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Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht

Olav Duun: Die Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/duun/juwikin1/juwikin1.xml
typefiction
authorOlav Duun
titleDie Juwikinger - Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht
publisherRütten u. Loening Verlag
editorJ. Sandmeier
year1927
translatorJ. Sandmeier / S. Angermann
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120522
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Zweites Buch. Mit Blindheit geschlagen

ERSTER TEIL

 

»Wer eine Ehefrau findet,
der findet etwas Gutes.«

 

Die Jugend rast

1

Es war Sommerabend und schönes Wetter, die Wiesen lagen weich vom kurzen Grummet da; der Birkenwald schwieg im tiefsten Feiertag, die Schatten streckten sich und wurden lang, und die Leute, die zum Leichenschmaus nach Haaberg gekommen waren, nahmen Abschied und fuhren heim. Man sah sie in Gruppen zum See hinunter und über die Wege hin; einige von ihnen ritten, aber sie hielten Schritt mit den anderen; es lag immer noch Feierlichkeit über ihnen. Es war ein Fest gewesen, das sich hatte sehen lassen können.

Anders stand draußen auf dem Stallhügel, er hatte einige der Gäste ein Stück weit begleitet. Er dachte nicht viel, sondern stand nur noch so da; die Mutter war tot, er dachte ganz kurz daran und verlor den Gedanken wieder; ihm klang noch das Gastgelage wie ein anhaltender Gesang im Kopf. Ja, ja, das war nun überstanden. Hat man sich erst einmal unter Menschen begeben, soll man so lange in ihrer Gesellschaft bleiben, bis man sich darüber freut, wieder für sich allein zu sein. Das und jenes hatte der eine gesagt, und so hielt es die, und so hielt es der; Anders stand da und lächelte, ohne sich dessen bewußt zu sein.

Was aber war nun das hier? Das war der Petter, der wieder etwas vorhatte, er und ein paar andere Lausbuben. Sie hatten ein Bettelweib vor sich, so halb und halb ein Lappenweib, das herumwanderte und bettelte! So eigentlich Lappenblut war sie ja nicht, aber sie war das Weib vom Hinke-Andreas drinnen im Wald bei Engdalen. Sie kam um die Stallecke geschlichen, war in der Küche gewesen und hatte etwas in ihren Sack bekommen; und jetzt hatten die Buben ihr kleines Mädchen mit einem Strick eingefangen und wollten damit davon. Sie wollten der Kleinen nur das Lappenfell abziehen, sagten die Burschen, sie brauche keine Angst zu haben. Die Mutter redete ihnen gut zu, schließlich aber kochte es in ihr über; wahrscheinlich weil das Mädchen weinte. Jedenfalls war es dies, was Anders zu sich brachte.

Er lief rasch zu ihnen hin und wollte sie verprügeln, aber es fiel ihm ein, daß dies doch zu arg sei, von Petter nämlich, und daß es besser wäre, mit ihnen zu reden. Die Burschen ließen sofort los, als sie ihn sahen, so daß er nicht viel zu reden brauchte, und außerdem hatte das Weib die Sprache wiedergewonnen und sagte, was notwendig war. Die beiden anderen machten sich davon wie Schlangen im Heidekraut. Petter aber blieb stehen und grinste so schuldlos wie immer.

»Lappe, Lappe!« rief er, bis das Weib beinahe zerplatzte vor Wut; dann wandte er sich dem Bruder zu, gleichsam als streiche er alles Unrecht aus. – »Es sind ja nur Lappen, Anders!«

»Warte nur, Petter«, sagte das Weib, »du heiratest nicht, Bursche, ehe du die Solvi heiratest.«

»Mach, daß du heimkommst, du mit deinem Sack«, sagte Anders ruhig. Er suchte in der Tasche nach irgend etwas, das er dem kleinen Mädchen hätte geben können, fand aber nichts, und es lag ihm auch nichts daran; die beiden waren schon auf dem Weg. Er wandte sich zu Petter: »Bist du ein Hund, du, oder bist du ein Mensch?«

Petter lachte noch, aber sein Gesicht hatte den Ausdruck verändert, man sah ihm an, daß dies ihn getroffen hatte.

Jetzt erst wurde es dem Anders bewußt, daß er den Bruder züchtigte, daß er dastand und ihn gleichsam an die Wand hielt. Das war etwas anderes, als sich auf ihn zu werfen und ihn zu verprügeln, wie er oft getan hatte. Ja, und von jetzt ab war kein anderer mehr dazu da als er. Er drehte sich jäh weg und ließ ihn stehen. – Er dachte an das kleine Lappenmädchen: Es war doch wohl ein Hundeleben, solch ein Lappenkind zu sein, wenn man unter die Leute kam. Vielleicht hatte sie daheim etwas, mit dem sie sich trösten konnte; eine kleine Katze oder eine Ziege; aber trotzdem. Vielleicht schenkte er ihr einen kleinen Spiegel, wenn sie wieder einmal vorbeikam; er hatte den Spiegel von der Muhme Beret geerbt, die in den Brunnen gefallen war, und die hatte ihn von Oheim Jens bekommen, von ihm, der in der wilden Finnmark herumfuhr und kein Wort mehr von sich hören ließ – dann wollte er auf den Boden stampfen und sagen, daß sie nicht so auf die Höfe kommen und betteln dürfe, damit sie es nur wisse. Aber wie gesagt: mit dem Petter war es keine kleine Sache. Mutterlos und zügellos in der Welt, und nur er, um ihn stramm zu halten. – Der Gedanke war so neu für Anders, ihm brach fast der Schweiß aus.

