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Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin1/juwikin1.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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4

Nein, Anders zweifelte nicht daran. Es lag wohl in allem ein Sinn, und warum sollte der nicht gut sein? Ihn dünkte, er habe ihn schon früher beinahe erfaßt, oftmals.

Aber zunächst bekam er etwas anderes zu denken als an sich selbst. Das Unglück hatte jetzt den Weg zum Hof gefunden. Es wollte nun das Seine, und vor dem Unglück konnte man nicht die Türe zuschlagen.

Mit Gjartru fing es an. Sie hatte ihm etwas zu erzählen; ihm war es, als könne er dies sehen, und je länger es dauerte, bis sie mit allem herausrückte, desto schwerer legte es sich auf ihn. Dann eines Tages, als sie ihm das Essen in die Kammer brachte, fragte er geradeheraus: »Wie steht es denn mit dir und dem Lensmann?« Es war viel leichter zu fragen, jetzt, da er eine Binde vor den Augen hatte. – »Ich habe ihn in letzter Zeit nicht mehr gesehen«, antwortete sie. – »Sag die Wahrheit, Gjartru! Mir.« Gjartru dachte daran, daß er blind und hilflos sei, und so erzählte sie ihm, wie es stand. Es war zu Ende. Anders saß da und ließ die Finger umeinanderkreisen.– »Du hast ihm wohl ein wenig zuviel gesagt?« – »Das kann schon sein.« – »Aber trägt er denn die Nase so hoch, daß er nichts mehr begreift?« – »O nein, o nein. Nein, er sagte nur, ich sei eine dumme Gans.« – »Ja, und?« – »Ja, und dann sagte er mir, gerade ins Gesicht, daß er auch nicht viel besser gewesen sei; er hätte es unglaublich getrieben, sagte er; er habe das Leben mitgelebt, sagte er.« – »Siehst du, siehst du: Ein ehrlicher und gerader Kerl – das habe ich ja immer gesagt!«

Wie ein Schrei drang es zu ihm, es klang, als sei sie am Ertrinken, aber so von Herzen trotzig, daß es dem Mann ganz warm ums Herz wurde:

»Aber ich will ihn nicht haben, hört Ihr, Ihr müßt doch wohl begreifen – –!«

Sie weinte wohl, er glaubte es zu sehen.

»Die Weiber, die Weiber«, seufzte er. »Ihr seid seltsam

Aber er verstand sie, verstand sie mit jeder Faser. Pfui Teufel, wie widerlich er ihr sein mußte!

Nicht lange danach kamen sie zu ihm und erzählten, Jens sei krank. Das Nervenfieber herrsche in der Gegend und habe viele ergriffen. – »Ich kann nicht glauben, daß es den Jens unter die Erde bringt«, sagte Anders. »Denn wenn er die Pocken überstanden hat, dann übersteht er wohl auch noch etwas anderes; er ist nicht aus so feinem Zeug.« – »Nein«, sagte Beret, die es ihm erzählt hatte, »aber das Schlimmste ist, daß er Segelsund gekauft hat, und noch dazu zum doppelten Preis, hat der Brede gesagt, und der weiß es.« – »Neun- bis zehntausend wohl?« – »Ja, zehntausend.« – »Da hat wohl der Per für ihn gutgesagt?« – »Ja.« Beret ging, und Anders murmelte vor sich hin: Kommt jetzt noch mehr dazu?

Mit der Beret stand es übrigens auch nicht zum besten. Sie hatte in diesem Winter zwei Anfälle gehabt, und der letzte war schwer gewesen; Brede hatte seine ganzen Kräfte gebraucht, um sie zu bändigen. Anders wartete von Tag zu Tag darauf, daß Brede eines Tages ausbleiben und nie wiederkommen würde; aber so schlimm ging es doch nicht. Statt dessen kam er und sagte, sie wollten jetzt heiraten und nach Grönsetvika ziehen, denn dort, meinte er, würde es besser für sie sein. Mit der Hochzeit wollten sie warten, bis Anders' Augen wieder gut seien und bis Jens gesund wäre. Anders freute sich darüber, aber er entbehrte sie schwer, als sie fortgezogen waren. – »Das Unglück frißt mir alles weg«, sagte er.

