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Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Die Nachkommen

1

Es waren die Kinder, die dem Anders neue Kraft verliehen. So fühlte er es. Ja, freilich hatte er die auch schon früher gehabt, und eine Freude waren sie ihm immer gewesen, aber erst jetzt in letzter Zeit war er ihrer so richtig gewahr geworden. Wie es auch immer gehen würde, er hatte doch sie. Er ging in einem tiefen und schweren Glück dahin, fühlte sich unüberwindlich: Er mußte die Zukunft für sie ordnen; hier waren viele Dinge zu erwarten, das Leben selbst war zu erwarten.

Er hatte es immer so gehalten, von Zeit zu Zeit öffnete er die Türen für die Jugend in der Nachbarschaft, und dann strömten sie scharenweise herbei und waren lustig. Sie bekamen den ganzen östlichen Teil des Hauses und durften ihn schließlich auch auf den Kopf stellen, wenn sie Lust dazu hatten, und etwas Schöneres als hierherzukommen wußten sie kaum.

Per war ein stiller Bursche, von dem die Leute nur wenig zu reden wußten. Er glich mehr der Mutter als dem Vater, trotzdem aber konnte man ihm ansehen, daß er von den Juwikingern abstammte. Er hatte ein helles Gesicht und war groß und schlank und ein kluger Kerl. Ein Anders wird ja nicht aus ihm, sagten sie einstimmig; sie fanden eher, er gerate dem Großvater nach. Woher doch! sagte Anders. Nein, nein! Aber ich glaube doch, daß etwas aus ihm wird. Wenn er nur mich erst einmal unter der Erde weiß.

Nach Per kam Gjartru. Das war das Goldkind des Vaters, da die Mutter den Per für sich genommen hatte. Sie war verhext schön, hatte ein ganz unvergleichliches Haar, rotbraun und dicht und ein wenig gelockt, und das Gesicht war schmal und fein, und sie hatte einen so schönen Blick, daß die Leute sich nach ihr umdrehen mußten; und untereinander sagten sie, sie müsse wohl jung sterben, das könne man ihr ansehen. Das tat sie aber nicht, sie war so frisch und voller Leben, daß die Hälfte auch schon genügt hätte.

Aasel glich Per und den mütterlichen Verwandten: hell von Haut und Haaren und hell durch und durch und seltsam still und bedachtsam, ein guter Mensch, aber sie vertrug keinen Unsinn und keine Dummheiten. Sie kam schon frühzeitig von daheim fort und nach Paalsnese, sollte dort als Kind bei der Ane sein, bei der Großmuhme, die Witwe war.

Jens war rothaarig und ein Tollkopf und ein Juwiking für sie alle miteinander. Er bekam alle die Prügel, die im Haus notwendig waren, und auf diese Weise wurde auch aus ihm ein ganzer Kerl. Aber das tat auch not, sagte der Vater – er hatte nicht weit zu einem Taugenichts. Man hätte ihn nie nach dem Oheim nennen dürfen.

Das gleiche sagten sie von Beret; sie hatte zuviel Ähnlichkeit mit der Muhme, nach der sie hieß. Zwar war sie nicht dünn und fahlbleich wie sie, sondern richtig dick und rot; aber es steckte nichts in ihr, sie brachte nichts vom Fleck. Und ein paarmal hatte sie einen Anfall gehabt, war mitten in der Nacht aufgefahren und kreischend und schreiend hinausgerannt und dann tagelang danach nicht recht bei sich gewesen. Anders hatte sie mit Aderlassen kuriert, aber man konnte sich doch nie sicher fühlen; das einzige an ihr war ihre Liebe zum Vieh; wenn sie im Stall war, sang sie den Kühen sogar vor. Und ein schönes Gesicht hatte sie.

Der kleine Ola war zu spät gekommen, sagte der Vater; aus dem letzten Ei wird nie ein rechter Vogel. Er hieß nach niemand und glich auch niemand; – er halte es in diesem Punkt, wie er wolle, sagte er selber. Er war dick und rund und ziemlich träge. Der reine Käse! sagten die Eltern. Aber ein guter Käse, meinte er; denn er gab immer eine Antwort, daß sich die Wände bogen, wenn er auch sonst noch so wenig redete. Er war ein Tausendsassa im Lesen, und aufspielen konnte er, daß die Leute beinahe weinen mußten. Manche aber zweifelten daran, daß er ganz richtig im Kopfe war.

2

In einer Herbstnacht lag Anders wach. Das tat er auch sonst immer, wenn die Kinder von daheim fort waren, und jetzt waren sie südlich in der Gegend bei Lines, halfen bei der Ernte und tanzten danach, sie kamen wohl kaum heim, bevor es Morgen wurde. Der Septembermond stand tief über den Hügeln, so groß, daß einem das Herz stillstehen konnte; und rot wie glühendes Eisen, aber Licht gab er fast keines; Hügel und Berge legten schwarze Schatten beinahe über das ganze Land. Die See ging schwer und lärmend draußen am Strand; sie hatte heute abend einen so tiefen Ton, als freute sie sich über das gute Wetter.

Immer und immer wieder meinte Anders, sie kämen jetzt, die Kinder. Aber sie kamen nie. Na ja, ja. Sie hatten ja den Feiertag in der Tasche, morgen war Sonntag.

Per war der erste, der zur Vernunft kam und sich auf den Heimweg machte. So war es meistens. Petter Lines ging ein Stück weit mit ihm nach Norden zu, obwohl das nicht eigentlich sein Weg war.

