Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Auguste von der Decken >

Die jüngeren Prinzen

Auguste von der Decken: Die jüngeren Prinzen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleDie jüngeren Prinzen
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund
yearo.J.
senderwww.gaga.net
created20160714
projectida147f608
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

Ulrike brachte die Zeit bis zu dem Maskeradenabend in größter Unruhe hin. Es war etwas an der Einladung des Prinzen, das ihrem feinen Gefühle nicht zusagte. Gingen auch manche Damen ihres Kreises vermummt unter der Obhut eines Beschützers in diese Gesellschaft, so fühlte sie sich Maximilian gegenüber doch nicht so sicher, um sich ihm anvertrauen und allein mit ihm eine solche Fete besuchen zu mögen.

Auf ihren Vater verließ sie sich nur halb. Er stand gänzlich auf des Prinzen Seite und liebte sie nicht. So zornig er über des Kurprinzen verletzende Bewerbung gewesen war, von Maximilian ließ er alles geschehen, und im Grunde war doch das eine wie das andere eine Unmöglichkeit. Sie mußte sich dies immer und immer wieder vorhalten.

Den Tag über las sie alle Briefe ihrer Mutter wieder durch, faltete oft die Hände im Gebet um höheren Schutz und dachte viel an des guten Vetters Erich treue Augen und an sein ehrenfestes Wesen. Daß sie in den Kleidern gehen sollte, die er ihr geschenkt hatte, erschien ihr als eine rechte Hilfe.

Als die Zeit herankam, schmückte Jeannette ihre junge Herrin mit großer Beflissenheit und vielen Schmeichelworten auf's schönste, so daß sie fertig mit ihrer Larve in der Hand dastand, als ein Wagen vorfuhr und Prinz Maximilian, in prächtigem griechischen Kostüm, schön und siegesgewiß, an der Seite ihres Vaters eintrat.

Sein Anblick bewegte Ulrikens Herz, aber nach wenigen Minuten hatte sie ihre mühsam errungene ruhige Sammlung wiedergefunden.

»Wie schön ist sie, Fräulein von Moltke!« rief der Prinz, »und wie glücklich bin ich, ihr Kavalier sein zu dürfen.«

»Ich bin bereit,« sagte Ulrike einfach und legte die Maske vor ihr unter seiner Schmeichelei erglühtes Gesicht. Er reichte ihr die Hand und führte sie, begleitet vom Oberjägermeister, Jeannette und einigen Dienern, zum Wagen hinunter, neben dem Gimpe stand und beide hineinhob.

Es war wärmeres Wetter eingetreten, der Schnee schmolz rasch dahin und wurde jetzt auf der kurzen Strecke, die der Wagen bis zum Eingange des Ballhofsaales zurückzulegen hatte, von vielen vermummten Fußgängern zerstampft. Auch manche Portechaise schwankte, mit einer Laterne daran, durch den Schmutz.

Im Wagen sprach Maximilian noch einmal seine Freude aus, Ulrikens Begleitung gewonnen zu haben, sie erwiderte offen:

» Mon père hat es recht gefunden. Mir erschien es nicht schicklich, mit Ew. Durchlaucht zu gehen.«

Er versicherte, daß sie es ruhig thun könne. »Es ist mir ein großes Glück, allein – unerkannt mit euch zu sein, holde Ulrike. Wert und heilig wie meine eigene Ehre ist mir die eure. Ich will nichts von euch als eure Nähe. Niemand soll euch beleidigen, ich bin da, wache über euch, o ihr dürft – ihr müßt mir vertrauen!« und er suchte ihre Hand zu fassen, die sie ihm aber rasch entzog.

Nun waren sie an Ort und Stelle. Rote Laternen brannten über dem Thore zum Saaleingange, den man nach Durchschreiten eines Vorraums erreichte. Musik tönte ihnen entgegen. Neugierige Zuschauer hatten sich zu den Seiten aufgestellt und begrüßten das Paar mit Ausrufungen:

»O kiek e'mal!« – »Dat sind Fiene!« – »Wat 'en Staat, wat 'en Staat!«

Als sie in das Gewühl der Masken eintraten, schmiegte Ulrike sich ängstlich an des Prinzen Seite.

Es wimmelte schon von bunten Gestalten und dem erregten Mädchen schwindelte es unter der Menge.

