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Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
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Viertes Kapitel

Die Gemahlin des Geheimrats Graf Platen, Klara Elisabeth, eine stattliche Frau zu Anfang der Vierzig, saß in ihrem Ankleidekabinet und überließ sich den Händen zweier Kammermädchen, um sich für eine ihrer Gesellschaften schmücken zu lassen.

In dem mit der größten Üppigkeit geführten Hauswesen des Geheimrats und Günstlings Ernst August's gab es im Winter, wo viele reiche und vornehme Familien in Hannover zusammentrafen, fast täglich Gastereien, die der Hof mit seiner Gegenwart beehrte. Ja, die Feste in des Grafen Platen Hause unterschieden sich kaum von den Hofgesellschaften, nur ging es bei dem Minister etwas freier und zwangloser zu als im Schlosse. Der Herzog, der streng auf seine Würde hielt, zugleich aber eine gute Tafel und bei aller Höflichkeit einen jovialen Ton liebte, zog die geselligen Zusammenkünfte bei dem begünstigten Paare den eigenen Festlichkeiten vor. Er ordnete an, daß Graf Platen's Haus, das unmittelbar am Schlosse lag, von allen Gliedern seiner Familie, sogar von seiner Gemahlin, der Herzogin Sophie, – die sich dieser Aufgabe mit ruhiger Kühle unterzog, – besucht werde, und er selbst schaltete hier mehr als Hausherr denn als Gast.

Auf beiden Seiten der in Silber getriebenen Toilette mit dem venezianischen Spiegel brannten Wachskerzen, das Licht des trüben Novembertages war früh in Dämmerung übergegangen. Auf dem weißbekleideten Tischchen, das die Toilette trug, standen Schmucksachen, Schminktöpfchen, Essenzen, Pomaden, Parfüms und eine Menge anderer zum Putz einer Dame dieser Zeit nötigen Gegenstände.

Auf dem Sessel vor dem Spiegel saß die Gräfin. Das eine der Mädchen hatte eben eine hohe kunstvolle Frisur von aufgesteckten und lang herabfallenden Locken aus dem starken schwarzen Haar der üppigen Frau hergestellt und begann nun, den hohen Bau auszuschmücken. Die andere Kammermagd reichte als Gehilfin Gewünschtes her. Dann wurde die Frage aufgeworfen: Sollte man es wagen, die aus Frankreich herübergekommene Mode eines steil aufstrebenden Spitzenaufsatzes, » à la Fontange« genannt, einzuführen?

Klara Elisabeth fand, daß dies zarte Gebäude mit Goldflitterband und Borden aufgeputzt, kleidsam für sie sei. Und dem war so; die derben geröteten Züge, die nur weiße Schminke vertrugen, mit den stark vortretenden Backenknochen und dem Doppelkinn, wurden durch die weißen Spitzen gemildert.

»Ich möchte nur Sr. Durchlaucht penchant kennen«, sagte die Dame. »Alles Haubenartige macht ältlich.«

»Vielleicht treten Sr. Durchlaucht hier wieder vor«, meinte die eine Zofe, »und konnten höchstselbst entscheiden!«

Die Gräfin war überzeugt, daß es geschehen werde, und ließ, um rechtzeitig fertig zu sein, die Toilette beeilen. Das gelbe Damastkleid über dem himmelblauen, reich gestickten Untergewande, die goldgestickten Stöckelschuhe, die Spitzen und Schmucksachen waren angelegt, als einer der in Scharlach mit Silber gekleideten Lakaien vom Vorzimmer her mit starker Stimme rief: »Sr. Durchlaucht der Herr Herzog Ernst August!«

Gleich darauf trat der Gemeldete ein. Er setzte sich der Gräfin gegenüber, küßte ihre fette Hand und behielt sie zwischen den seinen, sie dann und wann tätschelnd. Dabei begann er ihre Toilette zu mustern: » Pompös – magnifique! Das Gelb steht Ihnen, Klara Elisabeth; die Frisur kommt mir noch leer vor; einige Schleifen oder Perlenschnüre.« –

»Wir wollten Ew. Durchlaucht etwas Neues vorführen,« sagte die Dame und gebot, ihr die pariser Fontange aufzuprobieren.

Der Herzog war entzückt und das Schicksal des emporstrebenden Spitzenkopfputzes war am hannoverschen Hofe entschieden. Dann wurden die Kammermädchen entlassen, eine vertrauliche Plauderei begann.

»Wir haben den Heißsporn, den Maximilian, dem man nicht ernstlich böse sein kann, auf Ihrer Liebden der Herzogin freundmütterliche Intervention wieder zu Gnaden angenommen«, erzählte Ernst August. »Der Trotzkopf umgeht freilich noch immer eine positive Deklaration, indes dem fait accompli werden seine pretentionen doch dereinst weichen müssen, daher bin ich nicht weiter ernstlich in ihn gedrungen.«

»Dürfen wir hoffen, die Prinzen heute wieder hier zu sehen?«

»Ja, sie haben meine permission und kommen.«

»Wie wohl wird ihnen sein, sich wieder in der huldreichen présence meines allergnädigsten Herrn sonnen zu dürfen!«

»Ihr könnt euch in eurem blinden Attachement an meine Person gar nicht denken, Klara Elisabeth, wie jemand sich mir abzuwenden vermag.«

»Durchlaucht haben recht; impossible mir vorzustellen,« sagte sie mit einem heißen bewundernden Blick ihrer schwarzen Augen.

