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Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Massi

1

Petter war der erste, der gewahr wurde, daß der Bruder graue Haare bekommen hatte. Er ging im Lauf des Winters von Zeit zu Zeit nach Haaberg hinüber. Es war, als müsse er sich nach dem Bruder umsehen, und dies tat Anders gut – andere Leute wollte er nicht sehen.

Er könnte doch wieder für ganz hierbleiben, jetzt bald? meinte Anders eines Abends, als Petter da war. – Das sei nicht so einfach, erwiderte Petter. Die Massi komme mit dem Hof nicht allein zurecht, fügte er hinzu.

Sie habe doch den Lars, den Knecht.

»Ja, einesteils – –«, Petter blinzelte dem Bruder vielsagend zu.

»Ich weiß nicht recht, Petter.« – Anders rückte hin und her auf seiner Bank, fuhr sich immer wieder über Stirn und Augen – »ich weiß nicht recht – aber wir sind uns so fremd geworden, in letzter Zeit.«

Petter sah zu ihm auf, begegnete seinem Blick mit offenen Augen, wie er es schon als kleiner Junge immer getan hatte:

»Meinst du? Wir zwei, wir sollten einander doch so ziemlich kennen.«

Anders war es, als bekomme er einen Stich. Er hatte seinen Bruder verloren, zu allem anderen.

»Aber was ist denn mit dir, Anders: du hast wohl gar graue Haare bekommen?«

Später spielte Petter immer darauf an, so oft sie zusammentrafen; er war so aus gutem Herzen heraus erstaunt.

»Schau nun zu, daß es gut geht mit dir in Engdalen«, sagte Anders.

Und das tat es auch. Massi hatte mit neuem Mut zugegriffen, als er kam. Sie war nicht eine von denen, die sich in schwarzen Kleidern hinsetzten und dahinwelkten, sagten die Leute, und jetzt, seit Petter da war, bekam der Tag ein ganz anderes Gesicht. Dies gab ein so sicheres Gefühl im Haus. Die Nächte waren so lang und totenstill, die waren das Schlimmste; und da tat es gut, den Petter zu haben, denn ihn griff so leicht nichts an. Sie hielt ihn nicht für etwas Besonderes und schon gar nicht für einen richtigen Mann; aber er hatte eine Art an sich, daß man nichts Unheimliches mehr hörte, daß es einfach nichts mehr zu hören gab. Sie hatte noch nie mit einem so furchtlosen Menschen unter einem Dach gelebt.

Auch sonst hatte man eine gute Hilfe an ihm, auf dem Hof. Sie konnte dem Knecht kündigen, und trotzdem brauchte sie nicht an die Arbeit außerhalb des Hauses zu denken. Er hätte seine eigenen Sachen nicht besser verwalten können; und er konnte alles, was es auch war.

Gleich in den ersten Tagen, an denen er hier war, nahm sich die Kleine besser zusammen. Massi hatte keine anderen Kinder mehr als diese Stieftochter, und das war eine kleine Hexe von einem Kind, dem man weder im Guten noch im Bösen beikommen konnte; sie war jetzt sieben Jahre alt, und Massi mußte ihr in allem und jedem den Willen lassen. Es ist nicht leicht, das Kind eines anderen zu züchtigen, wenn man ihm zugleich Mutter sein soll. Aber vor Petter hatte das Kind heillose Angst; er brachte es zuwege, daß sie wie ein Hund vor ihm kroch; er war der einzige, den sie liebhatte.

Massi fühlte sich mit der Zeit Petter gegenüber ein wenig unsicher, sie merkte das selbst. Auf irgendeine Art war es unangenehm, ihn hier zu haben. Aber dies wurde ihr nicht bewußt und sie achtete auch nicht darauf, denn entbehren konnte sie ihn nicht. Im Lauf des Sommers mußte sie häufiger an ihn denken, als sie wollte. Gar oft blieb sie ganz still stehen und wunderte sich. Und zuletzt mußte sie sich's eingestehen: es würde schmerzlich sein, wenn sie kämen und ihn ihr fort nähmen, irgend jemand, so standen die Dinge.

Er war nicht alle Nächte daheim, so wenig wie andere junge Leute, aber die Sache war die, daß er sich fortstahl und sich auch wieder ins Haus stahl. Oft wachte sie in der schwärzesten Nacht auf und wußte ganz genau, daß er jetzt nicht oben im Dachraum lag. Bisweilen lag sie bis tief in die Nacht hinein wach da, so müde sie war, und dann hörte sie die Treppe, die nichts verschweigen konnte, und dann die äußere Türe. Gegen Morgen zu dann wieder die gleichen Diebesschritte; aber dann fühlte sie trotzdem eine Erleichterung, denn nun war er doch daheim.

Wochenlang ging sie umher, im Zweifel mit sich selbst, fühlte sich bald warm und bald kalt, und dann endlich redete sie mit ihm. Sie tat es mit springendem Herzen, wie man so sagt.

Er nahm es ruhig, wie er alles ruhig nahm: Ja, er sei bei den Mädchen gewesen. – Wo denn? – Na, er wisse nun nicht, ob er das so sagen würde. Im übrigen sei er da und da gewesen. – Bei Mägden? Freite er denn um Mägde? – Na, ein Freier war er nun gerade nicht. Aber er könne sich doch auch nicht schon ins Winterlager legen? – Er solle an seinen Oheim denken, an den Jens; daß es ihm nicht genau so ergehe wie dem. Petters Gesicht hellte sich auf.

»So? Der Oheim und ich, wir – wir sind wohl zwei Späne aus dem gleichen Scheit, wir. In unserer Sippe ist immer einer der Mann und der andere ein armseliger Tropf. Und der Anders ist nicht der armselige Tropf, soviel ich weiß.«

»Geh nicht mehr dorthin, Petter. Tu doch so etwas nicht!«

»Hm – so etwas habe ich noch nie versprochen. Und auch nie gehalten. Aber – ich könnte es ja dir versprechen.«

Massi dachte viel an das, was Petter gesagt hatte, daß er wie der Jens sei. Er versank im ersten Moor, in das er geriet, erwartete sich nichts Besseres. Und das sollte nicht geschehen. Ihr wurden die Knie ganz weich, als sie dahinging: es kamen ihr so viele seltsame Gedanken. Sie sei nicht die Massi, schien es ihr, wenn sie ihn so versinken ließe; jetzt, da er sonst niemand hatte, der sich um ihn bekümmerte. »Koste es, was es wolle!« sagte sie eines Nachts, und am Tag darauf redete sie ganz offen mit ihm.