Fratzenhafte oder lächelnde, unveränderliche Gesichter, wohin man sah, und ein wühlendes Durcheinander von Farben und Formen, von seltsam wunderlichen, lächerlichen, zierlichen und aufgeputzten Masken. Das Geschnarre und Gequike der verstellten Stimmen, Gelächter hohl unter der Maske hervortönend, das Schleifen und Stampfen der vielen Tanzenden und unruhig hin und her Drängenden, alles dieses erschien der bangen Ulrike, die ein solches wunderliches Fest noch nie mitgemacht hatte, sinnbetäubend und fast unerträglich.

Maximilian, der das Erzittern ihrer Gestalt fühlte, neigte sich mit beruhigendem Zuspruch zu ihr, und allmählich begann sie, sich an ihre Umgebung zu gewöhnen, und getraute sich, einzelnes mit einem gewissen Interesse in's Auge zu fassen.

Hier wanderte eine Tonne mit Füßen darunter und einem rotnasigen Kopfe obenauf, dort ging ein Mann von Stroh geflochten mit einem Ährenbüschel über dem gelben Gesichte. Dieser trug einen wallenden Mantel mit Halbmonden und Sternen bedeckt und eine Maske wie ein Vollmond; jener große, schwarze Hörner, Fledermausflügel und einen Vogelschnabel als Nase. Dazwischen wimmelte es von Dominos in allen Farben und von Masken in den unwahrscheinlichen Trachten der verschiedensten Völker. Hier blies einer in eine blecherne Trompete, dort wurde die Klapper geschwungen oder mit Glocken und Schellen geklingelt.

In langen Reihen und Ketten, von seltsam bunten Geschöpfen, Männern und Frauen gebildet, faßte man sich an den Händen, schwang die Beine in übermütigen Sätzen und sprang jubelnd rundum oder gegeneinander.

Einige Zeit ging Ulrike an des Prinzen Arm unter der Menge hin und her. Sie unterhielten sich flüsternd über das, was sie sahen, und endlich faßte die Schüchterne, auf ihres Kavaliers Zureden, den Mut, mit ihm unter den anderen zu tanzen. Es war aber sehr voll und das Drängen und Stoßen beängstigend.

Als sie eben aus den Reihen der Tanzenden in den dichten Haufen der Zuschauer zurücktraten, entstand in ihrer Nähe eine Balgerei, von der es zweifelhaft schien, ob sie im Ernst gemeint oder nur ein Spiel des Übermutes sei.

Zwei Leute in blauen sackartigen Gewändern, Kaputzen dicht um die Maske gezogen, hatten sich gefaßt und rangen miteinander; sie verhielten sich dabei so ungeschickt, daß sie andere Masken über den Haufen warfen.

Ein Knäuel von drängenden, schreienden und zankenden Leuten entstand. Ulrike wurde mit heftigem Stoß angerannt, so daß ihr ein Laut der Angst und des Schmerzes entfuhr. Maximilian, aufgebracht darüber, sah sich nach dem Thäter um, es war wieder einer jener Blauen, und da dieser anscheinend noch einmal rücksichtslos vorstürmen wollte, packte ihn der Prinz mit beiden Händen, donnerte ihn an, Frieden zu halten, und schleuderte ihn zurück.

In diesem Augenblick sah Maximilian sich in einen wild durcheinander wühlenden Haufen gezogen und von seiner Begleiterin getrennt. Wogen von Menschen brandeten zwischen ihnen.

Vorläufig war der Prinz viel zu sehr in eine unter Gelächter und Scherzworten geführte Prügelei verstrickt, als daß er sich nach seiner Dame umsehen konnte. Pritschen wurden geschwungen, man stellte sich einander ein Bein, faßte sich unter Jauchzen von rückwärts, und riß sich nieder, es gab kaum ein Entrinnen aus diesem Gemenge vor Lust Tollgewordener.

»Rette sie sich – da giebt's Mord und Totschlag,« raunte eine Stimme an Ulrikens Ohr, die, zitternd vor Angst, sich plötzlich in dem unheimlichen Gedränge allein sah.

Besinnungslos, nur von dem Wunsche beseelt, aus diesem Wust Zankender zu entfliehen, folgte sie willig ihrem Führer.

Wieder hörte sie die unbekannte Stimme an ihrem Ohre: »Ich bin ein Freund, bringe das Fräulein von Moltke in ein ruhiges Nebengemach und hole dann Sr. Durchlaucht den Prinzen dazu.«

Ah, wenn der Mann sie und Maximilian kannte, konnte sie getrost mit ihm gehen.

Der ihr unbekannte Freund führte sie rasch und gewandt an mehreren Seitenräumen vorbei in ein fast leeres Zimmer, in diesem stand geradeaus eine Thür offen, durch die man in einen dämmerigen Gang blickte.

