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Die Jobsiade

Carl Arnold Kortum: Die Jobsiade - Kapitel 19
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typefiction
titleDie Jobsiade
authorCarl Arnold Kortum
senderevangenns@tele2.at
correctorreuters@abc.de
created20060603
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Neunzehntes Kapitel

Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei erging.
  1. Indeß ist es bei dem Entschlusse geblieben,
    Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben
    Die ganze hochehrwürdige Klerisei
    Zu Hieronimus Examen herbei.
  2. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre,
    Des nahen Examens zu Muthe ware,
    Und sein gemachtes ängstliches Gesicht,
    Dies alles begreift der Leser nicht.
  3. Es wäre also solches zu schildern vergebens.
    Die fürchterlichste Stunde seines Lebens,
    Nahte nunmehro endlich herzu;
    Ach! du armer Hieronimus, du!
  4. Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen
    Der geistlichen Herrn, welche zum Examen
    Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt
    Am bestimmten Tage sich eingestellt.
  5. Der erste war der Herr Inspector,
    In der Lehre stark wie ein andrer Hector,
    Ein stattlicher dickgebauchter Mann;
    man sah ihm gleich den Inspector an.
  6. Seine Verdienste schafften ihm diese Würde;
    Er trug übrigens seines Amtes Bürde
    Geduldig und mit gar frohem Muth
    Und aß und trank täglich gut.
  7. Nach ihm kam der geistliche Assesser,
    Ein Mann von Person zwar etwas größer,
    Doch an Körper und Waden dünn
    Und von etwas mürrischem Sinn.
  8. Er triebe nebst der geistlichen Sache
    Verschiedene Stücke aus dem Ökonomischen Fache
    Und trank nur Bier und schlechten Wein,
    Denn seine Einkünfte waren klein.
  9. Auch Herr Krager, ein Mann von hohen Jahren,
    In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren,
    Die er, so oft die Gelegenheit kam
    Seinen Satz zu erweisen, hernahm.
  10. Auch Herr Krisch, ein Mann von guten Sitten,
    Ungemein stark in Postillen beritten;
    Wobei er sich so gut und noch besser befand
    Als der beste Pfarrer im Schwabenland.
  11. Auch Herr Beff, ein weidlicher Linguiste,
    Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe,
    Im Vortrag ein ewiges Einerlei,
    Doch niemals gegen Orthodoxei.
  12. Auch Herr Schrei, stark in der Rede,
    Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde,
    Lebte übrigens munter und frisch
    Mit seiner Köchin exemplarisch.
  13. Auch Herr Plotz, ein Mann wie ein Engel,
    Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel,
    Nachdem er aber sein Amt trat an,
    Ward er ein gar frommer Mann.
  14. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine
    Von allen Lastern und bösem Wesen reine,
    Und strafte zur Zeit und zur Unzeit
    Alle und jede, doch nach Gelegenheit.
  15. Auch Herr Keffer, nie müde in Lehr' und Strafen
    Er nahm sich treulich an seiner Schafen,
    Doch fande sich in der Heerde sein
    Mancher hartnäckige Bock mit ein.
  16. Oft war er, um sie zurechte zu führen,
    Er deshalb genöthiget zu processiren,
    Denn er verstand die Jura, in der That,
    So gut als der beste Advocat.
  17. Außer diesen obengenannten kamen
    Noch mehr geistliche Herren zum Examen,
    Die ich nicht alle Mann für Mann
    Sogar genau mehr nennen kann.
  18. Als nun die ganze geistliche Schaare
    Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware,
    So setzten, praemissis praemittendis,
    Sich alle um einen großen Tisch.
  19. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen
    Vor die sämmliche Gesellschaft der weißen Kragen
    Und scharrete ihnen demüthig den Gruß,
    O weh dir! o weh dir! Hieronimus!
  20. Zuvorderst erkundigten die Examinatores
    Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores
    Und fragten ihn bald, ob er auch hätt'
    Ein Zeugniß von der Universität?
  21. Hieronimus, ohne sonderliche Umstände,
    Gab das Attest in des Inspectors Hände,
    Welcher dasselbe alsbald luß;
    O weh dir! o weh dir! Hieronimus!
  22. Es war zwar, wie oben schon angeführet,
    In Latein und Griechisch concipiret,
    Folglich zu lesen ein schweres Stück;
    Doch verstand zu allem Ungelück
  23. Der Inspector etwas von den Sprachen,
    Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen;
    Denn für jeden andern geistlichen Herr
    War die Uebersetzung zu schwer.
  24. Damit nun hier nichts möge fehlen,
    Will ich dem geneigten Leser erzählen,
    Was eigentlich in dem Attestat
    Von Wort zu Wort gestanden hat.
  25. zuerst Name und Titel vom Professer
    Und in drei Buchstaben etwas größer
    Wünschte er, durch L. B. S. dem
    Lectori Benevolo Salutem!
  26. Sintemal und immaßen drei Jahre
    Und einige Wochen hieselbst ware
    Herr Hieronimus Jobsius
    Als Theologiä Studiosus;
  27. Derselbe aber abzureisen nunmehro
    Ernstlich ist gesonnen, und dero-
    halben um ein schriftlich Attestat
    Mich geziemendermaßen bat:
  28. So habe ich nicht unterlassen können,
    Ihme solches schriftliches Zeugnis zu gönnen:
    Daß derselbe alle viertel Jahr
    Bei mir einmal im Collegio war.
  29. Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen,
    Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen,
    Dann in diesem schriftlichen Bericht
    behaupte und zeuge ich solches nicht.
