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Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
yearo.J.
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Siebentes Kapitel

Mademoiselle Jeannette Lenoir, die sich am Abend schon zurückgezogen gehabt, erstarb am andern Morgen in Demut und Zerknirschung bei des Oberstlieutenants Vorwürfen. Sie habe ja nicht ahnen können – sie sei nur ganz kurze Zeit fortgewesen – sie habe sich nicht bei ihrer jungen Herrin beurlaubt, weil sie gewähnt, das Fräulein schlummere in der Dämmerung.

Ulrike empfand am nächsten Morgen eine drückende Beschämung über ihren thörichten Schritt und die Lage, in der Erich sie gestern gefunden hatte, sie konnte zu keinem freien und reinen Gefühl für ihn kommen und lehnte seinen Besuch unter dem Vorwande ab, sich nicht ganz wohl zu befinden. Am Abend wurde der Oberjägermeister zurück erwartet und die Furcht vor ihrem Vater, dem sie gegenübertreten und ihre Erlebnisse während seiner Abwesenheit mitteilen mußte, lag so schwer auf ihr, daß sie sich halb krank fühlte.

Erst spät, als man im Hause schon zur Ruhe gegangen war, langte der Oberjägermeister von seiner Dienstreise wieder an. So sehr Ulrike ihn fürchtete, that es ihr nun doch wohl, seine polternde Stimme und seinen harten Schritt zu hören; jetzt fühlte sie sich endlich wieder geborgen.

Erst gegen Mittag am nächsten Tage fand Moltke Zeit für seine Tochter, flüchtig trat er im Wohnzimmer vor, um nach ihr zu sehen. Als er hereinkam, entschlüpfte Jeannette aus der andern Thür; während Ulrike sich zitternd erhob und ihrem Vater entgegenging. Er nickte ihr zu und sagte hastig:

»Alles en bonne ordre? Wohl gelebt? Nichts besonderes zu rapportieren?«

»Doch, mon père.«

»Was soll das heißen?«

Ulrike klammerte sich an eine Stuhllehne, um nicht hinzusinken, am liebsten hätte sie auf ihren Knieen liegend berichtet. Sie wußte, daß niemand von der Dienerschaft gewagt hatte, von dem Besuch des Erbprinzen zu reden, sie aber mußte sprechen, die harten Augen unter den buschigen Brauen blickten zwingend auf sie. Abgerissen und stammelnd erzählte sie das Geschehene.

Wenn sie gefürchtet hatte, ihren Vater in großen Zorn zu versetzen, so war doch der Wutausbruch, der nun erfolgte, Ärgeres als sie jemals von dem, bei kleinen Gelegenheiten schon jähzornigen Manne gesehen hatte.

Der Oberjägermeister fuhr mit geballten Fäusten im Zimmer umher, er warf nieder, was ihm im Wege stand, krachend fiel der Kaminschirm zu Boden, einen Stuhl schmetterte der Wütende zur Seite, daß er zerbrach, dann stürzte er mit rollenden Augen auf Ulrike zu, die jetzt wirklich auf ihre Kniee sank, er fuhr ihr ins Haar, schüttelte sie und schrie:

»Hat sie dem Friedensbrecher Anlaß gegeben? Hat sie charmiert, koquettiert? Heraus mit der Sprache!«

»Nein,« stammelte das todtenbleiche Kind, »nein, mon père, ich bin Sr. Durchlaucht immer aus dem Wege gegangen.«

»Das ist ihr Glück – den Hals würde ich ihr umdrehen! Und wie ist sie dem Frechen entronnen?«

»Durch das Eßzimmer, mon père.«

Er ließ sie los, doch gab er ihr dabei in seiner Heftigkeit einen solchen Stoß, daß sie zu Boden fiel. Unbekümmert um die vor Entsetzen leise Weinende, raste er unter halblautem Selbstgespräch weiter. Hilf Himmel, dachte Ulrike mit Todesangst, er darf es nie erfahren, daß ich zu Erich geflüchtet und mit Maximilian zusammengetroffen bin.

»Diese Herren« – grollte Moltke, »alles glauben sie an sich reißen zu dürfen – nichts ist ihnen heilig – wir sind wie ihre Rinder und Schafe. – Fluch euch! Endlich soll meine Stunde kommen, endlich will ich meine Rache haben!« Und damit stampfte er aus dem Zimmer.