Als Ulrike sich dorthin gezogen fühlte, stand sie still und sagte schüchtern: »ich möchte hier den Prinzen erwarten, Monsieur.«

»Geht nicht, Ew. Gnaden, nur rasch weiter, die Prügelei kommt schon näher.« Zögernd zurücklauschend und ängstlich willfahrte Ulrike noch einmal dem Zureden ihres Drängers.

Der dämmerige Gang nahm sie auf, rechts und links angelehnte Thüren, hinter denen lebhaft gesprochen wurde, mehrere Masken verkehrten hin und her. Ein blauer Domino stand wie wartend zur Seite, eine andere Gestalt in derselben Tracht, die auch ihr Führer trug, sah sie neben sich.

Wie auffällig, so viele gleich Gekleidete! Eine unbestimmte Angst vor etwas Unheimlichem, Absichtlichem, stieg in der Seele des Mädchens empor. »Ich gehe nicht weiter mit ihm; ich will den Ball nicht ohne meinen Kavalier verlassen,« sagte sie, auf dem fast dunklen Flur stehen bleibend.

»Wird schon kommen – nur nicht ängstlich!«

In diesem Augenblicke fühlte Ulrike sich gefaßt, hin- und hergezogen und hörte Stimmen raunen: »Hier ist sie!« – »Nur rasch!« »Keine Dummheit« – »haltet sie – der Schreck macht sie zahm – vorwärts.«

Sie sah Leute, die sich stießen. Ihr bisheriger Führer hatte sie losgelassen, sie fühlte sich in eines anderen Gewalt. »Vertrauen Sie mir,« flüsterte eine bekannte Stimme an ihrem Ohre. Dann legten sich ein paar Arme um ihre Schultern, sie gewahrte, daß sie eingehüllt werde, wollte schreien und konnte nicht, die Kehle war ihr wie zugeschnürt vor Entsetzen, sie stand zitternd, mit fast versagenden Knieen neben einem Manne, der sie stützte.

Nun sah sie zu ihrem unnennbaren Entsetzen eine Gestalt, wie sie sich selbst zu Hause im Spiegel gesehen hatte, in genau dasselbe glänzende, reichgestickte griechische Kostüm gekleidet, mehr gezerrt als geführt von zwei blauen Dominos, sich zur Seite einer Thür zuwenden, durch welche ein scharfer Luftstrom drang, die also ins Freie ging. Die drei Personen verschwanden durch diese Thür.

Ulrike sammelte und erholte sich: »Wer seid ihr – und was wollt ihr von mir?« stammelte sie zu dem Manne in Blau gewandt, von dessen Arm sie sich in dem dämmerigen Winkel gehalten fand. Zugleich bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, daß sie ebenso verhüllt war wie er.

Ein mühsam zurückgehaltenes lustiges Auflachen, das Ulrike zu kennen meinte, drang unter der Maske hervor: »Die wären angeführt,« sagte eine jugendliche Stimme, »und sie ist glücklich vor den Frauenräubern gerettet, Fräulein von Moltke.«

»Aber – wer wird für mich – geopfert, Prinz Christian?«

»Eine, der sie nichts zu leide thun. Das Kostüm hatte ich zufällig,« lachte er. »Also erkannt hat sie mich schon, na, dann wird sie wohl sans façons mit mir gehen?«

»Oh gern! Bitte, bringen Ew. Gnaden mich nach Hause.«

»Es wird das Beste sein. Wenn die da drinnen sich noch immer mit dem Maxbruder raufen; und wenn auch nicht. Die Affaire hat sie fatigiert, sie zittert und es möchte eine Weile dauern, ehe wir ihren famosen Griechen auffinden.«

Ulrike war froh, sich wieder in zuverlässiger Obhut zu wissen und nicht in das Gewühl des Ballsaales zurück zu müssen. »Aber wie kommen wir von hier fort? O, nur nicht den Schrecklichen nach!«

»Ohne Sorge, ich weiß noch einen anderen Weg!« Er geleitete sie Mullbergs Gang hinunter und trat mit ihr in die hintere Thür des Trödelladens, die Minette ihm einmal bezeichnet hatte.

Der wüste Raum war matt beleuchtet, auf dem Haufen Betten sitzend, war der als Wachposten angestellte alte Mullberg eingenickt. »Will gleich – meine Frau – rufen,« murmelte er, als die beiden an ihm vorübergingen.

Nun traten sie in die Ballhofsgasse hinaus. Milde Luft und feiner Regen kamen ihnen entgegen, aufgelöster, vielfach zu Schmutz durchgetretener Schnee füllte die Gasse.

