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Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
yearo.J.
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Drittes Kapitel

An der Leinstraße, schräg dem Holzmarkte gegenüber, lag das Haus des Oberjägermeisters von Moltke; es war ein altes, außen mit Sprüchen und verblichenen Malereien verziertes Giebelhaus, mit vorstehenden Balkenköpfen, einer großen rundbogigen Hausthür, kleinen Fenstern und niedrigen Stockwerken. Innen gingen Treppen mit braunem, geschnitztem Geländer an der durchgebauten Diele zu den Zimmern in die Höhe.

Ulrike hatte bei ihrer Ankunft in Hannover das alte wunderliche Haus höchst unheimlich gefunden. Es war so viel düsterer und winkliger als das weißgetünchte, geräumige Jagdschloß in Katelnburg. Man fand in diesem alten Bau heimliche Gänge und versteckte Thüren in den braunen Holzverkleidungen der Wände und Treppen, wo man keine vermutete. Ihretwegen ward eine Zimmermagd angenommen, sonst gab es, vom Koch bis zum Stallbuben, nur männliche Dienerschaft in des Vaters Haushalt, die sämtlich vor dem gestrengen Herrn zitterte und kroch.

Man war seit länger als einer Woche in Hannover und immer hatte Ulrike den Vetter Erich noch nicht gesehen. Heute sollte er zum Mittagsessen kommen.

Ulrike stand am Fenster ihres Vorderzimmers und lugte verstohlen auf die Straße hinab, ob sie ihn noch nicht gewahren könne. Ihr Äußeres hatte sich der Hofmode gemäß verändert. Ihr blondes Haar war hoch in Locken aufgesteckt, um den schlanken weißen Hals schmiegte sich ein Spitzentüchlein, das sich im Ausschnitt des blaßblauen Kleides verlor. Am Ellenbogen fielen Spitzen auf den Vorderarm, der Rock war über einem weinroten Untergewande bauschig aufgerafft, zierliche Hackenschuhe sahen dann und wann unter dem etwas schleppenden Saume hervor. Ob er ihre veränderte Tracht wohl bemerken, ob sie ihm gefallen würde?

Ah endlich kam er da über die Straße! Wie groß und schlank er war und wie männlich ernst er aussah. Nun verschwand er im Hause und gleich darauf rief Buchholz sie zu Tisch.

Mit niedergeschlagenen Augen und von leichter Röte übergossen betrat Ulrike das Speisezimmer, wo ihr Vater und Erich anwesend waren. Mademoiselle Jeannette wurde vom Oberjägermeister nicht gewürdigt am Mittagsessen teilzunehmen.

Der Vetter kam auf die Eintretende zu und nahm ihre Hand, die er mit warmem Druck an seine Lippen führte: »Willkommen in Hannover, Bäschen; ei wie seid Ihr embelliert! Ich glaube, Ihr seid noch gewachsen seit dem vorigen Jahre?«

»Gott zum Gruß, Vetter Erich,« flüsterte das Mädchen.

»Die Suppe ist da, könnt bei Tisch konversieren,« murrte der Oberjägermeister.

Man setzte sich; die beiden Herren sprachen, Ulrike wagte in Gegenwart ihres gestrengen Vaters kaum auf Erichs Anreden zu antworten.

»Laßt doch die Gans,« rief der Hausherr zu Erichs Schrecken ärgerlich, »Frauenzimmer sind Frauenzimmer und für nichts zu rechnen.« Dann schilderte er aber doch sehr befriedigt die günstige Aufnahme, die Ulrike gefunden und daß sie sich in der beau monde, wo es nur auf ein leidlich visage und bunte Flicken ankomme, mit succés produzieren werde.

Erich verdroß die Art, wie sein Oheim dies sagte, doch ließ sich nichts dagegen einwenden.

Man saß schon beim Desert, als Buchholz seinen Herrn abrief: der Erwartete sei da. Der Oberjägermeister ging und die beiden jungen Leute befanden sich allein.