Mittags saß er achtlos vor den Speisen, die fast unberührt hinauskamen. Er hatte noch eine heftige Auseinandersetzung mit Jeannette gehabt, die er aus dem Hause werfen wollte. Sie beschwor aber mit vielen Thränen und Ausrufungen ihre Unschuld, und er sagte sich endlich, daß er eine Person wie sie für Ulrike brauche und gewiß nicht leicht besser finde, so hatte er sie unter harten Drohungen behalten.

Am Nachmittage kam der Oberstlieutenant ins Haus, um mit seinem Oheim das Vorgefallene zu besprechen. Als er sich in der Nähe des Wohnzimmers befand, öffnete Ulrike die Thür, erschien mit ängstlichem Ausdruck auf der Schwelle und winkte ihm einzutreten. Seine Miene erhellte sich, sein Herz schlug höher, als er sie wiedersah, und freudig folgte er ihr.

»Ihr glaubt nicht, mon cousin,« hob Ulrike stockend an, »wie furchtbar böse mon père über des Herrn Erbprinzen Visite ist. O, er hat ja recht! Aber ich bin doch unschuldig daran, aber er hat mich gerauft und niedergeworfen –«

»Ulrike, ist das möglich?«

Sie nickte traurig, »und nun wollte ich euch bitten, sagt ihm nicht, daß ich in meiner unverständigen Furcht nach eurem Logement geeilt bin und – cher cousin – bittet auch Sr. Gnaden den Prinzen, daß er mon père nichts verrät.«

Wie hätte Erich ihren flehenden Blicken, ihrer sichtlichen Angst und ihren aufgehobenen Händen, die sich jetzt schmeichelnd auf seinen Arm legten, widerstehen können? Sein ganzes Herz wallte ihr in Liebe und Sehnsucht entgegen, allein das Bild des Prinzen stand zwischen ihnen. Er versprach über ihre Flucht zu schweigen und glaubte auch für den Prinzen gutsagen zu können.

Währenddem lehnte der Oberjägermeister erschöpft von den Erregungen und Ausbrüchen der letzten Stunden in seinem Zimmer brütend im Armstuhl. Diese neue Erfahrung ließ ihn einer alten, der schwersten seines Lebens gedenken.

Die Jahre schwanden ihm vor dem geistigen Auge, er sah sich jung und glücklich. Wie hatte er sein Weib, seine Amalie geliebt! Sie waren erst kurze Zeit verheiratet und während der Regierung Herzog Johann Friedrichs zu den Karnevalsfestlichkeiten von Katelnburg hierher an den Hof gekommen. Amalie war schön und lebenslustig, er meinte, sie sei noch schöner gewesen als Ulrike. Ernst August, damals protestantischer Bischof von Osnabrück, ein stattlicher Mann, traf gleichfalls mit seiner Familie ein. Es ging lustig an dem prachtliebenden Hofe des Herzogs her.

Otto Moltke vergegenwärtigte sich deutlich, wie er selbst verstimmt und mißtrauisch bei den Spielen und Tänzen der Gesellschaft zur Seite gestanden; ging doch von je her das Geschick zur Fröhlichkeit, zum Scherzen und Galant sein ihm völlig ab. Er mußte ja auch sein Weib beobachten, sein Weib, dem andere zu huldigen wagten. Und allen voran er, der gewandte Prinz Ernst August. Was sollte Moltke dagegen thun? Er sprach ernstlich, drohend mit Amalie, aber sie lachte und nannte ihn ihren lieben, eifersüchtigen Querkopf. Endlich ertrug ers nicht mehr; er befahl die Vorbereitungen zur Abreise, entschuldigte sich beim Herzoge mit dem Vorgeben, seine Frau sei leidend und bedürfe der Ruhe, und sagte ihr, daß sie nach dem Jagdschlosse zurückkehren wollten. Nun bat und bettelte sie ums Hierbleiben, nun weinte sie, aber es half ihr nichts.

Kaum war man acht Tage in Katelnburg, so ließ Prinz Ernst August sich mit seinem Adjutanten zum Besuch ansagen. Er wolle Hirsche schießen, jetzt wo noch der Schnee fußhoch lag! Gleichviel, man mußte Sr. hochfürstlichen Gnaden den Herrn Bischof willkommen heißen. Und ob Moltke auch knirschte und die Fäuste in der Tasche ballte, er hatte den hohen Gast submissest zu empfangen.

