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Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
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Vierzehntes Kapitel

Der Kurfürst Ernst August hatte seine Gemahlin am Tage nach jenem Abend, an dem Maximilians Schrift an den König von England in seine Hände gelegt worden, mit aller Schonung, aber durchaus offen von der Intrigue gegen seinen Willen, die ihn so maßlos empörte, in Kenntnis gesetzt. Er überreichte Sophien das verhängnisvolle Konzept Maximilians, das die Fürstin erschrocken durchlas, und sah, wie sie von diesen Mitteilungen tief ergriffen wurde.

»Ew. Liebden erkennen nun,« fügte der Fürst, aufs Neue von den Thatsachen erregt, als sie ausgelesen hatte, seinem Berichte hinzu, »wohin eine schwächliche Nachgiebigkeit gegen extreme Prätensionen führt. Diese jungen Rebellen kennen keine égards. Sie wollen nur sich selbst poussieren. Ein Fußtritt jedem, der sie geniert. Den eignen Vater, ihren Souverän, prostituieren sie vor den anderen Höfen. Das ist eine déloyanté – eine perfidie – eine Felonie der strafbarsten Art und meine Indignation kennt keine Grenzen.«

»Ich hoffe, Ew. Liebden werden der étourderie der Jugend etwas nachsehen?« wagte Sophie bescheiden einzuwerfen.

»Nichts von Nachsicht, Madame!« brauste er auf. »Die Gerechtigkeit soll ihren Weg gehen. Man muß sich nach Notdurft gegen Arroganzen verwahren. Lange genug habe ich Maximilians Konduite als eine Sottise belächelt; aber nun zeigt er mir Ernst, jetzt werde ich ihn auch au sérieux nehmen.«

Die Fürstin sah ein, daß augenblicklich nichts zu Gunsten ihrer jüngeren Prinzen zu thun sei, sie schwieg und blieb, als ihr Gemahl sie verließ, tief bekümmert und voller Sorge zurück. Wenige Stunden später wurde ihr der Trost zu teil, daß sie Christians Abschiedszeilen vom Abend zuvor erhielt und mit einem Aufatmen der Erleichterung wenigstens diesen Sohn dem Zorne seines Vaters entzogen und hoffentlich geborgen sah.

Um so schwerer würde nun der Groll Ernst Augusts sich gegen Maximilian entladen, der ja ohnehin die Seele des kecken Komplottes war. Was thun, wie helfen?

Die bekümmerte Mutter verbrachte die Nacht schlaflos und unter Thränen. Sie kannte ihren Gemahl, er war, wenn sich ein fremder Wille gegen den seinen auflehnte, unerbittlich streng. Und Sophie konnte in dem vorliegenden Falle nicht verkennen, daß er ein Recht habe, sich über Maximilian und sein Thun bitter zu beschweren.

Am Morgen kam der bedrängten Frau ein hülfreicher Gedanke, sie schrieb an Georg Wilhelm, ihren Schwager, den Herzog von Celle, von dem sie wußte, daß er eine Vorliebe für Maximilian hege, und zugleich, daß er einigen Einfluß auf ihren Gemahl besitze.

Es herrschte von jeher ein sehr inniges Verhältnis zwischen den Brüdern.

Georg Wilhelm war zuerst mit Sophie verlobt, hatte sie aber dem Bruder, der sie liebte, abgetreten. Dann war es Georg Wilhelms Absicht gewesen, sich gar nicht zu vermählen, damit sein Bruder oder dessen Erbprinz das Herzogtum Celle-Lüneburg mit Hannover vereinigen möchte.

Endlich hatte er doch einem neuen Zuge des Herzens nachgegeben und sich das schöne Hoffräulein Eleonore d'Olbreuse erwählt, war aber nur zur linken Hand mit ihr getraut. Um jeden Zweifel, jegliche mögliche Anfechtung der Erbverbrüderung von vorn herein auszuschließen, war seine einzige Tochter Sophie Dorothee mit dem Kurprinzen Georg vermählt worden.

