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Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin

Olav Duun: Die Juwikinger - Zweiter Teil. Odin - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin2/juwikin2.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Zweiter Teil. Odin
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Blankes Meer

1

Ola Haaberg kam während des Leichenschmauses einmal zu Odin hin. – »Deine Großmutter will sicher mit dir reden«, sagte er, ein wenig hinterlistig, wie er zu sein pflegte. – »Das glaube ich nicht«, antwortete Odin. – »Siehst du nicht, wie sie dort sitzt und immer herüberschaut?« – »Das muß ich ja sehen, sie ist immer hinter mir her mit ihren Blicken, was ich auch mit mir anfange. Wonach schaut sie denn eigentlich aus?« – »Sie will mit dir reden. So, so, du hast es also gemerkt? Hm – hm!«

Ola konnte Odin manchmal rasend machen. Solch ein allwissender Greis, der im Leben nie etwas anderes getan hatte, als herumzugehen und die Menschen zu belauschen und alles über sie zu wissen! – »Worauf wartet sie denn eigentlich?« sagte Odin. »Ich darf doch wohl noch der sein, der ich bin, was geht sie das an? Und das werden, was ich will, selbst wenn ich Schreiner werden will? He?« – »Ja, davon weiß ich nichts«, sagte Ola; »das ist nicht so einfach mit diesen Dingen.«

Odin wandte sich von ihm ab. Er schaute durch die Stube, Aasel mitten ins Gesicht; er kreuzte sogar die Arme über der Brust, dann lächelte er:

»Sie sieht mir aus wie das leibhaftige Gewissen selber, wie sie so dasitzt.«

Ola stand schon wieder im Gespräch mit einem anderen. Es war ein großes Leichenbegängnis, und mit jedem der Gäste mußte er ein paar Worte wechseln.

Nicht lange darauf ging Odin trotzdem zu Aasel hinüber. Er sah fast trotzig aus, und seine Augen fragten. Da lachte sie ihm zu, wie eine Junge, hatte sogar Rosen auf den alten Wangen, die Runzeln waren so winzig fein:

»Ich glaube gar, du bist traurig darüber, daß du nicht weinst? – – Ich kenne das übrigens.«

Er gab sich den Anschein, böse zu werden; aber Aasel wollte das nicht merken – er nahm sich wohl ganz dumm aus, wie er so dastand. – »Ja, denn so sind wir, du und ich, siehst du; wir sind so trocken, wenn's auf die Tränen ankommt. So war der Vater auch. Von ihm hast du doch wohl gehört?«

Odin hatte einen glühendheißen Kopf bekommen, in ihren Augen aber war ein mildes Blau, das ihn festhielt und ihn besiegte, und jetzt lachte sie wieder, ganz, ganz leise, so daß nur er es merkte. – »Aber was ich eigentlich sagen wollte, Odin: Wann kommst du nach Haaberg?« – »Wann ich nach Haaberg komme?« – »Ja, du weißt, du hast es mir einmal versprochen, als du klein warst? Und jetzt ist mir der Knecht davongelaufen, ich sitze da wie das Weib auf der Schäre und verspreche in einemfort, daß ich mich von nun an bessern werde.«

Sie legte eine Hand auf die andere, sah beinahe beschämt aus. – »Das war nun das eine. Und außerdem warte ich schon seit langem auf dich; ich langweile mich. Es ist eine Strafe, ein altes Weib zu sein, ich wollte, du könntest es einmal einen Monat lang an dir erfahren. Aber komm doch lieber und arbeite einen Monat lang bei mir.«

Aus einer Antwort schien sie sich nichts zu machen, und wieder stieg ihm die Röte ins Gesicht.

»Das hatte ich eigentlich nicht vor!« Er hörte selber, wie kurz angebunden er antwortete.

»Nein, nein, ich dachte nur, es könnte ja sein. Damit du wenigstens einmal da warst.«

Etwa acht Tage später kam er. Er kam mit einer übermütigen kleinen Falte zwischen den Brauen:

»Machen wir also in Gottes Namen einmal den Landwirt, ein oder zwei Monate lang. Frischen wir die Kunst des Düngerfahrens wieder auf!«

Aasel zeigte sich nicht erstaunt darüber, daß er kam. es war ihr nicht das geringste anzusehen. – Er solle willkommen sein, das war alles, was sie sagte. Und zu Andrea sagte sie: »Er bleibt nicht lange hier. Aber es ist lange Zeit her, daß so lustige Augen auf dem Hof waren. Hast du sie eigentlich schon richtig gesehen?«

Später, nach ein paar Tagen, ging sie umher und tuschelte und flüsterte, mit Andrea oder Astri, hörte gleichsam nicht, was jene sagten. – »Er bleibt nicht hier«, sagte sie. Und noch ein wenig später am Tag dann: »Es sieht beinahe so aus, als ob es ihm gut hier tauge, dem Burschen?« Oder: »Mir scheint wahrhaftig, er läßt sich hier nieder, hm?« Dann konnte sie die anderen warnen, mit einem kleinen Seufzer: »Wir dürfen uns ihm nicht so aufdrängen, daß er unser überdrüssig wird. Es ist am besten, wir beachten ihn gar nicht weiter – was er jetzt wohl treibt, hm?«

Andrea lächelte ihr ein wenig zu, und Astri hörte sie nicht. Aber Astri war ganz bestürzt gewesen, als er kam; es sah aus, als wäre es ihr nicht recht. – »Herkommen und bleiben?« sagte sie. »Was ist das für ein Einfall? Ein Schreinergeselle!«

Aber später dachte sie genauer darüber nach. Es war nicht mehr so still auf dem Hof, und nach und nach wunderte sie sich oft mitten im Stehen oder Sitzen: Es war nicht mehr die gleiche Stube, sie hatte ihre Macht verloren. Die Türen klangen anders, und die Großmutter war so lustig anzusehen, sie war wie eine Henne, die ein Ei verlegen wollte. Und wenn Odin die Pferde aus dem Stall holte, war ein Heidenlärm auf dem Hof. Sie besaßen einen jungen Gaul, der noch kaum zur Arbeit zu gebrauchen war, er stand da und schnaubte und zitterte, wenn er vorgespannt war, und auf einmal zog er an und rannte davon, vertrug es nicht, daß man die Zügel hielt. Mit dem nun redete Odin und sang ihm etwas vor, dachte nicht im geringsten daran, daß die anderen ihn auslachten; das Pferd war förmlich ein anderes Tier bei ihm. Und in die alte graue Stute, die so träge war wie eine verrostete Türe, in die brachte er solch ein Leben, daß alle lachten, wenn sie dahinrannte; und trotzdem schalt er sie nur ganz leise und schlug sie kaum.

Und jeden Tag war er ein Neuer.

»Und was er für gutes Wetter mit sich bringt!« sagte Aasel. »Ich glaube, der Frühling kommt schon im März.«

Das Wetter war klar und mild, ein jeder mußte sich darüber wundern. Dazu strahlte der Himmel besonders hoch über den Tagen: Es war weit hinauf zu den Wolken und zur Himmelsbläue, der Wind sauste so behutsam oben in den Bergen, und gegen Abend lag das Meer ganz blank da, weit hinaus, und die Schären am Horizont stiegen empor und schienen in der Luft zu schweben. Star und Lerche waren bereits gekommen.

