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Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin1/juwikin1.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Auf dem Kirchturm oben
und wieder unten auf der Erde

1

Aber Anders vergaß die Kirche nicht, und eines schönen Tages war er wieder dort. Diesmal redete er nicht mit dem Pfarrer, er ließ sich vom Großknecht eine Leiter leihen und kletterte an der Kirchenwand hinauf, bis er in einer Höhe mit dem oberen Fensterrahmen war, und noch ein bißchen darüber. Da drückte er den Daumennagel in die Farbe. Sie war weich wie Teig. Er machte diese Probe rings um die Kirche, und überall war es das gleiche. »Heringslauge und kein Tran!« urteilte er. Nun konnte ja der Anstrich trotzdem taugen, obwohl es sich nur schlecht für eine Kirche ziemte; aber es war noch eine andere Pfuscherei im Spiel. »Kreide und Dreck«, sagte er und schleuderte die Leiter weg. Zog dann das Messer heraus und untersuchte die Farbe unterhalb des Fensters: hier schälte sich die Farbe ab wie Schuppen. Er schüttelte den Kopf und stand mit hängenden Armen da: »Nein, so ein verdammter Hund!«

Da war es ihm zum erstenmal, als sehe er nicht recht. Es hatte sich solch ein heller Nebel vor die Augen gelegt. Wohl verschwand er wieder, aber Anders zweifelte daran, ob er noch so gut sah, wie er sollte. Ja, ja, es war so; bei den Juwikingern ließen die Augen schon früh nach. Aber er mußte noch auf den Turm hinauf.

Er holte sich den Schlüssel und stieg die Turmtreppe hinauf und durch die Luke hinaus, stand dort eine Weile und holte Atem, denn es war verdammt hoch hier oben, und dann setzte er den Fuß auf den ersten Haken. Petter hatte neue Eisenhaken eingeschlagen, an denen man hinaufsteigen konnte. Anders stieg langsam aufwärts und rüttelte vorher an jedem Haken, denn er war ein vorbedachter Mann. Sie hielten fest; man konnte sicher hinaufsteigen. Plötzlich aber hielt er den einen Haken lose in der Hand, und Anders war einen Augenblick nahe daran, rücklings hinunterzustürzen. Der Haken war schlecht und verrostet und war hin und her gebogen worden, so daß er nur noch so einigermaßen festhielt. – Anders stand da und sah ihn sich genau an. Dann steckte er ihn in die Tasche und lächelte zum Kirchhof tief dort unten hinunter: O nein, hier soll ich noch nicht verfaulen! sagte das alte Weib, als es über das Grab stolperte. Ja, ja, und zu Petter hatte er gesagt, daß er eines Tages kommen und auf dem Turm nachschauen würde! Weiter als bis hierher sollte er nicht gelangen, nach Petters Berechnung. Nein, aber daß ich mich so rücklings zu Tode stürzen sollte, daran hatte er wohl doch nicht gedacht, tröstete Anders sich.

Er ging in die Schmiede hinüber und machte sich einen neuen Haken zurecht, nahm die Axt mit und trieb ihn hinein. Dann stieg er wieder weiter hinauf, Haken für Haken. – O nein, Petter, mein Bruder, mir bist du doch noch nicht gewachsen.

Das Blei war schlechter, als er geglaubt hatte. Obwohl er doch selbst unten in Vaagen gewesen war und eine Probe davon angesehen hatte. Es war dünn wie Laub und schlecht aufgelegt, soweit er es sehen konnte, keine Platte ragte breiter über die andere hinaus als das Schwarze unterm Nagel, da konnte wohl überall die Nässe eindringen. – Ja, aber auf mir lag ja so viel anderes in dieser Zeit, sagte er immer wieder vor sich hin.

Anders kletterte bis ganz hinauf, bis er ganz oben stand und sich an der Wetterfahne festhielt.