So vieler brüderlicher Liebe und Rücksichtnahme gegenüber konnte Ernst August nicht gleichgültig oder gar schroff sein, und so hoffte die geängstigte Mutter, daß, wenn ihr Schwager, der auch ihr stets eine warme Verehrung bewahrt hatte, herkomme und für Maximilian eintrete, dies eine Milderung seines Schicksals bewirken werde.

Kaum war der Bote fort, so erfuhr sie, daß Maximilian gestern Abend, aus Braunschweig zurückkehrend, vor der Stadt vom General von Weihe im Auftrage des Kurfürsten verhaftet worden und, nachdem er eine Nacht unter Bewachung im Schlosse zugebracht hatte, heute früh nach dem festen Hause zu Bruchhausen hinausgeführt sei. Es gab also für sie vorläufig keine Hoffnung, den verirrten Sohn wiederzusehen.

Ernst August, dem man gestern gemeldet, Prinz Maximilian sei heimlich nach Braunschweig geritten, war auf's Neue in heftigem Zorn aufgebraust. Hielt er sich doch überzeugt, es sei dies wieder wegen des geheimen Einverständnisses mit Anton Ulrich geschehen.

Er befahl den Ausritt der Garde und die baldthunlichste Überführung des Gefangenen in das Schloß von Bruchhausen.

Nachdem die Kurfürstin Sophie durch Absendung eines Boten nach Celle sich eine kleine Erleichterung verschafft hatte, trug sie, wie so oft schon, ein lebhaftes Verlangen, ihre Last auf die Schultern eines reifern und klardenkenden Freundes zu legen. Sie wünschte sich tröstlichen Zuspruch von einem Geiste zu holen, der alle Dinge aus hohen Gesichtspunkten zu überschauen verstand, stets die Vermittlung der Gegensätze erstrebte und, wenn er auch kein eigentlicher Seelsorger war, so doch die bekümmerte Seele zu kräftigen vermochte.

Die hohe Frau schickte in die Stadt und ließ den Hofrat Leibniz zu sich entbieten.

Nun saß der Freund neben ihr und hörte aufmerksam, den schweren Kopf etwas geneigt, ihre Schilderung der über sie hereingebrochenen Sorgen an. Sie griff nach einem Briefe, der neben ihr auf dem Arbeitstische lag, und fuhr fort:

»Er weiß, daß ich etwas auf den gesunden Verstand meiner nièce Lieselotte, der Herzogin von Orleans, gebe, höre er, was sie mir letzthin über unsere böse Affaire schreibt,« und sie las: »Ich glaube, daß es Ew. Liebden mehr Vorteil gewesen wäre, das ganze Haus in Einigkeit zu behalten, als Prinz Max solchen Verdruß anzuthun und ihm seine Souveränität abzuklauben. Aber ich habe vielleicht keinen Verstand genug für die Sache –«

Leibniz blickte lächelnd auf: »Es ist ein Naturgesetz, durchlauchtigste Frau, daß alles, was dem Ganzen zu gute kommt, was einer Menge und dem großen Allgemeinen dient, über das Interesse des Einzelnen hinwegschreitet. Indes der hart Betroffene und Geschädigte, der keinen höheren point de vue kennt und nur sich selbst sieht, erträgt das Geschehende mit Murren und empfindet die Verkürzung als Perfidie, als Rechtsbruch.«

»Ach, ich weiß schon, er giebt meinem Gemahle recht, und mein Gefühl wehrt sich doch immer dagegen.«

»Da haben Ew. Gnaden den richtigen wunden Punkt berührt! Das Gefühl tritt für die Person ein, während der Verstand Allgemeingültiges und Nützliches erwägt. Dies aber soll der Standpunkt des auf eine hohe Stufe Gestellten, des Herrschers, sein. Das allgemeine Wohl muß sein Augenmerk bleiben. Er muß streben, seine Position zu konsolidieren, um sich gegen äußere Feinde zu sichern und darf sich nicht von kleinen Bedenken, von Sympathien und Antipathien irreführen lassen.«

