich nur nach, in allem und jedem – du sollst mich nicht zu dieser Strafe verurteilen, Astri. Denn dann ist es wirklich ein Jammer um sie.«

Astri geht dahin und hört nicht. Von Zeit zu Zeit schaut sie um sich, kann es nicht begreifen, daß sie hier ist. Er nimmt ihre Hand, und sie läßt sie ihm. – »Seltsam auch«, sagt er, »daß du in diese Sache geraten mußtest, Astri. Daß auch du eine von denen werden mußtest, die ich unglücklich gemacht habe. Die Leute fangen jetzt an, dich zu bedauern.«

Da bleibt sie plötzlich stehen. – »Mich bedauern: Pfui Teufel!« – »Ja, das sage auch ich. Aber es wird nichts anderes übrigbleiben, als daß ich außer Landes gehe – meinst du nicht, das wäre am besten?«

»Du wirst doch jetzt nicht von mir fortreisen?« Sie hing schwer an seiner Hand, war wohl nahe daran, zusammenzubrechen.

Doch, er hätte von ihr fortreisen sollen, sagte er. Denn mit ihm zusammen konnte es ihr doch nur schlimm ergehen.

»Ich weiß es, Lauris. Ich fürchte mich nicht!«

Wagte sie denn hier mit ihm zusammenzuleben?

»Ja! Ich wage es.«

Er blickte über das Meer hinaus, das still und fahl dalag, das Antlitz dem Wolkengewölbe zugewandt. Lachend sagte er:

»Soll ich denn also wirklich meine Schute auf die Schäre segeln!«

»Ja, jetzt kommst du nie wieder los!«

»Nein, Gott steh uns bei!«

»Eigentlich bist du schön!« erklärte sie fröhlich, wie sie so dastand und ihn ansah. – Hatte sie das früher nie bemerkt? – Nein! das hatte sie nicht gesehen! Dies war nicht der Grund, weshalb er so gefährlich war, nein, dies war nicht der Grund.

Sie drückte seine Hand, so fest sie nur konnte. Das Glück durcheiste sie:

»Ich möchte nur, daß du – – mich lieb haben sollst. Auch anders lieb haben als die anderen Mädchen!«

Sie gingen den Weg hinunter und in sein Haus. Aber gleich nachdem sie eingetreten war, befiel Astri eine Last von Unruhe, sie wußte nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Darum war sie froh, als er sagte, daß er hungrig sei. Sie machte sich daran, Kaffee zu kochen, und er kam herbei und half ihr, etwas zu essen aufzutragen; er besaß gar nicht so wenig Vorräte. Geredet wurde dabei fast nichts. – »Du richtest ja für zwei her?« sagte er. – »Ja, ich glaube, ich will auch kosten«, erwiderte sie. Sie sahen auf und lachten einander ein paarmal an, während sie beim Essen saßen: hier ging es ja ganz feierlich zu! – »Die Füße unterm eigenen Tisch«, sagte er.

Danach, als er dastand und seine Pfeife anzündete, meinte er: »Du solltest wohl zum Fest heim?« Sie schüttelte den Kopf. Da entstand unter seinen Augen und über seinen Brauen ein Netz von winzig feinen Falten: »Traust du dich nicht, mich mit dorthin zu nehmen?« Es sah aus, als erwache sie im selben Augenblick, und es durchzuckte sie der Gedanke, daß es wirklich so sei; aber sie richtete sich auf und lächelte: er solle schleunigst seinen Sonntagsanzug anziehen!

Niemand schenkte ihnen besondere Beachtung, als sie zum Hof kamen.

Als das Fest sich nach Mitternacht auflöste, bemerkte Astri, daß Kristine an der Küchentüre stand und zu ihr hinüberschaute. Sie sah bleich und fahl aus, es war nicht viel mit ihr los. Astri verstand sie, kam näher und ging mit ihr hinaus. Kristine nahm ihren Arm und zog sie mit sich. Astri dünkte es, als ginge ein Leuchten von ihren Augen aus, und ebenso leuchtete es auch vom Himmel und über der ganzen Erde. – »Ich muß es dir erzählen«, sagte Kristine. »Ich muß dir erzählen, wie es steht. Ich bitte nicht darum, den Lauris wiederzubekommen, aber er und ich – ja, wir waren lange Zeit wie verheiratet, und da dachte ich, daß du dies wissen müßtest – –«

»Erzähl mir nichts von deiner Schande!« sagte Astri und ließ sie los.