Wie belebt und strahlend ging Amalie dem Prinzen entgegen, es war zum Tollwerden! Schlittenfahrten, Spiele, Wohlleben und Scherzreden füllten die Tage. Welch reizende Wirtin sein Weib war, das konnte dem hohen Herrn wohlgefallen; aber er, er litt unsäglich. Der Respekt vor dem Herrscherhause, dem er schon als Page gedient hatte, hielt ihn wie in eisernen Banden der Selbstbeherrschung. Man kannte ihn als finster, als ungesellig, so achtete niemand auf seinen Zustand.

Endlich ward die Abreise angesetzt, Moltke fühlte noch heute, wie die ausgesprochene Absicht Ernst Augusts ihm eine Erlösung dünkte, wie er aufatmete und wieder zu hoffen anfing.

Amalie erschien an dem Reisemorgen mit verweinten Augen; wie diese Wahrnehmung ihn erboste! Die Stunde kam. Er eilte hinunter, um nach den Wagen zu sehen, die Dienerschaft anzuweisen.

So nun schritt er die Treppe hinauf, um den Prinzen, der oben in seiner Frau Gemach von ihr Abschied nahm, zu benachrichtigen, daß alles bereit sei. Freudig, weil er den Gast los ward, öffnete er die Thür, da – was sah er – o wie war der vernichtende Anblick noch heute seiner Seele eingebrannt!

Gejagt von seiner furchtbarsten Erinnerung, sprang der Grübelnde empor, raste im Zimmer umher und sank, die schweren Gedanken weiter verfolgend, wieder in den Armstuhl zurück.

Das Paar stand in der Mitte des Zimmers und Amalie lag in des Prinzen Armen, seine leidenschaftlichen Küsse bedeckten ihr Gesicht, überfluteten sie.

Eine Sekunde blieb der entsetzte Gatte wie gebannt stehen. Unbegreiflich, daß er nicht vorstürzte, den Räuber seines Glückes zu Boden warf und unter die Füße trat. Dies Versäumnis brannte ihm noch heute in der Seele wie ein Dorn im Fleische.

War es der höchste Grad von Verzweiflung, von dem er gebannt ward, von dem eine Lähmung des ganzen Wesens ausging? War es die lebenslängliche hündische Dressur, die ihn unter ihrer Fuchtel hielt, kurz, er zog sich auf einen Augenblick, um seine Besinnung kämpfend, zurück und lehnte gebrochen am Thürpfosten, die fürchterliche Gewißheit, daß er betrogen werde, vernichtete seine Kraft.

Ein leiser Schrei brachte ihn zu sich, seine Frau hatte ihn gesehen, sie entriß sich den Armen des Prinzen und floh ins Nebenzimmer.

Jetzt wandte sich Ernst August und gewahrte den Hausherrn, der – o er wußte mit welcher Anstrengung – eine hinausweisende Handbewegung machte, oder wurde die Geste als höfliche Einladung zum Gehen verstanden?

Niedergeschlagenen Auges schritt der Gast an dem gebrochenen Manne vorüber. Ja, Prinz Ernst August mußte in diesem Augenblicke fühlen, daß seine Gunst hier am unrechten Orte war, daß Otto Moltke nicht teilte, wie sich's Graf Platen später zur Ehre rechnete.

Schweigend schieden die Männer. Seine Hand, die der Abreisende dem Hausherrn gnädig reichen wollte, wurde von dem wie versteinert Dastehenden übersehen. Mit dem Hute in der Hand verharrte Moltke, starr wie eine Bildsäule, während der Reisewagen des hohen Herrn abfuhr.

Ein anderer, als er hinausgegangen war, kehrte er in das Haus zurück. Nach der fürchterlichen Erstarrung der letzten Minuten begann jetzt das Blut durch seine Adern zu toben. Sein Kopf glühte, Funken tanzten vor seinen Augen. Er stürzte die Treppe hinauf und in das Zimmer seiner Frau.

