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Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
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Fünfzehntes Kapitel

Die Nachricht von der dem Prinzen Maximilian zuerkannten Strafe – seiner Verzichtleistung und Verbannung – verbreitete sich bald in Hannover. Einer zischelte die mit Bedauern aufgenommene Kunde dem anderen zu. Als Gimpe die Neuigkeit erfahren hatte, eilte er sofort mit derselben zu Minette.

Die junge Frau führte ihren willkommenen Gast wieder oben ins Putzstüblein, hier lauschte sie mit erleichtertem Herzen auf den Bericht des Kammerdieners.

Es ging dem Prinzen also nicht an Leib und Leben! Welch ein Trost, Zentnerlasten fielen von der Seele derer, die sich des Verrates schuldig wußte, die es nimmermehr glaubte überstehen zu können, wenn sie seinen Tod auf ihr Gewissen geladen hätte. Für die politische Seite der Strafe, seiner erzwungenen Entsagung, besaß sie kein Verständnis, sie kannte keinen anderen Erbprinzen als Georg, und daß Maximilian das Land für immer verlassen mußte, ging ihr auch nicht mehr so nahe, wie sie früher gedacht hätte. Sie war ergeben in ihren Verzicht, hatte sie doch stets gewußt, sie genieße nur ein flüchtiges Glück. Dafür, daß er sie so schnöde Christian hingeworfen, hatte sie sich gerächt, die Rechnung war abgeschlossen. Wenn sie ihn auch im Grunde ihres Herzens immer noch liebte und bewunderte, so fühlte sie doch klar, daß sie jetzt völlig miteinander fertig seien.

Gimpe sprach, während jene Gedanken durch ihre Seele zogen, von der günstigen Schickung und gnädigen Strafe, daß es seinem lieben, hochfürstlichen Herrn nicht an Hals und Kragen gehe.

»Nun verharre ich so bei mir selber in einem schweren Bedenken, liebwerteste Potthofin,« fuhr er mit wichtigen Mienen fort, »ob auch ich mich meines Vaterlandes soll quitt und verlustig begeben. Es möchte mir auch schier das Herz abdrücken, so ich sie nimmermehr sehen sollte, und wissen möchte ich, ob sie, freundliches Minettelein, mich sonder Bedauern könnte für alle Zeit in die Fremde wandern sehen?«

»Eine geziemende Betrübnis will ich ihm nicht ableugnen,« erwiderte die Frau nach kurzem Bedenken.

»Warum uns also sothanes Leid anthun? Wollte nicht ermangeln, mit ihr solchergestalt Rücksprache zu nehmen. Bevor ich mich Sr. Durchlaucht neuerdings zu Diensten stelle, läßt sich's erwägen und bereden, wo man ansonsten mit seinen wohlerworbenen Ersparnissen in der Tasche anklopfen könnte.«

»Es werden sich ihm manche Thüren aufthun,« sagte sie mit ermutigendem Lächeln. »Er kommt aus guter Gesellschaft und ist ein manierlicher Mensch.«

»So sie das findet, allerliebste Potthofin, möchte ich mich erdreisten, bei ihr anzufragen, ob sie mich wohl als ihren Ehegespons leiden könnte?«

Wenn sie auch diese Frage gewußt und gewollt hatte, zauderte sie nun doch ein paar kurze Sekunden. Während er sie süßlächelnd anblickte und ihr Schweigen, ihre niedergeschlagenen Augen als schickliche Form weiblicher Zurückhaltung, die er sehr anständig fand, aufnahm, fuhren eine Menge Gedanken durch ihren Kopf.

Der ehrliche und brauchbare Valentin wäre ihr lieber gewesen, er war jünger und hatte ihr trotz seinem grobschlächtigen Wesen besser gefallen. Der hatte nun aber schon längst in einer andern Bäckerei der Stadt seinen Platz gefunden und freite nun die Tochter des Hauses. Gimpe würde für ihr Geschäft nicht sonderlich taugen, aber er war ein feiner Mann aus fürstlichem Hofhalt, der ihr Ansehen vor den Leuten hob. Er kannte ihre Vergangenheit, sie konnte ohne Scheu mit ihm von den Prinzen sprechen, und wenn er sie darum nicht scheel ansah, so – sie fragte jetzt, indem sie ihn prüfend betrachtete:

»Nimmt er auch keinen Anstoß an meinen kleinen Techtelmechteln mit den durchlauchtigsten Herrn, Monsieur Gimpe?«

»O!« rief der alte Kammerdiener, die Augen verzückt emporrichtend, »im konträren Gegenteil! Ist mir ja eine rechte Ehre, die Liebwerteste aus solchen hochfürstlichen Händen zu empfahn!«

Der Bund wurde nun zur beiderseitigen Zufriedenheit geschlossen, und wenn Minette auch in ihrem Gewissen der schroffen Rechtschaffenheit des zornigen Valentin beipflichten mußte, so war es ihr doch bequem, bei ihrem jetzigen Liebhaber einer duldsameren Auffassung zu begegnen. –

*

Die einsame Frau des Oberjägermeisters von Moltke hatte tief bewegten Herzens ihr Kind zurückkehren sehen und nun viele« seltsame Dinge, viel Freud und Leid von Ulrikens Lippen vernommen.

Die Mutter zitterte, aus diesen Berichten Beunruhigendes herauszuhören, plötzlich zu erkennen, daß ihr Kind nicht so rein und unschuldig, so klar empfindend, was gut, was böse sei, zu ihr heimkehre, wie sie es von sich gelassen hatte. Allein zur Beruhigung des ängstlichen Mutterherzens sah sie Ulrike bis auf den Grund ihrer Seele unverändert. Die Versuchungen, die an sie herangetreten waren, hatten das junge Wesen stärker gefunden, als ihre unglückliche Mutter einst gewesen war. Diese, die erfahren hatte, welche Leiden ein leises Abirren vom rechten Wege zur Folge haben könne, dankte Gott aus dem Grunde ihres Herzens, daß er ihr Kind unbefleckt von Schuld in ihre Arme zurückgeführt habe.