An einem solchen Abend saßen Aasel und Andrea miteinander in der Stube, jede auf ihrer Seite des Tisches, die Näharbeit in der Hand, denn noch war es hell nahe beim Fenster. Aasel mußte eine starke Brille benützen, brauchte sie schon seit langer Zeit, aber das Augenlicht hatte sie nicht verloren, so wie ihr vorausgesagt worden war. Von Zeit zu Zeit schaut sie über den Brillenrand auf den Hof hinaus. Dann sieht sie Andrea an und lächelt: »Sie sind so seltsam, unsere jungen Leute, hast du das bemerkt? Das eine tut so, als sähe es das andere nicht. Gellt das eine nach Osten, läuft das andere nach Westen.«

Andrea sieht auf und sitzt noch eine Weile da, ehe sie antwortet; dies ist ihre Gewohnheit. – »Sie sind ja doch Geschwisterkinder.« – »Ja, das sind sie. Das sind sie, ja. Aber: es könnte doch – – vielleicht ist das nicht so wichtig? Ja, ja. Es muß eben so gehen, wie es geht. Ich mische mich da nicht hinein.«

Andrea war wieder ganz in ihre Arbeit vertieft. Aber Aasel saß da und schaute noch vor sich hin.

Am gleichen Abend, gerade während die beiden Frauen darüber redeten, trafen Astri und Odin draußen in der Scheune zusammen. Es war in dem engen Gang zwischen dem Pferdeheu und dem Kuhheu, sie stießen unversehens aufeinander und blieben auf einmal stehen. Jetzt erst, und in diesem Augenblick wurde es ihnen klar, daß jedes von ihnen seine eigenen Wege gegangen war. Hier, wo sie standen, war es dämmerig, so daß sie nicht sehen konnten, ob der andere errötete. Aber Odin glaubte zu sehen, daß Astri genau so dreinschaute wie immer, ebenso unerschrocken und überlegen.

»Wie du mich erschreckt hast, du Hanswurst!« sagte sie.

»Du pfeifst doch sonst immer?«

»Was treibst denn du eigentlich hier? Stiehlst du etwa den Pferden das Heu weg?«

»Ich suche nach Hühnernestern! Die Hennen legen ihre Eier jetzt überall hin, nur nicht dort, wo sie sollen.«

»Du solltest sie nicht so herumlaufen lassen, wo ich hintrete und was ich anfasse, überall ist lauter Hühnerdreck.«

»Ja, weißt du, damit halte ich's nun so, wie ich will.«

»Da hab ich doch auch noch ein Wort mitzureden.«

Beide wollten gehen, aber keiner zuerst. Odin lehnte sich an die Heuwand und sah zu dem Sonnenstreifen hinüber, der den Raum durchschritt und eine Brücke aus vergoldeten Staubkörnern bildete; sie tanzten und schwirrten umher, aus und ein.

»Du bist so still?« sagte sie.

»Ich?«

»Ja, bisweilen eben. Steckst du immer hier, wenn du sonst nirgends zu sehen bist?«

»Ja, vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Tu das nicht, Odin! Du mußt nicht so dasitzen und dich zu Tode trauern!«

»Nun, so arg trauere ich wohl nicht.«

Er fing langsam an zu gehen, und Astri hielt sich an seiner Seite. Es war dunkel hier und eng; sie mußten sich förmlich vorwärtstasten.

Da hörte er ihr Herz klopfen, ein kleiner lebendiger Laut in der Dunkelheit rings um sie, ein Mädchenherz und nichts weiter, aber es zitterte ganz, so schnell schlug es.

»Das solltest du nicht tun, Odin«, sagte sie, zweimal sogar, und ganz dicht bei ihm. Jetzt vernahm er auch ihren Atem.

»Du solltest es lieber so machen!« sagte sie auf einmal und legte gleichzeitig die Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herab und seinen Mund an den ihren, oder wie es zuging, es war nur ein ganz kurzer Augenblick, fast nur wie ein Schwindel, der einen plötzlich überfällt. Er richtete sich sofort auf, es klang fast, als beiße er die Zähne zusammen:

»Ja, nimm dich nur in acht, nimm dich nur in acht, ich warne dich!«

»Ach, du! – – Vor dir braucht man keine Angst zu haben!«

Dann aber lief sie von ihm weg, hinaus ins Licht und ins Freie.

Er blieb stillstehen und sagte halblaut vor sich hin: »Ich hörte ihr Herz, hörte es so deutlich.« Und lauter sagte er, gerade als er ins Licht trat und dem blendendhellen Tag entgegenblinzelte:

»Nimm dich nur in acht, ich warne dich noch einmal!«

Im Lauf der nächsten Tage sahen sie einander noch weniger. Trafen sie sich unter vier Augen, so blieben sie nur einen Augenblick stehen und fanden irgendeinen Grund zum Lachen. Aber Aasel sieht Astri ab und zu an, und dann gibt Astri ihr den Blick offen zurück und lächelt. Und wenn Aasel ihrer Wege geht, murmelt sie vor sich hin: Armes Ding. Es ist nicht schwer, ihr eine Freude zu machen. Die Stille und die Schwere und alles miteinander kann man von ihr nehmen; wie ein Urteil.

2

Otte kommt wie früher von Zeit zu Zeit nach Haaberg, und bisweilen begleitet Odin ihn dann ein Stück weit auf dem Heimweg.

Eines Abends aber ist Odin nicht daheim, er und Astri sind in den Buchten drüben, um Muschelsand für die Hühner heimzuholen. Otte ist an diesem Abend so leichtlebig und ganz verändert. Er sitzt da und redet ins Blaue hinein, und als er gehen will, bittet er Andrea, ihn zu begleiten. – Das Wetter sei wirklich zu schön, um in der Stube zu sitzen, und sie sehe wahrhaftig ganz blaß aus. Andrea schaut ihn ein wenig an, und dann kommt sie wirklich mit.

Draußen auf dem Stallhügel bleibt er stehen und deutet nach Westen: »Jetzt hat er wahrhaftig aus dem Meer einen Spiegel gemacht, siehst du? Und die Sonne, wie sanft sie tut, jetzt, da sie zu Bett soll. He? Sommertag, weißt du? Sommertag! Aber steh doch nicht da und schau, drinnen zwischen den Bergen sah ich eine Traubenkirsche, die schon Laub hat, wirklich und wahrhaftig!« – »Nein, ist's wahr?« – »Ja, wenn ich mich nicht getäuscht habe – komm, wir wollen selber nachsehen; du und ich. Und wenn ich recht habe, dann – dann verlierst du!«

Der Baum hatte große grüne Knospen, und an dem einen Zweig, gegen Süden zu, saßen drei kleine hellgrüne Blätter, noch feucht, so jung waren sie. Otte zog ihn zu sich herab und zeigte sie ihr. Sie sahen einander gleichzeitig an. Bis Andrea rot wurde und wegzuschauen versuchte. Er aber sah sie an, berührte sie gleichsam, und wandte sie sich wieder zu, und jetzt gab sie nach und ließ ihn das sehen, was er in ihren Augen sehen wollte. Sie wurde langsam blaß. Er stand da und lachte innerlich.

»Ich hab's ja gesagt, daß du verlieren würdest.«

»Ja.«

»Ja, ja, dann ist es also abgemacht!«

»Ja!« – er konnte es kaum hören.