Sie waren ein wenig vom gleichen Schlag und gleichen Blut, die beiden, hatten miteinander vor dem Pfarrer gestanden und auch sonst viel zusammengehalten, so daß die Leute sie für Freunde ansahen. Das waren sie auch, auf ihre Art. Per hatte mit Häuslerkindern und mit jedermanns Kindern gespielt, war ihnen aber doch allen fremd geblieben; einzig und allein mit Petter konnte er reden, und Petter erzählte ihm alles und jedes. In letzter Zeit war es nun auch dazu gekommen, daß sie sich in das gleiche Mädchen verliebten, in die Kjersti Rönningan. Es war beinahe wie mit dem Vater und Ola Engdalen in früherer Zeit, die Leute redeten und erwarteten sich allerlei. Aber man erfuhr nie etwas weiteres darüber. O nein, sagte Anders, in denen fließt ein anderes Blut. – Dann erfuhr man, daß Per sich zurückgezogen hatte, und niemand wußte, was in ihn gefahren war. Vergrübelt war er schon immer umhergegangen, und jetzt wurde es noch schlimmer mit ihm. Kjersti weinte und jammerte, denn jetzt erst sah sie es, daß sie ihn hätte haben wollen. – »Du machst dir nichts aus mir!« sagte sie. – »Wollte Gott, es wäre so. Aber der Vater sieht es nicht gern.« – »Ist das alles?« meinte sie verächtlich. – »Ja. Etwas anderes ist es kaum.« Er dachte nach und wußte keinen anderen Grund. »Und warum soll denn der Petter dich nicht bekommen?« sagte er. – »Willst du denn dich und auch mich noch zu Tode quälen?« – »Hm. Es könnte wohl sein – – daß man auch dazu Lust hätte, manchmal. Nein, dich nicht, aber–« – »Ja, ja. Dann nehme ich den Petter; dann soll er mich haben!« Per biß sich auf die Lippe, und sie fühlte sich leblos und kalt an.

Jetzt war es seit langer Zeit fest und abgemacht zwischen ihr und Petter.

Der Mond hatte sich weit hinausgeschoben, leuchtete freimütig über den Fjord und die weiten braunen Moore hin. – »Nein, schau ihn doch an!« sagte Petter, »er segelt wie ein goldenes Boot auf einem Silbersee, der nimmt's aber feierlich. Ich werde jetzt auch bald hinausziehen auf die Fahrt. Aber was ich eigentlich sagen wollte – –« Er blieb stehen und sah in die Luft hinaus, weit weg, gleichsam als lausche er dem Rauschen des Meeres. Es mahlte und dröhnte über Tiefen und Untiefen da draußen; die See ging schwer. Dann schritt Petter wieder weiter. Er war nicht so groß wie Per, aber breiter, und hatte einen ganz besonders vertrauenswürdigen Gang.

»Ich meine die Kjersti«, sagte er. »Mit der steht es wohl schlimm.«

Per ging dahin, als habe er dies gleichsam schon früher gewußt, und Petter folgte nach und fuhr sich über die Stirn, er schwitzte.

Sie hätten gleich heiraten sollen, meinte er, aber so etwas ginge nicht so rasch; seine Leute daheim wollten sie nicht sehen. Da müßte er sich eben ein kleines Anwesen kaufen und fortziehen. Und ein wenig Geld hatte er ja.

So? sagte Per. Dann müßten sie es wohl so machen. Ein wenig rasch, ja. – »Aber eines muß ich sagen, das hätte ich nicht geglaubt; nicht von ihr.« Es hörte sich ganz klagend an und als wolle Per der Sache entgehen.

»Meine Schuld!« sagte Petter barsch. »Denn du weißt, ich vertrage es so schlecht, wenn sich die Weiber mir gegenüber auf die Hinterbeine stellen. Mir wäre es am liebsten, du würdest mir das Messer hineinrennen, das wäre eine wahre Wohltat!«

Per zuckte mit den Schultern und ging rascher.

Er wolle jetzt auf den Heringsfang fahren, sagte Petter. Weit hinauf nach Norden; er und der Hall Grönset. Dann würde sich wohl ein Rat finden, wenn er wieder zurückkam. Und – hier sei sein Geld, Petter faßte Per beim Ärmel, so daß er stehenbleiben mußte. Sie blickten einander fest in die Augen.

»Das hier sollst du der Kjersti geben. Für den Fall – ja für den Fall, daß irgend etwas geschehen sollte, während ich fort bin, oder für den Fall, daß ich nicht wiederkomme. Willst du mir das versprechen, Per? Um unserer alten Bekanntschaft willen? Denn es ist doch ein Jammer um das arme Ding.«

»Ja, das verspreche ich. Und ich werd es auch halten. Aber du kommst ja doch wieder, was redest du denn für Unsinn?«

»Ja–a, du weißt. Aber wenn der Fischfang fehlschlägt, dann muß ich vielleicht dahin und dorthin fahren, ich muß Geld haben! Und das versprichst du mir auch, daß du nie zu irgendeinem Menschen etwas von dem Geld sagst? Denn die Mutter hat so einen Haß auf die Kjersti.«

Per nickte nur. Er betrachtete Petter eine Weile, wunderte sich gleichsam darüber, wer er war, und fühlte es wie eine Angst in sich schleichen, aber er nahm das Geld und steckte es in die Brusttasche. Dann gingen sie weiter; aber sie wußten nichts mehr miteinander zu reden, und so trennten sie sich.

»Wir segeln am Donnerstag ab«, sagte Petter. »Und sag ihr viele Grüße, ja!«

Anders hörte, daß es Per war, der heimkam. Er war so bedächtig, sogar auch im Schritt. Die anderen, ach ja, die kamen, die kamen. Er wußte wohl, daß sie nicht vom Weg abgingen.

Aber Gjartru, sein Goldkind, ging diese Nacht vom Wege ab.

Sie war lange Zeit verlobt gewesen, schon seit sie beinahe beide noch Kinder waren, mit einem Burschen namens Hall Grönset. Der Vater war der einzige, der sich darüber seine Gedanken machte, und er sagte nichts. Hall war ein großer und schöner Bursche, aber sonst war nichts Besonderes an ihm, es war nichts weiter, als daß sie sich eben in ihn verliebt hatte, sie mußte ihn haben. In jenem Jahr, in dem sie den Konfirmandenunterricht besuchten, waren sie einander eines Tages auf dem Weg über das Moor begegnet. Sie gingen aneinander vorbei, ohne aufzublicken. Dann drehten sie sich um und schauen alle beide zurück, eines gerade ins Gesicht des anderen, und dann lachen sie und laufen jedes auf seinem Weg weiter, seltsam heiß und rot; und später war es so weit gekommen, daß ein Liebespaar aus ihnen wurde. Und viel mehr war übrigens zwischen ihnen nicht gewesen, bis nun in letzter Zeit. Der Vater hatte gesehen, daß Gjartrus Wangen rote Flecken bekamen, sobald Hall in der Nähe auftauchte.