Sie lag auf den Knieen, den Kopf auf dem Bettrande und die Hände über dem Kopfe gefaltet oder gerungen. Verflucht – in so tiefer Trauer über des Galans Abreise! Seine Wut kannte keine Grenzen. An den Haaren riß er sie empor und schrie: »Bekenne Sünderin!«

Sie flehte um seine Vergebung, sie sei schwach, thöricht und verblendet genug gewesen, in der Scheidestunde keinen Widerstand zu leisten, anders als in diesem einen bösen Augenblicke habe sie ihm die Treue nie gebrochen.

Sein Hohnlachen antwortete ihr, er konnte und wollte ihr nicht glauben. Er mißhandelte sie und schwor ihr, sie nie – nie wieder in Liebe berühren zu wollen. Seit der Stunde kannte er nur Haß und Verachtung für die Elende, die seine Ehre so gröblich verletzt hatte.

Im Herbst gebar sie eine Tochter. Er vermochte das Kind nicht als seines anzusehen. Sein Gemüt war von unauslöschlichem Groll erfüllt und verhärtete sich mehr und mehr.

Wenige Jahre nach Moltkes Unglück starb Herzog Johann Friedrich, ohne männliche Erben zu hinterlassen. Sein jüngerer Bruder, der lebenslustige Bischof von Osnabrück, wurde Herzog von Kalenberg und zog mit Frau und Kindern in Hannover ein.

Jetzt stand Otto Moltke vor der größten Entscheidung seines Lebens: sollte er dem Todfeinde dienen, ihm den Eid der Treue leisten, oder sich unbeachtet und unbeschäftigt in die Einsamkeit des Landlebens vergraben? Sein Ehrgeiz, der Reiz des Hoflebens und die geheimnisvolle Anziehungskraft, die der Feind besitzt, siegten über den Widerwillen des hart mit sich Kämpfenden. Vielleicht bot sich doch einmal, in einer dem Fürsten nahen Stellung, die Gelegenheit, seinen Haß zu befriedigen. Er wurde nach und nach Oberjäger und Kammerherr, lebte möglichst viel am Hofe in Hannover und lauerte auf eine Gelegenheit, seinem Herrn heimlich zu schaden.

Als er letzthin in Katelnburg gewesen, war die junge Schönheit Ulrikens ihm aufgefallen. Er hatte sie, ohne sich einer Empfindung für sie bewußt zu sein, in der Absicht mitgenommen, durch den Besitz einer solchen Tochter emporzukommen, an Stellung und Ansehen zu gewinnen.

Der Herzog schien seine frühere Berührung mit ihm vergessen zu haben, er gehörte niemals zu den Günstlingen des Herrn, verwaltete seine Ämter aber ungehindert. Nach Katelnburg war Ernst August nicht wieder gekommen und um seine Frau hatte er Moltke nie befragt. Die neulichen Worte an Ulrike, auf dem Balle bei Platens, bezeugten allein, daß er sich noch Amaliens erinnerte.

In dem Bündnisse mit Prinz Maximilian glaubte nun Moltke endlich Gelegenheit zur Befriedigung seines Hasses zu finden und war deshalb eifrig darauf eingegangen, in der dem Herzoge hochwichtigen Sache zum Widerpart zu halten.

Der Erbprinz Georg trat jetzt in des Vaters Fußtapfen; wiederum war Moltkes häuslicher Frieden von dreister Fürstenhand angetastet worden.

Er hatte gemeint, kein väterliches Gefühl für Ulrike zu besitzen, hielt er sie doch fremd seinem Blute, und nun fühlte er trotzdem die Beleidigung, die der Erbprinz ihr angethan hatte, als sei diese ihm selbst geschehen. Ja er meinte, Ernst August kaum jemals so verabscheut zu haben, wie er nun Georg verabscheute, in dem er einen kalten, egoistischen Wüstling sah. Vielleicht konnte sich nur auf dem Unterbau seines alten Hasses die Gestalt des neuen so riesengroß erheben.

Aber er mußte auch hier sich ducken und das ihm Auferlegte gelassen hinnehmen. Es gab ja für ihn kein Recht gegen den Thronerben; offen konnte er nichts thun, heimlich war er zu allem bereit, denn, das fühlte er plötzlich mit überwältigender Klarheit, antasten lassen konnte er Ulrike nicht; mochte sie auch nur scheinbar zu ihm gehören, so fühlte er sich doch wie von einer unbekannten Macht gezwungen, für sie einzutreten.

Der Besuch Erich Moltkes rüttelte den Oberjägermeister aus seiner Versunkenheit empor.

