Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Olav Duun >

Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin1/juwikin1.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
Schließen

Navigation:

3

Um diese Stunde war Petter auf dem Weg von Vaagen zur Kirche. Er war gründlich angeheitert, aber er hatte keine Mühe, auf dem Weg zu bleiben. Und schließlich kümmerte er sich auch gar nicht um den Weg, er ging lieber am Waldrand entlang; denn der Harsch trug einen überall. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte, und glaubte er jemand kommen zu hören, trat er vom Weg ab und hinter einen Baum oder einen Fels. Denn heute abend ging Petter auf Schleichwegen. Heute abend war er unsichtbar. Und morgen sollten sie keine Fährte von ihm finden. – Ich bin einen Tag zu spät daran, dachte er; denn der Anders war gestern bei der Kirche; aber es muß doch gehen. Von Zeit zu Zeit griff er sich nach der Brust, vorsichtig, als trüge er dort einen lebendigen kleinen Vogel. »Ihr werdet mir doch nicht naß werden?« redete er vor sich hin. Es war ein Bündel von diesen kleinen Spänen, wie sie der Landhändler hatte: man brauchte sie nur auf dem Hosenhintern oder auf einem anderen trockenen Fleck anzustreichen, dann fingen sie Feuer. Petter blieb unter einer buschigen Fichte stehen, holte einen von diesen Spänen heraus, strich ihn am Joppenfutter an und hielt die Hand schützend darüber. Das Holz brannte. »Das riecht nach Schwefel und Hölle«, lachte er, »da weiß man gleich, wozu sie bestimmt sind; diesmal habe ich das Glück auf meiner Seite.«

Einige Zeit nach Anbruch der Nacht stand er bei der Kirche, nachdem er vorher gut um sich geblickt hatte. Es schneite noch ebenso dicht, sie konnten kaum die Augen aufmachen, wenn sie vors Haus hinaussahen. Und im übrigen schliefen sie wohl alle wie ein Stock, einer wie der andere. Einzig und allein der Petter nahm die Welt nicht so leicht. Er kroch unter die östliche Vorhalle, dort sah es wie in einer Rumpelkammer aus, und er zog eine Kiste mit Stroh hervor. Sie stand noch hier, seitdem die neuen Fensterscheiben eingesetzt worden waren. Er trug die Kiste zum Turm vor, brach dort einen Stein aus der Grundmauer, sie taugte nicht viel, und stopfte das Stroh unter den Holzboden hinein. Dann holte er aus jeder Tasche ein Bündel Hobelspäne heraus und legte sie in das Stroh, ging dann wieder zurück in die Ostvorhalle und suchte unter dem Gerümpel, bis er eine Kanne mit einem Rest Tran fand. Es war wie ein kleines Wunder oder ein Zeichen, daß er die hier im Sommer vergessen hatte. Den Tran schüttete er auf die Hobelspäne und das Stroh. Jetzt mußten die kleinen Dinger heraus, die Zündhölzer. Sie brannten, als seien sie gesegnet, und das Feuer flammte willig auf. Dann aber erstarb es. Petter wurde ganz nüchtern dabei. Er fühlte, daß er schwitzte, sicher war er krank, aber brennen sollte es und mußte es. Er machte ein kleines Loch in der Mauer gerade gegenüber dem ersten, und dann strich er wieder die Zündhölzer an und blies dazu. Und er gab nicht eher nach, als bis es auch wirklich brannte; das Feuer fraß rings um sich wie das Maul eines Ungeheuers.

Seltsame kleine Erinnerungen durchliefen Petter, daß er nüchtern sei und an einem anderen Ort, wohl als kleiner Junge und daheim bei der Mutter. Denn das hier war ein Unglück. »Du hast mich nicht nur zum Mörder, sondern auch zum Brandstifter gemacht, du Anders«, winselte er. Aber früher war es nur seine Gutmütigkeit gewesen, die ihn dazu gebracht hatte – wie damals mit dem Steinrutsch: das meiste daran hatte er erst danach hinzugedichtet, um groß und dick damit zu tun. Das hier war etwas anderes – ach ja, wahrhaftig. Dann tröstete er sich selber und redete sich gut zu: »Du, Petter, du bist doch, verflucht noch einmal, ein echter alter Juwiking, du; du bist ein gefährlicher Kerl.« Aber dies verschlug nicht, nein; und es war gleichsam, als stünde einer hinter ihm und fache das Feuer an und sage: »Dummkopf, der du bist. Du weißt, daß du nur ein Auswurf bist. Aber ich will dir schon helfen!«

Wild blies er in die Flammen, es mußte noch einmal so hell brennen, hier ging es um mehr als ums Leben. So, jetzt war er gerettet. Das Feuer hatte bald ein Loch in den Boden gefressen, es züngelte empor und fraß das Holz, als gäbe es nichts Besseres.