»Thut mir leid, daß sie mit ihren feinen Sandalen da durch muß,« sagte Christian, der eben seine Maske abnahm, freundlich, »aber ein Wagen ist nicht zur Hand.«

»O, es schadet nichts!« erwiderte sie mutig vorwärts strebend.

Er erzählte ihr nun, wie er zufällig von einer Intrigue seines Bruders, des Kurprinzen, gehört habe, die angesponnen sei, sie heimlich vom Maskenballe zu entführen.

Ulrike blieb einen Augenblick stehen, die Luft verging ihr vor Schreck bei der Vorstellung, daß etwas so furchtbares ihr gedroht habe. »O, wie dankbar bin ich Ew. Durchlaucht für die Rettung! Wenn man doch Prinz Maximilian beruhigen könnte, daß mir nichts Übles geschehen ist,« fügte sie leise bittend hinzu.

»Ich will versuchen, ihn zu finden. Er wird vermutlich auch nach des Oberjägermeisters Hause eilen.«

Nun waren sie in der Leinstraße, Ulrike verabschiedete sich rasch und lief durch den Thorweg und die Hintertreppe hinauf.

Als sie oben ankam, öffnete sich ihres Vaters Zimmer, und er selbst, der ihr Kommen gehört hatte, im Schlafrock, ein Licht in der Hand, trat ihr erstaunt entgegen.

»Ulrike, du – und allein?« Er zog sie in sein Gemach, erschöpft, bebend, leise aufschluchzend, brach sie auf dem nächsten Stuhle zusammen.

»Was soll das bedeuten?« herrschte er sie an, »ich will eine Explikation!«

Die Furcht vor ihres Vaters Zorn half ihr, sich zu beherrschen, mühsam, abgerissen, meist seinen Fragen antwortend, brachte sie hervor, was ihr in den letzten Stunden geschehen war.

»Hast dich wieder als Gans benommen,« knurrte er mit drohend zusammengezogener Stirn, die aber nicht allein seiner Tochter galt. »Wie konntest du Närrin einer fremden Maske aus dem Saale hinaus folgen? Eine bêtise – eine infame Geschichte. Ein Skandal – muß man denn immer stillhalten? – Nun marsch fort ins Bett mit ihr – was macht sie einem für embarras

Ulrike versuchte noch ihres Vaters Hand zu küssen, wurde aber ingrimmig fortgeschoben und eilte, nach ihrem Zimmer zu kommen.

Dem aufmerksamen Auge Christians entging die Gestalt des schlanken Griechen nicht, der hastigen Schrittes auf der Burgstraße ihm entgegen kam.

»Heda, Bruderherz!« rief er vor ihn hintretend.

»Christian – ihr? – Aber laßt mich, mon frère

»Ich kehre mit um und weiß eine Konsolation für euch. Ich habe eben eure schöne Griechin heim eskortiert.«

»Christian! Bester! Ist das wahr?«

»Weshalb sollt ich's lügen?«

»So ist sie in Sicherheit? O, wie mal a droit, daß ich sie losließ.

»Da mögt ihr recht haben. Es war eine abgekartete Geschichte und ihr konntet den Finessen der Schandbuben kaum entrinnen.«

»Abgekartet?«

»Unser Familienhabicht hielt seine Fänge nach eurem weißen Täublein ausgestreckt und wollte sie für sich eskamotieren.«

»Meint ihr Georg? – Ihr sprecht in Rätseln, Christian!«

»Auf richtiger Fährte, Max! Aber ich habe ihn dupiert!« Ein herzlich schallendes Gelächter hinderte Prinz Christian weiter zu sprechen.

Ungeduldig bat Maximilian um Erklärungen und erhielt sie in ausgiebiger Weise. Obgleich er sich nun über Ulrike beruhigt fühlte, verlangte ihm doch noch danach, von ihr zu hören, sie womöglich zu sehen, er lenkte also seine Schritte nach dem Moltkeschen Hause. Hier dankte er seinem Bruder für den treuen Beistand und betrat, knirschend vor Verdruß über seinen Mißerfolg, den Hausflur.

Buchholz, der sogleich zur Hand war, führte den Prinzen zu seinem Herrn.

Christian schritt währenddem pfeifend vor Vergnügen nach dem Ballhofsaale zurück, er mußte doch Minette in der Garderobe aufsuchen, wieder einige Liebkosungen erringen und das süße Weiblein fragen, ob sie sein Konzept nicht gefunden habe?