»Jetzt sagt mir offen, liebes Bäschen,« hob Erich an und neigte sich vertraulich zu dem jungen Mädchen, »wie gefällt es Euch in Hannover und wie steht Ihr zu alle den evénements, von denen Euer Vater so kontentiert berichtete? Sie schwieg ein Weilchen, sah ihn dann groß mit fragenden Augen an und sagte zögernd: »Wenn Ihr so gern von allem wissen wollt – warum kamt Ihr nicht eher?«

»O, ich hätte Euch so gern schon früher gesehen! Ich war dreimal hier, einmal wart Ihr ausgefahren und zweimal hieß es, der maître de danse übe mit Euch.«

Sie blickte freundlich zu ihm auf: »Man ist mir gütig begegnet, mehr als ich's dachte. Zuerst hat der Herr Papa Mademoiselle Jeannette beauftragt, mir viele schöne Kleider zu kaufen. Das war nun ein Bewundern und Wählen und Überlegen, ein rechtes Vergnügen für ein bescheidenes Landkind. Es giebt so glänzende, blumige Stoffe und mein Herr Vater hat nicht geknickert. Als ich nach der Mode gekleidet war, haben wir die erbetene Audienz bei ihrer hochfürstlichen Durchlaucht, der Frau Herzogin Sophie, gehabt, von der Euch mon père erzählte. Ach wie war da alles schön in dem prächtigen Schlosse! Ihre Gnaden haben meines Herrn Vaters gehorsamstes Ersuchen, mich als Hoffräulein Dienst thun zu lassen, konsentiert. Und dann ist ausgemacht worden, daß ich erst täglich beim Tanzmeister Reverenzen, Menuett, Gavotte und andere hübsche Tänze lernen solle, ehe man mich in die grande société einführen könne. Ich soll auch hier beim Papa wohnen bleiben und nur bei größeren assembléen im Gefolge der Frau Herzogin erscheinen.«

»Ah, das ist mir lieb!«

»Warum?«

»Weil ich dann mehr Hoffnung habe, Euch oft zu sehen.«

»Darf ich's sagen, mon cousin, was ich denke?« – sie sah ihn schüchtern prüfend an und zerkrümelte in leichter Verlegenheit ein Stückchen Kuchen auf ihrem Teller.

»Euer Vertrauen, chère amie, ehrt und beglückt mich.«

»Nun denn, seht, ich fürchte mich in diesem alten, winkeligen, öden Hause und – und – es ist gewiß unrecht, da mon père jetzt so charmant gegen mich ist, aber – vor ihm selbst – fürchte ich mich am meisten. Er kann mich so drohend und zornig ansehen, so als wollte er plötzlich in Wut auffahren und mir etwas zu Leide thun.«

»Wie könnt Ihr nur so etwas denken, Bäschen? Wie sollte das möglich sein?«

»Ach Ihr kennt ihn nicht, Vetter!«

»Er ist ein Mann. Mag er ein strenger Vorgesetzter, ein jähzorniger Herr sein, für Euch wird er immer auf's Beste sorgen.«

»Nein, nein, er hat mich nie geliebt,« und die Hände vor's Gesicht schlagend und in Thränen ausbrechend, stammelte sie: »o wäre doch meine herzliebe Mutter hier!«

Erich versuchte das heimwehkranke Kind zu trösten, er bat sie, ihm zu vertrauen, er wolle ihr ja gern in jeder Lage, die ihr etwa Verlegenheit bereitete, beistehen, sie möge nur wieder froh sein und sich nicht fortsehnen. Im Frühlinge werde sie gewiß zu ihrer Mutter zurückkehren.

Ulrike sammelte sich, trocknete ihre Thränen und sah mit einem dankbaren Blick ihrer feucht schimmernden Augen zu ihm auf: »O, Ihr seid gut, Erich,« flüsterte sie und reichte ihm ihre kleine Hand über den Tisch. »Ach ich bin noch so kindisch, so unverständig, habt Geduld mit mir, Euch, meine ich, alles sagen zu müssen. Andere Menschen können mich schon mit ihren Blicken erschrecken. Ihr seid ja auch mein Verwandter, mein Bruder!«

»Gar so nah ist die Verwandtschaft nicht. Mein Vater war nur der Vetter des Euren.«

»Mögt Ihr's nicht, daß –«

»O wie gern! – Doch nun erzählt mir, habt Ihr noch etwas Besonderes erlebt?«

»Es mag wohl nichts gewesen sein,« sagte sie mit gesenktem Köpfchen, »aber es ist mir so vorgekommen, als wenn –«