»Dann gehen wir«, sagte er und nahm sie beim Arm. »Und dann wird also geheiratet. Ja, nicht gleich heute abend, aber –«

Da und dort versuchte ein Frühlingsvogel oben zwischen den Hügeln zu singen, er fand wohl selbst, es sei noch ein wenig früh. Die Enten lagen auf den Moorweihern und schnatterten. Über dem Birkenwald lag ein feiner bläulichbrauner Hauch, seltsam unter dem frühlingsblassen Himmel. Es war noch zeitig im Frühjahr. – »Du hattest wohl nicht geglaubt, daß ich so ein verrückter Kerl wäre?« – Es klang, als mache es ihm Spaß, zu sehen, wie still sie jetzt geworden war. Sie sah ihn an und dachte nach, und dann lachte sie ein wenig: »Ich glaube doch, ich wußte es. Daß du auch so sein könntest.« – »O weh! Wußtest du das?« – »Ja. Daß du dich einmal losreißen könntest.« – »Hm! Aber ich wußte es selber nicht, verzeih mir die Sünde! Daran ist der Odin schuld, der Lump, ich sag's ganz offen, denn er wurde immer älter und älter, er ist jetzt ganz ernsthaft alt, und ich wurde immer jünger und jünger. Ich merkte es nicht eher, als bis er weggezogen war.«

Mitten im Gehen lachte er auf einmal laut über die Baumwipfel hin, die ein so feines Netz in die Luft hineinwoben:

»Was hast du jetzt angestellt? Und die Aasel, glaubst du, es wird ihr recht sein?«

»Sie weiß es sicher schon. Ich glaube, sie wünscht es schon seit vielen Jahren – hast du nicht gemerkt, wie sie uns immer anschaut?«

»Ich habe nichts davon bemerkt, nein. Aber jetzt fange ich ein neues Leben an. Und ein neues Jahrhundert. So leichtsinnig kann nur ein ernsthafter Mann sein. Aber daran ist der Odin schuld!«

Er kehrte um und begleitete sie heim. Der ganze Mann war voller Staunen, und lauter Staunen war auch der ganze Frühlingsabend um sie, so schien es ihnen. – »Ja, du, Otte, du, Otte!« sagte er im Gehen vor sich hin, gleichsam als ahme er die Drossel in den Tannenwipfeln nach. – »Aber wenn uns die Leute sehen?« sagte er dann, »die müssen ja denken, wir seien verrückt?« – »Das sind wir wohl auch, oder?« – »Und die Frommen, die denken wohl an das, was wir hätten tun können. Ja, ja, ja! Erschrick nicht, Andrea! Du hörst ja, daß ich mich losgerissen habe, ich, der über zwanzig Jahre lang nicht frei war! Sie werden Lieder und Märchen über uns dichten. Und solch ein Wetter!«

3

In den Buchten drüben war das gleiche gute Wetter, aber dort hatte alles ein anderes Gesicht. Das Meer war so weit und blitzend blank und hell, daß es einem schien, als drehe sich weiter drinnen im Land alles nach Westen und schaue zum Meer hinaus. Die Abendsonne schien auf die Steine am Strand und auf die Tangbüschel, dies war das letzte, was sie tat, und als die Sonne schon untergegangen war, schimmerten sie noch von Licht; und im Norden und im Westen stand die Abendröte und spiegelte sich im Meer. Die Schären draußen schwanden weit zurück, Bucht für Bucht schlängelte sich der Strand in das mit Heidekraut bewachsene Ufer, mit weißem Sand und mit Steinen und silbernen Muscheln und mit glattem feinen Grasboden dahinter, die Landzungen endeten als rotgraue Felsen im Wasser, Heiderosen auf dem Rücken und schwarzglänzende Tangblätter in den Flanken. Und darüber waren das Meer und der Himmel, denn die beiden hatten an diesem Abend die gleiche Bläue. Und über allem schrien die Seevögel, Möwen und Strandelstern und Eidergänse, ein freier und wilder Laut, und auch in ihm blitzte es auf, wenn man ihn gegen die Dünung hörte, die atmete so weit und still.

»Wie der Strand von Kjelvika!« sagte Odin. »Jetzt bin ich nur noch wie ein siebenjähriger Bub!«

Astri blickte von ihrem Sandsack auf, den Rock zwischen den Knien, er sah sie gegen den Westhimmel und gegen das Licht im Westen.

Erst heute hatte sie es gesagt, als sie beim Morgenimbiß saßen: »Du, Odin, kannst du heute abend mit mir in die Buchten hinausgehen, um Muschelsand zu holen? Denn der Hüterbub ist drüben bei den Häuslerhöfen oder irgendwo.« Odin hatte nicht mit der Wimper gezuckt, hatte den Kopf ein wenig schief gelegt und nachgedacht: Das könne er wohl; wenn er gerade darauf verfalle. Und dann verfiel er darauf, und sie machten sich auf den Weg. Schon in diesem Augenblick empfand er es, als seien sie zwei Kinder, die jetzt fortgingen, um Muscheln zu suchen.

Ja, er sah unglaublich jung aus, wie er so dort stand, fand sie. Das war wohl der eigentliche Odin? Jetzt warf er Schuhe und Strümpfe ab, krempelte die Hosen weit über die Knie herauf und watete ins Wasser hinaus; es war Ebbe, und er hatte eine Kuhmuschel gesehen, die dort im Wasser auf einem Felsen lag und sich geöffnet hatte. Es ist tiefer, als er geglaubt hatte, er wird arg naß, und Steine und Muscheln stechen und kitzeln ihn an den Fußsohlen, jetzt aber reicht er mit dem Stock an die Muschel heran und sticht zu, und gleichzeitig fährt ihm die Zunge aus dem Mundwinkel heraus, wie bei einem siebenjährigen Buben; er kommt mit der Muschel herbei, es ist ein leuchtend goldbraunes Tier: »Schau her, Astri! He? Willst du mehr haben?«

Sie steht da und lacht ihm zu: »Und wenn dich jetzt die Krabbe zwickt?«

Da nimmt er Reißaus und springt ans Ufer, so daß das Wasser hoch aufspritzt, und Astri lacht, daß es in den Klippen schallt; ihr Gesicht und alles an ihr ist jung.

Jetzt aber sehen sie einander zum erstenmal an diesem Abend an. Sie werden alle beide verlegen. Astri errötet zuerst, er jedoch nicht minder; aber die Augen schlagen sie nicht nieder. Als sie wieder lächelt, ist es ein anderes Lächeln, rings um den Mund ist ein kleiner neuer Zug, der ihm gilt. Da denkt er, dies ist Astri – er hat sie noch nie gesehen.

Sie schauten miteinander über die Bucht hin, wo der Eidervogel über die glänzende Dünung hinruderte – den Hals eingezogen und sein Spiegelbild unter sich. Immer noch schimmerte der Traum von einem blassen Rosa im Meer.

Odin aber dünkte es, als sauge der Strand von Kjelvika an ihm und zöge ihn fort, es wurde dunkel und einsam rings um sie, ein Mädchen und ein Stück ödes Land; und er, ein Heide vor allen Menschen. – »Aber das ist nun überstanden«, lächelt er vor sich hin. – »Was denn?« – »Nein, ich weiß nicht. Du bist es ja, die da vor mir steht.« Sie weiß gar nichts von mir, denkt er; wenn sie rot wird, so ist das nur deshalb, weil ich einmal ihr Herz habe klopfen hören, und das hätte ich nicht hören sollen; und wenn sie jetzt schweigt, so tat sie das wegen der Feierlichkeit rings um uns, so fein und gut ist sie. – »So habe ich es noch nie gesehen!« Sie deutete übers Meer hin. – »Nein, und das Heidekraut und der ganze Strand hier, es ist wie wild!« – »Du kommst mir auch ein wenig wild vor, bisweilen.« – »Ja, du hast recht!« – er wunderte sich, daß sie nicht davonlief.

Er steckte die Hände in die Taschen, versuchte so ruhig zu sein, wie er nur konnte; dies war eine Kunst, die er gut gelernt zu haben glaubte. Aber er konnte sie nicht mehr, es war unmöglich stillzustehen: er stieß nach den kleinen Steinchen, so daß sie über den Strand hinrollten.