Es war seltsam, so dort zu stehen. Ein strahlender Sonnentag, ohne Kälte. Über allen Bergkuppen blaute es hoch und weiß, und hoch, hoch darüber zogen winzig kleine weiße Lämmerwolken; und der Fjord sah wie eine Glasscheibe aus, es war die Frühlingssehnsucht selber, die dort lag und schimmerte. Was war dies doch für ein Wintertag! Einen Hof nach dem anderen sah er liegen, zwischen Birkengesträuch und Felsen, der Weg zog sich schmal und winklig zwischen ihnen hin, hatte bei allen etwas zu tun, er schien Anders gleichsam wie ein altes Weib, das von einem Hof zu anderen wanderte. Und so schienen sie ihm alle, die dort weit und breit wohnten, kleine Weiber alle miteinander. Dort hinter dem Höhenzug lag Haaberg. Das war auch weiter keine große Herrlichkeit; ein paar Jahre noch, und dann würden sie hierherkommen. Aber es war doch die Gemeinde; und sie gehörte ihm. Und hier stand er. Jetzt wollte er hinuntersteigen und sich ein wenig damit zu schaffen machen, das und jenes vom Fleck rücken. Er wollte übrigens freundlich mit ihnen reden, sie im Guten nehmen, so wie Massi es wollte und sich von ihm erwartet hatte. Sie hatte es bisher umsonst erwartet. – Ach, ja, ja, es war seltsam, so hoch über ihnen allen zu stehen.

»Zum Teufel noch einmal, ich will euch weit ins Land hinaus und bis ins Dovregebirge jagen, das will ich!« murrte er und machte sich daran, hinunterzusteigen. Jetzt hatte er Petter und den Handelsmann vor sich. »Das Haus Gottes, ihr Burschen – jetzt sollt ihr es mit mir zu tun bekommen!« Und beinahe hätte er sich dort unten zu Tode gestürzt. Petter war jetzt gefährlich geworden, und das war im Grunde gut. So konnte er ihn gründlich hinausjagen. Wie die Massi sagte: der Petter hätte nicht in der Gemeinde sein dürfen. Darüber war nicht mehr zu lachen. Sie hatte recht, wenn sie von ihrem Mann erwartete, daß er die Gemeinde vom Unkraut reinigte. Jetzt, da sich alles fügte, was er auch anfaßte. Jetzt, da seine Zeit gekommen war.

Trotzdem ging er nicht zuerst nach Rönningan. Zuerst ging er heim und aß, und dann machte er sich auf den Weg nach Vaagen. Dort bekam er Hallstein unter vier Augen zu fassen.

Stimmte es, daß Petter die Farbe hier gekauft hatte? wollte er wissen. – Ja, das stimmte wohl. – Und Blei? – Blei auch, ja. Der Handelsmann sah Anders gerade ins Gesicht, aber deswegen brauchte man noch nicht an der Türe kehrtzumachen. Anders sah ihn lange an:

»Lauter Schund, Farbe und Blei, alles miteinander!«

Anders wartete, aber der andere stand da, als wüßte er von nichts: Das war doch nicht wahr? – Anders überlegte. Er war schnurstracks hierhergekommen, um den Lumpen davonzujagen. Aber nun war der Lump vielleicht unschuldig? Es sah beinahe so aus. Jawohl, da mußte man nun sagen, daß es keine solche Eile habe. Denn der Jens konnte schließlich an einem anderen Ort seinen Handel anfangen – und dann hatte er ja auch noch nicht ganz ausgelernt?

»Aber ob du nun den Petter betrogen hast oder nicht, so bist du doch auch mit daran schuld«, sagte er hart. »Du hättest auf ihn aufpassen sollen. Ich habe dich doch darum gebeten, oder nicht?«

Hallstein räusperte sich und ließ die Blicke nach Schifferart über das Wasser hinschweifen. – Er sei kein Schafhirte, meinte er. Und wenn dünnes Blei verwendet worden sei, dann sei Anders auch nur dünnes Blei verrechnet worden, in den Büchern, fügte er hinzu.