So ungern sich die Kurfürstin dieser Auffassung unterwarf, die ihren Liebling Maximilian verurteilte, so war doch etwas in ihr, das sich der Rechtfertigung ihres Gemahls freute, auch konnte ihr klarer Verstand nicht umhin, die Ausführungen des scharfsinnigen Gelehrten anzuerkennen. Ja, es war so in jeglicher Interessensphäre, im ganzen Leben, das Kleinere mußte sich allemal dem Größeren unterordnen, erst kam das Ganze, dann der Einzelne. Ein bekanntes Wort fiel ihr ein: »Die Natur ist gütig gegen die Gattung und grausam gegen das Individuum.« Nun war es sicherlich ein achtbarer Standpunkt, zu wirken wie die Natur selbst.

Ihre weiteren Sorgen und Befürchtungen, wie ihr Gemahl mit dem geliebten Gefangenen verfahren werde, wußte Leibniz zu zerstreuen. Er, der immer mehr Licht als Schatten sah und dessen oft angewendetes Wort: »wenn ich irre, so irre ich lieber zum Vorteile anderer als zu ihrem Nachteile« sich in allen seinen milden Urteilen bestätigte, meinte, das väterliche Gefühl werde sich rühren und er werde den jungen Heißsporn mit geringer Strafe schlüpfen lassen. Die Maßregel, den Herzog von Celle als Vermittler herbeizurufen, konnte Leibniz indes nur billigen.

Als der geistvolle Freund sich nach dieser längeren Unterhaltung von der hohen Frau, deren Gemüt er aufgerichtet hatte, empfehlen wollte, trat der Kammerdiener der Kurfürstin ein und meldete:

»Das Hoffräulein von Moltke bittet in einer dringenden Sache um gnädigste Audienz.«

Die Fürstin gab ihre Einwilligung, dann wandte sie sich zu Leibniz: » Ce pauvre enfant trägt an derselben Last wie wir. Ihr Vater, der Oberjägermeister, und ihr Cousin, meines Sohnes Adjutant, sind in Maximilians unglückliche Angelegenheit verwickelt und beide gleichfalls im prison.«

»Ich hörte es mit Bedauern.«

»O, welch ein Mitleid hege ich für dies zarte Kind!« rief Sophie warm; indem Leibniz sie verließ, trat Ulrike von Moltke in schüchterner und demütiger Haltung ein.

Die Kurfürstin eilte mit jugendlicher Lebhaftigkeit auf ihr Fräulein zu, statt ihr die Hand zum Kusse zu reichen, wie es üblich war, legte sie ihr beide Hände um die Schultern und küßte sie auf die Stirn. Freudig überrascht schlug das betrübte Kind die verweinten Augen zu der hohen Gönnerin auf und stammelte:

»Lassen Ew. Durchlaucht mich höchstihre Kniee umfassen und um Gnade flehen.«

Sophie verhinderte Ulrikens Absicht, hob das Mädchen auf und führte es zu einem Tabouret, das neben dem Stuhle stand, in den sie sich niederließ.

Nun sah die Fürstin mit mütterlichem Wohlwollen auf das holde Geschöpf, das ihr armer Maximilian so sehr liebte und das unter den rücksichtslosen Verfolgungen des Kurprinzen gelitten hatte. Ein tiefes Empfinden zog in Sophiens Herz ein, und sie beschloß, sich der Armen nach Kräften anzunehmen.

»O, wie bin ich unglücklich und verlassen, gnädigste Frau,« sagte Ulrike mit zitternder Stimme. » Mon père ist arretiert und mein lieber Cousin Erich auch, nun bin ich ganz allein in dem öden Hause und jeder kann mir anthun, was er will.«

»Nicht wahr, sie hat noch eine Mutter, Fräulein, die kränklich ist und im Jagdschlosse lebt?«

»Ja, Gott sei Dank, ich habe meine liebe, gute Mutter. O, ich möchte zu ihr heimkehren!«

»Das soll sie auch, das ist am besten für sie.«

»Aber ich fürchte mich sehr, allein zu reisen, und mon cousin meinte auch, ich bedürfe eines Schutzes.«