Gleich nachdem sie und Beret sich von den andern getrennt und sich auf den Heimweg gemacht hatten, begegneten sie ihm zusammen mit Petter Lines; die beiden sollten ja miteinander auf den Heringsfang fahren. Er erzählt ihnen, daß er auf lange Zeit fort will, und dann kehrt er um und geht mit ihnen. Beret geht ins Haus und legt sich schlafen, und die beiden wandern wieder in südlicher Richtung zurück. Als sie gerade über den Hügel gekommen sind, hören sie, wie ihnen jemand entgegenkommt – eine ganze laute Schar junger Leute, und da springen sie zur Seite und verstecken sich in einem Heustadel, der am Weg steht. Sie waren schon früher so zu zweit im Heu gesessen, damit hatte es keine Gefahr. Sie saßen dicht beieinander, spürten die Wärme des Heus und ihrer Körper, so beklommen süß; und da draußen tobte die Jugend vorbei mit Scherzen und Lachen, und der Mond schien wie ein Märchen. Und Hall sollte auf eine weite Fahrt, gerade als würde er nie wieder zu ihr zurückkehren. All ihre Kraft verließ sie, sie war so glücklich, daß sie mit den Zähnen hätte knirschen können. Hall hörte sogar, wie sie es tat.

Um die gleiche Zeit kam Oheim Petter von der Kirche und von der Arbeit heimgewandert. Er war drüben in Vaagen gewesen und hatte sich ein paar Schnäpse vergönnt, heute abend wie an jedem anderen Abend, so daß er so war wie immer, angeheitert und vor sich hin singend, aber wach und scharf wie der Nordwind. Er begegnete den jungen Leuten und fragte, ob sie unterwegs jemand getroffen hätten. »Nein, keine Seele.« – Hm. Ihm war es doch ganz deutlich, als sei nahe vor ihm ein Paar gegangen? Er machte sich wieder auf den Weg, als er aber mitten vor dem Stadel steht, setzt er sich am Wegrand hin. Es sitzt sich gut hier, wenn man nicht zu nüchtern ist. Und wenn es die Kjersti und der Petter Lines sind, dann nur zu, soviel sie wollen; aber er will es wissen. Dann würden sie heiraten müssen, und das brachte die alte Linesbäuerin zum Platzen. Noch lieber wäre es ihm gewesen, wenn sein Bruder Anders geplatzt wäre, aber etwas ist schließlich besser als gar nichts. Möchte wissen, ob der Schuppen so menschenleer ist, wie er aussieht?

Jetzt hört er jemand sprechen, und er spitzt die Ohren wie ein ängstliches Pferd. Ja, es waren Menschen im Schuppen. Wie es ja auch recht und begreiflich ist an solch einem Abend oder Morgen oder was es nun war. Aber das war doch nicht die Kjersti, weit gefehlt. Auf leisen Sohlen schlich er sich näher heran, ganz dicht an die Wand. Wahrhaftig, die weinten? War es denn schon so lustig? Er setzt sich, sank wie ein Heusack an der Wand zusammen.

Er verzog das Gesicht und rückte hin und her, je mehr er von dem hörte, was die da drinnen sagten. Schließlich strahlte er. »Nein, das hättest du wohl nie gedacht, daß es so kommen würde«, flüsterte er und äffte sie nach. »Und morgen noch werde ich zu deinem Vater gehen – ja, ja, das kann ich mir denken! Da kriegst du Gäste, Anders, mein Bruder. – Ja, ja, ja, ja, du bist doch trotzdem glücklich, du, nicht wahr? – du lieber Gott! – Jetzt ist es zum Weinen zu spät, ja, da hast du recht – he he he!«

Petter saß da, als die beiden herauskamen und sich das Heu von den Kleidern pflückten, saß da und war ein schwarzer Schatten an der Wand. Aber er nickte ihnen freundlich zu: es sei nur er. Gjartru stieß einen kleinen entsetzten Ruf aus, und Hall blieb erstarrt stehen, die Ellbogen ein wenig nach außen gedreht. Dann liefen sie davon. Petter nickte ihnen nach. Und er schlief auf dem gleichen Fleck ein, wo er saß. Er saß viel zu gut, um aufzustehen.

Als Gjartru daheim in den Dachraum hinaufkam, merkte sie, daß Beret geweint hatte. Sie schliefen im gleichen Bett.

»Was ist? Liegst du da und weinst?«

»Ich und weinen? Keine Spur. Auch nicht die kleinste Träne.«

Nein, es sei auch nicht der Mühe wert, meinte Gjartru. Der Brede, der Knecht, sei ein braver Bursche, aber wenn man sich hinlegte und um ihn weinte, dann bekäme man ihn nie. Und der Gedanke durchrann sie wie kaltes, klares Wasser, daß es mit ihr so gegangen sei und daß sie nicht mehr die Gjartru war, die sie früher war, aber darum –.

Jens und Brede kamen heim, als es heller Tag war. Sie hatten sich in Branntwein und viele Geschichten verwickelt und waren nicht leise. Ola, der Bub, kam mit seiner Ziehharmonika hinter ihnen hergetaumelt.