Er ging hin und setzte sich auf die Haustreppe. Es waren sicher nur noch die Aushilfsleute, die da in der Küche lärmten. Hier saß er nun und dachte an seine Nachbarn. Er hatte sie in letzter Zeit immer mehr und mehr zu spüren bekommen; sie waren da, und sie wollten auf ihn eindrängen. – Da kam gestern abend Kristian Lauvset, so gutmütig, wie er nur sein konnte: es handle sich um diese Grenzscheide zwischen Lauvset und Haaberg im Wald drinnen, es wäre vielleicht am besten, sie gingen sie gleich ab und setzten einen Zaun? Anders hatte Kristians Vieh ein paarmal im Sommer weggejagt, es war auf die Wiesen geraten. Dieser Zaun wurde lang, eine Sündenstrafe für Anders, der die Hälfte davon allein stellen mußte. Dann war noch der Alte von Engdalen; da hatte Anders es mit Verwandten zu tun. Er kam sogar schon, als die Mutter noch im Sterben lag, erkundigte sich fein säuberlich nach dem Geld, das er im Hof hier stehen hatte. – Man sollte doch wohl mit Rechten wissen, wie es sich damit verhalte. Und eine kleine Verzinsung vielleicht, als eine Anerkennung oder wie man es nennen wollte? »Als Per noch lebte und krank war und als Valborg hier als Witwe saß, da war dies eine andere Sache; es ist ein Unterschied, wenn ein Neuer die Sache in die Hand nimmt«, sagte er. Anders erinnerte sich, daß sie im Gebirge drinnen einmal wegen Birkenrinden hintereinandergekommen waren. Damals sagte Anders wohl ein paar Worte zuviel; wie aber soll man seinen Mund halten, wenn man im Recht ist? Woher sollte er nun die Zinsen nehmen? – Und dann diese hungrigen Häuslerleute. Die würden ihm über den Kopf wachsen. Nur weil er gutmütig und nachsichtig gegen sie gewesen war, ihnen das eine oder andere hatte zukommen lassen. »Du, Elias, du kennst ja die Grenze in den Bergen drinnen, zwischen Engdalen und hier?« sagte er eines Tages zu dem einen. – »N–ja, die Grenze und das alles – ich möchte nun gern, daß jeder das Seine hat«, murmelte der, und als Anders ihn ansah, wich er ihm mit Diebesaugen aus: »Ich weiß so wenig davon – es ist am besten, Frieden zu halten mit den Leuten.« Der andere, der Paal, wußte auch nichts; er wollte mit nichts herausrücken, und als Paal zu den anderen kam, murmelte er irgend etwas, was nicht gut war: »Wenn man auch schon ein Sklave ist – so will man doch trotzdem –«

Anders stand auf. Er fand, daß er sich hätte aufrichten, zu seiner vollen Höhe hätte aufrichten sollen. Er hätte jetzt doch ein erwachsener Kerl sein sollen. Hier hieß es mit allerhand fertig werden; es schien ihm, daß er gar manches rings um sich ändern würde. Aber es hatte keine Eile.

Da aber kam die Muhme Aasel von Juwika. Mit ihr wollte er sprechen. Sie würde heute abend doch nicht mehr fort fahren, sagte sie und setzte sich auf die Treppe neben ihn. Sie saßen gerade gegenüber der Abendsonne, die auf dem Bergrücken lag, im Begriff unterzugehen, die Strahlen griffen wie lange, weiche Hände herüber, sie strichen über alle Dinge rings um sie.

Aasel war wie immer, er hatte sie nie anders gesehen. Wenn er darüber nachdachte, schien es ihm, als sei sie die einzige, die ein gutes Gesicht habe. Und ihm war, als gehörten er und sie zusammen. Im übrigen wurde nicht viel zwischen ihnen geredet. Erst als sie aufstand, sagte sie etwas.

»Ja, ja, du, Anders!« sagte sie. Dann stand sie eine Weile da. »Jetzt bist du erwachsen. Jetzt bist du es, der – dein Vater hat es nicht so sehr weit gebracht, weißt du.«

»Der Vater?« Anders sah sie wie ein Schwerhöriger an.

»Ja, du weißt!« fügte sie schnell hinzu, »er hat es ja weit gebracht. Aber trotzdem – es wird eine Freude sein, zu sehen, wie es mit dir geht, Anders.« Ihr Gesicht schlug sich vor ihm bis ins Innerste hinein auf, so war es ihm, er stand auf, ohne es zu wissen; ja, jetzt sah er den Vater vor sich, wie eine Bürde von Ernst und schweren Tagen sank es auf ihn herab.

»O ja, aber – es hat keine Eile!« Er streckte die Arme aus, als wollte er gähnen, aber ihn durchfuhr eine Bö von Leben und Mut. »Es hat keine Eile, Muhme. Vorerst – will ich jung sein. Will mich austoben und jung sein, ja, zehn Jahre lang und noch ein bißchen darüber.«

Aasel lachte, sah an ihm hinauf und hinunter, gleichsam als habe ihr auch das zu hören gut getan. Sie packte ihn bei der Schulter, rüttelte ihn ein wenig:

»Da hast du recht, Anders! – Aber da, da kommt eine, die du dir anschauen mußt. Hm?«

Es war Massi Lines, Massi vom Pfarrhof, wie sie genannt wurde, die er einmal vor dem Stier gerettet hatte. Sie und noch ein Mädchen waren jetzt erst auf dem Heimweg, sie gehörten zu den Aushilfsleuten. Massi hatte helleres Haar und blauere Augen als alle anderen. Anders durchzuckte es warm, sobald ihr Blick über ihn hinglitt, diese Augen waren so himmelsblau und lebendig; – sie war auch besser gekleidet als andere Leute, aber dies wurde ihm nicht bewußt.

Sie kam herzu und reichte die Hand zum Abschied, redete ein paar Worte mit Aasel, und dann ging sie. Dann gingen sie, ja.

»Du frierst jetzt nicht, Anders, das sehe ich«, sagte Aasel. – »Ja, ja. Kommt Zeit, kommt Rat«, fügte sie hinzu.

Anders wunderte sich, daß er nicht ein Stück Weges mitgegangen war. Ja freilich, hier war ja Trauer auf dem Hof, denn sonst hätten wohl die Füße nicht so im Boden haften können. Und dann das: es hatte ja keine Eile, die Welt stand blau und voll Überfluß an Zeit da, im Osten hinter den Bergen.

Massi war jetzt auf dem Pfarrhof, war dort gewesen, schon seit sie ihre Eltern verloren hatte, der Pfarrer hatte sie so liebgewonnen in der Zeit, in der sie zum Konfirmandenunterricht zu ihm kam, und sie war ganz wie ein Kind im Haus, seit die Frau gestorben war und seine Töchter sich verheiratet hatten.

Sie machten eine Runde um die Häuser, Aasel und er; und währenddem redete sie darüber. – Ja, wer weiß, sagte er, eines schönen Tages würde er wohl einmal die Gaff in sie schlagen – aber da sei es noch lange hin. – Sie verstehe ihn so gut, sagte Aasel. Er hatte ja fast keine Jugend gehabt bisher, hatte schon als Junge die Stelle eines Erwachsenen ausfüllen müssen. Er mußte wohl auch seine Zeit haben. »Tob dich nur aus, du, Anders. Das tut dir gut, dein Lebtag lang.«

Sie sah ihn wieder an – merkwürdig, wie hoch sie die Augenlider heben konnte, denn sie waren doch eigentlich so schwer; es lebte und rührte sich in den feinen Runzeln unter den Augen, wenn sie einen so betrachtete; Anders war ganz krank, wenn er daran dachte, daß ein anderer, und noch dazu dieser Mikkal, dieses Gesicht besaß. Aber im übrigen: die Massi war ihr ja nicht unähnlich, und es konnte so vieles geschehen in der Welt, sie war voll seltsamer Dinge.