»Wer weiß, ob ich nicht einmal tausend Meilen von hier fortreise! Ich kann auf vieles verfallen, was du niemals von mir erwarten würdest!«

»Dann komme ich mit dir!«

»Ja? Ja, komm du nur, wenn du dich traust. Aber, du kannst doch nicht von Haaberg fort?«

»Glaubst du? Das wirst du dann schon sehen, mein Lieber!«

Sie sah ihn unverändert offen an; dann lachte sie ein wenig, ihre Augen jedoch blieben ernsthaft, die Gedanken kamen und gingen hinter den tiefen grauen Sternen.

»Wir könnten uns ja wohl auch auf Haaberg niederlassen, wir. Wenn es uns gerade einfiele«, meinte sie.

»Ja, wenn es uns gerade einfiele. Und jetzt fällt mir etwas anderes ein, jetzt mache ich es so –«

Er schlang die Arme um sie und küßte sie. Sie war beinahe ebenso groß wie er und fühlte sich unglaublich stark an, als er sie zu sich herüberbog, sie war das stärkste Mädchen, das er je in den Armen gehalten hatte; es durchlief ihn wie eine Angst, als er ihren Mund verspürte.

Eine Weile stand sie da, den Kopf auf seine Schulter gelehnt. – »Ich bin so froh. Weißt du, weshalb ich so froh bin, Odin?« – »Weil du mich gern hast, denke ich?« – »Ja, ja, auch. Aber ich finde, ich bin auf dem richtigen Weg; ich weiß nicht, wie es zugeht. Die Großmutter wird sich auch freuen. Ich glaube, es ist so gegangen, wie es gehen sollte.« – »Wie es gehen sollte? Das wäre mehr, als ich glaube.« – »Nein, nein«, seufzte sie, »du verstehst es wohl auch nicht. Aber früher, da meinte ich, daß ich jung sterben würde, und das war das Größte, was ich wußte.«– »Und jetzt hat ein anderes Unglück eingesetzt? Ja, ja, das aber finde ich, sollte das Größte sein.«

Er sah sie so lange an, bis er lachen mußte. Er merkte, daß sie das nicht mochte, sie hatte sich ihn ein wenig anders erwartet, jawohl, doch wenn sie ihm deswegen den Rücken drehen und davonlaufen wollte, dann sollte sie das seinetwegen ruhig tun! Sie würde doch noch weich werden, schließlich. Aber jetzt gab sie nach und lachte mit; nur ein wenig rot war sie geworden. – »So, und nun den hier noch!« Er nahm den Sandsack auf den Rücken und schickte sich zum Gehen an. Astri stand noch einen Augenblick da. Sie sah ihn vor sich gegen den Himmel und den Hügel, so wie er dastand und lachte; er hatte ein paar lustige Falten zwischen den Brauen. Anders würde er wohl nie werden, da war kaum etwas zu machen.

Sie gingen heimwärts, auf Pfaden, wo sonst die Kühe und die Ziegen gingen, am Strand entlang und über Hügel, bisweilen nebeneinander her, bisweilen er voran. Ein Wassergraben war da, um den sie nicht herumkamen. Odin nahm einen Anlauf und sprang an der schmälsten Stelle hinüber, mit dem Sack auf dem Rücken, aber Astri kam nicht nach. – »Spring!« rief er. – »Nein, ich gehe lieber herum.« Er stellte den Sack zur Erde und reichte ihr die Hand hinüber: »Komm jetzt endlich!« Sie schaut ihm in die Augen. Ihre Wangen brennen. Er sieht, wie es sie kränkt, sie ist nahe daran, den Kopf zurückzuwerfen und den Umweg zu machen.

»Nein, aber bist du das wirklich, Astri? Soll ich denn in alle Ewigkeit dastehen und auf dich warten?«

Da kam sie endlich. Sie springt stark und leicht, so daß ihn ein Schauer durchfliegt, greift im Sprung nach seiner Hand und erwischt gerade noch den kleinen Finger, landet mit beiden Füßen jung und federnd neben ihm. – »Ich wußte es doch«, sagte er. Ihre Augen strahlten ihn bei diesen Worten an.

Als sie ein Stück weit gegangen waren, sagte sie: »Nein, du sollst nicht in alle Ewigkeit auf mich warten müssen, Odin. Aber soll ich denn sofort springen, sobald du mir kommandierst? Ist das so zu verstehen?« Sie lachte und legte die Hand auf seine Schulter; er glaubte nicht einmal, daß sie sich des leisen Ärgers bewußt war, der hinter diesen Worten steckte.

»Ja, den alten Juwikingern fällt es wohl schwer, sich kommandieren zu lassen«, sagte er.

»Weißt du, warum ich trotzdem kam?« lachte sie.

»Weil du eben mußtest, oder?«

»Woher doch! Aber du hättest ein so langes Gesicht gemacht, wenn ich nein gesagt hätte. Und dann warst du so schön, wie du dort standest und mir so streng zuriefst«, fügte sie hinzu. Sie streichelte seine Hand, während sie dies sagte.

Aber als sie zu den Haabergwiesen bei den Häusern kamen, sah er zwei Arm in Arm auf dem Stallhügel stehen. – »Siehst du sie, du?« sagte Astri. Odin starrte hinüber. – »Aber sind sie es denn wirklich?« fragte er; es war kein Irrtum möglich. Otte und Andrea waren sie bereits gewahr geworden und ließen einander los. – »Hast du das denn nicht bemerkt?« sagte Astri. – »Nein!« kam es trocken und flüsternd.

Aber Astri lächelte ihn an, mit ihrem unerschrockenen Lächeln, und sie tat es noch, als sie beim Essen saßen. Sie waren allein in der Küche.

»Sie werden schon nachgeben müssen«, sagte sie.

Odin wachte auf, als hätte sie eine Wunde berührt. Als er aber sah, daß es ihr weh tat, griff er sich in die Haare und lachte ihr zu:

»Wir müssen eben das Los ziehen! Wie Cäsar, als er über den Bach stieg.«

Sie hing ihm schwer am Hals, eine kurze Weile lang, ehe sie sich trennten. Und wiederum durchlief ihn diese beseligende Angst, als er ihren Mund fühlte. – Nur Kleinigkeiten, alles andere! flüsterte er.

4

Andrea erzählte nichts, und Aasel merkte nichts.

Eines Abends, eine Woche später, kamen Aasel und Andrea von einem der Häuslerplätze, sie hatten eine alte Frau besucht, die im Sterben lag. Es war noch das gleiche milde Wetter, aber mit Nebel, mit einem warmen und regenschweren Frühlingsnebel; er verbarg die Berge und überzog Wald und Häuser mit einer weißen und grauen Decke. Der ganze Abend war grau von Feuchtigkeit; wo man auch hinkam, war alles naß und drängte sich ganz nah an einen heran. Die Birkenzweige standen wie dünne feine Muster gegen die Luft, glänzend naß vor lauter Tropfen.

Aasel mußte immer wieder stehenbleiben und Atem holen. Sie lachte leise vor sich hin: »Mir ist bald, als ginge ich überall bergauf – wo ich auch gehe. Aber dieses Wachswetter hier tut mir so gut. Jetzt kenne ich schon den Wald; er ist wieder da! Ach ja, ja!« Dann ging sie weiter. – »Weißt du, was ich meine, Andrea? Es ist irgend etwas vorgefallen. Zwischen den jungen Leuten. Doch, ich bin ganz sicher. Im übrigen finde ich, daß der Odin sich zu scharf ins Zeug legt, in letzter Zeit. Nicht wahr? Mit der Arbeit; mit der Feldarbeit. Und das Essen, das schlingt er nur so hinein. Als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders – ja, du hast es ja auch gesehen?«

Nein, Andrea wußte nicht recht. Aber Aasel merkte, daß sie die Farbe wechselte. – »Ja, ich bin zu alt; das ist es wohl. Aber im übrigen meine ich, er dürfte gern ein wenig froher sein. Die Astri zu bekommen – an die sich keiner herantraut! Aber schau: die Menschen sind jetzt so verschieden, wie die neuen Maschinen; sie sind so fein und vielfältig. Das sollen sie wohl sein. Aber die Astri, mit der steht es so: Sie sieht so aus, als verstünde sie sich auch nicht recht auf ihn.«

Sie mußte wieder stehenbleiben, um auszuruhen.

