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Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind

Eduard Duller: Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind - Kapitel 5
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authorEduard Duller
titleDie Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind
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Viertes Kapitel.

Wie die Jesuiten nach vielen Kämpfen in Frankreich die Herrschaft errungen und verderblich mißbraucht haben.

Das Königreich Frankreich befand sich seit der Zeit, als die Reformation darin verbreitet worden, in Verwirrung, Bürgerkrieg und Elend. Aber daran war nicht die Reformation schuld, sondern die Herrschsucht zweier mächtiger Parteien, welche die Religion zum Vorwand nahmen. Eine Partei, die der Herzöge von Guise, entflammte den Glaubenseifer der Katholiken gegen die Reformierten, welche in Frankreich »Hugenotten« hießen. Diese wurden, aus blinder, fanatischer Raserei, mit unmenschlicher Grausamkeit verfolgt und sollten mit Feuer und Schwert ausgerottet werden. Aber gerade diese Unterdrückung erhöhte nur den Mut und die Standhaftigkeit der Hugenotten. Eine andre Partei, die des Hauses Bourbon (welches eine Seitenlinie des damals herrschenden französischen Königshauses Valois war) schloß sich nun an die verfolgten Hugenotten an. Der König Karl IX. war damals noch ein Knabe und seine ränkevolle und herrschsüchtige Mutter, Katharina von Medici, welche die Regentschaft führte, wollte eine Partei durch die andere in Schach halten. Als der kluge Jakob Lainez, welcher damals General des Jesuitenordens war, diese Lage der Dinge in Frankreich überblickte, dachte er: »Das ist der günstige Zeitpunkt, um dem Orden in Frankreich endlich Eingang zu verschaffen; denn die katholische Partei kann ihn brauchen.« Obwohl nun der königliche Hof den Orden begünstigte, so widersetzten sich demselben doch fortwährend die französische katholische Geistlichkeit, eifersüchtig auf dessen ungeheure Vorrechte, und das Parlament. Da ward im Jahre 1561 zu Poissi ein Religionsgespräch gehalten, um zwischen Katholiken und Hugenotten Eintracht zu erreichen. Zu diesem Gespräch kam auch Lainez, welcher auf Befehl des Papstes den Kardinal von Ferrara begleitete, und bewirkte nicht nur, durch seine Klugheit und seine dialektische Gewandtheit, gegen welch die gelehrten Stimmführer der Hugenotten nicht aufzukommen vermochten, daß das Religionsgespräch abgebrochen wurde, sondern auch durch seine sonstigen Bemühungen die Aufnahme des Jesuitenordens in Frankreich; jedoch unter der Bedingung, daß derselbe dort auf die Ausübung der päpstlichen Privilegien verzichtete und sich der bischöflichen Gerichtsbarkeit unterwerfen mußte. Der Orden versprach dies, aber freilich mit dem jesuitischen »inneren Vorbehalt«, sein Versprechen nicht zu halten. Und bald danach wurden zu Avignon, Rhodes, Moriac, Lyon und an anderen Orten Jesuitenschulen gestiftet, und Lehrer mit glänzenden Talenten traten hervor; auch erbauten sich die Väter von der Gesellschaft Jesu ein großes Kollegium in Paris, eröffneten ihre Schulen und wollten nun auch die Universität unter ihren Einfluß bringen. Diese aber wehrte sich mutig für ihre Selbstständigkeit. Es kam zu einem Prozess zwischen der Universität und den Jesuiten. Da bestachen diese wohl manchen Advokaten; aber einen Mann von großen Geistesgaben und edlem Mut konnten sie doch nicht unschädlich machen. Er hieß Stephan Pasquier. Vor den Schranken des Parlaments enthüllte er das System des Ordens, und sprach dazu: »Wo Jesuiten geduldet werden, da kann kein Fürst und Potentat sich gegen ihre Angriffe sichern. Duldet ihr sie, so werdet ihr nur allzuspät und mit bitterer Reue erkennen, daß ihre Ränke nicht bloß die Ruhe Frankreichs, sondern auch die der ganzen Welt stören werden.« In gleichem Sinne sprach auch der Generaladvokat du Mesnil, und gegen die überzeugende Sprache der Wahrheit, welche diese beiden scharfsinnigen und ehrenhaften Männer führten, konnten die Jesuiten nicht aufkommen. Da bat der stolze Ordensgeneral den Papst kniefällig um seinen Schutz gegen die Universität Paris, und dieser empfahl die Sache des Ordens dringend dem Bischof von Paris, während der Jesuit Possevin den Hof dafür bearbeitete. Die Folge davon war, daß der Prozeß nicht entschieden wurde und daß die Jesuiten die Erlaubnis bekamen, öffentlich zu lehren.