»Deine Mutter war so tüchtig, wie sie nur sein konnte«, sagte Aasel. »Aber eigentlich hast doch nur du den Per verstanden.«

Anders gab keine Antwort, und Aasel nahm gleich darauf Abschied.

Er setzte sich irgendwo allein hin. Warum hatte sie das von der Mutter gesagt! Er entbehrte die Mutter so sehr. Jahrelang hatte er hier gelebt und war sie nicht gewahr geworden, war mit ihr aus- und eingegangen und hatte kaum gehört, was sie sagte. Wie stark mußte sie gewesen sein! Darum war sie so still. Keiner konnte sie unterkriegen; und nichts. Er fühlte es felsenfest in diesem Augenblick, daß er ihr mindestens ebensosehr glich wie dem Vater. Der war von so vielen Dingen geplagt gewesen. Der Herrgott mochte wissen, wie der Vater das alles zusammengesammelt hatte. – »Das gibt es nicht!« sagte Anders auf einmal, wie er so saß. Es sich zu Herzen nehmen, daß ein Dieb ins Wasser sprang! Daliegen und damit sich martern und darüber nachdenken, was ist und was nicht ist – nein! Her mit dem Dieb, dann jag ich ihn selber noch einmal ins Meer hinaus! Anders stand auf und ging hinein.

Petter ließ sich Zeit und lachte ihm nach, als er den Anders über den Hof gehen sah – wie erwachsen der Scheißkerl sich anstellte, mein Gott, wie der Erbbauer schritt er schon einher –, und wenn man auch nur den Hosenhintern sah, so konnte man es ihm anmerken. Aber Petter fühlte genau, es war nur ein leeres Grinsen, mit dem er dastand, so hatte er auch früher gegrinst, wenn er Prügel bekommen hatte. Das war damals. Das war etwas, das aufgehört hatte und auf Nimmerwiederkehr vergangen war. Er konnte Anders nie mehr richtig zu fassen kriegen. Sie hatten ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen; er war nur der Petter, er, und alles andere war der Anders. Aber nicht ein jeder konnte so dastehen und dazu lachen und immer noch zufrieden und vergnügt sein. Das mußte man doch wohl Gnade nennen dürfen? Und da wünschte man niemand etwas Böses, wie es auch sein mochte.

Was summte der Anders da für ein Lied vor sich hin?

»Wer eine Ehefrau findet, der findet etwas Gutes.« Möge Gott dir doch zwei bescheren, Anders.

2

Es war leer auf Haaberg nach Valborgs Tod, aber Anders und Petter taten, als merkten sie es nicht. Anders wollte das Wohnhaus im nächsten Sommer niederreißen, so kam man darüber hinweg. Und außerdem hatte er über Petter nachzudenken. Petter war ein paar Jahre jünger, jedoch erwachsen genug, Anders war bereits einige Zwanzig. Aber es steckte nichts in Petter, es war nichts als Mundwerk und Aufsässigkeit an ihm, wie sie sagten, und nichts als Grinsen und Gutmütigkeit. Ein freundlicher Bursche war er durch und durch, aber eine Last war er auch, er konnte einen bisweilen ganz boshaft ansehen, und was sollte aus ihm werden? Wie würde es ihm gehen?

Aber die Neu-Stube, die gebaut werden sollte, nahm Anders ganz in Anspruch. Oft lag er da und schloß die Augen, und dann sah er sie so klar und deutlich vor sich. Sie bekam immer mehr und mehr Gesicht, ein lebendiges Haus, das dort auf dem Hang stand, den Hügel zur einen, die Nebenhäuser zur anderen Seite, hinter sich die Berge, vor sich breite Äcker über den Hang hinunter, wenn man sie vom Süden her betrachtete; still und glücklich wuchs sie heran, wuchs empor, wie er selbst auch gewachsen war, sprach zu ihm und auch zur Gemeinde – nein, keine Juwik-Stube, der glich sie kaum! Es war seine Stube, ein lebendes Haus, wie gesagt, in dem er und seine Zukunft lagen.

Es war wie ein kleines Weihnachtsfest, in den Wald hinauszugehen und die Stämme für das Haus auszuwählen; und ehe er's wußte, war er mitten in der Arbeit und fällte die Bäume, mit drei und vier Männern. Im Haaberg-Wald gab es nur wenig Baustämme, dort standen meist nur Birken, er aber suchte drüben im Norden, denn dort gehörte das Land auch zu Haaberg, das sah man an der ganzen Landschaft, und das hatten die Häusler erzählt. Der Pfarrhof und die Lauvset-Höfe hatten sich dort Weideland angeeignet, und sie hatten dort auch Bäume geschlagen, er wußte das. Aber deshalb gehörte es ihnen doch nicht. Es kam so weit, daß sie vier Mann stark anrückten und ihn an der Arbeit hindern wollten, sie konnten ihm sagen, daß sie dieses Stück Land gegen eine Wiese in Döllin eingetauscht hatten.

Ob sie dies schriftlich hätten? fragte Anders. – Schriftlich? Das war ein häßliches Wort, so recht ein Lumpenwort, sie sahen ihn und einander an. – Mag sein, daß sie eine Art Recht haben, dachte Anders, denn sie bekamen so schlaffe Gesichter, ganz leere Kinnladen. Was soll ich aber tun, wenn sie vier Mann stark hierher kommen und meinen, sie könnten mich unterkriegen? Nein, ich bin der Stärkere. – Sie sollten Gras mähen dürfen, soviel sie wollten in Döllin, jetzt aber sollten sie hier aus dem Weg gehen, damit er arbeiten könne, sagte er; er sagte es ruhig und ohne jede Spitze.

Und sie mußten wirklich wieder heimwärts ziehen. Aber sie hätten ihn jetzt gewarnt, sagten sie.

Anders war hinterher ein wenig erstaunt: daß er ihrem Recht so den Rücken hatte drehen können! Und daß er die anderen so offen hatte ansehen können – den Petter, der umherging und vor sich hin lachte, und die Häusler, die nur wegsahen und an einem Holzspan kauten. Aber sie sollten eben nicht so geradeswegs auf einen zugetrampelt kommen, daraus wurde nie etwas Gutes. Und dann plagten sie ihn auch noch mit diesem Zaun; das würde ihn noch den ganzen Sommer kosten. – Er schlug kahl, wo es ihm gefiel, er fragte niemand und fürchtete sich vor niemand.

