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Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin1/juwikin1.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Nach der Hochzeit

Das Wetter war still und blieb still. Es war ins Stocken geraten. Tag und Nacht die gleiche seltsame Stille; in der Dämmerung oder gegen Morgen kam mitunter ein leiser Lufthauch auf, raschelte im Jungwald, strich tuschelnd an den Wänden entlang; dann vergaß er sich gleichsam und legte sich wieder. Und die See sagte kein Wort mehr. Die Leute wunderten sich über dieses gute Wetter; aber sie sprachen nicht darüber. Schließlich lag es wie eine Last über der Gegend. Der Wind hätte gern wieder blasen dürfen, hätte gern einen Laut von sich geben dürfen.

Nein, sie sagten nichts. Sie waren verlegen, wenn sie zusammenkamen, besonders jene, die mit auf der Hochzeit gewesen waren, und die waren ja jetzt die wichtigsten geworden. Aber sie gingen umher und schauten, viele von ihnen, und zum Schluß sahen es alle. Einzig und allein Arnesen versuchte es auszusprechen. Das hätten sie sich auf Haaberg doch erwarten können, sagte er. Wenn einer den Teufel an die Wand malt, dann kommt er, und wenn die Menschen nicht verständig genug sind, dann muß der Herrgott es sein. Und jetzt hatten sie ausgespielt, und das war gut so. – Sie sahen ihn an und blickten dann wieder weg. Er merkte, daß sie mit ihm einig waren. Wenn aber Gjartru dabeistand und zuhörte, stieß sie nur verächtlich die Luft durch die Nase und sah trocken vor sich hin: »Ach du

Der Prediger wanderte von einem Hof zum anderen, hin und her, und überall folgten ihm die Leute, ob es nun Werktag war oder Feiertag. Es gab keine andere Möglichkeit. Man konnte auf andere Weise nicht leben.

Aber Aasel verweigerte ihm ihr Haus. Die Leute glaubten es zuerst nicht, und am wenigsten Gjartru, aber sie war nicht nur einmal, sondern mehrere Male dort, und es war immer das gleiche: »Hier soll das Leichenbegängnis sein. Laß mich in Frieden, hörst du! Selig, sagst du? Ja, Kind, ich werde selig werden, und noch mehr als selig. Aber ich will den Vater noch richtig unter die Erde bringen, ehe ich verrückt werde. Du magst dich auf deine Art trösten!« Diese Worte verbreiteten sich in der Gemeinde, und die Leute sahen einander an: Daß sie es wagte! Daß hier noch einer ist, der so etwas wagt! Sie war verhärtet. Verhielt es sich wirklich so, daß der Peder krank geworden war? Die gleiche Krankheit bekommen hatte, an der seine Schwester gestorben war?

Aasel hatte nicht im Sinne, einen großen Leichenschmaus auszurichten, sie wollte das Leichenbegängnis nur so abhalten, daß sie sich nicht zu schämen brauchte.

Ola war da und half mit. Es bedeutete für ihn eine Erleichterung, da zu sein, denn sie brauchten ihn wirklich. Am Abend machte er gern einen Gang nach Rönningan hinüber. Anetta hatte so schrecklich scheue Augen, war immer auf dem Sprung von ihm weg, in ihrem Innersten; dies wurde immer schlimmer, so oft er hinkam, und darum mußte er hinüber. Was sah sie denn? Denn das erkannte er schließlich doch; es war wie ein diebisch frohes Aufblitzen in ihren Augen, wenn er kam, sie wußte, daß sie ihm gehörte. Und dann war noch Oheim Petter da. Er lag wieder zu Bett, aber er sah einen so hell und unruhig an, besonders wenn man ihn verlassen wollte; Ola erinnerte sich dessen nachher und mußte wieder zu ihm.

Eines Abends, die anderen waren schon schlafen gegangen, rückte er damit heraus. »Nein, daß der Anders noch vor mir ins Gras beißen mußte! Ist es nicht merkwürdig, daß der Herrgott so nach allen Seiten gerecht sein soll? Jetzt glaubst du wohl, ich hätte meinem Bruder das Leben genommen? Nein, nein. Ich war nur so ein kleines Gespenst, dann kam er selber – dann besorgte der Herrgott den Rest. So ist es immer gewesen. Ich muß so sagen wie jener Mann: ›Fast wie ein Geschenk!« sagte er, als er den Engel im Fuchseisen fing. Aber glaubst du, daß der Anders und ich einander noch einmal begegnen werden? Das kann ich mir kaum vorstellen; ich glaube nie und nimmer, daß sie ihn ins Himmelreich hineinlassen; und ich, ich bin doch mein ganzes Leben lang ein Lazarus gewesen. Und wenn er mich zu sehen bekommt, Ola, dann pfeift er vielleicht auf mich und die ganze Seligkeit. Ja, ja; so ist's also zwischen uns beiden ausgegangen. Du mußt den Pfarrer holen, Ola, wenn du siehst, daß es mit mir zu Ende geht. Sag ihm, daß ich inwendig nicht so schwarz bin, wie die Leute glauben.«