Mit welchem Abscheu sprach Ulrike von den Nachstellungen des Kurprinzen und mit welcher zarten Scheu von den Artigkeiten und Bewerbungen Maximilians. Wie es in ihrem Herzen bei der Erinnerung an den ritterlichen Prinzen aussah, wagte die Mutter nicht zu erforschen. Vielleicht war Ulrike selbst noch nicht mit sich darüber im Klaren.

Mehr noch als dies alles stand augenblicklich das Schicksal der drei Gefangenen im Vordergrunde des Interesses der beiden Frauen.

Die Verfügung über des Prinzen Zukunft war ihnen eben zu Ohren gedrungen. Der Prozeß der beiden Moltke dauerte noch fort. Buchholz, der seinen Herrn im Kerker bedienen durfte, schickte manchmal Nachricht herüber. Die Sache des Oberjägermeisters stand schlechter als die seines Verwandten. Man rechnete dem Älteren hoch an, daß er sich gegen seinen Herrn, dem er Treue geschworen, vergangen habe, wogegen der Oberstlieutenant nur den Befehlen seines ihm Vorgesetzten Gebieters gefolgt war.

Otto von Moltke hatte gegen den ausdrücklichen Willen und die Gesetze des Kurfürsten gefrevelt, hatte sich heimlich mit einer Gegenpartei verbündet und wurde somit des Hochverrats beschuldigt.

Es war ein unruhiger Märzabend, als Frau von Moltke mit ihrer Tochter im Eßzimmer des Jagdschlosses am Kamin saß. Ulrike hatte ihr Spinnrad vor sich, die Mutter hielt eine Näherei im Schoße. Beide ließen die Arbeit oftmals ruhen und tauschten ihre Gedanken aus, während der Sturm dazu im Rasseln der Dachpfannen, im Heulen um die Giebel, Knacken und Pfeifen eine seltsame Begleitung blies. Manchmal fuhren so heftige Windstöße im Schlot herunter, daß zum Schrecken der Frauen die Flammen aus den großen Föhrenscheiten im Kamin hell auflohten und die Funken knisternd umherfuhren.

»O, wie wird man über ihn richten! Wie wird seine Strafe ausfallen?« seufzte die Mutter.

»Er that doch nur seine Pflicht, indem er dem Prinzen gehorchte«, sagte Ulrike eifrig. Die Frau lächelte, ihr Kind hatte nicht an den schwer gefährdeten Vater gedacht.

Plötzlich hörten sie Pferdegetrappel vor dem Hause. »Wer mag da kommen?« rief Frau von Moltke erschrocken. »Es sind mehrere Reiter – großer Gott, wer?« Sie war emporgefahren und preßte die Hand auf's Herz. Buchholz hatte ihr von Fluchtplänen für seinen Herrn geschrieben.

Auch Ulrike wechselte die Farbe und lauschte gespannt hinaus.

Die Reiter hielten vor dem Hause. Jetzt hörte man starke Schritte auf dem Flur und eine helle Männerstimme rufen: »meld' er mich sogleich bei den Damen!«

Ein Diener trat ein, doch bevor dieser noch sprechen konnte, erschien Prinz Maximilian schon selbst auf der Schwelle und verneigte sich mit seinem strahlenden Lächeln.

»Der Prinz!« rief Ulrike überrascht und sah errötend zu ihm auf.

Auch ohne ihres Kindes Ausruf hätte Amalie die stolze, ritterliche Erscheinung an der Ähnlichkeit mit seinem schönen Vater erkannt, den sie vor langen Jahren hier zuletzt gesehen hatte; diese Wahrnehmung bewegte sie mächtig.

»Verzeiht die späte Störung, edle Frauen«, sagte Maximilian artig und küßte erst der Mutter, dann der Tochter Hand. »Gewährt einem Flüchtlinge, einem Verbannten Obdach, Frau von Moltke. Es ist das Herz, das mich, ehe ich mein Vaterland verlasse, hierher zieht.« Dabei sah er aufleuchtenden Blicks die scheue zurückweichende Ulrike an.

Die Hausfrau bat, sich's am Eßtische bequem zu machen, der Gast werde von seinem Ritte durch das böse Wetter müde und hungrig sein. Sie wollte sogleich auftragen lassen, was das Haus vermöge.

Maximilian nahm dankend an, was man ihm bot. Nachdem er gegessen hatte, saßen sie zu Dreien neben den wärmenden Flammen des Kamins und plauderten. Der Prinz äußerte sich heftig und zornig über die ihm angethane Unbill. Er schilderte seine Gefangennahme und seine Erlebnisse mit lebhaften Farben. In bedauerndem Tone sprach er von den beiden Herren von Moltke, für deren Schicksal er leider gar nichts thun könne, doch hoffe er, man werde sie nicht all zu hart behandeln. Es war die unbestimmte Vertröstung des großen Herrn, der die Untergebenen nach Bedarf gebraucht und unter Achselzucken ihrem Schicksale überläßt.

Ulrike fühlte dies mit Befremden. Sie hätte nicht sagen können, was er thun solle, aber sie empfand, daß er in diesem Hause anders über das Unglück sprechen mußte, das er mit seiner gewagten Intrigue über dasselbe gebracht hatte. Wie treu und standhaft war Erich in der Stunde der Gefahr gewesen! Obgleich er wußte, daß seine Verhaftung bevorstand, hatte er seinen Posten nicht verlassen. Erkannte Maximilian diese Treue oder dachte er nur an sich? Der Mutter genügte die oberflächliche Teilnahme des hohen Herrn. Sie schwelgte in den ungewohnten Artigkeiten und weidete ihr Auge an seiner edlen Erscheinung.