Im übrigen vergaß er bald diesen Streit, er warf ihn von sich, wie Kinder es tun, und packte etwas Neues an. Zuerst schaffte er sich Fischgerät an und sandte vier Mann auf den Fischfang. Danach reiste er ins Tal hinauf und kaufte ein neues Pferd, ging von einem Hof zum anderen, bis er das fand, was er wollte, verkaufte es gleich und kaufte wieder ein neues, das noch schöner war; und lange Zeit dachte er an nichts anderes als nur an Pferde. Es war solch ein Reichtum darin. Er wollte sie aufziehen, und eines sollte schöner und wohlgeschaffener sein als das andere, und dann wollte er mit der ganzen Gemeinde um die Wette reiten, wenn er sie dazu bringen konnte.

Bisweilen kam es über ihn, daß er recht und schlecht sich austoben müsse, er wollte mit anderen jungen Leuten zusammen sein und es ein bißchen lustig haben. Es verhielt sich schon so, wie die Muhme Aasel sagte, er war darum betrogen worden, er war daheim auf dem Hof wie ein alter Mann herumgegangen und hatte gearbeitet, und jetzt hatte er ein Gefühl, als sei er wieder klein und müsse erst wachsen. Er brachte einen Tanzabend nach dem anderen zustande, die jungen Leute hatten sich nie soviel gerührt wie jetzt, und es war Anders Haaberg, der sie eintanzte, wie er sagte. Er konnte sie vom Boden wegtanzen, manchmal; aber nie so, daß sie ihm böse wurden, so war er nicht, es war nur viel zuviel Leben in ihm. Freunde gewann er sich dadurch im Grunde nicht, es fiel ihm auch gar nicht ein, sich welche zu suchen, aber es waren alles miteinander prächtige Burschen, und sie vermißten ihn, wenn er nicht dabei war.

Einmal gerieten sie aneinander und rauften, ein paar der Burschen, es war in der Johannisnacht, und sie waren am Strand und tanzten, auf einer großen ebenen Wiese, die die Jugend seit alters als Versammlungsort benutzt hatte. Anders stand dabei und fand es lustig zuzusehen; als aber das Blut aus der Nase tropfte und es noch nach Schlimmerem aussah, legte er sich ins Mittel: ob es jetzt nicht bald genug sei? Das meinten die anderen nicht, und der eine gab Anders eine freche Antwort, Anders lächelte nur, dies aber machte den Burschen wütend, und ehe Anders sich's versah, fuchtelte ein blankes Messer vor ihm in der Luft, und er hörte Schreie aus der Mädchenschar – Massi war auch da, das sah er, und sie war bleich. Da fuhr er einige Schritte zurück, rannte dann vor und schlug dem anderen das Messer aus der Hand, packte es und warf es ins Wasser: »So, Spielmann, spiel auf!« Und es geschah wirklich, mitten in der hellichten Nacht, daß sie alle weiter tanzten, als habe es weder Messer noch Blut gegeben; und die Gutwetterwellen glucksten und rieselten über den Sandstrand hin, so friedlich, als hätten sie nie zuvor etwas anderes erlebt. Als die Burschen und Mädchen schwitzend und atemlos dastanden und einander von der Seite ansahen, kam einer herbei und schlug Anders schwer auf die Schulter:

»Na, Anders, das hast du wie ein ganzer Mann gemacht: Dank und Ehre gebührt dir, das müssen wir dir alle lassen!«

Es war Ola Engdalen, sein Vetter.

Anders mochte das nicht leiden. Es war zwar keine Prahlerei, Ola hatte recht, aber er sollte doch ihm nicht so auf die Schulter schlagen wie ein Vater und ein großer Vormund. Ola Engdalen war etwa zwei, drei Jahre älter und bereits Witwer mit Kind und allem miteinander.

Es waren viele verheiratete Leute hier in dieser Nacht, und sie waren alle willkommen, aber Anders mochte nicht, daß Ola hier war. Und es wurde auch nicht besser dadurch, daß Ola hinging und mit Massi tanzen wollte. Ola war ein großer hochgewachsener Bursche und sah gut aus, obwohl er ziemlich dunkel war – Massi sah zu ihm auf, als sie lostanzten. Gleich darauf sah sie zum Anders hinüber. Ja, wer die dort bekommt, dachte er, der bekommt etwas Gutes. Aber kommt Zeit, kommt Rat.

So leicht war es übrigens doch nicht. Oft schon war er auf dem Weg gewesen und hatte einfach zum Pfarrhof hingehen und ganz offen mit ihr reden wollen. Aber er schob es hinaus. Er wollte noch nicht. Er tat es von sich und ging dann lieber hinauf und betrachtete das Wohnhaus des Pfarrhofes. Er setzte sich auf den Hügel und maß es mit den Blicken aus.

Lang wie ein Winter war das Haus, und große Baumgruppen verbargen beide Enden – und was für breite, breite Fenster! Ja, das Haus war gut genug an und für sich, war sicherlich so, wie es sein sollte; aber noch eines war auch gewiß: seines sollte nicht so werden. Nein, vielen Dank! sagte er, stand auf und klopfte das Moos von seinen Hosen – nein, sein Haus war wie alle anderen Häuser, nur daß es mächtiger war als sie und mehr Leben in sich hatte. Aber er besaß nicht das Herz, die alte Stube einzureißen, noch nicht. Denn die Mutter hielt sich gleichsam noch darin auf, und es gab so viel anderes zu tun, es war unmöglich, an sie heranzugehen.

Es hatte sich festgebissen, was Ola Engdalen gesagt hatte. Anders sah sehr wohl, daß die übrigen mit ihm einig waren. Ob er nun zur Kirche geritten kam oder mit den jungen Leuten beisammen war, immer fühlte er ihre Blicke auf sich. Sie kamen heran und grüßten, wenn sie auch noch so geachtete Leute in der Gemeinde waren. Er wurde weder dick noch dünn davon, konnte sogar noch ein wenig mit der einen Schulter zucken und alles von sich abschütteln. Aber es setzte sich in ihm immer mehr und mehr fest, daß die Gemeinde voller prächtiger Leute war. Das stimmte ihn immer versöhnlicher, und eines schönen Tages fand er, er müsse sich aufmachen und sich mit denen aussöhnen, die er gegen sich hatte. Schließlich war er ja auch kein Wolf, wenn er es recht bedachte. Er ging zu den drei Lauvset-Höfen und fragte die Bauern, ob sie wirklich den Wald im Westen drüben besäßen? Denn dann wolle er ihnen die Stämme bezahlen. Da einigten sie sich dahin, daß nun diesmal er geschlagen habe und das nächste Mal sie an der Reihe seien, das könne man wohl für annehmbar betrachten? Und die Sache mit dem Grenzzaun: wenn sie ihn gerade ziehen durften, so wie sie meinten, so könnten sie sich zu gleichen Teilen darein teilen – sie seien drei, und Anders bekäme den vierten Teil? Anders lachte, dies lasse sich hören. Er ging vergnügt heim. Er war sowohl mit ihnen als mit sich selbst zufrieden.

