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Die Jobsiade

Carl Arnold Kortum: Die Jobsiade - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
titleDie Jobsiade
authorCarl Arnold Kortum
senderevangenns@tele2.at
correctorreuters@abc.de
created20060603
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Funfzehntes Kapitel

Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs auf vorgemeldeten Brief.
  1. Was hierauf des Vaters Antwort gewesen,
    Das soll man gleichermaßen nun lesen:
    Mein herzvielgeliebtester Sohn!
    Dein Schreiben hab' ich erhalten schon,
  2. Und deine Gesundheit und Wohlergehen
    Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen,
    Jedoch vergnügt es mich eben nicht,
    Daß dein Brief wieder von Geld spricht.
  3. Es sind noch nicht drei Monate vergangen,
    Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen,
    Fast weiß ich nicht, wo in der Welt
    Ich hernehmen soll alle das Geld.
  4. Ich höre gern auch, daß du studirest
    Und dich fleißig und ordentlich aufführest,
    Aber höchst ungern vernehme ich von dir,
    Daß du 30 Ducaten forderst von mir.
  5. Fast, mein Sohn! Sollte ich sagen und glauben,
    (Du wirst mir meine Anmerkung erlauben)
    Daß, wenn man auf der Universität
    Sparsam ist, nicht so viel nöthig hätt'.
  6. Zwaren ist es wol gewiß und sicher,
    Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher.
    Jedoch bekommt man für solche Summ'
    Manches Buch und Collegium.
  7. Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer
    Kann auch unmöglich sein so theuer,
    Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier
    Kaufst du für wenige Groschen g'nug dir.
  8. Ich vernehme es zwar auch sehr gerne,
    Daß du dich von böser Gesellschaft ferne
    Hält'st, und auf der Studirstube sitzst
    Und bei den geliebten Büchern schwitzst;
  9. Auch daneben nur Thee thust trinken:
    Indessen will's mir wahrscheinlich dünken,
    Daß, wenn man über den Büchern ruht
    Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.
  10. Wenn dich Andre einen Knicker schelten,
    So mag dir dieses gleich viel gelten;
    Doch, wer so viel Geld verschwendet als du,
    Dem kommt der Name Knicker nicht zu.
  11. Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest,
    So rathe ich, daß du fein dabei verbleibest,
    Damit das Geld und die edle Zeit
    Angewandt werde in Nützlichkeit.
  12. Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen
    Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen,
    Denn es trifft, leider! mannichmal ein,
    Daß große Gelehrte meist Narren sein.
  13. Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefallen,
    Drum übe dich fleißig darin vor allem;
    Aber, bei vieler Disputation
    Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!
  14. Wozu auch das Privatissimum nützet,
    Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet,
    Das begreif' ich um destoweniger wol,
    Da es 20 Reichsthaler kosten soll.
  15. Doch lasse ich's vor allen andern passiren:
    Denn das Geld, welches du zum Studiren
    Gebrauchest, gebe ich gerne her,
    Und wenn's auch noch dreimal so viel wär.
  16. Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen,
    So kannst du freilich einen neuen nicht missen;
    Jedoch das Tuch würde suprafein
    Für die verlangten zwölf Thaler sein.
  17. Wer aber zum Pfarrherrn will studiren,
    Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolziren;
    Drum wäre ein etwas gröberes Tuch
    Zum neuen Rocke dir gut genug.
  18. Auch für noch sonstige Kleidungsstücke
    Willst du, daß ich vier Louisd'or schicke,
    Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut,
    Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.
  19. Wenn ich aber solches allzumalen
    Posten für Posten sonders soll bezahlen,
    Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein!
    Die verlangten dreißig Ducaten sein?
  20. Ich habe es mit Mitleiden gelesen,
    Daß du jüngsthin todtkrank gewesen;
    Aber du hast nicht wol gethan,
    Daß du viele Arznei gewendet an.
  21. Denn ich habe oft und viel erfahren,
    Daß, besonders in den jüngeren Jahren,
    Die sich selbst überlaßne Natur
    Mehr wirkt, als die beste Mixtur.
  22. Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien,
    Sind fast theuer zum Verabscheuen,
    Und wie mir dünken sollte, so ist
    Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.
  23. Da auch eine Wärterin, wie ich gelesen,
    In der Krankheit bei dir ist gewesen;
    So reichte für diese Aufwärterin,
    Statt sieben, ein einziger Gulden hin;
  24. Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen,
    Liebesdienste andrer Art dir erwiesen,
    Denn, lieber Sohn! ich schließe dies
    Schier aus den sieben Gulden gewiß.
  25. Was auch nun den Conditor anlanget,
    Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget,
    So wäre gewesen ein Thaler genug,
    Und du warest gewißlich nicht klug.
  26. Denn Citronen, Confituren und Leckereien
    Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen,
    Aber ein Hafer- oder Gerstentrank
    Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.
  27. Es ist nicht gut, daß du bist gefallen
    Von der Treppe, drum sorge ja für allen,
    Daß du hinfüro nicht wieder fällst,
    Denn die Cur beträget viel Gelds.