»Jetzt, Anders, jetzt bist du gestern unvorsichtig gewesen mit dem Feuer; mit der häßlichen Pfeife, die du dir zugelegt hast. Diese Reise soll dir schlecht bekommen. Erst hast du mit der Farbe betrogen, das weiß ein jeder, der es nur wissen will. Und dann hast du die ganze Herrlichkeit angezündet; das werden sie bald herausbringen. Und dem Petter kann man nicht das geringste nachsagen, nein; nichts wegen der Arbeit und überhaupt wegen nichts. Du wirst es wohl merken, daß er hier unterwegs war – und so soll es auch sein. Trau dich nur nicht an mich heran, Anders; ich bin ein gefährlicher Kerl!«

Plötzlich, wie er so hinter der Mauer im Schnee kniete, bekam er Angst. Es war jemand in der Nähe. Menschen waren nicht hier, es war die Kirche selbst und der Friedhof, die ihm Schrecken einjagten, und er lief davon, bis er weit weg war.

Da hatte es schon zu schneien aufgehört, der Himmel war blank, und das Land lag weiß und friedlich ringsum. Und da kam seine Fährte hinter ihm hergesprungen. »Herrgott noch einmal!« sagte er, aber er machte sich nichts daraus, brach eine Jungföhre ab und schleifte sie hinter sich her und ging geradeswegs auf den Wald zu. Unter den Bäumen lag kein Schnee, und nun hielt er sich am Waldrand entlang, bis nach Vaagen, mit dem Besen hinter sich, und dann ging er auf dem Ebbestrand unterhalb des Flutstreifens. So etwas machte Spaß, er freute sich immer wieder.

– – – Als die Leute vom Pfarrhof gewahr wurden, dass die Kirche brannte, stand sie bereits in hellen Flammen. Trotzdem kamen sie alle mit Eimern und Kübeln gerannt und schütteten Wasser oder Schnee ins Feuer. Es nieste nur dazu und saugte es ein. Viele waren bleich, und manche weinten. Und die Kirche brannte nieder.

Der Knecht auf Haaberg war zufällig auf und vor dem Haus draußen und sah den Feuerschein überm Berg. Stolpernd rannte er ins Haus und schrie, daß irgendwo Feuer ausgebrochen sei, es müsse der Pfarrhof oder die Kirche in Flammen stehen. In einem Nu waren die Leute auf den Beinen, und Anders spannte das Pferd ein und fuhr aus Leibeskräften darauflos. Der Himmel überm Berg wechselte aus Feuriggelb in Dunkelrot, dort hinten ging es schlimm zu.

Als Anders die Höhe erreicht hatte, lag die blanke Lohe vor ihm. Es brannte jetzt ruhig, nachdem das Dach eingestürzt war. Anders schien es fast, als lächle es ihm zu, daß er nun zu spät komme.

Anders war wie vor den Kopf geschlagen. Der Herrgott ließ sein Haus mitten vor seinen Augen in Flammen aufgehen, wollte es nicht mehr haben, strich es aus, wie man irgendeine schmutzige Zeichnung auf einem Zaunpfosten auswischt.

Er ging von einer Gruppe zur anderen. Erbost fragten sie untereinander, wer zuletzt bei der Kirche gewesen sei, ob es ein Raucher oder so einer gewesen sei, der würde sich verantworten müssen. Anders hörte es nur so obenhin; er dachte nur flüchtig daran, daß er keine Pfeife dabei gehabt habe, was ihn betraf; dann überfiel ihn der Gedanke an den Brand wieder, und er fühlte sich unrettbar allein und freundlos in der Welt.