»Ich komme, mon oncle,« sagte der junge Mann, »euch auszusprechen, wie sehr ich den übeln Vorfall in eurer Abwesenheit regrettiere.«

»Ich weiß, Oberstlieutenant, ihr seid erst gestern Abend retourniert und hier gleich, um nach dem Rechten zu sehen, wie ich euch gebeten, im Hause gewesen. Ich danke euch; mehr vermochtet ihr nicht zu thun.«

»Meine verletzten Gefühle, über den ma cousine zugefügten Affront, gleichen sicherlich den euren an Bitterkeit. Allein was vermögen wir gegen den hohen Herrn?«

Finster und knirschend vor Zorn standen die beiden Männer einander gegenüber. Endlich sprach der Ältere: »Wir schädigen ihn, indem wir Prinz Maximilians Sache protegieren. So ers aber wagt, das Mädchen in meiner Nähe zu beleidigen, dann vergreife ich mich an ihm, und mag er zehnmal der Sohn meines Herrn sein.«

Nachdem sie ruhiger geworden waren, mußte Erich von seiner Reise erzählen. Bedrückt fügte er hinzu, daß er vermutlich in nächster Zeit zum zweiten male im Auftrage des Prinzen die Tour unternehmen müsse.

Prinz Maximilian war am gestrigen Abend, nachdem Erich Moltke ihn mit Ulrike verlassen hatte, in großer Erregung geblieben. In sein Zimmer zurückgekehrt, schritt er heftig bewegt auf und ab. Sein ganzes Wesen befand sich in leidenschaftlicher Wallung. Manchmal schillernd in rasch wechselnden Stimmungen, loderte er jetzt auf in einer einzigen Empfindung. Er fühlte sich freier und froher zu Mut als jemals zuvor. Das ganze Leben erschien ihm in einem anderen Lichte und alle Werte desselben beurteilte er von einem neuen Gesichtspunkte. Warum hatte er bis jetzt nur eine Möglichkeit der Befriedigung ins Auge gefaßt? Warum nur seinem hohen Stande und seinem Ehrgeize leben wollen? Gab es weiter nichts Wünschenswertes? Keine andere begehrenswerte Lage?

Ulrike! Glanz und Wonne strahlten von dem Gedanken an sie über ihn und verwandelten sein Empfinden. Welch ein liebreizendes Geschöpf sie war! Er gönnte sie weder seinem Bruder noch ihrem Vetter, der sich geberdete, als habe er ein Recht auf sie. Konnte er sie denn auf keine Weise für sich gewinnen? Für sich – sein – ihm verbunden – welch ein berauschender Gedanke!

Maximilian stand still und überlegte. Ganz neue Zukunftspläne und Bilder stiegen vor seinem geistigen Auge empor. Ein kleiner, aber gesicherter Besitz, ein Kreis zum wirken und schaffen, und sie, die er so heiß liebte, wie er nie einen Menschen geliebt hatte, als Mittelpunkt, als teilnehmend an allem, was er that, als umgeben von dem, was er aufbaute und schaffte.

Er hatte es bis jetzt in seiner kriegerischen Laufbahn nur aufs Zerstören abgesehen. Wie niedrig und unwürdig erschien ihm dies in seiner jetzigen liebevollen, friedfertigen Stimmung nun plötzlich! Nur wenn er an seinen Bruder, den Erbprinzen, dachte, wandelte sich sein Empfinden zur Bitterkeit. Triumphierend lachte er laut auf bei der wohlthuenden Vorstellung, daß er vielleicht gewinnen werde, wonach Georg vergeblich die Hand ausgestreckt hatte. Ihn in diesem Falle schlagen, ihm entreißen, was er sich aneignen gewollt, ihm trotzbieten, das wars, wonach er sich sehnte. Mochte doch dieser heißbegehrte Sieg über das süße Mädchenherz ein größerer Gewinn sein, als wenn er Georg eine der Herzogskronen entrang!

Während der ganzen Nacht beschäftigte Maximilian sich mit seinen neuen Wünschen und Plänen. Am Morgen hatten sie eine noch festere Gestalt angenommen und am Nachmittage hielt es ihn nicht länger, er mußte den ersten vorbereitenden Schritt thun.