  30. Und von seinem sonstigen Betragen
    Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen,
    Allein die christliche Liebe will,
    Daß ich davon schweige still.
  31. Uebrigens wünsch' ich ihm auf alle Weise
    Hiedurch eine glückliche Abreise,
    Und der gütige Himmel leite ihn
    Künftig zu allem Guten hin!
  32. Was man für große Augen gemachet,
    Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet,
    Als man den Inhalt fand dergestalt,
    Ein solches begreifet der Leser alsbald.
  33. Indeß ist es für diesmal geschehen,
    Daß man die Sache hat übersehen,
    Und man redete von dem Attest
    Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best'.
  34. Denn die Herren dachten weislich zurücke,
    Daß sie auch wol viele lustige Stücke
    Auf Academien getrieben vor dem;
    Man schritte also weiter ad rem.
  35. Der Herr Inspector machte den Anfang,
    Hustete viermal mit starkem Klang,
    Schnäuzte und räusperte auch viermal sich
    Und fragte, indem er den Bauch strich:
  36. Ich, als zeitlicher pro tempore Inspector,
    Und der hiesigen Geistlichkeit Director,
    Frage Sie: Quid sit Episcopus?
    Alsbald antwortete Hieronimus:
  37. Ein Bischof ist, wie ich denke,
    Ein sehr angenehmes Getränke
    Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft
    Und wärmet und stärket mit großer Kraft.
  38. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  39. Nun hub der Assessor an zu fragen:
    Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen,
    Wer die Apostel gewesen sind?
    Hieronimus antwortete geschwind:
  40. Apostel nennet man große Krüge,
    Darin gehet Wein und Bier zu G'nüge,
    Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus
    Trinken die durstigen Bursche daraus.
  41. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  42. Nun traf die Reihe den Herrn Krager
    Und er sprach: Herr Candidat! sag' Er,
    Wer war der heilige Augustin?
    Hieronimus antwortete kühn:
  43. Ich habe nie gehört oder gelesen,
    Daß ein andrer Augustin gewesen,
    Als der Universitätspedell Augustin,
    Er citirte mich oft zum Prorector hin.
  44. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  45. Nun folgte Herr Krisch ohn Verweilen
    Und fragte: Aus wie vielen Theilen
    Muß eine gute Predigt bestehn,
    Wenn sie nach Regeln sollte geschehn?
  46. Hieronimus, nachdem er sich eine Weile
    Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile,
    Den einen Theil Niemand verstehen kann,
    Den andern Theil aber verstehet man.
  47. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  48. Nun fragte Herr Beff der Linguiste:
    Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte,
    Was das hebräische Kübbuz sei?
    Und Hieronimus antwortete frei:
  49. Das Buch, genannt Sophiens Reisen
    Von Memel nach Sachsen, thut es weisen,
    Daß sie den mürrischen Kübbuz bekam,
    Weil die den reichen Puff früher nicht nahm.
  50. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  51. Nun kam auch an den Herrn Schreie,
    Den Hieronimus zu fragen die Reihe,
    Er fragte also: Wie mancherlei
    Die Gattung der Engel eigentlich sei?
  52. Hieronimus that die Antwort geben:
    Er kenne zwar nicht alle Engel eben,
    Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt
    Auf dem Schild an der Schenke, zum Engel genannt.
  53. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  54. Herr Plotz hat nun fortgefahren
    Zu fragen: Herr Candidate! wie viel waren
    Concilia oecumenica?
    Und Hieronimus antwortete da:
  55. Als ich auf der Universität studiret,
    Ward ich oft vor's Concilium citiret,
    Doch betraf solches Concilium nie
    Sachen aus der Oeconomie.
  56. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  57. Nun folgte Herr Keffer, der geistliche Herre,
    Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere,
    Sie betraf die Manichäer Ketzerei,
    Und was ihr Glaube gewesen sei?
  58. Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel
    Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel
    Vor meiner Abreise bezahlen noch,
    Ich habe sie aber geprellet doch.
  59. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  60. Die übrigen Fragen, welche man proponiret,
    Lasse ich hier aus Mangel des Raums unberühret;
    Denn sonst machte das Protocoll
    Wol mehr als sieben Bogen voll.
  61. Sintemal man noch vieles gefraget,
    Worauf Hieronimus die Antwort gesaget
    Auf obige Weise Stück vor Stück
    Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.
  62. Imgleichen sonst noch manche Sachen
    Aus der Kirchenhistoria und Sprachen,
    Und was man einen geistlichen Mann
    Sonst wo zur Prüfung noch fragen kann.
  63. Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses
    Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes;
    Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
    Drauf die andern secundum ordinem.
  64. Als nun die Prüfung zu Ende gekommen,
    Hat Hieronimus einen Abtritt genommen,
    Damit man die Sache nach Kirchenrecht
    In reife Ueberlegung nehmen möcht':
  65. Ob es mit gutem Gewissen zu rathen,
    Daß man in die Klasse der Candidaten
    Des heiligen Ministerii den
    Hieronimum aufnehmen könn'.
  66. Es ging also an ein Votiren,
    Doch ohne vieles Diputiren
    Ward man einig alsobald:
    Es könne zwar dermal und solchergestalt
  67. Herr Hieronimus es gar nicht verlangen,
    Den Candidaten-Orden zu empfangen,
    Jedoch aus besondrer Consideration
    Wollte man stille schweigen davon.
  68. Es hat auch wirklich in vielen Jahren
    Kein Fremder davon etwas erfahren,
    Sondern Jedermann hielt früh und spat
    Den Hieronimum für einen Candidat.
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