Sie waren in der Scheune und schichteten Garben. Die Kleine hatte sie mit irgendeinem Auftrag in die Stube geschickt. Sie holte Atem, gleichsam als sei sie einen Berg hinaufgelaufen, einen steilen Berg.

»Ich meine ja nicht, Petter, daß du dein Leben wie ein altes Weib hinbringen sollst. Ich kenne mich doch auch aus. Aber du bist zu gut für so etwas; daran muß ich immer wieder denken; alles mag sein wie es will. – – Lieber sollst du in Gottes Namen zu mir kommen, wenn es schon so schlimm sein muß.«

Sie wollte viel, viel mehr sagen, wollte sagen, daß sie das nur tue, um ihn zu retten; aber sie hatte solche Angst, mittendrin steckenzubleiben, daß sie kein Wort herausbrachte. So mußte sie es ihm lieber später sagen, und dann wollte sie erzählen, wer sie war und warum sie den Ola genommen hatte, den sie nie gern gemocht hatte, daß sie es getan, weil der Anders auf ihr herumgetreten und -getrampelt war, denn irgend jemand hatte es durch Zauberei dahin gebracht, und nie sei sie froh und glücklich gewesen wie andere junge Menschen, nie in ihrem ganzen Leben! – Sie stand da im Halbdunkel, und dies alles durchströmte sie, und dabei hatte sie nur diesen kleinen Gedanken, an dem sie sich festhalten konnte, und er war so kläglich dünn: daß sie ihn retten wollte. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herab.

Sie glaubte zu sehen, daß er froh wurde. Er war sicher ordentlich froh; sein Gesicht wurde so seltsam.

»Am Samstagabend«, sagte sie, und als dies gesagt war, kam, Gott sei Dank, die Kleine wieder herein.

Das war anfangs der Woche. Und Massi durchlebte eine seltsame Zeit. Sie mußte sich fragen, ob es das Leben war, das jetzt zu ihr kommen würde. Auch er fand es sicher seltsam. Er ging umher, gleichsam als habe er irgendwo Gold versteckt, so schien es ihr.

Und Petter war es auch wirklich so zumute. – »Weiberleute sind unergründliche Leute«, sagte er zu seinen Kameraden. »Tu nie dergleichen, als sähest du sie, dann hast du sie bald am Hals hängen. Dann wachst du eines Tages mit vollen Armen auf, dann wird dir die Glückseligkeit an den Kopf geschmissen.«

Sie hatten Petter noch nie so etwas sagen hören; sonst grinste er gewöhnlich nur.

Es war eine stille Nacht, finster und grau mit schwarzen Wäldern und mit weißen Sternen über den Bergen. Mitten in der tiefsten Stille begann manchmal ein kleiner Baum zu rauschen, dann gab irgendein anderer Antwort, und gleich rauschten ganze Flächen des Waldes, wogten mit Fichtenschwingen über alle Hänge hin, murmelten im Halbschlaf und schlummerten dann wieder ein. Es war eine Nacht, in der alles geschehen konnte. – Und dann kam der Morgen über die Berge herein, ein neuer und glänzender Sonntag, den noch keiner gesehen hatte, lange lag er über dem Gebirgsrand und errötete und wurde heller, und über den Boden in der Stube kam er mit hellfahlen Flecken und mit einem erstaunten Lächeln.

»Jetzt mußt du gehen«, sagte Massi. »Es ist schon hellichter Tag.«

»Jetzt wäre es erst gut zu liegen«, meinte Petter. »Denn jetzt liege ich dort, wo ich hingehöre.«

Diese Worte waren es, die Massi von ihm zu hören sich gewünscht hatte, ja, ihr schien es sogar, als seien sie allein es, die sie zu dem verlockt hatten. Trotzdem aber bat sie ihn, als stehe vieles auf dem Spiel, er möge doch gehen.

»Der wird große Augen machen, du, und schlappe Ohren, der Anders, mein Bruder, wenn er diese Neuigkeit hier erfährt.«

»Du bist wohl nicht recht gescheit: er darf doch davon nichts erfahren.«

»Nein, versteht sich. Aber das geschähe ihm recht.«

Aber wie stand es denn jetzt um den Anders? wollte sie wissen – trug er es denn nicht so, wie es sich gehörte, daß er seine Lappen davongejagt hatte?

»Was geht das mich an«, sagte Petter und gähnte. Ach ja, er trug es wohl; Anders ließ sich nie etwas zu Herzen gehen.

Nein, wirklich. Das konnte man ihm nicht vorwerfen. – »Und das ist eigentlich eine große Sache!« fügte sie nach einer Weile hinzu.

Petter lag da und lachte leise.

»Und dann dieser Steinrutsch«, sagte Massi, sie blickte zur Decke hinauf. – »Daran mußte er doch deutlich erkennen, daß es ein Höherer war, der seine Hand im Spiel hatte.«

»Wenn du wissen willst, wer dieser Höhere war, Massi, mußt du mich fragen!«

»He?«

»Dann mußt du mich fragen, sag ich. Wenn ich's nicht weiß, dann weiß es keiner. Denn ich bin es, der damals den Herrgott gespielt hat.«

Er erzählte, ohne mit der Wimper zu zucken, daß er es gewesen war, der den Hüterbuben dazu gebracht hatte, über die Steinrinne zu springen, als er sie kommen hörte. Und den Rest hat der Herrgott besorgt, das ist wahr. Dann hatte Petter dem Jungen mit allen Teufeln gedroht, er dürfe nicht erzählen, daß er dort oben gewesen war; und der Lausbub hatte auch wirklich seinen Mund gehalten wie ein Juwiking.

Massi blieb lange still liegen. Sie vergaß ganz, daß der Tag gekommen war.

»Aber daß es so ist«, sagte sie, »daß es so ist! – – Weiß der Anders, daß es sich so zugetragen hat?«

Das wußte er wohl. Wenn er nicht ganz dumm war. Und das war er doch wohl nicht, oder?

»Ja, wenn er es nur weiß!« sagte Massi. Denn sonst lag der Anders da und schwitzte und grübelte und meinte, er sei der Mörder – das hatte ihr der Pfarrer erzählt: er meinte, er habe ihnen den Steinrutsch angewünscht.