Kurze Zeit, nachdem der Oberstlieutenant seinen Onkel verlassen hatte, trat Prinz Maximilian bei ihm ein. Er sah entschlossen und freudig bewegt aus und ging mit ausgestreckter Hand auf den Oberjägermeister zu.

»Ich habe Wichtiges mit ihm zu überlegen, Monsieur Moltke,« sagte er strahlenden Blickes.

»Sind Ew. Durchlaucht bereits diensame Relationen von einem der Höfe zugegangen?«

»Ah pah! Daran denke ich jetzt nicht! Was ich meine, ist anderes und auch für ihn ein so Großes, daß es ihm als eine Satisfaktion dünken wird für das, was der Erbprinz seinem Hause angethan hat.«

Moltkes Gesicht verfinsterte sich: »Durchlaucht wissen? Aber dagegen vermögen auch Ew. Gnaden nichts Tröstliches zu offerieren.«

»Doch, doch! O, er ahnt meine Wünsche und Pläne nicht! Wie sollte er auch? So will ich ihm zu wissen thun, daß ich sein Fräulein Ulrike liebe. Aber ich liebe sie mit rechtschaffneren Intentionen als mein wüster Herr Bruder.«

»Verstehe ich recht? Ew. Durchlaucht wollten? –«

»Ja, – ihr irrt euch nicht, ich begehre sie zur Ehe!«

»Aber wie ist denn das möglich, mein gnädigster Herr?«

»Glaubt mir, ich werde meinen heißen Wünschen Erfüllung schaffen!«

»Und das Herzogtum, um welches Ew. Durchlaucht werben?«

»Laß er die Kugel rollen, alter Freund. Gewinne ich importante Stimmen für mich, so mögen sie mir dienen, meinen Herrn Vater für das zu erweichen, was ich zu erbitten habe.«

Der Oberjägermeister traute kaum seinen Ohren, als der Prinz ihm mit großem Feuer auseinandersetzte, was er dachte und wollte.

»Ich kann ihm nicht beschreiben, wie es in mir glüht. Meine Wünsche, mein Streben und Wollen sind verwandelt. Ich kann mein Glück nicht opfern! Ich werde es durchführen, sie in Ehren mein zu nennen!« Dann meinte er: So gut wie sein Oheim, Georg Wilhelm von Celle, könne auch er sich ein geliebtes Weib nach seinem Herzen wählen. Ob das französische Fräulein Eleonore d'Olbreuse wohlgeborener sei als Fräulein Ulrike von Moltke? Ja, solchen Engel, solch eine Perle wie die herzliebe Ulrike zu gewinnen, das sei Kronen wert. Und bereite man ihm unübersteigliche Schwierigkeiten, so sei er erbötig, mit einem Herrschaftssitze, einer von den großen Kalenbergischen Domänen, fürlieb zu nehmen, wie es schon öfter die Prinzen des welfischen Hauses gethan hätten. Er wolle da seiner Liebe leben, seine Feldfrüchte bauen, seinen Bauern ein gütiger Herr und ein treuer Familienvater sein.

Moltkes Staunen war unbegrenzt. Wie hatte der Prinz für die Wiedererlangung seines Rechts geflammt, wie zornig war er bei dem Gedanken geworden, man könne ihn von der Höhe seiner Geburt herabstürzen, könne verlangen, er solle als anspruchsloser Edelmann leben, und nun zeichnete er sich plötzlich einen ganz anderen Weg vor. Was sollte man davon denken? Würde er diesem Plane treu bleiben?

Nachdem Maximilian noch eine Weile von dem Glücke geschwärmt hatte, das ihm die Liebe bieten werde, fragte der Oberjägermeister:

»Sind denn Ew. Gnaden schon einig mit dem Mädchen? Oder belieben Durchlaucht zu befehlen, daß ich mit Ulrike über den Kasus konferiere?«

»O bei Leibe nicht! Rede er mit keinem Worte in meine intimste Affaire hinein! Ich verlange zur Zeit von ihm nichts weiter, als daß er mir thunlichst einen näheren Verkehr mit seiner Tochter gestattet.«

»Wie meinen das Ew. Gnaden?« fragte Moltke, mißtrauisch die herabhängenden Brauen zusammenziehend.