Da blitzte es in Anders' Gesicht auf, er sah den anderen mit kleinen hellen Augen an; aber fürs erste sagte er nichts. Die Stirne wurde ihm glühend rot. Erst als er einmal um die Häuser herumgegangen war, sich im Lager gut umgesehen und ein paar Worte mit Jens gesprochen hatte, kam er wieder zu dem Mann selbst. Jetzt erst war er in der richtigen Laune.

Es wäre ja möglich, daß er kein Schafhirte sei, sagte er. Aber was man versprochen habe, das solle man auch halten. Und wenn sie von der Farbe und vom Blei und von solchen Sachen reden wollten, so glaube er allerlei in diesem Punkt.

»Ist das eine Anklage?« fragte der Handelsmann, er richtete sich herausfordernd auf.

»Das weiß ich nicht. Aber zum Frühjahr kannst du dein Bündel packen und dorthin zurückgehen, wo du hergekommen bist. Ich sag dir auf, verstehst du mich? Ja. Zum Frühjahr, zum Umzugstag. Nimm dein Bett und geh!«

Der Handelsmann wurde nicht blaß; und Anders machte sich nichts daraus. Er wollte ihn los sein. Der Mann gehörte nicht hierher, und Gesindel hatten sie vorher schon selber genug. Wiederholt war Jens betrunken gewesen und unter dem Tisch gelegen, seit er hierhergekommen war, und Petter war ja beständig da – »Frag mich, was ich nicht weiß!« lächelte Anders vor sich hin. Er hatte es so deutlich gesehen, als er oben auf dem Turm stand, daß ein guter Geist mit ihm war und alles lenkte, so war es schon seit langem, und diese Hand war schwer. Jetzt sollte der Tropf aus der Gemeinde hinaus, und dann konnte Jens gleich anfangen; dann erst würde ein Mann aus dem Buben werden, und so war es ausgedacht.

Anders nahm den Richtweg über den Fluß, den Hang hinauf und nach Rönningan, zu Petter. So obenauf wie im Turm oben fühlte er sich nicht, aber Petter sollte doch sein Teil bekommen, er würde ihn den gleichen Weg jagen wie den anderen. Das erwarteten sie sich von ihm. Er wollte die Leute sieben.

Da begegnet er wahrhaftig dem Petter unterwegs. Es war ein weißgrauer und stiller Abend, mit schneeschwerem Himmel und einem Donnern vom Meer her, daß es in den Hügeln und Bergen rings um ihn hallte. Anders empfand es wie einen tiefen Ernst in sich, wie eine Warnung oder eine Erwartung. »Aller Augen warten auf dich«, schien es zu sagen. Und da kam Petter. Der arme Kerl schaut sich um, als wolle er einen Zeugen oder Hilfe suchen. – Sie bleiben alle beide stehen, und Petter grüßt.

Gerade ihn habe er treffen wollen. – So? – Ja, denn er käme von der Kirche. Könne von ihr grüßen, von ihr und auch vom Turm. – Soso, war er heute schon dort gewesen?

»Daß doch so ein Schuft aus dir werden mußte, Petter! Und noch dazu an Gottes Haus selber!«

»Es war ja auch keine ordentliche Bezahlung, weder für dich noch für mich«, wagte sich Petter hervor.

Anders mußte an den eisernen Haken oben am Turm denken, wollte aber nicht davon sprechen.

»Erst sollst du Prügel haben, und dann sollst du aus der Gemeinde hinausgejagt werden, das war es, was ich dir sagen wollte!« Er stieß den Stock hart auf.

Petter verstand, daß der Bruder jetzt gefährlich war. Er griff zu dem Mittel, auf das er sich verstand, und versuchte, sich mit Bosheit herauszuziehen.