»Was war es?«

» Mon père führte mich auch zu ihrer Gnaden der Frau Erbprinzessin. Sie ist eine schöne, charmante Dame, sie sprach lebhaft mit mir und so gütig, daß ich mich gar nicht fürchtete. Da traten der durchlauchtigste Herr Erbprinz ein. Ein ernsthafter Herr, der wenig sagte, aber mich gleich so durchdringend und unausgesetzt regardierte, daß ich gar nicht mehr auf die freundliche Konversation der Dame achten konnte. Sr. Gnaden verstärkten dann meine Indisposition noch mehr, indem sie sich mir gerade gegenüber setzten, die Hände auf's Knie stützten und mich anstarrten. »Ew. Liebden,« rief die Prinzessin plötzlich ungeduldig, » incommodiren cette pauvre enfant.«

»Soll ich meine Augen nicht promenieren lassen, wo es mir gefällt?« murrte er. Da sprangen ihro Gnaden auf und riefen: »Ew. Liebden sollten sich eine bessere occasion suchen, anderen Frauen zu flattieren als in Präsenz Ihrer Gemahlin!«

»Und Ew. Liebden gebe ich den conseil, die eigenen Wege zu regardieren.«

Ich weiß nicht, was sie noch weiter sprachen, aber sie standen sich trutzig gegenüber und schrieen sich an. Mon père führte mich, die ich zitterte und fast weinte, rasch hinaus.

»Die Frau Erbprinzessin ist eine heißblütige Dame von großer vivacité.«

»O und Sr. Gnaden sind horrible! Oder darf man das nicht sagen, mon cousin

»Zu mir, Ulrike, sprecht wie es Euch um's Herz ist.«

In diesem Augenblick trat Buchholz ein und meldete: Sr. Durchlaucht Prinz Maximilian sei eben gekommen und bei dem Herrn Oberjägermeister eingetreten, der Herr Oberstlieutenant werden ersucht, auch zu erscheinen. Der Diener entfernte sich und die beiden jungen Leute standen sich einander gegenüber.

»So geht denn Erich und besucht uns bald wieder,« sagte Ulrike und reichte dem Vetter die Hand.

» Adieu ma très chère enfant!« er küßte ihr wiederholt die Hand und eilte hinaus.

Ulrike blieb getröstet und ermutigt zurück, sie hatte sich noch nie so wohl gefühlt, seit sie hier bei ihrem Vater lebte.

Es war ein düsteres Gemach, das der Oberjägermeister in seinem alten Hause bewohnte. Es lag nach dem Hofe hinaus, hatte kleine in Blei gefaßte Fensterscheiben, einen gewaltigen vierbeinigen Kachelofen, einen großen mit Papieren bedeckten Schreibtisch, Aktenregale, Hirschgeweihe mit Jagdgeräten daran gehängt und hochlehnige mit Leder beschlagene Stühle.

Als der Oberstlieutenant eintrat, befand sich außer dem Prinzen Maximilian und dem Hausherrn noch ein dritter im Zimmer. Es war ein krummes, bescheiden sich neigendes Männchen mit einer fuchsig verschossenen Perrücke. Der Oberjägermeister stellte ihn dem herzutretenden Erich als: Sekretär Blume vor.

»Vor meinem Adjutanten habe ich keine Geheimnisse,« sagte der Prinz sogleich ungeduldig, »lassen Sie uns zur Sache kommen!«

»So gestatten Ew. Durchlaucht,« nahm der ältere Moltke das Wort, »daß ich noch einmal submißest mein unbegrenztes Empressement deklariere, Ew. Gnaden in Verfolgung Ihres guten Rechts zu secourieren.« Es war ein so geschmeidiger, süßlicher Ausdruck in Mienen und Ton des Sprechenden, wie ihn Erich sonst noch nie an dem bärbeißigen Manne wahrgenommen hatte; erstaunt blickte er ihn an.

»Wir danken ihm, Oberjägermeister,« rief der Prinz lebhaft »und werden, so wir reüssieren, nie vergessen, wer zu uns gestanden hat. Nun aber rede er, Blume, was bringt er uns von Sr. Liebden aus Braunschweig, seinem allergnädigsten Herrn Herzog?«

Der Sekretär Blume, in dem Erich einen Abgesandten Anton Ulrichs erkannte, begann auseinanderzusetzen, wie sein hoher Herr nicht umhin könne, die Ansprüche der jüngeren Prinzen des herzoglichen Hauses zu protegieren, daß er sie zu der ihnen angemuteten Verzichtleistung rechtlich nicht verbunden erachte und daß er geneigt sei, mit Rat und That auf ihre Seite zu treten. Doch sei, bei etwa zu vereinbarenden Maßnahmen, die größte Vorsicht und Verschwiegenheit zu beobachten.