Ernst August küßte wiederholt der Gräfin Hand: »Ich habe Ihnen noch eine bonne nouvelle mitzuteilen, mon amie.«

»Und das wäre? Jeder heureux accident, der meinen hohen Herrn arrivirt enchantirt mich!«

»Mein ambassadeur Geheimrat Baron Grote rühmt sich, guten succès in Wien zu haben. Grote hat mit unserer Neutralität bei des Kaisers Kriegen gedroht, worauf Leopold traitabler geworden ist.«

Nach vorsichtigem Anklopfen trat jetzt der Gemahl der Dame, Graf Platen, ein geschmeidiger Hofmann, ins Zimmer. Er bewillkommnete seinen Gebieter in unterthänigster Form und teilte mit, daß die Gäste größtenteils versammelt seien, zugleich fragend, ob es Sr. Durchlaucht vielleicht beliebe zu erscheinen?

Der Herzog willigte ein, er erhob sich, reichte der Gräfin die Fingerspitzen und führte sie, während der gefällige Ehemann dem Paare folgte, in die Salons.

Die prächtig ausgestatteten Gemächer erglänzten weniger von dem Schein der gelblichen Wachslichter, mit welchen sie erleuchtet waren, als von den hellen, schimmernden Stoffen, in denen sämtliche Gäste gekleidet erschienen. Es war ein schillernder, wahrhaft blendender Farbenreichtum, der hier in schweren, kostbaren Gewändern von beiden Geschlechtern zur Schau getragen wurde. Helles, leuchtendes Rot, Mai- und Meergrün, Himmelblau und Gelb in schwerem Sammet, großblumigem Damast, gold- und silberdurchwirktem Brokat, knisterndem Atlas und in allen Farben-Schattierungen. Die Männer sämtlich in hohen, weit über die Schultern fallenden, größtenteils blonden Lockenperrücken. Die hellen Haarfarben wurden von der vornehmen Welt bevorzugt, weil sie seltner und teurer waren. Alle Kavaliere trugen Degen in glänzender Scheide an prächtigen Bandelieren und Federhüte unter dem Arm, Goldstickereien, Spitzen, Knöpfe und schillernder Besatz, wohin man sah.

Die Frauen erschienen ebenso pomphaft mit hohen Frisuren, auf Stöckelschuhen mit lang nachschleppendem bauschigem Obergewande. Knistern und Rauschen der Stoffe, Klappern der Hacken, Wehen der Fächer, begleitete die vorläufig nur flüsternd geführte Unterhaltung.

Endlich trat der Haushofmeister des Platenschen Haushalts herein und meldete mit lauter Stimme die Ankunft des hochfürstlichen, durchlauchtigsten Herrn Herzogs.

Eine Bewegung ging durch die Versammlung, die Geschlechter schieden sich, eine breite Gasse wurde gebildet. Und jetzt traten durch die von zwei Lakaien weit aufgerissenen Flügelthüren die drei Personen ein, welche soeben das Ankleidekabinett der Gräfin verlassen hatten.

Wie der Sturm durch das Ährenfeld fegt, so fuhr die Ehrerbietung in die Reihen der Hofleute. Es war ein tiefes, niedertauchendes Neigen. Die Locken der Perrücken sanken nach vorn und die schweren Stoffe der Damengewänder bauschten sich bis an die weißen Schultern der Trägerinnen in die Höhe.

Der Herzog überflog mit befriedigtem Lächeln die Versammlung, er sah vier Söhne an der Spitze der Herren und seine schöne Schwiegertochter auf seiten der Damen. Die Herzogin genoß das Vorrecht, mit ihrem Hofstaate etwas später zu kommen. Ernst August entließ mit einer Verneigung die Hausfrau, schritt dann, wie ein General, der seine Truppen mustert, ehrfurchtsvoll vom Hausherrn begleitet, an den Reihen entlang. Hier und da spendete er ein gnädiges Wort, ein Lächeln, unter dessen Sonnenglanz sich die Mienen der Beglückten verklärten.

Nach und nach wurde man ungezwungener. Der Herzog setzte sich bis zum Abendessen mit einigen Auserwählten zu einer Partie Baßetta, einem italienischen Glücksspiele mit Karten für mehrere Personen, das der Fürst von seinen verschiedenen Karneval-Ausflügen nach Venedig von dort mitgebracht hatte und das er sehr liebte. Es bildeten sich viele verschiedene Gruppen, auch Tricktrack und Schnipp-schnapp-schnurr wurden eifrig gespielt.