»Ihr seid wie neugeborene Kälber«, sagte Anders, er war schon aufgestanden und brachte die Pferde auf die Weide; »erst trinkt ihr alles, was ihr erwischen könnt, und dann stolpert ihr über jeden Strohhalm. Schaut, daß ihr ins Bett kommt.«

Als er wieder in die Stube kam, setzte er sich zu Massi aufs Bett. Er müsse soviel an die Aasel denken, die auf Paalsnese sei, sagte er. »Sie kommt fast nie vor die Tür hinaus; die alte Muhme ist ein strenges Weib. Wenn sie der Kleinen nur nicht das Blut aussaugt«, seufzte er. – Ein wenig müsse sie doch aushalten können, wenn sie das bekommen wolle, was die Alte einmal hinterlassen würde, meinte Massi – »es ist wohl nicht so wenig, was von Oheim Jens dazugekommen ist.« »Ein schöner Haufen Geld ist es freilich für sie.« – Anders fuhr sich durch den Bart und starrte vor sich hin. »Aber trotzdem – – es wird lange dauern, bis die Alte soviel Vernunft hat und sich zum Sterben hinlegt. Wollen wir nicht heute einmal hinüberschauen, was meinst du?« Er wandte sich Massi zu. – Das dürfe er gern, er. Sie habe keine Zeit. Und das Mädchen wisse ja, wo sie daheim sei, wenn sie es nicht aushalten könne.

»Ja–a. Wenn sie eine von der Art wäre, dann.«

3

Auf Haaberg wurde zu Weihnachten Hochzeit gefeiert, wie Anders es zugesagt hatte. Eines Tages im Herbst sprach er mit Per wegen Marja Leinland; sie waren noch unten am Seeufer und hängten Heringsnetze zum Trocknen auf. »Es ist ein ordentliches Mädchen, Junge – ich meine fast, du könntest sie bekommen? Du weißt ja, daß du es halten kannst, wie du willst. Ich rede dir da nichts drein. Wenigstens nicht mehr, als daß du dich jetzt bald verheiraten solltest; die Zeit vergeht, und man wird älter.«

Per wurde rot, und dann hängte er das Netz über die Stange und sah den Vater an: Ob er etwa schon dort gewesen sei und darüber geredet habe? – Anders war dort gewesen, ja, seinerzeit einmal; hatte mit dem Vater so im Vorübergehen davon gesprochen.

Per sagte nichts weiter. Und dann kam er eines Tages heim und erzählte, er habe es jetzt mit der Marja festgemacht, und wann es mit der Hochzeit passen würde? Zu Weihnachten vielleicht?

Anders blickte scharf zu Per auf. Solche Eile habe es denn doch wohl nicht? sagte er; »du hättest dir's doch erst noch überlegen können.«

»Das hab ich ja getan!« sagte Per, und dann ging er seiner Wege.

Sich's überlegt, das hatte er freilich, Anders hatte ihn oft gesehen, wie er da oder dort stand und nachdachte, seit jenem Mal, da er mit ihm unten am Ufer gesprochen hatte. Es war kein gutes Zeichen, daß der Bub sofort hinging und sich verlobte, sobald der Vater ihn darauf stieß. Wenn nur der Per nicht zu weich ist! Es hat keine Not, wenn eine Sense zu hart ist, da kann man abhelfen, schlimmer ist es, wenn sie zu weich ist. Und er brauchte die Leute auf Leinland jetzt nicht mehr, verdammt noch einmal! der Weg und alles ging jetzt, von selber seinen Gang.

Aber als Anders dies eine Weile mit sich herumgetragen hatte, wußte er, wie die Sache stand: Per hatte die Kjersti haben wollen, er war bereits flügellahm geschossen!

Trotzdem wurde Hochzeit gefeiert, und noch dazu eine, die von sich reden machte. Das war ein großes Fest für Anders. Er mochte es so gern, wenn er Leute zu sich einladen konnte, und namentlich, wenn er ihnen etwas Ordentliches vorsetzen konnte.

Jetzt wie auch sonst immer waren es in der Hauptsache junge Leute, die nach Haaberg kamen; und Anders legte sich ins Zeug, er tanzte die jungen Leute zwei Nächte und einen Tag lang aus dem Kreis hinaus.

»Jetzt hast du wohl bald genug«, sagte Massi – sie war am ersten Abend schon erschöpft.

»Ja, es ist eine Schande, Massi, daß ich nicht alt werden kann. Ich werde eher jünger und jünger mit jedem Tag.« Halb ratlos fuhr er sich durchs Haar; denn es war so, wie er sagte …

Und wahrhaftig, er hatte das Richtige getroffen mit dieser Heirat. Per tanzte so leichtfüßig, wie ein Bräutigam nur tanzen konnte, und die Braut schien manchmal rein wie außer sich, so lebendig und ausgelassen war sie; und wie zwei Kletten hingen sie aneinander. Anders war beinahe so betrunken, wie er nur überhaupt sein konnte; aber er sah, was er sehen wollte; seine Blicke folgten ihnen durch die ganze Stube hin. – – »Die hat den Teufel im Leib!« sagte er.

Mitten drin stellt er sich vor Massi hin, draußen in der Weststube, wo die alten Leute saßen.

»Es geht ganz leidlich, Massi!« sagte er jedesmal. Und er legte viel Sinn in diese Worte.

Sie taten ihr Bestes und tranken alle soviel sie nur konnten auf dieser Hochzeit; aber nicht allen bekam das gut. Französischer Branntwein war gut zu trinken; aber man durfte sich nicht zu lange damit abgeben.

Hall Grönset stolperte am zweiten Tag über die Scheunenbrücke hinaus, kopfüber, und unten war es vereist und steinig. Er blieb ruhig dort liegen. Das Blut sickerte über das Eis, und die Weiber sammelten sich im Kreis um ihn und jammerten. Auch Gjartru kam dorthin. Sie schob die Leute zur Seite, kniete nieder, legte seinen Kopf in ihren Schoß und wischte mit der flachen Hand das Blut von der Wunde. Er blickt auf, mitten in der Trunkenheit, erkennt sie und lächelt, und sie lächelt zurück – genau so war es damals, als sie einander auf dem Weg begegneten, da sie noch Kinder waren, sie erinnerten sich alle beide daran. Aber er verlor bald wieder das Bewußtsein, und sie blickte hilfesuchend um sich. Da sah sie den Vater, und ihm rief sie zu: »Kommt und helft mir ein wenig, Vater!« Er kam, und sie zeigte ihm, wie es um Hall stand. »Hebt ihn auf und tragt ihn hinein, ich bitte Euch!« bat sie, und Anders beugt sich nieder und hebt ihn auf, trägt ihn über den Hofplatz und in die Kammer hinein, mitten durch die Gästeschar; Gjartru kommt nach und trägt seine Mütze. – »Da kommt einer, der hinuntergestolpert ist«, sagte er. Und als er wieder hinausging, fügte er hinzu:

»Es kommt allerlei vor an so einem Freudentag.«

Gjartru begegnete ihm im Gang, sie wollte Wasser hineintragen. Ihre Blicke verfingen sich ineinander, nur ganz kurz, und sie bekamen beide das gleiche Lächeln. Er strich ihr über das Haar:

»Du sollst ihn haben, in Gottes Namen. Ich sage nicht nein an so einem Freudentag.«

Am Morgen des dritten Tages konnte Jens nicht mehr auf den Beinen stehen; sie mußten ihn in den Dachraum hinaufschaffen. Er führte sich wild auf und schlug um sich, so daß sie rings um ihn hinfielen. Anders kam hinzu und trug ihn hinauf. – Als Jens den ärgsten Rausch ausgeschlafen hatte, nahm der Vater sich ihn vor und hielt ihm eine Predigt, wie er es nannte. Der Junge war weich wie ein Weidenzweig, und Anders gab sich zufrieden.

Immer wieder, so oft er Zeit fand, schaute er sich nach Aasel von Paalsnese um, bahnte sich einen Weg durch die Menge, er hätte das Mädchen so gern gesehen, wenn nicht noch mehr. Erst spät bekam er sie zu fassen und war mit ihr allein. »Du bist bleich, meine ich?« sagte er. Sie sah ihn in heller Verwunderung an, mit den großen, ernsthaften Augen. »Ist es langweilig auf Paalsnese? Kannst du's am Ende nicht aushalten dort? Nein, wahrhaftig, ich glaube gar, du tanzt nicht einmal?« Doch ja, sie hatte schon getanzt. Anders drückte die Türe noch einmal fest zu, denn sie waren in der Kammer.

»Jetzt mußt du mir eines sagen, Aasel: Was ist denn mit dir und dem Hans drüben auf dem andern Paalsneshof geworden? Ich weiß, daß ihr einmal verlobt wart.«

Aasel wurde nicht einmal rot. Ruhig hob sie die Augen zu ihm auf:

»Es ist Schluß damit jetzt.«

Anders fragte scharf: »Hat er dich zum Narren gehalten, der Lump?«

»Nein, Vater. Aber er wollte nicht mehr länger warten. Und das kann man ihm nicht verdenken.«

»Länger warten?«

»Ja, Ihr wißt doch, ich habe der Muhme versprochen, nicht zu heiraten, solange sie lebt.«

»Hm – hm – hm! – – Hat sie denn nicht so viel Vernunft, daß sie endlich einmal stirbt? – – Du mußt jetzt heimkommen, Aasel!«

»Nein, seid Ihr nicht recht bei Trost. Wenn ich es ihr doch versprochen habe! Nein, das will ich nicht, Vater!«

»Hm.« Anders ging. Auf Leute dieser Art verstand er sich nicht. Um die war es ein Jammer. Er mußte hinübergehen und einen Schnaps trinken und darauf tanzen, um es wieder loszuwerden.

Die ganze Zeit war Anders umhergegangen und hatte gefunden, daß er noch nicht zu leben angefangen habe. Das lag noch vor ihm und schimmerte. Jetzt war er nahe daran. In diesen Tagen lebte er doppelt im Vergleich zu früher. Oh, er sah vieles klar, wenn er so über den Boden hinfegte, ein Ding neben dem andern wachte in ihm auf, sah ihn wie einen alten Bekannten an. Ja freilich, Lensmann, das sollte der Per sein, er, der ein rechtschaffener Kerl war, man wollte doch nicht sein Lebtag lang hier bleiben und Juwiking sein? – Und was wurde aus Brede, dem Knecht? Und aus der Beret?

Er ließ das Mädchen los, mit dem er getanzt hatte, und ging durch die Menge hinaus. Ob jemand den Brede gesehen habe? Nein, schon seit einer Weile nicht mehr. Beret fand er, und sie meinte, Brede sei hinausgegangen, um nach den Pferden zu sehen – sie ging sogar mit und wollte ihn suchen helfen. Er war bei den Pferden.

Anders schlug ihm hart auf die Schulter, als wäre er irgendein anderer Bauer: Nun sei er zehn Jahre lang hier gewesen. Nicht wahr? – Ja, das stimme. – Ja, und jetzt wolle Anders fragen und eine Antwort darauf haben: Denke er denn gar nicht daran, sich zu verheiraten? He?

»Ja, ich weiß nicht recht, wie ich's damit halten soll.«

»Willst du meine Tochter haben, oder willst du nicht?«

Brede schaute um sich und wurde Beret gewahr, sie stand gleich vor der Tür und hatte jedes Wort gehört.

»Ja? Was sagst du? Ich meine, das ist keine schlechte Sache! Aber du hast sie ja auch verdient.«

Brede war ein ruhiger Mann. Er kratzte sich im Nacken und kniff das eine Auge zu. Nun stand das Mädchen draußen und hörte zu – er mußte ja fast ja sagen, auch wenn er nicht wollte. Und daß der Anders selber kam, das war so ganz wie aus allen Wolken. »Das Heu muß doch nicht gleich naß unter Dach«, meinte er, »man muß sich so etwas schon überlegen. Denn man muß doch auch wissen, wovon man leben soll? Es steht doch Strafe darauf, wenn man Weib und Rinder verhungern läßt, oder?«

Hm – hm! Das war kein Dummkopf, der so dachte. Anders bat Beret, näherzukommen. – Er habe sich heute abend etwas ausgedacht: Grönsetvika. Das war jetzt zu kaufen. Und drüben auf Bogen, gerade gegenüber, da standen nun große Dinge zu erwarten, man redete von einer Säge, einem Haufen Arbeiter – an die könnten sie in Grönsetvika die Milch verkaufen und noch anderes; da konnte man leben. – »Ja, was sagt ihr dazu, ihr zwei? Mich geht es ja nichts an – ich habe nur gerade so daran denken müssen.«

Beret war so rot geworden, wie sie nur konnte, und auch Brede war nicht blaß.