  28. Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen,
    Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen,
    Heilt unser berühmter Stadtbalbier
    Einen Arm- oder Beinbruch schier.
  29. Doch freut's mich, daß dein Arm wieder curiret;
    Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel peroriret,
    So muß der Arm geschmeidig und fein
    Beim Klopfen und Gestusmachen sein.
  30. Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen
    Wegen deinem sehr schwachen Magen;
    Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz,
    Weil ich sehr öfters zu Rathe sitz.
  31. Indeß thut Burgunder mit Gewürzen
    Dich nur unnöthig in Kosten stürzen;
    Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein,
    Das soll sehr gut für den Magen sein.
  32. Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden
    Haben, zur Bezahlung einiger Schulden;
    Ich sinne nun hin, die Kreuz und die Queer,
    Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her?
  33. Du hast ja schon Alles specificiret
    Und Posten für Posten zum Höchsten aufgeführet,
    und vierzig Gulden, bei meiner Seel!
    Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.
  34. Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen
    Zu andern Ausgaben für dich herbei holen;
    Es wäre dir vielleicht zwar angenehm,
    Mir aber kommt's höchst unbequem.
  35. Denn mit den verlangten 30 Ducaten
    Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen,
    Dieses letztere Dutzend Louisd'or
    Kommt mir also als Ueberfluß vor.
  36. Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen
    Hättest du mich billig sollen verschonen,
    Denn, wahrlich! Der Ersatz schmerzet mir
    Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.
  37. Daß du übrigens zu meinem Trost willst verlangen,
    man solle den Dieb sans façon drum aufhangen,
    Dieses wäre gewiß gar nicht christlich,
    Vielleicht bessert der Anonymus einst noch sich.
  38. Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen:
    In unsern heutigen aufgeklärten Tagen
    Ist Gottlob! die heilige Justiz
    Nicht wie ehemals so scharf und spitz.
  39. Und um den Raub solcher Kleinigkeiten
    Braucht Keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten,
    Wenigstens in unserm klugen Schildburg
    Gehen viel größere Diebe frei und frank durch.
  40. Wenn du künftig Gelder willst aufsparen,
    So rathe ich, solche vorsicht'ger zu bewahren;
    Denn auf keinem Dinge in der Welt
    Wird so allgemein speculirt als auf Geld.
  41. Ich und deine Mutter verstehn es besser,
    Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser
    Und geben sowol bei Tag als bei Nacht
    Darauf sehr sorgfältig und ängstlich Acht.
  42. Doch, um deinen Geldmangel zu stillen,
    Will ich noch einmal dein Verlangen erfüllen,
    Und ich sende die Gelder mancherlei
    Im versiegelten leinenen Sacke hiebei.
  43. Jedoch muß ich dir hienebst andeuten,
    Es sind heur gar nahrlose Zeiten,
    Und es fällt mir wahrlich gar schwer,
    Alle Gelder zu nehmen woher.
  44. Mit dem Handel gibt's nur Kleinigkeiten,
    Denn es ist kein Geld unter den Leuten,
    Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab,
    Drum sind meine Einkünfte so knapp.
  45. Ich werde es also sehr gerne sehen,
    Wenn du von der Universität thust gehen,
    Zumalen da du, zu dieser Frist,
    Gewißlich schon ausgelernet bist.
  46. Denn wenn du noch länger alda bleibest
    Und das kostbare Studiren forttreibest,
    So werde ich noch zum armen Mann
    Und keine Gelder mehr schaffen kann.
  47. Wir werden dich hier mit großem Verlangen
    Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen,
    Besonders freut deine Mutter sich
    Auf deine Zuhausekunft inniglich.
  48. Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben,
    Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben;
    Ich bin indessen früh und spat
    Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.
  49. Da haben wir, in Pleno, thun dichten,
    Um verschiedene Aenderungen einzurichten,
    Damit in der hiesigen Polizei
    Alles fein sauber und ordentlich sei.
  50. Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden;
    Aber ein großer Wundarzt aus fremden Landen
    Vor einigen Tagen hier kam
    Und die bösen Zähne wegnahm.
  51. Deine Schwester Gertrud hat einen Freier,
    Es ist der Procurator Herr Geier,
    Die Sache ist schon gekommen sehr weit,
    Und die Gertrud ist schon ziemlich breit.
  52. Unser Herr Pfarrer ist immer kränklich,
    Man hält seinen Zustand für bedenklich,
    Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann,
    So würd'st du vielleicht unser Pfarrer dann.
  53. Unsers reichen Nachbars sein Lieschen
    Vermeldet dir ein herzliches Grüßchen,
    Das Mädchen wird wirklich artig und fein
    Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein.
  54. Endlich grüßen dich allesamt wieder
    Deine sämmtlichen Schwestern und Brüder,
    Sie freuen sich über dein Wohlergehn
    Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.
  55. Ich beharre übrigens
    Dein treuer Vater
    Hans Jobs, pro tempore Senater.
    N. S. Dein Schreiben mir zwar gefällt,
    Aber verschone mich weiter mit Geld.
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