Und so lebte er, wie es ihm am besten paßte. Bei jeder Arbeit war er dabei und ging voran, und dann sollte immer gleich alles auf einmal fertig sein. Oft aber konnte er auch mitten am Nachmittag die Sense hinwerfen und seiner Wege gehen. Er fuhr entweder auf den Fjord hinaus oder ging bachaufwärts. Im Herbst war er viel auf der Vogeljagd. Bisweilen fuhr er über den Fjord nach Juwika und redete mit Aasel.

Aasel saß jetzt dort als wohlhabende Bäuerin. Die Söhne betrieben den Hof und sie gab ihren Rat dazu, und der Mann war Schiffer geworden und war fast die meiste Zeit des Jahres auf dem Meer. Aasel konnte alles genau erzählen, von den Alten und von Anders' Vater; alles, was Anders wußte, wußte er von ihr. Sie stellte den Vater ganz lebendig vor ihn hin, so wie er hier in Juwika gewesen war, und wie er daheim krank lag und starb.

Ihm schien es, als sei es der Gedanke an den Vater, der ihn zum Pfarrhof gehen hieß, um endlich mit der Massi Ernst zu machen. Er durfte jetzt vielleicht nicht länger zögern.

3

»Laßt mich eine Hausfrau nehmen«, sang er. »Zur Ehe«, fügte er hinzu, und dann machte er sich schön und ging fort. Da aber war das Frühjahr bereits gekommen.

Die Luft war voller Frühling, und der Abend war so wunderbar schön, man hätte Kuckuck sein und durch den Wald fliegen und rufen mögen.

Plötzlich aber war es zu Ende, und die Nacht hatte sich ausgebreitet. Man ging mitten in ihr, und alles hatte sich gewandelt und war hingestorben. Die Waldschnepfe war über die Baumwipfel gezogen, kro–kro–quist! sagte sie, und dann sang kein einziger Vogel mehr, und das Tageslicht war erloschen. Nur noch der Birkhahn zischte im Moor, aber es war unheimlich anzuhören, er erweckte das Nachtleben des ganzen Waldes; nicht ein Laut des Tages war mehr zu hören.

Anders schauerte im Dahingehen ein wenig zusammen. Er fürchtete sich nie, er wich vor nichts zur Seite. Es konnte ihn nur manchmal überlaufen, ganz kurz. Wenn die Frieden hielten, so tat er es auch.

Der Pfarrhof lag da und schlief, so groß und grau er war. Anders aber setzte sich auf den Hügel und wartete noch ein wenig. Er wußte nicht, woran er so im Sitzen gedacht hatte – als er heftig nach der Messerscheide griff, denn hinter sich hörte er Schritte, er fühlte etwas Lebendiges dicht neben sich. Es war Ola Engdalen.

Zuerst redeten sie ein wenig hin und her. Dann sahen sie einander an bis auf die Knochen, und dann gaben sie sich nach und lachten.

»Das nenn ich ein Zusammentreffen«, sagte Ola. »Was?«

Ja, Anders konnte nicht anders sagen. »Aber was zum Teufel machen wir jetzt, Ola?«

Sie maßen einander wieder mit den Blicken. Sie lachten noch, aber sie waren doch ernst genug. Anders blinzelte rasch und jugendlich. Ola sah zu Boden, mit schmalen Augen. Dann aber öffnete er sie groß und gutmütig:

»Ja, was meinst du, Rückengriff? Oder lieber Stahl?« Er nickte warnend, dann aber mußte auch er wieder lachen, und Anders tat mit. Es war förmlich, als hebe Ola ihn mit sich hinauf, so daß er auf zwei kleine Kämpfer herabsah, die bereit waren, aufeinander loszustürzen. Er streckte die Hand aus:

»Recht hast du. Wir wollen raufen, wenn wir einen Anlaß dazu haben.«

Ola ergriff die Hand und damit war Frieden. Dann machten sie sich auf den Weg nach Osten zu. Ganz bis nach Engdalen gingen sie; gegen Mitternacht kamen sie dort an. Sie gingen ins Vorratshaus und holten sich etwas zu essen, und danach stiegen sie in den Keller hinunter und zapften Bier ab. Ola schaltete und waltete zu Hause, wie er wollte, denn der Vater war im vergangenen Herbst gestorben.

Bei Engdalen braust ein großer Bach herab, um diese Zeit war er wie ein Fluß.

»Jetzt weiß ich's«, sagte Ola, als sie draußen auf der Wiese standen. »Wer lebendig durch diesen Wasserfall hinabkommt, der soll die Massi haben!«

»Genau das gleiche habe ich auch gerade gedacht!« sagte Anders, und damit fingen sie an, sich die Kleider herunterzureißen.

Anders war zuerst fertig und stürzte sich ins Wasser. Er fand sich ganz lebendig unten im Becken wieder, blutete nur an ein paar Stellen im Gesicht und an dem einen Schienbein. – Ola blieb ein wenig länger weg, aber schließlich kam auch er herauf.

»Pfui!« sagte er und schüttelte das Wasser aus dem Gesicht. »Das war nichts Rechtes, das hier! Wir müssen uns etwas anderes ausdenken. Wenn es das Mädchen wert ist.«

Als Ola dies sagte, durchfuhr es Anders so seltsam, daß sie nun dalag und schlief wie ein anderer Gottesengel, und hier standen sie beide und redeten nicht schön von ihr. So hatte er noch nie an sie gedacht, und er preßte die Kinnladen fest zusammen.

»Schweig und red nicht von ihr! Das paßt nicht für deinen Mund. Und glaube nicht, daß ich jetzt schon nachgebe. Eher soll es mit kaltem Stahl abgemacht werden.«

Nun ging es los. Und sie kämpften lange. Anders hätte nie geglaubt, daß es jemand gebe, gegen den er sich so wehren müsse. Ola ist blau und häßlich im Gesicht, er verbrennt Anders mit seinem rohen heißen Atem – Anders flucht und schlägt Ola mitten ins Gesicht. Ola schwillt nur in schwarzer und stiller Wut an, und Anders gleitet auf einem schlüpfrigen Stück Holz aus und fällt in die Knie.