Bald entbrannten in Frankreich die schauderhaftesten Bürgerkriege im Namen der Religion; die katholischen Machthaber schändeten ihren Glauben und sich selbst durch die unerhörtesten Treulosigkeiten und durch eine beispiellose Blutgier. In der Nacht vor dem Bartholomäustag 1572 erging zu Paris auf Befehl der Königin Katharina von Medici über die Hugenotten jenes scheußliche Gemetzel, welches in der Geschichte unter dem Namen der »Pariser Bluthochzeit« bekannt ist. Es ist entsetzlich, wenn man denkt, daß diese verruchte Frau den Fanatismus des Pöbels benutzte und noch heißer entzündete, lediglich um ihre Selbstherrschaft zu befestigen; denn weil sie sah, daß die Hugenotten den König, ihren Sohn, gewannen und daß somit ihr Ansehen in Gefahr stand, vollbrachte sie das blutige Werk, und die Religion wurde als Deckmantel der Intrige und der persönlichen Leidenschaften mißbraucht. Da wurden in Paris und in den Provinzen hunderttausend Christen ermordet, weil sie keine Katholiken waren, und in Rom und Madrid feierte man Freudenfeste über das Gelingen dieses blutigen Frevels! – Karl IX. starb 1574 und sein Bruder Heinrich III. bestieg den Thron, ein leichtsinniger, wollüstiger, erbärmlicher Fürst, unter dessen Regierung der Kampf der Parteien und der Bürgerkrieg fortdauerte. Der Hof mußte sich endlich (1576) entschließen, den Hugenotten in einem Vertrage große Zugeständnisse zu erteilen. Darüber waren jedoch alle fanatische Katholiken, die Guisen an ihrer Spitze, sehr erbittert, und schlossen einen Bund für die Erhaltung des römischen Katholizismus; dieser Bund hieß die heilige Liga und hatte insgeheim auch noch den Sturz des französischen Königshauses zum Ziel; König Philipp II. von Spanien, den es nach dem Besitze Frankreichs gelüstete, nahm daran teil und die Jesuiten waren dabei die eifrigsten Agenten im spanischen Interesse. Heinrich III. wurde durch einen fanatischen jungen Mönch Jakob Clement 1589 ermordet, und die Jesuiten priesen dies Verbrechen laut als ein göttliches Wunder; der Papst aber erklärte damals im Konsistorium, daß sich dadurch der Wille Gottes erkennen lasse. Nun bestieg Heinrich von Bearn von der Bourbonischen Linie, König von Navarra, unter dem Namen Heinrich IV. den französischen Thron, einer der edelsten Fürsten, welche denselben je geziert haben, tapfer, großmütig, klug, aufgeklärt, ein Freund und Liebling des Volkes. Um so verhaßter war er der Liga, dem spanischen Hofe und den Jesuiten, welche fortwährend die Krone Frankreichs an Spanien bringen wollten. Zu diesem staatsverbrecherischen Zwecke versuchten sie alle möglichen Umtriebe, reizten in den Beichtstühlen das Volk zur Empörung und verführten einen ihrer Schüler, den jungen Johann Chatel, zum Königsmord, indem sie ihm denselben als das einzige Gott gefällige Werk vorstellten, wodurch er seine Seele von ewiger Verdammnis erretten könne. Der Jesuitenschüler stach (1594) dem König nach der Kehle, traf ihn aber in die Lippe, so daß derselbe gerettet ward. In der peinlichen Untersuchung, welche mit dem Mörder vorgenommen wurde, ergaben sich nun alle Ränke der Jesuiten, und sie wurden durch einen Parlamentsbeschluß, als Staatsfeinde und Verführer der Jugend, aus Frankreich verbannt, Chatel von Pferden zerrissen, der Rektor des Kollegiums zu Paris gehängt und verbrannt. Aber dem Verbannungsurteil zum Trotze blieben die Jesuiten in Frankreich, zum Teil von der liguistischen Partei offen geschützt, zum Teil in angeblich weltlichem Stande, und schmiedeten ihre Ränke wie vor und eh. Und es dauerte auch nicht lange, so versprach ihnen Heinrich IV. (1603), auf ständiges Drängen des Papstes, und weil er wohl auch befürchtete, sie möchten, wenn er sie zu Feinden habe, neue Bürgerkriege entzünden, daß sie sich wieder in Frankreich aufhalten durften. Vergeblich warnten den König seine treuen Freunde und das Parlament vor ihren staatsgefährlichen Grundsätzen; Heinrich IV. hielt sein Wort, und so wurden die Jesuiten 1604 in Frankreich wieder aufgenommen.