Im Empfangssalon hielten sich jetzt besonders diejenigen auf, welche der Herzogin Sophie oder ihrem Hofstaate näher standen. Alle blickten harrend nach der Thür, da man noch der Ankunft der Herzogin aus Herrenhausen entgegen sah. Doch liebte die Fürstin keinen feierlichen Empfang, deshalb that vorläufig jeder möglichst unbefangen und suchte die Miene der Erwartung zu verbergen. In der Fensternische, der Eingangsthür gegenüber, lehnte Prinz Maximilian mit ernst sinnendem Gesichte. Er war von peinlichen Gedanken erfüllt und empfand sehr zwiespältig über die von der gütigen Mutter ins Werk gesetzte Versöhnung mit dem Vater. Dieser hatte wieder offne Herzlichkeit hervorgekehrt, der gegenüber Maximilian ein schlechtes Gewissen spürte. Er wäre lieber nach der neulichen Scene dem Herzoge gegenüber in kühler Entfremdung verblieben. Trug er sich doch mit dem Gedanken, Hannover zu verlassen, sobald seine Sendlinge an den verschiedenen Höfen Gehör fanden und Einsprachen hier beim Herzoge zu erwarten standen. Schon jetzt brannte ihm der Boden unter den Füßen. Er liebte nur seine herrliche Mutter. Sie war es, die innerlich in seiner großen Lebensfrage zu ihm hielt, die seine Sache zu der ihrigen machte. Es erfüllte ihn mit schmerzlichem Groll, daß die Erhabene hierher kommen mußte, wo sein Vater sich bei einer andern Frau heimisch fühlte.

Maximilian hatte mehr im Feldlager gelebt als auf dem glatten Boden des Hofes. Schon 1665 ward er, ein neunzehnjähriger Jüngling, – dem Namen nach als Oberbefehlshaber – der an die Signoria von Venedig verdungenen Hilfstruppe im Kriege gegen Morea beigegeben und kämpfte mehrere Jahre im Süden. Sein Aufenthalt in Hannover hatte sich immer nur auf einige Monate beschränkt. Stets lockte ihn die Aussicht auf kriegerische Abenteuer und Kriegsruhm aufs Neue hinaus.

Aber welche geringe Hoffnung auf Glück bot sich ihm auch hier unter den gegebenen Verhältnissen! Weshalb sich mit Land und Leuten befreunden, wo man ihm alle Rechte genommen, wo jegliche Zukunftsaussicht zweifelhaft oder erst zu erkämpfen war?

Manchmal meinte er, daß er der Fremde, des Umhertreibens satt sei. Wenn sein Vater ihm in solchen Stunden eine Herrschaft, ein schönes Gut gesichert hätte, wäre es möglich gewesen, ihn zu fesseln und zu befriedigen. Er konnte sich nach etwas ihm Zugehörigen, Eigenen sehnen. Einen Fleck, auf dem er anordnen und schaffen durfte. Aber immer nur mit Geld abgefunden werden, jeden aus Gnade ihm zugeworfenen Beutel wie ein Bettler dankbar auffangen, daneben fühlen, daß man ihn als einen anspruchsvollen, unruhigen Geist für gefährlich und unbequem halte und wieder zu entfernen trachte, das reizte ihn und regte ihn zum Widerstand auf, das schürte seinen Drang, koste es, was es wolle, seinen Rechtsanspruch durchzusetzen!

Ein zarter, halbwüchsiger Knabe von weichen, biegsamen Formen trat auf den Sinnenden zu, eine kleine feingeformte Hand legte sich auf seinen Arm und ein hohes Stimmchen flüsterte: »Seht doch nicht so trist aus, lieber Max.« Der Angeredete schrak auf, sein jüngster Bruder, der sechzehnjährige Prinz Ernst, stand vor ihm. Diesem feinen, freundlichen Gesichte traute man den eigenen Besitz der reichen blonden Lockenperrücke zu, von der es umwallt war.

»Man kann nicht immer content sein, Kleiner,« sagte der Ältere und streichelte des Knaben Wange.

»Charmantes Brüderpaar, seht hier wohl nach unserer Frau Mutter aus,« lachte Christian und gesellte sich zu ihnen.

Auch Erich von Moltke kam mit seinem Oheim heran und Maximilian, in dem Verlangen mit dem Oberjägermeister ein vertrautes Wort über seine geheime Angelegenheit zu wechseln, löste sich von den Brüdern und trat mit den beiden Moltkes in das nächste Fenster.

Kaum standen hier die drei, so wurden die Flügelthüren aufgestoßen und es erschien, vom Haushofmeister angekündigt, die Herzogin Sophie mit ihrem Gefolge.

Graf und Gräfin Platen, die beiden jüngsten Prinzen und viele der Anwesenden waren der hohen Frau entgegengeeilt. Maximilian zögerte auf seinem Platze in dem Gefühle, Blick und Wort der Mutter nicht mit Vielen teilen zu mögen, und wartete seine Zeit ab.