»Du solltest lieber schön mit mir reden, Anders, dann könnte es sein, daß ich dir etwas erzählte, was du nicht weißt. Und dann könnte ich stillschweigen, damit es nicht unter die Leute kommt. Aber wenn du das Unglück hast, daß du mich anrührst – – «

»Ja, darauf kannst du dich verlassen!« Und damit hieb er ihm die Hand in den Nacken und schüttelte ihn, wie der Hund ein Stück Fell. Petter ward blau im Gesicht, und Anders grinste, denn der Kerl war nicht der Mühe wert, daß man ihn anfaßte. Eine böse kleine Blase, aber kein Geschwür.

»Ja, jetzt wird der Per, dein Goldbub, kein Lensmann, daß du's weißt!« Petter sah den Bruder weißwütend an, er hätte ihn rücklings vom Turm hinunterwerfen können. »Weder Lensmann noch Bürgermeister, nein!«

Anders gab es einen kleinen Stich. Der Teufel hatte seine Gedanken durch die blaue Luft hindurch gelesen. Trotzdem lachte er nur kalt und sah weg:

»Du weißt ja überhaupt nichts, du, armer Lump.«

Petter fing an zu gehen, er wollte ein wenig weiterkommen, aber Anders kam ihm nach, drohte ihm so lange mit dem Stock, bis Petter doch herausrücken mußte: Er wisse, daß Per das Geld von Petter Lines gestohlen habe. Alan hatte es daheim vermißt, und Petter hatte es nicht auf die Fahrt mitgenommen; das wußten sie, viele. – Auf Anders machte das keinen Eindruck, er stieß nur die Luft durch die Nase, und Petter mußte noch mit mehr herausrücken: Die Kjersti könne das Geld herzeigen. Per hatte es ihr gegeben. Und warum wohl, was meinte er? Wer war der Kindsvater, wußte Anders es? Warum ging Petter ins Wasser oder brannte durch? Die Leute wunderten sich. Er könnte es ihnen erzählen, er!

Anders ließ den Stock sinken und stand da und schämte sich. Das war doch eine zu klägliche Lüge. Aber trotzdem, denn schließlich konnte es doch auch einem Schuldlosen schaden, so einem wie Per.

»Ist die Kjersti geradeso erbärmlich wie du, muß ich schon fragen?«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen! Sie würde ihm am liebsten das Herz aus dem Leibe reißen.«

Petter lief schon davon und rannte aus allen Kräften, er krümmte den Rücken wie die Geiß unterm Donnerschlag, und Anders lachte, daß er fast umfiel:

»Wie der die Absätze hochwirft, so läuft die Sünde!«

Er ging heim. Es war arg, einen einzigen Bruder zu haben, der nach armen Leuten und Hölle stank. Das war ein Unglück, wirklich. Aber nicht genug, um sich damit zu vergraben. Nein, er wollte ihn nicht fortjagen. Er fürchtete sich nicht. Er wollte es ertragen.

2

Am Tag darauf ging Anders umher und behielt Per im Auge. Er mußte mit ihm reden und am liebsten so, daß kein anderer es merkte. Per war, wie er zu sein pflegte, ruhig und ein wenig nachdenklich bei seiner Arbeit; bisweilen sah er zum Vater auf, wunderte sich und packte dann wieder an. – Er war zufrieden mit seiner Heirat, schien es. Er redete oft lange mit Marja, wenn sie allein waren, und manchmal brachte sie ihn zum Lachen. Dann lachte Anders mit, wenn er auch gleich kein Wort von dem gehört hatte, was sie sagten; er war sich dessen selber nicht bewußt.

Mit Gjartru ging es auch besser, als man erwarten konnte. Sie blieb für sich allein, das wohl, saß den ganzen Tag im Dachraum oben und webte. Ab und zu wurde es still, der Webstuhl stand; dann saß sie wohl da, beugte sich über das Gewebe und verbarg das Gesicht und seufzte. Und Anders seufzte mit, auch dessen war er sich nicht bewußt; er sah sie so deutlich vor sich. Aber die Zeit verging und machte es leichter für sie, das merkte er. Und eine Absicht hatten sie ja wohl mit allem, jene, die lenkten, und hier war es noch dazu eine gute Absicht.