Nun begann Maximilian Zukunftspläne zu entwickeln. Wie er durch eine standesgemäße Apanage sicher gestellt und gewissermaßen entschädigt sei. Die Welt stehe ihm offen und er wolle sich nun ein anderes Glück gewinnen als das, was bis dahin sein Ehrgeiz erstrebt und seine Geburt ihm bestimmt habe. Wahres Herzensglück finde man selten auf den Höhen des Lebens, dies sollte fortan sein Dasein ausfüllen. Die Welt sei groß, er wollte sich ein schönes Plätzchen suchen und dort mit der längst Geliebten ein trautes Heim gründen.

Dies alles hatte er so beziehungsvoll gesprochen, die Blicke mit solchem zärtlichen Ausdruck auf Ulrike gerichtet, daß seine Absicht nicht mißzuverstehen war. Das Mädchen saß mit niedergeschlagenen Augen, die Hände im Schoße gefaltet, da, das Kaminfeuer warf abwechselnd Licht und Schatten über ihre weichen Züge; es war unmöglich zu sagen, was sie bei des Mannes Worten empfand.

Nun hielt er sich nicht länger, sein ungeduldiger Sinn, seine Leidenschaft brausten auf, die Gegenwart der Mutter störte ihn nicht, er fühlte, daß die Frau ihm wohl geneigt sei. Er konnte auch nicht warten, übermorgen mußte er über die Landesgrenze hinaus sein. Sich völlig zu Ulrike wendend, fuhr er fort:

»Vielgeliebtes Fräulein, ihr habt, erschreckt durch meines Herrn Bruders frivoles Werben, mein timideres Entgegenkommen gleichfalls als eine Gefahr für eure Tugend taxiert und refusiert, wogegen ich euch gegenüber immer nur honnête Absichten gehegt habe. Anjetzt frage ich in loyalster Weise und absichtlich in der achtbaren présence eurer Frau Mutter, wollt ihr mein liebes Weib werden?«

»O Ulrike, welch' ein Glück!« drängte sich's über Frau von Moltkes Lippen.

Das Mädchen schwieg und rang nach Worten, endlich sagte sie halblaut, abgerissen: »Viel – viel zu viel Ehre – gnädigster Herr. Habe nie gedacht – Ew. Durchlaucht – bitte, bitte – bin ganz erschrocken.«

»Ulrike, willigt ein, laßt uns glücklich sein!« er neigte sich zu ihr und umfaßte sie mit seinen Armen.

Abwehrend fuhr sie auf: »Jetzt – in der Angst um mon père – um Erich, jetzt kann ich es nicht!«

»Ah – auf die Befreiung der Kavaliere kann ich nicht warten!«

»Geruhen Ew. Gnaden dem Kinde Zeit zu lassen!« rief die Mutter entschuldigend. »Es kann ja nicht anders sein, als daß sie Ew. Durchlaucht wohlgeneigt ist. Eine zu große Surprise – sie vermag das Glück nicht zu fassen. Auf morgen, Ew. Gnaden! Beliebt Quartier anzunehmen. Das Zimmer, wo einst euer Herr Vater logiert hat, ist hergerichtet. Geh zu Bett, Ulla, diese hohe Offerte macht dir Schwindel.«

Ulla beeilte sich der Erlaubnis zu folgen, der Prinz küßte ihr die Hand, sie flüsterte ein halblautes: » bon soir« und glitt gleich einer Nachtwandlerin hinaus.

Frau von Moltke entschuldigte ihre Tochter, sie sei noch so jung, so zart, angegriffen, ja überwältigt von allem, was sie binnen kurzer Zeit erlebt habe.

Maximilian hörte kaum darauf. Er hatte sich den Eindruck, den seine Bewerbung hervorrufen werde, anders gedacht. Er, der verwöhnte Liebling der Frauen, dem stets alle Herzen entgegengeflogen waren, fand hier, wo er zum ersten Male ernstlich warb, Zögern, Erschrecken, jedenfalls keine freudige Aufnahme. Er schritt ein paar Minuten mit auf den Rücken gelegten Händen hin und her. Dann trat der befohlene Diener ein, ihn in sein Gemach zu begleiten.

Zerstreut verabschiedete sich Maximilian von der Hausfrau. Frau von Moltke eilte in ihr Schlafzimmer hinauf, trug sie doch das größte Verlangen, mit ihrer Tochter zu sprechen. Sollte Vetter Erich? Sie konnte es nicht denken; der ruhige, ehrbare Oberstlieutenant, nicht schön, nicht glänzend, und dieser feurige, elegante Prinz, ihr schien bei solcher Wahl ein Schwanken unmöglich. Aber das Herz ging ja oftmals seine eigenen Wege. Die Frau seufzte, während sie diesen Gedanken nachhing.

Einst im Spätherbst, als der erste Schnee gefallen war, hatte in dem gemeinsamen Schlafgemach von Mutter und Tochter Ulrike auf dem Bettrande der Mutter gesessen und die geliebte Weinende getröstet. Heute setzte sich Frau von Moltke vor das Bett ihrer Tochter und redete der leise Schluchzenden gütlich zu.

Der Thauwind, der die Erde trocknet und Blütenkeime hervorlockt, fuhr um das Haus. Auf dem Tische flackerte das Licht vom hereindringenden Luftzuge, ein bewegtes Hell und Dunkel durchzitterte das Gemach, in dem ein junges Menschenherz nach Klarheit, nach dem Erkennen des eigensten Empfindens rang und sich gegen die Macht und den Einfluß äußerlichen Glanzes wehrte, die sie zu verwirren drohten.

