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Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind

Eduard Duller: Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind - Kapitel 7
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authorEduard Duller
titleDie Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind
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Sechstes Kapitel.

Was hat Deutschland den Jesuiten zu verdanken?

Es ist schon erzählt worden, wie die Jesuiten in Bayern und Österreich und am Rhein feste Wohnsitze, große Macht und viele Ehren erlangt, und ihren Einfluß am Hof, beim Adel und im Volk eifrig und klug benutzt haben. Aber Bayern und Österreich und das Rheinland waren ihnen als Schauplätze ihrer Wirksamkeit nicht groß genug; über ganz Deutschland wollten sie durch die Wiederherstellung des Katholizismus, im Namen des Papstes und durch die Macht des Aberglaubens herrschen. Zu diesem Ziele führten zwei Wege, List und Gewalt; die religiösen Spaltungen der Protestanten, die Reibungen der Lutheraner und Kalvinisten, die Eifersucht der Fürsten erleichterten ihnen leider ihre Bemühungen, den Samen der Zwietracht zu säen. Unter allerlei Verkleidungen und falschen Namen schlichen sie sich an den Höfen protestantischer Fürsten ein, ebenso bei protestantischen Familien, sowohl vornehmen, als geringen Standes, und fingen ganz leise, ganz unmerklich ihre Bekehrungsversuche damit an, daß sie die Glaubensmeinungen, welche sie vorfanden, zum Schein annahmen, dann verlockten sie, wenn sie so das Vertrauen gewonnen hatten, durch ihre Künste die Protestanten allmählich ins dunkle Reich des Mystizismus hinein, und hatten sie es einmal so weit gebracht, dann fiel es ihnen nicht mehr schwer, den Verführten den römischen Katholizismus als Leitstern des Heils auf den nächtlichen Irrwegen zu zeigen. Hatten sie nun Protestanten in solcher Weise heimlich bekehrt, so erlaubten sie ihnen meistens (sowohl wegen ihrer Sicherheit, als auch, um im Stillen ihre Macht vergrößern zu können), daß sie, ohne eine Sünde zu begehen, den Anschein des Protestantismus öffentlich beibehalten, ja sogar die äußeren Formen des protestantischen Gottesdienstes wahren dürften; ja, sie bewiesen ihnen durch Trugschlüsse, daß eine solche notwendige Heuchelei durch den inneren Vorbehalt zu einer Tugend werde. In solchen deutschen Ländern aber, wo die Bevölkerung teils aus Katholiken, teils aus Protestanten bestand, entzündeten sie den Fanatismus der Ersteren, nicht bloß durch ihre gewöhnlichen Kunstgriffe, nämlich in der Beichte, auf der Kanzel und durch geistliche Übungen, sondern auch vor allem dadurch, daß sie allen Katholiken die Ehen mit Protestanten (die sogenannten »gemischten Ehen«) als eine Todsünde darstellten, durch welche sich der katholische Teil die ewige Verdammnis zuziehe. So zerstörten sie mit wahrhaft teuflischer Politik die heiligsten und unschuldigsten Ansprüche der Menschennatur, und untergruben zugleich die Sicherheit des Staates, indem sie zwei Grundsteine desselben, die Würde und Eintracht des Familienlebens, unterminierten. In jenen deutschen Ländern endlich, wo der Katholizismus die herrschende Religion war, führten sie ihren jesuitischen Aberglauben ein, bildeten ihn bis zum völligen Aberwitz, bis zur Abgötterei aus, und entnervten das darin befangene Volk, daß es für lange Zeiten unfähig ward, die Wahrheit zu fassen, genau wie jemand, der lange in einem dunklen Kerker gelegen, den plötzlichen Anblick des Lichtes nicht ertragen, die Füße kaum zum Fortschreiten regen kann und nach der Hand eines Führers greift. Der Aberglaube, welchen die Jesuiten verbreiteten, hatte aber auch noch eine fürchterliche Folge, nämlich die Unsittlichkeit; die Jesuiten selbst gaben das Beispiel derselben, und entschuldigten sie auch bei jenen Fürsten, welche sich von ihnen beherrschen ließen. Armes Vaterland! So standen Menschen, die kein Vaterland hatten und keines lieben konnten, mit Honig im Munde und mit Galle im Herzen, auf deinem Nacken, So war kein Fürst, kein Volk vor der List dieser Fremdlinge sicher, und leider auch so manches Volk vor seinem eignen Fürsten nicht! Und doch, o armes Vaterland, war das noch nicht alles, was du den Jesuiten zu verdanken haben solltest.