Erst als er auf dem Heimweg war, gingen sie ihm nach, ein paar Worte, die einer von den Männern gesagt hatte: Daß die Kirche gerade jetzt abbrennen mußte, da sie so schön gerichtet und ausgebessert war. Und die andern hatten zugestimmt. Ja, dachte Anders, das war mir ein schönes Ausbessern. Ich konnte mir ja wohl denken, daß der Herrgott das nicht für gute Ware nehmen würde. – Aber Anders ging das Ganze immer weniger und weniger an. Denn er hatte das Seine getan.

Im Lauf des Tages mußte er rein stehenbleiben und vor sich hinlächeln: Jetzt war doch diese Schande aus der Welt geräumt. Keiner in der Gemeinde hatte erfahren, wie die Kirche gelästert worden war. Nein, das richtete sich nicht gegen Anders, das hier, nein. Das war eher wie eine Handreichung.

Petter kam gegen Abend durch den Hof geschlendert, er hatte in Skarsvaagen etwas zu tun. Anders hielt ihn an und redete mit ihm wie mit einem anderen Menschen, so aufgeräumt war er. »Ja, jetzt ist also die Kirche abgebrannt; und rasch ist es gegangen noch dazu; ja, ja – wir haben sie wohl auch nicht gut genug behandelt.« Er sah Petter an wie in alten Tagen, stellte sich mit ihm auf eine Stufe. – Aber richtig, Petter sollte ja hinüber zu den Häuslerhöfen, da müsse er sich umschauen, wie es um eine stünde, die Daaret hieße; es solle schlecht dort gehen. Wenn es sehr schlimm sei, dann wolle er die Weiber hinübersenden – vielleicht kam es dann dazu, daß sie eines der Kinder zu sich nahmen, Petter sollte sich ein wenig umsehen.

Und das wollte Petter auch tun. »Aber wie ist denn das Feuer ausgebrochen?« wunderte er sich.

Das wußte Anders nicht, nein, er hatte nichts gehört.

Später begriff er, daß Gift in Petters Worten gewesen war, ein paar Tropfen, aber sie waren nicht gefährlich, außer wenn sie in offene Wunden kamen, aber solche hatte Anders nicht. Ihm wurde ein wenig unbehaglich, als Per am Abend mit den gleichen Worten heimkam: Wenn nur nicht einer das Feuer mit seiner Pfeife angezündet hat, redeten die Leute. Anders tat, als höre er es nicht, aber es überlief ihn doch heiß. Jetzt erinnerte er sich, wie die Leute ihn angesehen hatten, als er herbeigestürzt kam. Hier gab es einen Kampf. Denn in letzter Zeit hatte er geraucht.

Aber am nächsten Morgen kam die Neuigkeit zum Hof, daß eine Zigeunerbande, ein ganzes Boot voll, dagewesen und vom Pfarrhof fortgewesen worden sei, und die hatten gedroht, als sie abzogen. Und nun wußten also alle, wie es sich zugetragen hatte.

Anders ging still hinaus, barhäuptig und in Hemdärmeln, stand draußen unter dem Winterhimmel und fühlte, wie die Luft Stirn und Kopf kühlte. Hätte er es vermocht, so hätte er dem Herrgott gedankt. Statt dessen brachte er es aber nur zu ein paar Tönen, die er vor sich hinpfiff, und dabei blickte er rings um sich, voller Erstaunen wie ein Kind. Nie hatte er die Berggipfel so leuchtend weiß gesehen, und nie hatte das Schneehuhn so laut gerufen; und jetzt war die beste Schneebahn, um den Dünger hinauszufahren.

Petter kam nicht nach Haaberg herein. Er brachte es nicht über sich. Auch er hatte von dieser Zigeunerbande gehört und daß die Leute ihr die Schuld am Brande zuschoben. So war Anders also aus der Klemme, der Herrgott hatte ihn auch diesmal wieder darüber hinausgehoben, wie immer. Und nicht genug damit, Petter hatte ihm sogar noch einen großen Dienst damit erwiesen, daß er die Kirche angezündet hatte. Nun kam auch über die Arbeit nichts auf. Es konnte sogar das noch geschehen, ja, es würde sicher geschehen, so wahr Petter den Herrgott recht kannte: daß Anders eine neue Kirche bauen und sich damit bis über die ganze Gemeinde hinauf bauen konnte.