Welch eine schöne Sicherheit, wie viel Hoheit und Güte lagen doch in dem Wesen der teuren Frau! Des Sohnes Auge ruhte liebevoll auf der ehrfurchtsvoll Umringten. Die breite Gestalt der Gräfin Platen trat dazwischen, Maximilians Blick irrte weiter. Da war das lange Hoffräulein Melusine von Schulenburg, da die alte Frau von Winzingrode, da der Oberhofmeister La Chevallerie, ein Refugié, da der Hofmarschall von Koppenstein und der Schloßhauptmann von Hardenberg, – lauter bekannte, ihm langweilige Gesichter. Doch die da, eine Fremde – welch holdes Kind – noch nie meinte er ein so sanftes, rosiges, von leuchtenden Augen erhelltes Mädchenantlitz gesehen zu haben. Und sie blickte zu ihm herüber, sie lächelte, jetzt gar ein leiser stummer Gruß, ein Neigen des schönen Köpfchens. Das konnte ihm nicht gelten. Er wandte sich um und sah die Moltkes an:

»Kennt er die neue Hofjungfer Ihrer Durchlaucht, meiner Frau Mutter?«

»Meine Tochter,« erwiderte der Oberjägermeister trocken.

Es schien dem Prinzen wie ein Wunder. Sein Blick flog von dem unangenehmen, ingrimmigen Gesichte des alten Herrn zu dem liebreizenden des blonden Mädchens hinüber. Das also dieses Mannes Tochter, fast unglaublich! Er hatte gehört, daß in Moltkes Hause eine Tochter sei, spurlos war die Kunde an ihm vorübergeglitten und nun war dies ein solches Engelsbild! Maximilian mußte sie in der Nähe sehen, mußte den Ton ihrer Stimme hören. Er eilte vor und begrüßte seine Mutter.

»Wie froh bin ich, euch wieder im Hofkreise zu treffen, lieber Sohn. Man muß difficile Sachen à laimable nehmen und sich nicht unnötig chagrinieren.« Wie gütig sie ihn dabei anblickte. Er aber war doch nur halb bei ihr, sein Auge, sein Interesse weilten auf der hinter ihr Stehenden.

Die Herzogin bemerkte seinen Blick. »Ihr kennt Ulrike von Moltke noch nicht? Mein jüngstes Fräulein,« und sich halb wendend, sprach Sophie zu dem jungen Mädchen: »Seht ma mignonne, mein Sohn, Prinz Maximilian. Vielleicht giebt er ihr Gelegenheit zu produzieren, ob der Tanzmeister Sie im Menuett parfaitement instruiert hat?«

Nachdem seine Mutter ihm also selbst den Weg geebnet hatte, wurde es Maximilian nicht schwer, sich Ulriken zu nahen. Er trat an ihre Seite und begleitete sie nach dem Zimmer, in dem die Herzogin vorläufig Platz nahm.

Das schöne Mädchen erklärte sich mit naiver Freude bereit, das erste Menuett mit ihm zu tanzen.

Sie dachte: welch ein schöner, ritterlicher Herr, so und nicht anders muß ein Prinz aussehen! Gern nahm sie seine Aufforderung an und bat ihn, Nachsicht zu üben, wenn sie vielleicht noch irre, sie sei zum ersten Male in einem so großen illustren Kreise und fühle sich fast verwirrt von allen den vielen glänzenden Personen, die sie um sich sehe. Maximilian ermutigte sie und es schien ihm, als ob sie nicht ohne Vertrauen zu ihm aufblickte.

Andere Herren näherten sich, um der Herzogin ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Maximilian fühlte, daß es auffalle, wenn er sich länger an Ulrikens Seite halte. Er zog sich zurück, nahm aber seine Stellung so, daß er die Anmutige sehen und beobachten konnte.

Auch der Herzog kam heran und begrüßte artig seine Gemahlin.

Jetzt begann Sophie ein ernstes Gespräch mit mehreren Männern, die sich ihr nahten. Besonders zog sie ihren Freund Leibniz heran, der es nicht verschmähte, sein Gelehrtenstübchen zu verlassen, um sogar mit Rat und That – er lieferte mehrfach französische Verse zu scherzhaften Aufführungen – an der Geselligkeit des Hofes teil zu nehmen.

Der Herzog, dem das neue Fräulein seiner Gemahlin, das zum erstenmale in diesem Kreise erschien, vorgestellt ward, redete Ulrike gnädig an.

Mit gedämpfter Stimme fragte er: »Hat sie ihre Frau Mutter en bonne santé verlassen, schönes Kind?«

» Mille remerciments für Ew. Durchlaucht gnädiges Interesse!« Wie hell Ulrikens Blick aufleuchtete. »Ach ma pauvre maman« der Glanz ihres Auges verschleierte sich, »sie ist viel malade. Die Trennung war von grande tristesse.«

»Sie hängt an der Frau Mutter?«

»Ist denn ma mère nicht das precieuseste Gut, das ich habe!« Wie sie glühte und welche Zärtlichkeit in ihrem Ausdrucke lag.