»Der Meinung bin ich ebenfalls, mein Kind. Sie bleibt jetzt so lange hier bei mir, bis ihre Reisevorbereitungen getroffen sind, und dann gebe ich ihr einen honorablen älteren Kavalier, unsern Kammerherrn von Kornberg mit, der sie sicher in die Arme ihrer Mutter geleiten soll.«

»O, wie sind Ew. Durchlaucht gnädig!« rief Ulrike mit überströmenden Augen, glitt von ihrem Sitze auf die Kniee und bedeckte die Hand der Kurfürstin mit Küssen. Diese streichelte die zarte Wange der Knieenden und bat sie, sich zu beruhigen.

Als Ulrike sich etwas gefaßt hatte und auf ihren Platz zurückgekehrt war, begann sie, nach dem möglichen Schicksale der ihrigen zu forschen.

»Ich kann nichts dafür thun«, erwiderte Sophie achselzuckend. »Es wird Recherchen geben, man wird Schuld und Unschuld abwägen, und man muß der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen.«

»Sr. Durchlaucht der Prinz wird für seine Anhänger sprechen?«

»Mein armer Sohn befindet sich in derselben dificilen Position.«

»Ein so hoher Herr ist doch immer vielvermögend.«

»Hoffen wir alles Gute.«

Am andern Tage fuhr Ulrike in ihres Vaters Wagen, begleitet von dem würdigen Kammerherrn der Kurfürstin und von ihrer Zofe, nach Katelnburg ab. Mademoiselle Jeanette Lenoir hatte um ihren Abschied gebeten, sie erfreue sich hoher Protektion und habe Aussicht, im Hofhalt der Frau Kurprinzessin angestellt zu werden. Ulrike ließ sie ohne Bedauern gehen.

Es war Buchholz gestattet worden, seinen Herrn im Gefängnisse zu bedienen, so blieb auch er in Hannover zurück. – –

Der Kammerdiener Maximilians war durch die letzte Verfügung seines Herrn von ihm getrennt worden. Man hatte dem Prinzen einen andern Diener aus dem Osnabrücker Hof in's Schloß geschickt, der dann auch mit nach Bruchhausen geritten war.

Gimpe fühlte sich hierüber verletzt und zurückgesetzt, aber es sollte noch schlimmer für ihn kommen. Er wurde gleichfalls gefänglich eingezogen und verhört; da man sich aber bald überzeugte, daß der unbedeutende Mensch in den beabsichtigten ernsten Unternehmungen unmöglich seines Herrn Vertrauter gewesen sein könne, setzte man ihn bald wieder auf freien Fuß.

Den ersten Gebrauch machte Gimpe von seiner wiedergewonnenen Freiheit, indem er zu Minette Potthof eilte. Er fand die junge Frau noch mit verbundenem Kopfe, blaß und tief niedergeschlagen.

Der vereinsamte Kammerdiener saß lange bei seiner Freundin zu vertraulicher Zwiesprache. Er erzählte ihr seine Schicksale, wie er nicht begriffen habe, wessen man ihn eigentlich beschuldigt, was man von ihm gewollt. Er habe sich nie eine Veruntreuung zu Schulden kommen lassen und erfreue sich eines ganz reinen Gewissens. Es sei empörend, daß Martin mit nach Bruchhausen geritten sei und nicht er, der erste Kammerdiener.

Dann sprachen sie vom Prinzen Maximilian. Alles, was Gimpe erzählte, jede Einzelheit aus seinem Zusammenleben mit dem hohen Herrn erschien Minetten unbeschreiblich wichtig und schön. Sie begegneten sich in demselben Interesse, und wenn späterhin Gimpe irgendwo ein Wort von dem gegen den Prinzen und seine Anhänger eingeleiteten Prozeß erhaschen konnte, so eilte er mit der großen Kunde nach dem Holzmarkte und fand hier die beste Aufnahme.