Eines Tages tappte er zu Per und Marja in die Stube. – »Du willst wohl zu Jens gehen?« sagte er. Und so war es. »Aber dieses Nervenfieber ist eine Hundsseuche, sie steckt einen an und verfolgt einen wie Gestank.« – »Ja«, sagten beide, Per und Marja. Sie hätten das gleiche gehört, und es sähe ganz so aus, als sei etwas Wahres daran. – »Du wirst also nicht hingehen, nein«, sagte Anders. »Denn er hat ja diese alte Bärin, die Maerit, die ihn pflegt.« – »Mir ist es, als müßte ich trotzdem hinüberschauen.« – »Du darfst nicht!« sagte Marja. Anders sagte nichts mehr; er saß da, wischte sich den Schweiß und atmete schwer. – »Ich werde mir's überlegen«, meinte Per; und Anders wußte, dies bedeutete, daß er gehen würde. Und er ging auch wirklich.

Und es kam so, wie Anders vorausgesagt hatte. Per ging Nacht für Nacht hinüber und wachte dort, und Jens überstand es, und Per wurde krank. Als Anders dies hörte, sagte er:

»Ich will nicht einmal fragen, ob ich tauschen darf, ich werde ja doch nicht krank. Mögen sie ihn mir doch nehmen.«

Er zog nun mit seinem Stuhl in die Oststube hinüber, und dort blieb er am Bett sitzen, ununterbrochen beinahe, bis es zu Ende war. Per lag da und redete irr, gleichsam als habe er bisher zuwenig gesagt. Anders hörte nicht darauf, wollte kein Wort davon hören, und es sollte auch niemand anderer hören. Sie hielten sich im übrigen alle von selbst fern, ja sogar auch die Frau. Anders lächelte, er sah, wie ängstlich sie war, wenn sie einen Augenblick an die Tür kam. Tag und Nacht waren er und Per allein, und so wollte er es haben. – Bisweilen redete er ein wenig mit Per, es war nur ein Flüstern, und meistens waren es die gleichen Worte: »Daß ich es einmal sein würde, der dich pflegt, Per, und nicht umgekehrt. Wer wird mich einmal pflegen, was glaubst du? Ja, ja, ja. Erst drückte ich dem Vater die Augen zu. Jetzt erwarten sie das hier von mir.«

Keiner konnte Anders eine besondere Trauer anmerken, als Per beerdigt wurde. Er war mit auf dem Kirchhof und hielt beim Leichenschmaus aus bis zum letzten Mann. Er war nur ein wenig schwerhörig geworden. Er sei so abgestumpft, glaubten sie, ginge in die zweite Kindheit hinüber; viel war nicht mehr von ihm übrig. Er wußte, daß sie das sagten; aber dies war etwas, was ihn nichts anging. Und er blieb eine Weile stehen und wunderte sich: Beim letzten Leichenschmaus, da waren sie doch alle dicht um ihn herum, da spürte er ihren Atem im Gesicht, sie fingerten überall an ihm. Jetzt waren sie so weit weg. Sie sprachen davon, die Kirche an einer anderen Stelle aufzubauen; darin waren sie mit ihm einig, was sagte er dazu? – »Wir müssen warten und es wohl bedenken«, meinte er. »Laßt euch Zeit, Kinder!« und es hörte sich wirklich an, als rede er mit einer Kinderschar.

Die Tage darauf ging er umher, als suche er etwas, tappte herum und tastete sich von der Wand zur Türe, durchs ganze Haus hindurch. Die anderen wichen ihm am liebsten aus. – Dann blieb er eines Tages ruhig sitzen. Denn Per war fort, das war nun nicht mehr zu ändern. Kein Mensch würde mehr etwas über ihn zu wissen bekommen. Kein Wort mehr von ihm hören, nein.

