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Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
yearo.J.
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Elftes Kapitel

Der Kurprinz war am Abende der Maskerade, nachdem er den jungen Prinzen irgendwo auf der Straße ausgesetzt, so übellaunisch wie möglich ins Schloß zurückgekehrt.

Beim Auskleiden hatte Jean Baptiste viele Not mit seinem Herrn, der ihm ein Schimpfwort nach dem anderen an den Kopf warf, so daß dem pfiffigen Kammerdiener klar wurde, er habe eine Dummheit begangen, habe sich anführen lassen und eine garstige Doppelgängerin des schönen Fräuleins von Moltke aufgegriffen. Er verstand nun das zahme Betragen der Entführten, das er seiner geschickten Behandlung zugeschrieben, und war nie so geschmeidig und unterwürfig gegen seinen Herrn gewesen wie heute, wo er einen so großen Mißgriff wieder auszugleichen beflissen sein mußte.

Auch am anderen Morgen hielt Georgs Ärger noch an. Es war doch abscheulich, wie man ihm mitgespielt hatte. Hoch und teuer schwor er sich selbst, sich nicht weiter um die Zieraffe, das spröde Mamsellchen, diese zimperliche Moltke zu kümmern!

Wer wohl noch um seine Blamage wußte? Christian war rücksichtslos genug, hinter seinem Rücken über ihn zu lächeln und zu triumphieren, und so mochte die infame Geschichte wohl bald am ganzen Hofe kursieren.

Natürlich wußten auch Moltkes selbst darum; denn daß die echte Ulrike an der Seite des blauen Dominos den Ballsaal verlassen hatte, darauf konnte Georg schwören. Sie mußte in dem dämmerigen Gange, ohne daß seine Leute es bemerkten, vertauscht worden sein und hatte dabei selbst vermutlich Einblick in die Intrigue gewonnen. Auch Maximilian, der zunächst Beteiligte, würde darum wissen und über die List der Jüngsten frohlocken.

Dies alles wurmte Georg außerordentlich, wenn er aber an den grimmigen alten Moltke dachte, der heimlich auf ihn fluchen mochte und sich das häßliche, verbissene Gesicht vorstellte, und wie der Mann ihn unter seinen hängenden Brauen hervor anzuglotzen pflegte, so verschärfte sich die Empfindung des Kurprinzen um viele Grade. Dieser elende Hofschranze, ein Subjekt seines Vaters, wagte es, davon war er überzeugt, sich innerlich gegen ihn aufzulehnen.

Es gelüstete den Kurprinzen, sich an dem Zuwidern zu reiben, ihn sein volles Übergewicht fühlen zu lassen, ihn auf seinen nichtsbedeutenden Standpunkt herabzudrücken. Solch ein Mensch mußte sich's ja zur Ehre rechnen, wenn seine Tochter einem Herrn von seiner Bedeutung gefiel.

Georg empfand das Verlangen, sich zu rühren, andere Eindrücke, starke Bewegung sollten seinen Ärger übertäuben und verwischen helfen. Der Schnee war fast weggeschmolzen, morgen wollte er die Sauhatz haben, zu der der Oberjägermeister neulich schon die Vorkehrungen verfrüht getroffen hatte. Das würde ihm gut thun, und Moltke sollte gewahr werden, daß er von dem gestrigen Mißerfolge durchaus nicht eingeschüchtert sei.

Georg trat an den Schreibtisch und warf einen kurzen Befehl an den Oberjägermeister aufs Papier, sofort nach Springe abzureisen und ihm die Jagd im Deister zu rüsten, er werde morgen mit einigen Herrn vom Hofe dazu hinüber kommen.

Es war ein trüber Wintermorgen, als sich die sechs zu der Wildschweinjagd geladenen Herren, sämtlich beritten, mit ihrer im Hintergrunde haltenden Dienerschaft auf dem Schloßhofe einfanden. Jetzt erschien auch der Kurprinz, von einer Fanfare der Pikeure begrüßt, schwang sich auf seinen Rappen und überflog musternden Blickes die Anwesenden, die, sämtlich mit den Hüten in der Hand, das Gesicht ihm zugekehrt, vor ihm hielten und sein: » Bon jour, Messieurs!« mit einer ehrfurchtsvollen Verneigung bis zum Sattelknopf hinunter erwiderten.