»Sie gleicht der Frau Oberjägermeister etwas, Mademoiselle.«

Der Herzog ging weiter und sprach mit anderen Personen.

Wenige Minuten später stand Ulrikens Vater hinter ihr, sein Ausdruck war finster und gespannt: »Was hat der gnädigste Herr dir gesagt?« raunte er ihr in's Ohr.

Ulrike wandte sich erschrocken um. »O mon père!«

Der Oberjägermeister wiederholte leise seine Frage, aber der drohende Ausdruck wich nicht von seinen Mienen.

Ulrike wiederholte erfreut die kurze Unterredung, deren der Herzog sie gewürdigt hatte. Mit zusammengezogenen Mienen und tief gesenkten Brauen, unter denen Moltkes Auge fast tückisch hervorblinzelte, hörte er an, was sie sprach.

In eine Unterhaltung mit dem Oberstallmeister von Harling scheinbar vertieft, hatte Prinz Maximilian Ulrike nicht aus den Augen verloren. Auch seinem Vater gefiel sie, das war ja augenscheinlich. Einen so weichen Ausdruck hatte er selten in des Herzogs Mienen gesehen. Und nun der Oberjägermeister, wollte er sie schelten? Wie konnte der alte Brummbär es wagen, sein holdes Kind so zornig anzusehen? Das Mädchen schien ganz verschüchtert.

»Durchlaucht goutieren die Mausgrauen mit den Aalstreifen weniger?« fragte eben der Oberstallmeister zum zweitenmale und sah den Zerstreuten erstaunt an; wie war es möglich bei einer Auseinandersetzung über Pferderassen das Interesse zu verlieren?

»Doch, doch!« rief der Prinz hastig, worauf Harling sich beeilte, für die urwüchsige Farbe wildlebender Pferde, das Grau, sich lebhaft auszusprechen.

Im nächsten Zimmer standen einige Spieltische, an welchen sich die jüngeren Personen abwechselnd unterhielten. Auf den Seiten bildeten sich kleinere und größere Kreise Plaudernder.

Da saß die schöne Erbprinzessin Sophie Dorothea von Celle und Lüneburg. Sie war ganz in rosenrot mit Silber gekleidet und trug Brillantsterne in dem reichen, hellbraunen Haar, das teils hochaufgebauscht, teils in schweren Locken auf den herrlich geformten weißen Nacken fiel.

Halb hinter ihrem Stuhle stand ihr treues Fräulein Eleonore von dem Knesebeck, eine nicht schöne, aber klug und entschlossen aussehende Dame. Sie neigte sich manchmal vor und sprach mit der Prinzeß oder mischte sich in die Unterhaltung, die Sophie Dorothee mit einem neben ihr sitzenden Kavalier führte.

Es war dies der kürzlich in hannoversche Dienste getretene Oberst Graf Philipp Königsmark, Enkel des siegreichen schwedischen Generals aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, ein reicher, welterfahrener, tonangebender Herr. Da Philipp mehrere Jahre als Page am Hofe Georg Wilhelms in Celle gelebt hatte, war er der Erbprinzessin als Spielgefährte aus der Jugendzeit befreundet, und von eben dieser fröhlichen Zeit, in der sie mit einander auf den Grasplätzen am Celler Schlosse Ball geschlagen, Haschen und Verstecken gespielt hatten, plauderten sie jetzt in freudiger Erinnerung. Ein: »wißt ihr noch?« »Denken Durchlaucht noch daran?« schwirrte von lachenden Lippen hin und her.

Königsmark war ein schöner Mann. Der einzige Herr in dem ganzen Kreise, der sein üppig starkes, dunkles Lockenhaar statt der Perrücke trug. Seine bräunlichen, edel geschnittenen Züge, seine großen, sprechenden Augen mußten jedem auffallen. Er trug hellblauen Sammet mit kirschroten Aufschlägen, reicher Silberstickerei, Brillantknöpfen und Schnallen und einer Reihe Brillanten an seinem weiß befiederten Hut, den er beim Sprechen anmutig hin und her bewegte.

Eleonore von dem Knesebeck freute sich an dem Geplauder der beiden. Sie liebte die Prinzessin schwärmerisch und litt unter dem Unglück der Ehe dieses schönen, freudigen, von Geist und Güte erfüllten Wesens.

Ihr Gemahl, der Erbprinz Georg, der sich ungern einer Verbindung mit seiner Kousine, der reichen Erbtochter gefügt hatte – da deren Mutter, das französische Fräulein d'Olbreuse, ihm nicht hochgeboren genug war – paßte seinem ganzen Wesen nach schlecht zu ihr. Georg war nicht einfältig, er war ein schlauer Kopf, tüchtiger Soldat und eifriger Staatsmann, er hatte aber etwas trockenes, schweigsam kaltes, das Sophie Dorothee nicht ertragen konnte. Feuer und Wasser schienen sich hier zu mischen und zischten nur zu oft mit Knistern auseinander. Den Frauen im Allgemeinen war Georg sehr geneigt, ja er konnte lebhaft vorgehen, wenn er Widerstand fand.