Leise sprach die Mutter von den glänzenden Vorzügen des Prinzen. Daß sich hier eine Aussicht biete, das Land, von starker Hand geführt, zu verlassen, in dem der Vater nie mehr eine bleibende Stätte haben werde, wenn er auch ungeschädigt an Leib und Leben aus der Gefangenschaft hervorgehen möge. Vielleicht werde er und ebenfalls der Vetter noch in langer Haft verbleiben. Was dann aus ihnen werden solle, zwei schutzlose, weltfremde Frauen, von des Gatten That mit übler Meinung behaftet und in der Ungnade des Herrschers? Vorläufig habe ihr der neue Oberjägermeister, ihres Gemahls Nachfolger, gestattet, bis zur Beendigung des über den Vater verhängten Prozesses im Jagdschlosse zu bleiben. Sei aber das Schicksal ihres Gemahls entschieden und er ihnen nicht zurückgegeben, wie sie fürchte, so wisse sie nicht, wohin sie sich dann wenden könnten. Sie besitze keine hilfreiche Verwandtschaft und ihr Vermögen sei nicht groß. Sie beschwöre daher ihr Kind, wohl zu bedenken, was sie thue, ehe sie ja oder nein leichthin ausspreche und sich des einzigen Horts beraube, den sie in ihrer Verlassenheit sehe.

Dies alles hatte Ulrike, im Bette aufrecht sitzend, ohne Einwendungen zu erheben, still angehört, nun begann sie, erst leise, stockend und zagend, dann lauter und bestimmter zu erwidern, daß ja der Prinz ein schöner glänzender Herr sei, nur viel zu schön und glänzend für sie. Sie habe sich gewöhnt, ihn als weit über sich zu sehen und könne kein Zutrauen zu ihm gewinnen. Es heiße, die Fürstlichkeit habe blaues Blut, das sei von anderer Art, davor fürchte sie sich. Falk und Grasmücke könnten nicht in einem Neste hausen. Es komme ihr vor, als begehe sie ein Unrecht, solle sie ihm angehören.

» O chère maman!« rief sie tiefbewegt, »wollet doch erkennen, daß jetzt, wo die Unsern durch Sr. Gnaden Schuld im prison liegen, wo seinetwegen mon père und der liebe Vetter in Gefahr sind, er nicht der Mann ist, dem wir uns anschließen dürfen. Hat er mich herzlich lieb, so beklage ich's, ihm wehe zu thun, wenn ich mich ihm versage, aber mit ihm wohlgemut in die Ferne ziehen, so über den beiden Herren hier das Unheil schwebt, das vermöcht' ich nun und nie.«

Nun war's geschehen, des Mädchens innerstes Gefühl hatte sich geklärt und war zu Tage getreten. Vergeblich versuchte die Mutter sie noch zu überreden, Ulrike weinte, bedauerte ihr Unvermögen, aber sie versicherte, den Wunsch der Mutter keinesfalls erfüllen zu können, und endlich ergab sich Frau von Moltke in das Unabänderliche.

Sie überlegten, wie man dem Prinzen gegenüber zu verfahren habe. Wie man ihm am glimpflichsten die ungünstige Entscheidung mitteilen könne. Man kam endlich überein, daß er Ulrike morgen früh gar nicht wiedersehen solle und daß die Mutter es übernehmen müsse, die Thatsache so milde wie möglich darzustellen.

Es war keine leichte Aufgabe für die Frau, am nächsten Morgen dem selbstgewissen Manne zu sagen, daß er nicht geliebt werde.

Daß die Mutter diese Entscheidung von ganzem Herzen bedauere, sah Maximilian, aber ihre Hand konnte ihm keinen Balsam auf die Wunde legen, die seinem Herzen und seiner Eitelkeit geschlagen ward. Unverzüglich befahl er den Aufbruch und ritt nach kühlem Abschiede von dannen.

Nun lag die Zukunft völlig leer vor ihm. So öde wie die weite, winterlich kahle Landschaft, die er auf halber Höhe dahinreitend vor sich gebreitet sah. Der gestrige Sturm hatte Äste und Bäume geknickt, der Himmel hing noch voll grauem, zerfetztem Gewölk und einzelne Windstöße fuhren Seufzern gleich über das Gefilde.

Durchdrungen von seinem guten Rechte, die Brust geschwellt von Unternehmungslust, von der Hoffnung aufs Gelingen, war er vor kaum sechs Monaten gen Norden gezogen. Was hatte er in dieser kurzen Spanne Zeit erlebt, es schien ihm genug, ein ganzes Menschendasein auszufüllen. Wie hatte er glühend gehaßt und geliebt, wie schwer und hartnäckig gekämpft, und dennoch war er unterlegen!

Hatte er sich mit seinem persönlichen Recht, seinen selbstischen Ansprüchen wirklich im Gegensatz zu den Forderungen der Zeit, des großen Ganzen befunden, wie man ihm oft gesagt? War es ein für allemal unmöglich und ein Unrecht, dagegen zu kämpfen? Hatte er etwas von vorn herein Aussichtsloses unternommen? In dieser Stunde voll tiefer Niedergeschlagenheit wollte es ihm so dünken.

Auch die letzte Hoffnung, mit der er sich getröstet, war ihm nun zu Grunde gegangen. Er, der Siegesgewisse, vom Gelingen Verwöhnte, war der scheuen Abwehr eines halben Kindes unterlegen. Ulrike liebte ihn nicht. Hatte er sich zu sicher gefühlt? Stand sein Adjutant ihm im Wege? – »Verzichten,« hieß für ihn die Losung. Ein bitteres Wort, aber es drängte sich ihm für und für auf die Lippen.

Nun denn, die Zähne zusammengebissen und mutig hinein in ein neues Leben! Er gab dem Pferde die Sporen und jagte eine Strecke auf glatter Bahn entlang, ein Sonnenstrahl brach durch die Wolken. Ja, auch in der Kaiserstadt gab es Ehre, Ruhm und – schöne Frauen! – –

*

Die Sache des Oberjägermeisters von Moltke stand sehr ungünstig, das Todesurteil schien gewiß. So verbanden sich durch diese Aussicht erschreckte Adelige, die das Ärgernis einer Hinrichtung des Hochgestellten um jeden Preis vermeiden wollten, mit einigen treuen Dienern des Verhafteten und bereiteten Ende März, eben vor Ostern, die Flucht Moltkes vor. Freunde besaß der Mann kaum, in diesem Falle thaten empörte Standesgenossen indes dieselben Dienste. Buchholz, der frei bei seinem Herrn ein- und ausging, brachte ihm Scheidewasser, mit dem sie das Eisengitter vor dem Fenster bearbeiteten und zwei Stäbe durchätzten.