»Er wird jetzt bald etwas anderes zu denken bekommen«, sagte Petter. »Wenn er jetzt hört, daß wir zwei– –«

»Schweig, red jetzt keinen Unsinn. Steh auf, hörst du, bevor sie im Dachraum aufwachen!«

»Das sag ich dir, ich komm nicht wieder. Wenn du mich jetzt fortjagst.«

Massi stieß die Luft durch die Nase, zornig und heftig, sie war nahe daran, ihn aus dem Bett zu werfen. Endlich hatte sie ihn draußen. Er tappte so laut wie möglich, als er ging, damit die Magd es hören sollte; und Massi fühlte es halb wie eine Erleichterung, daß er es so nahm. Auf diese Weise war sie nun fertig mit ihm. Und die Magd, die schlief wie ein Stein.

Der Steinrutsch war im rechten Augenblick abgegangen, das stand fest. Massi hätte Petter noch einmal so gern haben können dafür, merkte sie. Aber sie war so zutiefst krank und unglücklich – sie hatte ihn nie gemocht!

Sie war untreu gegen Anders gewesen. Und wenn er sie auch nie wiedersehen wollte. Und jetzt lag Anders da und quälte sich mit seinen Gedanken und konnte diesen Fels nicht von der Brust wälzen. – Daß sie sich in diesen Burschen da hatte verschauen können! Denn so war es. Sie wollte die Wahrheit reden, wenn sie mit sich allein redete.

Aber jetzt glaubte sie fast, sie habe so viel Mut, um hinzugehen und dem Anders zu erzählen, wie die Sache mit der Solvi zugegangen war. Und das tat not, das wußte sie.

Petter war das Grinsen vergangen, als er oben im Dachraum auf dem Bett saß. Es war das erstemal, daß es ihn im Stich ließ. Und das erstemal war er einem Menschen so nahe gewesen, daß er ein Wort zuviel hatte sagen müssen. Da krachte gleich die ganze Herrlichkeit zusammen. O nein, den Anders konnte man nicht mit einem Stein züchtigen. Wer weiß, wer ihm half. Petter wußte von niemand. Die Welt war leer und kahl. – »Ich will ihm nichts Böses, glaube ich wenigstens«, sagte er, als er hinunterging und das Pferd auf die Weide brachte. Er mußte an Massi denken und fühlte sich elend wie ein Hund; denn die sollte der Anders nicht haben. Trotzdem lebte irgendwo in ihm etwas auf und dichtete eine Art Lied:

»So geht es: Der eine verliert, und der andre gewinnt.«

2

Anders lag in tiefem, festem Schlaf, es war in einer Nacht im Spätherbst. Er lag unten in der Stube und das Gesinde oben im Dachraum. Da erwacht er und glaubt zu spüren, daß er nicht allein ist. Er blickt um sich und wird jemand gewahr, der auf seinem Bett sitzt. Ihn durchfährt der Gedanke an Solvi; er hätte gern mit ihr gesprochen, aber nicht, wenn sie so zu ihm kam. Trotzdem lächelte er, denn das war ja ein Gespenst, wer es auch war, und ein solches hatte er noch nie gesehen, wenigstens nicht so nahe – ja, und die Solvi ist es auch nicht, das sieht er jetzt. Er fragt, wer es ist.

»Ich bin es. Die Massi.«

»He? Treibst denn du dich draußen herum, um diese Zeit?«

»Ja, es war so mondhell. – Und du schläfst?«

»Ja, es ist ja Nacht.«

»Wer hast du denn gemeint, daß es ist?«

»Niemand, und auch das kaum.«

Er hörte, wie sie dasaß und nach Atem rang; vielleicht war sie, von tausend Ängsten gejagt, durch den Wald hierher gelaufen. Wer doch jetzt ein brauchbares Wort zu sagen wüßte. Da hörte er es still und warm, ganz nahe, durch das Halbdunkel.

»Wenn du doch auch nie zu mir kommst.«

Anders dachte lange und schwer. Er griff tastend nach ihrer Hand, und sie legte sie so willig in die seine. Er aber ließ sie sofort wieder los. Sie kam ihm nach, so schien es ihm, und da zog er seine Hand weit zurück.

»Ach nein, Massi. Es kann nicht sein. Halbe Arbeit ist auch eine Arbeit, sagte der Henkersknecht. Wer dem einen Weib das Leben genommen hat, braucht sich mit dem andern nicht zu beeilen.«

Er liege doch wohl nicht da und quäle sich immer noch damit ab, daß er den Steinrutsch auf sie herabgewünscht habe?

Nein. Aber er habe es eben doch gewünscht. Und das sei doch wohl genug? Er ließ die Hand schwer auf die Felldecke fallen: Die Welt war ohne Führung. Sie schlenderte und wankte dorthin, wo sie selbst wollte. Da konnte man sich wohl hinsetzen und zuschauen. »Sie ist ohne Führung, hörst du!« –

»Ja, das weiß ich wohl. Sonst war ich wohl kaum hierhergekommen. Ich dachte, du würdest es verstehen, Anders.«

Sie erinnerte sich jetzt des Weges, den sie gekommen war, er war lang und unheimlich gewesen, halb so lang hätte schon genügt, die Mondsichel verschwand hinter schwarzen, argen Wolken, grinste dann und wann wie ein gelber Zahn hervor, und dann wurde das Dunkel lebendig und griff nach einem – es schien ihr wie ein Traum, daß sie unterwegs war, und zurückzugehen wagte sie nicht mehr, nicht allein, oder nicht, ehe es Morgen war und ein Mensch sich wieder hinauswagen konnte. Und dann, daß sie hier saß, mitten in der Nacht, das Gesinde im Dachraum über ihr, und vor ihr der Anders wie ein Feind und ein wildfremder Mensch. Ihre Gedanken streiften darüber hin und kehrten wieder zurück.

»Ich sehe manchmal deinen Vater vor mir, Anders. Er steht so deutlich da. – – Er war es, der dich so geplagt hat – bis du dich von dieser Lappenbrut befreit hast. Glaubst du nicht?«

»Ich glaube überhaupt nichts.«

Aber er dachte doch eine Weile an den Vater. Es ist eine Schande, wirklich, daß so kleine Leute den Namen eines so großen Mannes in den Mund nehmen, dachte er. Denn der Vater schwebte stets in einem hellen Nebel vor seinem Blick, er war etwas Großes und Heiliges, das nur ihm selbst gehörte.