Jens war schon wieder gesund und mitten im Leben. Jetzt sollte er nach Segelsund ziehen und allen Ernstes anfangen. Da kam der Schlag. Er verkrachte mitten im Umzug. Jens war zum Handelsmann geboren, darüber waren sich alle einig. Er war ein offener und unternehmender Bursche, so treuherzig, daß man ihm bis auf die Knochen sehen konnte, schien es den Leuten, er erzählte drauflos, selbst, daß er sie auch übers Ohr hauen könnte, wenn es darauf ankäme, und während er dies sagte, betrog er sie so fein, daß es nicht besser getan werden konnte. Waren schaffte er sich unzählige an und gab auf Borg, jedem, der kam. Er wollte kein Knauser sein. Die Leute kamen und halfen ihm beim Umzug, eine Last nach der anderen fuhren sie für ihn nach Osten, und die meisten wollten nicht einen Heller dafür nehmen; das war ein Spaß, und er war jedermanns Freund. – Anders hörte nur das Echo davon, und nach und nach rückte es ihm näher. Zuletzt lebte er ganz auf: »Heute fahren sie mit der letzten Last. Man muß sich einen Ruck geben und helfen, wenn es nötig ist. Denn vorläufig hat er noch nichts weiter als Schulden, und teuer hat er gekauft – ganz als hätte ich's selber gemacht; aber warte nur, dann wirst du sehen.«

Jens sagte das gleiche, er war gerade im Begriff, den Laden in Vaagen abzusperren. Und dann fügte er hinzu: »Leb wohl und hab Dank. Jetzt ziehen wir aus, der Jens und ich; jetzt fangen wir das neue Leben an.« Das war frisch gesagt, fanden die Kameraden, die dabeistanden.

Als sie aber auf Segelsund ankommen, tritt die Frau zusammen mit einem fremden Mann heraus. Viele Leute hatten sich versammelt; die einen halfen beim Einräumen und andere wollten nur zusehen. Es kam schließlich auch nicht jeden Tag vor, daß ein Bauernjunge auf Segelsund selbst Einzug hielt. – »Aber ich habe es schon immer gesagt«, sagte einer, »was der Anders nicht zuwege bringt, das bringt der Jens zuwege.« – So hatten viele gesagt. Die Frau ist rot im Gesicht, trippelt umher und ist nicht, wie sie sonst zu sein pflegt. Sie bittet Jens, mit ins Haus zu kommen. Die Leute folgen ihnen mit den Blicken und sehen dann einander an.

Ja, sie wolle nur fragen, wie es denn jetzt mit dem Geld und der Sicherheit stünde? Denn sie müsse es jetzt gleich haben, sie habe selbst eine Zahlung zu machen, und Per sei tot, und Haaberg sei verschuldet und beliehen, soviel sie gehört habe – ob er jetzt gleich die Hälfte beschaffen könne? Dann könnte sie mit dem Rest warten, davon würde sie nicht abgehen, aber wie gesagt – wie gesagt – und hier sei einer, der ihr zehntausend Speziestaler bar auf den Tisch biete! Und Segelsund sei eine gewagte Sache für einen – einen – ja, für einen Bauern eben.

Jens sah sie an, seine Lippen bewegten sich im Takt mit ihren Worten; dann stand er mit einem kleinen Grinsen da:

»Ich habe gemeint, ich, ein Wort ist ein Wort, und ein Mann ist ein Mann?« Den Rest verschluckte er.

Ja, Gott bewahre! Und das hier sei wohl arg, aber was sollte sie tun? Und er habe ja auch sein Wort nicht gehalten, habe bis heute, weiß Gott, noch keinen roten Heller auf den Tisch gelegt. »Das müssen Sie erwägen!« sagte sie.

»He! Und ich habe noch dazu gedacht, zu fragen, ob ich nicht hier eintausend Taler geliehen bekommen könnte – ich brauche jetzt Handgeld zu allem möglichen.«

Sie winkte mit beiden Händen ab und sagte eine lange Geschichte her, und als sie damit fertig war, sagte Jens: »Amen!« und ging hinaus.

Die beiden anderen kamen nach, und jetzt ergriff der fremde Mann das Wort; er bot Jens tausend Taler für die Waren und alles übrige und hundert Taler obendrein für den Umzug und die Mühe!

Es wurde still in der Menge. Viele Münder standen offen. Aber die Leute begriffen, und sie errieten, während sie so dastanden, und als Jens antwortete, waren sie bereits mit sich im reinen: Da stand er da wie ein armer Schlucker vor Gott und aller Welt!

»Amen!« sagte Jens, stieß ein kurzes Lachen aus und sah sich in der Menge um – sie sollten auf ein anderes Mal warten, dann würde er mit ihnen abrechnen. Und Dank für die Hilfe! Er ging wieder hinein.