Na, er hatte ja die Abschrift fast vollendet und wußte den Schluß auswendig, wer verstand denn das Ding und wem konnte es nützen? Aber eine fatale Geschichte war es doch, das Papier verloren zu haben. Maximilian brauchte nichts von dem Unfalle zu erfahren, er selbst würde sich schon darüber trösten.

Der junge Prinz war bald wieder im Maskentreiben, das in derselben Ungebundenheit und tollen Lust anhielt, und dann ging er an die Thür des Garderobezimmers und bat um Einlaß. »Charmante Potthofin, darf ich kommen?«

Da fuhr sie ihm entgegen mit einem zornigen »Zurück! Mannesbilder werden hier nicht geduldet, dies ist nur für Frauensleute?«

»Na, nichts für ungut; sie prustet mich ja an, als wäre sie eine wilde Katze, und ich weiß nun doch, wie zahm sie sein kann.« Er fragte dann nach seinem verlorenen Papier, sie versicherte aber von nichts zu wissen und schlug ihm die Thür vor der Nase zu.

»Mit der ist's heute übel bestellt, aber sie wird schon wieder ihre gute Stunde haben,« sprach er achselzuckend zu sich selbst, kehrte in den Saal zurück und vergnügte sich hier auf seine Weise.

Maximilian war bei Moltke eingetreten, der Oberjägermeister kam ihm erregt entgegen: »Erfuhren Durchlaucht schon?« fragte er hastig mit tief herabgezogenen Brauen.

»Alles weiß ich, die ganze honteuse lâcheté jenes Entführungsplanes!«

»Und wieder er – er, der Kurprinz –« zischte es über Moltkes Lippen, der sich mit geballten Fäusten halb abwendete.

»Er braucht sich vor mir nicht zu genieren, Oberjägermeister, ich hasse Georg ebenso vehement, wie er es thut.«

»Sollen wir denn immer imbécile dabei stehen?« schrie der Hausherr wütend. Er fühlte, es war für ihn nicht das Mädchen, um das sichs handelte, es war seine eigene Ehre, die Nichtachtung gegen ihn, die in dem Vorgefallenen lag und die ihn bis zur Tollheit aufreizte.

»Wenn Georg seinem lieben Fräulein Ulrike ein Haar gekrümmt hätte, so würde ich ihn vor die Klinge gefordert haben. Dann wäre es die Frage gewesen – du oder ich!«

»Fürstliche Durchlaucht, der Herr Kurfürst, würden das nie permittieren. – Freilich hätte er an Ew. Gnaden einen besseren Kronerben als –«

»Er meint doch nicht – ich wollte ihn – um mich –« Maximilian war blaß geworden und starrte den Verbündeten unsicheren Auges an. Eine Versuchung, ein furchtbarer Gedanke – gegen den er sich wehren mußte, daß er sich nicht zum Wunsch gestalte – kam über ihn. Dieser rabiate Oberjägermeister wäre der Mann – eine That – er –

»Wenn's Durchlaucht nicht wollen – wär's ein Glück – es thät's ein anderer.«

»Moltke –«

»Es ist – bitterer Ernst – und Ew. Gnaden würdens jedem danken, wenn –«

Sie starren sich an, bleich mit verzerrten Mienen: »Nichts weiter davon,« murmelt der Prinz und schreitet ein paarmal auf und ab.

Welch ein fürchterlicher – überwältigender – verheißungsvoller Gedanke ist hier eben geboren! Beide Männer sind gleichzeitig davon gepackt, sie können nicht los von der ganz neuen Vorstellung. Ein verhaßtes Leben weniger – welche Umgestaltung, welche Freiheit und Fülle um sie her! Diabolisch verlockend gleißen die neuen Bilder.

Maximilian will sich endlich aus dem Bannkreise, der ihn gefangen hält, losreißen, er fragt zerstreut: »Wie geht es seinem Fräulein? Ist sie nicht krank, nicht böse auf mich?«

»Ich habe sie ins Bett geschickt,« es war ein ganz abwesender, gleichgültiger Ton, mit dem Moltke dies sagte, seine Gedanken hafteten noch an den vorhergehenden schwerwiegenden Möglichkeiten.

Sie wollten noch gern höflich miteinander sein, ein Gespräch anknüpfen, allein es ging nicht mehr. Ein Ungeheures richtete sich zwischen ihnen auf, sah ihnen aus den brennenden Blicken, verwirrte sie, hielt sie einander fern und hinderte jeden unbefangenen Austausch. Sie wußten sich beide nichts mehr zu sagen, und so eng verbunden sie sich auch fühlten, so schien es ihnen doch, als sei eine Mauer von grauem Nebel zwischen ihnen emporgestiegen, die jeden freien Verkehr hemmte.