»Du brauchst mir nichts von meinem Vater zu erzählen«, sagte er. – »Und Lappenbrut sollst du nicht sagen, hier im Haus.«

Er war nicht Anders auf Haaberg, wenn er so dalag und sich so etwas nahegehen ließ – es war genau so, als rühre sie mit dem Finger an eine Wunde –; nein, und er wurde gewiß auch nicht mehr der Anders. Es fuhr gleichsam die Bosheit kleiner Leute in ihn; denn hier durfte er nicht zuschlagen.

»In diesem Bett hier, Massi – – in diesem Bett hier – –, du verstehst mich wohl?«

Sie verstand ihn. Sie zog ihre Hand wieder zurück, die suchend nach der seinen gegriffen hatte. Sie drückte sie an die Brust. Denn jetzt dachte er an sie, sah sie gewiß vor sich, sie fühlte es. Er war noch nicht weiter gekommen.

Er drehte den Kopf nach der anderen Seite, wandte sich von ihr ab, wie ein Kranker versucht, sich von der Qual abzuwenden. Dann dreht er sich wieder zurück und sagt hart:

»Jetzt mußt du deiner Wege gehen.«

»Ja, aber eines mußt du mir versprechen, Anders –«

»Kaum.«

»– daß du wieder hinaufsteigst und der Anders wirst, der du warst, daß du versuchst zu –«

»Kannst du dich nicht augenblicklich davonmachen, Weib! Daß ich dich nicht so heiratslüstern sehen muß.«

Sie schwieg ein wenig. Sie hatte doch nicht geglaubt, daß es so schlimm um ihn stünde. Daß er ihr gegenüber zu einer Waffe greifen würde.

»Weißt du, wer den Steinrutsch gelöst hat, Anders? – – Der Petter, dein Bruder. Er hat es mir selber erzählt.«

»Das geht mich nichts an. Nicht das geringste!«

»Ja, aber – wir müssen doch wohl wieder mit dem Leben anfangen, Anders? Denn das erwarten sie sich von uns.«

»Fahr zur Hölle!«

»Ja, aber ich komme wieder. Verlaß dich drauf.«

Da hörten sie etwas außen an der Wand, ein paar Schritte aufs Fenster zu, man konnte glauben, es sei die Dunkelheit selbst, die sich heranschleiche. Und dann lag ein Gesicht an der Scheibe und schaute zu ihnen herein. Massi packte Anders bei der Hand, und er richtete sich auf und sah hin. Die Mondsichel lugte gelb aus einem Spalt zwischen den Nachtwolken hervor. Und das Gesicht lag still und schwarz an der Scheibe.

»Paß auf, daß ich nicht zu dir hinauskomme«, sagte Anders; und da zog sich das Scheusal zurück und verschwand.

»Hehe!« lachte Anders; »wenn der Leibhaftige schon hier so aufdringlich ist, wie wird er dann erst bei den andern hausen, die sich wirklich fürchten!«

Es war doch wohl nur ein Mensch, meinte Massi. Wer weiß, ob es nicht der Petter war?

Ja, sagte Anders, als er eine Weile dagesessen und über allerlei nachgedacht hatte. – Und warum konnte sie nicht ihn nehmen?

Massi lächelte im Finstern, ein ruhiges kleines Lächeln. »Traust du dich jetzt allein heimzugehen?«

»Nein! Aber du weißt, ich gehe trotzdem, ich – –Aber ich komme wieder, wie ich gesagt habe.« Und dann ging sie.

Anders lag wach da und begleitete sie in Gedanken auf ihrem Weg. Jetzt ging sie über die Wiesen, jetzt ging sie durchs Kleintal und jetzt durch den Jungwald – es mußte ihr schlimm zumute sein, meinte er. Sie mußte über den Deubach, das war das Schlimmste, denn dort hatte sich in früherer Zeit ein Mann umgebracht. Aber sie war ja nicht die Nächstbeste, mochte sie sonst sein wie sie wollte, sie war ein Teufelsweib. Dann beruhigte er sich bei dem Gedanken, daß Petter käme und sie begleite, er stand wohl irgendwo und wartete auf sie; der Petter, der war nicht für die Katz. Und dann würden sie ihn wohl in Frieden lassen, von nun an.

Mit dem Leben anfangen? Ja. Er hatte es nie anders vorgehabt. Wenn seine Zeit da war. Aber bis dahin war es noch lang; noch sehr lang.

Er trauerte so sehr um die Solvi, er konnte nicht glauben, daß die Zeit ihm je wieder ein anderes Gesicht zeigen würde. Und ohne Frauenzimmer im Haus ist der Mann nichts wert.

Der Anders werden, der er gewesen war? hatte sie gesagt. Er lag lange da und dachte darüber nach; oder er lag da und träumte davon, wie es früher einmal war. So wurde es nie mehr.

3

Es vergingen nicht viele Tage, da sattelte Anders seinen jungen Gaul und ritt nach Engdalen. Es war ein beißend frischer Tag mit weißen Wolken und Herbstsonne; der Wind fuhr über die Wiesen und fegte das Laub zusammen, rannte durch den kahlen Wald und brauste sich froh, peitschte den Fjord, daß er der Sonne ein weißgelbes Gebiß zeigte.

Nein, weiß Gott, Petter, mein Bruder, du kannst die Massi nicht kriegen! sagte Anders vor sich hin. Nein, denn – du findest leicht wieder einen Weibergalgen, an dem du dich aufhängen kannst. Mit mir ist das etwas anderes. Ich habe ja auch nicht mehr viel Zeit zu versäumen. Ich will nicht noch einmal zu spät daran sein.

Er war heute früh aufgewacht, einzig und allein um dieser Sache willen. Es hatte ihn wie eine Krankheit überfallen. Ihn dünkte, es stünden alle Juwikinger rings um ihn und erwarteten das von ihm. So fühlte er es übrigens die ganze Zeit, seit Massi hier gewesen war. Sie war es wohl, die ihm die Augen geöffnet hatte; so daß er das sehen mußte, was sie sah. Ja, gut, er hatte nicht viel dagegen. Denn es gab ihm innerlich soviel Mark: was er nun tat, war das einzig Richtige – er hatte übrigens nie daran gezweifelt. In den letzten Tagen war er herumgegangen und hatte sich wiedergefunden, hatte seinen Willen wiedergefunden, so war es; und jetzt trieb er das Pferd an, daß der Schaum in Fetzen davonflog; ihm war es nicht anders, als springe er selber dahin. Der Wind stand ihnen entgegen, aber auch der half mit.