»Wer geht denn dort?« Sie hielt inne und sah zu den Häusern hinauf. »Ist das nicht der Otte; er kommt zu uns. Jetzt wieder?«

Sie blickte rasch und ungewiß Andrea an, und nun konnte sie sehen, daß ihre bleichen Wangen heißer brannten. Andrea sagte kein Wort. Da schwieg Aasel auch.

Zuerst hatte er auf dem Hof draußen gestanden und zu ihnen hinunter gesehen. Dann hatte er mit Odin geredet, viel mehr, als es seine Gewohnheit war, und dann mit Astri; er hatte ihr sogar geholfen, die Hühner in den Stall zu treiben, denn die waren am Abend so widerspenstig. Dann holte er eine Zigarre heraus und zündete sie an – er müsse etwas zwischen den Zähnen haben, sagte er. Ununterbrochen sagte er etwas, das die anderen zum Lachen brachte, und seine Augen blinkten so frisch, daß Astri und Odin einander immer wieder anschauen mußten. – »Und dort kommen die Weiber mit leeren Händen«, sagte er. »Da bleibt mir nichts anderes übrig, als ihnen entgegenzugehen und ihnen beim Tragen zu helfen.« Er hatte einen weißen Kragen an, und im Knopfloch steckte eine Blume; jetzt schob er die Hände in die Taschen und ging pfeifend den Weg hinunter, in dem stillen, milden Frühlingsabend.

Odin stand da und sah ihm nach, den ganzen Weg. Da rührte Astri ihn an und drehte ihn zu sich herum:

»Du bist doch wohl nicht bleich, Odin? Deshalb?«

»Nein, ich stand nur da und dachte – – ich habe hin und her gedacht – – wie das werden soll, Astri?«

Vielleicht war er nicht gerade bleich, aber so ratlose Augen hatte sie noch nie an einem Menschen gesehen.

»Werden soll? Es wird so, wie wir es wollen. Es ist so geworden, richtiger gesagt.«

»Aber sie sind so froh, siehst du das denn nicht? Sie sind ganz wirr«, erwiderte er.

»Ja, aber, wir sind doch auch froh, sehen denn die das nicht?« Es klang fast, als jammere sie ein wenig.

»Ja, ja, wir müssen eben warten und sehen, dann wird sich schon ein Rat finden! Ich habe es mein ganzes Leben lang so gehalten, gewartet, bis sich ein Rat fand.«

Astri schaut auf ihre Schuhspitze hinunter, mit der sie im Sand schreibt. Odin folgt ihr mit den Blicken und betrachtet sie von dem. kleinen Fuß bis zum Kleid, über Hüften und Brust bis zum Hals hinauf, es ist ein so feiner Bogen in den Linien, man könnte es nicht zeichnen oder ausschneiden, ein vergebliches Beginnen. Was er von solchen Dingen geträumt und wie er sich damit gequält hatte, das war alles nur ein kindliches Bemühen; und jetzt war das lange her.

»Eigentlich sollte ich gar nicht so dastehen und dich anschauen; du bist zu schön dazu. – – Der wird reich, der dich bekommt«, sagte er leise.

Wie ein kleiner Stich durchfuhr es ihn, wie etwas, das er nicht verstand: daß Reichtum und Glück einem nicht gleichzeitig beschert werden, er aber nicht wußte, welches von beiden er wählen würde.

Astri steht da, als habe sie seine letzten Worte nicht gehört. Und jetzt wirft sie den Kopf zurück, und das Gesicht dicht vor ihm, wunderbar offen und stolz, sagte sie:

»Du hast kein Recht dazu, Odin.«

»Recht?«

»Nein, du hast kein Recht dazu.«

»Man muß doch das Recht haben – – – dem Recht eines anderen Platz zu machen, dachte ich?«

Sie schauen einander in die Augen. Aber die ihren verschlossen sich vor ihm, so offen sie auch waren. Der Mund zog sich zu einem kalten Lächeln zusammen. Dieser Mund war es – –

»Du hast kein Recht dazu.«

Sie sieht, wie es in ihm arbeitet, steht ruhig da und sieht, wie die Gedanken in ihm ziehen und zerren, wie sie sich quälen und keinen Ausweg finden. Er schrumpft mehr und mehr vor ihr zusammen. – »Ich sehe jetzt klar«, murmelt er. Da dreht sie sich weg und macht ein paar Schritte, ihr sind Tränen in die Augen gestiegen, und sie stampft auf den Boden, sie will nicht weinen!

Dann wendet sie sich ihm wieder zu. Nur um den einen Mundwinkel zittert es ein wenig:

»Es wäre nicht der Rede wert, wenn man nur Platz zu machen brauchte! Im übrigen: Ich könnte nicht einmal das! Würde es auch nie tun!«

Sie legte die Hand auf seine Schulter und zog ihn mit sich um die Hausecke.

»Kannst du denn nicht aufschauen. Odin? Es handelt sich doch um uns, um uns beide! Wir sind doch nicht zwei alte Schatten. Und außerdem – – ich fühle es so merkwürdig: Du wirst nicht der, der du werden sollst, wenn wir nicht zusammenkommen, du und ich. Lach nur darüber, meinetwegen, ich weiß es trotzdem, denn es ist wahr! Das war es, was – – aber ich glaube fast, du bist jetzt noch blasser? Nein, aber Odin!«

»Jetzt? Nein, da irrst du dich trotz allem! Denn jetzt bin ich froh – da schau ich so aus.«

Er umschloß ihre Hände und drückte sie so hart, daß sie weiß wurden.

»He? Ja, du spürst, daß ich jetzt froh bin, nicht wahr? Aber daß du von uns beiden die Stärkere sein sollst?«

»Ich muß dir etwas erzählen. Jetzt gleich. Der Arne hat mir wieder geschrieben. Und jetzt will er Antwort haben.«

»Nun?«

»Es ist schade um ihn, jammerschade um ihn – ich hätte ihn liebhaben können, glaube ich. Aber ich habe kein Recht zu – – ich fühle es an mir, es würde eine Sünde sein, gegen – ja, gegen alles miteinander! Du und ich; es ist nun einmal nicht anders.«

Sie hatte seine Hand ergriffen, und ihr Gesicht kam dicht an ihn heran. Und er fühlte wieder ihren Mund, so wie das erstemal.

Es lag ein starkes Licht über ihrem Antlitz, das von innen kam und in den trüben Tag hineinleuchtete. Das Haar bildete eine schwere Krone darüber, schimmernd dunkelbraun in dem Nebel, der es betaute. Und rings um sie war Haaberg und alles, was zu ihr gehörte, alles miteinander, sie stand da und sah es und wußte es, empfand es wie einen Reichtum, oder vielleicht wie eine schwere Last.

Und im Westen, draußen bei den Landzungen und den Schären, schrien die Seevögel. – »Hörst du sie?« sagte Odin.

– »Ja, ich stehe da und höre ihnen zu – man kann ganz wund werden, inwendig, von diesem Ton. – Wir wollen nicht darauf hören!« sagte Astri; ihre Stimme klang so warm.