Kristine begann zu weinen. – »Ja, Astri, ich erkenne es jetzt, ich sollte lieber schweigen – – ich wußte nur keinen Rat – – du bist so ganz anders als ich, du! Aber ich wußte nicht, wie es um mich stand – –«

»Nein, nein!« bat Astri. – »Nein, es ist auch nichts, ich weiß es jetzt. Aber du solltest doch alles wissen, fand ich.«

»Ich wußte es schon.«

Kristine stand eine Weile da; dann kam es fast wie ein Hohngelächter: »Ja, wenn es sich bloß um mich handelte! Aber er hat in der Stadt auch eine, er soll sogar ein Kind mit ihr haben.« – »Das weiß ich schon!« erwiderte Astri, sie war so gleichgültig, daß sie sich selbst darüber wunderte. Sie sagte gute Nacht und ging hinein, und Kristine machte sich langsam auf den Heimweg. – »Verrat und Lüge!« sagte Astri vor sich hin.

Auf dem Hof herrschte jetzt ein lautes Abschiednehmen, draußen wie drinnen. Aasel hatte sich bereits schlafen gelegt. – »Das war die reine Hochzeit, das hier!« seufzte sie. »Ein bißchen zahm sind sie ja, heutzutage –. Bei solchen Kindern ist es keine Kunst, Eltern zu sein.«

Lauris half Odin und ein paar anderen beim Aufräumen und Instandsetzen der Stuben. Astri hatte nichts anderes vorgehabt, als ihm gute Nacht zu sagen, aber sie wurde immer unruhiger und unruhiger, und als er gehen wollte, begleitete sie ihn ein Stück weit des Weges. – »Hast du mit Kristine geredet?« fragte er. – »Nein, sie hat mit mir geredet. So weit kann eines herunterkommen.« – »Um meinetwillen also; ich weiß es.« – »Ja, ich weiß alles über dich, aber ich schere mich nicht darum. Ich glaubte, sie lüge, sie erzählte von sich selber und noch von einer in der Stadt. Aber das war Kristine, das, ein zermürbter Mensch, sie war nicht einmal imstand, an sich selber zu denken. Ich hoffte fast, ich würde aufwachen und erkennen, daß es nicht wahr sei.« – »Noch ist es Zeit zum Umkehren«, sagte Lauris. – »Du weißt, daß es nicht das ist, was ich meine! Wir reisen in die Stadt und heiraten, jetzt im Winter, dann ist es geschehen. Ich weiß, du wirst dann ein anderer Mensch, ich fühle es so gewiß. Ich will auf dich vertrauen, das ist das einzige, was ich will. Du kannst mir gerne das Leben nehmen!«

Lauris seufzte: »Wohltat über Wohltat häuft sich auf mich! Und soll es dir wirklich vergönnt sein, diesen deinen Lumpen von einem Segler in den Hafen zu bringen, dann sei Gott Dank dafür!« – »Aber das ist doch nicht wahr, Lauris. daß du ein Kind in der Stadt hast? Ich glaube es nicht!« – »Ach. Gott helfe mir, ich kann gar viele haben!« – »Ich wußte es ja, daß es nicht wahr ist! Denn es hätte trotz allem so – – so weh getan. Du beschuldigst dich immer selber.« – »Aber daß ich in die Haabergsippe kommen sollte?« sagte er. »Das ist wie in einem Roman. Wie in einem Schauspiel, Kind! Allein das, daß es mir – daß es mir erlaubt sein soll, dich einmal zu küssen! Dich! Es gibt auch Dinge, die man nicht verdient hat!«

Astri sah im Weitergehen vor sich hin, es war fast, als ginge sie im Schlaf. – »Deine Stimme!« sagte sie. »Keiner kann hören, was wahr oder falsch an dem ist, was du sagst. Keiner kann auch dein Gesicht ergründen. Ich will nichts, als dir vertrauen.«

Sie ging mit ihm hinein und saß dort, bis es draußen hell wurde, das dauerte gar nicht so lange. Sie saß im Schaukelstuhl, und er wanderte, die Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und ab, ein wenig breitspurig und mit sicheren Schritten, wie ein Schiffer geht. Er redete von der Zukunft; er hatte viele Pläne. Astri hörte kaum, was er sagte. – »Die Großmutter glaubt, ich sei für die ganze Sippe verloren«, lächelte sie. »Wenn sie bloß lange genug lebt!«

Er blieb ein paarmal stehen und sah sie an. Und jedesmal fror sie ein wenig ums Herz, aber es ging in ein frohes Erstaunen über: Daß er sie nicht anrührte. Daß es etwas gab, was ihm heilig war. Und das war sie.

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