Er wünschte, er möchte den Petter zuerst treffen, und es gab sich so; Petter stand in der Schmiede und hämmerte an etwas herum, er wollte einen Ring fürs Geschirr schmieden, Anders kam gerade um die Ecke.

Er sprang noch vom Pferd, ehe er es anhielt, und ihm schien es kein schlechtes Zeichen, daß er gut zur Erde kam und sich auf den Füßen halten konnte.

Petter sah sofort, daß der Bruder in einer bestimmten Absicht kam; er schob die Mütze in den Nacken und steckte die Hände in die Taschen: er hatte nichts zu verlieren.

»Nun, wie geht es hier auf dem Hof?«

»Oh, großartig.«

»Ist sie daheim?«

Ja, freilich; sie war daheim, ja. Saß den ganzen Tag da und wartete auf Besuch; und die Nacht dazu.

»Hm. Ja, sie war es ja eigentlich, die ich habe treffen wollen. Ich habe ein paar Worte mit ihr zu reden.«

Er hielt die ganze Zeit seine Augen auf den Bruder gerichtet, und der mußte ihnen ausweichen, wie gewöhnlich. Oh, Anders sah es wohl, der Bursche erinnerte sich an seinen Streich mit dem Steinrutsch; und jetzt wollte er es ihn fühlen lassen. Nicht daß er davon sprach, nein, denn über so etwas redete man nicht, aber den Absatz sollte er zu spüren bekommen.

»Ich habe ja einmal gedacht, daß du auf dem Hof hier Bauer werden solltest, und das kannst du auch werden, so wenig du auch wert bist; aber die Massi, will ich dir sagen, die muß ich haben. Was meinst du dazu?«

»Ich? Nein, da mußt du schon lieber sie fragen.«

»Ja, denn du, siehst du – – ich werde dir schon einmal eine aussuchen, mit der dir geholfen ist. Wenn du einmal ein Mannsbild bist und die Kinderstreiche hinter dir hast; und die Lumpenstreiche. Und wenn ich einmal Zeit übrig habe.«

Petter gab keine Antwort, aber Anders sah, was er dachte, und das war nicht gerade sanft.

»Ja, aber, du mußt bedenken, Petter, einer von uns muß hier nachgeben, und da– –. Und vergiß eines nicht, Petter – was für ein Teufel war denn damals in dich gefahren, daß du den Steinrutsch gelöst hast? He?«

»Ich – ich – hab's dir nur gut gemeint. Denn ich wußte ja – daß du es gewünscht hattest.«

»Ja, bist du denn wirklich so ein Auswurf? Bist du denn ein Mörder, Kerl?«

Petter lachte, als hätte Anders irgend etwas furchtbar Lustiges gesagt, und danach sah er auf und wunderte sich darüber, daß Anders nicht mitlachte. Anders zog die eine Schulter hoch, schüttelte ihn gleichsam ab – an dumme Leute soll man kein Wort verschwenden –, und dann nahm er das Pferd und führte es auf den Hofplatz. – »Mit dir kann man nicht rechnen«, sagte er und streifte dem Pferd die Schaumflocken ab. – »Dich leg ich auf die Seite. Du bist unbrauchbar.« Nach diesen Worten fühlte er sich jung und erleichtert.

Massi kam heraus und half ihm, das Pferd in den Stall zu bringen. Sie hatte ihn kommen sehen, gerade noch rechtzeitig genug, um eine bessere Schürze anzuziehen; schade, daß sie sich nicht ein wenig schöner gemacht hatte, aber das mußte bis später warten, sie hatte solche Angst, er könnte wieder fortreiten, ehe sie hinausgekommen war.

Nein, es sei so, sagte er, er habe jetzt darüber nachgedacht: wenn sie sich zusammentun wollten, dann müßte es jetzt gleich geschehen. Die Zeit vergeht, Gott allein weiß, wo sie hinkommt, aber das ist sicher, sie vergeht, und wir bleiben zurück. Und das Leben, das wollen wir jetzt richtig anfangen.

Massi gibt keine Antwort, und da wendet er sich jäh zu ihr um:

»Wenn du also so willst wie ich, Massi, dann machen wir's jetzt schnell. Sie wollen es so, ich bin ganz sicher.«

Massi nahm einen Arm voll Heu und warf ihn dem Gaul vor. Sie erkannte ihre Worte nicht wieder, sie meinte, Anders erzähle ihr etwas, woran sie noch nie gedacht hatte. Es hätte anders sein sollen, wenn er kam und um sie freite; aber schließlich war es doch trotzdem etwas Großes und etwas Besonderes.

Ein schöner junger Gaul sei das hier, sagte sie.

»Und jetzt soll er dir gehören, Massi!«

»Ja, weißt du, wenn du mir das versprichst, dann kann ich nicht nein sagen« – sie sah ihn hell und lange an. – »Ich bin nicht mehr jung, Anders, das mußt du wissen. Aber trotzdem –«

»Nun, wir sind ja gerade keine Spaßmacher, keines von uns. Aber ein Spaß soll es nun doch werden.«

Er hatte weiße Fäden in Haar und Bart, und das Gesicht war nicht das gleiche, das sie im Herzen getragen hatte, seit sie ein Kind war; sie dachte an die Kinder, um die sie gekämpft und die sie verloren hatte, und an vieles andere, sie fühlte sich zum Umfallen müde, jetzt, da sie wieder anfangen sollte. Aber es tat so gut, zu wissen, daß sie endlich einmal im richtigen Boot saß und mitkommen sollte.

»Komm doch herein.«

Sie ging voran mit leichten Schritten, die Anders nachzogen. Ein wenig dünner war sie geworden, alles in allem, nur das Haar war noch ebenso dicht, aber das schien ihm nun auch das Wichtigste; ein wenig verbraucht war sie im Gesicht und in der Stimme, aber wenn man gut mit ihr war, dann würde sich das alles wohl wieder verwachsen. Sie sollte ein Staatsmädel werden und ein Weib, mit dem man das Leben anpacken konnte.