Jetzt kamen die drei von unten herauf, und Astri ging ihnen entgegen. In ihrem ganzen Gesicht war nicht ein Zug verändert. Sie wechselte ein paar Worte mit ihnen, dann gingen sie bei der einen Tür hinein und Astri bei der anderen.

Odin trat in die Gesindestube und redete mit einem Häuslerbauern, der gerade auf dem Hof war, um die Wagen instand zu setzen. Er war ein seltsamer Kauz, und es machte Spaß, mit ihm zu reden, besonders heute abend. Im übrigen aber wollte Odin ihn so bald wie möglich heimschicken, was Aasel auch sagen mochte, denn er war ein Pfuscher und ein Küster bei der Arbeit, und dazu ein Tagdieb, man hätte in der gleichen Zeit das zweimal in Ordnung bringen können, was er einmal in Unordnung brachte. Odin setzte sich zu ihm auf die Hobelbank und blieb dort bis zum Abendessen sitzen. Es war immer lustig, die Leute reden zu hören, aber noch nie war es so lustig gewesen wie an diesem Abend. Astri kam und holte sie zum Essen. »Eine schöne Färse, wahrlich«, sagte der Häusler, als sie gegangen war. »Aber sie wird sich schon noch die Hörner abstoßen, sie auch; noch ehe sie ihr letztes Kalb gebracht hat, tui!« Er spuckte den Bissen Kautabak wie einen Fluch in die Ofenecke.

5

Es war acht Tage darauf und spät am Abend, und Odin kam von Kjelvika und wollte heim nach Haaberg. Sie hatten einen kleinen Nachwinter gehabt, mit Schneetreiben und allem, was dazu gehörte, heute abend aber war wieder gutes Wetter. Odin sah noch, wie die Sonne im Untergehen den Kjelvikstrand rot färbte, und sah das Meer sich zum Spiegel glätten.

Er ging durch den Wald von Langbrekka, nach Westen hinüber, schritt weit aus und ging so rasch er konnte, und von Zeit zu Zeit rückte er die Mütze in den Nacken oder zog sie wieder in die Stirne. Wie er so dahinging, sah er auf einmal Astri über die Wiese auf sich zukommen. Sie war es; bei keiner anderen fiel der graue Schal so fein und warm herab, und keine andere hatte die Art, so aufrecht dahinzuschreiten, obgleich sie beim Gehen zu Boden sah. Jetzt blickte sie auf und wurde ihn gewahr; aber sie ging darum nicht rascher.

Auf dem kleingepflasterten Weg nördlich vom Sommerstall trafen sie sich. Niemand vom Hof daheim konnte das sehen. – »Ich wollte fast nicht glauben, daß du mir entgegenkämst«, sagte er, seine Stimme klang froh. – »So? Und du bist in Kjelvika gewesen. Da warst du schon lange nicht mehr.« – »Ja. Zwei Jahre lang war ich nicht mehr dort. Ich hatte nicht eher den Mut dazu. Denn jedesmal, wenn ich dorthin kam, war es weniger geworden, alles miteinander. Die Berge waren niedriger und die Wiesen kahler – man konnte sich gar nicht mehr darin verirren. Jedesmal ging ich ärmer von dort fort. Doch die Gurianna, die freute sich immer, wenn ich kam, das war es eben. Wir beide aber, wir wollen einmal dorthin gehen, Astri, magst du nicht? Wenn es mit uns zweien Ernst geworden ist?« – »Du warst in der letzten Zeit soviel weg an den Abenden.« – »Ja, es handelt sich um diesen Jugendbund, den wir wieder auffrischen wollen, und dann sollen wir ein Turnerfest haben – und dann ein Schützenfest, weißt du, er ist ein richtiger Streber, dieser neue Lehrer. Den ganzen Winter fast habe ich mich davor gedrückt; ich hatte keine Zeit. Übrigens auch keine Lust dazu; erst jetzt wieder.«

Er wendet sich ihr zu, so blankäugig und im Schuß, wie er nun einmal ist:

»Du bist es, die mich wieder jung gemacht hat, wie der Witwer zu sagen pflegt. Aber ich glaubte nicht, daß du mir heute abend entgegenkämst. Du warst heute so merkwürdig.«

»Was denn?«

Er jedoch sah, daß sie sich dessen entsann. Und nun kam es und stellte sich vor ihn hin, so wie es gewesen war; er blieb ruhig stehen und sah es noch einmal vor sich: Aasel war auf den Hof herausgekommen, während er gerade die Egge instand setzte, und Astri war in der Nähe und strich irgendein Gerät aus dem Hühnerstall mit Kalk an. Da sagt Aasel: »Du hast doch noch nicht daran gedacht zu säen, Odin?« – »Doch, drüben auf dem Sandacker, habe ich gemeint?« –

»Ja, ja, meinetwegen«, sagte sie und fuhr sich übers Gesicht. »Ja, ja, meinetwegen.« Und nun sah sie die beiden an: »Ihr müßt jetzt für euch selber säen, in Gottes Namen.« Odin hatte Astri angesehen. Er hatte auf ihre Blicke gewartet, aber sie kamen nicht, sie waren nicht zu finden. Astri hatte feine weiße Augenlider, und unter diesen konnte es ganz leise zucken. – »Denn hier auf dem Hof hat die Jugend das Vorrecht; alles, was jung ist«, hatte Aasel gesagt.

Dann war sie hineingegangen. Da endlich lächelte Astri, aber nicht zu ihm hinüber, es streifte nur so an ihm vorbei, wie ein Sonnenstrahl bei trübem Himmel. – »Ja, ja, so, so«, sagte sie. »So ist es also zu verstehen. Wir sollen jetzt wohl in den Stall gestellt werden?« – »Ja–a, jetzt ist die Kuhkette fertiggeschmiedet.« – »Es sieht so aus. Aber eine Zeitlang sollen sie noch warten, nicht nur die Großmutter, sondern auch du. Das mußt du schon aushalten, Odin!« – »Ich halte alles aus, mein Kind. Ich will gerne sieben Jahre auf dich warten, wenn's darauf ankommt.« Da lachte sie, und die Wolke hob sich gleichsam und zog von ihnen fort.

Trotzdem war er ordentlich froh geworden, als er sie heute abend kommen sah, das merkte er jetzt.

– – – In der Oststube auf Haaberg saßen Andrea und Otte. Es fiel am Abend hier keine Sonne herein, und die Bäume im Garten waren so groß geworden, daß sie das Fenster beschatteten. Aber um die Abendzeit war hier meist ein mildes und gutes Licht, das gehörte dazu, die Stube war so still und vergessen, und jedes Ding paßte so gut herein, die alten Haabergstühle und das Sofa vom Tierarzt und alles andere, was Andrea hierhergebracht hatte, es waren Dinge, die sich miteinander vertrugen, obgleich sie nicht zusammengehörten.

Man konnte im Süden hinten die Sonne auf den Bergen liegen sehen, zwischen den obersten Zweigen im Garten draußen.

Andrea und Otte sahen nicht mehr dorthin, aber sie merkten, daß das Licht erloschen war. Und in die Stube rings um sie kam eine Erinnerung an draußen hereingesickert, ein matter leiser Ton im Licht. Dies brachte sie dazu, daß sie nichts mehr sagten. Andrea summte irgendeine Melodie, ein paarmal, und dann tat sie auch das nicht mehr.

Da hörten sie Aasel kommen. Diese Schritte waren Aasels Schritte, und auch der Griff an der Türklinke war ihr Griff, so behutsam und doch so sicher. Otte raffte sich auf und lächelte Andrea zu, und sie lächelte zu ihm zurück; es war ja nur Aasel. Sie sahen ihre Ringe an, und Andrea saß mit roten Wangen da. Die Stube aber rings um sie wurde noch einen Ton grauer.