Plötzlich veränderte sich die Miene des hohen Herrn, eine Zornesflamme flog über seine Stirn, er hatte auf dem ersten Platze das rote, vergnügte Gesicht seines Bruders Christian wahrgenommen, der da wohlgemut auf einem stämmigen Braunen hielt.

»Mirakulöse Frechheit,« knirschte Georg vor sich hin. Dann hielt er sich nicht und ritt, wie zu einer besonderen Begrüßung, dicht an das Pferd des Bruders heran.

»Wer hat euch eingeladen?« zischte er ihn, zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, an.

»Ich, höchstselbst, mon frère,« erwiderte Christian mit völliger Unbekümmertheit. »Wird eine Hofjagd abgehalten, so dürfen, denke ich, alle Söhne unseres Vaters dabei sein.«

Seine harmlose Dreistigkeit, sein lustiges Lachen ließen keine heftige oder gereizte Stimmung aufkommen. Georg wußte, daß dieser jüngere Bruder ein eifriger Jäger sei, so konnte er nicht annehmen, daß er komme, ihn zu ärgern. Und war Christian nicht wirklich, wie er behauptete, im Rechte und hier an seinem Platze?

Der Kurprinz sah ein, daß sich nichts dagegen thun lasse, konnte er doch froh sein, daß nicht auch Maximilian so gedacht hatte. Er gab seinem Pferde die Sporen, sprengte zum Hofthore hinaus und die Straße hinunter.

Im fürstlichen Hause zu Springe waren alle Vorbereitungen getroffen, die vornehmen Gäste zu empfangen. Noch strenger und düsterer als sonst hatte der Oberjägermeister seine Befehle gegeben und seine Einrichtungen für die Jagden getroffen.

Die frühe Dämmerung des Wintertages sank schon herab, als die Kavalkade der Herren aus Hannover eintraf. Müde und hungrig von dem weiten Ritt stiegen sie von den Pferden und traten in das mit Tannenreisern geschmückte Haus, auf dessen Schwelle sie von dem Oberjägermeister und seinen Forstbeamten empfangen wurden.

Unter dem Laternenträger von Hirschgeweih, der in der Mitte des Flurs von der Decke hing, trafen die beiden Feinde, der Kurprinz und Moltke, zusammen und sprachen gedankenlos, während ihre Augen sich mit bösen Blicken maßen, die Worte der Begrüßung.

Geradeaus lag der Speisesaal, ein loderndes Feuer von großen Fichtenkloben im Kamin, das die eine kurze Seite des Gemachs fast ganz einnahm, verbreitete wohlthuende Wärme. Es roch stark nach Tannen, auch der rote Steinfußboden war mit kleinen Zweiglein bestreut und der Tisch in der Mitte war ebenso wie die Kredenz zur Seite reich mit Speisen und Getränken besetzt.

Es währte nicht lange, so hatte der Kurprinz mit seinen Gästen sich niedergelassen. Auch hier wurde die übliche Form nicht verabsäumt. Der hohe Jagdherr saß inmitten der Langseite des Tisches und hatte Prinz Christian an seiner Rechten, den Minister Graf Platen an seiner Linken. Moltke, der hier den Hofmarschall vertrat und das Amt des Wirts verwaltete, saß dem Kurprinzen gegenüber, oder vielmehr er stand hier, denn er besorgte das Vorschneiden und führte Aufsicht über die Dienerschaft.

Anfänglich verdrängte der starke Hunger, den die Reiter mitbrachten, jede Neigung zur Unterhaltung. Georg, ohnehin eine schweigsame Natur, fühlte sich hier neben Christian, seinem Beleidiger, und angesichts des verhaßten Moltke gereizt und unzufrieden und dadurch noch weniger als sonst zur Unterhaltung aufgelegt. Nachdem aber die ausgeschmückten Schweinsköpfe, die Rehziemer und Schüsseln mit fettem Kohl den ersten Hunger gestillt und der Wein die trockenen Zungen gelöst hatte, begannen die Männer zu schwatzen.