Petter trocknete sich den Schweiß vom Schädel und sah vergnügt drein:

»Wir beide, Ola, wir sind noch nicht die Schlimmsten.«

Als Ola nach Haaberg kam, war im Dachraum bei Peder noch Licht. Da saß wohl Andrea oben und wachte bei ihm; das war nun ihre Arbeit, seit sie hierhergezogen war. Denn es hatte seine Richtigkeit mit dem, was sich die Leute erzählten, Peder war krank geworden. Es hatte mit Frost und Fieberhitze angefangen. Andrea war es endlich mit Bitten und Drohen gelungen, ihn ins Bett zu bringen, und da lag er nun. Er hustete Blut. In den Nächten war er so unruhig, daß er es kaum aushielt, stand er aber auf, so wurde er fast bewußtlos vor Schwindel und mußte sofort wieder ins Bett geschafft werden. »Ich schwitze wie ein Taglöhner«, lachte er – »was soll das denn heißen?« Erstaunt und ungläubig sah er die anderen an.

Der Doktor hatte ihn besucht, aber er war alt und wollte nicht viel sagen. Peder sollte liegenbleiben und Tropfen nehmen. Doch die schmeckten nach nichts, und Peder spuckte sie aus und weigerte sich, sie ein zweites Mal zu schlucken. Es fehle ihm doch gar nichts, behauptete er, er sei nur ein wenig verschleimt seit der Fahrt in die Stadt und seit der Hochzeit, und er erzählte, daß er schon früher Blut gespuckt habe, schon öfters, er würde bald wieder gesund sein. »Du sollst nicht so bleich sein, Andrea; du wirst mich doch nicht für solch einen Krüppel halten?«

Als aber noch ein paar Tage vergangen waren, fiel er immer mehr zusammen. Er sagte nichts, redete so gut wie kein Wort mehr und sah aus, als wisse er, was es nun geschlagen hatte.

Aasel erkannte es klar genug. Genau so war es mit Valborg gegangen, als sie starb. Es war eben diese Schwindsucht, und dagegen gab es keinen Bat. Die saugte das Blut aus dem Menschen. Aber, wie gesagt, der Vater sollte trotzdem dem Brauch gemäß zu Grabe getragen werden.

Ola ging umher und beobachtete sie; das Gesicht war immer gleichmäßig ruhig, man konnte es mit dem Fjord und dem ganzen Ufer ringsum vergleichen, und die Augen blickten immer gleich sanft und bergblau wie das Gebirge drein, überlegten beständig vom Morgen bis zum Abend: jetzt muß das geschehen und dann jenes.

Er ging von ihr fort und zur Versammlung, Dort war alles ebenso fremd wie auf Haaberg, lauter Leute, die gläubig waren, sich darein verbissen und gläubig waren, so daß man wie ein Geächteter zwischen ihnen saß. Oft schlenderte er schon heim, ehe es zu Ende war.

Eines Abends, als er von solch einer Versammlung kam, war Andrea gerade in der Küche, und da fragte sie ihn, ob er wirklich zu diesen Zusammenkünften ginge. – Jawohl, das tat er. – »So, so, ist das wahr?« erwiderte sie. – »Warum nicht?« – »Ja, aber was willst du denn dort?« – »Ich will ein Berg werden. Dann kann der Glaube anpacken und mich versetzen. Ich kann doch nicht Zeit meines Lebens hier umhergehen und ein Sumpf sein?« Er wollte noch verschiedenes sagen, aber da merkte er, daß sie ihm nicht mehr zuhörte. Er fragte, ob er nicht einmal zu Peder hinaufsehen könne. Da flog ein Ausdruck der Not und Angst über ihr Gesicht, und sie hielt ihre Augen gerade auf ihn gerichtet: »Er will kaum mich sehen. Geschweige denn einen anderen.« Ola wisse das doch übrigens. Nicht einmal die Mutter wolle er sehen. Aber allein wolle er auch nicht bleiben.

Am Tage darauf kam Andrea zu Ola auf den Hof hinaus; sie kam so seltsam ungewiß und dennoch rasch einher, und er blieb stehen und wartete und hielt dabei das Pferd. Ihr Haar ist noch in Unordnung, aber sie hat die Frauenhaube auf und ihr Frauenkleid angezogen – es war trotz allem die Andrea, und überdies so schön wie noch nie, man wäre am liebsten weggegangen und hätte sich irgendwo hingesetzt. Jetzt war ihr Gesicht ganz verzerrt:

»Hol den Doktor aus der Stadt, Ola, willst du nicht? Oder kannst du nicht jemand andern schicken, Ola!«

Er legte die Zügel aus der Hand, schirrte das Pferd aus und führte es wieder hinein, die Fahrt zum Landhändler hatte noch Zeit; dann kam er wieder heraus, und sie stand immer noch da.

»Du glaubst wohl nicht, daß noch zu helfen ist?« Ihr standen Tränen in den Augen.

»Doch, das glaube ich voll und ganz.«

Er ging hinaus zu den Häuslerplätzen, dingte sich dort drei Ruderknechte, schrieb einen Zettel und schickte sie damit fort.