Prinz Maximilian ging, und der Oberjägermeister blieb mit seinen finsteren Gedanken allein; die packten ihn wie mit Krallen und warfen sich auf ihn mit überwältigender Wucht.

Er ertrug es nicht mehr, dieselbe Luft mit seinem Beleidiger, dem Kurprinzen, zu atmen. Gern wäre er ihm gegenüber getreten, wie es eben der Bruder angedeutet hatte, aber nur Hohn und Verachtung würde er mit einer solchen Forderung auf sich geladen haben.

Georg war kein Feigling, er hatte sein Leben vielfach im Felde gewagt, allein sich mit einem seiner Subjekte zu schlagen, würde ihm nimmermehr eingefallen sein. Es wäre etwas Unerhörtes gewesen. Der Kurprinz stand unbedingt weltenfern über jeder persönlichen Verantwortung, er war souverän, selbstherrlich, es konnte keinem gelingen, an ihn zu kommen. So erlaubte er sich zu thun, was er mochte, und der Unglückliche, den er tötlich beleidigte, mußte sich im Staube krümmen und sehen, wie er sein zertretenes Gefühl verwand und mit seiner geschädigten Ehre weiter lebte.

Moltke war eine empfindliche und zornige Natur, jahrelang war sein Gemüt von Mißtrauen und Haß verstört worden, nun trug ers nicht länger, nun wollte, nun mußte er Rache nehmen.

Der Entschluß auf die günstige Gelegenheit zur Ausführung einer That zu lauern, die der Hassesglut in seiner Seele Kühlung geben und alle drückenden Verhältnisse erleichtern sollte, befestigte sich immer mehr in ihm.

Ja er redete sich in diesem Augenblicke ein, daß die empfangene Beleidigung ihm – da an eine andere Genugthuung nicht zu denken war – das Recht gebe, sich selbst zu helfen. Und der Gedanke an eine solche Befreiung ließ ihn aufatmen, als spüre er einen frischen Luftzug. Er würde seinen alten Feind, den Kurfürsten, mit treffen, wenn seine Rache sich gegen den bevorzugten Sohn richtete, und es kam ihm jetzt nur darauf an, daß er geschickt war und sich nicht selber preisgab. Aber für ihn würde sich, da er auf der Jagd in der unmittelbaren Nähe des Kurprinzen bleiben mußte, schon ein seinem Vorhaben günstiger Augenblick finden. O, der sollte ihm nicht ungenützt verstreichen! – –

Jean Baptiste und der Küchenchef Claude wunderten sich, daß die schöne Griechin, die sie über den Hof des Ausspanns nach der Knochenhauerstraße hinaus schleppten, keinen lebhafteren Widerstand leistete. Nur leises Murren und Seufzen drang unter ihrer Maske hervor. Allerdings mußten sie der Dame im Gehen nachhelfen, sie über die Pfützen tragen, was dem Fräulein nicht zu verdenken war, da sie ja ein gesticktes Kleid und mit Seidenband geschnürte Sandalen trug.

Sie merkt, was man mit ihr vorhat, dachten Beide, und die Geliebte eines so vornehmen Herrn zu werden, ist ihr, obgleich sie sich bis jetzt geziert hat, doch eine Ehre.

Die Griechin saß nun in dem auf der Straße haltenden Wagen, und Jean Baptiste sprang zu ihr hinein: »Mademoiselle dürfen guten Mutes sein. Courage, ma belle! bald wird ein noblerer Kavalier als meine humble Person neben ihr sitzen und sie zu einem grand bonheur führen!«

Die Dame seufzte tief, antwortete aber nicht; da sie sich ruhig verhielt und keine Miene machte zu entspringen, unterließ es der Kammerdiener ihr weiter zuzureden.

Man fuhr dem Steinthore zu, das, zur Abendstunde geschlossen, sich auf den vom Kurprinzen ausgestellten Passierschein öffnete, und wollte auf einem bestimmten Platze, zwischen Gärten gelegen, mit dem hohen Herrn zusammentreffen, der alsdann Jean Baptistes Platz einnehmen sollte.

In einen roten Überwurf tief verhüllt, war der Kurprinz auch auf der Maskerade gewesen und hatte Ulrike sowohl, wie die stattliche Gestalt Maximilians in seiner griechischen Tracht an Geberden und Sprache, die sie nicht zu verstellen gesucht, bald erkannt und sich in ihrer Nähe gehalten.