Das junge Weib aber grämte und sorgte sich im Stillen und glaubte, sie werde es nicht überleben können, wenn – wie der Kurfürst gelobt hatte – Maximilians edles Blut infolge ihres Verrats fließen sollte.– –

Nach der Benachrichtigung seiner Schwägerin war Herzog Georg Wilhelm baldmöglichst in Hannover angekommen und hatte sich vom Stande der traurigen Angelegenheit genau in Kenntnis setzen lassen. Die Kurfürstin irrte nicht, ihr Schwager hing mit besonderer Liebe an dem schönen, hochgemuten Maximilian und war aufs Äußerste von allem, was er hörte, betroffen.

Haussuchungen und Verhöre brachten noch manche belastende Umstände zu Tage.

Der Sekretär Blume, von dem man zu erfahren trachtete, wie weit Anton Ulrichs Teilnahme an dem Komplott gehe, leugnete anfänglich die Mitwissenschaft seines Herrn. Man drohte ihm: den Kerl mit den Instrumenten holen zu lassen und zur scharfen Frage überzugehen, worauf der Angeklagte, sich vor der Tortur fürchtend und wissend, daß sich allerlei nicht ganz harmlose Schriften in seinem Koffer gefunden, mitteilsamer wurde. Er suchte aber doch seinen Herrn, den Herzog, möglichst wenig bloßzustellen.

Anton Ulrich ließ seinen Untergebenen nicht im Stich. Er schrieb an die hannoversche Regierung und bat um Aufschluß über das ungewöhnliche Verfahren, das man sich gegen seinen Diener erlaubt habe. Man antwortete ihm, daß er wohl am besten den Grund der Verhaftung Blumes kennen werde. Ein Schriftwechsel, bittere Äußerungen hin und her knüpften sich an, die Spannung stieg zwischen den beiden Höfen, Vermittler suchten zu schlichten, aber erst nach siebenmonatlicher Haft erhielt der Sekretär die Freiheit wieder und durfte abreisen.

Was sollte man für Maximilian thun? Welch eine glimpfliche Strafe konnte man für ihn in Vorschlag bringen und erstreben? Diese Fragen beschäftigten viele wohlmeinende Gemüter; in erster Linie aber seine betrübte Mutter und seinen Oheim.

Der Kurfürst wollte ein Gericht hochangesehener Rechtskundiger zusammenberufen und genau nach deren Entscheidung verfahren. Auch der Kurprinz stimmte für die äußerste Strenge. Es war zu befürchten, daß der Wahrspruch auf Hochverrat lauten würde und daß lebenslängliches Gefängnis oder gar der Tod erkannt werden könnte. Ein Ergebnis, vor dem Ernst August in seiner heftigen Erbitterung durchaus nicht zurückzuschrecken schien, er sagte wenigstens oftmals, er werde nie anstehen, der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen.

Es durfte also nicht zu dieser juristischen Entscheidung kommen, das stand bei der Mutter und dem Herzoge fest.

Wenn nun Maximilian in bündigster Form auf alle Erbansprüche verzichtete und sodann des Landes für immer verwiesen wurde, so war dies sicherlich das Erträglichste, was sich für ihn erreichen ließ. Man mußte alle Hebel ansetzen, den Kurfürsten zur Annahme dieser Strafform zu veranlassen.

Georg Wilhelm stellte seinem Bruder vor, wie sehr er sich in den Augen der Mit- und Nachwelt schädigen werde, wenn er all zu streng gegen den eignen Sohn vorgehe. Wie es unerhört sei, fürstliches Blut zu vergießen, und daß man für einen Trotzkopf in dem jugendlichen Alter Maximilians gewisse Milderungsgründe gelten lassen müsse.