Die morgende Jagd war das Nächstliegende. Der Oberjägermeister wurde mit Fragen bestürmt: ob er auch einen famosen Keiler zur Hatz in der Bucht habe? Ob ein eingestelltes Jagen folgen werde, wobei dann alle Jäger Aussicht hätten, zum Schuß zu kommen?

»Jawohl, Messieurs, zu dienen,« erwiderte Moltke, »alles wohl präpariert. Ein grobes Schwein, ein gehörig wehrhafter Keiler, ein Hauptkerl mit gefährlichen Gewehren, rumort im Cachot und wird morgen sicherlich mit Vehemenz ausbrechen und unserer Meute exquisieter Saurüden zu schaffen machen. So hochfürstliche Durchlaucht befehlen,« – mit einer Verneigung zu dem schweigenden und stark trinkenden Kurprinzen hinüber – »soll sodann nach dem Jagdfrühstücke sogleich das Treiben am Drakenberge beginnen.«

Der Fürst nickte: »Hoffe, daß er seine Sache morgen gut macht.«

Georg war nicht so wie sonst von seinen Interessen an der Jagd hingenommen, er fühlte sich zerstreut und mußte immer wieder das ihm so unangenehme Gesicht seines Gegenüber studieren, ob und wo er wohl eine Ähnlichkeit mit dem reizenden Antlitze Ulrikens entdecken könne. War es ihm doch von Anfang an wie ein Wunder erschienen, daß dieser Mann eine so schöne Tochter haben sollte. Aber seltsam, je länger er Moltke ansah und seine verkniffenen Züge, seine Falten und Flecken abrechnete, je mehr fand er hier und da etwas in dem Gesichte, was ihn an Ulrike erinnerte. Affen und Menschen konnten sich ja auch ähnlich sehen, aber es war eine peinliche, widrige Ähnlichkeit. Ebenso fatal wurde dem Kurprinzen je länger er hinsah, diese an die einst Geliebte erinnernde Fratze. Sie ärgerte ihn wie ein Hohngebilde im Traume, und je mehr er trank und von dem Anblick des ihm zuwideren Menschen gereizt wurde, je mehr störte ihn der Mann, je unerträglicher erschien er ihm. Ihm diese Mißempfindung zurückgeben, sich an ihm reiben, wurde ihm zuletzt ein unabweisbares Bedürfnis.

Christians Laune dagegen, angeregt von dem starken Ritt, steigerte sich durch den genossenen Wein zu übermütiger Fröhlichkeit, es prickelte ihn, den mürrischen Bruder an Ulrike und die mißlungene Entführung zu erinnern und ihn zu necken, daß er so gründlich angeführt worden war. Er begann allerlei von der Maskerade im Ballhofsaale zu erzählen, wie besucht sie gewesen, wie toll es zugegangen sei:

»Eine sehr stolze Figur hat Bruder Maximilian gemacht,« sagte er zu Georg gewandt, »und seine Dame war die schönste Maske im Saale. Schade, daß Ew. Liebden sie nicht gesehen haben.«

»Ich treibe mich nicht auf diesen miserabelen Maskeraden umher,« knurrte der Kurprinz.

»Wie ist seinem Fräulein die Exkursion bekommen, Monsieur Moltke?« fuhr Christian rücksichtslos fort. »Wird sich nasse Füße geholt haben, das holde Kind, als ich sie, auf ihrer Flucht vor räuberischen Anfällen, nach Hause begleitete.« Er lachte ausgelassen und zwinkerte Moltke mit einem Seitenblick auf seinen Bruder zu.