Eben jetzt erhob er sich von einem der Spieltische und setzte sich zu der Generalin von Weik, einer jüngeren Schwester der Gräfin Platen, die mit einladender Handbewegung und kokettem Lächeln dem Prinzen entgegen kam. Wie die Dame beflissen auf ihn einredete, wie behaglich schmunzelnd der Erbprinz sich dieser Unterhaltung hingab! Eleonore von dem Knesebeck sah es mit tiefem Verdruß. Für eine Närrin, die ihm schmeichelte, war Georg immer zu haben und seine reizende Gemahlin vernachlässigte er.

Die Zeit des Abendessens kam heran. An der ersten Tafel speisten die Fürstlichkeiten, Graf und Gräfin Platen und einige Auserlesene. Bei Hof saßen die Geschlechter getrennt zu Tisch. Auf der Langseite der Tafel nahmen in der Mitte der Herzog und seine Gemahlin Platz, an seiner Seite saß der Erbprinz oder ein fürstlicher Gast, auf ihrer die Erbprinzessin, worauf sich dann dem Range nach auf beiden Seiten Herren und Damen anschlossen. Dem Herzogspaare gegenüber stand ein Hofkavalier als Vorschneider, Lakaien trugen die Speisen herbei und Pagen boten sie, mit Servietten in den Händen, den Gästen an.

Hier, im Hause des Ministers, herrschte keine so förmliche Etikette. Man machte bunte Reihe, der Haushofmeister stand dem Herzoge gegenüber und schnitt vor und die stattlichen in roter Livree mit Silberknöpfen gekleideten Lakaien des Platenschen Haushalts bedienten.

Die übrigen Gäste setzten sich nach Belieben. Erich von Moltke hatte Ulrike schon längst gefragt, ob sie an seiner Seite speisen wolle und freudige Zustimmung erhalten, nun schritten sie Hand in Hand dahin; beide sahen froh aus und nahmen ihre Plätze mit dem befriedigten Gefühle ein, daß es nicht besser sein könne.

Ulrike sah so heiter aus und lächelte so viel, als ob der ehrbare, steife Erich einen Witz nach dem andern zum besten gebe. Sie lachte aber aus keinem äußeren Anlaße, sondern nur aus der Fülle ihres glücklichen Herzens, das sich doch nirgends so wohl fühlte wie an der Seite des Vetters. Erich war heute allerdings mehr als sonst gesprächig und aufgeräumt. Er erzählte ihr von seinen Reisen mit dem Prinzen, von Venedig, dem überlustigen, tollen Karnevalstreiben in der märchenhaften Dogenstadt, von den Kämpfen auf Morea und einem Besuche in dem kaiserlichen Wien. Hatte er auch schon im vorigen Jahre in Katelnburg hier und da von seinen Erlebnissen gesprochen, so lauschte die Hörerin doch immer aufs neue seinen Schilderungen.

Nach dem Souper begann der Tanz, an den Ulrike mit Zagen dachte. Wußte sie doch nicht, ob ihr Balletmeister recht gehabt habe, als er versicherte, sie dürfe sich jetzt in der beau monde sehen lassen. Die Pas waren schwierig und mußten genau nach der Regel ausgeführt werden. Und nun sollte sie gar die Ehre haben, mit dem edlen Prinzen zu tanzen. O, wie lebhaft wünschte sie, ihre Sache gut machen zu können.

Beim Beginn des Menuetts trat Prinz Maximilian zu der schüchternen Anfängerin heran. Wie lieblich sie war in ihrem Erröten, ihrer Scheu und mit den niedergeschlagenen, nur manchmal aufblitzenden Augen. Er sprach ihr Mut zu und freute sich, als sie mit Grazie und Geschick die ersten Touren durchführte und nun freier und zuversichtlicher wurde. Der Prinz sehnte sich danach ihre Stimme öfter zu hören und begann lebhaft mit ihr zu plaudern.

Sie wußte viel von seinen Lebensschicksalen durch Erich und so kam ihnen beiden das Gefühl, als kennten sie sich lange. Es kam Ulriken wie ein Wunder vor, daß sie dem Manne so freimütig gegenüber stehen konnte, von dem Erich stets mit der größten Ehrfurcht, als von seinem hohen Herrn, gesprochen hatte. Er war ja auch erhaben, er war wie die Verkörperung aller ritterlichen Tugenden, und so that ihr sein Entgegenkommen wohl und schmeichelte ihrem Empfinden.

Die Gräfin Platen war mit dem Obersten Graf Königsmark zum Menuette angetreten. Nach den ersten Schritten klagte sie über einen schmerzenden Fuß und setzte sich mit ihrem Kavalier auf den zur Seite stehenden Divan. Der Tanz nahm das allgemeine Interesse in Anspruch, so befand sich das aus der Reihe getretene Paar unbeobachtet und allein.