Kaum waren sie so geduldet, so suchten sie auch schon zu herrschen. Der Jesuit Pater Cotton wurde des Königs Beichtvater und gab sich alle mögliche Mühe, dessen treuen Freund und mächtigen Minister, den Herzog von Sully, einen großen und edlen Staatsmann, durch Verleumdungen zu verdächtigen und zu stürzen. Die Jesuiten gewannen durch die Königin (eine bigotte Italienerin) Einfluß am Hofe und beim hohen Adel, bemächtigten sich ferner des Jugendunterrichts und wollten auch die Universität Paris an sich bringen. Während nun der König sie begünstigte (denn es war sein Grundsatz, seine Feinde durch Wohltaten in Freunde zu verwandeln), haßten sie ihn unversöhnlich. Und zwar aus folgenden Gründen: erstens, weil er 1589 durch das Edikt von Nantes allen Reformierten in Frankreich Gewissensfreiheit und volle staatsbürgerliche Rechte zugesichert hatte, und sodann, weil sie wußten, daß Heinrich IV. den kühnen Plan gefaßt hatte, das Übergewicht der spanischen und österreichischen Macht zu brechen und durch die Aufteilung Europas in lauter gleich mächtige Staaten ein vollkommenes Gleichgewicht herzustellen, und die Protestanten in Deutschland zu unterstützen. Dadurch war die Weltherrschaft des Jesuitenstaates bedroht. Doch Heinrich kam nicht dazu, jenen Plan ins Werk zu setzen. Er fand den Tod, wenn auch nicht durch unmittelbare Anstiftung der Jesuiten, aber um so gewisser in Folge der verbrecherischen Grundsätze, welche sie in ihren Beichtstühlen, auf den Kanzeln, durch ihre Schriften im Volke verbreiteten, und wodurch sie insbesondere die Jugend verführten. So wurde damals in Frankreich ein Buch des spanischen Jesuiten Mariana verbreitet, worin die Lehre aufgestellt und bewiesen war, daß jeder rechtmäßige König, sobald er die Religion oder die Staatsgesetze umstößt, vogelfrei sei, und durch offene Volkserhebung, sowie durch die Hand jedes Einzelnen, durch Dolch oder Gift, aus dem Wege geräumt werden dürfe. Von solchen Grundsätzen betört, glaubte ein fanatischer Mönch, Franz Ravaillac, ein gottgefälliges Werk zu vollbringen, wenn er den König als Freund der Ketzer ermordete. Er lauerte (1610) Heinrich IV. auf offener Straße auf und durchbohrte ihn mit zwei Dolchstichen, daß er den Geist aufgab. Ravaillac ließ sich nach der blutigen Tat ohne Widerstand ergreifen; er wurde mit glühenden Zangen gezwickt und von Pferden zerrissen.

Laut erhob sich nun der Unwille des Volkes gegen die Jesuiten, die man der Mitwissenschaft an dem Königsmord beschuldigte; aber die verwitwete Königin und der Hof nahmen dieselben in Schutz. Bald überwanden sie nun den letzten Widerstand der französischen Geistlichkeit und Universität Paris, erwirkten sich 1618 die Erlaubnis, alle Wissenschaften öffentlich zu lehren, und verbanden sich während der Minderjährigkeit des Königs Ludwig XIII. mit den Ministern zur völligen Unterdrückung der Religions- und bürgerlichen Freiheit in Frankreich.