»Es war ganz, als hätte der Vater angeschoben, als ich hierher ritt«, sagte er.

Als er heim wollte, begleitete sie ihn ein gutes Stück weit auf den Weg. Sie sprachen über vielerlei, und alles sah anders aus für ihn, als es seit langem getan hatte. Jede Kleinigkeit, von der sie sprach, wuchs so groß und lebend vor ihm auf, gleichsam aus ihm selbst heraus: Die Schuld, die dalag und wartete und abgetragen werden mußte, die Erde, die er ausgehungert und vernachlässigt hatte, die Stallgebäude und was es auch war. »Und was du vormachst, das machen die anderen nach«, hatte sie von den Nachbarn gesagt, und so war es. Er sollte ihnen vorangehen; und die Gemeinde in Ordnung bringen – es stand schlecht genug um sie.

– – – Sie feierten die Hochzeit im Februar, am Lichtmeßtag. Und es wurde so, wie Massi gesagt hatte, an diesem Tag kamen viele Leute zur Kirche, und die, die zu ihnen traten und sie begrüßten, die kamen mit der ganzen Hand, oder wie man es nennen wollte. Massi erwähnte es später. Sie könnten es damit halten, wie sie wollten, sagte er; aber es war im übrigen keine geringe Sache. Guten Menschen zu begegnen, war das Beste, was es gab; darauf hatte er bis jetzt noch wenig geachtet.

Auch der Pfarrer kam zur Hochzeit. Er kam durchaus nicht zu jeder Hochzeit, hieß es von ihm, aber nach Haaberg mußte er kommen. Anders hatte ihn so behutsam eingeladen, wie er nur konnte.

Am Abend des zweiten Tages spürte Anders, wie ihm das Trinken in den Kopf stieg; aber er fühlte keine große Freude dabei. Mochten sich die anderen am Trinken freuen; und das taten sie. Man wird nur so wach davon, sagte er, da kommen einem alle möglichen Gedanken und Erinnerungen, und man kann ihnen nicht den Rücken drehen und kann sie auch nicht aus sich herausbringen; er suchte nach der Mütze und ging hinaus. Draußen begegnet er Petter; der ist so betrunken, daß er sich an der Wand entlangtastet, aber auch er ist ebenso hellwach wie Anders. Er müsse mit dem Anders reden. Denn irgend etwas liege so schwer auf ihm, daß er es fast nicht mehr aushalten könne. – »Ich seh dir's an«, sagte Anders. – »Ja, da lachst du, Anders, aber das Leben – das Leben ist eine ernsthafte Sache. Ich muß es dir sagen: Ich habe bei deiner Braut gelegen. Du kannst mich gern erschlagen, wenn du willst.« – Und indem er dicht an den Bruder heranrückte, erzählte er, wie es zugegangen war. Anders merkte, daß er die Wahrheit sagte, aber er fühlte auch, daß es nur die Bosheit war, die in Petter brannte. – »Armer Tölpel!« sagte er und klopfte ihm auf die Schulter; und dann ließ er ihn stehen. Er hatte gleichsam das Gefühl, als sei ihm dieser Bruder von seinem Vater – und von seiner Sippe – auferlegt worden; dieses Übel wollte er zu tragen versuchen.

»Die armen Weiber – wie dumm sie sein können«, murmelte er; er stand mitten im Schneetreiben und lächelte. »He!«

Als er hineinkam, ging er hin und stellte sich vor den Pfarrer; er hatte noch das gleiche Lächeln wie vorhin, als er draußen war.

»Du stehst da und grübelst, du Pfarrer; immer und stets. Nun sollst du etwas zum Nachdenken bekommen: Ist der Schuh zu klein, oder ist der Fuß zu groß?« – Er hob den Fuß in die Höhe, ließ seine Hochzeitsstiefel sehen.

Der Pfarrer verzog den Mund zu einem Lächeln. Er erhob sich und stand neben Anders.

»Ich will dir dafür danken, Anders, daß du dich wieder aufgerichtet hast.«

»Ach was! Ich hab mich nur ein wenig ausgeruht – hast du das nicht verstanden, Pfarrer? Und jetzt hab ich der ganzen Geschichte den Rücken gedreht; jetzt geh ich einen anderen Weg. Ich muß Ellbogenfreiheit haben, weißt du, Platz, damit ich mich umdrehen kann!« Er stand eine Weile da, sah von oben auf den Pfarrer herab. Wieder trat das Lächeln hervor. – »Es ist merkwürdig: Du weißt alles, du Pfarrer. Aber wenn der Steinrutsch abgeht, dann stehst du auch da und weißt nichts. Hm?«

»Nein«, sagt der Pfarrer und schlägt die Augen nieder. »Da hast du wahr und wahrhaftig recht, Anders.«

»Recht?« Anders legte die Hände auf den Rücken, sah bald den Pfarrer an und bald in der Stube herum, wo die Gäste alle an den Wänden saßen und miteinander schwätzten und ihr Vergnügen hatten; die Jugend tanzte draußen in der anderen Stube, daß es dröhnte und donnerte. – Er mußte ein starker Mann sein, der Pfarrer. Wenn er die Augen niederschlagen und so etwas sagen konnte. Ein anderer würde lange, würde sein ganzes Leben dazu brauchen, bis er soweit käme.

»Willst du tun, um was ich dich bitte, Pastor?« »Ich glaube fast, ja.«

»Willst du mit mir trinken, wir zwei allein?« »Ja, sehr gern sogar.«

Da war es, als streife ein guter Engel über Anders' Gesicht. So muß er einmal ausgeschaut haben als ganz kleiner Junge, dachte der Pfarrer. Anders sah weder nach rechts noch nach links, als er mit dem Pfarrer durch die Stube und in die Kammer hinausschritt.