Petter lachte; er fand, er lache wie der Leibhaftige selber: Du hast gut angezündet, Petter. Du hast wieder das Glück mit dir gehabt. Aber der Herrgott solle sich in acht nehmen: dieser sein Engel Gottes habe auch Kinder. An die mußte man doch einmal auf Schußnähe herankommen können.

4

Hallstein war leichter und schneller loszuwerden, als Anders erwartet hatte. Er litt wieder an Geldmangel, und so verkaufte er die ganze Herrlichkeit, und Jens erwarb sie. Mönnicken hatte sich auch aufgemacht, aber er kam zu spät. Anders war auf einen Kampf vorbereitet gewesen, aber daraus war nichts geworden; er hatte ein so seltsam warmes und leichtes Gefühl in der Brust: die Gemeinde nahm mit der Zeit immer mehr Vernunft an. Ihm waren die Leute doch am liebsten, wenn er im guten mit ihnen auskommen konnte.

Aber es wehte nicht das ganze Jahr der gleiche Wind, das wußte Anders; er wußte so vieles. Er sah Per tagsüber oft kopfhängerisch herumgehen. Eines Tages nahm er ihn sich vor und fragte, ob es mit dem Jens schief gehe. Per gab sofort nach, als der Vater so Zugriff. – Man durfte sich nichts vormachen, Jens trank wie verrückt. Die Leute kamen willig zu ihm, um zu kaufen, aber meist war er betrunken und ließ alles gehen, wie es ging. – Da steckt wieder der Petter dahinter, meinte Anders. – So sieht es jedenfalls aus. – Weiß sie es, die Mutter? – Per wurde ein wenig rot, ja, sie wußte es. – »Aber taugst du denn nicht einmal so viel, Per, daß du – – hm!«

Anders war groß, wie er so dastand. Er richtete sich auf, fühlte gleichsam ein Bedürfnis, sich größer zu wissen als Per und die meisten Leute. Aber er sagte nichts, bis Per seiner Wege gegangen war.

»Jetzt soll es geschehen!« sagte er. »Und wenn ich dich ins salzige Meer schmeißen muß.«

Ja, und was dann in Gottes Namen? Wo hatte er seine Augen gehabt? Wer war es denn, der die Kirche in Brand gesteckt hatte? Freilich war ihm einmal ein Verdacht durch den Kopf geflogen, aber jetzt erst sah ihm alles unverhüllt ins Gesicht. Jetzt aber war er auch stark genug, mochte kommen, was da wollte. Er mußte die Hände in die Taschen schieben, damit er den Leuten, denen er begegnete, nicht auf die Schulter klopfte – er konnte sie alle so gut leiden, und jetzt sollte es geschehen.

Am Abend ging er zum Strand hinunter. Der Sturm kam vom Land her. Hügel und Felder waren kahl gefegt, und über den Mooren tanzten die Schneewirbel himmelhoch, jagten einander wie toll am Waldrand entlang. Vom Bergrücken wurde der Schneerauch flach hinausgepeitscht, als reite der Berg dem Sturm entgegen, daß ihm das Haar vom Kopfe gerissen wurde. Der Fjord jammerte zum Erbarmen, man konnte ihn jetzt am Abend so gut hören. Es war ein wildes Wetter. Es heulte und fluchte. Und fluchen, das tat auch der Anders. Er tat das so selten, denn man brauchte es nicht, wenn man stark genug war. Aber heute abend war es eine Sache für sich.

Er wollte zuerst mit Jens sprechen, und so ging es denn zum letztenmal über den Hang hinüber. »Wenn er sich jetzt nur schnell aus dem Staub macht und das Maul hält«, seufzte er. »Wenn ich ihn nur nicht erschlage. Ein Jammer, daß der Petter schwarz werden mußte!« Aber es hatte wirklich seine Richtigkeit mit dem, was der Pfarrer auf der Kanzel sagte, damals, als die Kirche noch stand: daß man dem Leibhaftigen nur den kleinen Finger zu geben brauchte, dann nahm er sich den Rest schon selber.

Jens war allein im Laden, zapfte Sirup von einer Tonne ab und gab dem Vater davon zu kosten. Dabei sah er ihn lustig an, bat ihn, sich auf den Tisch zu setzen, das sei der Ehrenplatz und Hochsitz, setz dich auf! hieß es hier, und nicht nieder.

So so, sei er heute abend auch betrunken, sagte Anders und blieb stehen.