Man erkannte allerseits an, daß diese Heimlichkeit in Rücksicht auf den Herzog und seine Partei dringend geboten werde. Dann redete man hin und her über das, was geschehen könne. Der Prinz fragte Blume, ob sein Auftraggeber keine Meinung geäußert habe?

»Sr. Durchlaucht, mein hoher Herr, erwarten alles von etlichen zu gewinnenden Interventionen anderer Souveräne.«

»Das ist auch meine Intention!« rief der Prinz zustimmend. »Kein Fürst kann dulden, daß seit Jahrhunderten geltende Rechte und testamentarisch besiegelte Dispositionen mit Füßen getreten werden!«

Man besprach nun die augenblickliche Lage der Dinge an den verschiedenen Höfen.

Prinz Maximilian meinte, Leopold I. sei schon durch seine, in des Kaisers Diensten gefallenen Brüder August Friedrich und Karl Philipp für die Interessen der jüngeren Prinzen des Hannoverschen Hauses gewonnen worden.

Der Oberstlieutenant von Moltke gab zu bedenken, daß es dem Herzoge Ernst August im gegenwärtigen Augenblicke besonders fatal sein müsse, wenn eine Beschwerde gegen ihn in Wien eintreffe, da, wie unter der Hand ihnen allen bekannt sei, der Geheimerat Baron Otto Grote sich beim Kaiser eben jetzt eifrig um den Kurhut für Ernst August bemühe. Eine verstimmende Gegenwirkung könne aber die Bestrebungen des Herzogs zur Rangerhöhung seines Hauses contrecarrieren. »Und,« fügte Erich Moltke zum Prinzen gewendet hinzu: »Ew. Durchlaucht müssen doch selbst wünschen, Calenberg-Hannover zum Kurfürstentum erhöht zu sehen?«

Maximilian brauste auf: »Kennt der Herzog égards für meine Ansprüche? Warum soll ich ein subtiles ménagement für ihn an den Tag legen?«

Der Adjutant schwieg; er wagte dem in eigenen Interessen Befangenen die höheren Gesichtspunkte nicht darzulegen, war Erich doch überzeugt, daß es nichts nützen werde, da der Prinz nur eins sah und sehen wollte.

In Kursachsen hoffte man Einfluß gewinnen zu können. Ebenso in Kurbrandenburg durch den maßgebenden Minister Dankelmann, vielleicht, meinte Maximilian, könnte er auch auf seine Schwester, die Kurfürstin, durch seine ihm geneigte Mutter wirken lassen.

Die Schwester Ernst Augusts war an den König Friedrich III. von Dänemark vermählt, diese Tante hatte sich Maximilian geneigt gezeigt, sie mußte jedenfalls beschickt werden.

Als man vom englischen Hofe sprach, nahm Erich Moltke wieder das Wort zu einer Warnung.

Im Jahre 1689 war die » Declaration of rights« erschienen, ein Gesetz, wonach der Thron, falls er erledigt werden würde, an die nächste erbberechtigte protestantische Persönlichkeit fallen sollte. Dies war die Herzogin Sophie von Hannover, als Großtochter des Stuart Jacob I. Die Aussicht auf die englische Krone war also gegeben. Gelangte nun der Streit um das Erbrecht der Primogenitur in England zur öffentlichen Kenntnis, so konnte das den hannoverschen Aussichten schaden. Aber auch in diesem Falle wollte Prinz Maximilian keinen Rücksichten auf Familieninteressen Gehör geben.

Man erörterte nun den Wortlaut der Beschwerdeschrift, die man hier- und dorthin durch zuverlässige Bevollmächtigte in aller Stille versenden wollte. Thaten diese Maßregeln aber ihre Wirkung, so meinte Maximilian Hannover verlassen zu müssen, um aus der Ferne, in größerer Sicherheit, den unausbleiblichen Streit mit seinem Vater auskämpfen zu können.

Nach der Verabredung, sich hier beim Oberjägermeister – der eifrig dazu einlud – wieder treffen und weiter beraten zu wollen, trennten sich die Herren. Der Prinz ging mit seinem Adjutanten und wurde in beflissener Höflichkeit vom Hausherrn begleitet. Blume schlüpfte eine Hintertreppe hinab.