»Es ist nicht deswegen, weil du Pfarrer bist, Pastor«, sagte er, als er eingeschenkt hatte, »du verstehst, was ich meine?«

Der Pfarrer nickte, und sie tranken einander zu. »Und jetzt will ich's mit dem Leben selber aufnehmen. Sonderbar! Zum Wohl, Pastor!«

4

Das erste, was Anders und Massi gewahrten, als sie nun zu zweit die Dinge sahen, war, daß man auf Haaberg hart arbeiten und sparen mußte. Für Massi war das eine leichte Sache, sie war dazu geschaffen, und sie war es nicht anders gewohnt. Dem Anders fiel es schwerer. Er arbeitete am liebsten das eine oder andere Mal, daß es rauchte, und wollte dann wieder Zeit für sich haben; und Sparsamkeit lag ihm überhaupt nicht, die war ihm verhaßt wie alte Fetzen oder wie verdorbenes Essen. Massi hatte eine besondere Art mit ihm: sie öffnete ihm die Augen, ohne daß er es merkte. Mit jedem Kind, das kam, trieb sie ihn von neuem an. Armeleutekinder sollten sie nicht werden, alles, nur das nicht. »Wie du immer sagst, Anders«, fügt sie hinzu. – »Nein, es ist schon besser, zu hoch zu zielen als zu niedrig«, sagte er. Darum war jedes von den Kleinen gleichsam ein neuer Jahresring an seinem Willen. – So oft in dem Bett dort eine neue Stimme schreit, fängt für mich ein neuer Kampf an, pflegte er zu sagen. Später sahen sie auf diese Zeit zurück und waren glücklich: das hast du angefangen, als er kam; das hast du gemacht, nachdem wir sie bekommen hatten.

Nach Juwika und zur Muhme Aasel kam Anders jetzt nicht mehr hinüber. Er hatte jetzt nicht mehr viel mit ihr zu reden. Ihm schien es, er sei fertig mit seiner Sippe, ähnlich wie mit dem Leben, das er bisher gelebt hatte: Es war von selber gekommen, und er wußte kaum oder gar nicht, wie es zugegangen war; es war ein Leben, solange es währte, aber er hatte jetzt nichts mehr damit zu schaffen. Jetzt erst sollte er anfangen: das Leben lag noch weit draußen im Blauen, es war nicht sicher, daß es nicht von ihm abrückte, aber er mußte es doch einmal einholen. – Und vorläufig hatte er die Kinder, und die kamen bereitwillig.

Zuerst kam der Erbbauer, und er wurde Per genannt, nach dem Großvater. Da fuhr Anders ins Tal hinauf und verlegte sich auf den Pferdehandel; er mußte ein paar Taler verdienen und sie für den Neuangekommenen aufheben. Im Jahr darauf bekamen sie eine Tochter, und sie wurde Gjartru genannt, nach der mütterlichen Verwandtschaft. Da machte Anders sich daran und half beim Bau einer Kirche in der Nachbargemeinde. Im nächsten Jahr hatten sie wieder ein Mädchen, das sie Aasel nannten, nach der Muhme Aasel in Juwika. In diesem Winter machte Anders sich so gering, daß er Fischer wurde. Und als Jens kam, der zweite Bub, tat Anders das, was ihm am allerschwersten fiel: er fing an, daheim im kleinen zu fischen, so oft er Zeit dazu fand. Zwei Jahre darauf bekamen sie Zwillinge; der Bub starb gleich, aber das Mädchen lebte für sie beide, wie die Mutter sagte, und sie wurde Beret genannt. – Diesmal wußte Anders nichts Neues anzufangen, er arbeitete nur ein wenig härter; denn ein paar Schillinge mußten die Kinder haben, mochten es ihrer so viele werden, wie sie wollten.

Er hatte einen Knecht, der hieß Nils, ein Mann in mittleren Jahren und dazu einer, der gehörig schaffte. Die Leute sahen sie beide immer nur im Laufschritt dahingehen: Früh am Sommermorgen kamen sie vom Meer heim, hatten die ganze Nacht hindurch gefischt, hatten den Kohlfisch ausgenommen und aufgehängt, dann gingen sie in die Stube und schlangen das Essen in sich hinein, und darauf ging es in den Birkenwald. – Nils eine Pferdelänge hinter dem Bauern und immer mehr und mehr rundrückig, wie ein ausgedienter Gaul. In der Erntezeit war es genau so, und im Winter nicht anders wie im Sommer: den ersten Dreschflegel am Morgen hörte man aus der Haabergscheune, dann ging es im Dämmern in den Wald hinaus oder auf den Fischfang. Sie sind wie die Wölfe, sagten die Leute.

Einige Jahre später, als sie kein Kind mehr erwarteten, kam ein Junge, und den nannten sie Ola. Da haben wir den Rest zusammengekratzt, sagten sie, und er kostete die Mutter fast das Leben; sie war viele Jahre danach kränklich, aber der Bub wurde dick und rund. – Sie waren nun so einigermaßen in die Höhe gekommen, so daß Anders nicht mehr so hart schaffen mußte, um ein paar Taler zu erraffen. Er ging hinaus und blickte über die Äcker hin; nun mochten die das herschaffen, was not tat. Und dann packte er hier an, bedächtig und gleichmäßig, ein neuer Anders, konnte man sagen

und je mehr die Kinder heranwuchsen, desto besser ging es vorwärts, so daß man es sehen konnte.

Als sie erwachsen waren, herrschte Wohlstand auf Haaberg. – Aber denk nun daran, daß wir viele sind, sagte Anders zu sich selber – es war eines von den Worten, die Massi in ihn gesät hatte, ohne daß er dessen gewahr geworden war. Von Zeit zu Zeit konnte es ihm scheinen, als habe er schon früher einmal gelebt, vor langer Zeit und ein ganz anderes Leben, er und alle die andern Juwikinger; vor allem träumte er davon, daß er mit Ola Engdalen irgendeine große Tat vollbracht habe. Dies war namentlich dann, wenn er seine Kinder vor sich sah. Ach ja, wir waren auch jung zu meiner Zeit, konnte er sagen, und seine Augen blitzten wild und hell. Und wenn er fertig wäre mit dem hier, mit dem Schaffen und Arbeiten und all dem Teufelskram, der ihm im Wege lag – wenn er erst das Leben richtig anpacken könnte, dann sollte hier noch einmal die Jugend auf Haaberg einziehen.