»Da ging der Trottel!« hieß es hinter ihm. Und dann gab es ein langes Gerede, so weit habe es nun der gebracht, und so weit könne es ein jeder von ihnen bringen, und jetzt sei es kein Vergnügen, wieder nach Haaberg heimzukehren. Und jetzt gäbe es gewiß Regen, Gott sei Dank, und das sei auch wirklich höchste Zeit für Äcker und Wiesen.

»Ein wahres Glück, daß es so glimpflich abgelaufen ist«, sagte Anders, als Jens heimgekehrt war und es erzählte. »Nun ist Haaberg gerettet.« – »Haaberg!« sagte Jens verächtlich. »Nein, jetzt fahre ich meiner Wege. Geradeswegs nach Amerika, wenn du schon davon gehört hast.« – Das hatte Anders, und froh war er nicht; aber der Junge mußte fort, das war sicher, und vorläufig saß ja er selber noch lange auf dem Hof.

Er rechnete im stillen damit, daß Ola den Hof übernehmen würde. Der aber gab ihm nie eine Antwort darauf. Und im Sommer, als Jens fortfahren sollte, machte auch Ola sich fertig und reiste fort, zur Lehrerschule. Anders mußte ihnen beiden Geld leihen, und er wußte niemand als ihre Schwestern, zu denen er gehen konnte. Aber dort war nichts zu holen. Sie hatten ihr Geld Jens bereits geliehen, ebenso wie Ola, damit er die Schulden loswerden konnte, ehe er fortfuhr. Da schickte er nach Juwika, zur Muhme Aasel, und sie kam, so alt sie war. Sie war die einzige, der sich's gut zuhören ließ, wenn sie redete, schien es Anders; und das Geld bekam er aufs erste Wort.

Am Tag der Abreise hieß Anders die Söhne in die Kammer kommen. Zögernd traten sie über die Türschwelle. – Soso, sie wollten jetzt also von ihm fortreisen? Ja, ja. Das war recht und in Ordnung. Es war so bestimmt.

»Und dich, Ola, werde ich ja wohl wiedersehen, oder?«

Er kam ja auf alle Fälle wieder, ja.

»Ja, sehen, sag ich, he! Aber laß dir's gut gehen. Und wenn du's bis zum Pfarrer bringen könntest, dann wollte ich nichts dagegen haben. Sieh zu, daß du dir einen Platz unter den Oberen verschaffst! Das wäre doch wirklich etwas! Du hast doch den Kopf dazu, du.«

Ola zuckte mit den Schultern: Den Kopf habe er, ja, aber nicht den Hals. Der sei zu kurz für die Krause. Anders lachte und meinte, er solle ihn strecken. Und das versprach Ola. Anders wandte sich Jens zu:

»Eines sollst du nicht vergessen, Jens: Nimm dir nicht zuviel vor. Es ist wie mit der Sense; wenn du zuviel auf einmal nehmen willst, dann schneidet sie nicht. Aber ein Spaß müßte es sein, Junge, mit dir zu kommen. In ein neues Land. Ich habe ein so seltsames Gefühl: daß es hier in dem Lande nun zu Ende ist.«

Sie nahmen Abschied und fuhren fort, und Anders tappte in seine Kammer zurück und setzte sich wieder hin. Jetzt fehlte nur noch eines: daß sie ihm den Hof nahmen, dann mußte er doch wohl bis auf den Grund gekommen sein, glaubte er. Aber noch zwei Dinge warteten auf ihn. Das eine war, daß der Lensmann zum Pfarrhof ging und freite, nachdem Jens aufgehört hatte, und Gjartru blieb im Dachraum oben und weinte. Das andere war, daß Beret vollkommen närrisch wurde und ins Irrenhaus geschafft werden mußte, daheim konnte man sie nicht mehr haben.

5

Aber sie nahmen Anders den Hof nicht. Die Schulden waren nicht so groß; und die Frau des Sohnes würde wohl kaum einen Erben bringen. Er sprach eines Tages mit Gjartru darüber: Ist sie unfruchtbar, die Marja, oder was ist mit ihr? Gjartru mußte lachen und sagte, es sehe wohl beinahe so aus. Ja, gut so, Anders war dies recht. Er wußte nicht, woher es kam, aber sie sollte nicht die Mutter des neuen Haabergbauern sein.