Als aber in der Folge der Kardinal Richelieu, einer der größten Staatsmänner, den Plan Heinrichs IV. wieder aufnahm und die Übermacht Spaniens und Österreichs durch seine Politik aufzulösen versuchte, um Frankreich nach außen eben so groß zu machen, als er es innerlich zu befestigen trachtete, da erhoben sich die Jesuiten im ganzen Stolz ihrer Macht und verkündigten in verschiedenen Schriften laut jene staatsgefährlichen Grundsätze, daß die geistliche Macht über aller weltlichen stehe, diese letztere an die Könige gleichsam nur verleihe und sie denselben ebenso wieder entziehen dürfe. Diese Lehre mit allen ihren Folgerungen von Erlaubnis der Empörung und des Fürstenmordes entwickelten die Jesuiten Santarell, Busenbaum, Escobar und mehre andre. Das Gefährlichste dabei war, daß sie sich auf die ursprünglichen, ewigen Rechte der Völker beriefen, und denselben den heiligen Begriff der Freiheit verfälschten, ja diese letztere selbst durch eine so blutige und verbrecherische Auslegung in Verruf brachten. Und doch verteidigten sie eben so eifrig und spitzfindig auch die Tyrannei in allen jenen Ländern, wo sie von derselben Vorteile hatten. Da sie selbst kein Vaterland hatten, so suchten sie in Frankreich (wie überall) die Nationalität zu vernichten, sobald diese ihrem Egoismus im Wege stand. Sie hatten deshalb große Anfechtungen von seiten manches rechtschaffenen Mannes zu bestehen; aber klug und gewandt, wie sie waren, und gestützt auf ihre Sittenlehre, welche ihnen jede Zweideutigkeit, jede Lüge, jeden Meineid erlaubte, reinigten sie sich von allen Vorwürfen, trugen den Sieg davon und befestigten sich immer mehr, sowohl in ihrer Stellung am Hofe, als auch in ihrem Einfluß auf das Volk.

Eine theologische Streitigkeit gab ihnen einen willkommenen Anlaß, ihre Macht noch mehr zu befestigen und auszubreiten. Ein spanischer Jesuit, Namens Ludwig Molina (der in Madrid im Jahre 1600 gestorben war), hatte im Jahre 1588 ein Buch geschrieben, betitelt: »concordia divinae gratiae et liberi arbitrii« (d. i. Übereinstimmung der göttlichen Gnade und des freien Willens). Darin hatte er folgende Behauptung aufgestellt: »Die Auserwählten seien von Gott zur ewigen Seligkeit vorher bestimmt und zwar wegen ihrer Verdienste; die göttliche Gnade, durch welche sie ihre Verdienste sammeln, sei bloß dadurch wirksam, daß sie ihr nicht widerstünden und Gott erteile sie ihnen in jenen Umständen, in welchen er die Einwilligung ihres freien Willens voraussehe.« Dies System, welches nach seinem Urheber der »Molinismus« genannt wurde, hatte zahllose Streitigkeiten veranlaßt und fast alle rechtgläubigen Gottesgelehrten hatten es für Ketzerei erklärt. Da aber Molina ein Jesuit war, so nahm sich der ganze Orden seiner mit Macht an; denn dieser wollte nicht zugeben, daß auch nur ein einziges Mitglied ketzerische Meinungen haben könnte; ja der Orden verteidigte den Molinismus sogar gegen den Papst. Dennoch wollte dieser den Molinismus verdammen, und war schon im Begriff, sein Urteil auszusprechen, als ihm die Jesuiten gerade einen wichtigen Dienst leisteten; aus Klugheit unterdrückte er nun (1611) sein Verdammungsurteil.