Die Nacht vor dem Ostertage war finster und stürmisch und wohl geeignet zu dem Unternehmen der Flucht. Die Wetterfahnen drehten sich kreischend, es sauste und polterte in den Schloten, ein feiner Regen schlug hernieder und die Straße vor dem Kleverthorgefängnisse war längst menschenleer. Nur der gleichmäßige Schritt der auf und ab wandernden Schildwache tönte in die oben gelegene Zelle des Oberjägermeisters herauf.

Alle Vorbereitungen waren vorzüglich getroffen. Wenn Moltke, von Buchholz an einem Seile hinabgelassen, unten ankam, sollte er zum nahen Flußufer eilen, die Leine durchschwimmen und in dem drüben liegenden Garten einen Diener mit Handpferd und Reisegepäck finden. Noch in der Nacht war ein gutes Stück Weges zurückzulegen und morgen konnte die Grenze erreicht werden.

Der Oberjägermeister war voll guten Mutes. Er wollte seinen Feinden und Peinigern ein Schnippchen schlagen und würde ihnen sicherlich entrinnen!

Unter ihm in der Wachtstube ging es hoch her. Ein paar Leute von seinem Gesinde hatten sich mit den Söldnern befreundet und gaben Wein zum besten; wenn es unten still ward und die Mannschaft im Rausche lag, konnte die Flucht ins Werk gesetzt werden.

In der Seele des Gefangenen hatte sich eine Fülle von Zorn und Haß aufgehäuft. Die unbequeme Haft, die Verhöre und die Aussichtslosigkeit seiner Sache erbosten ihn im hohen Grade. So lange die da unter ihm sangen und tobten, mußte er sein Vorhaben hinausschieben. Er wollte die Zeit benutzen, einen gepfefferten Brief an den Kurfürsten schreiben und im leeren Neste nachlassen.

»Reiche er mir Papier und Feder,« sagte er von seinem Vorhaben erheitert zu Buchholz: »da auf dem Wandbrette liegt alles.« Mit diesen Worten setzte er sich an den Tisch und begann unverzüglich in galligen Worten niederzuschreiben, was er gegen Ernst August auf der Seele hatte. Es ward ein böser Brief. Obenauf schrieb er: »Christ ist erstanden, Moltke ist entgangen, dies thue ich meinem Herrn zu wissen.«

Mittlerweile war es unten schon lange ruhig geworden. Buchholz steckte seinen Kopf durch die Fensteröffnung; weder eine Schildwache noch sonst etwas ließ sich hören oder sehen.

Die rechte Zeit war gekommen. Zögerte man zu lange, so ging ein großer Teil der Nacht, die wertvoll genutzt werden mußte, verloren.

Buchholz knüpfte den Strick um den letzten noch standfesten Gitterstab und der Oberjägermeister schwang sich, von seinem Getreuen unterstützt, in das Fenster. Nun ergriff Moltke das Seil, glitt aus seinem Sitze im Fenster hinab und schwebte in der nächsten Sekunde an der Mauer zwischen Himmel und Erde.

Plötzlich merkte er mit tötlichem Erschrecken, wie die Fäden des Stricks über ihm sich lösten, wie einer nach dem andern riß, und nun stürzte er, den Rest des Seils in den Händen, auf den Boden hinab. Er fühlte, daß er nichts gebrochen habe, richtete sich empor und wollte entlaufen, als er einen Menschen neben sich sah und einen festen Griff im Nacken spürte.

»Etsch, kiekemal, use grote Vagel will utfliegen,« höhnte der Wachtposten.

»Laß er mich laufen, guter Freund,« raunte Moltke dem Manne zu. »Hier zehn Dukaten, nein, hundert Thaler soll er haben –«

»Ja, ja, sind alte, gute Freunde, Ew. Gnaden haben recht. Ich bin ja Claus Heineke, aus der Mühlenkate, den der Herr Oberjägermeister wegen den Hasen diesen Herbst in Katelnburg halb tot schlagen ließen. Als meine kranke Mutter den blutigen Rücken sah, hat der Schrecken sie umgebracht. Da habe ich mich unter die Soldaten gemacht. Denkt der gnädige Herr noch, daß ich ihn freigebe? – Wach heraus! Wach heraus!«

Unter diesen Worten hatte der Mann seinen Gefangenen nach der Wachtstube geschleppt, nun kamen mehrere Leute daraus hervorgestürzt. Auch der kommandierende Offizier erschien, und nach wenigen Minuten befand sich der Oberjägermeister wieder in seiner alten Zelle.

Buchholz lag mit dem Kopfe auf dem Tische und stellte sich schlafend.

Moltke stürzte sich auf seinen Brief und wollte ihn an sich nehmen, aber der Offizier kam ihm zuvor und die Aufschrift wurde bald bekannt.

Des Oberjägermeisters Vergehen fand im Volke große Mißbilligung. Wie konnte man sich gegen des Landesherrn, des prachtliebenden gnädigen Herrn Kurfürsten Willen auflehnen? Der finstere, gestrenge Moltke war ohnehin unbeliebt; nun sangen an den Ostertagen die Jungen auf der Straße und unter des Gefangenen Fenster:

»Christ ist erstanden,
Moltk ist entgangen
Aber wiedergefangen
Un' nu' mut hei hangen!«

Verzweiflung im Herzen hörte der Mann da oben in der engen Zelle diesen spöttischen Sang. Er wußte, daß jetzt für ihn keine Gnade zu hoffen sei, da Ernst August den Abschiedsbrief erhalten haben würde.