Der Doktor kam am anderen Tag. Er untersuchte Peder immer und immer wieder und sagte schließlich, die Sache sei wohl nicht so gefährlich. »Eine Art Lungenentzündung, die ihre Zeit braucht«, sagte er. Peder ließ sich zurücksinken, ein bleiches Hohnlächeln auf den Lippen. Aber Andrea lief hinunter und erzählte allen, erst der Aasel und dann dem Ola, den sie in der Schreinerwerkstatt fand:

»Er kommt mit dem Leben davon! Er kommt mit dem Leben davon, Ola! Und ich – – , die nicht froh war an dem Tag, an dem ich mich verheiratete!« Sie sah ihn mit großem Erstaunen an.

Und das erzählt sie mir, dachte er. So alt bin ich schon in ihren Augen; so bin ich also.

Auf allen Hängen lag Neuschnee, und alle Sunde lagen spiegelblank da; und Andrea ging umher und war zum erstenmal jung und glücklich; Ola stand lange da und sah um sich.

Er sagte es zu Aasel, gleich nachdem sie vom Stall herübergekommen war. »Sie leuchtete wie der hellichte Tag«, sagte er. – »Ja, die Ärmste, ich habe es gesehen – kannst nicht du mit ihr reden? Mir brauchst du nichts vom Peder zu erzählen. Für uns ist er verloren. Das konnte ich auch dem Doktor anmerken. Aber daß der Kristen heute zur Bank gefahren ist?« fügte sie hinzu. – »Ja, es muß doch noch eine Rettung geben?« Ola war ganz lahm um den Mund wie ein blaugefrorenes Kind. Dann flackerte Röte über sein Gesicht:

»Und unser Herrgott, wenn du ihn bitten – –«

Er hatte sich schon abgewandt, und jedes ging seiner Wege.

Kristen hätte sich wohl für diesen Tag von der Bank freimachen können, Aasel hatte recht; aber er fand so wenig Ruhe daheim, er machte sich Sorgen wegen der Bank. – Aha, dachte er, als er Arnesen kommen sah, und das gleiche dachte er, als Arnesen ein Papier hervorzog und an Heggerud ablieferte. Arnesen zuckte ein wenig zusammen, als er Kristen hier begegnete, aber er raffte sich auf und ging gleich auf die Sache los. Es handle sich darum, ob man ihm dieses Geld ein wenig rasch verschaffen könne? So daß er nicht erst bis zur Bank in die Stadt müsse. Heggerud überflog das Papier und gab es Kristen. Es war ein Blankett auf eine Wechselobligation in der Bank hier, und Peder Haaberg hatte seinen Namen daruntergeschrieben; zweitausend Kronen stand darauf. »Denn rasche Hilfe ist doppelte Hilfe, so ist es nun einmal im Geschäftsleben«, schwätzte Arnesen.

Kristen saß da und starrte auf das Papier, verzog aber keinen Muskel im Gesicht. Heggerud ging auf einen Augenblick hinaus. »Ja, ja«, sagte Kristen. »Ich weiß davon, daß Peder versprochen hat, Euch zu helfen. Und dagegen ist nichts einzuwenden. Aasel ist sogar froh, daß er auf diesen Gedanken kam. Aber war nicht von einer Pfandobligation die Rede? Und handelte es sich nicht um eine viel größere Summe?« Arnesen erwiderte verächtlich, das sei eine andere Sache, das ginge die jungen Leute an. – Aha, dachte Kristen wiederum. – »Aber hier hat zuerst eintausend gestanden? Und mit einer anderen Tinte, soviel ich sehe.« – »Das setzten wir zuerst an, ja, und dann änderten wir es um, siehst du das nicht?«

Kristen schaut Arnesen an. Sie blicken einander in die Augen.

»Du wirst doch wohl nicht anfangen zu – zu –«

»– dich zu betrügen, sag's nur. Doch, darauf kannst du dich verlassen! Das hast du ehrlich verdient, und jetzt sollst du daran glauben!« Arnesen mußte Kristen sogar noch anlachen, der sah aus, als habe man ihn in kaltes Wasser getaucht. »So ist es in der Geschäftswelt«, kicherte er, »dein Geld soll mein Geld werden, hm?«

»Dieses Gesetz ist nicht nur alt, sondern auch gut. Aber es ist nur für erwachsene Leute. Du hast vergessen, daß der Hof noch mir gehört. Und daß der Peder zu Bett liegt. Ja, ja. Willkommen beim Leichenschmaus, morgen!«

Arnesen legte sich zu Bett, als er heimkam. Da verstanden die anderen, wie es auf der Bank gegangen war. Und das war gut so, sagte Mina, denn was hatte er dort eigentlich zu tun? Gjartru gab keine Antwort. Sie sah von dort keine Hoffnung mehr. Ein Traum ist ein Traum, und Arnesen mochte streben, soviel er konnte; und morgen abend mußte Versammlung sein, mochten sie doch auf Haaberg Leichenschmaus halten, soviel sie nur wollten. »Ich weiß, du folgst mir und gehst auch auf die Versammlung«, sagte sie zu Mina; »das freut mich.«