Aber bald hatten die Jesuiten von zwei Seiten her höchst gefährliche Angriffe zu bestehen. Der grundgelehrte Bischof von Ypern in Holland, Kornelius Jansen, hatte ein Buch unter dem Titel: »Augustinus« geschrieben, welches nach seinem Tode im Jahre 1640 im Druck erschien. Darin war die Lehre aufgestellt, »daß der menschliche Wille durch die irdische Lust gefesselt sei, aber in diesem Zustand der Unfreiheit durch Gottes Gnade zum Wohlgefallen am Guten herangezogen werde; das Gute aber und die Wahrheit sei Gott selbst und daher sei die Tugend Gottesliebe.« Zur selben Zeit wirkte Jansens Freund, der fromme du Verger, Abt zu St. Cyran, durch Predigten gar mächtig für die Verbesserung der durch die Jesuiten so furchtbar verdorbenen Sittenzucht, und als er 1643 gestorben war, fuhren seine zahlreichen Schüler, welche in dem ehemaligen Kloster Port-Royal bei Paris ihren Versammlungsort hatten, rüstig fort, durch Jugendunterricht und geistreiche Schriften zu wirken; sie griffen nicht bloß die jesuitischen Grundsätze an und deckten sie auf, sondern bekämpften auch die Anmaßungen des römischen Hofes. Unter jenen Männern, welche die sogenannte »Schule von Port-Royal« bildeten, zeichneten sich besonders Arnauld d'Andilly und Blasius Pascal aus, zwei der edelsten Vorkämpfer für Wahrheit und Aufklärung in Frankreich. Der Jesuitenorden erkannte mit stillem Grimm den ganzen Umfang der drohenden Gefahr; er bewirkte 1653 vom päpstlichen Stuhle das Verbot des von Jansen herausgegebenen Buches, als eines ketzerischen, obwohl die Anhänger Jansens, die sogenannten »Jansenisten« bewiesen, daß die als ketzerisch bezeichneten Stellen in dem Buche gar nicht standen und daß dieses überhaupt verboten worden sei, ohne daß man es vorher gelesen habe. Daraus entstand nun ein heftiger Streit über die Frage: »ob der Papst nicht bloß in seinen Aussprüchen über Rechtssachen unfehlbar sei, sondern ob man ihn auch für unfehlbar halten müsse bei Behauptung von Tatsachen, von denen doch das Gegenteil erwiesen sei.« Da sieht nun wohl jedermann ein, daß dies ein Unsinn ist. Aber die Jesuiten wollten, daß die ganze Welt das unbedingt glauben müsse, was der Papst aussprach, gleichviel, ob es Unsinn sei oder nicht. Denn nur durch unbedingten Glauben war ja jener unbedingte Gehorsam möglich, den sie nötig hatten, um unter dem Vorwand, die päpstliche Macht zu beschützen, selbst herrschen zu können. Und wirklich brachten sie es dahin, daß alle Diener der Kirche in Frankreich einen eignen Revers ausstellen mußten, dem zufolge dieselben Jansens Sätze verdammten. Der schändlichste Hohn des Despotismus über alle Freiheit und gesunde Vernunft! Aber kurz und gut: wer diesen Revers nicht unterschrieb, wurde eingesperrt oder durfte noch von Glück sagen, wenn er aus Frankreich flüchten konnte, denn die Jesuiten hatten dort die Regierung ganz und gar in ihrer Gewalt, und jedermann, welchen sie sonst aus Privatrücksichten haßten, unterlag nun unter dem bloßen Vorwand, »er sei ein Jansenist«, den grausamsten Verfolgungen. Die meisten Laien kannten all die theologischen Spitzfindigkeiten nicht und glaubten das alles auf ein Haar, was ihnen die Jesuiten einredeten. Ist das nicht schrecklich, daß der Mensch bis zu einem solchen Grade von Dummheit und geistiger Knechtschaft sinken kann?