Die Kurfürstin bat ihren Gemahl kniefällig um Gnade für den Sohn. Er hob die edle Frau erschrocken auf und rief: »Das ziemt sich nicht für Ew. Liebden – das ist der Rebelle nicht wert. Wollet auch erkennen, Madame, daß Weiber in Sachen hoher Staatsraison sich zu reservieren haben.«

Aber die geängstigte Mutter that, während alles für ihren Liebling auf dem Spiele stand, noch mehr. Sie sagte sich, daß man jetzt handeln müsse, so lange die Wage noch schwanke und bevor eine verhängnisvolle Entscheidung getroffen sei, und kurz entschlossen fuhr sie zur Gräfin Platen und bat die Frau, deren Einfluß auf ihren Gemahl sie kannte, sich für den Prinzen zu verwenden.

Es war ein schwerer Gang für die Kurfürstin gewesen, aber sie wollte alles daran setzen, ihren Max zu retten.

Klara Elisabeths Eitelkeit wurde durch diesen Schritt der hohen Frau so sehr geschmeichelt, daß sie mit der größten Bereitwilligkeit ihre Hilfe zusagte.

Diesen mannigfachen, auf ihn einstürmenden Bitten und Vorstellungen widerstand der Kurfürst nicht länger, er erklärte sich dem Bruder gegenüber bereit, auf seine Vorschläge einzugehen und den Sohn nach beschworenem Verzicht des Landes zu verweisen.

Der Prinz wurde unter Bedeckung von Bruchhausen nach Celle gebracht und nun hier im Schlosse in festem Gewahrsam gehalten. Georg Wilhelm kehrte in seine Residenz zurück und begab sich alsbald zu seinem Neffen. Er fand aber kein zerknirschtes Gemüt, keinen reuigen Sünder.

Empört über die Behandlung, die man ihm, dem Fürstensohne, hatte zu teil werden lassen, trat Maximilian dem Oheim entgegen. Der Stolz des Prinzen war schwer verletzt, aber ungebeugt. Fester denn je stand er auf seinen alten Ansprüchen, seinem vermeintlichen Rechte.

»Unglücklicher,« sagte der Herzog bekümmert, »es handelt sich um eure Freiheit, wohl gar um euer Leben. Erkennt doch, daß ihr euch gravierend gegen euren Vater vergangen habt, daß ein positives Recht auf seiner Seite steht, euch hart aburteilen zu lassen.«

»Mag er's denn thun und seinen Mißhandlungen die Krone aufsetzen!« brauste der Prinz auf.

Georg Wilhelm schrieb seiner Schwägerin, wie er den Sohn gefunden, und daß er keinen Einfluß auf den Trotzigen gewinnen könne. Da entschloß sich die Mutter rasch, traf ein Abkommen mit Arzt und Kammerfrau, galt für unpaß und bettlägerig und fuhr heimlich nach Celle; vor ihr sollte und mußte der Hartnäckige weich werden.

Maximilian saß am Fenster seines Turmzimmers und schaute, ohne recht zu sehen, über die Dächer der Stadt unter ihm hinab. Dieselben Gedanken der Anklage, des Widerspruchs, des hoffärtigen Zorns trieben immer aufs Neue ihren Kreislauf durch sein Hirn. Da öffnete sich die Thür seines Kerkers, gleichgültig blickte er auf, eine verschleierte Frau trat ein, sie warf das Spitzengewebe, das ihr Gesicht bedeckte, zurück. Der Prinz erkannte die ehrwürdigen Züge, und mit dem Aufschrei: »Mutter!« stürzte er sich ihr zu Füßen.

»Mein Sohn, mein armes Kind – wo muß ich dich finden?«

Sie hatten sich noch nie von so rein menschlichen Wallungen durchflutet in den Armen gelegen, wie in diesem Augenblicke. Beide hatten sie gelitten, beide peinliche Wochen durchkämpft. Sie sahen und fühlten, wie sehr sie sich liebten und ahnten, daß sie vor noch größeren Aufgaben standen.

Er wußte, sie kam, ihn zu einer schwerwiegenden Entscheidung zu drängen. Allein bei ihrem Kommen war etwas in ihm geschmolzen. Es verlangte ihm danach, seinen Kopf wie in seinen Knabenjahren an ihre Schulter zu lehnen, ihrem liebevollen und verständigen Zuspruch zu lauschen. Jetzt fühlte er, wie einsam und verbittert er in all der Zeit gewesen war, und daß sie ihm ein großes Liebesopfer gebracht hatte, indem sie kam. Sein harter Vater würde vermutlich nichts von ihrem Hiersein wissen dürfen.