»Auf gar keinen Fall!« sagte Mina; sie erhob sich jäh und ging hinaus. Kleine Schatten flogen über ihr Gesicht, die Augen begegneten dem Neuschnee und der abendlichen Stille draußen und glitten in jungem und frohem Hohn darüber hin: »Auf gar keinen Fall, nein! Den Eltern gehorchen? Das war früher einmal.«

Kristen mied Aasel den ganzen Abend, solange es nur anging, aber ehe er sich's versah, stand er doch mitten vor ihr, und da war denn nichts anderes mehr zu machen, als ihr zu sagen, wie es sich verhielt. – »Er kam mit einem Papier«, sagte er. – »Der Arnesen wohl?« – »Ja, Zweitausend Kronen. Wenn ich den Versuch machen würde, auf diese Weise zu stehlen, käme ich an den Galgen.« Er zeigte Aasel das Papier, das er in die Tasche gesteckt hatte: »Das ist eine schöne Sache, nicht?«

Aasel sah nur Peders Namen; dann stand sie da und starrte die Wand an. Ihre Augen flatterten lind wanderten von einem Gegenstand zum anderen. Ihre Haut hatte immer noch jenes Jungmädchenhafte, aber sie wurde immer durchsichtiger und dünner, man konnte förmlich auf den Augenblick warten, da Alter und Machtlosigkeit hervorbrachen.

»Das ist freilich hart«, sagte sie. »Da haben wir nun all die Jahre her gearbeitet und gespart, und dann geht der, der es einmal haben soll, hin und wirft es einfach weg – das ist hart

»Aber diesmal ist er zu kurz gekommen.«

»Ich rede vom Peder.«

»Ja, aber das Gesetz – –.«

»Ich rede vom Peder. Er ist jetzt das Gesetz.«

Sie sah Kristen nicht an, als sie ihm das Papier aus der Hand nahm und fortging. Er blieb stehen und gehörte nicht zu Haaberg.

Peder lag da und sah zur Decke, wurde nicht gewahr, daß die Mutter hereinkam; Andrea saß still am Fenster, sie sah mit großen Augen auf – es lag ein so scheues Glück darin. Aasel wartete ein wenig. Denn er hatte sie in der Türe bemerkt.

Sein Blick erkannte sofort das Papier in ihrer Hand, noch während er sich herumdrehte, Aasel durchzuckte der Gedanke, daß sein Lächeln dünn war wie die Schneide einer Axt. Jetzt aber sah er den Zweier, den Arnesen eingesetzt hatte, und das Blut stieg ihm heiß in die Wangen. Nur einen Augenblick lang; dann gab er das Papier zurück und blickte wieder zur Decke hinauf. – »Gut, sagen wir also zwei!« Er lächelte wieder. »Sag das dem Vater. Das tut gut; nicht nur ihnen, sondern auch uns.« Er schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke.

Aasel war ganz verändert, so wie Andrea sie noch nie gesehen hatte, als sie sich ihr nun zuwandte:

»Ich danke euch allen beiden. In ihrem und auch in unserem Namen. Es ist falsch, aber es ist vielleicht doch richtig.«

Sie packte Andrea hart beim Arm, als sie in der Tür standen:

»Daß ich dich mit hineinziehen mußte, Kind!«

Andrea küßte sie auf die Stirne. Aasel wurde glutrot und beeilte sich, hinunterzukommen. Mehrere Male griff sie sich an die Stirn und murmelte vor sich hin: »Eigentlich bin ich jetzt genau wieder dort, wo ich mit dem Leben angefangen habe. – Ich sah ihn unter seiner Bürde schwanken.«

Während sich all dies zutrug, lag Anders' Leichnam in der Scheune drüben. Man hatte ihm das Gesangbuch in die Hand gegeben. Aber verkehrt, dies sah Ola; die Hände jedoch hielten es getreulich umschlossen. Im übrigen lag er da, wie der Vater und der Großvater gelegen hatten, mit blauroten Rosen auf den Wangen – den Mund unter dem Bart versteckt wie eine Meinung, die er für sich behalten wollte. Niemand konnte sagen, er läge da und lächelte wie andere.

Am Tag des Leichenbegängnisses erschien Mina mit beiden Eltern. – »Sie sind nun doch mitgekommen«, sagte sie.

Als sie die Leiche in der Scheune anschauten, stand Aasel dem Sarg am nächsten. Sie stand mit dem Tuch in der Hand da, hinter ihr waren die anderen, eine Menge schweigender Menschen. Niemand weinte. Sie standen nur still da. Es war gleichsam, als schreite die Zeit durch ihre Herzen, die Zeit, die gewesen war und die nicht wiederkehrte.

Man hörte Gjartru seufzen. Da breitete Aasel das Tuch über das Gesicht des Vaters, und der Deckel wurde geschlossen.