Aber eben diese Erniedrigung ist auch der Fluch der Tyrannei. Das Königtum in Frankreich war nämlich zur schändlichsten Despotie über die Untertanen ausgeartet, und die Jesuiten, die am liebsten über Sklaven herrschten, begünstigten diese Despotie. Aber ebenso herrschten sie wieder über den Despoten selbst. Und warum konnten sie das? Weil am Hofe keine Spur von Sittlichkeit mehr war (eine Folge der Tyrannei; denn wer keine Beschränkung hat, hält alles für erlaubt). Weil aber das Königtum und der Adel ganz und gar in den Pfuhl der Unsittlichkeit und durch diese moralische Schwäche auch in geistige und physische versunken waren, so schnappten König und Hof, im Gefühle ihrer Schlechtigkeit, wie der Fisch nach dem Wasser, nach göttlichem Erbarmen. Da waren nun die Jesuiten, welche dasselbe wie Schatzmeister verteilten. Aber wie? Nur gegen den Tribut der Abhängigkeit von der geistlichen Gewalt. Deshalb zogen nun die schlauen Jesuiten selbst König und Hof geflissentlich immer tiefer in die moralische Verworfenheit hinab und machten gemeinsame Sache mit den Mätressen, um dann die schwachen, trostlosen Machthaber umso sicherer in ihren Netzen zu haben und denselben in den Stunden der Gewissensbisse oder Verzweiflung alles Mögliche zum Vorteil des Ordens abzupressen. So stellt sich das jämmerliche, aber gerechte Schauspiel dar, wie jene Machthaber, welche die Menschenwürde an ihren Untertanen für gar nichts achteten, und diese gerade wie Sklaven behandelten, selbst wieder zu den verächtlichsten Sklaven des Jesuitenordens wurden. Damals herrschte über Frankreich König Ludwig XIV., welcher von seinen Schmeichlern der »Große«, sowie sein Zeitalter »das goldene« genannt wurde. Die größten Talente waren an seinem Hofe und in seinen Feldlagern versammelt, und wetteiferten, den Ruhm dieses Despoten zu verherrlichen, während er selbst, in all seinem Glanz, in aller feiner Üppigkeit, nur ein Werkzeug war, welches der Orden durch seine Beichtväter nach Gefallen lenkte. Die Folgen dieser Jesuitenherrschaft für Frankreich waren entsetzlich. Der Pater Lachaise beredete sein königliches Beichtkind Ludwig XIV., in Verbindung mit der alles über ihn vermögenden Frau von Maintenon, zur völligen Ausrottung des Protestantismus. Anfänglich ließ der König jedem Hugenotten, welcher sich zur katholischen Religion bekehrte, Geld auszahlen, bald aber verfuhr man gewaltsam, und Louvois, der Günstling des Königs, ließ, um diesem zu gefallen, die Hugenotten durch Dragoner zur Bekehrung bringen. Die Intendanten in den Provinzen wetteiferten bald in Grausamkeiten gegen die Hugenotten. Mit Bajonetten und Pistolen wurden diese zur Messe getrieben, Kinder ihren Eltern entrissen, Frauen, welche den reformierten Glauben nicht abschwören wollten, geschändet, die reformierten Geistlichen und jene Neubekehrten, welche den aufgezwungenen katholischen Glauben wieder abschüttelten, gefoltert und hingerichtet. Es schien, als ob ganz Frankreich nur aus zwei großen Parteien bestünde, aus Henkern und aus Schlachtopfern. Und um dem scheußlichen Werk die Krone aufzusetzen, hob Ludwig XIV., von seinem Beichtvater und von Louvois dazu beredet, 1685 das Edikt von Nantes auf, Heinrichs IV. schönstes Denkmal. Er glaubte irrtümlich, von seinem Beichtvater und seinen Günstlingen betrogen, die reformierte Religion sei bereits völlig erstickt, und behandelte die vermeintlich nur noch wenigen Reformierten wie Rebellen, denen bei den schwersten Strafen sogar der letzte Trost versagt ward, auszuwandern aus ihrem Vaterland, aus welchem der verworfene Hof selbst Tugend, Treue und Redlichkeit verbannt hatte. Aber Verzweiflung gab den Unglücklichen Kraft und List, und über 50,000 reformierte Familien flohen glücklich aus Frankreich nach England, Holland und zu den protestantischen