»Ja, schau, sie will mich vielleicht gar nicht haben?« sagte Brede.

Da ging Anders fort. Das war wirklich ihre eigene Sache. Es war nun schon zwei Jahre her, seit Anders dahintergekommen war, daß die beiden etwas miteinander hatten. Er hörte, wie Beret Brede bat, ihr bei einem schweren Zuber zu helfen. »Du wirst mir doch den Gefallen gerne tun«, sagte sie. – »Ja, wenn ich heute nacht bei dir liegen darf.« – »Wenn du dich ordentlich aufführen willst –« »Herrgott, ich will so still liegen wie ein Brecheisen.« – »Das war mir ein kalter Bettkamerad«, lachte sie – es war fast das erstemal, daß Anders sie lachen hörte. – Und jetzt war das in Ordnung. Er hielt das Leben jetzt zwischen seinen Fingern, oder wie er es nennen wollte; es war so wunderbar lustig.

Jetzt spielte der Ola drinnen. Anders stand eine Weile da und hörte zu. Puh! sagte er und hob die Schultern, wo hatte nur der Junge diese Weisen her? Nein, das wußte keiner zu sagen. »Du bringst mich noch um, Ola, mit deinem Gewinsel – hast du nicht etwas Lustiges? Etwas, das einen aufkratzt?«

Ola war immer noch gleich rund im Gesicht; er zog einen langen, schneidenden Ton aus der Ziehharmonika und lächelte vor sich hin:

»Sing von der Sonne, wie ich, sagte die Krähe zur Eule, denn das ist gar so schön, sagte sie.«

– – – Eine Sache hatte die jungen Leute im Anfang etwas bedrückt: daß Petter Lines umgekommen war. Hall war allein wiedergekehrt. Sie hatten nachts im Kajütboot draußen geschlafen, da war Petter aufgestanden und wollte nach der Vertäuung sehen, so glaubte Hall wenigstens; und er kam nie wieder, wurde nicht mehr gesehen, soviel sie auch suchten und forschten. Er mußte kopfüber ins Wasser gestürzt sein im Dunkeln. – Wie es wohl die Kjersti nehmen würde? Keiner wußte etwas davon; aber sie konnten es alle deutlich sehen, wie es um sie stand. Gjartru mußte sich beinah zu Bett legen, als sie hörte, was sich zugetragen hatte. Und nun packte sie Hall ein paarmal am Arm und sagte, er dürfe nie wieder aufs Meer hinaus.

Auch Oheim Petter versuchte seinen Schatten auf diese Hochzeit zu werfen. In seinen alten Kleidern, geflickt und zerfetzt, kam er mitten in die Festlichkeit herein, das Gesicht vom Bart überwuchert, daß es ein Grauen war. Aber Anders wußte sich zu helfen. Er trank so lange mit ihm, bis er ihn ins Bett tragen konnte. Als Petter dann später wieder aufstand, hatte es keine Gefahr mehr, da gab es keinen mehr, der dies noch sah.

Es fehlte noch viel dazu, daß Anders glücklich war. Aber er war auf dem Weg. »Es geht ganz leidlich, Massi«, sagte er wieder zu ihr, als die Gäste fortgefahren waren. »Es geht gut

4

Gegen Ende Februar fuhren die Leute auf den Fischfang. Ola Haaberg ging an Stelle von Petter Lines mit, auf dem gleichen Boot, auf dem Hall Bootsführer war. Gjartru hatte sich zusammengenommen und hatte Hall fortfahren lassen; die Schande durfte er doch nicht auf sich sitzen lassen, daß er daheim blieb, wenn die anderen fortfuhren. Und der Vater war eines Tages so seltsam zu ihr gewesen und hatte sie getröstet, als wisse er, wie schwer ihr zumute war. – »Es will uns nur gut, eine Zeitlang«, hatte er gesagt, und diese Worte hatten so wohlgetan.

Eines Nachts, es war nicht lange, nachdem die anderen fortgefahren waren, erwacht sie und setzt sich lauschend auf. Da knackt es an der Wand bei ihr, dreimal, weit entfernt gleichsam, aber doch an der Wand, und es galt ihr. Dann hört man wieder nur den Wind, der heult und lacht. – »Aber Herr du mein Gott, ist es denn wirklich wahr?« jammerte sie in sich hinein. – »Ist es denn wirklich wahr?«

Sie sah Beret an, die dalag und schlief, den Arm über die Augen gelegt; der Mondschein strahlte ruhig über sie hin, und Gjartru wußte nicht, ob sie glauben durfte, was sie sah; vielleicht saß sie hier und träumte. Da stand sie auf und zog sich an und ging hinunter. – »Du kannst schlafen, Beret«, murmelte sie; »denn der Brede ist daheim.« Wankend kam sie in die Stube hinunter. Das Schneetreiben stürmte gegen das Fenster, in blindem und lustigem Tanz; dazwischen leuchtete der Mond gelb hervor; er war so fremd, daß es in ihr brannte. Aber die Luft in der Stube beruhigte sie, jetzt wie immer, diese wohlbekannte gute Luft, in der noch die Kindheit und das Glück hingen. Die Uhr stand drüben in ihrem Schrank und ging und ging, wie ein närrischer Mensch. Gjartru tappte zur Kammertüre hin, hörte die drinnen schlafen und stand eine Weile mit der Hand auf der Klinke da. Dann mußte sie trotzdem zu ihnen hinein. Massi wachte sofort auf und sagte: »Um Gottes willen?« Und Anders fragte aus dem Schlaf heraus, was los sei.