Und nun glaubte der Kurprinz zu bemerken, daß Moltke mit Christian Mienen des Einverständnisses und spöttische Blicke auf ihn austauschte. Diese Wahrnehmung machte ihn wütend, und er sagte laut und scharf:

»Ist mir unbegreiflich, Oberjägermeister, daß er eine so schöne Tochter hat. Ist er sicher, ihr Vater zu sein? Sollte ihm nicht ein Wechselbalg aus der Wiege gestohlen und ein Engelsbild dafür hineingelegt worden sein?«

Die Wirkung dieser höhnischen Worte auf Moltke war eine furchtbare. Er starrte förmlich zurück, seine Augen traten aus ihren Höhlen, seine Züge verzerrten sich, von Schwindel ergriffen packte er die Tischplatte mit beiden krampfhaft zufassenden Händen. Die Gedanken: er kennt meine Schande, er weiß von meinem häuslichen Unglück, nun ist das Schreckliche Gewißheit, sein Vater wird ihm alles gesagt haben, brachten ihn in diesem Augenblicke fast um den Verstand. Er vermochte kein Wort zu sagen, aber der Haß schnitt wie mit Messern in seine Seele.

Der ernste Vorgang zwischen den beiden Männern wurde wenig beachtet, jeder hatte mit sich zu thun, und Prinz Christians leichte Fröhlichkeit half über den peinlichen Augenblick fort, die Unterhaltung kam in neue Geleise, der Wein erhitzte die Gemüter mehr und mehr, das Sprechen wurde zum Schreien, das Lachen zum Toben, Versicherungen wurden mit Flüchen und Aufschlagen der Hände auf den Tisch bekräftigt. In dieser allgemeinen Erregung fiel die schweigsame Steifheit des Kurprinzen, die man an ihm kannte, sowie Moltkes verbissene Zurückhaltung wenig auf, die Beiden saßen sich wie erstarrt gegenüber und maßen sich mit grollenden Blicken bis man zum Karten- und Würfelspiel überging.

Am anderen Morgen wurde es schon früh lebendig auf dem Hofe des Fürstenhauses. Die Jägerei blies ihre Weckrufe in die graue Dämmerung des Wintermorgens hinaus.

Der Tag brach mit schwerem Nebel an. Der Oberjägermeister ließ durch Jean Baptiste anfragen, ob Durchlaucht Aufschub befehle, der Kurprinz aber, durch und durch unmutig gestimmt, wollte Abwechselung haben und gebot, daß alles, wie beabsichtigt worden, vor sich gehen solle.

Um acht Uhr stiegen die Herren zu Pferde, die Pikeure bliesen den Fürstengruß, Rüdenmänner und Jäger bändigten Koppeln kläffender, zerrender Hatzhunde. Als der Kurprinz erschien, setzte sich der Zug, geführt vom Oberjägermeister, in Bewegung.

Der Nebel hing wie ein herabgefallenes Gewölk über der Gegend, kaum in Manneshöhe von der Erde konnte man vorwärts sehen; schwerer, feuchter Brodem beengte den Atem. Hier und da lagen noch Reste Schnee in Furchen, unter Tannen und in anderen schattigen Winkeln, es war schmutzig und sah trübe und öde aus.

Die Männer fühlten sich noch schwer und unbehaglich vom gestrigen Trinkgelage, nur der Hunde ungeduldiges Gekläff und Geheul brachte Leben in die leichenhafte Stille des Morgens.

Die Wege waren zu tief, um in scharfen Gangarten vorwärts zu reiten, so dauerte es fast eine Stunde, ehe man auf die moorige Waldlichtung kam, wo der mächtige Keiler, den man jagen wollte, in einem mehrere Fuß hohen Bohlenverschlage eingebuchtet war.

Als die Gesellschaft zur Stelle kam, wurde auf einen Wink des Fürsten die Jagd angeblasen.

»Famoser Schwarzkittel das – enorme Hauer – hat den Platz gründlich umgebrochen!« lachte Prinz Christian vom Pferde aus auf das eingefangene, sich unruhig geberdende Tier hinabblickend. »Der wird auskneifen und sich nicht leicht erwischen lassen!«

»Vielleicht auch sein Leben teuer verkaufen,« meinte der Oberjägermeister.

»Etliche Rüden müssen ja gewöhnlich daran glauben.«

Der Nebel hatte sich jetzt etwas gehoben, ein naßkalter Wind zerriß ihn in Fetzen, die an den Tannen zu hängen schienen, sich zusammenballten und in wunderlichen Gebilden zerflatterten. Die Hunde, ihren Feind witternd, waren schwer zu halten und hoben ein wütendes Gebell und Geheul an.