Ola sang den Vater zum Haus hinaus. Er wählte ein Lied, das kein anderer kannte, und sang allein. Ehe er das Vaterunser betete, sagte er einige Worte. Seitdem der Pfarrer über den Fjord gezogen war, war das nicht mehr der Brauch, die Leute machten sofort ein wenig lange Gesichter und wußten nicht, wie sie das Ganze auffassen sollten. Aasel aber sah ihn groß und ruhig an. – »Hier liegt der letzte von uns«, sagte er. »Er hatte keine Eile, aber jetzt ist er seiner Wege gegangen. Ich will euch nur in seinem Namen Lebewohl sagen und für alles danken, allen, jung wie alt, denn ich weiß, daß er das tun würde. Er hat seine Zeit zu Ende gelebt. Und vielleicht saß er hier und fragte sich, ob er das gleiche von uns sagen könnte. E r hatte die Zeit immer zu nehmen gewußt, gleichgültig wie sie auch sein mochte, für uns ist das schwerer. Das aber mag uns wie ein Gruß von ihm sein: Die Zeit dreht sich, wenn wir uns drehen; wir brauchen Mißjahre und knappe Zeiten nicht länger zu haben, als wir sie selbst in uns herumtragen.«

Es war nicht seine Absicht gewesen, etwas zu sagen, jetzt aber brannte es ihm wie ein Klumpen in der Brust, daß er ihnen alles zeigen müßte, was er sah, ein versengtes und aufpeitschendes Gesicht, es sollte wie eine kalte Hand in sie greifen. Dann aber ließ er es sein – es kam wohl noch einmal die Zeit, da man alles so sagen mußte, wie es war, so armselig wurde das Leben, vielleicht, aber noch lag der Vater hier. In diesem Augenblick stand Andrea auf und ging hinaus, sie wollte wohl im Dachraum nachschauen; er sah ihren Rücken in der Tür – so war der Rücken eines gutherzigen Menschen, und mag sein, daß sie die einzige war, die eine neue Zeit in weiter Ferne schimmern sah. Olas Gesicht erstarrte über den Brauen und bis über die Wangen herab, gleichsam als stünde er da und sähe die Wände rings um sich zurückweichen. Und jetzt war das Vaterunser gesprochen.

Die Glocke sang dünn und gedankenlos über Anders in die leere Luft hinaus. »Und aus der Erde sollst du wieder auferstehen«, sagte der Priester. Allen, die ringsum standen, war es, als hätten sie diese Worte noch nie gehört. Sie räusperten sich, ohne es zu wollen.

Der junge Mond stand schon am Himmel, als die Gäste sich vom Mittagstisch erhoben. – »Ist denn der Mond schon wieder im Wachsen?« sagten sie. Dies kam ihnen beinahe so unerwartet wie die Worte des Pfarrers über Anders' Grab. Aber nach und nach wurden sie sich klar darüber, daß der junge Mond und Anders zu allen Zeiten Freunde gewesen waren.

Auch Peder konnte den Mond sehen, der mitten im Fenster stand und sich ihm zeigte. – »Was will denn der da draußen?« fragte Peder. »Von mir willst du doch nichts. Du sollst ja für die anderen scheinen; und viel Glück dazu übrigens.« Er dreht sich verdrossen herum und richtete seine Blicke auf das Fußende des Bettes, wo Andrea sich hingesetzt hatte. – »Wozu sitzt du hier und läßt den Kopf hängen? Ich sehe doch, daß du das tust. Es ist schlimm, daß ich krank wurde, willst du sagen? Und am schlimmsten für dich, ja, das weiß ich. Aber wer von uns beiden muß unter die Erde, du oder ich?«

Er warf sich in die Kissen zurück, lag lange da und blickte zur Decke und atmete schwer. – »Einen Tropfen Wasser!« bat er. Andrea beeilte sich; Wasser einzuschenken und brachte es ihm. – »Pfui, soll ich denn abgestandenes Wasser trinken? Nein, nein, werd nur nicht wieder blaß, ich habe es nicht so schlimm gemeint.« – »Warte ein wenig, ich laufe schnell!« sie war schon in der Türe und rannte die Treppe hinunter. Als sie mit frischem Wasser zurückkam, war er nicht mehr durstig.

Andrea fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Sie biß sich in die Lippe und glaubte, in ein Stück kaltes Holz zu beißen.

»Du darfst mich nicht schelten, Peder – ich – ich –« Er lag lange Zeit still da. – »Ach! Es ist so heiß hier«, stöhnte er vor sich hin. »Ich koche, bis mir das Fleisch von den Knochen fällt. – geht denn gar kein Wind draußen?«

Andrea trat ans Fenster und sah hinaus: »Jetzt kommt, scheint's, ein Wind auf. Ich hörte ihn im Osten zwischen den Hügeln, ein leises Bauschen.« – »Ja, freilich, der Peder braucht einen Trost. Aber morgen stehe ich auf. Wenn ich nur erst zu arbeiten anfange, bin ich wieder gesund, ich habe das schon früher ausprobiert. He? Glaubst du das etwa nicht?« – »Du mußt noch eine Weile Geduld haben, Peder, dann geht es schon wieder vorwärts. Ich habe Glauben für uns beide.« Er wurde bis in die Lippen weiß: »Geduld haben? Für was hast du mich eigentlich gehalten? Du bist wohl noch nie mit einem Bauern verheiratet gewesen. Aber sag lieber dem Oheim Ola, er solle ein wenig heraufkommen. Dann hast du solange deine Ruhe; glaubst du, ich gönne dir das nicht? Er ist zwar ein Hanswurst, aber du hast dann deine Ruhe, wie gesagt.«

»Red doch nicht so!« sagte sie bittend. Aber sie stand auf und ging hinunter.