Es war dunkel geworden, Buchholz brachte ein paar Talgkerzen auf Messingleuchtern herein und verschwand leise, wie er gekommen. Der Oberjägermeister achtete nicht darauf, er schritt, die Hände in den breiten Taschen seines Rocks, sinnend im Gemach hin und her.

Er ward sich bewußt, daß er sich mitten in einem Komplot gegen seinen Herrn und dessen entschiedensten Willen befinde. Die Überzeugung, er könne sich endlich einmal zum Widerstande gegen Ernst August aufrichten – wenn es auch vorläufig nur ganz im Geheimen geschehe – that indes der Seele Otto Moltkes so wohl, daß er keck über alle Fährlichkeiten hinaussah, in die er sich durch seine Parteinahme für Maximilian begeben mochte.

Er stand still, ballte die Fäuste, starrte unter den struppig herabhängenden Brauen in eine der dämmerigen Ecken und murmelte zwischen den Zähnen: »Unerreichbarer in deinem Gottesgnadentum – der du meinst, es müsse dir gestattet sein, wonach dich lüstet – der du Gesetze giebst und mit Füßen trittst – endlich, endlich – kann ich deinen Weg kreuzen! O möchte es mir gelingen! – Tausend Schwierigkeiten für dich! – In den Staub mit deinem Eigenwillen!«

Prinz Maximilian und sein Begleiter waren mittlerweile schweigend durch die dunklen Straßen gegangen. Sie fühlten beide, daß das, was ihre Gedanken beschäftigte, nicht geeignet sei, in den Gassen besprochen zu werden, Moltkes Haus lag dem Schlosse zu nahe, da konnte ein unvorsichtiges Wort doppelt gefährlich werden. Endlich hatten sie das ziemlich entfernte Fürstenhaus erreicht.

Vor dem Zimmer des Prinzen bat der Oberstlieutnant um die Erlaubnis, mit eintreten zu dürfen. Maximilian nickte zustimmend und schritt durch die von Gimpe geöffnete Thür voran. Er wünschte selbst, die wichtigen Verabredungen und alles, was in ihm stürmte, noch einmal mit dem Vertrauten zu besprechen. Die Herren setzten sich und der Prinz begann mit starkem Aufatmen: »Welch ein soulagement, endlich Thaten zu projektieren! Ich bin nicht hier, um mich als bon enfant bekannten Dekreten zu unterwerfen! Wie mon père gesonnen ist, wußte ich schon in Venedig. Daß er aus tendresse für mich nichts thut, ist evident. Versuchen wir also, was sich forcieren läßt!«

Eine Pause trat ein. »Nun, was wollte er sagen?« fragte der Prinz ungeduldig.

»Ich recherchiere vergeblich nach ebenso respektuösen wie markanten Worten, um Ew. Durchlaucht dero proteste im richtigen Lichte zu produzieren.«

»Ach Moltke, er ist ein Schwierigkeitskrämer?«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, die retardierenden Elemente sind nicht ganz zu desavouiren. Ist es Höchstihnen wohl klar geworden, mon prince, was Sie thun wollen?« sich erhebend und nahe zu Maximilian herantretend, flüsterte er, indem er sich herabneigte: »Hochverrat – félonie – wird man die beabsichtigten heimlichen Proteste nennen.«

»Und wenn auch, ich kann nicht anders!« rief der junge Fürst und sprang empor. »Entweder – oder! Jacta est alea!«

»Geschehen ist noch nichts.«

»Zurück gehe ich nicht!«

»Ist das Ew. Durchlaucht letzte, positive Meinung, so bleibt mir nichts anderes übrig, als zu schweigen und zu gehorchen.«

»Wir werden seinen Gehorsam auf die Probe stellen, seiner guten Dienste benötigen, mon ami. Er ist in Dänemark begütert, hat allerlei Verbindungen am Hofe, wen könnte ich unauffälliger und erfolgreicher an ma tante, die Königin, schicken als ihn?«

»Ich bin auf Ew. Durchlaucht vereidigt und habe Ordre zu parieren,« sagte der Oberstlieutnant sich mit ernster Miene verneigend. Gestatten Ew. Gnaden, daß ich mich zurückziehe?«

Der Prinz winkte unmutig, er vertrug Widerspruch schlecht und war erfüllt von seinen Plänen, von denen er große Erfolge hoffte.