Mit innerem Frohlocken beobachtete er, wie Ulrike, nachdem ihr Begleiter von ihr getrennt worden war, sich gutwillig von dem blauen Domino wegführen ließ, und bis an die Thür des Nebenzimmers folgte er dem Paare. Er sah wie das Mädchen ängstlich still stand und sich dann doch in den dämmerigen Gang ziehen ließ.

Nun war er des Gelingens sicher und mußte, der Abrede nach, trachten, auf anderem Wege den Platz des Stelldicheins zu erreichen.

Er verließ den Saal durch den Haupteingang, stieg in seine auf der Burgstraße wartende Karosse und fuhr noch vor dem andern, von der Knochenhauerstraße kommenden Wagen aus dem Steinthore, das sich rasch vor der Hoflivree öffnete, nach dem bestimmten Platze hinaus; hier ließ er halten, die Wagenthür öffnen und erwartete nun in angenehmer Spannung die Ankunft der holden Entführten.

Endlich da waren sie! Sein gewandter Jean Baptiste sprang aus dem Wagen, er hatte die Maske abgenommen, und Georg konnte beim Schein der Stocklaterne, die sein Vorreiter am Bügel trug, das befriedigte Lächeln gewahren, das sich über des Kammerdieners scharfe Züge breitete.

»Ew. Durchlaucht dürfen kontentiert sein,« sagte der mit heruntergezogenem Hut Dastehende halblaut. »Ich habe Mademoiselle so geschickt persuadiert, mir zu folgen, daß sie ohne Opposition mitgekommen ist. Sie scheint jetzt tout à fait content über die hohe Ehr, die Ew. hochfürstliche Gnaden ihr zugedacht haben.«

»Bin mit ihm zufrieden,« erwiderte der Kurprinz und stieg in den geöffneten Schlag.

Die Dame lag zurückgelehnt in der Ecke, eine gewisse Scheu, die Georg begreiflich fand, war in ihrer Haltung nicht zu verkennen. Er beschloß vorsichtig zu sein, zog artig den Hut und sagte: » Bon soir, Mademoiselle, sehr erfreut, Ihre angenehme Gesellschaft zu genießen.«

Das Fräulein neigte sich leicht und flüsterte ein zaghaftes, durch die Maske noch mehr gedämpftes: » Bon soir« zurück.

Der Kurprinz ergriff die kleine behandschuhte Linke, die neben ihm lag, und drückte sie zärtlich, er meinte eine Erwiderung des Druckes zu spüren, doch wurde ihm gleich darauf die Hand entzogen.

Der Wagen setzte sich die Allee nach Herrenhausen hinunter in Bewegung. Der Regen schlug auf das Verdeck und es war so dunkel, daß Georg die Züge seiner Nachbarin auch ohne Maske nicht gesehen haben würde, er ließ sie also mit ihrer Larve vor dem Gesichte, die ihr wie ein Schutz dünken mochte, lehnte sich zurück und schwelgte in der Vorfreude des Besitzes.

Es war seine Absicht, über Herrenhausen hinaus nach dem Jagdschlosse Linsburg zu fahren. Der Abend war aber so dunkel, der Weg von Schnee und Regen so aufgeweicht, daß Georg beschloß, vor der Hand in Herrenhausen zu bleiben und erst morgen die Reise nach dem Jagdschlosse fortzusetzen. Er besaß in einem Pavillon des Herrenhäuser Schlosses ein paar eigene Zimmer, wo man vorläufig einkehren konnte. Sich aus dem Wagen neigend, gab er den Befehl, am Pavillon zu halten, worauf Jean Baptiste, der auf dem Bocke saß, in sehr zufriedenem Tone antwortete.

Nun währte es nicht mehr lange, so fuhr man am Schlosse, in dem noch hier und da Lichter schimmerten, entlang und hielt vor der Thür des Pavillons.

Georg ließ es sich nicht nehmen, seiner Gefährtin, die etwas zu zittern schien, aus dem Wagen zu helfen. Jean Baptiste war schon unten und gab dem überrascht herbeieilenden Portier Befehl, sofort Sr. Durchlaucht Zimmer zu erleuchten. Dann trat der Kurprinz, an seiner Hand die Dame führend, in das Haus und in sein Gemach. Jetzt war das Paar allein.

» Bien satisfait charmante Ulrike,« hob Georg, vor der in einen Sessel Gesunkenen stehend, an, »daß sie mir hierher gefolgt ist. Sicherlich hat sie sich klug resolviert, ihre trutzige Obstination gegen meinen wohlgeneigten gnädigen Willen fahren zu lassen.« Er schwieg einen Augenblick und hob dann die Hand, ihre Maske zu lösen.