Ola kam und setzte sich ans Bett. Peder betrachtete ihn höhnisch. – »Da unten geht's munter her«, sagte er, »aber du kannst wohl trotzdem ein wenig bei mir sitzen. In der Zeit reiße ich wenigstens meiner Frau die Ohren nicht aus.« Er warf sich ins Bett zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirne:

»Oh! Wie sie mich quält!«

»Jetzt schäm dich aber!«

Peder wurde glühendrot: »Tu ich das denn etwa nicht, zum Teufel noch einmal! Den ganzen Tag und die Nacht dazu geht sie wie ein Engel Gottes umher; wie vom Himmel herabgestiegen. Und da liege ich wie irgendein Gewürm. Du solltest nur mit ihr verheiratet sein, dann wüßtest du's. Wenn du ein Wolf von einem Menschen wärest und ein Bauer zugleich und lägest hier und müßtest so eine wie sie das immer sehen lassen? Pfui! Ich bin doch wohl genau so gut wie sie? Jetzt geht der Hof hier zum Teufel; und als sie mich bekam, bekam sie einen Kranken. Einen, der opferte, als es zu spät war. He? Und wenn ich sie zur Hölle wünsche, dann seufzt sie nur und weint vor sich hin. Du warst schlau, daß du verlorst. Warum sagst du denn gar nichts?«

Ola tat so, als denke er an andere Dinge, und das beruhigte unglaublich.

»Aber sag mir eines, Ola: Glaubst du nicht, daß ich wieder gesund werde?«

»Wenn du ein richtiger Kerl wärst, Peder, dann würdest du nicht so fragen. Und dann würdest du gesund werden, ja.«

»Aber sie glaubt es, weißt du. Sie glaubt es für uns beide. Ebenso wie die Menschen, wenn sie glauben, daß bald bessere Zeiten kommen müssen; sie müssen kommen, sagen sie, es wäre ja zu trostlos.« Seine Augen blitzten vor Hohn: er sah dies alles so deutlich vor sich.

Dann kam ein Hustenanfall. Als Peder danach eine Weile still gelegen hatte, fragte er, ob Ola nicht die Nacht über dableiben könne. Und Ola versprach ihm das.

Andrea mußte in der Türe umkehren.

Drunten klang der Lärm der Gäste unverändert weiter.

Am Tag darauf, als Ola hinunterkam, fand er Aasel und Gjartru allein in der Oststube. Er setzte sich zu ihnen.

Durch die südlichen Fenster sah man die Äcker und die Berge gerade gegenüber. Es war alles weiß in weiß vom Neuschnee, und über den Bergrücken sah man bereits die Sonne schimmern; hier auf Haaberg blieb sie auch im Winter nie ganz weg. Kleine weiße Federwolken flogen dem Feuerbrand entgegen, verweilten dort einen Augenblick oder zwei und zogen dann wieder weiter. Ola konnte nicht darauf kommen, an was es ihn erinnerte. Dann wurde er gewahr, daß die beiden anderen dagesessen und miteinander gesprochen hatten, ehe er zu ihnen gekommen war.

Aasel lächelte noch, und über ihr und rings um sie lag eine hohe Ruhe. So hatte er schon früher einmal einen Menschen mitten im Unglück sitzen sehen. Es war schon lange, lange her, und wer war es doch? Jetzt begann Aasel wieder eine Hand über die andere zu legen: – »Ich halte mich an das Alte; denn das wollte der Vater. Und du, Gjartru, du wolltest mit Händen und Füßen vorwärtskommen, durch alles Neue hindurch; denn so wollte es der Vater. Und beide sind wir gleich weit gekommen. Wie der Fisch aufs Trockene.« – »Ich für mein Teil, ich danke Gott dafür!« sagte Gjartru. – »Das tue auch ich. Jetzt sehen wir doch wenigstens den Weg vor uns; jedes auf seine Art.«

Ola wußte nicht, ob Gjartru jetzt erst blaß wurde oder ob sie schon die ganze Zeit so bleich dagesessen hatte. Gjartru sieht Aasel von unten bis oben an; in ihren Augen leuchtet es auf:

»Sag mir, Aasel, kommt es dir nicht ein wenig seltsam vor, daß der Peder die Schwindsucht bekommen mußte?«

»Ja, gewiß. Aber: ich wußte ja, daß die Abrechnung nicht ausbleiben würde. Daß das Leben selber sich melden würde.«

Aasel saß noch eine Weile da; dann stand sie auf. Sie lächelte wiederum, und ihre Augen wanderten von Gjartru zu Ola und hinaus in den hellen Tag: – »Ich wußte, daß die Abrechnung kommen würde; darauf habe ich schon immer gewartet; und wen sollte mir das Schicksal sonst nehmen?« Sie nahm den Tag mit sich, als sie hinausging; die anderen standen auf und verließen hinter ihr die Stube, ohne ein Wort zu sagen.