»Wie steht es mit eurem Amüsement, Graf?« begann die Dame. »Ihr seid durch Reisen und elegantere Höfe verwöhnt.«

Er antwortete ihr mit einem Lobe Hannovers und pries die Divertissements ihres illustren Hauses.

»Flatteur!« rief sie halblaut und drohte ihm mit dem zusammengelegten Fächer, dann sprach sie hastig, wie glücklich sie sei, ihn bei sich zu sehen, und wie sie nur wünsche, eine noch bessere Occasion zu haben, ihn zu obligieren, als sie sich ihr im Trubel der Société biete.

»Ihr seid der charmanteste Kavalier am Hofe,« flüsterte sie, sich zu ihm neigend, »ich finde euch artiger als alle. Eure Politesse und euer savoir-vivre stellt euch weit über unsere hannoverschen Bären.« Sie hatte ihren großen flitterngestickten und mit gelben Tulpen bemalten Fächer ausgebreitet und sprach, das gerötete Gesicht halb bedeckend, mit brennenden Augen zu ihm über den Rand des Fächers weg.

»Ich werde mich bemühen, Ew. gräflichen Gnaden so große Amitié zu meritieren.«

»Zwingt Euch nicht zur Gravität, Graf Philipp. Warum das heiße Blut cachieren und desavouieren? Wie denkt ihr über meine Person? Erscheine ich euch nicht mehr aimable désirable?«

Königsmark, der wohlerfahrene und weltgewandte Mann, erschrak und verstummte einen Augenblick. Diese so viel ältere Frau, die dem Herzoge nahe stand, wagte es, ihm in solcher, nicht mißzuverstehende Weise, entgegen zu kommen. Er faßte sich indes bald, sprach von seiner Admiration, seiner Veneration und beachtete die tiefe Falte nicht, die sich zwischen den starken dunkeln Brauen der Gräfin zeigte.

Es gereichte Königsmark zur Erleichterung als der Herzog Ernst August herantrat und sich nach dem Befinden der schönen Hausfrau erkundigte. Der Oberst hatte sich sogleich ehrfurchtsvoll erhoben, die Dame aber hielt das angebliche Fußleiden noch auf den Polstern fest. Der Herzog setzte sich zu ihr und Königsmark empfahl sich.

»Was hattet ihr so Intimes mit dem Grafen zu konferieren, Klara Elisabeth?« fragte der hohe Herr mit dem Tone eifersüchtigen Mißmuts.

Die Gräfin lächelte schlau und wies mit dem Fächer auf ein junges Paar, nicht weit von ihnen, im Kreise der Menuett Tanzenden.

»Mütterliche Attention und Précaution, votre altesse,« flüsterte sie, bemüht ihrer Stimme den herben Ton des Verdrusses zu nehmen. »Caroline Sophie wächst heran und Graf Königsmark scheint mir eine désirable Partie zu sein.«

»Ah, für eure Tochter?« Die Stirn des Herzogs glättete sich. »Inkommodiert euch nicht; wir werden en bon temps einen epoux für die Kleine finden.«

Als Königsmark den Saal halb durchschritten und einen Teil der Tanzenden zwischen sich und den im Divan Zurückgebliebenen gebracht hatte, trat Eleonore von dem Knesebeck zu ihm heran. »Ich habe euch beobachtet, Graf, auch einige Worte aufgefangen,« raunte sie ihm mit besorgter Miene zu. »Seid vorsichtig, pas de confiance! Die Huld der Dame ist dangereux.«

»Ich danke Euch. Ihr mögt recht haben. Odieuse Wünsche kann man aber nicht erfüllen.«

»Reizt die Löwin nicht, sie möchte euch mit ihrem Haß beehren, euch ihre Krallen fühlen lassen.«

»Pah, ein Weib, so oder so wird man damit fertig.«

Vom feierlichen Menuett ging es zur graziösen Gavotte und endlich zu dem neuen Springtanz oder Reigen über. Die guten Weine des gräflichen Kellers thaten das ihrige, die Lust zu erhöhen; bis auf wenige ältere Personen tanzte zuletzt alle Welt.

Die Herzogin Sophie hatte, begleitet von den würdigen Mitgliedern ihres Gefolges, die Gesellschaft längst verlassen, nur ein paar von ihren Hoffräulein und Kammerjunkern waren dageblieben. Die hohe Frau hatte Ulrike von Moltke ihrem Vater übergeben, damit sie mit ihm nach Hause zurückzukehre, wann er es für gut finde. Der Oberjägermeister aber durfte als Kämmerer des Herzogs die Festlichkeit nicht früher verlassen, als seinem hohen Herrn beliebte, sich zurückzuziehen. Ernst August hielt stets darauf, daß sich der gesellschaftliche Ton an seinem Hofe in gewissen feinen und schicklichen Grenzen bewege; lustig aber durfte man sein, wenn sich die Lust in den höflichen und würdigen Formen hielt, die er selbst übte und von seiner Umgebung forderte. So wurde er denn jetzt auch nicht müde dem Tanze zuzuschauen und sich an dem Treiben der anderen zu ergötzen.