»Vater, er hat sich angemeldet, vom Meer!«

»Was?«

Sie sank bei ihnen auf den Bettrand nieder und ergriff die Hand der Mutter, denn Massi lag ihr zunächst; im Taumel drückte sie hart zu:

»Es hat an der Wand geklopft, könnt ihr denn nicht hören – das ist der Hall!«

»Ach Unsinn«, meinte Massi, »es war nur der Wind.«

Gjartru saß da und kroch in sich zusammen. – »Ach nein – es war nicht der Wind.« Sie wußte, wer es war. Er hatte sie angerührt, während sie schlief, sie mußte ihn doch wohl kennen. » Könnt ihr nicht – – gibt es denn nicht – – «

Anders stand auf und machte in der Stube Licht. Massi kam nach. Immer wieder überfiel der Sturm das Haus und schüttelte es durch und durch, ließ es los und packte es wieder an; er kam vom Meer, es war der Nordwind. Das Schneetreiben zischte gegen die Scheiben wie ein rohes und böses Lachen.

»Du machst dir nur selber was vor, Kind!« tröstete Massi. – »Um diese Zeit und bei solchem Wetter sind sie doch nicht draußen« – sie schaute nach dem Mond und nach den Sternen, dachte gar nicht daran, auf die Uhr zu sehen. Es war bald Mitternacht!

Gjartru saß da und wimmerte leise. Anders sagte nichts.

»Und dann wäre es doch wohl eher der Ola!« seufzte Massi. Aber, wie gesagt, sie waren bei solchem Wetter nicht auf dem Meer draußen.

»Die Botschaft braucht ja auch ihre Zeit, bis sie herkommt«. Gjartru seufzte es vor sich hin.

»Ja, mag sein«, sagte Anders. »Wir müssen warten und sehen. Wir müssen warten und sehen, Gjartru. Aber willst du nicht versuchen, dich dort auf die Bank hinzulegen, was meinst du?« Er fragte so behutsam wie er nur konnte und legte die Hand auf ihren Arm.

Sie gehorchte ihm, und die beiden gingen wieder in die Kammer zurück; aber sie ließen die Türe offen stehen.

Am nächsten Tag ging Gjartru wie ein Schatten umher. Keiner sagte etwas zu ihr. Am Tag darauf kam Ola heim. Gjartru sah ihn als erste. Sie sagte kein Wort, setzte sich nur still hin und blieb sitzen, während er erzählte, wie es zugegangen war.

Sie seien so lange auf dem Meer draußen gewesen, der Sturm habe sie überfallen und sie hinausgetrieben. Und als sie endlich trotzdem mit Mühe und Not unter die äußerste Schäre gekommen waren, waren sie so erschöpft, daß sie nicht um Armeslänge mehr weiterrudern konnten; da stellten sie den Mast auf und setzten das Segel, dachten, sie könnten sich vielleicht in eine Bucht retten.

»War es der Hall, der das wollte?« fragte Gjartru, sie hatte Ola bisher nicht angesehen.

»Er war ja schließlich der Bootsführer, ja«, sagte Ola, er schlug die Augen nieder.

»Kamen noch mehr um als er?«

»Nein, wir konnten uns auf den Kiel retten. Und dann kam ein doppeltbemanntes Boot und barg uns.«

»Ist nun dein Wille geschehen!« schrie Gjartru auf, es war gleichsam, als rufe sie es dem Herrgott ins Gesicht.

Damit ging sie in den Dachraum hinauf.

Am Abend kam der Vater zu ihr hinauf und sah sich nach ihr um. Sie lag zu einem Bündel zusammengekrümmt auf dem Bett. Er stand lange da und sagte nichts. Dann war er schon im Begriff wieder hinunterzutappen.

»Ich weiß, wie es ist«, sagte er vor sich hin. »Hier hilft es nichts, etwas zu sagen, nein.«

Da blickte sie wirklich auf. Es durchrieselte sie warm, daß der Vater es so auffaßte, es war wie eine Qual und eine Freude zu gleicher Zeit. – »Es wird schon wieder vergehen«, meinte sie. Er wandte sich ihr froh zu: »Das tut es, Kind. Das tut es. Aber trotzdem.« Und dann fügte er hinzu, daß es für ihn nicht so ganz unerwartet gekommen sei. Damals im Herbst, als Petter Lines umkam, da schlüpfte Hall noch einmal durch; aber er hätte nie wieder aufs Meer hinaus dürfen. – »Aber warum hast du es ihm denn nicht gesagt?« Sie blickte ihn an, daß es brannte, es war noch weit bis zum Weinen, das merkte er. Anders fuhr sich verwirrt übers Gesicht: – »Ja, wer kann das wissen. Es mußte wohl so kommen. Es mußte so kommen, Gjartru.« Sie senkte den Kopf bei diesen Worten. Aber sie lebte wieder auf, Anders dünkte es, er spüre einen Hauch des gleichen schmerzlichen Glückes, das jetzt in ihren Augen brannte:

»Der Hall wäre ja trotzdem fortgefahren, er!«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen, Gjartru, er war keiner von denen, nein. Er wußte, wenn die Zeit da ist, dann hilft eben alles nichts. Und seinem Tode wäre er doch nicht davongelaufen.«

Da endlich löste sich in ihr das Weinen, und sie drehte sich der Wand zu und gab nach. Anders stand still da, wagte kaum zu atmen. Nun würde sie wohl über das Schlimmste hinweg sein, ja. Aber es dauerte nicht lange, dann wandte sie sich ihm wieder zu, so ruhig und so seltsam, daß es ihn traf:

»Jetzt hat der Herrgott doch wohl seinen Willen! Jetzt, da er ihn mir genommen hat.«

Anders lächelte, gleichsam als habe er etwas gehört, das auch ihm bekannt war. – »Ja, ja«, sagte er. »Aber man soll nicht lästern, so sehr es einen auch danach gelüsten könnte. Halt dich an den Herrgott, du!« bat er leise. »Das habe ich getan, und damit steht man sich auf die Dauer am besten.«

»Denn er weiß am besten, wie er steuern muß«, sagte er vor sich hin, als er hinunterging. »Wenn er will. Ja, wir sind alle miteinander nur Kinder gegen ihn, ja, ja!«

Er schämte sich ein wenig dafür, aber doch dünkte ihn, es sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Jetzt lag die ganze Zukunft wieder klar und hell vor Gjartru; aus ihr konnte noch etwas werden. Er fuhr mit der flachen Hand über das Treppengeländer, während er hinunterstieg; er war so sicher, gleichsam als habe er jetzt das Lebensglück selber zu fassen bekommen. – Nein, aber es will mir jetzt wohl. Und die Gjartru, die verträgt mehr als nur das.