Allein noch eine geraume Zeit währte der Prozeß über die beiden Moltke, wegen deren Vergehen – um nicht den Anschein der Einseitigkeit und Parteilichkeit auf sich zu laden – das Gutachten berühmter auswärtiger Juristen eingeholt wurde.

Die Sache des Oberjägermeisters verschlimmerte sich noch durch ungünstige Zeugnisse über seine Amtsführung. Aus allen Forstämtern liefen Klagen ein, über lässige Geschäftsführung, Mißbrauch der Amtsgewalt, herrische Strenge und Rohheit gegen Forstfrevler.

Endlich am 8. Juli 1692 erfolgte die Entscheidung. Das Urteil über den Oberjägermeister lautete:

»In Inquisitionssachen wider Otto Friedrich von Moltke erkennen Wir, von Gottes Gnaden Ernst August Bischof von Osnabrück, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg vor recht: Nachdem jetztgedachter inquisitus von Moltke den Uns geleisteten Eid, schuldige Pflichten und Treuen gebrochen und wider Ruhe, Sicherheit und Wohlstand Unseres Hauses und Unserer Lande höchst gefährliche Anschläge und Handlungen geführt, daß er zu wohlverdienter Strafe und anderen zum Abscheu und exempel mit dem Schwerte vom Leben zum Tode hinzurichten sei. Solchergestalt Wir also ihn hiermit dazu condemniren und verurteilen von rechtswegen.

Ernst Augustus.«

Der andere Angeklagte, Oberstlieutenant von Moltke, wurde, da er nicht beim Landesherrn, sondern bei dem Prinzen Maximilian in Eid und Pflicht gestanden hatte, nicht so schuldig befunden und nur auf lebenslang des Landes verwiesen. – –

*

Unter Hoffen und Zagen hatten die beiden Frauen in Katelnburg Frühling und Sommer kommen sehen. Die Mutter sorgte sich viel um ihre Zukunft, Ulriken wurde es immer klarer, daß sie kein anderes Bangen kenne als das um Erichs Schicksal. Sie warf sich oft vor, nicht genug an den Vater zu denken, aber der strenge, jähzornige Mann hatte ihr stets so wenig Liebe bewiesen, daß sie in ihrem Herzen ihm fremd geblieben war, fühlte sie doch auch immer, wie unglücklich die geliebte Mutter mit ihm gelebt hatte und wie diese ein Wiedersehen des Gatten fürchtete.

Es langten von Buchholz oder von Bekannten manchmal Nachrichten aus Hannover an und Ulrikens täglicher Lieblingsweg war es, die Landstraße hinab zu gehen, auf der doch vielleicht einmal ein Bote kommen konnte.

Ein warmer Sommertag schüttete seinen Reiz über die in dieser Jahreszeit lieblich lachende Gegend aus. Blumige Wiesen, wogende Kornfelder breiteten sich über die fruchtbaren Hügel und Thäler des Vorharzes, aus der Ferne blauten mächtige Höhenzüge herüber. Prächtiger Laubwald trat dann und wann bis dicht an den Weg heran, so daß der Wanderer in seinem duftigen Schatten gehen konnte.

Ulrike hatte eben diesen erquickenden Schatten erreicht, sie saß auf einem moosigen Raine und blickte sinnend vor sich hin. Da ließ der Hufschlag eines Pferdes sie aufschauen. Ein Reiter trabte heran – welche Ähnlichkeit – großer Gott, sollte es möglich sein? Sie fuhr empor und stand mit laut pochendem Herzen, ihre ganze Seele im Auge, auf dem Wege.

Ja, sie täuschte sich nicht, er war es, ihr Freund, ihr Vetter, ihr Bruder, ihr Erich!

Jetzt hatte er auch sie erkannt, er sprang vom Pferde und eilte, den Zügel über dem Arm, auf sie zu.

»Ulrike – Geliebte – ihr seid es? O, wie habe ich mich nach euch gesehnt!«

Er umfing sie, sie lag an seiner Brust, ihre Lippen fanden sich, es war so selbstverständlich, es konnte nicht anders sein. Jetzt saßen die Beiden nebeneinander am Waldesrande. Das Pferd war an einen Baum gebunden. Erich hatte den Arm um die Geliebte gelegt und versenkte sich in ihren Anblick. Auch sie prüfte die teuren Züge und fand sie von langer Kerkerhaft bleich und schmal geworden.

Erst allmählich begannen sie zusammenhängend zu sprechen, Gedachtes, Empfundenes und Erlebtes auszutauschen.

»Über euren armen Vater ist ein harter Spruch gefällt,« berichtete er düster. »Vergebens haben viele hochmögende Personen sich für ihn interessiert. Gnade ist nicht zu hoffen. Aber erlaßt mir, geliebte Ulrike, in dieser schönen Stunde die Relation des Schrecklichen.«

Sie wußte, was er meinte, und zwei große Thränen rannen über ihre Wangen. Eine Weile schwiegen beide, dann fragte sie: »Und wie lautet das Resultat eures Urteils, mein Erich?«

»Ich bin des Landes verwiesen,« erwiderte er gefaßt. »Mein Zukunftsprojekt ist fertig. Ihr wißt, daß unsere Familie aus Dänemark stammt. Ehrgeiz und Thatendrang führten mich in jungen Jahren hinaus. Es erschien mir unwürdig, auf dem ererbten Gütchen träge zu verharren. So ging ich nach Hannover, kämpfte in seinen außenstehenden Regimentern am Rhein gegen die Franzosen, mit den Kaiserlichen gegen die Türken und wurde dann Prinz Maximilians Adjutant. Als solcher glaubte ich nicht anders handeln zu können, wie ich gehandelt habe. Meine Richter gaben mir dies sogar selbst zu. Aber ich erkannte oft unter grande peine, daß es nicht gut ist, Fürstendiener zu sein. Der Prinz schickte mich nach Kopenhagen, um frei über euch disponieren zu können, und ich durfte euch nicht vor ihm warnen, denn er war mein Herr.«