Die Kurfürstin saß auf der Bank, die neben dem plump aufgemauerten Ofen stand, Maximilian lag wieder zu ihren Füßen und hielt sie umfaßt, er wollte es nicht anders. Bewegt flüsterte er:

»O, Dank – Dank – meine teure Mutter, daß ihr hier seid! Der erste Sonnenstrahl nach langer Finsternis.«

»Armes, thörichtes Kind,« sagte sie, seine schmal gewordene Wange streichelnd. »Findet euch doch endlich ins Unvermeidliche. Ihr habt ein großes Unglück über euch heraufbeschworen. Wir müssen allewege recherchieren, wie ihr euch gesund aus der Affaire zieht.« Sie stellte ihm noch einmal das Gefährliche seiner Lage vor und fuhr liebevoll fort: »Ihr wolltet ja ohnehin dem Ehrgeiz entsagen, mon fils, habt ihr eure holde Ulrike vergessen? Richtet den Blick auf ein anderes Ziel, als das, worauf ihr euch nun wieder kapriziert habt. Eine Apanage, ein fürstliches Traktement muß euch bleiben, und sollte ich's aus meiner eigenen Schatulle steuern. Könnt ihr nicht im fremden Lande mit einem geliebten Weibe glücklich sein? Ihr waret so viel draußen, weshalb sucht ihr alles Heil im Hannoverlande?«

»Ob ich an sie denke? O, immerfort und mit heißer Sehnsucht!« rief er, aufblitzenden Auges emporschauend. »Ich wollte ihr hier eine hohe Position schaffen, aber ihr habt recht, die Welt ist weit!« Er sprang wie neu belebt auf seine Füße. »Ja, zu ihr – zu ihr und mit ihr in die Ferne! Daß mir dieser sublime Gedanke nicht eher gekommen ist – diese Erlösung aus aller Pein!«

»Schwärmer,« lächelte die Mutter und sah doch mit Wohlgefallen auf den völlig Veränderten. Sie wußte ja lange, daß er ein Enthusiast, ein Sanguiniker war, und liebte ihn in seiner Begeisterungsfähigkeit und trotz seiner sich leicht wandelnden Stimmungen.

»Ah!« rief er wieder, »welch eine brausende, stürmende, schreiende Empfindung ist in mir! Ich bin aus traumschwerem Schlummer zum Leben erwacht, es wachsen mir Flügel, hinaus – hinaus! Genug des Brütens, fort mit dem eigenwilligen Groll! Thut mit mir, was ihr wollt, so ich nur loskomme, ist mir alles andere gleichviel!«

Nach dieser Umkehr in Maximilians Wollen brauchte ein endgültiger Abschluß seiner schwebenden Angelegenheit nicht länger verschoben zu werden. Die Kurfürstin verständigte ihren Schwager von dem Erreichten, nahm bewegt Abschied von dem Sohn, den sie lange nicht, vielleicht nie wiedersehen sollte, und kehrte so geheimnisvoll und vorsichtig, wie sie gekommen, nach Herrenhausen zurück.

Es war am 27. Februar 1692, als im Ratszimmer des Schlosses zu Celle eine feierliche Sitzung tagte. In dem mit Holz getäfelten düstern Gemach hatten sich drei cellische und drei hannoversche Geheimräte versammelt, denen etliche Herren vom hohen Adel der Landschaft zugesellt waren. An drei Seiten eines langen, grünbehangenen Tisches nahmen die Männer nach Rang und Würden auf hochlehnigen, lederbeschlagenen Stühlen Platz. Sie sahen ernst und bedrückt aus, galt es doch, über den allbeliebten, tapferen Prinzen des fürstlichen Hauses ein hartes Urteil zu verhängen. Mochte er jede Strafe verdienen, es blieb schwer, ein so lebensvolles Glied abzutrennen und für alle Zeit aus der Heimat zu verweisen.