Als man die Bucht öffnete, bliesen Pikeure die Anjagd. Der Eber stürzte, als spüre er die Gefahr auf seinen Fersen, in wilden Sätzen davon.

Dem alten Brauche nach mußten nun die Jäger erst seine Fährte auf etwa hundert Schritte mit Tannenbrüchen bezeichnen, verspüren und verbrechen. Erst dann wurden die Hunde unter dem Geschrei der Rüdenmänner: »Horridoh!« – »Ho Suh!« – »Ga tau!« – von der Koppel gelassen und stürzten mit freudigem Anlaut, die Nase am Boden, davon. Und der Meute nach sprengten unter Waldhorngeschmetter die Reiter über den Plan.

Es war ein günstig ausgesuchtes Waldrevier, auf dem die Sauhatz stattfand. Eine moorige, nur einzeln bestandene Fläche, die einen schlanken Galopp zuließ, dehnte sich vor den Reitern aus. Der übliche Vorsprung, welchen man dem Keiler gegeben hatte, die Angst und Wildheit des Tieres, machten es nicht leicht, es einzuholen. Um so eifriger wurden Jäger und Hunde. Die Nichtberittenen, Rüdenmänner, Jägerburschen und Hundejungen, rannten so weit nach, wie sie konnten.

Es verstand sich von selbst, daß man dem Jagdherrn die Führung überließ, der Oberjägermeister hatte sich ihm zunächst zu halten, es wäre undenkbar gewesen, an beiden vorüberzureiten. Plötzlich sah man, daß die Meute der Hunde, die bis dahin auf der Fährte des Keilers ziemlich dicht beisammen geblieben war, unsicher wurde, suchte, sich teilte und nach beiden Seiten mit gleichem Eifer weiter jagte.

Der Kurprinz blickte sich fragend um. »Die Rüden haben ein zweites Schwein gespürt, Ew. Gnaden,« antwortete Moltke, sein Pferd zu dem des Fürsten herandrückend.

»Welches ist die richtige Fährte?«

»Hier zur Linken, Durchlaucht zu dienen, zwischen den kleinen Tannen hin.«

Als die nachfolgenden Herren gewahrten, daß der Kurprinz und Moltke links ritten, war es natürlich, daß sie sich der ebenso frischen Fährte des neu aufgenommenen Wildes zur Rechten zuwandten, gab es doch nur hier für sie völlige Freiheit der Bewegung und die Möglichkeit, selbst die Sau abzufangen. So verfolgten der Kurprinz und Moltke, von der übrigen Gesellschaft getrennt, allein den losgelassenen Keiler.

Nach einiger Zeit, während der die beiden Reiter ihrem Zuge der Meute durch Gestrüpp und Dickicht über Erhöhungen und Bodensenkungen gefolgt waren, stutzten die Rüden; das Wildschwein hatte sich in einem sumpfigen Gelände gestockt, wurde von den Hunden umstreift, verbellt, ausgemacht und angegriffen.

Als dieser erwartete Augenblick kam, sprang Georg eifrig vom Pferde, warf Moltke die Zügel hin und drang in das Dickicht, in dem die Rüden mit ihrem Feinde kämpften.

Auch der Oberjägermeister schwang sich hastig von seinem Tiere, schlang beide Zügel um einen Baum und folgte dem Fürsten. Unmittelbar hinter ihm erreichte er den Platz, wo der von den Hunden gedeckte Eber sich wütend verteidigte. Er hatte ungewöhnlich lange und scharfe Hauer und schlug heftig mit den Vorderläufen auf seine Angreifer ein. Einige der Hunde wälzten sich schon mit aufgerissenen Leibern in ihrem Blute.

Der Kurprinz kam in vollem Jagdeifer seiner Meute zu Hilfe, mit dem Hirschfänger in der Hand stürzte er sich auf den wütenden Keiler. Moltke, gleichfalls mit dem blanken Genickfänger in der Rechten, war dicht hinter ihm.

Und nun kam während eines Atemzuges Länge – aber wie eine wuchtende Stunde empfunden – eine fürchterliche Spannung über den Oberjägermeister.