Fürsten Deutschlands, und brachten ihre Reichtümer, ihren Gewerbefleiß, ihre Kunstfertigkeiten mit ins Ausland; viele Tausend andre wurden in Frankreich durch Dragoner und Henker gemordet. So war nun Frankreich entvölkert, sein Wohlstand gesunken, sein Handel geschwächt, sein Heer vermindert, der Hof verworfen. Und wem hatte es dies alles zu danken? Den Jesuiten! Nach dem Tode des Paters Lachaise wurde wieder ein Jesuit, der Pater Le Tellier, Ludwigs XIV. Beichtvater. Dieser übertraf noch seinen Vorgänger an Hochmut, Herrschsucht und Ränken, und regte den alten Kampf gegen die Jansenisten wieder an. Ein würdiger Priester, namens Quesnel, hatte moralische Betrachtungen über das neue Testament herausgegeben, welches Buch von allen Bischöfen und Pfarrern, selbst vom Papst gutgeheißen und zwanzig Jahre lang überall mit großem Nutzen verbreitet worden war. Aber in den Augen der Jesuiten hatte es einen großen Fehler, es enthielt nämlich die Grundsätze Jansens, also solche, welche, den »Molinismus« schnurstracks entgegenstanden. Das war schon genug, um ihnen Quesnels Buch verhaßt zu machen. Ein persönlicher Groll Le Telliers gegen den Erzbischof von Paris, den Herrn von Noailles, welcher jenes Buch ebenfalls gut geheißen hatte, trieb die Sache zum Ausbruch. Le Tellier brachte den ganzen Orden und selbst den Papst in Bewegung gegen die Jansenisten, bis endlich der Papst Clemens XI. Quesnels Buch im Jahre 1713 durch eine eigene Bulle, welche mit den Worten »Unigenitus des filius« anfängt, feierlich verdammte. Die ganze französische Geistlichkeit erschrak, als diese Bulle erschien, weil darin ihre Freiheiten zugunsten der Jesuiten und des Papsttums angetastet waren. Ebenso war auch das Königtum dadurch gefährdet; doch der Hof, blind für die Jesuiten eingenommen, freute sich noch darüber. Die Jesuiten ließen laut ihren Jubel erschallen und benutzten ihren Triumph über den Jansenismus und allen Zuwachs ihrer Macht, um ihre Rachsucht gegen ihre Feinde vollkommen zu befriedigen. In dieser Zeit (1715) starb König Ludwig XIV. Schon drei Jahre vor seinem Tode hatte er aus Gewissensangst drei Gelübde des Jesuitenordens abgelegt, um durch dessen Gnade bei Gott die Seligkeit zu erlangen; auf dem Totenbett legte er nun auch das vierte Ordensgelübde ab, – dieser sogenannte »große« König! Solche Augenblicke sind es, in welchen der freie Mann, auch wenn er ein Bettler ist, sich wohl größer fühlen muß, als die Herrn der Erde, die im Begriff vor Gott zu treten nicht Mut genug haben, ihm Rede zu stehen für das, was sie auf Erden getan.

Nach Ludwigs XIV. Tode führte der Herzog von Orleans die Regentschaft, weil Ludwig XV. noch minderjährig war. Der Herzog von Orleans zeigte sich den Jesuiten abhold und der Pater Le Tellier mußte den Hof verlassen. Gleichwohl verzagten die Jesuiten nicht, sondern wirkten im Stillen mächtig fort und brachten es endlich dahin, daß die päpstliche Bulle »Unigenitus« im Jahre 1720 in Frankreich angenommen werden mußte. So errangen sie den Sieg über die Jansenisten. Aber, so sicher und unangreifbar sie sich auch jetzt in ihrer Stellung wähnten, so hatten sie doch bereits eine mächtige Feindin, welche gerade durch ihre Streitigkeiten stark geworden war, nämlich die öffentlich Meinung. Das Nationalbewußtsein, welches eine Tyrannei nie für ewig ungestraft mißhandeln darf, fing an zu erwachen, und die tüchtigsten Geister Frankreichs lösten unermüdlich einen Knoten nach dem andern in dem ungeheuren Netz der Jesuitenherrschaft. Der stolze Orden, welcher durch sein Glück sicher und übermütig geworden war, merkte das nicht oder verachtete die Anzeichen seines Verfalls. Es ist zum Heil der Völker, daß die Tyrannei selbst die Tyrannen verblendet und entnervt.

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