Ulrike flüsterte, sanft an ihn geschmiegt: »Mein eigenes Gefühl hielt mich reserviert. Unbewußt habe ich immer euch geliebt, mein Erich, nicht ihn.«

Eine Umarmung antwortete auf dies süße Bekenntnis. Nach einiger Zeit fuhr Erich fort: »Es ist jetzt meine Absicht, in mein Vaterland zu retournieren und auf der eigenen Scholle bescheiden zu leben. Mit euch, geliebte Ulrike, vereint werde ich zugleich unbeschreiblich glücklich sein. Sagt mir, ob ihr mir folgen wollt?«

»O, mit Freuden! aber meine arme Mutter!«

»Sie muß uns begleiten, sie würde ohnehin hier im Lande nicht bleiben mögen.«

Als das Liebespaar im Jagdschlosse ankam, wurde es mit großer Befriedigung von Frau von Moltke empfangen. Da war ja die Rettung, der tröstliche Ausweg für sie beide, nach dem die Frau so lange unter tausend Sorgen ausgesehen hatte.

Ein schmerzlich dunkler Punkt in aller der langentbehrten Freude war das furchtbare Schicksal des Oberjägermeisters, das sich in diesen Tagen vollzog. – –

Am 15. Juli fiel sein Haupt von des Nachrichters Hand auf einer Festungsschanze der Neustadt in Hannover. Buchholz, der seinem Herrn bis zuletzt treu zur Seite gestanden hatte, brachte die letzten Grüße und einen versiegelten Zettel des Unglücklichen nach Katelnburg. Das Papier war an Frau Amalie von Moltke adressiert.

Die Witwe saß mit diesem Vermächtnis des Geschiedenen in ihrem Zimmer und öffnete unter herzbeklemmender Angst, was ihr Gemahl für sie nachgelassen. War es sein Fluch, weil sie in der einen Stunde der Schwäche, des Leichtsinns sein Leben vergiftet hatte? Sie konnte, nach dem ganzen Wesen des Mannes, kaum etwas Gutes von ihm erwarten.

Endlich vermochten ihre umflorten Augen wieder zu sehen und sie las:

»Madame. Mein Seelsorger beliebt, ich soll, so ich Haß und Feindschaft im Busen trage, solches vor meinem Ende abthun. Habt ihr mich nicht belogen und weiter keine Untreue begangen als solche, die meine Augen gesehen, so will ich endlich darüber Frieden mit euch schließen und euch vergeben, so gewiß mir Gott meine Sünden vergeben wird.

Otto Friedrich von Moltke.«

Das Blatt sank in den Schoß der abgehärmten Frau und ein Thränenstrom erleichterte ihre Seele. O, endlich die Entlastung – Frieden – Versöhnung, welch eine Wohlthat für ihr verstörtes Gemüt, für ihr ganzes weiteres Leben!

Wenige Tage später war die Frist, während der sich der Oberstlieutenant noch im Lande aufhalten durfte, abgelaufen.

Nachdem in der Dorfkirche von Katelnburg der Geistliche die Ehe Erichs von Moltke mit seiner Ulrike eingesegnet hatte, wurde der Aufbruch der Familie und die Übersiedelung nach Dänemark ins Werk gesetzt. Hier, auf dem stillen Familiengute des jungen Gatten, erwartete eine glückliche Häuslichkeit und eine friedliche Zukunft das von der Mutter begleitete Paar.

*

Prinz Maximilian fand eine gute Aufnahme beim Kaiser, er trat in österreichische Dienste, kämpfte in verschiedenen Feldzügen und stieg zum Generalfeldmarschall empor. Vermählt hat er sich nie. Auch ist eine Versöhnung mit seinem Vater nicht erfolgt, noch ist er je nach Hannover zurückgekehrt. Als sein Vater, der Kurfürst Ernst August, 1698 starb, ward die Heimkehr Maximilians wegen des feindseligen Verhältnisses, in dem er zu seinem älteren Bruder, dem nunmehrigen Kurfürsten, stand, noch unthunlicher als zuvor.

Prinz Christian, der gleichfalls Dienste in Österreich genommen, brachte es bis zum Generalwachtmeister und fand als solcher in jungen Jahren in einem harten Kampfe bei Ulm seinen Tod. Auch er hat Hannover nicht wiedergesehen.

Prinz Ernst, der nie eine Freude an kriegerischen Unternehmungen fand, bekam später die Pfründe seines Vaters und wurde protestantischer Bischof von Osnabrück, er war oft in Hannover und lebte in gutem Einvernehmen mit seiner Familie, auch er blieb unvermählt, so daß von allen sechs Söhnen Ernst August's nur der einzige Sohn Georgs, Georg II., nachblieb.

Die Ehe des Kurprinzen wurde für beide Teile immer unerträglicher. Sophie Dorothee fühlte sich unaussprechlich unglücklich in Hannover, vernachlässigt und mißhandelt von ihrem Gemahl, als Tochter des Hoffräulein d'Olbreuse von ihren Schwiegereltern über die Achsel angesehen, wünschte sie nichts lebhafter als eine Trennung ihrer unwürdigen Ehe. Sie schrieb ihrem Vater, ob sie nicht zu ihm und der Mutter nach Celle heimkehren dürfe, Georg Wilhelm lehnte ihr Begehren indes mit aller Entschiedenheit ab. Im Gegensatz zu der Güte, die er gegen seinen Neffen Maximilian bei dessen Zerwürfnis mit dem Vater bewiesen hatte, antwortete er jetzt seiner Tochter mit großer Härte, sie solle und müsse bei ihrem Gemahl aushalten.