»Das hier gilt nicht«, sagt Ola, er läßt los und wischt sich das Blut ab.

»Gilt das nicht?«

»Nein, natürlich nicht. Daran war das Holzscheit schuld.«

Anders wankt fort und lehnt sich an eine Birke. Ola setzt sich plötzlich hin. Oh, es sei herrlich, einmal einen Menschen ordentlich anfassen zu können! seufzte er.

Anders konnte nichts sagen. Er wußte nur, daß sie jetzt Freunde waren, fürs Leben; es war nicht nur wie bei den zwei Hunden, die sich an einem Stein miteinander versöhnen.

Ola begleitete ihn fast bis nach Hause; und dort drehte Anders um und begleitete ihn wieder ein Stück weit nach Osten. Es war hellichter Tag, als sie sich trennten, die Vögel schrien wie verrückt, in jedem Baum und jedem Strauch, und die Wolken wurden rot und vergoldet über den Bergen, es waren Streifen und Bänder und tagblauer Himmel; kühl schlug es einem entgegen wie von der Tat eines ehrlichen Mannes.

Sie sagten nicht viel, ehe sie sich trennten, aber es war wie ein blankes Gelöbnis, daß zunächst, ehe sie sich darüber geeinigt hätten, keiner von ihnen zu Massi gehen würde.

– – – Sie trafen einander oft im Lauf des Sommers, und es gingen viele Gerüchte über alles, was sie sich ausdachten. Eines Sonntags, so erzählte man sich, schwammen sie bei Engdalen bis in die Mitte des Fjords hinaus. Der, der lebend wieder an Land käme, sollte zuerst zu Massi gehen. Sie kamen lebend an Land, alle beide.

Trotzdem aber war Anders eines Abends auf dem Weg zu ihr. Es war gegen den Herbst zu und finster, sonst aber schönes Wetter. Es trieb ihn vorwärts, er konnte nicht anders. Er nahm den geraden Weg über Döllin, über ein paar Moorwiesen mit hohem Gras, und er ging barfuß, die Schuhe in der Hand, wie sie es so oft in jener Zeit taten, auf dem Weg zur Kirche und zu ihrem Mädchen.

Da war es ihm, als peitsche jemand an seine Füße. Nicht nur einmal und wie zufällig, es peitschte und schlug, wo er auch hintrat. Und auf einmal stand er mitten in pechschwarzer Finsternis.

Er fürchtete sich nicht, aber er machte kehrt und ging heim; und im Gehen fluchte er leise vor sich hin. Aber sie hatten recht: Er mußte umdrehen. Wer es war, wußte er nicht, kümmerte ihn auch nicht viel, er hatte nie daran gezweifelt, daß sie vorhanden seien, und man konnte es nicht mit ihnen aufnehmen.

Die Massi aber mußte er nun einmal haben. Er war fast krank, sobald sie in die Nähe kam, aber auch nicht viel gesünder, wenn sie fort war. Eines Abends war Tanz auf Lauvset, und Massi kam nicht. Sie bekam nicht immer Erlaubnis dazu. Wie armselig dieser Tanz war. Die Geige klang wie eine jammernde Ziege.

Da stahl Anders sich davon, und dieses Mal brachte ihn keiner zum Umkehren. Es war ein brennend klarer Himmel und Vollmond und klirrender Frost. Die Felsen hallten bei jedem Schritt wider. Auf einmal mußte er sich umschauen. Nein, es war niemand hinter ihm. Aber allein war er nicht. Das ist man wohl nie, schien es ihm; wenn erst der Tag geschwunden ist und mit ihm sein Lärm.

Der Kirchhof schlief, und alle, die dort lagen. Den fürchtete er ein ganz klein wenig – das hatten sie in seiner Sippe wohl alle getan.

Er kam in den Dachraum zu ihr hinauf, und sie nahm ihn freundlich auf! Er saß bei ihr auf dem Bett, hielt ihre Hand und war innig zufrieden. – Aber im übrigen sei es doch recht waghalsig, so mitten in der Nacht auf den Pfarrhof selbst zu kommen, meinte sie. Warum nicht lieber am Tag? – Am Tag? – Ja. Auf den Pfarrhof. – Ich pfeife auf den Pfarrhof! Am Tag? He! So laß ich mich nicht einspannen!

Sie mochte es nicht, daß er den Pfarrhof verachtete, das konnte er merken, sie brachte viele kleine Worte vor. Er tat so, als sei er nicht klug genug, zu verstehen. Vielleicht wollte sie, daß er gehe, sofort gehe? fragte er.

»Du weißt, ich will, daß du bleibst. Entweder dich oder keinen.« Die Worte kamen so vertrauensvoll wie aus einem Kindermund. Dann aber fing sie wieder an: Der Vater, der Pfarrer, sie wisse nicht, was er dazu sagen würde, sie müsse fragen, glaube sie, denn sie sei es, die hier allem vorstehe.

»Pah, du, du bekommst genug, dem du vorstehen kannst, wenn du bei mir bist!«

Meinte er vielleicht, es sei gar nichts, er, daß sie hier war, daß sie – –

Ihre Stimme klang jetzt verzagt; auf diesem Wege durfte er nicht mehr weitergehen, das merkte er.

»Ja, ja, aber dann bleibt es also bei mir und dir, Massi?«

»Ja, aber warum hast du es so eilig, Anders?«

»Weil ich so bin, wie ich bin.« Er nahm sie einfach in die Arme und küßte sie, und dann stand er auf: »Ja oder nein, Massi!«

Sie redete ihm gut zu und sagte, wenn er nur acht Tage warten wolle, so könne er wiederkommen und sich die Antwort holen; so solle es sein. Und ihm war im Innersten so leicht zumut, als er hinunterstieg, und die alten Türen konnten froh sein, daß er sie nicht mit sich riß. Welch ein Weib sollte sie werden! »Ihr wird die Milch nicht ausbleiben für meinen Buben, nein, das ist sicher!« sang er innerlich. Im Dunkeln hatte er dasitzen und innerlich fühlen können, wie schön sie war!

Erst als er draußen an der äußeren Tür stand und die Klinke ergriff, durchfuhr es ihn, daß es ja noch nicht so ganz in Ordnung sei. Und überdies hatte er noch einen gefährlich langen Heimweg vor sich, denn er war auf verbotenen Wegen.

Ola Engdalen stand draußen vor der Tür. Das wußte ich! dachte Anders. Sie schwiegen beide. Anders sah in die Luft hinaus. Es war wie ein Hohn, daß der Mond dort im Westen am Himmel stand, sich rund machte und lächelte.