Jetzt erst kam Jens dahinter, wie ernsthaft der Vater war; heute abend nützte es nichts, zu scherzen.

Anders stand da und sah den Jungen sorgenvoll an. Er vergaß ganz, ihn sich ordentlich vorzunehmen. – »Ja, freilich«, sagte er, »hier ist es ja wohl einsam im schwärzesten Winter.« Da konnte man schon Lust auf einen Schnaps bekommen. Aber warum kam er denn nicht lieber heim, als daß er hier mit allem möglichen Lumpenpack herumzechte?

»Ja, du weißt ja«, sagte Jens still. »Es ist eben so, immer.« Es war unmöglich, wenn der Vater es so nahm. – »Aber ich halte es auf die Dauer nicht aus, Vater!«

»Doch, doch, das wirst du schon. Laß dir nur Zeit, du wirst schon sehen.« Anders strich sich über den Bart und seufzte, es war gleichsam, als seufze er vor lauter Kraft. »Nimm mir nicht jeden Glauben an dich, Jens. – Du brauchst Geld, ich weiß es. Das sollst du bekommen, ja. Mit der Zeit wenigstens. Du weißt wohl nicht, du, daß die Pfarrersleute dich zum Schwiegersohn haben wollen?«

»Was du nicht sagst!« Jens machte ein merkwürdiges Gesicht. »Kommen sie etwa mit dem Schlitten und laden mich auf? Oder muß ich selber gehen?«

»Führ dich danach auf, Jens. Dann will ich für dieses Mal nichts mehr sagen.«

Jens schwieg und war einverstanden, und gleich darauf brach Anders auf. Jens war gerade kein großartiger Kerl, aber er verstand ihn doch so gut.

Als sie vor der Türe standen, hörten sie, wie jemand schalt und schimpfte und einen anderen, der beim Bollwerk schlief, wachrütteln wollte. – Es sei Oheim Petter, der dort in seinem Boot schlafe, sagte Jens; und die andere sei sicher ein Häuslerweib, das ihn an Land heraufbringen wolle. »Soll ich ihn vielleicht nehmen und ins Haus tragen für heute abend?« meinte Jens.

Anders knurrte nur zur Antwort, sagte gute Nacht und ging. Als er hörte, wie Jens die Türe zum Laden zumachte, wandte er sich um und schlich sich vorsichtig zum Wasser hinunter. Er stand hinter einem Schuppen, bis er sah, wie das Weib den Steig heraufkam und hinter den Häusern verschwand. Da ging er zum Bollwerk hinunter, griff suchend nach dem Tau von Petters Boot und zog dieses heran, stieg dann hinein und rüttelte den Petter.

Petter lag im Vorschiff, auf dem Rücken, die Füße auf der vorderen Ruderbank. Das Gesicht war grünblaß, und der Mund stand offen. Er schlief wie ein Stein. Anders richtete sich gerade auf, sah über die Bucht hin. Eine Bö jagte die andere, kohlschwarz und mit weißem Schaum rasten die Wellen ins Meer hinaus.

»Jetzt ist die Stunde gekommen«, sagte er. »Jetzt, Massi, wirst du sehen. Jetzt löse ich den Knoten. Dann mag der Herrgott das Fahrzeug lenken.« Und er murmelte leise und brennend heiß, es zischte, wie wenn Glut ins Wasser fällt: »Jetzt muß es sich zeigen, ob ich der Anders bin. Du warst Manns genug, um die Kirche anzuzünden. Ich bin Manns genug für mehr.«

Er stieg wieder aus dem Boot und löste das Tau, stand da, die Hand um den Hintersteven gelegt, um das Boot hinauszuschieben, es hinsegeln zu lassen, wohin es Gott gefiel. Denn das war eine klare Sache und keine Sünde, und außerdem mußte es getan werden. Anders überlegte sich's genau und fand nichts, das ihn zurückhielt. Es war seit langem so abgemacht. »Los denn, in Gottes Namen! Solch ein Mörder, ein Brudermörder und ein Seelenmörder – nicht wahr, Massi! Der hier, der hat die Kirche angezündet!« Sie würde sich freuen, wenn er es ihr erzählte. Sie und sonst niemand sollte es wissen; sie, sie hatte Verstand genug. Und der Herrgott selber, der wußte alles miteinander.