Da entwarf im Jahre 1694 die Kurprinzessin mit dem treuen Fräulein von Knesebeck und ihrem Jugendfreunde Philipp von Königsmark einen Fluchtplan. Anton Ulrich von Braunschweig, seit Maximilians und des Sekretär Blumes Prozeß voll Groll auf den hannoverschen Hof, hatte Dorotheen gute Aufnahme und Schutz zugesagt, es galt aber, beobachtet wie sie war, heimlich dahin zu entkommen. Der Kurprinz war zu seiner Schwester, der Kurfürstin Charlotte von Brandenburg nach Berlin verreist, dies schien eine günstige Zeit zur Ausführung des Vorhabens.

Um die letzten Verabredungen für den nächsten Morgen zu treffen, wollte sich Graf Königsmark ins Schloß schleichen und mit der Prinzeß und dem Fräulein Rücksprache nehmen.

Ein Brief, der die Abrede zu dieser Zusammenkunft enthielt, war jedoch in die Hände der Gräfin Platen gefallen, die, bei weiteren Versuchen sich Königsmark zu nähern stets auf Neue verletzt, jetzt in unbändigem Haß und gieriger Rachsucht gegen ihn und zugleich gegen die schöne junge Kurprinzeß, die er offenbar bevorzugte, entbrannt war. Das gab eine herrliche Gelegenheit, Sophie Dorothee bloßzustellen und den Grafen in Hannover unmöglich zu machen, eine Gelegenheit, ihren Rachedurst zu stillen, wie sie sich nicht günstiger finden konnte! Sie stellte Ernst August vor, daß die Ehre seines Hauses eine Gefangennahme Königsmarks fordere, er willigte ein, und sie ließ abends heimlich vier Trabanten von der kurfürstlichen Leibwache in dem Gange des Schlosses aufstellen, den Königsmark durchschreiten mußte, wenn er von der Prinzessin kam. Die von der Gräfin angewiesenen Leute hatten den bestimmten Befehl, Königsmark lebendig oder tot festzuhalten und ins Gefängnis zu liefern.

Aber die Platen konnte sich's nicht versagen, selbst Zeuge der Demütigung des Gehaßten zu sein. Ihre Wohnung war durch Ernst August längst mit dem Schlosse in Verbindung gesetzt worden, und so belauschte sie, in einer tiefen Fensternische verborgen, den Zusammenstoß des Grafen mit den Garden.

Ein Mann wie Königsmark konnte sich nicht gutwillig überrumpeln lassen. Er zog seinen Degen und verteidigte Freiheit und Leben gegen die vier Angreifer. Er verwundete den einen und andern und trug im ungleichen Kampfe bald selbst mehrere Hiebe und Stiche davon, unter denen er endlich zusammenbrach.

Jetzt trat die Platen hervor und verhöhnte ihn, er sollte wissen, wem er seinen Tod zu danken habe; er fluchte ihr und benannte sie mit harten Namen, ein Stich in's Herz machte seinem Leben ein Ende.

Nun bemächtigte sich der frechen Anstifterin dieses Mordes eine peinliche Verlegenheit. Wohin mit dem Toten? Und wie diese That rechtfertigen? Der Graf gehörte einer hochgestellten Familie an, seine Schwester Aurora war die allmächtige Favorite des Kurfürsten von Sachsen. Verantworten ließ sich solche unberechtigte That nicht, also mußte sie in das Dunkel des Geheimnisses gehüllt werden.

Der Leichnam des Ermordeten wurde, wie man annimmt, zerstückelt und in einem großen Kamine verbrannt. Am andern Tage fand die Verhaftung der Kurprinzeß und ihres Fräuleins statt.

Peinliche Verhöre wurden über Sophie Dorothee verhängt, ihr Vater sagte sich von ihr los, sie wurde von der Knesebeck getrennt und aus einem festen Schlosse in's andere gebracht.

Eine Schuld war Dorotheen nicht zu beweisen, sie selbst verlangte aber dringend, von ihrem Gemahl geschieden zu werden, und verwarf jeden Vorschlag zur Aussöhnung. Nach einem halben Jahre fand die Scheidung statt und von nun an lebte die unglückliche Prinzessin noch 32 Jahre lang als Gefangene in dem Schlosse zu Ahlden. Ihr Sohn, der ihr treue Liebe und Verehrung bewahrte, folgte seinem Vater als Georg II. auf dem englischen Thron. Ihre Tochter heiratete den König Friedrich Wilhelm I. von Preußen und ist die Mutter Friedrichs II., genannt »der Große«, geworden.

Die Gräfin Platen, im Alter erblindet, von der heftigsten Gewissenspein erfaßt, sah den sterbenden Königsmark im Wachen und Träumen vor sich, hörte seinen Fluch und wand sich in furchtbarer Reue, bis der Tod sie erlöste.

Im Jahre 1701 wurde die jetzt verwittwete Kurfürstin Sophie samt ihrer Nachkommenschaft zu Erben der englischen Krone erklärt, doch erlebte die hervorragende Enkeltochter der Stuarts diese Rangerhöhung nicht mehr, sie starb 1714 kurze Zeit vor der Königin Anna auf einem Spaziergange im Garten zu Herrenhausen, 84 Jahre alt, am Schlage.

Ihr Sohn bestieg als Georg I. den englischen Thron, blieb zugleich Kurfürst von Hannover und erbte von seinem Oheim Georg Wilhelm das Herzogtum Celle und Lüneburg.

Als der König nach England abreiste, begleiteten ihn zwei hannoversche Damen in der Stellung, die er Ulrike von Moltke zugedacht hatte, es waren dies das lange Hoffräulein Melusine von Schulenburg, die Georg zur Herzogin von Kendal ernannte, und die Tochter der Gräfin Platen, Sophie Caroline, an den Stalljunker von Kielmannsegge vermählt, für die Georg schon als Kurfürst das zwischen Hannover und Herrenhausen gelegene Lustschloß Monbrillan erbauen ließ und die ihm als Gräfin Darlington in London zur Seite blieb.

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