Aber daß der Petter, der Nichtsnutz, seine Gedanken gelesen hatte, das ärgerte ihn mehr, als er sich selber eingestehen wollte. – Denn ich wäre nie ein Lensmann oder Bürgermeister in der Gemeinde geworden, sagte er. Ich war nicht von der Art. Wie ich's zum Pfarrer gesagt habe. Aber mit dem Per ist es etwas anderes. Er ist von einem anderen Schlag; er hat den Kopf dazu und die richtige Art. Ihn sollten sie bekommen. Dann war es für ihn selbst das gleiche. Und recht lange würde er es ja nicht mehr machen, der alte Lensmann. Anders hatte oft mit ihm gesprochen, und gut. Es schien nicht unmöglich. Per war bereits Flurzeuge und noch mehr. Wie tüchtig er im Schreiben war! So fein und zierlich schrieb er, daß man schönere Schnörkel und Striche nicht leicht finden konnte. Wäre er nur nicht solch ein Schaf gewesen! – Und da ging nun dieser armselige Kerl von einem Petter her und schwärzte einen in der ganzen Gemeinde an. Die Massi hatte recht: Er mußte weg!

Gegen Abend kam Per ins Vorratshaus, als Anders dort war und etwas suchte. So konnte er oft kommen, ganz als wüßte er, daß man ihn treffen wollte.

Anders fragte geradezu, ob Per das Geld von Petter Lines habe?

Per schüttelte den Kopf und blickte nieder: Darüber wolle er nicht sprechen!

War er denn ganz von Gott verlassen! Hatte er das Geld? Oder hatte er es nicht?

»Darüber sag ich nichts. Denn das habe ich dem Petter versprochen.«

Dann hatte die Kjersti es also bekommen? Dann hatte es wohl die Kjersti bekommen, hörte er denn nicht?

Per schwieg, sah aber den Vater ratlos und kindlich an.

Ja, jetzt müsse er heraus mit der Sprache, gleichgültig, was er versprochen habe oder nicht.

»Nein, ein Wort ist ein Wort!«

»Ja, aber du kannst für einen Dieb und noch etwas Schlimmeres angesehen werden. Du machst uns alle hin, Per!«

»Das wird auch wieder vergehen. Mit der Zeit.«

»Du Schafskopf!« Anders wurde die Stirn rot. Dann geschah es – Anders bekam eine neue Sprache, so daß Per aufblicken mußte: »Du, von dem ich mir so viel erwartet habe. Ich habe gedacht, du könntest Lensmann werden, ich. Und da müssen deine Knöpfe blank sein, Bub!«

Per lächelte, als habe er ein Kind reden hören.

Aber ob er wisse, fragte der Vater, daß man ihm auch noch Kjerstis Kind zur Last legen könne auf diese Weise? Denn die Leute sind schuftig, viele von ihnen.

»Meinethalben, meinethalben!« murmelte Per. »Ich will nicht so hoch hinaus.«

»Dummkopf, Dummkopf!« Anders ließ ihn stehen. Er fühlte das Bedürfnis, irgendwohin zu gehen und sich zu setzen; denn dies war etwas Fremdes und Seltsames, mit dem er nicht zurechtkommen konnte. Er wünschte, er wäre wieder oben auf dem Kirchturm. Dort hatte man Luft unter sich. Dort sah man, wo man anpacken mußte. Ja, und dort konnte man der ganzen Bande den Rücken kehren, wenn man Lust hatte.

Er ging zu Massi hinein, wartete so lange, bis er mit ihr allein war, und erzählte alles, was er wußte. Sie sah ihn mit ihren guten Augen an; sie sah ihn an, aus ganzem Herzen. Massi konnte einen wieder zum Tag und zur Sonne zurückführen, es war so gut zu leben mit ihr.