Der Adjutant ging bekümmerten Gemüts; in der Thür begegnete ihm Prinz Christian, der trällernd eintrat.

»Eh Bruderherz, dero mentor hätte mich fast umgerannt,« lachte er. »Was nisten dem langen Dänen für Eulen unter der Perrücke?«

»Wir kommen von wichtigen Resolutionen, mon frère – in unserer großen Affaire sind Beschlüsse gefaßt worden, die« –

»Was ihr sagt, Max, Beschlüsse? Sollen wir unsere Husaren kommen lassen, aufsitzen, nach Herrenhausen preschen und dem cher père die Pistole auf die Brust setzen?«

»Schwatzt keinen Unsinn Christian. Das Ding muß subtiler angefaßt werden.«

»Und wie wollt Ihr das exekutieren?«

»Darf man Euch Sausewind solch ernste Konfidenzen machen?«

»Eh Maximilian!« rief der lustige Gesell und versuchte beleidigt auszusehen. »Bin ich nicht mit engagiert bei der Geschichte? Habe ich nicht treu gehorsam Euren Wünschen mit gegen die infame Akte protestiert? Wie darf man mich jetzt exkludieren?«

»Ihr mögt recht haben,« sprach Maximilian zögernd und schritt unruhig überlegend auf und ab. »Aber Vorsicht, mon cher! Vorsicht, wir tragen bei diesem casus kriticus unsere Haut zu Markte.«

»Wir zwei werden uns doch nicht fürchten?«

Auf den Wink des älteren setzten sich die beiden Brüder nahe zu einander. Maximilian begann zu berichten, wie er in dem Onkel seines Adjutanten, dem Oberjägermeister von Moltke, einen Mann gefunden habe, der empört sei von dem Unrecht, das den jüngeren Prinzen angethan werde, und bereit wäre, ihnen mit größter Ergebenheit zu dienen. Anton Ulrich von Braunschweig mache auch ihre Sache zu der seinen, habe ein zuverlässiges Subjekt geschickt und durch dieses seine Intentionen aussprechen lassen. Er teilte sodann mit, welche Maßregeln man eben im Hause des Oberjägermeisters beraten habe und wie man zuversichtlich hoffe, durch die Parteinahme anderer Höfe einen Druck auf den Herzog und seine Entschließungen ausüben zu können.

Maximilian, ganz Feuer und Flamme für die Sache, ließ sich des Breiteren in seinen Auseinandersetzungen gehen, Christian indeß, der anfänglich offenen Mundes gespannt zugehört hatte, wurde bald zerstreut. Ihn langweilten jene diplomatischen Maßnahmen, kaum gab er sich die Mühe zu begreifen, was sein Bruder so eifrig verfocht. Er begann Stäubchen von dem blauen Sammet seines Rockes abzuknipsen, trommelte auf dem Tische, streckte seine Beine so lang von sich wie möglich und blickte im Zimmer umher.

Endlich gewahrte Maximilian des Jüngeren Gleichgültigkeit für das, was ihn ganz erfüllte, und zornig fuhr er auf: »Habe ich es nicht gesagt, Kindeskopf, daß ihr noch keinen Verstand habt für solche importante Zeitung! Es ist gefährlich euch einzuweihen – ein unvorsichtiges Wort – alles manquiert« –

Christian sah mit dem Ausdrucke komischen Erschreckens seinen Bruder an und unterbrach ihn besänftigend: »Macht doch, was ihr wollt – aber wissen muß ich's doch – es soll ja mit in meinem Namen négociert werden.«

Bevor Maximilian, der erregt aufgesprungen war, antworten konnte, trat Gimpe ein. Auf seinem pergamentenen Gesichte zeigte sich kaum beherrschtes Schmunzeln, er trug ein kleines silbernes Brett, auf dem ein plump zusammen gefalteter Brief mit stark aufbauschendem Inhalt lag. Der Kammerdiener, bemüht den Ausdruck ehrfurchtsvollen Ernstes wieder zu gewinnen, schritt auf seinen Herrn zu und präsentierte den Brief.