Sie suchten ihre Zwecke auch durch offene Gewalt durchzusetzen, und bauten dabei hauptsächlich auf das bayerische und auf das österreichische Herrscherhaus, welche ihnen unbedingt ergeben waren. Sie hatten sich in Tirol (zu Insbruck und Hall), in München (seit 1559), in Dillingen (seit 1563) und bald auch in Franken und Schwaben mit ihren Schulen festgesetzt, welche als neue Pflanzstätten der Gelehrsamkeit und als Pfeiler des alten Glaubens großes und immer größeres Ansehen bei den katholischen Fürsten gewannen und welchen die Jesuiten mit der ihnen eigenen energischen und ausdauernden Strebsamkeit immer weitere Kreise zu gewinnen suchten und leider auch gewannen. Unter der Regierung des edlen deutschen Kaisers Maximilian II. (von 1564 bis 1576) ward es ihnen schwer, ihre Pläne einer Gegenreformation auszuführen; denn Maximilian II. hielt mit Macht die religiöse Duldung aufrecht. Dagegen beherrschten sie Maximilians schwachen Sohn, Kaiser Rudolf II.; und als endlich 1619 der Erzherzog Ferdinand von Steiermark als Ferdinand II. deutscher Kaiser wurde, da begann ihre goldne Zeit, fürs Vaterland eine eiserne Zeit! Ferdinand II. und Maximilian von Bayern waren beide Jesuitenzöglinge, und hatten von ihren Lehrern schon in früher Jugend die entsetzlichen Grundsätze angenommen, »daß man sogenannten Ketzern keine Treue halten dürfe, daß jeder protestantische Untertan ein Rebell sei!« Leider befolgten sie auch diese Grundsätze. Maximilian von Bayern stellte sich 1609 an die Spitze der katholischen deutschen Fürsten, welche ein Bündnis, die sogenannte Liga, gegen die Protestanten schlossen. So wuchs der Glaubenshaß auf beiden Seiten; gerüstet, herausfordernd standen sich die Parteien gegenüber; dumpf und schwer zogen sich die Wetterwolken eines Religions- und Bürgerkrieges über Deutschland zusammen. Im Jahre 1618 kam dieser zum Ausbruch. Die protestantischen Stände Böhmens konnten nämlich nicht zu ihrem urkundlich verbrieften Recht in Religionssachen kommen und ergriffen deshalb die Selbsthilfe; sie stürzten, von Zorn entbrannt, die kaiserlichen Statthalter in Prag zu den Fenstern des Schlosses hinaus und vertrieben und verbannten die Jesuiten, als Feinde des Reiches, als Verletzer des Majestätsbriefes und Urheber alles Übels, aus Böhmen. Gleiches war in Mähren und Schlesien der Fall. Jene Gewalttat gab das Signal zum Dreißigjährigen Krieg. Das war den Jesuiten ein willkommener Anlaß, ihren Einfluß auf Maximilian von Bayern und Kaiser Ferdinand II. geltend zu machen, allen ihren Feinden keck die Stirne zu bieten, ihre Rachsucht endlich vollauf zu sättigen. Durch Maximilians von Bayern kräftige Unterstützung eroberte Kaiser Ferdinand II. in der Schlacht am weißen Berge bei Prag (1620) das Königreich Böhmen, nahm demselben die Religionsfreiheit und hielt ein fürchterliches Blutgericht über alle, welche die Waffen für die Rechte ihres Vaterlandes gegen ihn erhoben hatten. Auch führte er bald die Jesuiten im Triumph wieder ein, übergab ihnen die Universität zu Prag und schenkte ihnen einen großen Teil der Güter, welche den sogenannten »Rebellen«, d. h. denjenigen, welche ihn nicht als König anerkennen wollten, gehört hatten; ja er überließ ihnen sogar seine Kammergüter. Die Jesuiten aber schürten emsig den Religionseifer dieses Kaisers, welcher keine höhere Pflicht kannte, als: die »Ketzer« mit Feuer und Schwert auszutilgen, und welcher seinen Stolz darein setzte: »ein Sohn der Gesellschaft Jesu« zu heißen! Dreißig Jahre des Jammers haften dafür blutig auf seinem Andenken und auf dem Namen der Jesuiten. Aber der alte Gott verließ seine Deutschen nicht und rief aus dem fernen Schweden herab den frommen König Gustav Adolf zur Verteidigung der Glaubensfreiheit. Um diesen scharten sich nun alle deutschen Protestanten. Und als Gustav Adolf 1632 bei Lützen auf dem Plan siegreich gefallen war, lebte sein Geist noch fort, schritt den Protestanten voran in die Schlachten und rief ihnen unterm Donner der Geschütze zu: »Eine feste Burg ist unser Gott!« So kam es, daß die Jesuiten in aller ihrer Siegeshoffnung, in allem ihrem Übermut dennoch von ihrem stolzen Plan ablassen mußten, über ganz Deutschland zu herrschen; und sie konnten nicht über die Länder hinaus, welche sie zu ihren festen Bollwerken gemacht hatten. Als endlich der dreißigjährige Krieg 1648 durch den westfälischen Frieden beendigt wurde, verfluchte der Papst Innozenz X. dies Friedenswerk und die Jesuiten eiferten mit gleicher Wut dagegen. Warum? Weil die Protestanten den Katholiken in den Verhältnissen des Reiches gleichgestellt waren.