»Ehrlich wie ich's sage. Ich will gleich jedwedem anderen Freier um Fräulein Ulrike werben. Sie ist noch all zu respektvoll, scheu und spröde, aber ich werde ihr Herz gewinnen, so ihr sie mir hier und da anvertraut und meine Liebe protegiert. Aber meine Pläne müssen vor Jedermann ein Geheimnis bleiben, auch vor dem herzlieben Fräulein selbst.«

»Wenn das Mädchen nicht kompromittiert wird, mag es sein, Prinz,« erwiderte der Oberjägermeister kürzer und bestimmter, als es sonst seine Art war, mit dem hohen Herrn zu sprechen.

Maximilian erging sich nun noch in Versicherungen, daß Ulrikes Ehre und ihr guter Name ihm eben so teuer sei wie dem Vater, und daß sie ihm ruhig anvertraut werden könne.

Als der Prinz, unter den alten Höflichkeitsbezeigungen von dem Hausherrn hinaus begleitet, gegangen war, versank Moltke auf's Neue in Nachdenken.

In seinem Zimmer auf- und abschreitend, begann er ernstlich zu überlegen. Er glaubte nicht an die Möglichkeit, daß Maximilian ein Herzogtum gewinnen und daneben seine unebenbürtige Heirat ermöglichen werde, aber er hatte einmal auf diese Karte gesetzt und wollte ihr unter jeder Bedingung treu bleiben.

Der Prinz war ein Sanguiniker, leidenschaftlich, hochfliegend, voll Selbstvertrauen. Würde er ebenso beharrlich wie unternehmend sein? Und wie stand er selbst da, wo lag sein eigener Vorteil, wenn der Prinz den einen oder andern Plan energischer verfolgte?

Wurde durch den Einfluß und Druck anderer Mächte Ernst August's Bestimmung der Primogenitur umgestoßen, gewann Maximilian die begehrte Herzogskrone, so war Moltkes Glück an dem neuen Hofe gesichert. Er besaß feste Versprechungen und würde immer eine der ersten Rollen unter dem neuen Herzoge spielen. Daneben durfte er noch zu Lebzeiten Ernst August's in der Freude schwelgen, einen Lieblingsplan seines Feindes gestört zu sehen und mit gestört zu haben. Ließ dagegen Maximilian, wie er nicht übel Lust zu haben schien, allen Ehrgeiz fahren, begnügte er sich mit einer Domäne als Abfindung und heiratete Ulrike, so war er außer stande, seinem Schwiegervater eine einflußreiche und angesehene Hofstellung zu verschaffen. Im Gegenteil, Moltke würde als Vater der unebenbürtigen prinzlichen Gemahlin in eine schiefe Lage kommen, vielleicht gar entlassen werden.

Im Ausschreiten starrte er, ohne etwas zu sehen, vor sich hin: »Ein Thor wäre ich, mir das einzufädeln – nur um des verliebten Schmetterlings Willen zu thun!«

Es war möglich, daß der Herzog sich den Wünschen des unbequemen Drängers fügte, daß er dem Sohne, um sich seiner zu entledigen, eine Domäne gab, daß er in die Mesalliance willigte.

Von einem neuen Gedanken ergriffen, stand Moltke plötzlich wie angewurzelt da.

Ernst August konnte die Heirat Ulrikes mit seinem Sohne nicht zugeben, wenn die alten Befürchtungen Moltkes, sein alter fressender Ingrimm, zu recht bestanden. O hier gab es endlich eine Möglichkeit klar zu sehen, eine Hoffnung, die Wahrheit zu erfahren, die Wahrheit, nach der er seit siebzehn Jahren vergeblich lechzte! Gestattete der Herzog die Verbindung, so durfte er aufatmen, so war seine Ehre hergestellt, so war der Druck, der Alp seines Lebens von ihm genommen. Ja, um diesen hohen Preis, diese wunderbare Erleichterung seines Gemüts vielleicht zu erlangen, wollte er alle anderen Erwägungen hintansetzen, wollte seine ehrgeizigen Hoffnungen darangeben und mit vollem Eifer auf des Prinzen Wünsche eingehen. Maximilian sollte mit dem Vater über seine Heiratspläne sprechen, und dann würde man ja sehen, wie der Herzog diese Wünsche seines Sohnes aufnahm, was er sagte, wie er sich zu den Vorschlägen stellte, ob er nur leise abwehrte oder ob er von vornherein ein »Unmöglich!« gleich einem Grenzpfahl aufpflanzte.

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