Da war sein Feind, mit den Fingern zu greifen, vor ihm auf weltverlorenem Platze, keine Zeugen in der Nähe als die stummen Tiere; er, mit der scharfen Waffe in der Hand, neben dem, der ihn tötlich beleidigt hatte, Nebel um sie her wie geheimnisvoll hüllende Schleier.

Wenn er zustieß, gerade ins Herz hinein, ohne Laut würde der Gehaßte zusammenbrechen; und konnte der Keiler, der sich eben jetzt unter furchtbarem Schnaufen und Grunzen aufbäumte, nicht dasselbe thun? Konnte Moltke nicht hinterher versichern, er habe gesehen, wie das scharfe Gewehr des mächtigen Tieres die Todeswunde gebohrt habe? Nein, unmöglich, die Verschiedenheit der Wunde mußte ihn verraten. Wenn er aber dem Prinzen von rückwärts einen Stoß gab? Wenn der Mann hinfiel, unter die Schalen des wütenden Tieres geriet, geschlagen von den Hauern – aufgeschlitzt – vernichtet – ohne Zweifel war er verloren. Und ihn selbst konnte kein Verdacht treffen – er war zu spät zur Unglücksstätte gekommen. Ja, so ging's.

Moltke hob die Hände – wunderliches Zögern. Hatte er nicht innerlich, im Denken und Wollen, die That hundertmal vollbracht? – Nur nicht feige – kein Zaudern – zustoßen, und es war das geschehen, wonach er von ganzer Seele gierig verlangte.

Da sprang der Prinz vor, jagte seinen Hirschfänger zwischen die Rippen des Tieres und sah sich triumphierend nach dem totenblaß dastehenden Oberjägermeister um.

»Ich glaube gar, er hat Furcht vor dem Luder,« rief Georg übermütig. »Brech er das verendete Wild auf und gebe er der Meute ihren Fraß.«

»Halali!« – Den üblichen Gruß beim Ende der Jagd rief Moltke mit bebenden Lippen und machte sich an das ihm übertragene Geschäft. Er hatte seine Zeit verpaßt; mit Ingrimm fühlte er die Schwäche, die noch jetzt seine Knochen durchkroch. Aber er wollte, er mußte sich aufraffen, mußte fest werden und auf den nächsten günstigen Augenblick warten. Aufgeben konnte er sein Vorhaben nicht.

Der Kurprinz war nie aufgeräumter, als wenn er ein lange gejagtes Wild erlegt hatte. Siegesfreude bemächtigte sich seiner, er steckte sich einen Bruch an den Hut und gab Moltke unter plump neckenden Worten über seine bleiche Furcht auch einen Tannenzweig, dann saßen sie wieder auf und sahen sich nach der übrigen Gesellschaft um.

Als sie mit den anderen Herren zusammentrafen, fanden sie auch diese mit grünen Zweigen geschmückt und sehr befriedigt von ihrer Jagd, auf der sie gleichfalls ein Hauptschwein zur Strecke gebracht hatten.

In bester Stimmung erreichte man das auf einem freien Platze errichtete Jagdzelt, vor dem ein Feuer brannte. Der Fürstengruß, von Waldhörnern geblasen, empfing die Kommenden, Diener gingen ab und zu und ein gutes Frühstück erwartete die müden Jäger. Man lagerte sich, besprach die Ereignisse des Morgens und ließ sich's schmecken.

Das Wetter war besser geworden, es hatte sich aufgehellt, der Nebel hing nur noch auf den Spitzen der Berge, und hier und da blickte am Himmel ein Stückchen fahles Blau hervor.

Die Jagdlust war durch das genossene Vorspiel um so reger, man verlangte nach dem Hauptvergnügen des Tages: dem großen Treiben. Als der Kurprinz den Befehl zum Aufbruch gab, sprang alles freudig auf die Beine. Jetzt ging es zu dem abgestellten Jagen auf Rot-, Damm- und Schwarzwild am Drakenberge.

Am Tage zuvor war das Wild aus weitläufigen Revieren durch Treiber zusammen gejagt und das innere, noch geräumige Terrain, wo die Tiere standen, durch das große Zeug der Netze und durch Horden eingestellt worden. Hier heraus sollte das Wild an der Schützenlinie entlang von der Meute getrieben werden.