Als die Herren versammelt waren, traten der Kurfürst Ernst August und sein Bruder Georg Wilhelm von Celle in das Ratszimmer. Die Männer erhoben sich von ihren Sitzen und die Fürsten begrüßten sie mit Lüften ihres federnbesetzten Hutes. In der weiten Fensternische standen zwei Armsessel, hier ließen sich die Brüder, scheinbar als unbeteiligte Zuschauer, nieder.

Graf Platen fragte mit feierlicher Verbeugung, ob er den Inkulpaten herbeiholen dürfe.

Schon hatte der Kurfürst zustimmend das Haupt geneigt, als, von einer warmen Empfindung ergriffen, Georg Wilhelm aufsprang und rief: »Wir wollen unserem Gaste höchstselbst diese letzten Honneurs geben!« Mit diesen Worten verließ er hastigen Schrittes das Gemach.

Ernst August runzelte die Stirn, seine Verstimmung gegen den Sohn war noch so groß, daß jede an Maximilian verschwendete Rücksichtnahme ihn verdroß.

Nach kurzer Zeit kam der Herzog mit seinem Neffen zurück. Die Freudigkeit, die den Prinzen im Beisein der geliebten Mutter und infolge ihrer Vorschläge erfüllt hatte, war in diesem schweren Augenblicke vollständig verflogen, er sah bleich und düster aus. Ein scheuer Blick und Gruß irrte zu seinem Vater hinüber, fand aber keine Beachtung.

Der Herzog führte den Prinzen vor den Gerichtstisch, an dem die Räte ihre Plätze wieder eingenommen hatten, dann kehrte Georg Wilhelm zu seinem Bruder in die Fensternische zurück.

Geheimrat Graf Platen, der Vorsitzende, erhob sich und las nach einer kurzen Anrede dem ihm gegenüber Stehenden einen feierlichen Verzicht auf die Nachfolge und jeglichen Anspruch an die Herzogskrone vor, es sei denn, daß die männliche Nachkommenschaft seines älteren Bruders erlösche. Diese Akte mußte der Prinz unterzeichnen, worauf alle Beisitzenden gleichfalls als Zeugen ihren Namen unterschrieben.

Doch dies erschien noch nicht genügend. Die Finger auf das Evangelium gelegt, mußte Maximilian eine ihm von Platen vorgelesene Eidesformel, desselben Inhaltes wie die Schrift, laut nachsprechen. Sodann wurde ihm eröffnet, daß er des Landes verwiesen sei, daß man ihm nur noch acht Tage Frist bewillige, seine Angelegenheiten zu ordnen; werde er nach dieser Zeit noch auf dem Boden des Kurfürstentums Hannover sowohl, wie des Herzogtums Celle-Lüneburg betroffen, so solle sein Prozeß neu aufgenommen und mit größerer Strenge denn zuvor behandelt werden.

Röte und Blässe hatten während der ganzen Zeit dieser peinlichen Verhandlung auf dem vor innerer Erregung zuckenden Gesichte des Prinzen gewechselt. Jetzt hielt er sich nicht mehr, ungestüm brach er los:

»Noch größere Strenge!« schrie er laut hinaus, »wollt ihr mich mit Ruten peitschen? Wollt ihr mein fürstliches Blut mir aus allen Poren zapfen? Ein Narr wär' ich, möcht ich je zu euch zurückkehren! Mit Freuden schüttele ich den Staub von meinen Füßen und sage euch Valet auf Nimmerwiedersehen. Fahrt wohl mit eurer Willkür, eurem Rechtsverdrehen, euren Quälereien! Ich segne mein Geschick, das mich von euch befreit!« Mit diesen Worten stürzte er aus dem Gemach, ein Fremdling in diesem ehrbaren, formvollen Kreise.

Ernst August wandte sich mit zornfunkelnden Augen an seinen Bruder: »Sehen nun Ew. Liebden,« raunte er ihm zu, »welch ein wüster, insupportabler Seigneur dies ist?«

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