Aber ein Jesuit steht verehrungswürdig und allen deutschen Herzen unvergeßlich da, mitten in jener Zeit des Krieges, der Greuel und der blutigen Unduldsamkeit. Dieser Jesuit hieß Friedrich Spee (geboren 1595 zu Kaiserswert im Kölnischen, gestorben zu Trier 1635). Friedrich Spee (ein Mann von echter Gottesfurcht, auch als Dichter in deutscher Sprache, einzig in jener Zeit), Spee war der erste, welcher durch seine Schrift: »cautio criminalis« (1631) den finsteren Wahn des Hexenwesens bekämpfte, einen Aberglauben, welcher, von schlauen Priestern und feilen Richtern unterhalten, die Köpfe des gemeinen Volks wie eine Pest angesteckt und die gerichtliche Ermordung vieler tausend unschuldiger Schlachtopfer zur Folge gehabt hatte. Das Wahnsinnige und Gotteslästerliche dieses Aberglaubens zu beweisen, dazu gehörte damals ein hoher Mut; denn wer das tat, der setzte sich der Gefahr aus, als Mitschuldiger selbst verbrannt zu werden. Friedrich Spee brach durch sein Buch der gesunden Vernunft in Deutschland die Bahn, auf welcher ihm der ausgezeichnete Gelehrte Thomasius (geboren 1655, gestorben 1728). und mehrere andere erleuchtete Männer rüstig nachgefolgt sind Das Verdienst des Menschenfreundes Friedrich Spee hatte für Deutschland größeren Wert als alle Werke seiner Ordensbrüder; wahrlich: es war in der Tat »zur größeren Ehre Gottes«; denn es war eine Ehrenrettung der Menschenwürde.

Übrigens ruhten die Jesuiten in Deutschland auch nach dem Abschluß des westfälischen Friedens noch immer nicht. So machten sie in den zwanziger und dreißiger Jahren des 18ten Jahrhunderts die Spione und Henker gegen die Protestanten im Salzburgischen. Da geschahen auf ihr Anstiften entsetzliche Greueltaten. Kinder von ihren Eltern weggerissen, Gatten getrennt, Mann und Weib, Kind und Greis gefoltert, ermordet, – weil sie den katholischen Glauben nicht für den alleinseligmachenden halten wollten; – das war Jesuitenwerk. Damals sind zahllose fleißige und sittsame Protestanten aus Salzburg ausgewandert; Schweden, die Niederlande und besonders Preußen haben die Verfolgten mit Liebe und Freude aufgenommen. Welche nachteilige Wirkungen für die Protestanten der Einfluß der Jesuiten selbst noch im Jahre 1752 unter der edlen Kaiserin Maria Theresia hatte, das empfand man besonders schmerzhaft in Kärnten, in Steiermark und Oberösterreich; so verordnete z. B. ein Patent für Kärnten vom 18. Oktober 1752 geistliche Missionen zur Ausrottung des Irrglaubens, und starb ein Bauer, so sollten seiner Witwe, wenn sie nicht im besten Rufe der Rechtgläubigkeit stand, die unmündigen Kinder genommen und an unverdächtige Orte gebracht werden; die Protestanten in Kärnten, Steiermark und Oberösterreich wurden der Religion halber mit Gefängnis, Leibesstrafe, Schlägen, Enteignung aller Gütern, Beraubung von Kindern und Gatten gequält, und ihnen weder der Privatgottesdienst noch das Auswanderungsrecht gestattet. Doch nicht überall in Deutschland konnten die Jesuiten mit so offener Gewalt übel hausen. Um so eifriger und gefährlicher waren sie dafür fort und fort im Geheimen bemüht, ihre sogenannten Bekehrungen fortzusetzen, den Haß zwischen Katholiken und Protestanten zu schüren und in katholischen deutschen Ländern, besonders in Bayern und Österreich, wo sie freiere Hand hatten, die Stimme der Wahrheit, die Aufklärung des Volkes, den Fortschritt des Geistes zu hindern und zu unterdrücken. Vornehmlich aber wirkten sie auch in den katholischen Teilen der Schweiz und hielten die Enkel jener kühnen Männer, welche einst die Freiheit mit Gut und Blut so herrlich verteidigt hatten, in geistiger Knechtschaft und verdummten das heldenhafte Volk, daß es eine Schande war.

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