Als Aasel heimkehrte, wußte Anders, daß sie etwas Gutes mitbrachte. Er war jetzt ganz drunten gewesen. War nicht imstande, eine gute Nachricht entgegenzunehmen, er hatte keinen Geschmack mehr daran. Aber auch das mußte sein, und von nun an konnte er stillsitzen und es von selber herankommen lassen.

Sie erzählte, daß sie mit dem Knecht auf Paalsnese verlobt sei, und zum erstenmal sah er sie froh. Ja, er sah dies. Ihr Gesicht war neu geworden es errötete so jung und weich, und die Augen schienen ihm blau entgegen und versprachen sich die ganze Welt, jetzt blinzelte sie rasch, streckte ihm gewiß die Hand entgegen – es ist oft ein kleines Ding, was ein Kind freut!

Dies war bei der Auktion so gekommen, die sie abhielt. Denn da betrank er sich und blieb im Holzschuppen liegen. Sie bat einen einigermaßen nüchternen Mann, ihr zu helfen. Er war so schwer, daß sie ihn nicht weiterbringen konnten als bis in ihre Kammer, und dort legten sie ihn aufs Bett. Am Tag darauf wollte er sich unbemerkt davonschleichen, aber dies gelang ihm nicht, denn sie stand gerade in der Küche und richtete sich einen Morgenimbiß. Er setzte sich auf die Herdstätte, saß da und sprach kein Wort. Sie zwang ihn, etwas zu essen, und dann ging er. Noch nie hatte sie einen Mann gesehen, der so bereute. Als er gehen wollte, griff er nach einem Wandbrett und riß es herunter, schlug es dann mit der Faust wieder fest und sah um sich, daß man glauben konnte, er wolle ein Unglück anrichten.

Am nächsten Tag sollte sie von Paalsnese wegziehen, und in dieser Nacht lag sie da und brachte die Augen nicht zu. Es war so schwer wegzuziehen, sie konnte sich nicht erklären, wie dies kam. Ihr schien es, als müßte sie alles mit sich nehmen. Sie stand auf und ging hinaus; und es war solch eine seltsame Nacht, dunkel und öde war es und totenstill in der Luft, aber unten am Ufer rauschte die See so schwer. Da ging sie zur Scheune hinüber, wo Kristen lag. Es dünkte sie, als sei sie die einzige, die noch aus dem Juwikinggeschlecht übrig war, und sie tat, wie sie wollte. Und so kam es, daß sie selbst freite. Er lag da und hielt ihre Hand und zerdrückte sie fast, und da sagte sie: »Ja, du sollst mich schon kriegen, Kristen, auch wenn du nicht so stark drückst.« Sie blieb bis zum Morgen bei ihm. – »Aber auf Treu und Glauben, wie ein anständiger Mensch!« sagte sie.

Anders lachte, als sie das sagte. »Meinethalben gern!« meinte er.

Aber Aasel berichtete weiter. Der Kristen war nicht wie irgendein anderer Bursche. Er war ein guter Mensch. Und hinterher erzählte er ihr, daß er Geld auf der Bank liegen habe und von Bauern stamme; er hatte nur Lust gehabt, sich in der Welt umzusehen. Und sie würden es wohl vorwärtsbringen, meinte sie. »Denn etwas Gutes kommt selten allein, nicht weniger als etwas Schlechtes. Und ich sehe deutlich, daß der Herrgott dies so gefügt hat. Seht Ihr das nicht auch?«

Na, Anders sah so wenig, jetzt in der letzten Zeit. Da mußte schon sie selber sehen, die sehen konnte.

Ja, er sollte es noch einmal merken können, daß die Haabergsippe etwas taugte; denn der Kristen und sie, sie waren von der rechten Art, sie wollten empor und vorwärts. – »Und so groß und schön wie er ist!« fügte sie hinzu.