Aber es dauerte eine Weile. Er stand da und hielt den Steven fest, und der Wind kam Stoß auf Stoß und zerrte an dem Boot und fühlte, ob es los war; er hatte Lust darauf, wollte gleich damit fort. Anders brachte es nicht recht über sich, das Boot hinauszustoßen. Ein Traum zog an ihm vorbei, den er früher so oft geträumt hatte, immer wieder, seit er ein kleiner Junge war, daß er ums Leben springen sollte und man ihm die Fersensehne abgeschlagen oder einen Stein an den Fuß gebunden habe, er mußte laufen, aber er kam nicht vom Fleck. Jetzt war er wieder mitten drin, es war kein Traum; etwas in ihm war abgehauen, und der Herrgott saß wohl irgendwo und wußte, was es war. Anders dachte nach, ob er sich vor etwas fürchte. Vor nichts in der Welt – er hätte sein Lebtag lang einen schwarzen Hund in der Dunkelheit hinter sich wissen können, mochte er doch ins Gefängnis kommen! Nur seine Hände waren so schwach. Eine winzig kleine Erinnerung schwebte im Wind vor ihm her, trug einen Hauch alter Angst mit sich, ähnlich wie ein Stein, der von selbst ins Rollen kommt und seine Bestimmung erfüllt; dann war es wieder nur der Wind, der brauste, und die See, die unter dem Boot klatschte, all dies, was rings um einen war. »Warte noch ein wenig!« sagte er zu sich. »Warte doch nur!«

Dann nahm er das Tau und legte es wieder um den Pfahl fest, kroch über den Steinwall zurück und zum Schuppen hinauf. »Man soll nie dastehen und überlegen, ehe man etwas tut«, knurrte er; »davon wird man nur alt und untauglich.« Der Wind schnitt ihm ins Gesicht, die Häuser standen zum Greifen nahe vor ihm, genau wie vorher; aber es war so seltsam, auf der Welt zu sein. Lange blieb er stehen. Er konnte es nicht überwinden, wurde immer wütender, und dann schüttelte er es ab und drohte ins Schneegestöber hinaus.

»Nein, nein, so leicht sollt ihr mich nicht drankriegen, da soll was gut dafür sein. Auch diesmal hab ich mich herausgezogen!«

Aber so ohne weiteres ließ sich dies doch nicht abschütteln: Da ging er nun und war zu weich gewesen. Nun mußte er nach Hause kriechen. Und es sich selber eingestehen. Das war das einzige, wozu er taugte.

– – – Ein paar Tage später hörte er, daß der Lensmann gestorben sei. – »Ja, jetzt, Per, jetzt ist deine Zeit da«, sagte er, und dann machte er sich schön und fuhr zum Vogt: es waren zwei Meilen zu rudern. Und jetzt war es gut, daß man sich nicht mit irgend etwas Unklarem eingelassen hatte; es tat not, daß man den Leuten offen ins Gesicht schauen konnte.

Am nächsten Tag kam er wieder zurück und konnte berichten, daß der Per die Geschäfte des Lensmannes besorgen dürfe, bis ein neuer eingesetzt werde. Und der Vogt war ein vernünftiger Mann. Wenn Per gut damit zurechtkam und wenn wirklich jedermann ihn haben wollte, dann durfte man wohl hoffen, daß er darin hängenbleiben würde. – »Und mit den Leuten, mit denen werde ich schon reden!« sagte Anders. Die ließen sich wohl herumkriegen.

»Gar so darauf versessen bin ich ja nun gerade nicht«, meinte Per. Er stand da und biß sich auf die Lippe.

»Ist das dein Dank, du?«

»Du weißt, wenn es mit Rechten wäre, dann– –«

»Mit Rechten? Ich werde dir recht geben, ich, du Dummkopf!«

»Ja, ja, wenn du gar nicht anders willst.«

Mehr sagte Per nicht, und auch nicht der Vater, und so mußte Per fort und die Sache übernehmen. Er war schon früher dort gewesen und hatte geholfen, so daß er ein wenig Bescheid wußte. Es war eine Arbeit, wie er sie gern hatte; aber man hätte sie wohl »mit Rechten und Ehren« haben sollen, wie er sagte. Und daß er sich mit Gewalt durchgesetzt habe, sollten die Leute erst recht nicht sagen dürfen.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.