»Ja, ja«, sagte Ola. »So läufst du also umher. In der Gestalt eines Hundes.«

Anders konnte nicht antworten oder zuschlagen, hier so nah beim Haus. Er ging und Ola kam nach. Es war ein endloser Weg über die Wiesen; Ola schlug nicht zu. Endlich waren sie beim Bach angelangt und wollten hinüber. Da machte Ola halt. Er war häßlich, wie er so dastand. Anders ging zuerst über den Stamm. Er merkte, daß Ola nach dem Messer griff. – Jawohl, jetzt ersticht er mich meuchlings, dachte Anders. In Gottes Namen denn, dann standen sie wieder auf gleich. Aber sobald er den Stahl zu fühlen bekäme, würde er bis aufs letzte gehen.

Da hörte Anders etwas ins Wasser fallen. Er wandte sich zu Ola um:

»Hol dein Messer herauf.«

»Schweig und geh du. Und dank deinem Herrgott.«

Anders ging und schwieg noch eine Weile. Dann drehte er sich um, mitten im Mondschein, seine Stimme war warm, er wußte kaum, was er tat, aber er streckte die Hand aus, zur Freundschaft oder was es sonst werden konnte:

»Dank für dies, Ola!«

Ola schwieg wie eine Wand, die Hände auf dem Rücken.

Anders ermannte sich mit aller Gewalt, aber er fühlte sich wie ein geprügelter Hund, als er heimging.

Er hatte nie zu kosten bekommen, wie es ist, geringer zu sein als ein anderer.

4

Es war noch nicht spät im Winter, als man zu Anders kam und ihm erzählte, daß Ola die Massi haben solle. Eines Tages kam Petter heim und wußte es auch, es gab keinen Zweifel mehr: Ola hatte die Ringe mit ihr gewechselt, ja, und der Pfarrer selbst hatte Ja und Amen dazu gesagt und wollte sie bei der kommenden Predigt aufbieten. Ja, jetzt hat der Ola die Gaff in sie geschlagen bis zum Schaft, ja, sagte Petter treuherzig, und er nahm einen Span und stocherte sich damit in den Zähnen – es war kein Arg in dem, was er da sagte.

Nach einer Weile wurde Anders plötzlich sich selbst gewahr, wie er dastand und ganz schwachsinnig vor sich hin blickte; er sah aus, als hätten ihm die Hühner das Brot weggefressen, und so stand er lange.

»Du mußt so lügen, daß man dir auch glaubt!« sagte er.

Aber es war doch zweifellos wahr, denn es war so ganz und gar verrückt und sinnlos; er wunderte sich, daß er nicht einfach seiner Wege ging.

An Weihnachten hatte er mit ihr gesprochen, aber es waren nicht viele Worte gewesen. Sie erwähnte den Ola, er erinnerte sich jetzt wohl. »Ich mach mir nichts aus ihm, aber er hat so halb und halb um mich gefreit«, sagte sie. »Das glaub ich wohl!« hatte er geantwortet. Und kurz darauf sagte sie, der Ola sähe es für nichts Geringes an, daß sie auf dem Pfarrhof sei und allem vorstehe, er sei seiner Sache nicht s o gewiß, sei nicht so überzeugt, daß sie alles wegwerfen und einfach hingehen und sich verheiraten würde. »Er redet nicht so wie du, Anders.« – »Glück zu!« sagte er, denn ihm behagte das nicht – er erinnerte sich jetzt an jede Einzelheit. So fielen die Worte, und sie fielen ihr schwer aufs Herz. Sie waren von selbst gekommen, das war es. Und dann fühlte er sich ihrer so sicher, sie hatte ihm ihr Lebtag lang gehört.

»Was fällt denn dir eigentlich ein?« fing er an. Er wollte gleich darauf los und irgend etwas tun, sie sollte sich wahrhaftig schämen! Man erzählte sich von seinem Großvater, daß er in eine fremde Gemeinde gegangen sei und sich das Mädchen ertrotzt hatte, das er haben wollte, er habe auf den Tisch geschlagen, daß es die andern in ihren Kleidern kalt überlaufen habe. Anders hatte das nie geglaubt, die Männer dort oben waren nicht gerade so schreckbar, und die Leute spannen alles aus, was sie hörten, und machten es größer. Aber jetzt glaubte er es, hart und aufgebracht – zum Teufel auch, es war so, ja, und jetzt würde er sich gleich aufmachen, er auch!

Er hätte es vielleicht getan, dann aber erinnerte er sich, daß Ola Engdalen sich kürzlich den einen Fuß gebrochen hatte und zu Bett lag; man zweifelte daran, ob er wieder gesund würde. Was aber war denn in sie gefahren?

War sie nicht ganz bei Trost, he?

Er sang den ganzen Tag, er zähmte ein tolles Pferd. Man konnte es ebensogut fluchen nennen, er hörte das wohl, aber es erleichterte dennoch. Und als er eine Weile umhergegangen und nachgegrübelt hatte, wußte er innerlich, wie alles zugegangen war. Denn wenn einer so ins Unglück kam und so hilflos war wie der Ola jetzt und ihr dann Botschaft schickte – wenn einer ein mutterloses Wurm ihr zeigen konnte und einen Hof, der vernachlässigt war und auf sie wartete – dann gehörte sie nicht zu denen, die Nein sagten. Besonders wenn ein anderer nicht im geringsten vor ihr auf die Knie wollte. Hatte er es etwa nicht seiner Lebtag gewußt? Wenn man die Weiber nur Mutter für sich sein ließ, dann kamen sie und waren es. Er lachte, auf eine Weise. Wie war es doch damals, als er an Weihnachten so schwer betrunken war und hinfiel und sich zuschanden schlug. Da kam die Mutter und saß bei ihm auf dem Bett und legte die Hand auf seine Stirne, so daß er sich schämte, sie machten ihm Umschläge aufs Gesicht, und dann brachte sie geräuchertes Fleisch und alles mögliche, was als gut galt für einen, der zuviel getrunken hat; und danach bekam er einen ganzen Anker gutes Bier, um seine Kameraden ordentlich bewirten zu können. – »Denn du brauchst dich daheim nicht zu langweilen«, sagte sie. Sie sagte so etwas nicht oft.