Der Platz, wo Moltke die Jagd anordnete, war von hoher landschaftlicher Schönheit. Ein malerischer Bergabsturz, vor demselben ein steiles, mit vielen Einzelgruppen von Bäumen und Sträuchen bewachsenes Gelände, das dem Wilde mannigfache Deckung gewährte. Zur Seite im Grunde eine Mühle und dies weit ausgedehnte Bild von Berghöhen bekränzt, die teilweise aus dem Nebel auftauchten und auf denen der noch liegen gebliebene Schnee silbern aus dem grau hangenden Nebelgewölk herabschimmerte.

Gleich nach Ankunft der Herren wurde die Schützenkette in bedeutendem Abstande von einander gebildet. Jeder hatte seinen Büchsenspanner bei sich, der das Neuladen der Gewehre besorgte und mit der brennenden Lunte bereit stand. Man bediente sich der Radschloßgewehre, die auf einen Standhaken gelegt wurden und sich langsam entzündeten. Neben dem Stande steckte die Saufeder in der Erde, eine Art Spieß, mit der die angeschossenen Sauen waidgerecht abgefangen wurden.

Auch hier nahm der Kurprinz den besten Platz ein, er hatte freies Schußfeld nach allen Seiten und einen schönen Ausblick. An seinem Stande mußte das getriebene Wild zuerst vorüber kommen, so konnte er sich die besten Stücke für sein Blei erwählen. Ein paar hundert Schritte weiter, zunächst dem Stande seines Bruders, folgte der Prinz Christians.

Der Oberjägermeister bewegte sich anordnend und beaufsichtigend hinter der Schützenlinie und war bald hier, bald da beschäftigt. Es galt für unpassend, daß er sich persönlich beteilige.

Die Jagd wurde angeblasen, der Wald hallte wieder vom Geschrei der Treiber, von Hornrufen, Gekläff und Signalen des Rüdenmeisters. Das Wild jagte einzeln oder in Rudeln über das Blachfeld, verfolgt von der Hals gebenden Meute. Stattliche Hirsche, äugend und windend, dann in langen Sätzen dahin fliehend, meistenteils begleitet von Schmal- und Alttieren und deren Kälbern. Prächtiges Dammwild mit hohen, starken Schaufeln. Dazwischen die Wildschweine, wehrhafte Keiler, Bachen mit Überläufern und Frischlingen, in voller Flucht vorbeistürmend. Und nun begann das Schießen, Knall auf Knall einander folgend, manchmal ein wahres Geknatter, an den Bergkuppen im Echo wiederhallend.

Hier überschlug sich ein Edelhirsch, der einen Blattschuß bekommen, oder schnellte noch im hohen Satze vorwärts, dort stürzte ein Tier in die Kniee und erhielt vom rasch herzulaufenden Jäger den Genickfang.

Moltke, in der Nähe des Kurprinzen, hinter einem Gebüsche stehend, die Büchse im Arm, beobachtete düsteren Blicks den Fortgang der Jagd, die immer hitziger und eifriger betrieben wurde. Wie leicht konnte eine Kugel irre gehen. Und wenn sie am unrechten Orte einschlug, wer wußte, woher sie kam? Sein Auge, sein Arm trogen ihn nie. Er war zornig über sich selbst, daß er heute früh den rechten Augenblick versäumt, den Gehaßten nicht längst vernichtet hatte, nun war ihm anders zu Mut, jetzt fühlte er, daß er gestählt und hart wie Eisen zu jeglichem Werke bereit und fähig sei.

Der Kopf des Kurprinzen, aus dem Gebüsche auftauchend, war immer vor des Oberjägermeisters Augen. Er sah die gespannten Züge des geröteten Gesichts, das er so sehr haßte, sich bald hier, bald dahin wenden.

Traf diesen Kopf ein sicherer Schuß, durfte er nur nicht so ungeschickt abgefeuert werden, daß die Wunde nach seiner Seite wies. Allein, der Fürst war ja im Jagdeifer so beweglich, daß man ihm nach jeder Richtung hin beikommen konnte.