Ulrike begann sich fort zu sehnen. Ihre Kindheit war so schlicht und still verlaufen, daß dieses bunte, erregte Treiben ihr als ein zu schroffer Gegensatz erschien und sie überwältigte. Sie kannte den Verkehr mit weinerhitzten, von ihrem Reiz angezogenen und entflammten Männern noch nicht und wurde davon verschüchtert, ja hier und da sogar verletzt. Sie wagte die Augen kaum noch aufzuschlagen, da sie allerorten Blicken begegnete, die sie verwirrten.

Prinz Maximilian hatte viel mit ihr getanzt, ihr Schmeicheleien gesagt, die in der feurigen Weise, mit der er redete, wie tief empfundene Wahrheiten lauteten, und sie sah, daß seine sprechenden Augen sie verfolgten, wohin sie sich wandte. Diese Auszeichnung, so süß sie ihr erschien, beunruhigte doch ihr Gefühl; es war alles gar zu ungewohnt, sie konnte sich unmöglich schon dem Tone, der hier herrschte, anpassen, sich noch nicht frei diesen Huldigungen hingeben. Eine unbestimmte Angst befiel sie. Zu viel! Zu viel! hätte sie rufen mögen. Wo war Vetter Erich? Konnte er sie nicht schützen? Aber er war ja ganz erfüllt von Respekt und Devotion vor diesen hohen Herren. Wenn doch ihr Vater endlich mit ihr nach Hause gehen wollte, es mußte ja spät in der Nacht sein.

Jetzt stand nun sogar der Erbprinz vor ihr, seinen starken Körper behaglich wiegend, die Hände in den Taschen seines violetten Sammetrocks, mit dem Federhut unter den Arm geklemmt und seine etwas zusammengekniffenen Augen mit einem Ulrike beängstigenden Ausdruck auf sie gerichtet.

»Eh, ma belle,« sagte er lebhafter als gewöhnlich, »keinen Blick für mich? Eitel vertueuse Komédie? – Sie reizendes Glitzerfischchen, charmantes Forellchen. – Wie ihr das Seegrün mit Silber zu den blonden Locken steht! Ist ja doch alles für die Männerherzen kalkuliert; also sträube sie sich nicht. Enveloppiere sie sich nicht in eine dedaigneuse Miene.«

Ulrike erzitterte unter diesen Worten, was mochten die Umstehenden davon denken? Sie fühlte sich besinnungslos und außer stande, die allzu dreiste Annäherung des hohen Herrn gebührend zurückzuweisen.

Er mochte sich ihr Verstummen günstig deuten, konnte wohl auch den Gedanken nicht fassen, daß er irgendwo unwillkommen sei, so fuhr er fort, sie anzustarren und ihr in seiner Weise Artigkeiten zu sagen.

Plötzlich fühlte Georg eine Hand auf seiner Schulter und blickte, sich erbost umwendend, in das schöne, zornglühende Gesicht seines Bruders Maximilian.

»Ew. Liebden vergessen sich,« raunte der Prinz, bebend vor schwer beherrschter Wut, dem Älteren zu. »Seht ihr denn nicht, daß ihr das Edelfräulein inkommodiert?«

» Quelle effronterie« – murrte Georg vor sich hin.

Hastig fuhr Maximilian fort: »Erkennen Ew. Liebden doch, daß hier weder Ort noch Zeit –«

»Mögt recht haben – ein andermal –« und mit einem letzten Blick auf die erschrockene Ulrike entfernte sich der Erbprinz und schlenderte in das nächste Zimmer.

Das geängstigte Mädchen atmete auf und richtete einen warmen Blick auf ihren Befreier: »O ich danke Ew. Durchlaucht!«

»Könnte ich mehr für euch thun,« stammelte er hingerissen, »könnte ich für euch durchs Feuer gehen!«

Eben hatte sich der Herzog zurückgezogen, man begann aufzubrechen. Der Oberjägermeister trat zu seiner Tochter heran. Er bemerkte mit geschmeicheltem Empfinden, wie sie gefiel. Prinz Maximilian stand ja offenbar in Flammen. Allerlei günstige Chancen konnten sich ergeben, es war klug von ihm gewesen, das Mädchen mitzubringen. Er sagte ihr, daß man gehen müsse, ein Wort, das sie erleichterte, bot ihr die Hand und führte sie zur Gräfin Platen, um die sich Abschiednehmende drängten.

Erich von Moltke stellte sich zum Nachhausefahren seinem Herrn zur Verfügung. Der Prinz stand wie im Traume und blickte Ulriken nach. Plötzlich legte er seine Hand auf des Adjutanten Arm und flüsterte: »welch ein Engel ist seine Base!«

Erich erschrak bei dieser Erklärung, er wußte kein Wort darauf zu erwidern. Bald darauf verließen sie die Festräume.

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