Aasel sah von einem zum andern, wie es ihre Art war. Es gemahnte ein ganz klein wenig an schwerhörige Leute. Die Ringe sah sie nicht, aber die beiden merkten, daß sie sich im klaren war. Aus ihren Augen strahlte die gleiche tiefe Wärme wie gewöhnlich, und ihr Gesichtsausdruck war heute abend wie auch sonst, wenn sie die beiden abends allein miteinander antraf. Trotzdem fühlten sie, daß es anders war. Andrea sah Otte an, aber er saß da und schaute durchs Fenster hinaus, sie war allein. Und draußen standen die Bäume unbeweglich gegen den Himmel wie immer, und der Himmel war ebenso blaß gefärbt und weit fort wie stets. Sie war mutterseelenallein mit Aasel. Und jetzt lächelte Aasel ihr zu. Die Zweige draußen ragten jämmerlich nackt in die Abendluft hinaus.

Aasel saß eine Weile da und ruhte aus, als verschnaufe sie nach einem steilen Berg. – »Ich war auf einmal so allein«, sagte sie; »ich weiß nicht, wie es zugeht. Jeder zieht seiner Wege: nur ich und die Häuser hier bleiben zurück. Und da sind sie nun, ja. Kinder sollten da sein. Wie ich mir eine Zeitlang immer gewünscht habe, ja.«

Wenn sie doch bloß die Hand von der Stirne nähme! dachte Andrea.

In diesem Augenblick nahm Aasel die Hand weg. Jetzt aber sahen ihre Augen sie blank und blau an, ohne Hinterhalt und ohne Gnade, sie blinzelten rasch und jung und blickten dann wieder stark. Die Blicke der anderen ergaben sich den ihren.

»Nein, Kinder, es geht nicht!« seufzte sie. »Wir wollen uns nichts vormachen. Es ist zu spät!«

Sie konnte sehen, wie Andrea die Farbe aus den Wangen verlor. Sie hörte Otte, wie still er auf seinem Stuhl saß.

»Ich bitte euch in Gottes Namen. Von der Zukunft hier auf dem Hof und allem, was dazu gehört, will ich gar nicht reden. Aber ihr werdet doch wohl nicht euren Kindern diesen Kummer bereiten wollen? Zerstören – – was zwischen den beiden ist?«

Sie legte schon wieder ihre Hände übereinander, wie gewöhnlich. Jetzt seufzte sie nicht mehr; sie sah die beiden nur an. Dann erhob sie sich, stand eine Weile da und sah vor sich hin, und ging darauf zur Tür.

»Oder besser gesagt: Ihr müßt so handeln, wie ihr es am richtigsten findet. Ihr dürft mich nicht für böse halten – –«

Sie hatte die Türe geöffnet, während sie das sagte, und jetzt war sie gegangen.

Noch ehe Otte sich umdrehte, wußte er schon, daß Andrea weinte. Sie tat es nicht. Er wartete, bis sie ihren Blick wieder zu sich nahm und begegnete ihm dann mit einem leisen Blinzeln und einem mutigen Zug um den Mund:

»Jetzt redet die Welt! Ja. So redet sie eben.«

Andrea antwortete nicht, und er mußte wieder anfangen. – »Die Welt, sage ich. Das war sie dort. Ich habe sie nicht nur gesehen, sondern auch gehört. Sie ist weise. Ich aber würde nie weise, wenn ich auf sie hören wollte.« Er war aufgestanden und kam nun zu Andrea: »Nein, paß auf, dummes Ding! Da stehe ich und rede Unsinn. Die Welt ist groß und weit, ja, wirklich, und wir zwei reisen so weit fort, bis wir mit dem Kopf nach unten hängen, so rund soll die Welt sein. Da können wir doch niemand im Wege stehen? Ich wußte übrigens nicht – – ich glaubte nicht – – ich muß sagen, was wahr ist, ich glaubte nicht, daß die beiden zusammenkämen. Aber, wie gesagt: Wir reisen, wir, Andrea. Denn ich bin mein Lebtag lang heimatlos gewesen. Und dich, siehst du, dich lasse ich nicht los – hörst du, was ich sage?«

Andrea hatte ihm die ganze Zeit voll ins Gesicht gesehen, aber erst jetzt wurde sie ihn gleichsam wirklich gewahr. – »Ja, aber?« Sie sah ratlos vor sich hin. – »Aber? Wir kümmern uns hier um kein Aber. Das paßt nicht überall hin, dieses Wort.« – »Ich habe schon lange gedacht, Otte, daß das mit uns beiden nicht recht ginge, wir kommen zwei anderen so arg in den Weg – mir tat es schon leid vom ersten Tag an, den er hier war. Denn die beiden mußten zusammenkommen, es konnte gar nicht – – anders sein. Und da – – alles Reden hat da keinen Sinn. Und die ganze letzte Zeit –!«

Otte ergriff ihre beiden Hände. Er hielt sie fest umklammert. Er war so verändert, sie konnte kaum glauben, daß er es sei. – – »Nein, aber so hör mir doch zu und schau mich an, Kind! Wir – wir – –«

Andrea schüttelte den Kopf. Noch weinte sie nicht.

»Sie heiraten niemals, wenn wir es tun«, sagte sie leise. »Nein, und dürften es dann auch nicht tun, ich könnte nicht einmal daran denken – es wäre eine Sünde!«

Otte stand da und schaute in die Luft hinaus. So stand er lange, und jetzt merkte er, daß Andrea das Taschentuch herauszog. Sein Gesicht wurde immer grauer und grauer. Endlich fuhr er sich über die Stirn, strich sich hart über Gesicht und Bart, noch einmal, als sei alles nur Spaß und Unsinn, dann schaute er zur Decke hinauf und lächelte und sagte:

»Ja, ja, Otte, jetzt heißt's ja oder nein. Jetzt sind sie da und fragen dich im Ernst. ›Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel‹, heißt es. Aber dem Guten?«

Dann beugte er sich zu Andrea hinunter, griff ihr ins Haar, es war so dicht und weich:

»Wir bringen wohl auch das zuwege. Nachzugeben.«

Und zu sich selber murmelte er und lächelte wiederum, alt und bleich: »Das hast du nun für dein Mundwerk. Der Herrgott hörte dich und nahm dich beim Wort.« Als er aber merkte, daß Andrea immer noch weinte, begann er auf und ab zu gehen, blieb eine Weile vor ihr stehen, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, und ging dann wieder weiter.

Keines von ihnen merkte, daß Aasel in der Türe stand, ehe sie sich ein paarmal räusperte.

»Wo ich bin, gedeihen nur Tränen«, sagte sie. »Ich war einmal fort, vor langer, langer Zeit, war ganz über dem Fjord drüben, in einer ähnlichen Absicht; ich hätte nicht gedacht, daß ich mich noch öfters mit so etwas abgeben würde. Es kam nichts Gutes dabei heraus, nein.«

Otte hielt inne und sah sie gedankenarm an; sie blieb dicht bei der Tür stehen. – »Wir sind jetzt einig«, sagte er. »Wir sind einig, alle drei. So, so! Jetzt mußt du aber wieder aufschauen« – er wandte sich zu Andrea –, »jetzt wollen wir nicht mehr in einemfort weinen. Jedenfalls nicht darüber, daß zwei Geschöpfe froh werden; wenn es auch nicht gerade wir zwei sind. Und der Herrgott – –« er schaute Aasel an – – »jetzt will ich ihn beim Wort nehmen. Freilich, er hat nicht versprochen, uns schadlos zu halten, das weiß ich wohl, aber – Aber er müßte es trotzdem tun, er wird sich wohl nicht lumpen lassen? Irgend etwas wird ihm doch einfallen – wir wollen abwarten und sehen, Andrea!«

»Du bist auch nicht so lustig, wie du dich stellst«, sagte Aasel.