Noch einmal spähte Moltke scheu umher; er glaubte überzeugt sein zu dürfen, daß kein Mensch ihn beobachten könne. Jetzt hob er die Büchse auf den Standhaken, richtete und langte nach der neben ihm im Grase schwelenden Lunte. Das Herz schlug ihm wie ein Hammer, aber seine Hand war fest, ein starker Wunsch beherrschte seine Nerven. Sicher nahm er den Feind aufs Korn, fehlen konnte er nicht, stand jener nur für eines Atemzugs Länge ruhig, so war's um ihn geschehen.

Da sprang Georg vor, es galt, dem mächtigen Schaufler, der sich dort in seinem Blute wälzte, den Genickfang zu geben.

Jetzt fort mit allen Bedenken, nur ruhig, nur lauern, der günstige Augenblick mußte wiederkommen.

Und er kam. Noch einmal stand der Mann, mit dem Mordgedanken in der Seele, im Anschlage. Die Lunte lag am Zündloch, der Finger auf dem Rade – da, eine feste Hand auf seiner Schulter, der Schuß verpuffte in der Luft und schlotternd am ganzen Körper fuhr der Oberjägermeister herum.

Prinz Christian stand mit seinem frischen, lachenden Gesichte neben ihm.

»Was erschreckt er sich, Oberjägermeister?« rief der Prinz. »Ist er sensible wie ein Fräulein? Hätt's ihm nicht zugetraut. Weiß, es ist nicht üblich, daß er mitthut, kann ihn aber nicht darum blamieren. Ein Jägerherz hält's schwer aus, nicht dazwischen zu knallen, so Hochwild an ihm vorbeistürmt. Wollt ihm nur klagen, daß mein Gewehr ruiniert ist, zwei Zacken am Rade sind ausgesprungen. Kann mir für dieses letzte Treiben seines geben. Dann ist er nicht wieder tentiert dazwischen zu schießen.«

Der Prinz sagte dies alles so gutmütig harmlos, daß Moltke ruhig sein konnte, es war auch nicht ein Fünkchen Mißtrauen in der arglosen Seele des jungen Menschen. Mit der vollen Rücksichtslosigkeit, die ihm seine Stellung dem Diener seines Vaters gegenüber gab, nahm er die Waffe aus der Hand des, wie gelähmt Dastehenden und eilte damit fort, um wieder auf seinen Stand zurückzukehren.

Wie ein Raubtier, dem man die Zähne ausgebrochen hat, so stand der Entwaffnete da, die geballten Fäuste hingen schlaff an seinem Leibe nieder, der Kopf sank herab, die Augen blinzelten scheu, ohne zu sehen.

Ein abergläubiges Gefühl von seltsam unberechenbaren Einflüssen und Fügungen legte sich wie ein Bann auf Empfinden und Wollen des in seinem Vorhaben Gehinderten. Sein Mut war gebrochen, er verachtete sich selbst, daß er nicht früher, nicht rechtzeitig gehandelt hatte. Welch ein erbärmlicher Wicht er doch war mit seinen großen, harten Entschlüssen, von denen nichts zur Ausführung kam. Er gab sich und seine Sache auf und fühlte mit schneidendem Weh, daß er immer der unter die Füße Getretene sein und bleiben werde.

Unterwürfiger noch als sonst und im Innersten wie gebrochen, versah der Oberjägermeister im weiteren Verlaufe des Tages die Pflichten seines Amtes; wurde er vom Kurprinzen grob angefahren oder mit Hohn behandelt, er ließ es, gefühllos in stumpfer Niedergeschlagenheit, über sich ergehen. »Verspielt, verloren,« sprach er zu sich selbst. Ein tiefes Elend war die vorherrschende Empfindung in ihm. Fühlen und Wehren hatten ausgehört, man durfte jetzt ihm anthun, was man wollte. Er gab jeder schlechten Behandlung, die ihm zuteil wurde, recht, und keiner konnte weniger von ihm halten, als er selbst es in diesen Stunden tiefster Demütigung that.

Nach einem neuen Schmaus und Gelage am Abend kehrte die Jagdgesellschaft und mit ihr zugleich der Oberjägermeister am anderen Tage nach Hannover zurück.

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