Ola machte einen Gang durch das ganze Haus; er suchte irgend etwas. Es waren noch einige Gäste vom Leichenschmaus her da, die meisten davon aber waren im Begriff, Abschied zu nehmen. Draußen auf dem Weg zur Küche begegnete er Anetta, und jetzt wußte er, daß sie es war, die er gesucht hatte. Sie schlüpfte gerade in ihre Jacke, wollte fortgehen. – »Finde ich dich also doch, mein Mädchen. Ja, denn jetzt bin ich ganz allein, hätte ich dich nicht, so würde ich auf und davon gehen. Aber wo willst du denn hin?«

Er merkte, daß sie auf dem Sprung war, und diesmal hatte sie wirklich Angst vor ihm.

»Zur Versammlung«, sagte sie. Und als dies gesagt war, hatte sie keine Angst mehr. Wie ein Feind sah sie ihm ins Gesicht. Dann glitten ihre Blicke an ihm vorbei zur Tür hinaus, und dort auf dem Weg standen ein paar junge Burschen und Mädchen und warteten auf sie. – »Ach so, sind die dort auch bekehrt?« wollte Ola schon fragen. Aber er war zu benommen, brachte es nicht zuwege. Anetta war ihm verloren. Sie hatte sich vor ihm gerettet. Sie leuchtete vor lauter Glauben.

»Du gehst aber doch nicht von mir fort, Anetta, wenn ich dich bitte, zu bleiben!«

Wie Stiche durch die Brust waren die Worte gekommen und gegangen, und jetzt lief brennende Röte über ihre Wangen. Nur einen Augenblick lang, dann sah er ihren Rücken in der Türe.

Sie glaubten alle rings um ihn, ein jeder und eine jede; jeder wurde selig in seinem Glauben. Außen herum waren die anderen, die nicht glaubten; die lebten in einem ewigen Mißjahr, waren aber trotzdem glücklich. – »Das ist das Schwerste, was ich je erlebt habe«, sagte er zu sich selber. Ob es nun Trauer oder Freude war, wußte er nicht. Und nun wollte er fortgehen. Zuerst nur einen ganz kurzen Sprung nach Hause, und dann in die Welt hinaus. Sie sollte groß sein, hatte er gehört. Er dachte einen Augenblick an Jens und an Amerika und ließ den Gedanken wieder fallen, wie man einen wasserschweren Balken wieder weitertreiben läßt.

Und das hier war Haaberg.

Aber in diesem Augenblick kommt Mina, in Hut und Mantel und in voller Eile. Das Gesicht leuchtet jung und frisch wie eine Waldblöße voller Preiselbeeren im blanken Herbstmorgen, und die kleine Haabergnase steuert mutig auf ihn zu. Diese Augen konnten einen aufhalten, selbst wenn man schon mit dem Strick unter dem Ast stand. Arthur ist dicht hinter ihr.

»Ja, Onkel, jetzt mußt du mir helfen, du mußt heute noch mit mir in die Stadt zu Toresen, du weißt, er ist Vaters Onkel und ist unglaublich reich, wenn ich nur bis zu dem vordringe, dann findet sich bestimmt ein Rat. Oder es geht mit ganz Segelsund und unserer eigenen Zukunft schief – denn wir nehmen nicht das geringste von denen hier auf Haaberg an, das ist ganz unmöglich, wir wollen selber zurechtkommen – beeile dich jetzt, dann nehmen wir den Dampfer! Mit dem Vater will er nichts zu tun haben, weißt du, aber jetzt soll er dran glauben – kannst du denn nicht schneller machen!«

»Ja, und der Arthur?«

»Pah, er

Ola nahm seinen Mantel und seine Mütze. Mina drehte sich zu Arthur herum und strich ihm mit der Hand über den Arm:

»Ja, du weißt, daß du schon auch mitkommen darfst.«

Ola erzählte Aasel, wie die Sachen standen, sie kam gerade durch den Gang. – »Und nun ist also Haaberg gesichert«, sagte er.

Sie blieb stehen und war ganz sprachlos. Der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde immer leerer und leerer. – »Hm, hm!« sagte sie. »Ja, ja, Mina« – jetzt lächelte sie ihr zu. »Und ich, die dich früher nie beachtet hat. Ich fange erst jetzt an, auf die Leute rings um mich zu achten. Aber du lebst ja mitten in der Gemeinde, du; dort, wo man leben soll.«

Mina hörte das nicht mehr, sie war schon fort. Arthur konnte ja mit dem Schlitten nachkommen.

Aasel drehte sich um und ging hinein. Kristen sah ihre Hände an, als sie von Mina erzählte. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt, und das bedeutete, daß sie nicht so ruhig war, wie sie dastand, sie war nicht allzu froh.