»Nun gönnen Sie mir auch den Genuß, Ihre hübsche Physiognomie zu bewundern.« Und trotz einer ängstlich abwehrenden Bewegung der Dame nahm er mit raschem Griff die Maske von ihrem Gesichte fort.

Aber wie von einem Schlage getroffen, fuhr er zurück – ein bekanntes Antlitz blickte ihn erschrocken an – aber es waren nicht Ulrike von Moltkes sanfte Züge – es war – sein eigener jüngster Bruder – Prinz Ernst.

»Ihr – ihr –« stammelte Georg, wie erstarrt dastehend. Dann schwoll die Zornesader auf seiner Stirn, die Augen traten unheimlich hervor, die Fäuste ballten sich und hoben sich zum Schlage. So stürzte er, als wolle er die Gestalt vor sich vernichten, auf den ihn angstvoll Beobachtenden zu.

Mit einem echt knabenhaften Satz emporschnellend, sprang Ernst dem erzürnten Bruder davon, lief einmal vor dem unter heftigem Fluchen Folgenden durchs Gemach, setzte über einen Stuhl und stand plötzlich mitten auf dem großen Eichentische.

»Infame Kanaille – Racker du! – Sackerlotscher Bengel! – Er perfides Subjekt!« schrie Georg keuchend hinter ihm her.

Als er nun so außer Atem am Tische lehnte und sich vergebens bemühte, den geschickt Ausweichenden, der seine Kleider zusammenfaßte und hin und her fuhr, zu haschen, milderte sich seine Wut vor der Komik dieser sonderbaren Lage. Der halbwüchsige, behende Junge als »schöne Griechin« vor seiner vergeblich greifenden Hand hin und her springend, es war zu sonderbar! Er brach in ein halb zorniges, halb belustigtes Gelächter aus, schlug die Arme unter und gebot:

»Kommt herunter, Kujon, und bekennt, wie diese injuriöse Affaire zusammenhängt!«

»Wollen Ew. Liebden mir nichts thun?« Ernst sah mit zur Seite geneigtem Gesichte prüfend auf den Bruder herunter.

Dieser winkte: »Nein, dein Spatzenkopf hat ja diese lâcheté doch nicht inventiert.«

Ernst sprang auf die Erde, und nun standen sich die Brüder Auge in Auge gegenüber. »Bekenne,« sagte Georg und ergriff die Handgelenke des Jüngeren, »hat diesen blâme Maximilian oder euer Protekteur Christian für mich ausgeheckt?«

Ernst nickte bei dem letzten Namen und Georg fuhr auf: »dachte ich's doch! Eine Narretei, die dem Arlequin ähnlich sieht.« Es erleichterte nun aber doch sein Gemüt, daß der Schabernack nicht von Maximilian ausging, den er ernsthafter nahm und dem er innerlich gereizter gegenüberstand. Daß Christian ihn auch nicht liebte, wußte er, machte sich aber nicht viel daraus.

Nach kurzem Sinnen und Auf- und Abschreiten gebot Georg dem Bruder, die Maske wieder vorzunehmen: »Wir kehren nach Hannover zurück,« fügte er hinzu, »und es ist für euch selbst am besten, ihr Hallunke, wenn euch niemand von der Dienerschaft erkennt, also haltet reinen Mund über diesen Skandal.

»Ah!« – Ernst freute sich dieses Entschlusses. Vielleicht konnte er noch so zeitig in den Osnabrücker Hof zurückkehren, daß der Präceptor nichts von seinem Ausfluge bemerkte, und unheimlich war's ihm auch in der Nähe des gefürchteten Kurprinzen, wenn dieser jetzt auch leidlich gute Miene zu machen schien. Christian hatte ihm viele gute Worte geben müssen, bevor er das Wagnis unternommen, und nachher war seine Angst groß gewesen. Ein Glück, daß es so ablief!

Georg schellte und gebot dem eintretenden Jean Baptiste, nicht ausspannen, sondern nur wenden zu lassen, er wolle sogleich in die Stadt zurückkehren. Der Kammerdiener stand da zögernd, erstaunt wie ein lebendiges Fragezeichen.

»Scher er sich hinaus, er Esel!« fuhr ihn der Kurprinz an, und kopfschüttelnd über diese unbegreifliche Laune seines Herrn, die ersehnte, mühsam erlangte Schöne zurückbringen zu wollen, eilte er davon, um den Befehl auszuführen.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.