Sie wurden zwei- und dreimal aufgeboten, und im Frühling, gleich nach der Frühjahrsmesse, sollte die Hochzeit sein. Anders sagte zu und kam. Er richtete selbst den Korb mit den Eßvorräten her, und der war groß, und in die Brautgabe, die er sandte, hatte er seinen ganzen Fleiß gelegt. Es war der Brautsattel selbst. Er hatte ihn mit eigenen Händen gemacht, und er sah jetzt, daß er mit seinen Händen ein Meister war. Sie drehten den Sattel hin und her und betrachteten ihn, Mann für Mann und der ganze Hausstand, sie ließen ihn kaum mehr los. Er war geschnitzt, zeigte zwei Hände, die einander festhielten, und das Lederzeug war mit glänzenden Messingnägeln beschlagen – goldene Streifen liefen ringsherum, krümmten und falteten sich zu Rosen und Blättern, auch hier mit Händen dazwischen, die einander festhielten. Der Anders muß viel damit gemeint haben, murmelten sie.

Die Braut war rot wie Blut, als er ihr den Sattel überreichte. Es kam nicht so weit, daß sie dafür dankte, und Anders erwartete das auch nicht. – »Ich habe viel Mühe daran gewandt, damit du mir die Freude machen sollst, morgen darauf zur Kirche zu reiten«, sagte er. »Es machte mir Spaß, dazusitzen und daran zu basteln; du solltest doch auch etwas Ordentliches von mir zur Hochzeit bekommen.«

Sie begriff wohl nicht, warum er so dastand und solche Dinge sagte, soviel Verstand war wohl nicht in ihr – warum, zum Teufel, stand er so da und schwätzte? Er wandte sich von ihr ab. Ein für allemal.

Der Bräutigam war nicht gerade gut zu Fuß, aber er hinkte doch umher und kam vom Fleck. Zum Altar hinauf schritten sie wie zwei Kerzen. Aber auf den Tanzboden kam er nicht. – »In einem halben Jahr bist du wieder ein richtiger Mann, mein' ich«, sagte Anders. – »Ja, der bricht kein zweites Mal«, antwortete Ola, und er war aufgeräumt, gleichsam, als sei nichts zwischen ihnen vorgefallen.

Die Leute fanden, Anders nähme es so, wie man so etwas nehmen soll. Er merkte ihnen das an, an der Art, wie sie ihn ansahen und mit ihm redeten. Und warum sollte er es nicht zugeben: Er kam damit zurecht! »Gleichsam, als hätte ich es schon seit langem gelernt«, sagte er. Und selbst den Tanz mit der Braut überstand er. Freilich war es seltsam, sie so umfaßt zu halten, und es konnte einen gar manches durchfahren, vielleicht hing es nur an einem verkohlten Faden, daß er nicht dies oder jenes tat, aber er stellte sie doch wieder schön an ihren Platz.

Am zweiten Hochzeitstag fand er sich im Holzschuppen wieder, und da stand ein Mädchen über ihn gebeugt und redete ihm gut zu, wollte ihn zum Aufstehen und Hineingehen bewegen, er war betrunken gewesen. Er glaubt, es sei Massi, und will nichts von ihr wissen; er flucht wie ein Gottloser; dann aber erhascht er einen Blick aus ihren Augen, und er richtet sich mit letzter Kraft auf und steht ruhig da. Er will nicht schwanken. Ist er nicht etwa der Anders Haaberg, nach dem sich alle umdrehen, alle miteinander.

Die Braut und noch ein paar andere kamen an der Tür vorbei, während er dort stand. Da stößt er sein Messer in den Balken über der Tür, so daß das Blatt tief ins Holz eindringt, und bricht es ab:

»Oh, es ist blutig schwer – daß man nur einen Balken hat, in den man das Messer hineinrennen kann!«

Der Pfarrer war mit auf der Hochzeit, und vielleicht hatte man es ihm zu verdanken, daß alles so gut verlief. Ein jeder wurde so ruhig, wenn er ihn ansah. So still er war, sah er doch aus, als habe er alles selbst einmal durchgemacht. Sein Gesicht war hager und bartlos, und unter den Augen hatte er viele kleine Falten; dies war es wohl, was seine Augen so stark machte, wenn er die Leute ansah. Über Anders und die Brautleute wußte er das meiste von Massi. Er hatte gehört, daß Anders ein gutmütiger und ruhiger Bursche sei; kaum aber hatte er ihn gestern gesehen, war er ängstlich geworden: in dem Burschen steckte allerlei.

Anders setzte sich neben ihn, als er hereinkam. Er hätte auf manches andere verfallen können, er fühlte es wie kleine, scharfe Stromwirbel in sich; noch konnte übrigens keiner wissen, was ihm einfallen würde. Ja, er war ja einer, der etwas auf sich nehmen konnte, und jetzt nahm er es auf sich – aber wie lange würde er's wohl aushalten? Aber der Pfarrer hatte ihm zugeblinzelt, sicher, oder das Gesicht verzogen – dieses seltsame, schwermütige Gesicht, und die grauen Augen, die alles wußten. Der Pfarrer stützte den Ellbogen auf den Stuhlrücken und den Kopf in die Hand, der kleine Finger strich ununterbrochen über die Stirn und die feinen Falten hin.

»Das war recht, Anders«, sagte er nach einer Weile.

Sie waren Goldes wert, diese Worte, dünkte es Anders. Sowohl für ihn als für andere hier im Haus.

Und sie waren es. Ola war behindert und wenig wert; darum konnte er sich ganz sicher wissen. Aber es war eben so: während Anders dasaß und Anders auf Haaberg war, fiel die Nacht über ihn herein, und dann war er ein anderer, ein zottiges Tier drinnen in der Wildnis, das brüllend umherging und die Leute erschreckte – das sich nichts Besseres wußte, als etwas zu tun, was ihnen das Blut in den Adern stocken ließ. Und Ola wußte es nicht besser, als ihm durch einen Nebel von Wohlbehagen und Bosheit zuzugrinsen, als er und die Braut dastanden und zu Bett gehen sollten: »Gute Nacht, Anders!«

Massi sah weg und zu Boden. Ihre Wangen hatten eine so feine Rundung, und immer noch hatte sie diese Art, mit den Augen zu blinzeln, die Anders stets so seltsam naheging. Und jetzt war kein Pfarrer mehr da, Anders mußte allein dastehen und zurechtkommen. Er stand still, wie die Wand hinter ihm, und Massi sah weg und zu Boden, und Ola grinste wie ein halbbetrunkener alter Mann:

»Wer eine Ehefrau findet, der findet etwas Gutes.«

Petter ließ seinen Bruder nicht aus den Augen. Er sah, wie Anders bei allem, was er durchlebte, höher wuchs. Jetzt stand er da, leichenblaß, mit einem kleinen Lächeln, das Petter nie früher an ihm gesehen hatte; den Anders konnte er nicht mehr einholen. – Nein, aber er lachte über den ganzen Krempel, er, oh, ihm war es so gleichgültig, wie es ging. Und wie viele waren es denn, die dies fertig brachten, so wie er?

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