Am Tag darauf zog Anders sich an und ging zum Pfarrer.

Eigentlich hatte er zur Kirche gehen wollen, er hätte schon längst sich nach der Arbeit dort umschauen sollen, seit Wochen schon hatte ihn dies geplagt; denn wenn der Petter der Lump war, wie er fürchtete, dann mochte der Geschwänzte wissen, wie die Arbeit getan worden war. Und sie sollte doch gut getan sein. »Das hat der Herrgott um mich verdient.«

Aber zuerst trieb es ihn zum Pfarrer hinein, wie er es schon die ganze Zeit gewußt hatte. Er müsse mit ihm unter vier Augen reden, und sie gingen in sein Arbeitszimmer.

Er wolle sein Anliegen kurz und bündig vorbringen, sagte Anders – denn solchen Leuten mußte man ohne Umschweife entgegentreten, das hatte er erfahren, und er war nahe daran, dies zu sagen. – Ja, er habe einen Sohn, der so ähnlich wie Jens heiße. Ein Unband und ein Tollkopf. – Ein prächtiger Bub, soviel der Pfarrer wußte. – »Ja, freilich, daran fehlt es nicht; aber auch ein übermütiger Kerl, wie gesagt, er trinkt und rauft wie sich's trifft; aber das liegt uns wohl so im Blut, wenn wir jung sind.« – Aus ihm würde schon noch einmal ein tüchtiger Mensch werden. – Ja, ja, da hatte der Pfarrer wohl recht – es tat gut, mit vernünftigen Leuten zu reden; mit Männern. Und nun habe der Pfarrer eine Tochter –

»Viele!« warf der Pfarrer ein. Aber er war nicht zu durchschauen.

Ja, aber da sei eine, die heiße Ragna; die sei es besonders, sie, die ein wenig rundlich sei – die doch auch etwas aushalte. Sie sei gerade die Rechte für den Jens. Und Jens passe zu ihr. Denn in Jens stecke ein guter Kern, darin habe der Pfarrer vollkommen recht; wenn er einmal eine Hand fand, die ihn ein wenig im Zaum hielt.

Der Pfarrer betrachtete seine Finger und schaute dann in die Luft. Er war jetzt ein wenig rot geworden. – »So etwas sollte man doch am besten die jungen Leute selber ausmachen lassen«, meinte er.

Anders sah den Pfarrer ruhig an:

»Das tust du nun auch nicht immer, Pastor!«

Der Pfarrer verneigte sich, ein ganz klein wenig, und dies dünkte Anders eine feine Antwort. Er lächelte:

»Eines mußt du mir versprechen, trotzdem, alter Bekanntschaft zuliebe!«

»Ja–a, du weißt –«

»Daß du mit der Pfarrersfrau darüber reden willst. Dann glaube ich, daß die Jungen selber zurechtkommen, ja. Erzähle ihr, daß der Jens Kaufmann und bald ein großer Mann sein wird, daß ich dafür einstehen will, das mußt du sagen!«

»Schau, schau!« der Pfarrer blickte Anders mit kleinen Augen an, schlau, aber doch erstaunt. »Du hast den Kopf voller Pläne wie gewöhnlich, mein guter Anders.«

Anders erhob sich; er richtete sich seiner ganzen Länge nach auf und fuhr sich über den Bart.

»Ich will dir etwas sagen, Pfarrer: Ich habe gegenwärtig das Glück auf meiner Seite; ich habe Luft unter den Schwingen, das kannst du dir gar nicht so richtig vorstellen!« Einen Augenblick stand er so da und überlegte, und dann erzählte er die Sache mit Gjartru und Hall. – »Er schlug hart, diesmal, der Herrgott«, fügte er hinzu. »Aber es war nur zum Guten.« Ruhig richtete er seinen Blick auf den Pfarrer: »Du sollst auch ein wenig auf diesen Mann vertrauen, du auch; dabei würdest du dich gut stehen.«

»Aber das tue ich ja, soweit meine schwachen Kräfte zureichen.«

»Das tust du wohl, ja. Soweit deine schwachen Kräfte zureichen, ja. Und leb wohl jetzt – und vergiß nicht, um was ich dich gebeten habe. Sie soll es galant haben, das Mädchen, wenn sie einmal zu uns kommt, richte das deiner Frau aus.«

Der Pfarrer streckte ihm die Hand hin, und Anders verachtete dies nicht.

»Ich meine, du solltest die ganze Gemeinde leiten, du Anders, was?«

»O nein, woher doch! Nein. Da müßt ich ja mit diesen Wölfen heulen. Nein, Gott sei Dank! – – Aber der Per, mit dem wäre es etwas anderes. Wir werden ja sehen. Oder der Jens. Einer von ihnen wird es werden, das ist sicher.«

Er ging noch einen Sprung zur Kirche hinunter, kratzte ein wenig an der Farbe herum und blickte an der Wand hinauf, aber er wurde nicht klüger davon. Er mußte eine Leiter haben, wenn er etwas erfahren wollte, denn unten war es natürlich auf jeden Fall in Ordnung. Aber er hatte gewonnen! »Unsere Kinder«, würde er einmal mit den Pfarrersleuten sagen. Ja–ha. Damit schob er den Gedanken von sich, es schmeckte nicht, ihn zu lange auf der Zunge zu haben. – »Wein nur nicht, du, Gjartru!« murmelte er. »Es wird schon wieder vergehen. Deine Zeit kommt schon auch noch, Kind.«

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