Da blieb er stehen, als hätte er sich gebissen. – »Aber es ist doch richtig, was ich sage, wenn ich auch wie ein Tor rede!

Im übrigen habe ich eigentlich mit der Andrea – – mit der Andrea geredet«, murmelte er vor sich hin.

»Ich werde euch ein anderes Mal danken!« sagte Aasel, sie war schon im Begriff hinauszugehen.

Als Astri und Odin über die Äcker hinter dem Sommerstall kamen, sahen sie Otte um die Hausecke biegen und heimgehen. Als hätte das eine das andere angestoßen, dachten sie: Geht er denn heute abend allein heim? Aber keiner sprach es aus. – »Schau die Möwen«, sagte Odin und deutete auf den Acker im Westen hinüber. Dort trippelten sie dicht an dicht umher, neue Scharen kamen herangeschwirrt und ließen sich nieder, blaugrau und weiß, schwarz und weiß, weiß in Weiß, auf der frischgepflügten Erde, es war fast, als habe sie sich geschmückt. – »Da gibt's Regen«, sagte Astri. Und die Möwen schrien, und die Vögel im Wald sangen, und Odin blickte rings um sich und war voller Staunen. – »Fühlst du den Frühling?« sagte er.

Aber Otte sah klein aus, wie er so dahinging; und jetzt verschwand er dort, wo der Weg eine Biegung machte.

Und klein erschien ihnen auch Aasel, sie stand draußen auf der Haustreppe und erwartete sie.

»Ja–a«, sagte sie. »Heute abend ist er allein heimgegangen, der Otte. Ein verständiger Mann. Ein starker Mann.«

Astri sah sie starr an, mit zusammengezogenen Brauen. – »Wo ist denn die Mutter?« fragte sie. »Sitzt sie denn in der Stube?« – Ja, Aasel deutete mit dem Kopf zur Oststube hinüber. Astri blieb noch eine Weile stehen. Hastig sah sie Odin ein paarmal an, die Großmutter jedoch nicht mehr. Dann ging sie rasch zum Haus hinüber.

»Ja, Odin, das ist euch jetzt nicht mehr im Wege«, sagte Aasel.

Er gab keine Antwort, er mußte um sich schauen: der Abend hatte ein seltsam schweres Gesicht bekommen.

Ringsum aber leuchtete das Frühlingslicht jung und blank wie zuvor, über Dächern und Baumwipfeln und über den Bergen dazwischen; und drüben auf dem Acker schrien die Möwen, und an den Hängen pfiffen die Drosseln; und das Meer blitzte weit hinaus auf, es hatte ein mildes und tiefes Blinken. Von allen Seiten wandte es sich ihm zu.

Odin schaute die Großmutter wieder an. Sie sah halb froh, halb beunruhigt aus, jedoch sie war wohl immer so gewesen, wenn er genau nachdachte. Astri kam nicht wieder heraus.

»Ich kann nicht gerade sagen, daß ich froh bin«, meinte er.

»Nein, nein, Odin. Das mag wohl wahr sein.«

Er schob die Hände in die Taschen und ging ein paar Schritte weiter. Dabei sprach er vor sich hin: »So, so, da war der Vater also stärker als ich. Trotz allem. Ja, nun, es gehört sich wohl auch so?«

Er biß sich auf die Lippe, um sein Gesicht im Zaum zu halten; als er sich aber Aasel zuwandte, gab es ihr einen Stich, gleichsam, als habe sie ihn noch nie so gesehen.

»Wäre es nicht die Astri gewesen – – sie ist ein Mensch, den man nicht wegwerfen kann – – unmöglich, sage ich dir! So etwas hat noch keiner versucht, sage ich, noch keiner!«

»Gott sei Dank, Odin, daß du es so nimmst! – Gott sei Dank, daß du so bist, ja«, murmelte sie vor sich hin, sie vermochte jetzt nicht mehr länger dazustehen, sondern ging hinein. – »Genau so wollte ich ihn sehen«, seufzte sie – »jetzt hat es ihn ernstlich aufgerüttelt! Das war es, was ich auf dem Hof hier so vermißte.«

Odin stand lange draußen und wartet auf Astri, aber sie kam nicht.

Sie war in der Stube bei der Mutter. Stand vor ihr, die Hände in die Seiten gestemmt. Die Mutter mußte aufschauen, ob sie wollte oder nicht, denn so hatte Astri noch nie vor ihr gestanden; ihr schien es, als bebe und brenne es in dem bleichen Gesicht. Sie schlug die Blicke wieder zu Boden. – »Ich weiß schon, was du sagen willst«, flüsterte sie. »Ich hatte auch nicht gedacht – – ich begreife es selber nicht, aber –. Jetzt ist es vorbei, du hörst doch wohl, was ich sage, Astri?«

Da bekam Astri rote Flecken im Gesicht und stampfte hart auf: »Das ist doch alles miteinander Unsinn, hörst du! Lauter Unsinn und dummes Zeug, nur etwas, was die Großmutter erfunden hat. Es wäre nie etwas daraus geworden, zwischen Odin und mir, wie es auch sein mag. Nie, hörst du!«

Andrea sah sie an, ohne mit der Wimper zu zucken, es war fast, als buchstabiere sie sich durch Astris Gesichtszüge hindurch. Sie konnte die Worte nicht fassen, die soeben gefallen waren. – »Nein, ich erkenne es jetzt«, sagte Astri, sie starrte auf den Boden hinunter. »Wir wären nie zusammengekommen, er und ich. Denn da hätte ich anders sein müssen – da hätte ich gegen einen anderen untreu sein müssen, gegen einen, der – mich braucht. Ich wollte nicht, daß du dich verheiratest, das muß ich eingestehen. Jetzt aber sollst du es trotzdem tun. Um meinetwillen. Unnützen Kummer, den hasse ich.«

Es war etwas so Ungewohntes für Andrea, daß Astri mit ihr über sich selber sprach. Ihr Gesicht überzog sich mit einem sanften und lichten Schimmer, sie saß da, als lausche sie auf irgendein schönes Lied. Und dieses leichte Zucken über Astris Brauen machte sie so schön. Aber Astris Stimme war leise und trocken:

»Keiner könnte mir mein Recht nehmen. Aber ich kann es fortgeben.«

Endlich fragte Andrea, ob sie denn mit einem anderen versprochen sei? Am Ende mit dem Arne Finne?

»Ja«, sagte Astri. Der sei es, er und sie, ja. Dann richtet sie sich auf und sieht die Mutter an, sie lächelt, und unter den Augen entstehen winzig kleine Falten: »Nein, übrigens, es ist nicht wahr. Ich habe das nur so erfunden. Aber den Odin nehme ich nie. So wie es jetzt steht. Das begreifst du doch, Mutter? Ich will gar nicht einmal darüber reden! Wenn ich nur wüßte, was ich zu ihm sagen soll«, fuhr sie still fort.

Andrea hatte die Hand ausgestreckt, und Astri hatte sie ergriffen, ohne sich dabei etwas zu denken.

»Du sollst das nicht tun, Astri. Du fühlst doch, daß es falsch wäre?«

»Es ist geschehen, Mutter; darüber ist gar nichts mehr zu sagen. Das ist mein Urteil. – – Du sollst nicht so entsetzt dreinschauen, wir haben doch alle miteinander unser Urteil? Ärmer ist niemand!«

Sie schaute hinaus, weit, weit hinaus. Es war so, wie es zu sein pflegte, dort. Nein, nein. Das dort draußen kümmerte sich gewiß nicht um den Kleinkram, mit dem man sich abplagte.

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