»Er sieht ja aus wie ein Weihnachtsmann, Gimpelein,« scherzte Christian, der jetzt rittlings auf seinem Stuhle saß, »was hat er denn da für eine schelmische Affaire zu vermitteln?«

Der Diener wendete sich an seinen Herrn: »Mit Verlaub, Durchlaucht, ein kleiner mehlbestaubter Junge mit pfiffigem Gesichte hat dies eben gebracht.«

»Geh er zum Kukuck, er weiß doch, daß ich mit dem Frauenzimmer fertig bin!«

»He, von einem Frauenzimmer?« rief Christian, »das ist famos – nun bin ich aber dabei! – Bin höllisch neugierig!«

Gimpe sah sehr betreten, ja dumm aus; er war überzeugt gewesen, als der Brief kam, sein Herr habe trotz der neulichen Ablehnung doch wieder mit der hübschen Potthofin angeknüpft, und es war ihm sehr komisch, durch diesen kecken Schritt der jungen Witwe in die zarten Heimlichkeiten des Prinzen eingeweiht zu werden, die dieser ihm gegen alle Gewohnheit vorsichtig zu verbergen gedacht hatte.

Maximilians Ablehnung setzte die Sache in ein anderes Licht. »Ich weiß nicht,« fuhr der Prinz erregt fort, »wie die Person zu dieser Arrogance kommt! – Habe ihr, insondernheit jetzt, absolut keine Avancen gemacht.« Dann fuhr er den Diener an: »Hat er ihr denn meine Ordre nicht ausgerichtet? Hat er nicht gesagt, daß sie mich in Ruhe lassen soll, daß ich keine Passion mehr für sie habe?«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, das hübsche Frauchen that mir leid –«

»Ach was, leid thun – mag sie sich nach einem anderen Galan umschauen – wird ihr nicht manquieren.«

»Mit Permission, Herr Bruder,« sagte Christian, sich sanft auf seinem Stuhle wiegend, »wer ist denn diese Schöne, für die euer braves Gimpelein ein Herz hat und ihr keins. Sieht sich ein nettes Persönchen nach einem Adorateur um, so wäre ihr ja zu helfen,« bei diesen Worten wurde sein junges Gesicht noch röter als gewöhnlich, die halb zugekniffenen Augen zwinkerten vergnügt und die vollen Lippen schmatzten.

»Wer ist sie?« »Eine junge Bäckerswitwe vom Holzmarkte – Minette –«

»Ah Minette?« Christian riß die Augen verständnisvoll auf und nickte ein paarmale. »Ich erinnere mich, daß wir im vorigen Jahre selbander maskiert im Ballhofsaale auf der städtischen Redoute waren. Ihr verließt mich und schlüpftet mit einem kleinen, rundlichen Frauenzimmer, das einen hohen roten Kasket trug, in eines der Zelte. Ich hinterher. Bruder Max waren gar übel zufrieden mit meiner présence, ich aber bin keiner, der sich chokieren läßt. Ich setzte mich eurer Schönen gegenüber, die ihre Larve noch vorbehalten hatte. Ihr bestelltet Wein und sagtet zu der Dame: »Thut die Maske ab, süßes Minettelein, und gönnet meinem Herrn Bruder, dem insolenten Gelbschnabel da, auch euren holden Anblick.« »Man muß so kein Banghase nicht sein und sich vor fremde Mannesleut fürchten,« kicherte es unter der Larve, die fiel, ich sah in ein apfelrundes, rotbackiges Gesicht mit schelmischen schwarzen Augen. Sie aber wandte sich gleich mit verliebtem Lächeln meinem charmanten Maxbruder zu, und ich, da ich merkte, daß ich doch de trop sei und daß nichts an mich komme, eklipsierte mich.«

»Ja, ja, mag sein,« nickte Maximilian zerstreut.

»Na und das Päckchen Liebesbriefe, das euer valet de chambre da so konsequent offeriert, was soll damit geschehen?«

»Mag geschehen, was will; nimm's zu dir!«

»Ah dero successeur! Eh bien, wenn sie noch so hübsch ist –«

»Das arme Weib,« murmelte Gimpe, indem er gehorsam den Brief an die unrechte Adresse gab.

»Nichts zu bedauern, Alterchen, soll gut bei mir aufgehoben sein!« Und Christian schob den Brief in seine breite Rocktasche. Der Diener verschwand; Maximilian stand am Fenster und trommelte unmutig auf den Scheiben.