In der Zeit, als Massi krank war, ereignete sich etwas Arges. Eine von den Mägden bekam von Anders ein Kind. Etwas Derartiges war fast noch nie vorgekommen in der Gemeinde, dies brachte für Lebenszeit Schande über einen Mann. Am schwersten war es, damit zu Massi zu gehen. Anders bereute es so, daß er ihr kaum gegenüberzustehen vermochte, er hätte nie im Leben ein Wort darüber herausgebracht, wäre es nicht eben allzu schlimm gewesen. Aber Massi wußte es bereits, er brauchte es ihr nicht erst zu erzählen, und jetzt erst sah er, wie schwermütig sie gewesen war und wie sie es mit sich allein herumgetragen hatte. Er begegnete dem ruhigen blauen Blinken ihrer Augen und fühlte, daß sie die Stärkere von ihnen beiden war. Sie nahm es wie etwas, dem sie gewachsen war, wie sie es mit allem tat: Sie mußten dies tragen, es war ihnen zugedacht; und so mußte es ja auch kommen, wenn sie jahrelang immer kränkelte und das Mädchen schließlich auch ganz schön war. – Sie brachten die Magd bei irgendeinem Häusler unter und sorgten in jeder Weise gut für sie, und im Jahr darauf nahm Anders sie mit und verschaffte ihr einen Dienstplatz oben im Tal. Das Kind starb übrigens bald. Der Herrgott meinte es gut mit ihm und auch mit den anderen, sagte Massi. – Was die Leute sagten und meinten, ließ sich Anders wenig nahegehen; er hatte so wenig mit ihnen zu schaffen. Er konnte die Nachbarn gut leiden und sie wiederum ihn, er war voller Scherz und Dummheiten, kam einem mit lauter Stimme und sicher dahinsegelnd entgegen. Aber er sah die Leute so freimütig an, daß immer noch ein Schritt Abstand zu ihm blieb. Desto giftiger redeten sie wohl hinten herum über ihn, viele von ihnen; aber davon wußte er nicht viel, und da ihn nie etwas anzugreifen schien, erstarb ihnen das Gerede bald im Munde.

Eine Arbeit hatte er noch ungetan, und wenn er die hinter sich hatte, dann wollte er etwas Ordentliches anpacken. Er mußte erst noch für Petter sorgen. Denn mit dem war es bisher nur immer schief gegangen.

Petter war ihm ein Rätsel; und Rätsel mochte er nicht. Wir sind zwei Gegensätze, du und ich, pflegte er zu ihm zu sagen. Darin war Petter mit ihm einig. So sanft und schlau er nur konnte: Das sind wir, ja. Und besonders ich. Er wanderte herum und strich Häuser an, wohnte bald da und bald dort, und stets war er heimatlos und brachte es zu nichts. Dann hatte er die Tochter von Ola Engdalen zu sich genommen, die Kjersti. Sie war ein so verhextes Kind, daß niemand sie im Haus haben konnte. Ihr Oheim, der den Hof übernommen hatte, besaß schon eine Stube voller Kinder. Kein Mensch konnte verstehen, warum sich der Petter, der kaum für sich allein sorgen konnte, dieses Kindes annahm. Anders sagte, solch ein gutmütiger und dummer Kerl sei Petter sein Leben lang gewesen, er sei das, was andere Leute nie werden könnten. Massi dachte sich ihr Teil, sagte es jedoch nicht: daß Petter dies nur getan habe, weil er ihnen übel wollte.

Anders kaufte jetzt ein kleines Anwesen für ihn; es hieß Rönningan und lag ein Stück weit südlich von Haaberg, über dem Hügel drüben, und dort baute er ihm Wohnhaus und Stall und verhalf ihm zu Vieh.

Petter nahm dies an, wie kleine Leute eine Wohltat annehmen. Er war immer bösartiger geworden, je weiter es mit ihm bergab gegangen war, und für alles Mißgeschick, das ihm widerfuhr, gab er Anders die Schuld, oder dessen Glück. Anders war ein Übel, dem er nicht entrinnen konnte. Er mochte hingehen, wohin er wollte, er mußte doch wieder dorthin zurück, wo Anders war. Sein ganzer Übermut hatte sich gespalten, er trank und spielte Karten und sang dazu, solange es anging, und schimpfte und fluchte innerlich und sann auf kleine Bosheiten, die er seinem Bruder und anderen zufügen konnte; dabei empfand er dies als eine brennende Scham und als ihm selbst gar nicht ähnlich, das brachte ihn fast um. Aber darum liebte er Anders und seine Kinder doch nicht mehr als vorher. Kjersti hatte er liebgewonnen, und das war ein merkwürdiges Gefühl für ihn; er hatte sie gern, und auch daß sie undankbar und widerspenstig war, gefiel ihm an ihr, oft lachte er lange und gut über sie. Sie war sein Kind, und um ihretwillen wollte er dem Zuchthaus entgehen, sagte er. Sie wurde übrigens menschlicher, je mehr sie heranwuchs, und mit der Zeit hatte sie so gute Aussichten zum Heiraten wie nur wenige, denn schön war sie, und ein bißchen Geld hatte sie vom Vater her – das hatte Petter nicht angerührt, und er glaubte, dies nage Anders am Herzen. Der Herrgott zum mindesten mußte das doch anerkennen.

Petter hatte übrigens etwas durchgemacht, wovon kein Mensch etwas wußte. Es ging um ein Mädchen, das er so gern gehabt hätte. Eines Tages kam er heim von der Wanderfahrt, ging geradeswegs zu ihr und fragte nach ihr, mitten am hellichten Tag, ganz als wäre er der Anders selber. – »Du findest sie drinnen in der Stube«, sagte die Mutter und machte ihm die Tür auf. Und dort lag das Mädchen, mit einem kleinen Kind an der Brust. Petter war nicht der Vater, aber er war der erste Mann, der herkam und das Kind begrüßte, und dabei verlor er seine Mütze, nach altem Brauch. Sie wollten seine Mütze nicht haben, denn von dem Brauch war jetzt nur noch das Sprichwort übrig, aber Petter legte sie in die Wiege und ging barhäuptig heim; sie sollten diesmal über ihn lachen können. Denn es war so, wie Anders sagte: »So geht es, die einen verlieren, und die anderen gewinnen.« Und dem Anders und dem Herrgott mußte er wohl einmal Herr werden.

Anders tat mehr, als er eigentlich vermochte, eins ums andere Mal, verschloß sich dem Bruder nicht und ertrug ihn. Denn es freute ihn, daß es jemand gab, der so ganz anders war als er selber. Und einmal würde er doch etwas aus ihm machen können, aus ihm wie aus allem anderen. Wenn er endlich einmal dazu kam.

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»Aller Augen warten auf Dich.«

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