»Schaf!« sagte er. Aber Per war kein schlechtes Schaf, alles andere als das. Sie sollten noch Achtung vor ihm bekommen, wenn die Zeit da war. Und die Zeit, die kam wohl, Anders fühlte sich so reich, er konnte nicht daran zweifeln.

Sie hatte gewiß den gleichen Gedanken gehabt wie er, denn sie legte die Hände ineinander und blickte weit vor sich hin; er sah, wie sie innerlich lächelte.

»Laß den Per in Frieden, du. Er ist schon recht so wie er ist. Aber den Petter, den sollte man mit Hunden fortjagen.«

Anders ging hinaus. Er murmelte noch einmal »Schaf« vor sich hin und fluchte ein wenig, aber im Grund wunderte er sich eigentlich nur über Per. Das mußte ein feines Uhrwerk sein, das. Es war nicht in Juwika geschmiedet worden.

Er suchte seine Mütze hervor und ging geradeswegs nach Rönningan. Draußen herrschte Schneegestöber. Der Schnee kam so dicht, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte, die Welt war nur noch weiße Wolle, und es war nicht leicht für Anders, sich auf dem Weg zu halten. So kann bisweilen der Märzschnee kommen, und da gilt es dann, junge Augen zu haben. Als Anders gerade über den Hang hinaufkommt, holt er den Per ein, der auch auf dem Weg nach Süden ist; denn Anders war ziemlich rasch gegangen. Er begreift, wo der Bub hin will.

»Geh heim, Per«, sagte er. »Ich werde mit dem Mädel reden, ich.« Denn es sei nicht der Mühe wert, daß die Leute ihn in dieser Gegend sähen, fügte er hinzu.

Per blieb eine Weile stehen und überlegte, und dann kehrte er um.

Es ging so, wie Anders es berechnet hatte, er traf nur die Kjersti an; Petter war um diese Zeit nie daheim. Sie trat aus dem Stall, im selben Augenblick, als er kam, und sie bot ihm frischgemolkene Milch an. – Danke, er wolle nichts haben. Da zuckte sie zusammen und sah zu ihm auf.

Sie war dunkelhaarig, wie ihr Vater gewesen war, und groß und stark, aber bleich wie ein kränklicher Mensch, sie schlug die Augen nieder, sobald man ihr hineinschauen wollte. Es war nicht weit her mit ihr.

Nein, er wolle nichts, als: Wie steht es mit dem Geld, leugne sie es, dann …

Leugnen? daran hätte sie nie gedacht. Warum sollte sie das?

»Das ist gut, das ist gut. Und jetzt kein Gerede mehr in der Gemeinde, daß der Per gerade so gut der Kindsvater sein könnte. Hast du gehört?«

In ihre Augen kam ein böser Schimmer. Es wohnte mancherlei in ihr, das sah er.

»Es wäre gut, wenn du es so einrichten könntest, daß ich meinen Bruder nicht aufs Meer hinauszujagen brauchte. Verstehst du mich jetzt?«

»Ja, Herrgott, ich versteh dich!« warf sie hin. Er sah sehr wohl, was sie dachte, er fühlte es wie kleine Stiche von Gicht in einem Finger. Aber sie hatte jetzt Angst und würde von nun an die Wahrheit sagen, und so konnte er gehen.

Aber stand sie nicht da und dachte an die Solvi und den Steinrutsch! Irgendeinen Unsinn, den der Petter ihr wahrscheinlich mit dem Löffel eingegeben hatte – wohl bekomm's! Alt und vergessen, beinahe schon nicht mehr wahr. Nur das war noch wahr daran, daß der Petter ein Mörder war! So deutlich hatte er dies nie vor sich gesehen. Er sagte es laut vor sich hin, als er sich in dem Schneetreiben vorwärts tastete: »Das darfst du nicht vergessen, Anders.«

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