»Aber es war doch aufrichtig gemeint«, sagte sie. »Ja, ja, aber der Peder hat nun doch getan, was er konnte. Vielleicht habe ich mich damals zu sehr gefreut.«

Sie einigten sich darauf, Peder nichts davon zu erzählen.

Andrea gebrauchte Aasel gegenüber die gleichen Worte, als sie von der Sache hörte: Der Peder hat doch getan, was er konnte.

Aasel stand da und sah vor sich hin. Andrea fühlte sich ganz allein gelassen.

»So mußt du ihn betrachten, Kind. So wie ich es jetzt eine Zeitlang getan habe. Ich – werde ihn wohl so sehen, wie er ist.«

– – – Ein paar Tage darauf kamen sie mit dem Ruderboot aus der Stadt heim, und Toresen hatte Hilfe zugesagt. Mina und Arthur übernahmen Segelsund. Auf diese Weise hatten sie zunächst genug zu tun. Gjartru und Arnesen reisten zusammen mit Jens nach Amerika. Er hatte eine ganze Schar dabei, junge und ältere Leute. Das kam daher, daß es hier im Lande nach lauter Mißjahr und Verlust aussah.

Das Unwahrscheinliche trat ein: Aasel ließ die Häusler von Haaberg zu sich kommen und stellte ihnen frei, ihr Stück Land zu kaufen. Die Hände in die Seiten gestemmt, stand sie da und sprach es aus, sie meinte es ehrlich mit ihnen, das konnten sie sehen. Die Häusler jedoch erklärten, sie wollten sich nicht ewig hier abrackern, aber Dank und Ehre für dieses Angebot. Man müsse versuchen, sich aus diesem armseligen Leben herauszuretten und in ein besseres Land zu kommen; oder, wenn man das nicht könne, sich in dem Glauben an Gott zufrieden zu geben und sein Sklavenleben zu Ende führen. – »Ja, wenn ihr's so empfindet, dann ist es auch so«, sagte sie, und dann seufzte sie und ließ sie stehen.

»Und du, Ola?« sagte sie, als er an ihr vorüberkam und zu Peder hinauf wollte. »Es sah doch neulich beinahe auch schon so aus, als wolltest du fortfahren?« Und dann drehte sie sich ab und schaute durch die Gangtüre hinaus: Hier gab es keinen einzigen mehr, der irgendeine Last auf sich nehmen wollte – der die Gemeinde auf den Rücken nehmen und vorwärtstragen wollte, wie würde das wohl enden?

»Nein, ich will hier den Küstertod sterben. Aber ich warte auf den, der kommen soll.«

»Der kommen soll, ja … Ich meine, wir sollten lieber selber kommen.«

Es war so merkwürdig, wie er so auf der Treppe stand. Er sah alles vor sich genau so wie Aasel: Peder lag oben und sollte sterben, und der Hof war wie ein lebendes Wesen, das darum wußte, es aber nicht begreifen konnte; und dahinter lag die Gemeinde mit Häusern und Menschen – Schatten und Sonne überall –, und sie nahmen ihre Bürde auf sich und trugen sie nicht besser und nicht schlechter, als sie konnten. Es fiel ein so sanftes Licht darauf, alles wurde so himmelhoch und groß, wenn er es mit ihren Augen betrachtete. Still setzte er sich auf die Treppe. Er hatte bisher noch nie gewußt, was Hoffnung war und wie schwer man an ihr trug.

In den Nächten saß er oben bei Peder. Die Nacht ist so lang, im Winter, für den, der nicht schlafen kann, und da war Ola der einzige, den Peder um sich haben mochte. Tagsüber ließ er Andrea nicht von sich fort.

Alle Augenblicke fragte er: »Schläfst du, Oheim?« Und gleich darauf dann: »An was denkst du jetzt?« Erst gegen das Frühjahr zu, als er nicht mehr lange zu leben hatte, kam er eines Nachts mit dem heraus, was ihn ständig geplagt hatte: »Hast du nie geglaubt, daß aus mir ein ordentlicher Kerl hätte werden können?« – »Aus dir?« – »Nein, ich glaube es selber nicht. Hier wächst kein Häuptling mehr heran. Er braucht's wohl auch nicht; sie müssen jetzt mit sich selber zurechtkommen, die kleinen Leute.« Dann lag er eine Weile da, als verbeiße er ein Lächeln. Die Finger zuckten und tasteten auf der Decke herum. – »Das aber sehe ich jetzt selber ein, Oheim, daß es nicht diese dumme Geschichte auf Juwika war, die mich in die Knie zwang. So geht es in der Welt nicht zu – dann wäre es allzu einfach. Jetzt wird die Mutter diese Sache tragen müssen; sie ist zum Tragen geschaffen.«

Er war wie ein kleines Kind, ehe er starb, und da mochte er am liebsten die Mutter um sich haben. Ola wollte er nicht sehen. – »Hinter dem steht der Leibhaftige!« flüsterte er.

Aasel drückte ihm die Augen zu, und dann legte sie den Arm um Andrea und führte sie hinaus.

Gleich nach dem Leichenbegängnis zog Ola nach Segelsund. Man brauchte ihn dort.

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