»Die Weiber, die Weiber!« lächelte er, als sie gegangen war. »Aber sie kann sich so dumm anstellen, wie sie will: sie ist doch die einzige von ihnen allen miteinander!«

Und jetzt wollte er diese junge Frau, die hier umherging, loswerden. Kam sie nicht sogar eines Tages zu ihm und sagte, sie müsse nun fortgehen und sich einen Knecht dingen! »Laß das sein«, hatte er gesagt, »denn das werde ich ordnen!« – Er? meinte sie verächtlich. Er habe wohl genug damit zu tun, dazusitzen, wo er sitze. Jetzt wollte er ihr sagen, wer den Hof bekommen sollte.

Er hatte sich kaum erhoben, als sie auch schon vor ihm stand. Sie wollte wissen, ob Aasel auch hierbleiben solle? – »Ja, Marja«, sagte er, »jetzt müssen wir jedes in unsere Kammer ziehen; oder sollen wir beide zusammenziehen?« – »Ja, das wäre dir wohl recht! Und weil ich schon dabei bin: ist es nicht am besten, wir schreiben gleich den Austragsbrief ?« – »Du kommst noch früh genug in den Austrag«, sagte Anders. – Sie? Jetzt mußte sie aber wirklich lachen! Dachte er etwa daran, sie von hier fortzujagen? – Oh, das brauchte es wohl nicht. Sie dürfe hierbleiben, solange er lebe. Im übrigen: hundert Taler habe er zwar nicht, aber an dem Tag, an dem sie wieder heimreisen würde, wollte er ihr das Geld auf den Tisch herzaubern. – »Ach, leck mich –!« antwortete sie, und draußen war sie und schlug die Türe hinter sich zu, daß das Haus nur so dröhnte. Diese gehässige Dummheit bei ihr war es, die ihn so wunderbar stärkte. Mit Leuten von der Art konnte man leicht fertig werden.

Mitten in der Nacht stand er auf, hüllte sich in ein weißes Tuch und tastete sich in die Stube zu ihr hinüber, stand im Halbdunkel in der Türe und war wie geradeswegs vom Kirchhof gekommen. Sie erwachte, setzte sich im Bett auf, keuchte und brachte kein Wort hervor. Endlich fragte sie, wer es sei – die Stimme pfiff nur noch.

»Der Per, wie du siehst!« kam die Antwort, er lachte wie ein Toter, so dünkte es ihn selbst.

Sie fiel ohnmächtig zurück, und Anders stahl sich wieder in seine Kammer.

Am Tag darauf kam sie zu ihm und sagte, sie könne ja heimgehen. Ob sie dann auch die hundert Taler bekäme?

Die sollte sie haben, wahr und wahrhaftig, und da machte sie sich fertig und zog fort.

»Du weißt«, sagte er, »wenn du einen Sohn kriegst, dann gehört der Hof ihm. Aber das glauben wir nicht, weder du noch ich.«

Anders lachte herzlich, als sie ihrer Wege gegangen war. »Gespenster machen, das ist auch das Letzte, wozu ich tauge.« Und jetzt solle sie ihren Goldbuben bringen, wandte er sich zu Aasel, damit er ihn ansehen oder vielmehr befühlen könne.

Am Sonntag kam er, und Anders redete über dieses und jenes mit ihm und konnte ihn gut leiden.

Sie wurden sich darüber einig, daß er Haaberg kaufen solle. Tausend Taler sollte er geben, so wie es dastand, und die Hälfte könnte auf dem Hof stehenbleiben. – Und hundert Taler müsse er sofort haben, sagte Anders. – »Ich muß erst heimgehen, aber in zwei Stunden bin ich wieder da«, antwortete Kristen. Da lachte Anders laut: »Es ist nicht dumm, wenn man auf diese Art dumm ist!«

Dies sei nun ihr Brot, sagte Aasel.

Brot?

»Ja, du weißt: Laß dein Brot über das Wasser fahren; so wirst du es finden auf lange Zeit.«

»Hm. So also. Ja, das hast du gesagt.« Er saß da und wiegte den Kopf hin und her. Sein Brot aufs Wasser werfen, das war eine harte Sache. Das hatte er nie versucht; er war nicht dazu geschaffen. Aber die waren weise, die es taten. Und eine seltsame Macht mußte in ihnen sein. »Verflucht, ich bringe es nicht fertig!« seufzte er. »Nein, Gott bewahre mich, zu denen gehöre ich nicht.«

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