» Mille remerciements, mon frère!« rief Christian lachend. »Soll meine Schuld nicht sein, wenn's keine lustige Aventure giebt,« und mit fröhlichem Kichern verließ er das Zimmer.

Maximilian hörte ihn pfeifend den Gang hinunter nach seiner Wohnung schlendern. Ein seltsames Gefühl von Beschämung, Verdruß und Bedauern befiel den Zurückbleibenden. Nicht, daß er Frau Minette ungern abgetreten hätte. Sonderbar, daß seine Neigung für das junge Weib, das er doch zu lieben geglaubt, gänzlich geschwunden war. Damals hatte er gemeint, sein Gefühl werde dauernder sein. Der charm der kleinen Bourgeoise, ihre Bewunderung für ihn, ihre Drolerien, ihr katzenhaftes Schmeicheln hatte er einst nicht entbehren können. Jetzt dachte er mit ungeduldiger Abneigung an das Verhältnis und ward sich bewußt, daß es ihn erleichtere, die Liebschaft abgebrochen zu haben, aber ein dunkles, peinliches Gefühl sagte ihm doch, daß sein Verfahren gegen die arme Minette hart sei. Gimpe sollte, bevor Christian Schritte that, sich ihr zu nähern, zu ihr gehen und etwas wie ein Lebewohl ausrichten. Er fühlte, daß die Kleine – sein schwarzes Kätzchen, wie er sie oft genannt – ihm mit wahrer Liebesleidenschaft zugethan sei, schade, daß bei ihm jegliche Empfindung für sie verraucht war!

Christian saß in seinem Zimmer und riß das grobe Papier des ihm überlassenen Briefes auf. Ein plumper Schlüssel von verschnörkelter Form fiel heraus, das mit ungeschickter Hand gemalte Schreiben lautete:

»Liebwertester Prinz!

Wolle mein Schatz mir endlich sagen, wann es ihm beliebe mich zu sehen. Mit bangem Herzen sehne ich mich nach dem allerschönsten, allerliebsten Herrn Maximilian. O welch langes Jahr ohne mein Glück! Welche Freude, daß ihr wieder da seid, gesund aus allen Fährlichkeiten und Kriegsnöten! Ihr wißt den einliegenden Schlüssel zu gebrauchen und mich zu finden. Mit Zittern harre ich auf euren Wink.

Dero Minette.«

Was sie sagen wird, wenn nun ich komme? fuhr es durch Christians Kopf. Ob sie auch gegen mich hold sein wird? Sie scheint gar nicht an ihrem Maximilian zu zweifeln. Und wo man sie trifft? Zu welchem Schlosse dieser Schlüssel passen mag? Es geht nichts ohne das Gimpelein.

Gleich darauf stand Prinz Christian in seiner Thür und rief den Gang hinunter nach dem Kammerdiener des Bruders. Gimpe erschien und sie gingen miteinander in die Stube.

»Nun sag er mal, mein Alterchen, was hält er von der hübschen Minette? Kratzt sie mir die Augen nicht aus, wenn ich statt des schönen Großen komme? Wo finde ich die Thür, die dieser Schlüssel öffnet?«

Der Kammerdiener sah ernst vor sich nieder: »Ich weiß nicht Durchlaucht, was ich unter solchen Umständen sagen soll? Eine, die's mit Jedermann hält, ist die Potthöfin nicht. Mag sie was leichtsinnig sein; dero Herr Bruder hat eindringlich in aller Stille um das arme Ding geworben. Wir sind noch etwas verwandt, und ich kenne sie lange. Sie hatte einen dicken, niederträchtigen alten Kerl von Mann, ward zu der Ehe gezwungen, war nur ein Jahr verheiratet und stand vorigen Winter da als freies, wohlhabendes junges Weib. Ihr Altgeselle, ein vernünftiger Bursche, freit um sie, sie will ihn aber nicht, weil sie nur an Sr. Gnaden dem Prinzen Maximilian hängt. Ich soll ihr valet sagen von meinem jungen Herrn. Weiß nicht, wie sie's ausstehen wird.«

»Mir sind alle ernsthaften Geschichten odiös«, sagte Christian fast schon gelangweilt. »Aber wenn er doch mit der Schönen verhandelt, so hör' er mal ins Haus, wie sie über den andern Bruder denkt, und ob er mir zur Hand gehen darf, diesen Schlüssel richtig zu gebrauchen.«

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